Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (82)

 

Embed or link this publication

Description

Der Erste Weltkrieg in der Kunst, Deutsch-Griechische Beziehungen, 70 Jahre Oradour

Popular Pages


p. 1

www.gegen-vergessen.de 82 / September 2014 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen Der Erste Weltkrieg in der Kunst weitere Themen: ■ Deutsch-Griechische Beziehungen ■ 70 Jahre Oradour

[close]

p. 2

Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie, liebe Freundinnen und Freunde, es ist in diesem Jahr schon viel geschrieben worden über den Ersten Weltkrieg, über diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ mit mörderischen Schlachten, in denen fast 10 Millionen Soldaten den Tod fanden und weitere 20 Millionen verwundet wurden. Viele Kriegsteilnehmer blieben fürs Leben gezeichnet, körperlich und seelisch. Landstriche wurden in von Granaten zerklüftete Kraterlandschaften verwandelt. Und zum ersten Mal wurde in einem Krieg Giftgas als tödliche Waffe eingesetzt – von Deutschen. In unserer Zeitschrift betrachten wir den Ersten Weltkrieg dieses Mal aus einer kaum wahrgenommenen Perspektive, nämlich aus der von Malern und Grafikern, die das Grauen des Krieges erlebten und künstlerisch verarbeiteten. Es sind sehr beeindruckende Bilder und Grafiken, die ab dem 27. September 2014 in der Kunsthalle Aschaffenburg gezeigt werden. Der Erste Weltkrieg veränderte die Gesellschaften und Staaten Europas nachhaltig. Die gemeinsame Erinnerung an den kollektiven Albtraum des Ersten Weltkrieges, seine Ursachen und Auswirkungen ist deshalb unverzichtbarer Bestandteil des europäischen Integrationsprozesses. Trotz aller Unterschiede in den nationalen Gedenkkulturen gilt die grundsätzliche Überzeugung: Europa ist heute mehr als eine Zwangsgemeinschaft zur Lösung aktueller finanz- und wirtschaftspolitischer Probleme. Wir denken in diesem Jahr aber nicht nur an den Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren, sondern auch an den deutschen Überfall auf Polen, mit dem am 1. September vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg begann. Schon der völkerrechtswidrige Angriff auf Polen war der Auftakt zum Vernichtungskrieg. Bereits im September 1939 verübten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD und Angehörige der Wehrmacht teils planmäßig, teils spontan Massenmorde an polnischen Intellektuellen, Priestern, Gewerkschaftern, Adligen und Juden. In allen von NSDeutschland besetzten Ländern wurde die Bevölkerung massiv unterdrückt, jeglicher Widerstand wurde mit Erschießungsaktionen und Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung beantwortet, wie das Beispiel Griechenland zeigt. Im Zuge des Krieges fand auch das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte statt – der Mord an den europäischen Juden. Aber auch andere Bevölkerungsgruppen fielen dem rassistischen Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten zum Opfer, z. B.: Sinti und Roma, Slawen, Patienten von Heilanstalten und russische Kriegsgefangene. Wir erinnern in diesem Jahr aber auch daran, dass es in NSDeutschland Widerstand gegen Hitler und seine mörderischen Pläne und Taten gab. Am 20. Juli vor 70 Jahren scheiterte das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler und damit der bedeutendste Umsturzversuch des militärischen Widerstandes in der Zeit des Nationalsozialismus. Und es gab nicht nur die Widerstandskämpfer des 20. Juli, sondern auch viele andere, die versuchten, dem NS-Regime entgegenzutreten, entweder offen oder versteckt. Manche von ihnen verbreiteten Informationen ausländischer Rundfunksender, druckten Flugblätter und verteilten sie. Andere, die wir heute als „stille Helden“ ehren, halfen verfolgten Juden, Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern. Diese Beispiele machen Mut für eigenes Handeln, für Zivilcourage. Auch die friedliche Revolution des Jahres 1989, an die wir uns in diesem Herbst noch oft und mit Freude erinnern werden, ermutigt uns. Diesen hoffnungsvollen Mut brauchen wir aber auch, wenn wir auf die Krisenherde in Europa und der Welt schauen. Wir wollen aber nicht vergessen, dass in der Vergangenheit viele europäische Länder Hürden überwinden mussten und dass dies oft gelungen ist. Das Wissen um vergangene Erfolge sollte für die Zukunft genutzt werden. Der Aufbau und die Entwicklung von Demokratien ist ein Projekt, das Europäer verbindet. Für uns heißt das, aus der Geschichte, für ein demokratisches Europa zu lernen. Ihr Wolfgang Tiefensee Die diesjährige Mitgliederversammlung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V. findet am Samstag, dem 22. November 2014 in Leipzig statt. In diesem Jahr wurde auf Wunsch vieler Mitglieder die Zeit für die Mitgliederversammlung deutlich verlängert. Wir werden diese im Zeitraum von 10.30 Uhr bis 17.00 Uhr im Neuen Rathaus Leipzig durchführen. Der Preis „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ und der Waltraud Netzer-Jugendpreis werden ebenfalls am 22. November 2014 verliehen werden. Die festliche Preisverleihung beginnt um 19.00 Uhr und endet um 20.30 Uhr. Wir freuen wir uns sehr, wenn Sie im Anschluss daran noch mit uns gemeinsam den Abend bei einem Glas Wein ausklingen lassen. Am Sonntag, dem 23. November 2014 laden wir Sie herzlich ein, die Stadt Leipzig zu erkunden. Ein zeitgeschichtlicher Rundgang mit dem Vorsitzenden, Führungen durch das Zeitgeschichtliche Forum oder ein Besuch des Schulmuseums Leipzig werden als fakultatives Programm von der Geschäftsstelle organisiert. Selbstverständlich können Sie auch gerne selbst die Stadt Leipzig erkunden oder einen Gottesdienst besuchen. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014

[close]

p. 3

Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Der Erste Weltkrieg im Spiegel expressiver Kunst Ein Preis und seine Folgen Eine moralische Verpflichtung dem ganzen griechischen Volk gegenüber Handwerkliche Arbeit als Teil der Erinnerungskultur Zivilgesellschaftliches Versöhnungsengagement in Oradour-sur-Glane European Destiny – Europas Aufgaben in der Welt Was tun, bevor es brennt! Aus unserer Arbeit Die Geschichte von Demokratie und Partizipation RAG-Sprechertreffen 2014 in Frankfurt RAG Baden-Württemberg, Sektion Nordbaden: Karlsruhe erinnert RAG München: Buchvorstellung „Dies ist mein letzter Brief …“ Eine Münchner Familie vor der Deportation im November 1941 RAG Baden-Württemberg, Sektion Nordbaden: „Heute wollen wir nicht mehr Helden sein“ RAG Baden-Württemberg, Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen: Der Geburtstag des freien Europas RAG Rhein-Main, Sektion Südhessen: Überleben trotz allgegenwärtigen Sterbens: Die Blockade von Leningrad RAG Baden-Württemberg, Sektion Südbaden: Dora Lux: Durch zivilen Ungehorsam und Glück überlebt Namen und Nachrichten Handwerksmagazin für Bürgerengagement Der Zeitzeuge Peter Gardosch Appell zur Anerkennung der Zwangssterilisierten und „Euthanasie“-Geschädigten als NS-Verfolgte Zwangsarbeit. Die Zeitzeugen-App der Berliner Geschichtswerkstatt Mit Comic-Figuren durch die Stadtgeschichte Buchempfehlung Ernst-Jürgen Walberg bespricht – eine Sammelrezension: Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs. Über den Feldern. Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur. 42 37 38 39 40 41 22 24 26 28 30 31 33 35 4 8 10 13 15 18 20 Beitrittserklärung 45 Vorstand | Impressum 46 Adressen RAG 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014 3 Inhalt

