Calluna Herbst 2014

 

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Das Vier-Jahreszeiten-Magazin der Südheide Herbst 2014

Popular Pages


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www.calluna-magazin.de Nr. 62/16. Jahrgang Herbst 2014 Da s Vier-Jahreszeiten-Maga zin Der Südheide Leckere Herbstküche Kürbisse, Kartoffeln, Zwiebeln und warum nicht auch Dahlienblüten? Gute Aussicht(en) Henning Soltendieck rettet ein altes Fachwerkhaus Alles für die Katz! Kirsten Wittenberg verteilt im Tierheim Streicheleinheiten Calluna 1

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BU CH L A D EN NEU Calluna Jürgen Rohde Beiträge von Dr. Günter Dickmann und Karsten Borggräfe Moore, Menschen, Mauerwerk Streifzüge durch das Isenhagener Land KLOSTER ISENHAGEN Henning Tribian Von der Gründung bis zur Reformation Hans Schönecke ... nur ödet mich das miese Wetter Calluna Auf den Spuren von Hermann Löns in der Südheide bei Gifhorn Literatur im Gespräch Von Jürgen Rohde Einer von uns Die wundersame Geschichte des Juden Julius Katz erzählt von Jürgen Rohde Kloster Isenhagen Von Dr. Henning Tribian Moore, Menschen, Mauerwerk Von Jürgen Rohde ...nur ödet mich das miese Wetter Von Hans Schönecke Eine Zeitreise durch die Literaturgeschichte im Stil eines Dokumentarspiels – lehrreich und unterhaltsam zugleich. 368 Seiten, Softcover ISBN 978-3-944946-03-0, € 12,90 auch als eBook erhältlich (€ 9,90) Wie gelang es Julius Katz, als Jude die Nazi-Zeit zu überleben, ohne sich zu verstecken? 116 Seiten, illustriert, Softcover ISBN 978-3-944946-00, € 8,80 Wissenschaftlich fundiert und dennoch leicht verständlich wird die Geschichte des Klosters von der Gründung bis zur Reformation erzählt. 92 Seiten, illustriert, Softcover ISBN 978-3-944946-01, € 9,90 Die Streifzüge durch das Isenhagener Land führen hinaus in die vielfältige Natur und zu kulturgeschichtlich interessanten Zielen. 104 Seiten, illustriert, Softcover, ISBN 978-3-9810373-6-4, € 9,80 Keiner hat das Bild der Heide so geprägt wie er: Hermann Löns hat in Gifhorn und Umgebung viele Spuren hinterlassen. 256 Seiten, illustriert, Hardcover, ISBN 3-9810373-2-4, € 12,80 Tierische Beziehungen … ganz menschlich Anke Klösel Die Kuh muss vom Eis Heitere und denkwürdige Kurzgeschichten aus der Südheide HEITERES & DENKWÜRDIGES erlebt und erzählt von Tierarzt Dr. Rudi Prasse cover_frechbacken_rz.indd 1 23.11.2009 21:34:47 Uhr Tierische Beziehungen ...ganz menschlich Von Tierarzt Dr. Rudi Prasse Tiere, Typen, Turbulenzen So steht‘s in meinen Tagebüchern Von Tierarzt Dr. Rudi Prasse Frechbacken & Landlavendel Satirisch ausgepackt und lyrisch verpackt von Rudi Prasse Die Kuh muss vom Eis Heitere Kurzgeschichten von Anke Klösel Die Berliner aus dem Busch Hurra, wir ziehen in die Heide! Von Simone Schniedermeier Ein humorvoller Einblick in die abwechslungsreiche Tätigkeit eines Landtierarztes in der Südheide. 320 Seiten, Softcover, ISBN 3-00-014482-X, € 12,80 Ein Landtierarzt erzählt aus seinem Leben und erinnert sich an denkwürdige Begegnungen mit Zwei- und Vierbeinern. 238 Seiten, illustriert, Softcover, ISBN 978-3-9810373-7-1, € 12,80 Zwei Bücher in einem: heitere bis freche satirische Kurzgeschichten und nachdenkliche, tiefsinnige Lyrik. 128 Seiten, illustriert, Hardcover, ISBN 978-3-9810373-8-8, € 14,80 Die kleinen Abenteuer des (Hausfrauen-)Alltags mit all ihren Missgeschicken, illustriert von Monika Dannheim. 72 Seiten, illustriert, Softcover, ISBN 978-3-9810373-3-3, € 7,80 Eine Familie tauscht das Leben in der Großstadt gegen das Landleben ein. Sie zieht in ein altes Sägewerk im Wald. 96 Seiten, illustriert, Softcover, ISBN 978-3-9810373-5-7, € 8,80 KULTURDENKMÄLER Henning Tribian Ein Jander Jordan Buch Entdeckertour Exkursionsführer zu Kulturdenkmälern in der Samtgemeinde Hankensbüttel Wir Heidschnucken vom Sothriethof Beeren, Blüten, Beete Ein Streifzug durch den Garten des Klosters Isenhagen und seine Geschichte. Broschüre, 48 Seiten, farbig illustriert, € 3,50 Calluna Südheide Verlag 1 Wir Heidschnucken vom Sothriethof Von Klaus Jordan und Anna Jander Albert Othmer: Spuren in Uelzen und Buxtehude Von Uwe Harnack Entdeckertour Von Dr. Henning Tribian Die Abenteuer der drei Heidschnuckenlämmer Löckchen, 96 und Mondchen auf einem Schnuckenhof in der Südheide. Ein bezauberndes Kinderbuch, das auch von Erwachsenen geliebt wird. 96 Seiten, farbig illustriert, Hardcover, ISBN 978-3-9810373-0-8, € 14,80 Das Buch stellt Leben und Werk des Künstlers im zeitgeschichtlichen Kontext vor und zeigt 28 Arbeiten, die sich überwiegend in Privatbesitz befinden und selten ausgestellt werden. 56 Seiten, farbig illustriert, Hardcover, ISBN 978-3-944946-02, € 19,80 Ein Führer für eine Radrundreise zu Kulturdenkmälern im Raum Hankensbüttel. Farbig illustrierte Broschüre, 48 Seiten mit Ausklappkarte, € 4,50 Alle Bücher und Broschüren erhältlich im Buchhandel oder direkt bei Calluna in Gifhorn, Oerrel und Uelzen. Bestellen Sie telefonisch unter 0 58 32/97 98 40 oder per E-Mail: kontakt@calluna-medien.de. Versandkostenfreie Lieferung im Inland. 2 Calluna

