Calluna Sommer 2014

 

Embed or link this publication

Description

Das Vier-Jahreszeiten-Magazin der Südheide Sommer 2014

Popular Pages


p. 1

www.calluna-magazin.de Nr. 61/16. Jahrgang Sommer 2014 Da s Vier-Jahreszeiten-Maga zin Der Südheide Das Glück dieser Erde liegt vielleicht doch nicht auf dem Rücken der Pferde Eisen im Feuer Peter Böttcher hat eine glühende Leidenschaft Am Wasser entlang Mit dem Fahrrad auf Flussund Kanal-Tour Calluna 1

[close]

p. 2

Dem Leben die schönsten Zeiten abgewinnen – und Träume schneller verwirklichen. Gibt es etwas Schöneres als die Sonnenseiten des Lebens? Manchmal braucht es nicht viel dazu: etwas Ruhe, ein Sonnenbad, vertrautes Miteinander. Vielleicht auch die Zukunft ausmalen und neue Pläne schmieden. Dann sollten Sie nicht Ihre finanziellen Ziele aus den Augen verlieren. Sprechen Sie mit uns über Ihre Wünsche und Ansprüche rund ums Geld. Vielleicht lassen sich dann manche Träume schneller verwirklichen. Mehr Infos in Ihrer Filiale und unter www.spk-gifhorn-wolfsburg.de. 2 Calluna

[close]

p. 3

EDITORIAL INHALT SALZSTRASSE UND SANDSTRAND Unterwegs auf dem Ilmenau-Radweg SCHIFFE GUCKEN MITTEN IM WALD Mit dem Fahrrad am Elbe-Seitenkanal TOURISMUS BOOMT Besonders viele Radfahrer unterwegs GLÜHENDE LEIDENSCHAFT Peter Böttcher hat Eisen im Feuer ERFRISCHEND ANDERS Die Brauereichefin Frauke Betz DA IST WUNDERBARES GEWACHSEN Unser Gartenprojekt im Museumsdorf 4 FREUNDINNEN AUF 12 BEINEN Maret und Lilly und Herzchen und Lina REISEAPOTHEKE FÜR HUNDE Tipps von der Tierheilpraktikerin AUF AUGENHÖHE Heike Schlobinski malt Heidschnucken WASSER, WIESEN, SCHWANZVIEH Die Suderburger Rieselwiese EINKAUFSPOLITIK Plädoyer für bewusstes Kaufverhalten WOHNEN IN DER WINDMÜHLE Katja Rösler träumt von neuen Flügeln DIE BURG KNESEBECK Amtshaus, Forsthaus, Tagungshaus MIT CHARME UND GESCHICHTE 100 Jahre Karl-Söhle-Schule WAS HEISST MISSION HEUTE? Besuch im Ludwig-Harms-Haus SCHLANGENESSER & HUNDEKÖNIG Geschichten von der Weltkarte GLEICHKLANG IN SCHWARZ & WEISS Die Kostials restaurieren Klaviere LESESOMMER LOCKT Kulturprogramm in Steinhorst FLASCHENPOST Aus der Wipperau gefischt Besser leben Buchempfehlungen SüdheideKalender 5 9 11 12 16 20 22 26 26 28 30 38 42 44 46 48 50 52 62 34 55 56 Hallo liebe Leserin, hallo lieber Leser, haben Sie Ihr Südheide-Magazin wiedererkannt? Calluna – mit 15 Jahren im besten Teenageralter – ist tatsächlich etwas in die Breite gegangen. Anderen Jugendlichen würde der Arzt in diesem Fall raten, weniger Fastfood zu essen und mehr Sport zu treiben. Calluna hat dagegen kein Gewichtsproblem. Im Gegenteil, sie ist jetzt gefühlt sogar leichter als vorher. Genau das war unser Ziel: Leicht und luftig wie der Sommer sollte sie werden – natürlich nur das Layout und nicht der Inhalt. Dank des neuen Formats können wir unseren Fotos, Texten und auch den Anzeigen jetzt mehr Weißraum drumherum spendieren. Der Begriff Weißraum beschreibt in der Fachsprache der Typographen den unbedruckten Teil einer Seite. Aus Kostengründen kommt der Einsatz von Weißraum bei Druckerzeugnissen leider oft zu kurz. Weißraum ist Luxus, aber er lohnt sich, denn er verbessert die Wirkung der Fotos und die Lesbarkeit der Texte. Sie kennen das Prinzip von gerahmten Bildern: Ein Bild mit einem breiten Passepartout wirkt großzügiger als ein randlos gerahmtes. Und da wir schon einmal dabei waren, hat die Titelseite gleich noch ein kleines Facelifting bekommen ... In dieser Ausgabe nehmen wir sie mit auf unsere Radtouren, besuchen einen Mann mit einer glühenden Leidenschaft für heißes Eisen und eine Frau, die für Mühlen brennt und von neuen Flügeln träumt. Und dann sind da auch noch: Die Frau, die von der Seine an die Aller kam, um Bier zu brauen, das Ehepaar, das alte Klaviere wieder wie neu klingen lässt, und die beiden Mädchen, die nichts gegen Pferde haben, aber doch lieber auf Kühen reiten. Noch mehr Lesevergnügen, kleine Geschichten und Ausflugs- und Veranstaltungstipps finden Sie unter www.calluna-magazin.de. Genießen Sie den Sommer mit seinen langen, hellen Tagen! Bis bald im Herbst! Ihre Inka Lykka Korth TITELBILD Eine Sommerblume mit geradezu magischer Anziehungskraft für Schmetterlinge ist der Purpur-Sonnenhut (Echinacea purpurea), der einst aus Nordamerika zu uns nach Europa eingewandert ist. Die Blume enthält Wirkstoffe, die zur Stimulierung des Immunsystems genutzt werden, um vor Erkältungskrankheiten zu schützen. Foto: Inka Lykka Korth Teaserfotos: Christine Kohnke-Löbert (1) / Inka Lykka Korth (2) Foto: Marion Korth Calluna 3