[close]

p. 4

Thema Jürgen Vits Der Erste Weltkrieg im Spiegel expressiver Kunst Eine bemerkenswerte Ausstellung in Aschaffenburg „Ach, ihr hattet es gut, ihr Nolde, Heckel, Kirchner. Alle jene, die vor dem Krieg schon fest im Sattel saßen und sich bewiesen hatten, die nicht nur Zukunft hatten, sondern schon die Gegenwart besaßen und nach dem Krieg nur wieder anzuknüpfen brauchten, nur weiterzugehen brauchten auf dem eingeschlagenen Weg! Uns aber hat man den Pokal mit dem herrlichsten Wein vom Munde weggeschossen. Unsere energiegeladene Jugend hat man geknebelt, versklavt und zermürbt. Man hat uns zur Verzweiflung getrieben und uns jeden Funken aus dem Schädel geknallt.“ (Otto Pankok, Stern und Blume, Düsseldorf, 1930, S. 11 f.) Vor genau 100 Jahren, im August 1914, begann der Erste Weltkrieg, der im Rückblick vielfach auch als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts gewertet wird. Anders als in Frankreich oder Belgien wurde dieser erste große Massenkrieg im kollektiven Gedächtnis der Deutschen von den Erfahrungen der NS-Diktatur, des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust überlagert und trat somit lange Jahre in den Hintergrund der Erinnerungsarbeit. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Untergang brüchig gewordener Herrschaftssysteme wie dem deutschen Kaiserreich, der Habsburger Vielvölkermonarchie sowie dem russischen Zarenreich endete das 19. Jahrhundert. Nach heutigem Erkenntnisstand waren bis Kriegsende circa 20 Millionen militärische und zivile Opfer sowie etwa 21 Millionen Verwundete und Kriegsversehrte zu beklagen. Fritz Fuhrken meldete sich als Kriegsfreiwilliger zunächst an die russische Front, wurde dann ab Dezember 1917 an der Westfront eingesetzt, wo er im August 1918 an der Somme in englische Kriegsgefangenschaft geriet. Er wurde zum Regimentszeichner ernannt und hielt seine Eindrücke in Tagebuchaufzeichnungen und Skizzen fest. Sein Aquarell „Kanonenschlag“ entstand um 1918. 4 Die Bildrechte für die abgebildeten Werke liegen bei den Erben bzw. Rechtsnachfolgern der Künstler. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014

[close]

p. 5

Der Künstler Paul Klee als Soldat. Ein direkter Fronteinsatz blieb ihm erspart. Foto von 1916. Entdeckungen in Aschaffenburg Anlässlich des 100. Jahrestages erinnern in diesem Jahr zahlreiche Medienbeiträge, Publikationen und Ausstellungen vor allem in Deutschland, Frankreich und Belgien an die damaligen Ereignisse. Eine überaus sehenswerte und lehrreiche Kunstausstellung zum Ersten Weltkrieg ist nun – als dritte und letzte Station einer Wanderaus- stellung – vom 27. September 2014 bis zum 11. Januar 2015 in der Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg zu bestaunen. Die Ausstellung trägt den programmatischen Titel „Der Erste Weltkrieg im Spiegel expressiver Kunst – Kämpfe, Passionen, Totentanz“. Aus der umfangreichen Kunstsammlung Gerhard Schneider sowie aus mehreren Künstlernachlässen werden über 200 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Grafiken deutscher Künstler gezeigt, die vor Beginn der Wanderausstellung zu einem großen Teil noch niemals der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Profil der Ausstellung Im Katalog zur Ausstellung erläutert der Sammler und Kurator Dr. Gerhard Schneider die Auswahl der gezeigten Kunstwerke (S.  10): „Die Ausstellung […] hat dahingehend ihr eigenes Profil, als sie sich vorzugsweise auf Kriegsdarstellungen während und nach dem Krieg von 1914 bis 1918 konzentriert, die maßgeblich unter dem Einfluss der Moderne, vor allem expressionistischer Gestaltungsprinzipien, entstanden sind. Hinzu kommt, dass ich mittlerweile über zweieinhalb Jahrzehnte eine Kunstsammlung aufgebaut habe, die weniger die großen Namen, die Begründer des Aufbruchs in die Moderne, in den Blick gerückt hat. Viel stärker haben mich » Das expressive Temparagemälde „Überraschender Handgranatenüberfall“ von Otto Fischer-Trachau, 1916 gemalt. Fischer-Trachau war im Ersten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter eingesetzt. Die Ausstellung zeigt neben Gemälden und Aquarellen auch zahlreiche Zeichnungen und Grafiken. Viele stellen das Grauen des Grabenkampfes dar, aber einige beschäftigen sich auch mit den Folgen des Krieges, z. B. mit dem Schicksal der Kriegsversehrten. Abbildungen (v.l.n.r.): „Soldat im Stacheldraht“, Heinrich Steinhagen, Tusche, um 1915/16; „Sturm“, Evarist Adam Weber, Holzschnitt, 1915; „Massengrab“, Franz M. Jansen, Holzschnitt, um 1916/1917; „Soldaten in Gasmasken“, Heinrich Stegemann, Lithographie, 1937; „Die neue Gesellschaft / Blatt 3“, Ottomar Starke Lithographie, 1916 Foto: N.N. | wikipedia Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014 5 Thema

[close]