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EDITORIAL INHALT BARFUSS DURCH DEN BACH? Herbstwanderung zwischen Schweimker Moor und Schweimker Holz DAS GROSSE MOOR AUS DER VOGELPERSPEKTIVE Ballonfahrt über eines der größten Naturschutzgebiete Niedersachsens MIT NEUEM BETT IN DEN WETTBEWERB Projekt »Renaturierung der Esterau« findet landesweit Beachtung SCHNUCKIDU UND ELEFANTENGRAS Der Tüftler Jürgen Adam und seine Ideen BLUMIGE GEDANKENSTÜTZE Vom Sinn eines Gartentagebuchs Foto: Marion Korth 5 8 10 12 15 16 20 22 34 38 42 45 46 48 50 58 62 26 60 52 Hallo liebe Leserin, hallo lieber Leser, bevor die Vegetation in Winterruhe geht, zeigt sie sich noch einmal von ihrer schönsten Seite: mit bunten Blättern, roten und schwarzen Beeren, Pilzen in vielerlei Farben und Formen und geradezu traumhaften Lichtstimmungen. Der warme, goldene Schein der tief stehenden Sonne modelliert die Landschaft aufs Schmeichelhafteste, und ab und zu ein kleiner Regenschauer lässt den Wald so erdig, so würzig duften wie zu keiner anderen Jahreszeit. Wenn nach einer kalten Vollmondnacht die Sonne aufgeht und die vom Tau benetzten Spinnweben in den Gräsern und im Heidekraut sichtbar macht, wenn abends der Bodennebel über den Wiesen wabert, im Wald die Hirsche röhren und die Rehböcke bellen, dann muss man schon sehr abgestumpft und von der Natur entfremdet sein, um den Herbstzauber nicht zu spüren. Zu der typischen Herbststimmung gehört immer auch ein Hauch von Melancholie. Der Herbst konfrontiert uns jedes Jahr auf Neue mit der in der Natur allgegenwärtigen Vergänglichkeit, der auch wir Menschen uns nicht entziehen können, und das macht uns ein wenig traurig. Auf den goldenen Oktober folgt der graue November – eine Zeit, in der man zuweilen am liebsten Trübsal blasen würde. Aber wir können uns damit trösten, dass auf das Novembergrau schon bald wieder die Weihnachtszeit mit all ihrem Lichterglanz folgt und die Natur nach der Winterruhe wieder zu neuem Leben erwacht. Doch bevor wir uns jetzt schon auf den Frühling freuen, sollten wir erst einmal den Herbst genießen, solange er noch jung und bunt ist und bevor er alt und grau wird. Deshalb: Packen Sie Ihren Rucksack, schnüren sie Ihre Wanderschuhe und dann nichts wie ‘raus in Wald und Wiesen! Eine gute Zeit und bis bald im Winter! Ihre EIN SCHNURREN ALS DANKESCHÖN Kirsten Wittenberg verteilt Streicheleinheiten BLÜTENTRÄUME FÜR DEN MAGEN Besuch in der Experimentier-Küche HERZHAFT, HERBSTLICH, HERZLICH Martina und Malte und ihr Kürbis-Kartoffel-Gulasch GROSSE BÜHNE IN ZWEI BOSTELS Willkommen im Jahrmarkttheater! HAUPTSACHE, DAS HAUS IST GERETTET Die Soltendiecks aus Wagenhoff sanieren in Wesendorf BAUWERK MIT EIGENLEBEN Die Klosterkirche in Ebstorf FÜHLEN, SEHEN UND BEGREIFEN Stadtrelief zeigt Uelzen in der Zeit vor 1646 SPATENSTICHE INS MITTELALTER Studierende graben in Wahrenholz DAS GROSSE ERTRINKEN Serie: Geschichten von der Weltkarte ADVENT, ADVENT, EIN LICHTLEIN BRENNT Weihnachtszeit im Kloster Isenhagen BÖRNE, BETTINA ... Neues Buch: »Literatur im Gespräch« MIT HURRA INS GROSSE GEMETZEL Vor 100 Jahren starb Hermann Löns im Krieg Besser leben Buchempfehlungen SüdheideKalender Titelbild Herbstlaub: Inka Lykka Korth, Teaserfotos (von oben): Christine Kohnke-Löbert, Marion Korth, Merle Höfermann Inka Lykka Korth PS: Besuchen Sie uns auch im Internet! Unter der Adressse www.calluna-magazin.de finden Sie immer wieder neue stimmungsvolle Fotos, kleine Geschichten und außerdem donnerstags unsere Veranstaltungstipps zum Wochenende. Calluna 3

