Informationen des Thüringer Pfarrvereins e.V. Oktober - Dezember 2014

 

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Neues aus dem Thüringer Pfarrverein

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Thüringer Pfarrverein Oktober / November / Dezember 2014 Oktober - Dezember 2014 Nr. 4 | 4. Jahrgang 2014 3 Editorial 5 20 Jahre Partnerschaftsarbeit mit der Slowakei 10 Jahresbericht des Vorstandsvorsitzenden 20 Mitmachaktion 365 x Bild und Bibel 22 Stellungnahme des GAW zur Verfassung der EKM Mitgliederumfrage - bitte beachten ! 33 Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing?! - Vortrag von Werner Siebert 49 Geburtstage, Post und DDR-Witze

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Heike Glaß Dipl. Restauratorin für Kunst- & Kulturgut aus Holz/Gefasste Holzobjekte Mitglied im Verband der Restauratoren e.V. Befunde Konzepte Konservierung Restaurierung Wartung Kontakt: Pflege Dokumentation Holzbildhauerei Farbfassung Vergoldung Gotthardtstraße 12 | 99084 Erfurt | Tel. 0361.55 06 746 Fax 0361.55 06 764 | Mobil: 0172.77 47 274 | heike.glass@freenet.de KONSERVIERUNG / RESTAURIERUNG Christine Machate Diplomrestauratorin Verband der Restauratoren e.V. Thomas-Müntzer-Str. 21 a 99084 ERFURT Fon Fax Funk mail 0361 60 12 888 0361 60 12 890 0172 790 44 23 c-machate@web.de Befunduntersuchung Schadenserfassung Konzeption Konservierung Restaurierung Rekonstruktion Dokumentation Vergoldung Farbfassung Pflege und Betreuung von Sammlungen, Ausstellungen und Einzelobjekten Beratung, Prävention GEMÄLDE TAFELBILDER SKULPTUREN ALTÄRE RAUMAUSSTATTUNGEN UND MUSEALE OBJEKTE

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Editorial von Christin Ostritz, Beauftragte für Beihilfen im Vorstand des Pfarrvereins, Pfarrerin in Bad Kösen Gedanken im Nachgang zum Erntedankfest 2014 Nun ist es geschafft: 6 Erntedankfeste in meinem Pfarrbereich! Überall waren die Kirchen festlich geschmückt und wir haben auch in diesem Jahr in den Gottesdiensten für eine reiche Ernte gedankt, wie es so schön heißt: Alle gute Gabe, alles was wir haben, kommt her von Gott, dem Herrn; drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt, und hofft auf ihn. Das Thema Erntedankfest hat mich auch über meinen ganz persönlichen Dank als Pastorin nachdenken lassen: wofür kann ich in diesem Jahr danken? Ich bin dankbar, dass in meinen Gemeinden Gaben zum Lob Gottes und zum Wohl anderer gespendet worden sind. Dankbar bin ich wirklich auch, dass die Einwohner unseres Landes, meine Familie und ich selbst in Frieden leben können. In diesem Jahr haben wir nun schon über 69 Jahre Frieden in Deutschland! Angesichts der vielen gewaltsamen Konfliktherde auf unserer Welt ist das ein Privileg.  Doch dann fallen mir auch Dinge ein, die meinen Dank in diesem Jahr beschweren. Sie werden sich bestimmt erinnern, am Anfang des Jahres machten die Banken über das neue Verfah- ren zur Erhebung der Kirchensteuer auf Zinsen und Dividende aufmerksam. Die Folge davon war eine neue Austrittswelle. Auch in dem Pfarrbereich, den ich betreue, machte sich dies bemerkbar. Wir bekamen eine Anzahl von Austritten von Menschen, die älter als 65 Jahren sind. Gerade das aber machte mich ratlos, denn diese Altersgruppe hat nur selten mit der Kirchensteuer zu tun, da sie in der Regel keine Lohnsteuer mehr zahlt. Ich fragte mich mehrmals, ob die Informationen der Banken wirklich der ausschlaggebende Grund für diese Austritte sind. In diesem Gedankengang wurde ich durch den Brief von einer Frau, die ich seit einem Jahr betreue, bestärkt. Die 72 jährige Frau schrieb mir, dass sie aus der Kirche ausgetreten sei. Als Begründung gab sie nicht die Angst um eine Erhöhung 3 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014