p. 6

Thema » überzeugende Leistungen der jüngeren Generation der Moderne interessiert. Diese zweite Generation hatte es ungleich schwerer, nach den Vorstellungen einer ‚entarteten Kunst‘ im ‚Dritten Reich‘ wieder Anerkennung zu finden, als dies ihren ‚expressionistischen Vätern‘ vergönnt war. Die Jüngeren hatten sich noch keinen anerkannten Namen machen können, waren aber in gleicher Weise unter die Mühlsteine der Ausgrenzung und Zerstörung der Femeaktionen der Nazis geraten.“ Der Erste Weltkrieg im Spiegel der Kunst Viele Intellektuelle und Künstler in den kulturellen Zentren Europas hatten bereits in der Vorkriegszeit ihr Unbehagen an den gesellschaftlichen Zuständen artikuliert. Gleichzeitig hatten sich zahlreiche von ihnen international vernetzt, worauf die ebenfalls grenzüberschreitend wirkenden Kunsthändler, Museumsdirektoren und Sammler einen maßgeblichen Einfluss hatten. Dann folgte im August 1914 der Bruch. Viele Künstlergruppen lösten sich auf. Wenige Wochen nach Kriegsausbruch schrieb Thomas Mann die Worte „Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung“ (Thomas Mann: Politische Schriften und Reden. Bd. 2. Frankfurt am Main 1968, S. 10). Nicht wenige Schriftsteller und Künstler empfanden ähnlich. Auf deutscher Seite meldeten sich Franz Marc, Max Slevogt, Otto Dix und Max Beckmann im Überschwang nationaler Gefühle freiwillig für den Fronteinsatz. Sie begrüßten zunächst den Krieg als reinigende Kraft Das kubistische Aquarell „Zerstörte Stadt“ des expressionistischen Malers und Grafikers Fritz Fuhrken, entstanden 1918. Fuhrken nahm sich am 18. Juli 1943 in Nordfrankreich das Leben, weil er den Einsatz als deutscher Soldat im Zweiten Weltkrieg nicht länger ertrug. und hofften, dass ihnen die existenziellen Erfahrungen neue Inspirationen für ihr Schaffen geben würden. Bedeutende Maler wie Max Liebermann oder Lovis Corinth stellten sich zu Anfang sogar in den Dienst der Propaganda. Über viele Jahrhunderte wurden in der bildenden Kunst Kriegsszenen dargestellt, um glorifizierend an große Feldzüge, Siege und Kriegshelden zu erinnern. Mit dem Gemetzel in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs sollte sich dies ändern: Der Frontsoldat wurde zu Kanonenfutter und Menschenmaterial erniedrigt. Auf den schier endlosen Stellungskrieg waren die Kriegsfreiwilligen nicht vorbereitet. An der Front erwarteten sie weder Abenteuer noch Heldentaten, sondern Hitze, Kälte, Nässe, Hunger, Schlachtenlärm, Verwundung und Tod. Fotografiert wurden damals eher kameradschaftliche Szenen im Hinterland der Fronten, die für die Angehörigen in der Heimat zumutbar und tröstlich waren. Es war zudem kaum möglich, dramatische Momente an der Front mit der Kamera einzufangen. Mit Zeichenstift und Pinsel ließen sich dagegen unmittelbar und subjektiv sinnliche Eindrücke in düsteren Farben, starken Hell- Dunkel-Kontrasten und drastischen Verzerrungen festhalten: Explodierende Granaten, zerrissene Leichen in Stacheldrahtverhauen, brennende Städte, gemarterte Landschaften. Mit den Ausdrucksmitteln des Expressionismus und Kubismus wie expressiver Steigerung, Deformation und formaler Vereinfachung konnten die Künstler bedrohliche und dynamische Kriegsszenen sowie elementare Erfahrungen von Tod und Entmenschlichung mit schonungsloser Unmittelbarkeit darstellen. Der Maler Ludwig Meidner, der mit seinen apokalyptischen Landschaften Endzeitbilder schuf, die bereits vor dem Krieg das drohende Unheil in prophetischer Weise vorwegnahmen, gilt heute in der Kunstgeschichte als visionärer Mahner. Unbestritten ist auch die Bedeutung des Künstlers Otto Dix, des wahrscheinlich wichtigsten malenden Chronisten des Ersten Weltkrieges. Seine Darstellungen der menschenverachtenden Unerbittlichkeit des Krieges gehören ebenfalls zum kulturellen Gedächtnis. Der Erste Weltkrieg wurde in vielen Biografien dieser Generation zur prägenden Grenzerfahrung. Das Schaffen der meisten Künstler, die den Ersten Weltkrieg er- Willibald Krain, Gebet um Sieg, Farblithographie, 1916 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014

[close]

p. 7

Werke lassen sich drei wesentlichen Motivgruppen zuordnen: Kriegswirklichkeit, Kriegsopfer sowie Kriegstrauer. Die Bilder mögen dem Leser einen ersten Eindruck von der sehenswerten Ausstellung verschaffen. Geschichts- und Kunstinteressierte sollten sich die Präsentation nicht entgehen lassen. Dort kann der Betrachter anhand zahlreicher nachdenklich stimmender Kunstwerke und Künstlerbiografien emotional und konkret nachvollziehen, was Krieg tatsächlich bedeutet. Nach dem Ersten Weltkrieg fand die kriegskritische Kunst kein nennenswertes Publikum. Es sollte sehr bald eine weitaus größere Katastrophe folgen. Wie die Ereignisse der letzten Monate leider zeigen, leben wir auch heute nicht frei von Bedrohungen für den Frieden in Europa. ■ Das Temparagemälde „Unbeerdigte Tote auf dem Schlachtfeld“ von Waldemar Flaig stammt aus seinem „Kriegstagebuch in Bildern“, das er als Kriegsteilnehmer in den Jahren 1915 bis 1918 führte. leben und erleiden mussten, sollte nach der existenziellen Erschütterung in den Schützengräben mehrere Phasen durchlaufen: Traumatisierung, Verarbeitung, Verdrängung und Verfemung. Das eigene Erleben des mechanisierten und entmenschlichten Massenkriegs sowie die häufig lange währende Konfrontation mit Tod und Zerstörung wirkten traumatisierend bis weit über die Kriegszeit hinaus. Viele wandelten sich von Kriegsbegeisterten zu Kriegsgegnern und entwickelten die Vision einer gewaltfreien Welt und eines neuen, geläuterten Menschen. Mit ihren Werken der Verarbeitung wollten sie vor einer Wiederholung des Wahnsinns warnen. Doch schon bald wurden sie in der Weimarer Republik von nationalkonservativen Kreisen als Beschmutzer der nationalen Ehre diffamiert und aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Schließlich wurden viele ihrer kritischen Arbeiten in der NS-Zeit als „entartet“ verfemt, beschlagnahmt und vernichtet. Geschichtsvermittlung durch Kunst In jüngster Zeit sind mehrere lesenswerte historische Abhandlungen zum Ersten Weltkrieg erschienen, die anhand der neuesten Forschung die Kriegsentstehung und den Kriegsverlauf aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Dabei wurden mitunter neue Thesen entwickelt, die die öffentliche Debatte zu den Ursachen und Folgen des Ersten Weltkriegs deutlich belebt haben. In einem Befund besteht Einvernehmen: Die politischen, diplomatischen und militärischen Eliten hatten damals in weiten Teilen versagt. Bereits vor der militärischen Mobilmachung war das politische und kulturelle Klima durch eine geistige und propagandistische Mobilmachung vergiftet. Die kritische Bildkunst zum Ersten Weltkrieg, von zeitgenössischen Künstlern geschaffen, heute wiederentdeckt und präsentiert, ermöglicht einen alternativen Zugang zur Geschichte: Dank der einzigartigen Ausdrucksmöglichkeiten der modernen Kunst zeigen uns die hinterlassenen Kunstwerke das wahre Antlitz des Krieges. Die eindrucksvolle Ausstellung in der Kunsthalle Jesuitenkirche präsentiert in großer Vielfalt und hoher Qualität insbesondere Arbeiten aus der Hand wenig bekannter oder nahezu in Vergessenheit geratener Künstler. Die Exponate aus der Kunstsammlung Gerhard Schneider und den von ihm gesichteten Künstlernachlässen sind überwiegend bereits während der Kriegszeit entstanden. Die im Rahmen dieses Artikels exemplarisch abgebildeten Begleitend zur Ausstellung ist ein informativer Katalog mit wissenschaftlichen Aufsätzen und zahlreichen Abbildungen erschienen. Der Erste Weltkrieg im Spiegel expressiver Kunst Kämpfe Passionen Totentanz. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider und aus Künstlernachlässen Broschiert, 280 Seiten, ca. 300 überwiegend farbige Abbildungen ISBN 978-3-939775-40-9, 25,00 € Besucherinformationen: www.museen-aschaffenburg.de Jürgen Vits ist Mitglied der Gesellschaft zur Förderung verfemter Kunst e. V. sowie Mitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., Regionale Arbeitsgruppe Rhein-Main. Der Verfasser dankt Dr. Gerhard Schneider für die Bereitstellung der Fotos. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014 7 Thema