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IMPRESSUM STREIFZÜGE Das Südheide-Magazin Calluna erscheint vierteljährlich im Verlag REPRODUKTIONEN jeglicher Art, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags. KLIMA- UND UMWELTSCHUTZ Dieses Magazin wird auf hochwertigem Recyclingpapier gedruckt, das mit dem Umweltsiegel Blauer Engel ausgezeichnet ist. Die beim Druck freigesetzten Treibhausgase werden vom Verlag durch Investitionen in zertifizierte Klimaschutzprojekte kompensiert. INKA LYKKA KORTH / Text / Fotos Steinweg 3, 38518 Gifhorn REDAKTION Merle Höfermann (verantwortlich) m.hoefermann@calluna-medien.de Inka Lykka Korth inka.korth@calluna-medien.de Christine Kohnke-Löbert christine.kohnke@calluna-medien.de AUTORIN Marion Korth marion.korth@calluna-medien.de LAYOUT Inka Lykka Korth inka.korth@calluna-medien.de ANZEIGENGESTALTUNG Friederike Kohnke friederike.kohnke@calluna-medien.de ANZEIGENVERKAUF Martina Ganz (verantwortlich) martina.ganz@calluna-medien.de Jennifer Mallas jennifer.mallas@calluna-medien.de Werner Remus werner.remus@calluna-medien.de Susanne Knöpfle / telemotion susanne.knoepfle@calluna-medien.de DRUCK Voigt Druck GmbH, Gifhorn AUFLAGE 12.000 Exemplare ABO-JAHRESBEZUGSPREIS 10,- Euro inkl. Porto und Versand Print KONTAKT kompensiert Id-Nr. 1441448 www.bvdm-online.de kontakt@calluna-medien.de Verlag: www.calluna-medien.de Magazin: www.calluna-magazin.de CallunaMagazin BÜRO GIFHORN im Kavalierhaus von 1546 Steinweg 3 38518 Gifhorn Tel. 0 53 71/555 06 Fax 0 53 71/555 07 BÜRO ISENHAGENER LAND auf dem Calluna-Hof Oerreler Dorfstraße 22 29386 Dedelstorf-Oerrel Tel. 0 58 32/97 98 40 Fax 0 58 32/97 98 41 BÜRO UELZEN hinter der Kaiserlichen Post Gartenstraße 16 29525 Uelzen Tel. 05 81/97 39 20 71 Fax 05 81/97 39 20 72 nd Farbenfroh u v fä iel l Alfred-Teves-Straße 14 38518 Gifhorn Telefon 05371.9855-0 zentrale@service-druckerei-voigt.de on Anfang Februar bis Ende Juni könnten wir diese abwechslungsreiche Wandertour nicht machen, denn in dieser Zeit ist ein Teil der Wege gesperrt. Reine Schikane? Nein, das Betretungsverbot dient dem Naturschutz. Besonders der seltene und scheue Schwarzstorch, der hier zu Hause ist, reagiert sehr empfindlich auf Störungen. Dass dieses Gebiet nur eingeschränkt zugänglich ist, zeichnet es als etwas Besonderes aus. Und tatsächlich geizt die Landschaft in der Niederung des Gosebachs und auf den südlich angrenzenden Geestkuppen nicht mit Reizen. Hier gibt es schwarzes Moor und grüne Wiesen ebenso wie einen vielfältigen Mischwald, der fast schon Naturwaldcharakter hat. Und vor allem gibt es hier Ruhe, und die sollte man respektieren und genießen und bitte nicht stören! Es ist einer jener frühen Herbsttage Ende September, an denen es nachts zwar schon ziemlich kühl, tagsüber aber fast noch sommerlich warm ist. Kaum hat die Sonne das taunasse Gras getrocknet, ziehen aus Westen dunkle Regenwolken heran. Zum Glück bekommen wir nur ein paar Tropfen ab, aber die Feuchtigkeit hängt in der Luft, und es ist diesig, und die Landschaft wirkt dadurch wie weichgezeichnet. Zwischendurch blitzt immer wieder die Sonne zwischen den Wolken hervor, und dann wird es gleich ziemlich schwül. Um zum Startpunkt unserer Wanderung zu gelangen, fahren wir mit dem Auto, aus Richtung Hankensbüttel kommend, in Schweimke an der Kreuzung im Ort geradeaus und folgen dem Gosemühlenweg etwa einen Kilometer. Auf dem kleinen Wanderparkplatz an der Weggabelung am Waldrand stellen wir das Auto ab. Außer einem Picknickplatz gibt es am Parkplatz auch eine Schautafel, die über das Schweimker Moor mit dem Gosebach und den angrenzenden Lüderbruch informiert. Der an der Weggabelung rechts, also nach Osten abzweigende Weg führt leicht bergab zur Gosemühle. Die 1699 erbaute, einsam gelegene Wassermühle mit dem malerischen Mühlenteich zählt für mich seit jeher zu den schönsten Stellen der Südheide. Durch ein Rohr rauscht das Wasser vom Mühlenteich unter dem Weg hindurch in den mit Feldsteinen eingefassten Bereich des Gosebachs, in dem sich früher das hölzerne Mühlrad befand. Gleich davor, an der Hausecke, steht eine stattliche Hundsrose, die voller dunkelroter Hagebutten hängt. Am liebsten würden wir gleich in das alte Mühlengebäude einziehen und für immer an diesem traumhaften Ort bleiben. Aber wir gehen weiter ... Hinter der Gosemühle wird die kleine Straße zum Feldweg. Wir staunen über die Kopfweide am Wegesrand und können es kaum glauben, dass aus dem dicken, fast hohlen Stamm, der mehr tot als lebendig wirkt, immer noch neue Weidenruten austreiben. An der nächsten Wegekreuzung biegen wir rechts ab und gelangen alsbald an den Rand des Schweimker Moores. Zwei Schilder weisen hier auf das Naturschutzgebiet und das zeitweilige Betretungsverbot hin. Wir nehmen Fyffes und Foxy an die Leinen. Dank intensiver Renaturierungsmaßnahmen ist das durch den Bau von Entwässerungsgräben einst weitgehend trockengelegte Moor teilweise wiedervernässt worden, und es gibt jetzt wieder Erlenbruchwaldbereiche, in denen die Bäume im schwarzen V 4 Calluna tig wi ed er H erbst!