[close]

p. 4

IMPRESSUM KONTAKT Calluna – Das Vier-Jahreszeiten-Magazin der Südheide erscheint vierteljährlich im Verlag Werner Remus werner.remus@calluna-medien.de Susanne Knöpfle / telemotion susanne.knoepfle@calluna-medien.de kontakt@calluna-medien.de Verlag: www.calluna-medien.de Magazin: www.calluna-magazin.de CallunaMagazin BÜROS Steinweg 3 38518 Gifhorn REDAKTION Merle Höfermann (verantwortlich) m.hoefermann@calluna-medien.de Inka Lykka Korth inka.korth@calluna-medien.de Christine Kohnke-Löbert christine.kohnke@calluna-medien.de AUTORIN Marion Korth marion.korth@calluna-medien.de LAYOUT Inka Lykka Korth inka.korth@calluna-medien.de ANZEIGENGESTALTUNG Friederike Kohnke friederike.kohnke@calluna-medien.de ANZEIGENVERKAUF Martina Ganz (verantwortlich) martina.ganz@calluna-medien.de Jennifer Mallas jennifer.mallas@calluna-medien.de DRUCK Voigt Druck GmbH, Gifhorn AUFLAGE 12.000 Exemplare ABO-JAHRESBEZUGSPREIS 10,- Euro inkl. Porto und Versand REPRODUKTIONEN jeglicher Art, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags. KLIMA- UND UMWELTSCHUTZ Dieses Magazin wird auf hochwertigem Recyclingpapier gedruckt, das mit dem Umweltsiegel Blauer Engel ausgezeichnet ist. Die beim Druck freigesetzten Treibhausgase werden vom Verlag durch Investitionen in zertifizierte Klimaschutzprojekte kompensiert. GIFHORN im Kavalierhaus von 1546 Steinweg 3 38518 Gifhorn Tel. 0 53 71/555 06 Fax 0 53 71/555 07 ISENHAGENER LAND auf dem Calluna-Hof Oerreler Dorfstraße 22 29386 Dedelstorf-Oerrel Tel. 0 58 32/97 98 40 Fax 0 58 32/97 98 41 UELZEN hinter der Kaiserlichen Post Print kompensiert Id-Nr. 1439072 www.bvdm-online.de Gartenstraße 16 29525 Uelzen Tel. 05 81/97 39 20 71 Fax 05 81/97 39 20 72 4 Calluna