[close]

p. 8

Thema Friedhelm Boll Ein Preis und seine Folgen Reiseeindrücke aus Kalavryta, Distomo und Athen Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V. hat sich die Verbesserung der deutsch-griechischen Beziehungen insbesondere im Feld der Erinnerung an die Gräuel der NS-Zeit zur Aufgabe gemacht. Nach ersten Kontakten im Jahre 2012 konnten wir im Herbst 2013 den Waltraud-NetzerJugendpreis an drei Schulen in Griechenland vergeben. Die Deutsche Schule Athen (DSA) sowie die beiden Lyzeen in den Märtyrerstädten Distomo und Kalavryta wurden für ihre vorbildliche Versöhnungsarbeit mit dem Preis ausgezeichnet und anlässlich der Jahresversammlung 2013 in Berlin geehrt. Die beteiligten Schulen führen seit rund zehn Jahren jährlich Begegnungswochen der Jahrgangstufe 10 durch, bei der die traumatische Vergangenheit beider Städte gemeinsam mit deutschen, deutsch-griechischen und griechischen Schülerinnen und Schülern vergegenwärtigt und didaktisch klug aufgearbeitet wird. Welche Folgen hatte diese Ehrung? Darüber konnte ich mich bei Besuchen in beiden Städten informieren. Als Mitglied des Vorstands habe ich seitdem (mit starker finanzieller Unterstützung der FriedrichEbert-Stiftung) die beiden Märtyrerstädte jeweils zum 70. Jahrestag der NS-Massaker besucht und mit einer ganzen Reihe von Betroffenen ausführliche Gespräche und Interviews geführt. In Kalavryta stellt sich die Lage insofern als äußerst schwierig dar, weil der zuständige Gymnasiallehrer seine Mitarbeit am Projekt eingestellt hat. Er und seine Familie wurden ernsthaft bedroht, vermutlich von links- wie von rechtsextremen Kräften, so dass er die Mitarbeit aufgeben musste. Auch konnte der Preis an seine Schule nicht übergeben werden. Die politisch aufgeheizte Lage zeigte sich anlässlich der Gedenkfeier im Dezember 2013 zum 70. Jahrestags des Massakers, als mehrere Transparente an der städtischen Schule darauf hinwiesen, dass mit der Finanzkrise die Weltbank und Deutschland wiederum (symbolisch) Bomben auf die Stadt abwerfen. Auch in Distomo ist die Atmosphäre aufgeheizt. Überlebende des Massakers vom 10. Juni 1944 beklagen, keinerlei Entschädigung erhalten zu haben; ihre Anträge wurden bis zu den obersten europäischen Gerichten erfolglos durchgekämpft. Umso wichtiger ist hier die Versöhnungsarbeit der Schulen in Distomo und Athen. Bestärkt durch unsere Preisvergabe, stellten Schülerinnen und Schüler beider Schulen in diesem Jahr ein besonders ambitioniertes Projekt auf die Beine. Sie realisierten ein szenisches Zeitzeugengespräch der Schüler des DSA und des Lyzeums in Distomo mit Argyris Sfoundouris, der als Vierjähriger das Massaker von Distomo überlebte, aber seine Eltern und weitere 30 Familienangehörige verlor. Theater, bei dem das Leben von Kindern im Krieg im Mittelpunkt stand. Mit Texten von einschlägigen Literaten, Zeitungen, Zeitzeugenberichten und Schülerarbeiten wurde, untermalt durch die Musikgruppe, ein fast zweistündiges Programm zusammengestellt. Aufwendiges Bühnenbild, Licht- und Bildinstallationen sowie die sorgfältig ausgewählten Musikbeiträge der Schüler begleiteten die szenische Lesung der Schülerinnen und Schüler. Lehrerinnen und Lehrer des Deutsch-, Geschichts-, Kunst- und Musikunterrichts hatten sich dafür zusammengefunden, die unter der Leitung eines professionellen Regisseurs, Martin Scharnhorst, arbeiteten. Initiatorin des Projekts an der DSA war Regina Wiesinger, an der Schule in Distomo war Vasiliki Karanasou für das Projekt zuständig. Die musikalische Leitung hatte Frau Dr. Marianne Danner und für das Bühnenbild war Frau Charlotte Enzmann zuständig. Herr Martin Voit leitete die Textrecherche. Ort der Aufführung in Distomo war das repräsentative Amphitheater des Mausoleums, wo die Leichen der ermordeten und oft grausam verstümmelten Opfer, darunter sehr viele Kinder, beerdigt sind. Die 1.500 € Preisgeld des Waltraud-Netzer-Jugendpreises, die von Dr. Nikolaus Netzer gespendet wurden, bildeten den Grundstock des Theaterprojektes. Dieses Geld konnte durch Zuschüsse des Auswärtigen Amts und der Deutschen Schule Athen auf 10.000 € aufgestockt werden. Eine derart erfolgreiche Vermehrung des Preisgeldes ist schon beachtenswert. Foto: Friedhelm Boll 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014

[close]

p. 9

Fotos: privat Vorstandsmitglied Friedhelm Boll an der Gedenkstätte in Distomo am 70. Jahrestag des Massakers vom 10. Juni 1944. Wichtiger jedoch war die Aufführung selbst, die von der Bevölkerung in Distomo mit großer Zustimmung aufgenommen wurde. Die beiden Schulen haben mit dieser Aktivität ihr Versöhnungsprojekt auf eine neue Stufe gehoben: War bisher der schulinterne Besuch der deutschen Schüler im Lyzeum Distomo der Hauptaspekt der Begegnung, so traten beide Schulen nun in der lokalen Öffentlichkeit auf und wurden zu einem neuen Element der Erinnerungskultur. Dass sie von den beiden Schulleitungen, von der deutschen Botschaft sowie vom örtlichen Bürgermeister in ihrer Arbeit gelobt und unterstützt wurden, zeigt die neue Dimension ihrer Arbeit. In beiden Städten war beabsichtigt, einen Kranz im Namen von Gegen Vergessen  – Für Demokratie niederzulegen und ein Schreiben an die beiden Bürgermeister zu übergeben. Dies gelang in Kalavryta angesichts der hohen Zahl von Delegationen aus ganz Griechenland nicht. Nur der Brief und ein Buch über Ludwig Gehm, Mitbegründer unserer Vereinigung und Mitkämpfer im griechischen Widerstand, konnte übergeben werden. In Distomo je- che aus deutsch-griechischen Familien stammende Schüler in der Vorbereitung auch nachdenkliche oder gar befangene Fragen gestellt: Werden wir angefeindet werden? Komme ich an diesen Ort als Grieche, weil ein Teil meiner Eltern Grieche ist? Werde ich dort Wut wegen der Nazi-Verbrechen empfinden? Oder wird eher Scham meine Empfindungen beherrschen, weil ich ja auch deutsche Wurzeln habe? Diese und ähnliche Fragen standen im Mittelpunkt der internen Vorbereitung. Die umfangreichen didaktischen Materialien zu diesen Projekten sind wert, veröffentlicht zu werden, weil sie auch für andere grenzüberschreitende Begegnungsprojekte von Nutzen sein können. Die Theateraufführung des Begegnungsprojektes im Amphitheater des Mausoleums von Distomo. doch ist unsere Vereinigung nicht zuletzt auf Grund unseres Preises hoch angesehen, sodass ich vom Bürgermeister eingeladen wurde, einen der von der Stadt vorbereiteten, vollkommen identischen Kränze niederzulegen. Im Nachgespräch zeigten deutsche wie griechische Schülerinnen und Schüler eine große Begeisterung sowohl für die Teilnahme an diesem Projekt, als auch für das didaktische Engagement der beiden Schulen. Selbstverständlich haben man- Die Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützte diese Reise u.a. dadurch, dass sie den Berichterstatter zu einem Kontaktgespräch mit deutschen und griechischen Historikern, Geschichtsdidaktikern und Journalisten einlud, das der Problematik einer griechisch-deutschen Schulbuchkommission gewidmet war. Die Ergebnisse der Beratung werden zur Zeit mit einschlägigen Repräsentanten weiterberaten. ■ Prof. Dr. Friedhelm Boll ist Vorstandsmitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014 9 Foto: Friedhelm Boll Gesten der Versöhnung: Buchübergabe an den Bürgermeister in Kalavryta. Thema