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STREIFZÜGE 2 3 4 1 5 6 1 Farbtupfer: Hundsrose mit Hagebutten an der Gosemühle. 2 Foxy will schon nach ein paar Metern eine erste Pause machen. 3 Still ruht der (Mühlen-) See. 4 Früher trieb das Wasser des Gosebachs hier das Mühlrad an. 5 Saftig grüne Wiese im Herbstnebel. 6 Unter Wasser: Direkt neben dem Weg beginnt das mit EU-Fördermitteln renaturierte Schweimker Moor. 7 Stillleben im Wald mit buntem Eichenlaub. 8 Schuhe ausziehen und barfuß durch die Furt waten? 9 Zum Glück entdecken wir im Schilf neben der Furt einen Holzsteg und kommen trockenen Fußes über den Gosebach. BARFUSS DURCH DEN BACH? Herbstwanderung zwischen Schweimker Moor und Schweimker Holz 7 8 9 Calluna 5

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STREIFZÜGE AschauTeiche Moorwasser stehen. Vom Weg, der am Südrand des Moores entlangführt, können wir direkt in dieses für die Tier- und Pflanzenwelt wertvolle Biotop blicken, ohne uns selbst nasse Füße zu holen. Dennoch sind wir froh, dass unsere Trekkingschuhe mit wasserdichter Membran ausgestattet sind, denn das Wandern durch das teilweise knöchelhohe Gras auf dem Weg wäre sonst eine feuchte Angelegenheit. Die Klimamembran in den Schuhen nützt uns allerdings auch nichts, als wir nach etwa zwei Kilometern vom »Moorweg« nach Süden abbiegen und kurz darauf direkt am Gosebach stehen. Durch den führt eine Furt. Jetzt bräuchten wir Gummistiefel! Was tun? Als wir uns gerade Schuhe und Socken ausziehen wollen, um an der Furt durch den Bach zu waten, entdecken wir einen kleinen Steg, der einige Meter neben der Furt über den Bach führt. Auf der anderen Seite steigt der Weg langsam an, und die Vegetation ändert sich. Die Espen und Erlen werden weniger, die Eichen und Kiefern mehr. Am Ende des Weges, der von der Furt zum Hochwald führt, biegen wir links ab und gehen etwa einen Kilometer geradeaus, bis der Wald endet und in Ackerland übergeht. Hier biegen wir rechts ab, gehen bergauf und sind wieder im Wald. Oben auf dem Geestrücken biegen wir links ab und verlassen den Wald, der übrigens Schweimker Holz heißt. Von hier oben hätten wir eine phantastische Aussicht, könnten meilenweit gucken – wenn es nicht so diesig wäre. Die Häuser von Wierstorf auf der anderen Seite des Tals sind immerhin gut zu erkennen. Auf dem Weg den Hügel hinab machen wir auf einer Bank unter einer frei stehenden Eiche eine kleine Pause. Fyffes und Foxy verlangen nach Hundekuchen. Wierstorf lassen wir buchstäblich links liegen und gehen den recht steilen Weg zwischen den zwei Häusern am nördlichen Ortsrand bergauf und sind alsbald wieder im Schweimker Holz. So einen schönen Mischwald mit dichtem, vielfältigem Unterholz findet man in unserer, nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten strukturierten Landschaft nur noch selten. Gut, dass wir die Hunde wieder an die Leinen genommen haben, denn vor uns flitzen Rehe über den Weg. An der nächsten Wegekreuzung treffen wir auf eine gut gepolsterte Sitzgelegenheit. Ja, gelegentlich kommt es vor, dass man am Waldrand Polstermöbel entdeckt, die jemand dort verbotenerweise abgeladen hat, weil er offenbar nicht bis zur nächsten Sperrmüllabfuhr warten wollte. In diesem Fall aber steht das gut gepolsterte Möbelstück ganz legal an seinem Platz. Die Sitzbank mit dickem Moospolster wirkt durchaus einladend, aber in Anbetracht der Tatsache, dass seit dem letzten Regenschauer gerade einmal eine Viertelstunde vergangen ist, verzichten wir doch lieber darauf, es uns auf der Bank gemütlich zu machen – schließlich wollen wir uns keinen feuchten Hintern holen. Verlaufen können wir uns jetzt eigentlich nicht mehr, denn wir müssen immer nur noch geradeaus gehen. Als auf der linken Seite des Weges der Wald endet und in Ackerland übergeht, erblicken wir in der Ferne die Dächer der Häuser von Schweimke. Jetzt ist es nur knapp einen Kilometer bis zur Gosemühle. Sie ist schon in Sichtweite, als wir am Wegesrand eine kuriose Entdeckung machen. Dort liegt, nahezu unversehrt, das aus Tonziegeln bestehende Dach eines alten Weideschuppens. Der Schuppen ist in sich zusammengebrochen, aber der Dachstuhl war offenbar stabiler als die Unterkonstruktion. Ein 6 Calluna

