Teichler Seeligstadt Kriegsjahre 1939 bis 1945

 
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Teichler Seeligstadtädter Kriegsjahre

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Was geschah in den Kriegsjahren in Seeligstadt Bei Durchsicht der vorhandenen Aufzeichnungen über die Geschichte von Seeligstadt ist aufgefallen, dass über die Ereignisse der Kriegsjahre 1939 bis 1945 kaum Niederschriften gemacht wurden. In dem 1954 erschienenen Heimatbuch geht der Verfasser Martin Burkhardt auch nur kurz auf die Geschehnisse zum Kriegsende ein. Die Mitarbeiter der Arbeitsgruppe „Chronik“ wollten deshalb, solange es noch Zeitzeugen gibt, diese zu den umfangreichen und dramatischen Ereignissen in unserem Heimatort während und zum Ende des 2. Weltkrieges befragen. Die hierfür infrage kommenden Personen wurden angesprochen und haben fast alle Ihre Bereitschaft zur Mitarbeit bekundet. Ihnen wurde eine Aufstellung mit Schwerpunktfragen zur Verfügung gestellt, die helfen sollte, fast Vergessenes und/oder auch Verdrängtes wieder in das Gedächtnis zurück zu holen. Im Mai 2011 wurden in 3 jeweils kleinen Gruppen die Gespräche geführt und wir konnten dabei viele bisher nicht bzw. wenig bekannte Informationen erhalten. Interessant war auch die Übereinstimmung der zu den vorgegebenen Schwerpunkten gemachten Angaben. Unser Anliegen war, die Ereignisse sachlich aufzuarbeiten und zu zeigen, was der Krieg selbst in einem so kleinen Ort wie Seeligstadt, für unsägliches Leid gebracht hat.

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Bei der Befragung haben als Zeitzeugen folgende Einwohner mitgewirkt: Hage, Brigitte (geb. Röhricht) Eisold, Rosemarie (geb. Scheffler) Gebauer, Marianne (geb. Fasold) Haufe, Hannelore Gneuß, Armin Bräunig, Waldemar Bayer, Wilfried Teich, Siegfried Weber, Lothar Boden, Wernfried Körner, Christian Nowak, Karlheinz *1929 *1930 *1931 *1939 *1932 *1933 *1934 *1934 *1936 *1936 *1936 *1940 +2012 Für ihre Bereitschaft, an dieser Befragung aktiv teilzunehmen und damit vorhandene Lücken in der Ortschronik zu schließen, sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt. Die Ergebnisse dieser Gespräche wurden vom Leiter der AG, Hans-Peter Bruneker, zusammengefasst und diesbezügliches Bildmaterial eingefügt. Ergänzt wurden die Angaben unter zu Hilfenahme der Chronik von Pfarrer Wendelin, des Heimatbuches von Martin Burkhardt, der Aufzeichnungen von Arthur Schmidt, Gerda Groschwald und Pfarrer Hahn aus Großröhrsdorf.

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Kriegsbeginn in Seeligstadt Bereits in den ersten Kriegsjahren begann auch in Seeligstadt die Mobilmachung. Zahlreiche junge Männer wurden eingezogen und an die Front geschickt. Zu den Ersten gehörten u. a. G. Haufe und F. Knöfel. Auch die jungen Frauen blieben nicht verschont, sie kamen zum sogenannten Reichsarbeitsdienst und erhielten eine Ausbildung im Sanitätsdienst und später als auch als Luftschutzhelferinnen. Karteikarte zum Reichsarbeitsdienst

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Abmeldung zum Dienst bei der Marine In den Meldebehörden wurden u. a. auch Karteien über die „arische Abstammung“ geführt. Einwohnerkarteikarte mit sogenannten „arischen Nachweis“

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Martin Burkhardt schrieb in seinem Heimatbuch, dass vom 06. Dezember 1939 bis 06. März 1940 eine Batterie Artillerie mit 177 Mann und 142 Pferden einquartiert war. In dieser Zeit fand im Ort auch ein Manöver statt. Die Soldaten stammten vorwiegend aus der Meißner Region. Eine Aufnahme vom Bodenfenster der Schneiderei Haufe Einquartierung bei Fam. Boden Aber nicht nur die Wehrmacht hinterließ Spuren in Seeligstadt, auch die Partei war mal mehr mal weniger präsent. Das linke Bild zeigt u. a. den Leiter der 1933 in Seeligstadt gegründeten Ortsgruppe der NSDAP Fritz Nickel (rechts) auf einem Dorffest 1939. Fritz Nickel war seit 1929 Lehrer und ab 1936 Schulleiter der Volksschule in Seeligstadt.