[close]

p. 5

STREIFZÜGE AUF DER SALZSTRASSE UND AM SANDSTRAND Unser sommerlicher Tourentipp: Mit dem Fahrrad entlang der Ilmenau von Uelzen nach Lüneburg – und zurück mit der Bahn. INKA LYKKA KORTH / Text / Fotos ären wir an der Informationstafel über »Die Wege des weißen Goldes« ohne anzuhalten vorbeigefahren, wäre uns etwas entgangen! Wir hätten gar nicht bemerkt, dass wir gerade auf historischem Pflaster unterwegs sind. Wahrscheinlich hätten wir den Weg durch den Wald südlich des idyllischen Heideorts Jastorf in der Rückschau lediglich als schlechte Wegstrecke verbucht und nicht als das, was es mal war: ein Teil der berühmten Salzstraße. Da wir jetzt aber wissen, dass wir auf dem Waldweg deshalb so durchgeschüttelt werden, weil darunter noch Reste des alten Straßenbelags vorhanden sind, wollen wir uns nicht beklagen. Immerhin haben wir luftgefüllte Reifen und gepolsterte Sättel. Solchen Komfort kannten die Salzhändler damals noch nicht. Mit ihren schwer beladenen und gänzlich ungefederten Ochsengespannen kamen sie nur im Schritttempo voran. Entsprechend lange dauerten die Reisen. Aber wo ist die alte Feldsteinbrücke? Ein Bach ist nicht zu sehen. Vielleicht ausgetrocknet? Wir stellen die Räder ab, und gehen die Böschung hinunter. Da ist sie! Wir haben genau an der richtigen Stelle gehalten. W Auf der Alten Salzstraße sind schon lange keine mit dem »Weißem Gold« schwer beladene Ochsenkarren mehr unterwegs. Das tut gut bei der Hitze: die Füße kühlen im flachen Wasser am Sandstrand der Ilmenau im Lüneburger Stadtforst Wilschenbruch. Calluna 5

[close]