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des Kirchsteuerbetrages, sondern die mangelnde Bindung an die Kirche an. Gerade an Erntedank frage ich mich darum: Kann unsere Saat, die wir legen, auch aufgehen? Vielleicht ist die Äußerung dieser Frau symptomatisch für viele, die uns bzw. unserer Kirche den Rücken kehren, die aber ihren Austritt, nicht explizit begründen. Könnte es sein, dass wir ihnen zu wenig nahe sind, dass wir einfach nicht da sind, sein können, wenn sie unseren Beistand brauchen? Mein Eindruck ist, dass uns PfarrerInnen im Laufe der Zeit eine Fülle von verschiedenster Aufgaben und Arbeitsvorhaben zugewachsen sind, nicht wenige davon haben wir uns selbst ausgesucht oder gar ausgedacht. Dazu kommen auch die vielen zeitaufwendigen Sitzungen bei den Synoden, Konventen, regionalen Gruppen, in den Gemeindekirchenräten. Es wird so viel getan und doch kehren uns sogar Menschen, die eine Menge Lebenserfahrung haben, den Rücken. Jeder Besuch, jedes persönliche Gespräch eines Pfarrers, einer Pastorin mit Gemeindegliedern (die Kontaktmöglichkeiten sind vielfältig) kann da helfen. Das ergab auch eine Untersuchung zur Kirchenmitgliedschaft der EKD vom Frühjahr diesen Jahres: „Insgesamt kann man sagen: Die fehlende Bekanntheit mit einer/einem Pfarrer/in stellt einen sehr starken Indikator für eine große Distanz zur kirchlichen Institution dar. Dafür spricht auch, dass von den konfessionslosen Befragten 87% überhaupt keine/keinen Pfarrer/ in kennen. Umgekehrt gilt: 4 Wer eine/einen Pfarrer/in kennt, und sei es nur vom Namen, hat ein emotional stärkeres und kognitiv erheblich eigenständigeres Verhältnis zur Kirche.“ (In V. EKD Erhebung über Kirchenmitgliedschaft; Wie prägen Hauptamtliche das individuelle Verhältnis zur Kirche?) Das hat mich in meiner Auffassung bestärkt, dass Besuche und die damit verbundene Seelsorge das wichtigste Arbeitsfeld in meinem Dienst sind und meines Erachtens auch die beste Voraussetzung für eine Verkündigung, die nahe bei den Menschen ist. Ich wünsche uns PfarrerInnen, dass unsere Landessynode und alle anderen, die Verantwortung für die Leitung und Organisation der Kirche tragen, die kritischen Gedanken der EKD Untersuchung aufnehmen und dafür Sorge tragen, dass uns in den Gemeinden deutlich mehr Zeit für Besuche und damit verbunden Seelsorge zur Verfügung gestellt wird, eine Tätigkeit, die sehr anspruchsvoll ist, aber für die wir ausgebildet sind, die sich allerdings schwer abrechnen lässt, die sich aber doch letztlich für die Fortbestand unserer Kirche auszahlen kann. Vielleicht kann es dann sein, dass wir uns als PfarrerInnen zum Erntedankfest freuen können, vor allem darüber, dass die Menschen bei uns bleiben, um Gott gemeinsam zu loben und dem Nächsten zu dienen. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014