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Saal des Erbgerichts als Gefangenenlager Bereits wenige Jahre nach Kriegsbeginn, ab 1941, kamen die ersten Kriegsgefangenen von der Westfront, vorwiegend Franzosen und Belgier, nach Seeligstadt. Dafür wurde im Gasthof „Erbgericht“ eine Trennwand (Bretterwand) zwieschen Saal und Anbau eingezogen und der Anbau als Gefangenenlager eingerichtet. Die ersten Gefangenen wurden tagsüber zu Arbeiten in andere Ortschaften gebracht, später erhielten auch Bauern und Handwerker von Seeligstadt zusätzliche „Hilfskräfte“. Die Bewachung mussten deutsche Soldaten übernehmen, so u. a. auch Max Bruneker (1942). Kriegsgefangene bei Seeligstädter Handwerkern und Bauern Oberes Freigut Bergmann: 3 Russen, 3 Polen Unteres Freigut Bellmann: Pole Stanislaus Pitel, er heiratete Hanna Vorwald, eine Vertriebene aus Ostpreußen, die Polen Jan

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Papriernik, Josef Libera und Janina Libera geb. Michnianka, 1 Russin Marija Skrentowska, die Belgier Viktor und Philipp, später dann die Russenmädchen Franze und Katharina Bauerngut Schmidt, Arthur: 2 Franzosen als Kutscher, 1 Pole als Melker, 1 Russin Maria Höfgen, Erwin: 1 Polin Helene Kurek (s. Aufzeichnung von Wendelin und Kopie der Sterbeurkunde) und 2 Polen Bauerngut Großmann, Martin: 1 Franzose (Erwin) Bauerngut Weber, Martin: 1 Pole (18 Jahre) 2 Russinnen Bauerngut Rüdiger: Bauerngut Odrich, Erna: 1 polnische Familie 1 Polin Bauerngut Körner, Armin: 1 Russe (Alex) 1 Franzose Bauerngut Wünsche: Mühle Eisold, Paul: Marika 1 Russe Sattlermeister Haufe, Kurt: 1 Belgier Georg genannt Schorsch Bäckerei Philipp: 1 Belgier Simon

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Die zwei belgischen Kriegsgefangenen Simon und Schorch Der „Silberborn“ in der Massenei Zur Versorgung der in den Kriegsjahren in der Massenei stationierten Wehrmachtseinheiten mit Wasser, wurden diverse Bohrungen durchgeführt. Dabei stieß man auf zwei benachbarte Quellen, wovon die Größere zum sogenannten „Silberborn“ und die Kleinere zum „Erlborn“ ausgebaut und später dann nach dem Krieg bis zur Besetzung durch die Volks- bzw. Sowjetarmee frei zugängig war.

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Die Bilder zeigen die Zustände um 1955/57 und 2013. Glocken der Seeligstädter Kirche Im Verlauf dieses Krieges gingen der Munitionsindustrie langsam die Rohstoffe aus und überall im Land begann man mit der Suche nach Bronze. Ein großes Reservoir bildeten hierbei natürlich die vielen Kirchenglocken, so auch die von Seeligstadt. Es handelte sich dabei um zwei Bronzeglocken aus dem Jahre 1921 mit einem Gesamtgewicht von 478 kg. Pfarrer Wendelin schreibt dazu in seiner Chronik u. a. : „Am 15.2. (1942) müssen wir im Gottesdienst abschiednehmend der beiden großen Bronzeglocken gedenken. Und als dann am Aschermittwoch, den 18.2., die Glocken in den noch immer tiefen Schnee herabgelassen werden, da steht

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eine große Zahl Zuschauer schmerzlich bewegt dabei. Das dt. Reich hat die künftige Vergütung und Wiederherstellung nach dem Kriege übernommen. Aber ....“ Das Geläut wurde nach dem Krieg in Apolda neu gegossen und am 13.04.1952 (Ostern) unter Beteiligung der ganzen Gemeinde feierlich geweiht.

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Erste gefallene Seeligstädter In den Jahren 1941/42 waren leider auch erste Gefallene aus Seeligstadt zu beklagen, deren Zahl sich lt. Martin Burkhardt bis Kriegsende auf 55 erhöhte. Dazu schrieb Pfarrer Wendelin in seiner Chronik: „Ende Oktober (1941) machte sich die Anfertigung von Ge- fallenentafeln nötig“ und beschreibt weiter die Verfahrensweise nach Eintreffen der Verlustmeldung: „Die Feier selbst wird in den üblichen Sonntagsgottesdienst eingebaut. Die Gemeinde erhebt sich zum Gedenken. Der Name des Gefallenen, der auf der Gedenktafel steht, wird in der Kirche der Heimat gerufen, ein Trostvers gelesen und zum stillen Gedenken aufgefordert. Währenddessen erklingt leise „Der gute Kamerad“. Vorher wurden Kränze niedergelegt, von denen nur einer für den Gefallenen in der Kirche belassen werden darf.“