p. 6

STREIFZÜGE Mittelstrasse 1 Tel.: 05834 - 5261 Knesebeck Mit dem Bei uns finden Sie Leichte Reiseräder Komfortable E-Bikes Sichere Helme Gute Packtaschen Genaue Radkarten Tolle Touren-Tipps Jetzt Probefahren d ab rr Fadh u la r en U in tung Gute Bera hrung aus Erfa LILIE´s Räder laufen leichter Café mit Fachwerk-Ambiente & Großer Sonnenterrasse in Allernähe & romantischer Natur. Bei Kaffee & Kuchen, Frühstück, Snacks, Eis und allerlei anderen Genüssen können Sie Pause machen und stilvoll entspannen! 6 Calluna z. B. mit dem Fahrrad. km-Entfernungen: von GF: 15 Celle: 27 WOB: 36 BS: 37 AUSFLUGS-TIPP ! ሤ Schönes Ausflugsziel Ja, auf dem Ilmenau-Radweg gibt es viel zu entdecken. Nicht nur Spuren der Vergangenheit und malerische kleine Dörfer, sondern auch viel Natur in einer sanft gewellten Kulturlandschaft. Nur die Ilmenau selbst scheint sich vor uns zu verstecken, obwohl der Weg größtenteils dem Flusslauf folgt. Die Vegetation ist so dicht, dass wir das Wasser mal links, mal rechts des Weges meistens nur erahnen, aber selten sehen. Bei unserem Start heute Morgen in Uelzen am Ratsteich – dort haben wir das Auto abgestellt und unsere Falträder entfaltet – hatten wir sie noch direkt im Blick, aber dann war sie erst einmal verschwunden. Die Schilder mit dem Logo des Ilmenau-Radwegs führten uns aus der Stadt heraus. Wir überquerten den Elbe-Seitenkanal, fuhren einen Bogen durch die Felder und am Oldenstädter See vorbei und wurden dann in Ripdorf auf den Uferweg des »Heide-Suez« geleitet. Wir haben die Sonne genossen und kamen gut voran. Als wir uns nach etlichen Kilometern gerade fragen wollten, wann wir auf dieser Tour statt des Kanals auch mal wieder die Ilmenau begleiten können, kommt die Abfahrt. Wir müssen über eine Brücke auf die andere Kanalseite, und dann geht es in hohem Tempo bergab in den Wald hinein, wo wir jetzt auf der alten Feldsteinbrücke stehen. Wenn wir mehr Zeit hätten, würden wir gleich einen Abstecher zum Jastorfer See machen, der als Schutzgebiet für Wasservögel ausgewiesen ist. Aber wir wollen weiter, und ein bisschen Hunger haben wir auch. In Bad Bevensen haben wir eine Frühstückspause eingeplant. Die Fußgängerzone scheint ein richtiger Treffpunkt für Radwanderer zu sein, und dabei hat die Ferienzeit noch gar nicht begonnen, und heute ist nicht Sonnabend oder Sonntag, sondern Dienstag. Nachdem wir uns in einer Bäckerei mit Kaffee und Brötchen gestärkt haben, geht es auch gleich schon weiter. Jetzt fahren wir endlich direkt am Fluss entlang – eine wunderschöne Strecke, die teilweise durch den Kurpark führt. Die Ilmenau zeigt sich hier als quicklebendiger Fluss mit einer beachtlichen Strömung. Wir müssen ihn unbedingt demnächst einmal mit unseren Kajaks befahren. Auf dem Alten Mühlenweg geht es weiter nach Medingen, wo sich die Besichtigung des Klosters anbietet. Am liebsten würden wir auch gleich noch die Mühle besichtigen, die dem Weg ihren Namen gab und wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten mit der Kraft des strömenden Ilmenauwassers angetrieben wird. Von Medingen nach Bruchtorf wären es nur zweieinhalb Kilometer – wenn wir die Ilmenaustraße nehmen würden. Doch wir folgen lieber dem Ilmenauradweg, der entlang dem Fluss in einem weiten Bogen durch Wald und Wiesen führt. Der Umweg lohnt sich, allerdings nur für diejenigen, die keine allzu schmalen Reifen an ihren Rädern haben. Unsere Falträder kommen hier beinahe an ihre Grenzen. Auch dieses Stück schlechte Wegstrecke nehmen wir klaglos hin, ist uns doch bewusst, dass für den Ilmenau-Radweg aus Naturschutzgründen weitestgehend vorhandene Wege genutzt werden. Kurz vor Bienenbüttel kreuzen wir gleich zweimal die Bahnlinie Hamburg-Uelzen, dann sind wir auch schon bald im Ort. Damit liegt die 30,5 Kilometer lange Etappe Uelzen-Bienenbüttel hinter uns. Ohne Pause nehmen wir sogleich die Etappe Bienenbüttel-Lüneburg in Angriff, die mit 17 Kilometern vergleichsweise kurz, dafür landschaftlich umso reizvoller ist. Zwischen dem kleinen Heideort Hohenbostel und dem Naturschutzgebiet