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1 3 2 4 5 1 Steiler Anstieg: Kopfsteinpflasterweg von Wierstorf hinauf zum Schweimker Holz. 2 Weich gepolstert wie ein Sofa: Bank im Wald. 3 Morbider Charme: Das war einmal ein Weideschuppen oder Melkstall. 4 Neugierig: Die Ziege beäugt die Wandererinnen mit ihren Hunden. 5 Herbstzeit ist Pilzzeit. 6 Auf dieser Tour vorteilhaft: Schuhe mit wasserdichter Membran. 7 Bei Regen werden diese Baumpilze zu Vogeltränken. 8 Hundekuchenpause mit Blick über die Felder bei Wierstorf. 6 7 8 paar hundert Meter weiter steht ein weiterer Schuppen, der wohl nicht so bald zusammenfallen dürfte. Als wir vorbeigehen, kommt neugierig eine weiße, gehörnte Ziege aus dem Schuppen, der sich als Weidestall herausstellt. Im Gefolge der Ziege traut sich auch eine kleine Schnuckenherde aus dem Stall heraus auf die Weide. Als wir am Parkplatz ankommen, zeigt das GPS-Gerät 10,1 Kilometer. Schön, dass eine so kurze Wanderung so abwechslungsreich sein kann! INFO Die Karte und den GPS-Track zu dieser Tour, wahlweise im Gosemühle P Gose bach Schweimker Holz GPX- (z.B. für Garmin-Geräte) und im KML-Format (Google Maps) stehen unter der Adresse www.calluna-magazin.de in der Rubrik »Unterwegs« kostenlos zum Herunterladen bereit. Für alle, die sich nach der Wanderung mit Kaffee und Kuchen oder kleinen Snacks stärken möchten, bietet sich das Landhaus Prange (Telefon 0 58 32/5 98) am Klutenweg in Schweimke an. Geöffnet ist es montags bis sonnabends von 13:00 bis 21:00 Uhr und an Sonnund Feiertagen von 12:00 bis 20:00 Uhr. SCHWEIMKE WIERSTORF Karte: Openstreetmap Calluna 7

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Betreten verboten, aber mit dem Ballon überfahren erlaubt: Das Große Moor ist eines der größten Naturschutzgebiete in Niedersachsen. Fotos: Jürgen Schönfisch DAS GROSSE MOOR AUS DER VOGELPERSPEKTIVE 8 Calluna Zum Teil schon wiedervernässte Moorwüste. Die kleinteilige Parzellierung soll großen Wellenschlag verhindern, damit sich die Torfmoose gut entwickeln können. Das Bild mit dem Spiegelbild des Ballons im Wasser zeigt die Parzellen aus der Nähe.

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NATURGESCHICHTEN Jahre sind jetzt vergangen, seit das Große Moor bei Gifhorn (teilweise) unter Naturschutz gestellt wurde und die Wiedervernässung begann. Langsam vernarben die Wunden, die der Mensch in diese Landschaft gerissen hat, aber so wie es einst war, wird es nie wieder werden. Für das Birkhuhn kam jede Hilfe zu spät. Dennoch besteht berechtigte Hoffnung, dass sich das 2720 Hektar große Naturschutzgebiet wieder zu einem wertvollen Rückzugsgebiet für viele Tier- und Pflanzenarten entwickelt, die nur in Feuchtgebieten überleben können. Noch bis etwa 1870 war das Große Moor bei Gifhorn nahezu unberührt. Lediglich in den Randbereichen wurde es als Viehweide und zum Torfstich genutzt. Der Torf wurde in Handarbeit überwiegend für den Eigenbedarf abgebaut. Doch dann begann die industrielle Abtorfung, die in der Nachkriegszeit ihren Höhepunkt erreichte. In den 1960er Jahren bestanden etwa 14 Torfwerke, die jährlich rund 60 000 Tonnen Brenntorf und 150 000 Tonnen Düngetorf förderten – und das Große Moor auf diese Weise systematisch zerstörten. Mit dem Wasser kehrt jetzt das Leben in die schwarzbraune Wüste zurück, und von Jahr zu Jahr wird es grüner im Großen Moor. Besonders eindrucksvoll lässt sich der Wandel der Landschaft aus der Vogelperspektive erleben. Jürgen Schönfisch hatte auf einer Ballonfahrt, die Anfang Juni vom Ballonzentrum am Tankumsee aus nach Norden bis nach Schönewörde führte, Gelegenheit, faszinierende Luftaufnahmen vom Großen Moor zu machen. 30 BALLONFAHRT ZU GEWINNEN anftes Dahingleiten auf Augenhöhe mit Milanen und Störchen, und das ganz ohne Motorenlärm. Nur das gelegentliche Fauchen des Gasbrenners unterbricht die Stille, und man spürt die frische Luft im Gesicht und die Sonne auf der Haut. Ballon fahren ist eine der schönsten Arten zu entschleunigen. Es geht nicht ums Ankommen, sondern der Weg ist das Ziel, und die Route bestimmt sowieso der Wind. Die Hektik des Alltags bleibt am Boden zurück und macht Platz für das beglückende Gefühl von nahezu grenzenloser Freiheit. Und obwohl man dort oben in der Luft ganz weit weg von allem zu sein scheint, ist man doch der Natur ganz nah ... Eine Ballonfahrt eröffnet nicht nur neue Blickwinkel – aus der Vogelperspektive schaut man über den sprichwörtlichen Tellerrand hinaus –, sondern sie ist auch ein nachhaltiges Erlebnis, von dem man noch lange zehrt, an das man sich immer wieder gerne erinnert. Und da bald Weihnachten ist, verlost Calluna unter den Leserinnen und Lesern eine Gratis-Ballonfahrt. Die Gifhorner Wohnungsbau-Genossenschaft (GWG) als Sponsorpartner von Lorenz-Ballooning (www.lorenz-ballooning.de) macht es möglich. An der Verlosung nehmen alle Zuschriften teil, die uns bis 30. November 2014 unter der E-Mail-Adresse verlosung@callunamagazin.de erreichen und die richtige Antwort auf folgende Rätselfrage enthalten: In welchem Jahr wurde das Naturschutzgebiet Großes Moor ausgewiesen? Damit es nicht so schwer wird, verraten wir hier schon die ersten beiden Ziffern der gesuchten vierstelligen Jahreszahl: 19.. . Die Gewinnerin oder der Gewinner wird persönlich benachrichtigt und im Winterheft bekanntgegeben. Der GWGGutschein für die Ballonfahrt kann nach der Winterpause eingelöst werden, die mit dem Beginn der Rapsblüte endet. Das Team von Lorenz-Ballooning macht unter Berücksichtigung der aktuellen Wetterlage kurzfristige Terminvorschläge. Blick auf Dannenbüttel und die sich schlängelnde Aller. S Calluna 9