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20 Jahre Partnerschaft mit der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in der Slowakei Am 29. September (Michaelistag) traf sich unser Vorstand zu einer Sitzung aus Anlass der 20-igjährigen Partnerschaft mit Vertretern des Pfarrvereins der Evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses in der Slowakei, dem Vereinsvorsitzenden Jaroslav Matys und dem Generalbischof Milos Klatik, in Quedlinburg. Diese 20-igjährige Partnerschaft ist wirklich ein Grund zur Freude! In sehr bewegten Worten wurde dieses Jubiläum beiderseits gewürdigt. Jaroslav Matys dankte herzlichst allen Brüdern und Schwestern unseres Vereins, sowie dem Vorstand für die geschwisterliche Zusammenarbeit. Er erwähnte, dass beide Kirchen nach 1990 mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems ähnlich schwierige Probleme zu bewältigen hatten und sich dabei gegenseitig beigestanden haben. So konnte man aus den Erfahrungen des jeweils anderen Pfarrvereins lernen. Dennoch ist die Situation der Kirchen sowie der Pfarrvereine und die der PfarrerInnen in ihrer jeweiligen Kirche durchaus verschieden. In der Slowakei gibt es noch keine klare Trennung zwischen Kirche und Staat (der Staat beteiligt sich bei der Finanzierung der Gehälter der PfarrerInnen). Der Verdienst in der Lutherischen Kirche der Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014 Slowakei ist deutlich geringer als bei uns in der EKM (PfarrerInnen verdienen in der Slowakei im Anfangsgehalt 300,- € und beenden ihren Dienst mit ca. 500,- €, was mich persönlich an die Verhältnisse in der DDR erinnert). Jaroslav Matys dankte unserem Verein auch für die geleistete finanzielle Unterstützung: „Diese Hilfe hat dazu geführt, dass wir uns langfristig selbst unterstützen können.“ So tragen sich inzwischen verschiedene Fonds selbst (Beschaffung eines Dienstfahrtzeugs, Wohnungsfonds). Er lobte die gegenwärtig geleistete Hilfe für die Ausbildung der Kinder und den Beitrag für das Auskommen der PfarrerInnen im Ruhestand. Abschließend bat Jaroslav Matys um Gottes Segen für den Fortbestand unserer Beziehungen. Grußwort von KR Paul-Gerhard Kiehne zum Partnerschaftstreffen Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ein sehr alter Satz, der immer noch gilt. Wir denken heute an 20 Jahre Partnerschaft. Die Partnerschaft unseres Thüringer Pfarrvereins mit dem Pfarrverein und der Lutherischen Kirche Augsburger Bekenntnisses in der Slowakei. In einer Jahrzehnte währenden Partnerschaft gibt es Höhen und Tiefen, glückliche Momente und schwere Stunden. Dafür gilt die alte Volksweisheit: Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude 5

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ist doppelte Freude. Heute Vormittag legen wir den Akzent auf das Füreinander-einstehen in der grenzüberschreitenden Partnerschaft unserer slowakischen Freunde mit uns Thüringern. Denn wir haben es erlebt und wir erleben es gegenwärtig: In Krisensituationen allein dazustehen wäre doppelt schwer. Unsere slowakischen Freunde hatten es vor rund einem Jahrzehnt besonders schwer, als es um Vergangenheitsbewältigung ging. Wir haben versucht, an ihrer Seite zu stehen. Wir hatten ja auch parallele Erfahrungen in unserer eigenen Geschichte, der jüngsten Vergangenheit. Und nun stehen unsere slowakischen Freunde uns zur Seite, da es gilt, in einem Kampf um Gerechtigkeit nicht aufzugeben, nicht zu resignieren. Sichtbarer Beweis für dieses Miteinander ist die Tatsache, dass unsere Freunde aus der Slowakei zum heute so denkwürdigen Tag eigens angereist sind. Heute, am Tag des Erzengels Michael und aller Engel, feiern wir noch nicht ein Vierteljahrhundert unserer Partnerschaft mit den slowakischen Freunden – das hoffen wir eines Tages auch tun zu können. Wir wollen die Gelegenheit nutzen zu einem ernsthaftem Gespräch mit unseren slowakischen Freunden. Ab heute Mittag soll dann das dankbare und fröhliche Feiern im Vordergrund stehen. Unser langjähriger Freund Milos Klatik, Generalbischof der slowakischen Kirche AB, hat heute noch einen wichtigen Part. Seinen Worten und seinem Amt will ich nicht vorgreifen. Aber bei all den Lasten, die wir nicht völlig außen vor lassen können, sind wir dankbar für 6 das biblische Wort aus dem Herrnhuter Losungsbüchlein für heute: Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. (Josua 1,9) Erwiderung im Rahmen des Meinungsaustausches anlässlich des 20. Jahrestages der Partnerschaft zwischen Thür. Pfarrverein und dem Pfarrverein der Ev. Kirche der Slowakei A.B. durch Pfarrer Max U. Keßler, Vorstandsmitglied des Thür. Pfarrvereins: Verehrter Herr Bischof, lieber Bruder Klátik; lieber Bruder Mátys! Sie haben vorhin beklagt, dass die Hilfe, die Sie für den Slowakischen Pfarrverein und die Slowakische Kirche A.B. von uns und anderen erhalten, doch leider eine einseitige Sache sei, weil Sie doch nichts zurückgeben könnten. Ich muss dem deutlich widersprechen: Sie geben uns etwas zurück, was mindestens genauso wertvoll ist. Mit der Partnerschaft legen Sie Zeugnis ab für die Unumstößlichkeit von Bibel und Bekenntnis als Grundlage evangelischen Glaubens und Lebens. Das drückt sich schon in Ihrem Namen aus: Ev. Kirche der Slowakei Augsburgischen BekenntMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014