[close]

p. 7

STREIFZÜGE Naturerlebnisse, interessante Bauwerke wie Kloster und Mühle (Bild unten) und natürlich die Lüneburger Altstadt hat der Ilmenauradweg zu bieten. Praktisch: Die Rückfahrt kann mit der Bahn erfolgen. Diecksbach wird der Radweg plötzlich zur Sandpiste, und wir müssen erstmals tatsächlich absteigen und schieben. Aber die Wegbauarbeiten waren auf der Internetseite über den IlmenauRadweg angekündigt und wir entsprechend vorgewarnt. Wieder im Sattel, nähern wir uns alsbald dem nach unserer Meinung schönsten Teilstück des Ilmenau-Radwegs zwischen Uelzen und Lüneburg. Nachdem wir Deutsch-Evern durchquert haben, gelangen wir in den Lüneburger Stadtforst Wilschenbruch mit seinen wunderschönen großen Buchen, deren Laub in der Sonne hellgrün leuchtet. Wir könnten jetzt eine Rast im Forsthaus Rote Schleuse (Gastronomie) machen, aber uns zieht es an den Strand. Ruckzuck sind Schuhe und Socken ausgezogen, und dann stehen wir in der Ilmenau. Die Abkühlung hat gut getan, und wir treten beschwingt in die Pedale. Jetzt sind es nur noch rund zwei Kilometer bis in die Innenstadt von Lüneburg. Wir essen dort eine Kleinigkeit, machen einen Stadtbummel und uns danach auf den Weg zum Bahnhof. Zurück nach Uelzen fahren wir mit dem Zug. Die Metronom-Züge haben riesige Fahrradabteile, in denen unsere Falträder geradezu verloren wirken. Nur 23 Minuten dauert die Rückfahrt. Weitere fünf Minuten brauchen wir mit den Fahrrädern vom Hundertwasser-Bahnhof bis zum Ratsteich, wo unser Auto steht. Unser Fazit: Eine interessante, lohnenswerte Tour, die sich wahlweise als Tagestour oder Mehrtagestour planen lässt. Wer Zeit und Muße hat, sollte sich möglichst für die mehrtägige Variante entscheiden und Besichtigungen und Aufenthalte in Bad Bevensen, Medingen und Bienenbüttel einplanen. Insgesamt ist der 2009 eröffnete Ilmenau-Radweg rund 120 Kilometer lang und besteht aus fünf Etappen. Er beginnt in Bad Bodenteich und endet in Hoopte bei Winsen/Luhe, wo die Ilmenau in die Elbe mündet. Der Weg ist relativ gut ausgeschildert, ohne detailreiche Karte kann man sich dennoch leicht verfahren (das ist uns zwei Mal passiert, wir haben es jedoch schnell gemerkt). Diejenigen, die ein GPS-Gerät oder ein Smartphone mit GPS besitzen, können sich von der Internetseite www.ilmenauradweg.de die GPSDaten herunterladen. Wer keine Lust hat, unterwegs die Texte der insgesamt 31 Informationsntafeln zu lesen, kann sich diese auch vorlesen lassen. Die entsprechenden MP3-Dateien stehen auf der Internetseite zum Herunterladen und Überspielen aufs Smartphone oder den MP3-Player bereit. Zusätzlich werden, ebenfalls kostenlos, Hörspiele und Reportagen angeboten, die den Ilmenauradlern unterwegs Land und Leute näher bringen. Ohne Gepäck ist der Ilmenauradweg mit normalen Tourenrädern und (hochwertigen) Falträdern befahrbar. Bei Falträdern entfält der Kauf einer Fahrradkarte für die Bahnfahrt. Wer Gepäck dabei hat, sollte möglichst ein stabiles Trekkingrad mit Federgabel wählen. Übernachtungsmöglichkeiten, Fahrradwerkstätten und weitere Servicestationen können ebenfalls über die Internetseite recherchiert werden. Calluna 7