[close]

p. 10

Thema Markus Bauer Eine moralische Verpflichtung dem ganzen griechischen Volk gegenüber Interview mit dem deutschen Botschafter in Griechenland a.  D. Wolfgang Schultheiß Dr. Wolfgang Schultheiß war von 2005 bis 2010 deutscher Botschafter in Griechenland. Am 5. Juni 2014 nahm er an der Podiumsdiskussion „Gemeinsam erinnern – ein Weg aus der Krise?“ teil, die Gegen Vergessen – für Demokratie e.  V. gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin durchführte. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Opfer des deutschen Vernichtungskrieges im Osten“ statt, die in Kooperation mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V., dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas durchgeführt wird. Neben WolfDie Beziehungen zwischen Griechenland und Deutschland waren Jahrhunderte lang recht gut – bis zum Einmarsch der Wehrmacht im April 1941. Das war ein regelrechter Überfall. Hitler konnte nicht zulassen, dass die Truppen seines Verbündeten Mussolini von den Griechen zurückgeschlagen worden waren. Danach folgte eine grausame Besatzungszeit. 30.000 Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder, wurden ermordet. Die deutschen Besatzungstruppen vergolten mit solchen Massakern Partisanenaktionen der Griechen. Das war der absolute Tiefpunkt der Beziehungen. Und trotzdem schaffte es Deutschland auf der Beliebtheitsskala wieder ganz nach oben. Ja, die Griechen sind ein überraschend großherziges Volk. Griechenland war 1956 das erste Land, das den deutschen Bundespräsidenten zu einem Staatsbesuch empfing. Dann kamen die griechischen „Gastarbeiter“ nach Deutschland, vor allem aus den verarmten Gebieten, die von den deutschen Besatzern zerstört worden waren. Sie haben sich sehr gut integriert. Ab Ende der 60er Jahre, mit der Obristendiktatur in Griechenland, kamen viele politische Flüchtlinge nach Deutschgang Schultheiß nahmen, moderiert von der Journalistin Mosjkan Ehrari, Alexia Hack, Schülerin der Deutschen Schule Athen, Paraskevi Zapantiotou vom National Youth Network of Martyr Cities & Villages of Greece, Bundestagsmitglied Dr. Hans-Joachim Schabedoth und Prof. Dr. Friedhelm Boll, Vorstandmitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., an der Diskussion zur Zukunft deutsch-griechischer Erinnerungsarbeit teil. Der Journalist Markus Bauer interviewte Wolfgang Schultheiß einige Tage nach der Veranstaltung ausführlicher zu den griechisch-deutschen Beziehungen und seinen persönlichen Erfahrungen in Griechenland. Wir veröffentlichen das Interview in Auszügen: sident einbestellt, der seinem Ärger über die deutsche Presse Luft machen wollte. Das Gespräch blieb aber durchaus sachlich und eine gemeinsame Erklärung vor einem plötzlich auftauchenden Fernsehteam war zwar überraschend, aber gut und klärend für beide Seiten. Die deutsche Presse hat Griechenland nicht gerade zimperlich behandelt – umgekehrt genauso. Die mediale Schlacht hat mit der Stinkefinger-Venus von Milo auf dem Titelblatt des Focus im Februar 2010 begonnen. Die Zeile dazu lautete „Betrüger in der Euro-Familie“. Der Artikel hatte für einen land, die später hohe politische Ämter in ihrem Staat bekleideten, ich nenne nur den späteren Ministerpräsidenten Simitis und den heutigen Staatspräsidenten Papoulias. Das war die politische Besiegelung einer Versöhnung, die sich bereits gesellschaftlich angebahnt hatte. Heute sind die Beziehungen zwischen beiden Ländern arg lädiert. Als die Krise 2010 ausbrach, waren sie Botschafter in Athen. Wie haben Sie persönlich die Zeit erlebt? Ich war ja schon vier Jahre da, als es losging. Alle sind mir gegenüber freundlich geblieben. Ich habe mich nie bedroht gefühlt. Einmal hat mich der Parlamentsprä- In Griechenland ein immer noch aktuelles Thema: Die Entschädigung der griechischen NS-Opfer. Foto: Friedhelm Boll 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014

[close]