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nisses. Seit der Zusammenlegung der Ev.-Luth. Kirche in Thüringen mit der Kirchenprovinz Sachsen zur EKM und der damit neu erlassenen Verfassung ist diese Grundlage unserer Kirche weniger deutlich geworden. Man ist den Bekenntnisschriften (BSLK) nur noch „verpflichtet“, und sie sollen für die heutige Zeit immer wieder auf ihre Gültigkeit überprüft werden können. Das widerspricht schon der Konkordienformel und dem Sinn der BSLK als „norma normata“. Die schwindende Bezugnahme des kirchlichen Lebens auf die BSLK ist in unserer Kirche deutlich zu spüren. Die große EKD-Schrift „Kirche der Freiheit“ und der zunehmende Aktionismus unserer Kirche in den letzten Jahren gegen den Abbruch kirchlichen Lebens und gegen den Bedeutungsschwund evangelischen Glaubens in der Öffentlichkeit zeugen davon. Im Artikel 5 des Augsburger Bekenntnisses ist festgehalten, dass der Glaube nicht ein Produkt menschlicher Möglichkeit und Machbarkeit ist. „Um diesen Glauben zu erlangen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt, das Evangelium und die Sakramente gegeben, durch die er als durch Mittel den Heiligen Geist gibt, der den Glauben, wo und wann er will, wirkt…“. Gott wirkt den Glauben also durch den Heiligen Geist, der sich allein mitteilt durch Predigt, Evangelium und Sakramente. Und folgerichtig werden „…die verdammt, die lehren, dass wir den Heiligen Geist ohne das leibhafte Wort des Evangeliums durch eigene VorbereiMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014 tung, Gedanken und Werke erlangen“ könnten. Hier, liebe Brüder, liegt nun Ihre geistliche Aufgabe, unsere Kirchen immer wieder auf diesen Zusammenhang und die Folgerungen daraus hinzuweisen und den normativen Grund des Bekenntnisses festzuhalten. Das ist keine neue Aufgabe, Sie haben dies dankenswerter Weise immer wieder auch schon getan, u.a. im Festhalten an der Partnerschaft mit dem GAW Thüringen. Unsere Hilfe ist also keine Einbahnstraße, sondern Sie geben uns in geistlicher Hinsicht unschätzbar viel zurück. Bleiben Sie auf diesem Weg, danke! Fotos von der Begegnung am 29. September in Quedlinburg 7

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von links: Generalbischof Milos Klátik , Vorsitzender des Slowakischen Pfarrvereins Jaroslav Mátys 8 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014

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VELKD-Information Nr. 145 Bischöfe zu Fragen der Zeit „Gemeinde neu finden – Vom Rückbau zum Umbau“ Beitrag von Landesbischöfin Ilse Junkermann Der Beitrag bringt eine kurze realistische Bestandsaufnahme der kirchlichstrukturellen Situation der EKM nach der Wende über die Zeit der Fusion bis heute. Das Ende der Möglichkeiten des Rückbaus wird darin ebenso beschrieben, wie die Notwendigkeit eines Trauerprozesses bis hin zur Wahrnehmung, dass ein geistlicher Prozess den Weg unserer Kirche begleiten muss. Die Schwierigkeiten für die daran beteiligten Personen, die „mehr oder weniger resigniert sind; nicht wenige sind ratlos und erschöpft“ wird deutlich benannt. „Und: es beschämt in gewisser Weise auch, wenn so große Anstrengungen ohne sichtbaren Erfolg sind, ja, wenn sie eine scheinbare Negativ-Spirale nicht aufhalten können.“ Die Bischöfin bringt drei Bespiele alternativer Gemeindeorganisation, die Hoffnung schöpfen lassen. Wohl wissend, dass die Lösungen zur Veränderung nur von den beteiligten vor Ort getroffen werden können und jeweils unterschiedlich sein werden. Der vollständige Beitrag ist nachzulesen bei: www.velkd.de 10 Thüringer Pfarrverein e.V. – Jahresbericht des Vorsitzenden am 25. September 2014 in Neudietendorf Jesu Macht über die bösen Geister Da wurde ein Besessener zu Jesus gebracht, der war blind und stumm; und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah. Und alles Volk entsetzte sich und fragte: Ist dieser nicht Davids Sohn? Aber als die Pharisäer das hörten, sprachen sie: Er treibt die bösen Geister nicht anders aus als durch Beelzebul, ihren Obersten. Jesus erkannte aber ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen. (Mt 12,22-25) Zwang zur Totalkontrolle „Die Gefahren erzeugen wir nicht aus Versehen, sondern aus einem zügellosen Bemächtigungsdrang, der uns beherrscht, seitdem wir dereinst unsere Sicherheit in Gott verloren haben. Seit dem Verlust der mittelalterlichen Gotteskindschaft leben wir in einer untergründigen heillosen Angststimmung, gegen die uns nur ein einziges Rezept eingeMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014