[close]

p. 8

STREIFZÜGE INKA LYKKA KORTH / Text / Fotos www.otterzentrum.de eben. Natur erl taunen. S . n le Füh Ein A - und du BENTEUER bist mitte ndrin ein, dass kann doch nicht der Käpt‘n sein! Der vom »Traumschiff« sieht jedenfalls ganz anders aus, hat ’ne schicke, weiße Uniform an und ’ne Mütze auf mit goldenem Anker über dem Schirm. Dieser hier trägt ein Baseball-Cap auf dem Kopf und eine Kombination aus DoppelrippUnterhemd und kurzer, blauer Sporthose am Körper. Aber immerhin ist er genauso braun gebrannt wie Sonnyboy Sascha Hehn. Und lässig obendrein. Ob der Traumschiff-Kapitän es auch wagen würde, seinen Kahn mit dem Fuß zu steuern und dabei zurückgelehnt und die Hände hinter dem Kopf gefaltet vor sich hin zu träumen? Wohl kaum. Aber unser BinnenschiffKäpt‘n, mit dem wir auf Augenhöhe fahren, kann sich das erlauben, denn auf dem »Heide-Suez« geht‘s gemächlich zu. Und genau so entspannt wie die Binnenschiffer radeln wir am Ufer entlang, sind dabei allerdings ein bisschen schneller. An diesem Tag werden wir noch so manchen Kahn überholen, auf der Hintour backbord, auf der Rücktour steuerbord, denn der Kanal hat beidseitig Uferwege. Vom nächsten Schiff, an dem wir vorbeifahren, grüßt Balkonien. Plastik-Blumenkästen hängen an der Reling, die Fenster sind mit Spitzengardinen behängt, frisch gewaschene Wäsche flattert im Wind, und ein Hund döst auf dem Deck in der Sonne. Da fehlen eigentlich nur noch bunte Gartenzwerge. Überhaupt nicht dazu passen will die Ladung: Das Schiff hat rostigen Schrott an Bord, der meterhoch aus den Laderäumen ragt. Ein anderes Schiff, das wir sehen, ist mit Kohle, unterwegs, ein weiteres transportiert weißen Kies und sieht aus wie eine schwimmende Sandkiste, und ein drittes hat ganze Baumstämme geladen. Auch einem modernem Container-Binnenschiff, das offenbar gerade erst vom Stapel gelaufen ist oder aber in der Werft einen neuen Anstrich erhalten hat, begegnen wir auf unserer Kanaltour zwischen der Brücke bei Knesebeck und der bei Gannerwinkel. Schiffe gucken mitten im Kiefernwald – das kann gut am Elbe-Seitenkanal, und es macht richtig Spaß. Obwohl es immer nur geradeaus geht, wird die Fahrt wegen der Schiffe nicht langweilig. Da ärgere ich mich fast ein wenig, dass ich den Kanal jahrelang gewissermaßen links liegen gelassen habe – eher unbewusst, wahrscheinlich aus einer inneren Ablehnung heraus. Er kam mir wie ein Fremdkörper vor, und tatsächlich hat dieses massive und monströse Bauwerk unsere Landschaft zerschnitten, Lebensräume von Tieren zerstört oder zumindest getrennt und Flüsse und Bäche in Betonröhren gezwängt. Reichte es nicht, dass wir ein paar Kilometer weiter östlich, fast parallel zu ihm verlaufend, bereits eine befestigte Grenze hatten? Musste da noch eine zweite her? Zwar freuten wir uns als Kinder über die infolge des enormen Kiesbedarfs entstandenen Baggerseen – am Tankumsee lernte ich sogar segeln –, aber als ein paar Jahre später durchsickerte, dass der Elbe-Seitenkanal nicht nur gebaut worden war, um für die Binnenschifffahrt eine Verbindung zwischen Elbe und Mittellandkanal zu schaffen, sondern auch als militärisches Boll- N 8 Calluna