p. 11

Zeitschriftenbeitrag weitreichende Folgen: wegen möglicher Reaktionen in der Bevölkerung haben die Griechen selbst die Sicherheitsvorkehrungen vor der Botschaft verschärft. Ein Boykottaufruf deutscher Waren folgte. Die Reparationsfrage wurde wieder virulent und unsere Beliebtheitswerte rauschten in den Keller, von dem ersten auf den letzten Platz. Woher kamen plötzlich die Vorurteile? Das war und ist den meisten noch immer ein Rätsel. Für den plötzlichen Stimmungsumschwung in Deutschland spielte, glaube ich, eine Portion Enttäuschung, aber auch Selbstgerechtigkeit eine Rolle. Griechenland war im Bildungsbürgertum als Wiege der Kultur hochstilisiert worden. Die Deutschen waren jahrelang als Touristen nach Griechenland gefahren und hatten mit Ferienfreude Strände, das blaue Meer, alte Tempel und die im Kafenion sitzenden Griechen betrachtet. Man fand das schön und sympathisch. Als die Krise ausbrach, die dem deutschen Steuerzahler möglicherweise ans Geld ging, war es plötzlich in Mode, nur noch Fehlentwicklungen aufzuzeigen. Das war ebenso falsch wie vorher die kritiklose Begeisterung. Die Griechen sollten plötzlich so sein wie wir. Ein bisschen hätte das vor der Krise ja vielleicht geholfen; aber wer will schon als Feriengast von einem preußischen Griechen am Strand in Empfang genommen werden!? Griechenland ist ein Land mit hunderten, wenn nicht tausenden von Inseln. Man bewegt sich dort mehr über Wasser als bei uns. Plötzlich wurde aber an der beeindruckenden Zahl der Segelboote und Motoryachten in den Häfen Anstoß genommen. Ja sollten die denn innerhalb von drei Monaten alle verkauft werden? Manche Reaktion deutscher Besucher, die in der deutschen Presse Niederschlag fanden, waren schon reichlich naiv; man thematisierte vor allem Auswüchse. Und die Griechen sind halt auch in der Not weniger griesgrämig als wir Deutsche. Denken Sie an den nach der Katastrophe am Strand Sirtaki tanzenden Sorbas. Das versteht nicht jeder. Aber die Presse ist doch nicht verantwortlich für die miese Stimmung zwischen den Ländern? Nicht nur, aber auch, und zwar in erheblichem Maße. Die Bundesregierung hat es aber auch versäumt, in Griechenland ausreichend Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben und die Gründe für unser Zögern bei dem ersten Hilfspaket 2010 plausibel zu machen. Das hatte damals viel mit der No bail out-Klausel des EU-Vertrags zu tun, der eine schlichte Finanzhilfe an andere EU-Staaten verbot, und der Tatsache, dass Kläger schon Schlange standen, um jede Hilfe in Verletzung dieser Bestimmung vor dem Bundesverfassungsgericht anzufechten. Darüber, warum Schulden nicht einfach erlassen werden können, kann man ganze volkswirtschaftliche Vorträge halten. Und auch die Gründe, warum Griechenland die Bedingungen erfüllen musste, die mit den Krediten verbunden waren, hätten wir besser klarmachen können und müssen. Durch gute Öffentlichkeitsarbeit hätten wir falschen Vorstellungen entgegenwirken können. Wie würden Sie das Verhältnis heute beschreiben? Wir müssen zwischen der Regierung und der öffentlichen Meinung unterscheiden. Die öffentliche Meinung wird geprägt von der Presse. Die ist immer noch sehr kritisch gegenüber dem „Diktat“ der EU, und hinter der EU wird die Hand der Bundesregierung vermutet. Die Regierung weiß es besser. Aber sie sagt es nicht öffentlich, sie will ja wiedergewählt werden. Es ist natürlich verführerisch, Fehlentwicklungen auf andere zu schieben. Wobei ich nicht sagen will, dass der Mix der Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise immer richtig war. Aber es war auch eine in Europa ganz neue Situation, mit der die europäischen Regierungen erst einmal zurechtkommen mussten. lionen Euro für den dringend benötigten Investitionsfonds für mittlere und kleine Unternehmen, die das aktuelle Hilfsprogramm der Bundesregierung vorsieht, reichen bei weitem nicht, auch wenn man hofft, dass noch mehr Geldgeber dazukommen. Man braucht Milliarden. Die Griechen sind gute Geschäftsleute und ebenso ehrlich wie wir. Das Geld kriegt man zurück. Können Initiativen wie das deutsch-griechische Jugendwerk helfen? Das ist eine tolle Sache. An die Dimension des deutsch-französischen Jugendwerks kann es natürlich nicht heranreichen. Man muss sich genau überlegen, welche Projekte und Maßnahmen, die sich an der Größe und den Bedürfnissen Griechenlands und der bilateralen Beziehungen orientieren, verwirklicht werden können. Diesen Ansatz muss man energisch und mit guten Ideen nutzen. Er ist gut für die Griechen und auch für die Verbesserung unseres Verhältnisses zu ihnen. Was stellen Sie sich vor? Ein Jugendaustausch sollte dabei sein – ohne die finanzielle Beteiligung der griechischen Seite. Und die Vergabe von Stipendien und die Unterstützung von Opfergemeinden wie z.B. Distomo und Kalavryta. Begleicht Deutschland mit solchen Initiativen eine historische Schuld? Reparationen will die Bundesregierung nicht zahlen. Ja. Die Reparationsfrage ist eine komplizierte Frage, keine juristische mehr, sondern eine politische. Mit einer Diskussion über Reparationen würde die Bundesregierung die Büchse der Pandora öffnen. Sie wird das nicht tun. Man sollte aber doch berechtigten Wünschen der Griechen, die auf die Besatzungszeit zurückgehen, auf andere Art und Weise Rechnung tragen, ohne es dann Repara- » Was ist zu tun, um die Beziehungen zu verbessern? Wir müssen erstens eine richtige Initiative der Öffentlichkeitsarbeit starten und eine ganze Handvoll Griechisch sprechender Deutscher oder die deutsche Position kennender Griechen zu Vorträgen in griechische Schulen und Universitäten, auch zu Internet-Blogs, losschicken, um die Klischees der Medien und falsche Vorstellungen zurechtzurücken. Zweitens: Durch das Sparen ist das Wachstum abgewürgt worden. Die Wirtschaft liegt am Boden. Es muss investiert werden. Die 100 Mil- Fotos: Torben Geeck Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014 11 Thema

[close]