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fallen ist: uns selbst die totale Kontrolle über alle Ursachen und Kräfte aneignen zu wollen, von denen uns je Ungemach drohen könnte. Horst-Eberhard Richter, Der Gotteskomplex, S. 5; 1997 Liebe Vereinsmitglieder, Wie steht es um unsere Kirche? Wie es um den Verein steht, dazu komme ich später, denn das ist nicht weiter tragisch. Wir erleben einen nie dagewesenen Abbau von Pfarrstellen und den Verkauf von Pfarrhäusern. Wir hören von einem Umgang miteinander, der nicht nur beunruhigend ist, sondern Menschen zerstört, ihren Ruf, ihre Seele, ihren Leib. Und wir hören das nicht nur, manche erleben das auch. Aus dem Katalog der Kriterien für angeblich notwendige Veränderungen ist die Theologie nahezu verschwunden. Anders als bisher hat die Kirche keinen langen Atem, keine Geduld mehr. Als ob sie den alten Vorwurf der langsam mahlenden Mühlen Gottes entkräften müssten, beginnen sie zu hetzen. Sie hecheln den demographischen Veränderungen nicht mehr hinterher. Nein, das lässt sich keiner mehr vorwerfen. Sie hecheln ihnen wie besessen voraus. Falls es irgendwo mal keine Christen mehr geben sollte, haben kluge Rechner dafür schon alles bestens vorbereitet, die Pfarrhäuser leergezogen, die Stellen gespart, die Kirchen frisch angestrichen und zum Kulturgut erklärt. Sie sind vorbereitet auf das, was kommen könnte. Sie haben sich so gut vorbereitet, dass es kommen wird, ja muss, Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014 denn alles andere wäre uns zu peinlich. Geld wird in Leuchtfeuern und Hochglanzbroschüren verbrannt. Sie sind medial präsent. Das Erstaunliche für mich ist, dass das in einer Zeit geschieht, in der die Kirche über einen nie dagewesenen Reichtum verfügt. Das kann also nicht die Ursache sein. Näher liegt vielleicht, dass sich mit dem Reichtum die Angst eingeschlichen hat, dieser könne ein Ende haben, so dass man schier verhungern müsste. Über der Beschäftigung mit dieser Angst wurde jegliches Gottvertrauen an den Nagel gehängt und man hat sich der Statistik, der Marktwirtschaft und einem Rechnungswesen verschrieben, dass nicht jeder versteht. Das befördert das Gefühl der Unsicherheit, welches das Vertrauen verjagt. Die Kontrolle haben andere. Grundstücke werden meistbietend von oben verwaltet, während die emotionalen Folgen in den Gemeinden zu tragen sind. Die Fusion, die uns zukunftsfähig machen sollte, hat eine Entfremdung zwischen Verwaltung und Gemeinden, zwischen Gemeindepfarrern und Kirchenleitung vorangetrieben, nachzulesen in Glaube und Heimat. Der Anteil der landeskirchlichen Kollekten hat enorm zugenommen, deren Höhe dagegen ist eingebrochen. Wie wird darauf reagiert? Mir ist zu Ohren gekommen, man wolle die Zuweisung an die Gemeinden für Bauvorhaben und anderes davon abhängig machen, wie hoch der Anteil der landeskirchlichen Kollekten im Vergleich zu den ortskirchlichen Opfergaben sei. Belegen kann ich das nicht, ein Gerücht vielleicht, aber mit 11