[close]

p. 9

Wetten, dass wir schneller als das Schiff sind und es gleich überholt haben werden? Panoramablick von einer der Kanalbrücken zwischen Uelzen und Bad Bevensen. SCHIFFE GUCKEN MITTEN IM WALD Auf dem »Heide-Suez« verkehren zwar keine so großen Pötte wie auf dem Nord-Ostsee-Kanal, aber dafür sind wir Radfahrer hier stets auf Augenhöhe mit dem Käpt‘n. Calluna 9

[close]

p. 10

STREIFZÜGE werk gegen feindliche Truppen aus dem Osten dienen sollte, sah ich in den friedensbewegten Zeiten des Kalten Krieges im »Heide-Suez« mit seinen unter Kanaldeckeln im Bereich der Brücken und Unterführungen versteckten Sprenglöchern und Panzersperren vor allem eine Provokation. Doch die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Die grausame Grenze zur ehemaligen DDR ist heute ein grünes Band, das seltenen Tier- und Pflanzenarten ein Rückzugsgebiet bietet, und der Elbe-Seitenkanal ist so schön in die Landschaft eingewachsen, dass er kaum noch als störend empfunden wird. Klar, man hat sich auch an ihn gewöhnt. An die nächste Schneise, die in unsere Landschaft geschlagen werden soll, die Autobahn 39 zwischen Lüneburg und Wolfsburg, werde ich mich hoffentlich nie gewöhnen. Aber das ist eine andere Geschichte, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Politiker doch noch Vernunft annehmen und, anstatt an dem teuren und meiner Meinung nach überflüssigen Prestigeprojekt festzuhalten, das Geld lieber in die Sanierung des maroden Straßennetzes stecken. Mit dem Elbe-Seitenkanal besitzen wir in der Südheide nicht nur eine gut genutzte Wasserfernstraße, sondern auch einen Radfernweg, wenngleich dieser offiziell als solcher gar nicht ausgewiesen ist. Genaugenommen handelt es sich sogar um zwei Radwege – einen an jedem Ufer. Wären sie asphaltiert, kämen sie sogar als Radschnellwege in Frage. Aber auch auf dem relativ feinkörnigen Schotterbelag kommt man gut voran, sofern man nicht auf schmalen Rennradreifen unterwegs ist. Wir benutzen die Uferwege des Elbe-Seitenkanals neuerdings oft und gern, haben sie doch über das schnelle Vorankommen hinaus viele Vorzüge: keine Steigungen, kein Verkehrslärm, und viel Abwechslung dank der Schiffe. Besonders jetzt im Sommer sind auch viele Freizeitkapitäne unterwegs, von denen die meisten – im Gegensatz zu den Berufsschiffern – uns Radfahrern freundlich zuwinken. Da der Kanal über weite Strecken, vor allem im südlichen Bereich als Dammstrecke verläuft – der Wasserspiegel des Kanals liegt höher als das umgebende Gelände – kann man von den Uferwegen aus stellenweise schöne Panoramablicke genießen. Aufgrund der erhöhten Lage waren Radfahrer am 1976 eröffneten Kanal in den ersten Jahren noch stark dem Wind ausgesetzt. Mittlerweile ist die Vegetation an den Ufern so hoch, dass man vor Wind geschützt ist und es sich auch aussuchen kann, ob man lieber in der prallen Sonne oder im kühlen Schatten fährt. Je nach Tageszeit und Sonnenstand wählt man das Ost- oder das Westufer. Lüder, Bad Bodenteich, Uelzen, Bad Bevensen und Lüneburg liegen unmittelbar am Kanal und bieten sich als Pausenstationen an. Aber auch Wahrenholz, Knesebeck, Wittingen, Wieren und Wrestedt sind vom Kanal aus in nur wenigen Minuten Fahrtzeit zu erreichen. Technikfreaks kommen an der imposanten Esterholzer Schleuse auf ihre Kosten, und in den Häfen in Uelzen und Wittingen kann man beim Be- und Entladen der Schiffe zuschauen. Wenn wir mit dem Fahrrad am Kanal unterwegs sind, würden wir am liebsten immer weiter fahren bis zur Mündung in die Elbe bei Lauenburg – insgesamt knapp 100 Kilometer. Für die Rückfahrt bietet sich die Bahn an. So eine Tour ist an einem Wochenende gut zu schaffen. Auf unseren Touren entlang dem Kanal sehen wir zahlreiche Radwanderer mit Gepäck, die den Plan offenbar schon in die Tat umgesetzt haben. Das entspannte und dennoch zügige Radeln am Wasser gefällt mir so gut, dass ich meine anfängliche Abneigung gegen den Kanal inzwischen nicht nur aufgegeben, sondern den Kanal sogar richtig lieb gewonnen habe. Wenn da nur nicht die steilen Treppen an den Brücken wären, über die man, wenn man vom Kanal aus einen Abstecher machen will, das Fahrrad hinauftragen muss! Auf den Brücken gönnen wir uns gern eine Verschnaufpause, schauen hinab aufs Wasser und die Schiffe von oben an, denen wir unten auf Augenhöhe begegnet sind und die wir gerade überholt haben. Ahoi! 5HVWDXUDQW+ÐUQLQJV+RI x Tel. 0 53 72 / 97 47 47 Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 22 Uhr +ÐUQLQJV+RIODGHQ x 'HUd*DQVo EHVRQGHUH /DGHQ Tel. 0 53 72 / 52 81 Mittwoch bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, Samstag von 9 bis 13 Uhr www.restaurant-hoernings-hof.de www.gefluegelhof-hoerning.de Sie finden uns in 38536 Warmse, direkt an der B 188 zwischen Meinersen und Uetze 10 Calluna