p. 12

Thema Foto: Torben Geeck Die Podiumsdiskussion in der Friedrich-Ebert-Stiftung (v.l.n.r.): Dr. Hans-Joachim Schabedoth, MdB, Paraskevi Zapantiotou vom National Youth Network of Martyr Cities & Villages of Greece, Botschafter a.D. Dr. Wolfgang Schultheiß, Moderatorin Mosjkan Ehrari, Schülerin Alexia Hack und Prof. Dr. Friedhelm Boll. tert und haben sich gedacht: Was die Wehrmacht nicht geschafft hat, das machen die Deutschen jetzt mit ihrem Euro. Hilfe in den griechischen Opfergemeinden ist natürlich gut , aber man darf Hilfsprojekte heute nicht mehr zu sehr auf sie konzentrieren; das ist einfach jetzt nicht mehr sachgerecht. Wir haben eine gewisse moralische Verpflichtung dem ganzen griechischen Volk gegenüber. Wie haben Sie das Gedenken an die Massenmorde erlebt? Es gibt über 90 sogenannte Opfergemeinden, und ich kann ihnen fünf, sechs Orte aufzählen, wo 300 und mehr Menschen bei Repressalien erschossen wurden. Die Botschaft wird inzwischen zu etwa zehn der jährlichen Gedenkfeiern in diesen Opfergemeinden eingeladen. Sie gehen als Botschafter beklommen, aber auch gerne dort hin, da die Einladung ja ein Zeichen der Versöhnung ist. In der Kirche werden sie nach vorne geschoben und stehen neben dem Bürgermeister. Dann gehen sie ganz an der Spitze neben den Honoratioren zur Gedenkstätte, in einer Prozession mit Soldaten und Musikkorps vorneweg. Dieselbe Strecke wurden vor 70 Jahren griechische Geiseln zur Hinrichtungsstätte gebracht, mit deutschen Soldaten vorneweg und geladenen Gewehren. An der Gedenkstätte werden die Opfer verlesen, alle mit Altersangabe. „Hier“ oder „anwesend“ ruft jemand nach der Verlesung eines jeden Namens. Da stehen sie nun als deutscher Botschafter. Viele der Opfer waren Säuglinge, Kinder und Frauen, viele Menschen hatten denselben Nachnamen. Ganze Familien wurden also ausgelöscht. Sie sind demütig und dankbar, wenn Sie den Kranz mit den Bundesfarben dann dort niederlegen, manchmal sogar reden dürfen. Spielt das Thema Reparationen bei den Menschen vor Ort auch eine Rolle? Bürgermeister verlangten anfangs gelegentlich Reparationen. Die Diskussion dauerte eine Viertelstunde, dann haben wir uns beim Mittagessen in den Armen gelegen. Die griechische Gastfreundschaft, wie immer die Vergangenheit gewesen sein mag, und tatsächlich ist das ja zwei Generationen her, ist der tiefste und bewegendste Eindruck meiner Zeit in Griechenland. ■ » tionsleistungen zu nennen. So etwas passiert ja auch in Italien. Dabei muss man sich aber auch vor Augen führen, dass die von griechischer Seite genannten Reparationsforderungen verhandlungstaktisch bedingt sind. Vor fünf Jahren, als mir das griechische „Schwarzbuch“ zu diesem Thema übergeben wurde, waren die Zahlen mirakulöser Weise nur halb so hoch. Aber es stimmt schon: Griechenland hat enorm unter der deutschen Besatzung gelitten: Es gab, wie gesagt, 30.000 zivile Tote nach dem Abzug der deutschen Truppen im Herbst 1944, eine weitgehend zerstörte Infrastruktur: Hafenanlagen, Schiffe, Brücken und Eisenbahnlinien waren zerstört, Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Und die Griechen haben dafür Geld bekommen. Die 115 Millionen DM des Globalabkommens von 1961 waren ausdrücklich für die aus politischen und rassischen Gründen Verfolgten gedacht, also vor allem für die Nachfahren der rund 60.000 ermordeten griechischen Juden. Ob die Leistungen aus dem EUHaushalt, von denen Griechenland nach dem EU-Beitritt 1981 einen ordentlichen Anteil erhalten hat und noch erhält und die zu einem Viertel aus dem deutschen Haushalt finanziert wurden und werden, hier gegengerechnet werden können, ist eine umstrittene Frage. Was können denn dann Besuche von Bundespräsidenten wie der von Joachim Gauck bewirken? Viel. Die Griechen haben ein großes Herz, wie mir der Staatspräsident bei der Übergabe des Beglaubigungsschreibens sagte und was ich bestätigt fand. Sie würdigen Gesten wie die des Bundespräsidenten. Was sie zu meiner Zeit fast mehr auf- brachte als die ausbleibende Entschädigung war der Widerwillen der deutschen Seite, sich mit dem Thema der Verbrechen der Besatzungszeit überhaupt zu befassen, geschweige denn, sich dafür zu entschuldigen. Wir sind da keineswegs immer besonders feinfühlig gewesen. Wie auch in anderen Fällen gab es lange Zeit keine Entschuldigung für die Taten der Besatzungszeit, um nicht Ersatzansprüchen neuen Auftrieb zu geben. Das war falsch und diese Phase ist jetzt auch vorbei. Jeder weiß, dass es Unrecht war. Die moralische Schuld nehmen wir auf uns, mit den finanziellen Konsequenzen ist das schwieriger. Ich sage das traurig, aber auch mit Verständnis für die Zurückhaltung wegen der damit verbundenen Problematik. Allerdings helfen Floskeln nichts; man muss Leistungen auf eine andere Ebene heben und sich von dem problematischen Reizwort Reparationen lösen. Könnte eine Unterstützung der historisch-politischen Bildungsarbeit und der Gedenkorte die Beziehungen wieder auf Vordermann bringen? Wo die historisch-politische Bildungsarbeit geleistet werden muss, ist hier in Deutschland. Ich selbst habe erst spät erfahren, dass Griechenland besetzt war und dass es ein blutiges Besatzungsregime gab mit Erschießungen von Kindern und Frauen. Das ist in Deutschland völlig unbekannt. Die Griechen wissen das alles. Die Deutschen sitzen hier aufgrund einer gewissen Geschichtsvergessenheit auf einem hohen Ross. Politiker haben zu Beginn der Krise unglaubliche Sachen gefordert, wie zum Beispiel den Verkauf griechischer Inseln zur Begleichung der Schulden. Die Griechen waren erschüt- Das Interview führte Markus Bauer, Historiker und Parlamentskorrespondent für das Magazin „Focus“. Das gesamte Interview lesen Sie auf www.gegen-vergessen.de 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014

[close]

p. 13

Bruno Neurath-Wilson Handwerkliche Arbeit als Teil der Erinnerungskultur Sägen, Hämmern, Bohren und Anstreichen – handwerkliche Arbeit kann Teil der Erinnerungskultur sein. Wie das geht, zeigt das Projekt „young workers for europe“ des aktuellen forums in Gelsenkirchen. Das aktuelle forum nrw. e.  V. ist ein staatlich anerkannter Träger der Erwachsenenbildung und Jugendhilfe. Gegründet wurde das aktuelle forum im „wilden Jahr 1968“. Dieses Datum ist kein Zufall: Der Gründungsimpuls des aktuellen forums war, gesellschaftliche Veränderung mit Dialog und Bildung zu begleiten. Hier läuft seit dem Jahre 2012 das Projekt „young workers for europe“. Mit kleinen Gruppen von 10 – 12 Jugendlichen fährt das aktuelle forum nach Partnergemeinden in Ost- und Süd-Ost-Europa. Bevorzugt, aber nicht ausschließlich, sucht das Projektteam des aktuellen Forums Gedenk- und Erinnerungsorte aus der Zeit der NS-Diktatur. Hier arbeiten die Jugendlichen zwei Wochen lang in ihren Ausbildungsberufen und erhalten so einen direkten Zugang zur deutschen und europäischen Geschichte. Die Jugendlichen kommen von Jugendberufshilfeträgern aus Nordrhein-Westfalen, wo sie in Qualifizierungs- oder Förderlehrgängen sind. An der Geschichte arbeiten Der Kerngedanke dieser Arbeit: Verbindung von handwerklicher Ausbildung mit politischer Bildung und Persönlichkeitsentwicklung, weil das persönliche Erleben, das Zusammentreffen mit Menschen wirksamer ist als die trockene Lektüre von Geschichts- und Politikbüchern. Die Auszubildenden werden mit mehrtägigen Workshops sehr intensiv auf den Auslandseinsatz vorbereitet. Sie entwickeln soziale und berufliche Kompetenzen, die ihnen bei der späteren Suche nach einem Ausbildungsplatz helfen werden. Die Teilnahme an dem Projekt öffnet die Jugendlichen für neue Kulturen. Sie erkennen ihr Potential, entwickeln Teamfähigkeit – und tun dabei auch noch etwas gesellschaftlich Sinnvolles und Wichtiges. Das Projekt wendet sich ausschließlich an solche Jugendliche, mit denen es das Leben „nicht ganz so gut“ gemeint hat. Dabei geht es dem aktuellen forum auch um Chancengerechtigkeit im Bildungssystem, was im Zusammenhang mit dem europäischen Integrationsprozess gesehen wird. Auslandserfahrungen » Der „Erinnerungspark“ in Kommeno kurz vor der Fertigstellung: Tische und Bänke und im Hintergrund das Denkmal mit dem Aufsatz aus Edelstahl Foto: aktuelles forum Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014 13 Thema