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Herbert Herrguth war einer der Ersten Seeligstädter Gefallenen. Munitionslager Massenei Im Winter 1944/1945 diente die Massenei als Munitionsdepot. Zwischen Bahnhof Großharthau und bestimmten Waldgebieten der Massenei erfolgten umfangreiche Munitionstransporte in beiden Richtungen. Hierzu waren alle diesbezüglichen Waldwege gesperrt, ein Betreten der betroffenen Gebiete war strengstens untersagt. Wenige Wochen vor Kriegsende, am 17.04. beginnt der Belgier Philipp mit Hilfe von russischen Gefangenen die ersten Munitionslager abzubauen. Gerda Groschwald schreibt: „Am 19.04. wir hören schon die Front, als wir Schinken ausgraben. Nachts gibt es auf einmal einen großen Knall. Ilse (Odrich) steht auf und weckt alle mit dem Rufe Sie sind da ! Alle setzten sich angezogen in die Stube, da kommt der Chef herein (William Bellmann) und sagt „Geht nur wieder ins Bett, man hat nur ein Munitionsdepot gesprengt“. Zum Abtransport blieb keine Zeit mehr, die russischen und polnischen Truppen waren bereits ganz nah. Die letzten

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Deutschen Soldaten verliesen das Munitionsdepot am 22.04. und rücken ab. Im Wald sind noch heute die Narben der Sprengungen zu sehen, so u.a. in der Nähe vom ehemaligen Asylantenheim. Im Januar 1945 lagen große Mengen grob geschnittenes Lametta, „Silberstreifen“ genannt, auf Wiesen, Feldern und im Wald, abgeworfen von feindlichen Flugzeugen, um die deutschen Radaranlagen zu stören. Den Kindern wurde verboten die Silberstreifen auch nur anzufassen. Auch Flugblätter mit Informationen zur Lage an den Fronten und Hinweisen zum Verhalten bei Einmarsch von gegnerischen Truppen wurden gefunden. Für die Sammlung und Beseitigung der Flugblätter wurden insbesondere ältere Schüler eingesetzt. Flüchtlinge aus den Ostgebieten Seit Januar 1945 waren immer wieder Familien aus den Ostgebieten in Seeligstadt eingetroffen, die hier untergebracht werden mussten. Von Woche zu Woche steigerte sich dieser Flüchtlingsstrom. Lange Wagenkolonnen kamen in das Dorf manche blieben hier, andere zogen weiter. Damit

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kam Seeligstadt nahe an den Rand seiner Unterkunftsmöglichkeiten. Hans-Peter Bruneker berichtet darüber in seiner Familienchronik „Unsere Ahnen „: „Um den 20. Januar herum holte mein Großvater Kurt Haufe vom Bahnhof Arnsdorf mit den Pferdewagen 7 Verwandte meines Vaters ab, die am 16. Januar aus Ihrer Heimatstadt Lodz geflüchtet waren, und brachte sie zunächst notdürftig auf Decken und Strohsäcken in der Werkstatt der Sattlerei unter. Darunter war auch meine Großmutter Ida Batz väterlicherseits und meine hochschwangere Tante Olga Bruneker mit ihren 2 Töchtern Alice und Inge. Zwei Tage später kamen noch einmal 2 Verwandte aus Lodz. Ein Teil davon wurde später im Ort untergebracht. So z.B. meine Tante Martha Terschmann mit Mann bei Bauer Martin Großmann und meine Tante Olga Bruneker mit Familie im Schullandheim.“

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Eine Polin in Seeligstadt Die polnische Gefangene Helene Kurek war in Seeligstadt sehr beliebt, ihr Grab wird noch heute gepflegt. Zum Tod der Polin Helene Kurek schreibt Pfarrer Wendelin in seiner Chronik auf Seite 51: „Am 06.02.habe ich in Seeligstadt ein polnisches Mädchen zu beerdigen. Sie war über 3 Jahre treue Magd bei Bauer Höfgen gewesen. Von einem Polen war sie geschwängert. Zur Schwangerschaftsbeseiti-gung musste sie nach Pirna. Daran ging sie zugrunde. Leichenpass Helene Kurek Tod durch Lungenentzündung ! Welch grauenhafte, organisierte Blutschuld um einer polit. Idee willen. Wenn Gott diese Sünden heimsucht!! Die Beerdigung war insofern ein Ereignis, als begreiflicherweise kein

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