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dem Kirchgeld haben wir das schon erlebt, wenn es vom Gemeindekirchenrat nicht in der geforderten Höhe beschlossen wurde. Der Vorwurf die HeiligAbend-Kollekte betreffend ist uns noch im Gedächtnis, die Gemeinden würden Geld für sich behalten. Eine ambivalente Entwicklung: Es wird weiter am Schreckensbild einer pfarrerzentrierten Kirche gemalt, während so manche Gemeinde sich sehnt, überhaupt einen zu Gesicht zu bekommen. Einerseits soll mit immer aufwändigeren Wahlverfahren und einer überbordenden Gremienarbeit eine gefühlte Demokratie erzeugt werden, andererseits wird der Entscheidungsspielraum in Gemeinden und kirchlichen Werken (z.B. GAW Thüringen) gegen null gefahren. Welche Erinnerungen das in ostdeutschen Gemütern wachruft, darf nicht außer Acht gelassen werden. Die Vergleiche sind in aller Munde und dringen oft an mein Ohr. Es ist ein Warnsignal. Wird es überhört, folgen zuerst der innere Rückzug, danach die äußere Flucht. Zugegeben, während ich das geschrieben habe, ging mir permanent der Umgang mit der Thüringer Hauptgruppe des GAW, in der Folge mit dem Vorstand des Pfarrvereins und der Pfarrvertretung durch den Kopf. Ist das nun eine sogenannte persönliche Betroffenheit, die ich besser außen vor lasse, oder ist es ein Beispiel für den Umgang, der Einzug gehalten hat, der keinesfalls unbeachtet bleiben darf? Da ich nicht als private Person angegriffen werde, sondern in den Ämtern, die ich innehabe, ist das Zweite zutreffend. Diese 12 nun über Jahre andauernden Vorgänge, wie so viele andere auch, zeigen, dass der innere Friede in unserer Kirche in Gefahr ist. Für eine Kirche ist das kein zu vernachlässigender Faktor, den man als Kollateralschaden hinnehmen kann. Welche Gefahr hier droht, sagt uns Jesus in Mt. 12,25. Ich wähle eine Variante vom Jahr 1741: „Ein jegliches Reich, so es mit ihm selbst uneins wird, das wird wüste; und eine jegliche Stadt oder Haus, so es mit ihm selbst uneins wird, mag nicht bestehen.“ Zur damaligen Zeit stand die Vokabel „wüste“ für „leer“, für einen verlassenen oder im Krieg verheerten Ort. In alten Flurkarten finden wir die Bezeichnung Wüstung, wo einmal ein Dorf war. Wenn wir uns nicht besinnen, hinterlassen wir keine weißen Flecken, sondern im geistlichen Sinne wüste Orte. So manche Ursache volkswirtschaftlicher Art haben wir nicht zu vertreten, aber wenn die Kirche sich ihrer Berufung nicht mehr bewusst ist, sich nicht zu allererst als Leib Christi empfindet und einen dementsprechenden Umgang pflegt(!), dann ist das der Teil, den wir zu verantworten haben. Wer in unserer Kirche Umgangsformen Tür und Tor öffnet, von denen er meint, sie seien in der Wirtschaft üblich und akzeptabel, die aber zu Streit, Überforderung und Burnout führen, betreibt Verrat am Evangelium. Nun bleibt die Frage, ob es denn Zeichen der Hoffnung gibt. Natürlich gibt es diese. Zuerst finden wir sie im Evangelium. Jesus Christus hat dem Besessenen Augen und Mund geöffnet. Warum sollte er das bei uns nicht auch tun, vorausgesetzt wir lassen uns zu ihm brinMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014