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NATURGESCHICHTEN MIT NEUEM BETT IN DEN WETTBEWERB Bioland-Gemüse, Jungpflanzen, Kartoffeln (Linda u.a.), Eier u.v.m. Brot von der Erse-Bäckerei Ab-Hof-Verkauf jeden Freitag von 10 -17 Uhr und nach Absprache Verkauf auf dem Wochenmarkt in Wolfsburg, Rathausplatz jeden Mittwoch und Samstag von 7- 13 Uhr CHRISTINE KOHNKE-LÖBERT / Text / Fotos Projekt »Renaturierung der Esterau« findet landesweit Beachtung D as Projekt »Renaturierung der Esterau«, das wir in der Calluna bereits ausführlich vorgestellt haben (Heft Winter 2013), ist als eines von elf Projekten in ganz Niedersachsen in die Endausscheidung des Wettbewerbs »Bach im Fluss« gekommen. Der Niedersächsische Gewässerwettbewerb wurde zum dritten Mal vom Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz und der Arbeitsgemeinschaft der kommunalen Spitzenverbände Niedersachsens ausgerufen. Insgesamt 39 Projekte wurden eingereicht, das entspricht etwa der Projektzahl der vergangenen Jahre. Vor der Preisverleihung am 6. Oktober in Hannover, über die wir unter www.calluna-magazin.de berichten werden, hat sich die Jury die elf ausgewählten Projekte »vor Ort« angeschaut und machte auch in der Südheide Station. »Wir sind beeindruckt von der hohen Qualität und dem fachlichen Niveau der Wettbewerbsbeiträge«, sagte Dr. Katrin Flasche, Geschäftsführerin der Kommunalen Umwelt-Aktion U.A.N., die den Wettbewerb initiiert hat. Das überregional anerkannte Projekt hat das Ziel, die Gewässerentwicklung in Niedersachsen zu fördern, indem gelungene Projekte öffentlich präsentiert und als nachahmenswert ausgezeichnet werden. Projektleiter Michael Walke vom NABU Uelzen freute sich, den Fachleuten das Renaturierungsprojekt, an dem schon seit 2010 viele Mitstreiter beteiligt sind, vorstellen zu können. Das Konzept steht auf mehreren Säulen. Zunächst wurde dem Bachlauf der Esterau ein »neues« Bett bereitet. Mit drei Mäandern versehen schlängelt sich die Esterau, die bereits seit dem 19. Jahrhundert immer wieder begradigt worden ist, nun wieder durch das landschaftlich schöne Niederungsgebiet zwischen Könau und Frisches Geflügel aus artgerechter Freilandhaltung RESTAURANT Warmse 3, 38536 Meinersen-Warmse www.restaurant-hoernings-hof.de HOFLADEN Höfen Nr. 8, 38536 Meinersen www.gefluegelhof-hoerning.de 10 Calluna

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Zwei- und vierbeinige Naturschützer in der weitläufigen Wiesenlandschaft der Esterau-Niederung bei Wieren. Kroetzmühle bei Wieren. Die ehemals feuchte Niederung wird nun nicht mehr entwässert, und der flache Bachlauf hat Platz, um bei Hochwasser die umliegenden Wiesen zu überfluten. Die Dexter-Rinder und Dülmener Pferde, die auf den Wiesen weiden, werden von den Mitarbeitern des nahe gelegenen Martinshofes betreut. Drittes Standbein sind kleine Flachgewässer, die sogenannten Blänken, die Laubfrosch, Kreuzkröte und dem Weißstorch einen Lebensraum bieten. »Seit Ende der 1960er Jahre hat kein Weißstorch mehr im Landkreis Uelzen gebrütet«, bedauert Michael Walke. Er hofft, dass sich dies bald ändert. Denn dank der Renaturierungsmaßnahmen haben sich bereits wieder Bekassine, Blaukehlchen und Schwarzkehlchen angesiedelt, die in intensiv landwirtschaftlich genutzten Regionen selten sind. Und die Dexter-Rinder »helfen« ihnen sogar bei der Futtersuche: »Dexter werden bereits mit Hörnern geboren«, erzählt Michael Walke, »und sie nutzen diese nicht nur für ihre Rangkämpfe, sondern auch zum Aufgraben der Erde. Dort suchen dann die Vögel gerne nach Nahrung.« Im mäandrierenden Bachlauf soll auch die Bachforelle wieder heimisch werden. Dass es in der Esterauniederung einen reich gedeckten Tisch gibt, haben allerdings noch andere Gesellen entdeckt: Waschbär, Mink und der Marderhund, der seit den 1960er Jahren aus Sibirien auf dem Weg nach Westen auch nach Deutschland gekommen ist, vermehren sich im neuen Biotop und haben Appetit auf die Wiesenvogelpopulationen. Auch die Gelege des Kranichs stehen auf ihrem Futterplan. Und tatsächlich, als der Fahrzeugtross der Jury am Wiesenrand parkt, verschwindet ein grau-buschiger Schwanz zwischen den hohen Gräsern in Richtung Wäldchen. Marderhund oder Waschbär? Eigentlich sind beide Tierarten nachts unterwegs. An den Renaturierungsmaßnahmen war auch der Wasserund Bodenverband des Landkreises Uelzen beteiligt. »Es finden heute sehr viel weniger Eingriffe in die Wasserläufe statt, als es in den vergangenen Jahrzehnten der Fall war«, fasst Ingmar Sannes vom Wasser- und Bodenverband zusammen. Er wird auch wieder mit von der Partie sein, wenn das Esterau-Projekt in die nächste Phase geht: Geplant ist, Gewässerböschungen rund um die Kroetzmühle abzuflachen, sodass auch hier die Fließgeschwindigkeit verringert wird. Mit dieser Ankündigung im Ohr muss die Jury dann aber schnell weiter, denn sie hat noch drei weitere Stationen auf dem Tagesplan. Die Dexter-Rinder können über so viel Eile nur die schwarzen Köpfe schütteln … Die Jury unterwegs in der Esterau-Niederung. Ingmar Sannes vom Wasser- und Bodenverband Uelzen zeigt Jury-Mitglied Peter Sellheim vom Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, wo genau die Esterau fließt. Ein Kamerateam des NDR filmt derweil direkt am Fluss (unten). Calluna 11

