Aus der Sicht eines Pflastersteins

 

Embed or link this publication

Description

Aus der Sicht eines Pflastersteins

Popular Pages


p. 1

Ein verkorkstes Leben und ein neues, literarisches: Autor Uwe Stöß hat eine kriminelle Vergangenheit und schreibt jetzt unter anderem Weihnachtsgeschichten. Foto: André Kempner Benefiz-Hörbuch: Uwe Stöß schrieb „Der Sterneanzünder“, Leipziger Kabarettisten lesen die Geschichte ein Von lisa berins „Aus der Sicht eines Pflastersteins“ sen. Das waren nur die Anfangsszenen des Dramas. Stöß zündet sich wieder eine Zigarette an. Er spricht schnell, setzt Erinnerungsfragmente wild aneinander. Er benutzt Wörter wie „tangieren“ oder „erheischen“ und mischt sie mit rohem Straßenslang. Die kriminelle Karriere nahm also ihren Lauf: Stöß lernte russische Kriminelle kennen, hohe Tiere, Obdachlosen kaufte er Ausweise ab – für krumme Dinger –, schmuggelte Luxuskarossen in die Ukraine. „Ich hab die Kuh fliegen lassen“, sagt er. Er war mit einer bulgarischen Prostituierten zusammen. „Kannste im Roman drüber lesen“, sagt Stöß. „Es ist eine Art Liebesgeschichte.“ Stöß befand sich im Sog der Unterwelt. Nachdem ihn eine Gang auf ein Bahngleis gefesselt hatte – glücklicherweise auf ein nicht befahrenes – verprügelte er den Chef der Bande, einen Zuhälter, mit einem Schlagring. Vorsätzliche Körperverletzung mit bleibendem Schaden – Stöß’ schwerstes Delikt. Als der Bandenkrieg losging, wollte er aussteigen. Mit einer kaputten Reisetasche und einer löchrigen Hose fuhr er 1998 in die Entzugsklinik in Leipzig. Er begann ein Praktikum in einer Firma, die aber Pleite ging. Es folgten ein neuer Absturz, Prügel, wieder Knast. 2005 hat Stöß Schluss gemacht. Er lebte in einer „Drecksbude“ zusammen mit Säufern und Rauschgiftsüchtigen. Innerhalb eines Jahres kam der Leichenwagen sechs Mal angefahren, erzählt der Autor. „Am 8. Juni habe ich um 16 Uhr mein letztes Bier getrunken. Dann bin ich mit 1,20 Mark in der Tasche zum Arbeitsamt gelatscht. Ich habe der Sachbearbeiterin reinen Wein eingeschenkt: Ich muss wahrscheinlich noch mal ‚rein‘.“ Stöß’ letzter Knast-Besuch wurde um drei Monate verkürzt – dank des Einsatzes seiner Fallmanagerin. Die erste Zeit des neuen Lebens war hart für den ExKnacki. In seinen ersten Erzählungen „Zwei Etagen unter der Hölle“ blickt er auf seine Vergangenheit zurück. „Ich bin ein Erzähler“, sagt er. „Mir Der Mensch braucht jemanden zum Reden. Uwe Stöß hatte keinen. Das ist der springende Punkt. Deshalb fing er an mit dem Schreiben. Der Autor blickt durch ein dicker Dunstschwaden hindurch. Er raucht eine Club-Zigarette. Seine Stimme ist verbraucht, versoffen. Vor ihm steht ein alkoholfreies Bier. Er trinkt aus der Flasche und fängt an zu erzählen; Episoden aus seinem ersten Leben voller Exzesse, Abstürze, Prügeleien, Knast, Alkohol. Uwe Stöß ist 51 Jahre alt. Sein zweites Leben hat er am 8. Juni 2005 begonnen. Jetzt schreibt er Geschichten. Seinen ersten Erzählband „Zwei Etagen unter der Hölle“ brachte er 2009 beim Leipziger FHL-Verlag heraus. Es folgten weitere Bände und 2012 der Roman „Der himmelblaue Fasan“ beim Projekte-Verlag Halle. Derzeit wird seine Weihnachtsgeschichte „Der Sterneanzünder“ von Leipziger Kabarettisten als Hörspiel eingesprochen. Es erscheint als Benefiz-CD im Herbst. Die Geschichte handelt von einem kleinen Jungen, der sich in einer fantastischen Welt auf die Reise zum Weihnachtsfest mit seiner verstorbenen Großmutter aufmacht. Es ist nicht gerade der Stoff, den man von einem Ex-Knacki erwarten würde. Zehn Jahre hat Uwe Stöß gesessen. Nicht am Stück. Er kam mal raus, wieder rein. Die Tattoos auf seinen Armen sind mit blauer Knast-Tinte gestochen. Sie verblassen allmählich. In den Schlamassel sei er damals ganz einfach reingerutscht, sagt er. 1985, da war er 23 Jahre alt, hatte er angefangen, Veterinärtechnik zu studieren. Da hatte er schon ein Alkoholproblem und prügelte sich in der Mensa. „Den Jähzorn habe ich vom Elternhaus mitbekommen. Ich habe dann keinen Fuß mehr auf den Boden gekriegt.“ Auf dem Arbeitsamt hat er zwei, drei Computer an die Wand geschmis- geht’s um Authentizität. Ich schreibe aus der Sicht eines Pflastersteins.“ Zwar habe er noch kein Stipendium „in den Arsch geschoben bekommen“. Auch einen Verlag hat er für seinen neuen Roman, an dem er gerade schreibt, noch nicht. „Die nehmen lieber diese Shadesof-Grey-Hausfrauen.“ Aber Stöß ist zuversichtlich. Seine Geschichten, für die er aus seinem wilden Leben schöpft, seien brisant – heute, wie für die nachfolgenden Generationen. Das mache schließlich Literatur aus, sagt er. Autobiografisches finde man auch in der Weihnachtsgeschichte. „Ich hatte ja eine Scheißkindheit“, sagt er. Die Mutter Alkoholikerin, der Vater ging fremd – Stöß wuchs zeitweise bei der Oma auf. In der Geschichte „Der Sterneanzünder“ spielen Erinnerungen an die Großmutter mit. „Sie war für mich der Stellvertreter vom Weihnachtsmann. Heute weiß ich, dass es zwischen ihr und meiner Mutter auch nicht alles rosig war.“ Stöß nippt an seinem alkoholfreien Bier. Sein Leben ist auch heute noch eher Kampf als Gondelfahrt. Er lebt von Hartz IV, kriegt sonst keine Unterstützung, wie er sagt. Und vor allem will er sein Image loswerden. „Aus der Gosse geklettert“ – die Geschichte sei zur Genüge erzählt. In seinem neuen Leben ist er Literat. Wie sollte also ein Porträt über ihn beginnen? Stöß überlegt. „Schwer. Gute Sätze kommen meist ungewollt.“ Er schnippt die Asche von der Zigarette. Eine halbe Schachtel ist jetzt auf. „Es ist ja so. Der Grundtenor ist doch der, dass der Mensch jemanden zum Reden braucht. Und ich hatte halt niemanden. Das ist eigentlich der Urschleim allen Schreibens.“ Hörbuch-CD „Der Sterneanzünder“ ab z Herbst erhältlich in allen LVZ-Geschäfts- Uta Serwuschok, Meigl Hoffmann (mit seinem Boxer-Welpen Popeye) und Thorsten Wolf lesen Uwe Stöß’ „Sterneanzünder“ im SAE-Tonstudio ein. Sie verzichten auf ein Honorar, damit der gesamte Erlös dem guten Zweck zu Gute kommt. Foto: Wolfgang Zeyen stellen, im LVZ-Media-Store in den Höfen am Brühl, sowie unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800218150.

[close]

Comments

no comments yet