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gen, Zur Austreibung der bösen Geister? Dann werden uns wieder die Augen für die Menschen geöffnet und der Mund für das Evangelium. Sogar in Glaube und Heimat fand sich ein Zeichen der Hoffnung, zwar weit weg, aber immerhin, eine Pfarrstellenausschreibung für Lemgo in der Lippischen Landeskirche: „Freuen Sie sich auf uns. Wir bieten beste Arbeitsmöglichkeiten und eine lutherische Tradition. Wir sind achtsam mit unseren Mitarbeitenden. …Schwerpunkte können Sie gerne Ihren Gaben entsprechend setzen.“ Da hat ein Umdenken begonnen. 1. Die Vereinsarbeit Unserem Verein geht es gut. Das kann erst einmal festgestellt werden. Derzeit hat der Verein 659 Mitglieder. Seit der letzten Mitgliederversammlung gab es 11 Austritte, davon 8 ohne Angabe von Gründen und 3, die die Landeskirche gewechselt haben. Dem stehen 18 Aufnahmen gegenüber. Der Anteil derer, die die Landeskirche wechseln, ist dabei steigend, denn wir haben schon die ersten Zahlen für den Berichtszeitraum des nächsten Jahres. Neu ist, dass mehrere das Gespräch suchten, um mir die Gründe zu beschreiben. Die Unzufriedenheit mit den hiesigen Umständen gehörte genauso dazu wie die Resignation, dass sich etwas zum Besseren ändern könne. Geld spielte keine Rolle. Manchmal hörte ich auch das Bedauern, nichts davon gespürt zu haben, sie in irgendeiner Weise hier halten zu wollen. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014 Die Internetseite hat dankenswerterweise über einige Jahre Constanze Adler in Magdeburg gepflegt, weitestgehend unter Verzicht auf das ihr zustehende Honorar. Seit einigen Monaten hat das Pfarrer Jörg Bachmann übernommen. Das freut uns insofern, dass nämlich einer unseres Berufsstandes sich dafür verantwortlich fühlt. Im kommenden Jahr geht wieder einmal eine Wahlperiode zu Ende. Der Vorstand wird neu zu wählen sein. Wir blicken auf eine Zeit großer Kontinuität zurück. Im Gegensatz zu anderen Lebensbereichen unserer Kirche gab es im Vorstand keine Reibungsverluste, sondern Zusammenhalt und Einmütigkeit in den Entscheidungen. Dem sind zu erheblichem Teil die Erfolge zu verdanken, die wir gemeinsam erzielen konnten. Wir wünschen uns selbstverständlich, dass diese Form der Zusammenarbeit fortgesetzt wird, sehen aber auch, dass es im Vorstand Veränderungen geben wird. Bei mir selbst hat ja der Anteil der grauen Haare mit den Jahren auch zugenommen, zuerst sechs Jahre als berufenes und zugleich jüngstes Vorstandsmitglied, danach inzwischen 11 Jahre als Vorsitzender. Das ist schon eine lange Zeit. Doch eines kann ich Ihnen versichern, die grauen Haare sind nicht der Vereinstätigkeit geschuldet. Im Verein selbst hat die Freude bei weitem überwogen. Wir hoffen, Jüngere finden Gefallen an der Vereinsarbeit, engagieren sich ebenfalls. Besonders danke ich Paul Gerhard Kiehne, der allen Widerwärtigkeiten trotzend, die das Leben so mit sich bringen kann, uns, insbesondere mir in Treue zur Seite gestanden hat. 13

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Einen solchen Vorgänger beratend und kämpfend an seiner Seite zu wissen, ist ein großes Glück und keinesfalls selbstverständlich. Bevor der Vorstand in der Mitgliederversammlung gewählt wird, werden wir die Konvente darauf aufmerksam machen, dass in den kommenden Monaten die Vertrauenspfarrer gewählt werden sollen. Das ist eine Aufgabe, deren Bedeutung oftmals unterschätzt wird. Sie halten den Kontakt zwischen den Mitgliedern und dem Vorstand, können als erste in Not geratenen Vereinsmitgliedern zur Seite stehen. In vielen Fällen wurde geholfen, schnell und unbürokratisch, zumal dafür auch finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, wenngleich ich den mitfühlenden Beistand für die wichtigere Aufgabe halte. Das können wir als Vorstand nur in Einzelfällen leisten. Deshalb möchte ich für die Übernahme einer solchen Aufgabe ausdrücklich werben. Geschwisterliche Hilfe muss uns wichtig bleiben. 2. Wohnen im Pfarrhaus Ich habe vor einem Jahr gefragt, was geschieht, wenn ein Pfarrhaus noch von einer Pfarrerin bewohnt wird, diese sogar noch Dienst tut, wenn auch nicht in dieser Gemeinde? Nun haben wir einen Fall zu beklagen, bei dem das Pfarrhaus an dubiose Käufer veräußert wurde, übrigens samt Grundstück für lumpige 12.000 €, Danach war die Pfarrerin größten Repressalien ausgesetzt. Ihr Mann wurde sogar tätlich angegriffen, einen Besuch im Krankenhaus nach sich ziehend. Bisher hat er seine Frau meist zu unseren Pfarrertagen begleiten kön14 nen. Jetzt nicht mehr, denn er ist sehr plötzlich verstorben. Wir haben hier zu fragen, ob und wie die Kirche ihre Fürsorge- und Schutzpflichten wahrgenommen hat. In einem Gespräch im Personaldezernat haben wir hierzu einen Auftrag zur Untersuchung in Form einer Dienstaufsichtsbeschwerde zu Protokoll gegeben. Über das Ergebnis werde ich informieren. 3. Pfarrverein und Pfarrvertretung und noch einmal Gustav-Adolf-Werk Thüringen Obwohl Michael Thurm als auch ich unsere Ämter in der Pfarrvertretung weiterhin nicht wahrnehmen können, werde ich regelmäßig in Dienstrechtsfragen angerufen und um Begleitung gebeten. Lästigerweise muss ich über das Disziplinarverfahren und die Folgen informieren, damit die Anfragenden entscheiden können, ob sie vom gegenwärtig amtierenden Vorsitzenden der Pfarrvertretung oder mir als dem Vorsitzenden des Pfarrvereins betreut werden möchten. In fast allen Fällen haben sie letzteres gewählt. Faktisch bearbeite ich die überwiegende Zahl der personenbezogenen Anfragen, die Freistellung aber hat ein anderer inne. Dieser Zustand ist nicht nur für mich belastend, wenngleich ich die Betreuung gern übernehme, er ist auch ein erheblicher inhaltlicher Verlust für die Arbeit der Pfarrvertretung, die so von den Einzelfallproblemen keine Kenntnis erhält, folglich dieser Unkenntnis wegen ihre Arbeit gar nicht vollumfänglich wahrnehmen kann und ein verfälschtes Bild der Zustände bekommen muss. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014