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GARTENGESCHICHTEN SCHNUCKIDU UND ELEFANTENGRAS Tüftler Jürgen Adam stellt aus Heidschnuckenwolle Pflanzendünger her und heizt sein Haus mit Bio-Brennstoff aus eigenem Anbau CHRISTINE KOHNKE-LÖBERT / Text / Fotos A unktion 3 in 1 F eln, Saugen s k c ä H , Blasen gartenkraft Laubsauger RLS 2500 mit Elektromotor. 2.500 Watt Leistung. Saugleistung: 1 schwindigkeit: max. 210 km/h. Häckselfunktion: ca. 10:1. Volumen Laubsack: 45 Liter. Gewicht: 3,8 kg. Blasgeschwindigkeit regelbar. Mit Schultergurt und Führungsrolle. Top Preis! 39 12 Calluna 99 m Abend vor der Präsentation hat er sich noch schnell den Namen schützen lassen, nur zur Sicherheit. »Schnuckidu« heißt die Kreation, und auf den ersten Blick weiß man nicht so recht, was von den kleinen grünlich-braunen Pellets in der Tüte mit dem Kopf der Grauen Gehörnten Heidschnucke darauf zu halten ist. Sind sie zum Heizen da? Nein, in den Ofen sollte man Schnuckidu lieber nicht werfen, denn die Pellets bestehen aus gepresster Schnuckenwolle und die würde beim Heizen eher unangenehme Gerüche entfalten. »Schnuckidu« ist ein ökologischer Langzeitdünger, entwickelt vor rund drei Jahren von Jürgen Adam aus Bonstorf bei Hermannsburg. Der Anfang der Geschichte hat allerdings doch etwas mit dem Heizen zu tun. Der Erfinder von »Schnuckidu« hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, sein Wohnhaus mit gepresstem Stroh zu beheizen. Jürgen Adam, Maschinenbautechniker und im Nebenerwerb Landwirt, wollte für sich und seine Familie eine Lösung finden, die sie unabhängig macht von Öl-, Gas- oder anderen Energieriesen und -krisen. Außerdem ist er Tüftler, immer bereit, ein Experiment zu wagen. Warum also nicht den Maschinenbau mit der Landwirtschaft zusammenbringen und das ohnehin anfallende Stroh zum Heizen pressen? Vor fünf Jahren wurden entsprechende Maschinen angeschafft und die ersten Versuche gestartet. Auf Anhieb gelang es allerdings nicht. Es klappte zwar mit dem Pressen, nur die Heizleistung ließ zu wünschen übrig. Also musste eine andere Lösung her. Und die heißt afrikanisches Elefantengras, in Fachkreisen Miskantus. Die bis zu vier Meter hohen Pflanzen baut Jürgen Adam nun auf seinem Land an – und er heizt damit sein komplettes Wohnhaus. »Ein Hektar reicht für ein Wohnhaus«, ist seine Erfahrung. Die Idee, mit seinen Maschinen auch Schnuckenwolle zu verarbeiten, kam Jürgen Adam dagegen per Zufall. Beim Mähen stieß er auf einen Riesenhaufen Wolle, den scheinbar jemand in der Landschaft entsorgt hatte, weil damit heutzutage kein Geld mehr zu machen ist. »Ich fand es einfach eine Verschwendung, die wertvolle Wolle wegzuwerfen«, erzählt er – und so kam er ins Gespräch mit Schnuckenschäfer Carl Kuhlmann vom Heidschnuckenhof Niederohe. Dieser wiederum hatte beobachtet,

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Ricke, racke: Der Trichter für die Wolle sieht ein bisschen aus wie der in der Max-und-Moritz-Mühle von Wilhelm Busch. Die Schnuckenwolle wird zu Pellets verarbeitet, die in verschieden große Säcke gefüllt und dann als Gartendünger angeboten werden. Calluna 13