[close]

p. 14

Thema » sind für Studenten und Gymnasiasten selbstverständlich, aber für Jugendliche, die aufgrund schwieriger Lebensumstände keine „normale Bildungsbiographie“ erlebt haben, gibt es solche Möglichkeiten nicht. Das aktuelle forum ist der Meinung, dass „der Zug nach Europa“ an diesen Jugendlichen nicht vorbeifahren darf. Die Projekte finden in unterschiedlichen europäischen Ländern statt, z. B. in der Slowakei, in Bosnien-Herzegowina, in Rumänien, Ungarn und Griechenland. Einsatzorte der „young workers for europe“ in Griechenland Einsatzorte in Griechenland haben im Projektkonzept eine herausragende Bedeutung gewonnen: In Griechenland musste die Zivilbevölkerung ganz besonders unter der Besetzung durch die Nazi-Truppen leiden. Die Einwohner/innen zahlreicher Dörfer wurden Opfer von Massakern und sog. „Strafaktionen“ von SS und „Gebirgsjägern“. In der Erinnerungskultur Griechenlands spielen diese Gemeinden eine zentrale Rolle als „Märtyrerorte“ und alljährlich finden hier Gedenkveranstaltungen statt. In zwei dieser insgesamt 90 Märtyrerorte waren die „young workers for europe“ im Einsatz: In Kommeno und Ioannina / Lyngiades. In Kommeno ermordeten im August 1943 „Gebirgsjäger“ 317 Bewohnerinnen Auf dem Jüdischen Friedhof von Ioannina durften die „young workers for europe“ einen hölzernen Pfahl mit den Jahreszahlen „1944 – 2013“ einbetonieren. und Bewohner des Dorfes. Nicht weit von Kommeno entfernt liegt Lyngiades, ein kleines Dorf in der Nähe von Ioannina, der Hauptstadt der Region Epirus. Im März 1944 wurden 1.700 Angehörige der Jüdischen Gemeinde von Ioannina nach Auschwitz verschleppt. Lyngiades, das auf einem Berghang liegt und von Ioannina aus zu sehen ist, wurde als „Warnung“ an die Partisanen in Ioannina niedergebrannt und 87 Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes fielen dem Massaker zum Opfer. Die Gruppe der „young workers“, die nach Kommeno fahren sollte, suchte ein „denkwürdiges“ Objekt für die handwerklichen Arbeiten und nach Absprache mit dem Bürgermeister entwickelten die Jugendlichen und ihr Ausbilder die Idee, dort ein Denkmal zu errichten. Nach zwei Wochen engagierter Arbeit verließen die Jugendlichen Kommeno wieder – und hinterließen ein Denkmal und den neu gestalteten Friedhofsvorplatz. In Ioannina konnten die Jugendlichen auf dem mehrere hundert Jahre alten historischen Jüdischen Friedhof von Ioannina und in der verwilderten Gartenanlage, die die Synagoge umgibt, arbeiten. Die deutsche Konsulin für die Region Epirus nimmt seit vielen Jahren an den jährlichen Gedenkfeiern in Lyngiades teil. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass die „young workers“ am ersten Tag ihres Aufenthaltes an der diesjährigen Gedenkfeier teilnehmen und einen Kranz niederlegen konnten. Das Projekt „young workers for europe“ ist nicht das erste Projekt dieser Art in der Regie des aktuellen forums. Schon im Jahre 2002 waren 100 junge Handwerkerinnen und Handwerker in Lidice, um dort den Rosengarten wieder herzustellen (1.000 Rosen für Lidice). Danach fuhren Gruppen nach Kalavryta in Griechenland und nach Oradour in Frankreich. Anerkannt wurde dieses Engagement, als Bundespräsident Gauck im März 2014 zum Staatsbesuch in Griechenland war. Seine Reise führte ihn auch nach Ioannina und Lyngiades, den Orten, an denen die „young workers“ im Oktober 2013 waren. Zwei Jugendliche und ihr Ausbilder wurden vom Bundespräsidenten eingeladen, ihn bei diesem Besuch zu begleiten. ■ Das Projekt „young workers for europe“ wird von der Europäischen Union, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert. Weitere Informationen: www.aktuelles-forum.de Zwei der „young workers  for europe“ beim Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Griechenland (v.l.n.r.): Marcel Ast, Auszubildender bei TÜV NORD Bildung, Bundespräsident Joachim Gauck, Hans Hitzler,  Ausbilder bei TÜV NORD Bildung, Sigrid Skarpelis-Sperk, ehemaliges SPD-MdB, Präsidentin des Verbandes der DeutschGriechischen Gesellschaften (VDGG, Denise Hirz, Auszubildende bei TÜV NORD Bildung, Karolos Papoulias, Staatspräsident von Griechenland. Foto: Bundesregierung | Steffen Kugler Bruno Neurath-Wilson ist Mitglied des Vorstandes des aktuellen forums. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014 Foto: Bruno Neurath-Wilson

[close]

p. 15

Andrea Erkenbrecher Zivilgesellschaftliches Versöhnungsengagement in Oradour-sur-Glane Blick auf ein wenig bekanntes Kapitel Raymond Poulidor sieht sehr zufrieden aus, als er an diesem 8. Juni 2014 auf dem Rathausplatz von Oradour-sur-Glane steht. Polidour, eine französische Radsportlegende, auch bekannt als „der Mann, der nie die Tour de France gewinnen konnte“, ist heute 78 Jahre alt. Nun steht er zusammen mit alten Freunden aus Oradour vor dem Rathaus, unterhält sich hier ein bisschen, lässt sich dort mit Fans fotografieren. Er ist in Oradour, weil seine Geschichte ihn mit diesem Ort verbindet: Mehrmals hat er den Grand prix de la Renaissance gewonnen, ein Radsportrennen, das ab 1953 jährlich über nahezu drei Jahrzehnte hinweg in Oradour stattfand. Er ist auch und vor allem in Oradour, weil er nun, 2014, eine Radsportveranstaltung der anderen Art unterstützt, eine symbolische Geste der Versöhnung zwischen Dachau und Oradour-sur-Glane: Sechs Tage vorher, am 2. Juni 2014, waren an der KZ-Gedenkstätte in Dachau etwa 40 Radsportler Richtung Oradour aufgebrochen, darunter neben Mitgliedern des Dachauer Radsportvereins „Soli“ auch Einwohner Oradours. Bei 30 Grad und strahlend blauem Himmel kommen sie nach 1.200 Kilometern in Oradour an, auf den letzten Kilometern hatten sich auch die Bürgermeister der beiden Orte der Radgruppe angeschlossen. Zwei Tage später, am 10. Juni 2014, wird der Dachauer Oberbürgermeister anlässlich der Gedenkfeier des 70. Jahrestages des Massakers in Oradour einen Kranz niederlegen. » Blick in die ehemalige Konditorei Compain am Marktplatz von Oradour-sur-Glane. Der Ort hatte mehrere Cafés und war bei Ausflüglern sehr beliebt. » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 82 / September 2014 Fotos: Andrea Erkenbrecher 15 Thema

[close]

Comments

no comments yet