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Bedauerlicherweise mussten wir in einem dieser Fälle feststellen, dass ein korrekter Umgang und das Wissen um die im Personalaktenrecht vorgegebene Verfahrensweise bei Unterlagen, die dem Betroffenen zum Nachteil gereichen könnten, nicht selbstverständlich ist, eine Betroffene gar auf Nachfrage falsch informiert wurde. Es sei deshalb hier noch einmal aus gegebenem Anlass darauf hingewiesen, dass Pfarrerinnen und Pfarrer vor der Aufnahme solcher Schriftstücke in die Personalakte zu hören sind. Hin und wieder scheint es also geraten, seine Personalakte dahingehen zu überprüfen. Allzu viel Vertrauen dürfte hier fehl am Platze sein. Als vor nunmehr fünf Jahren das neue Pfarrvertretungsgesetz beraten und zur Stellungnahme vorgelegt werden sollte, fand sich darin überraschend eine Passage, dass Personen, die im Vorstand eines Pfarrvereins tätig sind, nicht in die Pfarrvertretung wählbar sein sollten. Wer diese Worte darin Eingang finden lassen wollte, hat man uns verschwiegen. Dank der Hilfe von Rechtsanwalt Werner Siebert aus Hannover in Form eines Rechtsgutachtens, musste dieser Satz wieder entfernt werden, war er doch mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Nun könnte einem ein solch lange zurückliegender und zudem erfolgloser Vorstoß ja gleichgültig sein. Doch die Entwicklungen der letzten Jahre verhindern das Vergessen: Vorsitzender und Stellvertretender Vorsitzender des Pfarrvereins werden in ihrer Tätigkeit in der Pfarrvertretung massiv behindert. Mir als dem Vorsitzenden der PfarrverMitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 04-2014 tretung wurde die Entlastung im Umfang einer halben Stelle erst nach zehn Monaten gewährt. Danach gab es eine Phase der ungehinderten Arbeit von 18 Monaten. Inzwischen können Michael Thurm und ich unser Mandat in der Pfarrvertretung seit 18 Monaten wegen der sich endlos hinschleppenden Disziplinarverfahren in Sachen GAW Thüringen nicht mehr wahrnehmen. In Glaube und Heimat Nr. 37 wurde von Landesbischöfin Junkermann und Weihbischof Hauke aufgefordert, an der Landtagswahl teilzunehmen, unter der Überschrift „Wahlrecht ist ein hohes Gut“. Im Umgang mit der Pfarrvertretung wird dieses hohe Gut innerkirchlich mit Füßen getreten. Paul-Gerhard Kiehne hat mit Schreiben vom 10.09.2014 den Personaldezernenten auf diese missliche Lage mit „streckenweiser Beschlussunfähigkeit“ hingewiesen. Im Antwortschreiben wird der personell eingeschränkte Zustand der Pfarrvertretung von OKR Lehmann als „gedeihliche Weiterarbeit der Pfarrvertretung“ beschrieben. Der gegenwärtige Zustand scheint für die Landeskirche also recht zufriedenstellend bis komfortabel zu sein, womöglich so bequem, dass er einschläfernd wirkt. Anders zumindest mag ich mir die lange Weile, die man sich in den Verfahren lässt, nicht erklären. Es gäbe natürlich noch andere Erklärungen, Böswilligkeit oder die Unfähigkeit, juristische Sachverhalte angemessen zu klären bzw. Disziplinarverfahren kompetent durchführen zu können. Die Erörterung dieser Varianten möchte ich hier nicht vornehmen. 15

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