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MENSCHENGESCHICHTEN Jürgen Adam im Elefantengras, mit dem er im Herbst und Winter sein Haus heizt. dass an Stellen, wo Schnuckenwolle gelagert wurde, die Pflanzen besser wachsen und mischt deshalb in seinen Ställen Schnuckenwolle in die Einstreu, die dann wieder als Dünger auf dem Acker landet. »Das hatte ich gesehen«, erzählt Jürgen Adam, und er wollte der Sache auf den Grund gehen. Deshalb ließ er Schnuckenwolle auf ihre Inhaltsstoffe untersuchen. Das Ergebnis: zehn Prozent Stickstoff und 4,2 Prozent Kaliumoxyd. Mit einem Wort: bester Dünger! »Schnuckenwolle besteht aus demselben Material wie Horn und Haare, also aus Eiweiß, das im Boden abgebaut wird«, fasst er zusammen. »In ihr ist erheblich mehr des wichtigen Nährelements Stickstoff enthalten als beispielsweise im Dung, der nur etwa einen Prozent Stickstoff enthält.« Die Grundlage für die Verwendung als Düngemittel lag also auf der Hand. Nur, dass man Wolle nicht einfach auf dem Acker verteilen kann so wie Mist. Es musste also eine Möglichkeit gefunden werden, sie zu verarbeiten. Und hier setzt wieder Jürgen Adams Erfindergeist ein. Während eines Frankreich-Aufenthaltes hatte er gesehen, dass ein Maschinenhersteller dort ebenfalls Versuche zur Verarbeitung von Wolle angestellt hatte. Aber es funktionierte nicht. »Die Wolle wurde nicht fest«, erzählt er, ließ sich aber nicht davon abbringen, es selbst zu versuchen. »Das Problem ist, die Wolle in eine Konsistenz zu versetzen, in der sie auch längere Transporte übersteht«, erläutert er die Tüftel-Aufgabe. Maschinen waren ja vorhanden. »Die ersten Versuche gingen allerdings katastrophal aus«, erinnert er sich. Mehrere Wochen wurde probiert, aber die Wolle, »zäh wie Knochenmehl«, ließ die Maschinen immer wieder heißlaufen. Nicht nur ein Motor gab den Geist auf. Auch die Dosierung war schwierig. Jürgen Adam baute einen Frequenzumrichter zur Steuerung der Laufgeschwindigkeit ein und probierte es immer wieder, bis er schließlich mit einem brauchbaren Ergebnis aufwarten konnte. »Ich habe mich herangetastet«, fasst er zusammen. Ziel war, das Produkt zur Heidschnuckenbockauktion 2011 zu präsentieren, und er schaffte es tatsächlich. »Ich wollte so gerne einen Satz Tüten mitnehmen«, meint er. In dem ganzen Stress hatte er jedoch nicht daran gedacht, sich das Patent zu sichern. Deswegen wurde nachts noch schnell der Name geschützt. Eine Tonne Wolle verarbeitete Jürgen Adam im ersten Jahr. Inzwischen sind es drei Tonnen, das entspricht der Wolle von 3000 Schnucken. Geeignet ist der Langzeitdünger für Garten und Feld, aber auch für Topfpflanzen. Wenn das der alte Heidjer gewusst hätte, der nach dem Motto »Schaper, Schaper dudeldei, söck de Köttel ut de Hei! Söckst du se nicht rein herut, kriegs du keine Jungfer Brut« mühsam den Dung der Schnucken für sein Feld zusammensuchen musste! Carla257/pixelio.de 14 Calluna

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Vom Sinn eine s Ga r te Blumig e G edanken st üt z e ntag eb uchs MARION KORTH / Text / Foto ieles spricht dafür, mit dem Beginn des neuen Gartenjahres nicht nur die Beete, sondern auch ein Gartentagebuch »anzulegen«. Noch mehr aber spricht dafür, nicht zu warten, und es genau jetzt zu tun, da die Bilder des Sommers noch farbenfroh in unseren Köpfen spuken, die Äpfel an den Bäumen hängen, Dahlien und Ringelblumen einen letzten bunten Gruß in die Herbstluft schicken. Schon bald werden wir vergessen haben, wo die Radieschen und der Salat gestanden haben, welche Tomatensorte am besten geschmeckt hat, wie groß diese oder jene Staude geworden ist, welche Blütenfarben gar nicht zueinander passten und wo der Zufall ein besonders schönes Pflanzenarrangement hat wachsen lassen. Wir sehen nur noch nackte Erde vor uns, vielleicht ein paar vertrocknete Blütenstände – zu wenig, um daraus wieder ein gedankliches Abbild der vergangenen Wirklichkeit zu machen. Über den Sommer sind uns tausend Ideen durch den Kopf geschossen, was wir anders oder besser machen könnten, welche Blumen wir unbedingt säen oder pflanzen sollten, dass wir endlich ein Insektenhotel bauen möchten. Für all diese Beobachtungen, Pläne, Ideen und Skizzen ist Platz in unserem Gartentagebuch. Es wird uns helfen, nicht zu vergessen, an welcher Stelle wir die Tulpe »Apricot Parrot« gesetzt haben, damit wir sie im nächsten Jahr nicht aus Versehen ausgraben oder überpflanzen. Es wird uns die Zeit bis zum nächsten Ergrünen verkürzen, wenn wir uns später durch die Seiten blättern. Jeder mag selbst entscheiden, wie und ob er sein Büchlein V ordnen möchte – stichwortartig und tabellarisch, mit Wetterbeobachtungen, Pflanzennamen und Erntemengen in Kilogramm oder eher lyrisch, wild wachsend und persönlich, durchsetzt mit eigenen Stimmungen, Zeichnungen, getrockneten Blüten. Auch die Buchführung am Computer gleich mit den passenden Digitalfotos dazu hat ihre Vorteile, ist überschaubarer. Für mich ist die handschriftliche Notiz allerdings die erste Wahl, denn erst durch die Bewegung des Stiftes bekommen die Gedanken allmählich ihre Form und Lebendigkeit, erst die Langsamkeit der Aufzeichnung geben ihnen die richtige Tiefenschärfe. Also schreiben Sie los! Und wenn Sie im nächsten Jahr auch ein Insektenhotel haben möchten, dann vergessen Sie nicht, beim herbstlichen Aufräumen des Gartens ein paar hohle Stängel der Sonnenblume dafür zur Seite zu legen. Foto: Thomas Max Müller/pixelio.de Thomas Köberlein Hohes Feld 28 38531 Rötgesbüttel Telefon 0 53 04 / 94 40 995 mobil 0160 / 40 68 377 eMail thomas.koeberlein@alice.de Calluna 15

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