[close]

p. 11

SÜDHEIDE TOURISMUS BOOMT Uelzen hat neues Vermarktungs- und Radwege-Konzept entwickelt CHRISTINE KOHNKE-LÖBERT / Text / Foto Die Gäste sind anspruchsvoller geworden: Heide allein reicht heute nicht mehr. r war als Experiment nach dem – zeitweise umstrittenen – Celler Vorbild gestartet und hat sich als Erfolgsmodell entpuppt: Mehr als 20.000 Personen fuhren im Jahr 2013 mit dem Entdeckerbus durch den Landkreis Uelzen. Acht Fahrräder pro Tag wurden von dem zu 40 Prozent von Urlaubsgästen und zu 60 Prozent von Einheimischen genutzten Bus befördert – Grund genug, um den Fortbestand für weitere drei Jahre festzuschreiben, wie Jürgen Clauß im Rahmen der Mitgliederversammlung der Heideregion Uelzen e.V. bekanntgeben konnte. Der Vereinsvorsitzende freute sich, mit 5,4 Prozent mehr Gästeankünften als im Vorjahr auch insgesamt eine positive Bilanz ziehen zu können. »Damit haben wir seit acht Jahren einen stetigen Anstieg zu verzeichnen, bald haben wir wieder das Niveau der 90er Jahre erreicht«, so Clauß. Sorge bereitet den Touristikern hingegen die sinkende Aufenthaltsdauer der Gäste, die im Schnitt knapp fünf Tage bleiben. Das ist allerdings mehr als in der Lüneburger Heide sonst im Schnitt. Insgesamt kann der Landkreis Uelzen auf 4,42 Mio. Übernachtungen zurückblicken, davon entfallen 200.000 auf Campinggäste, 3000 Touristen kommen mit dem Sportboot, und die weitaus größte Anzahl von 2,5 Mio. entfällt auf Tagesreisende. Insgesamt rechnen die Touristiker mit einem Umsatzvolumen von 185 Mio. Euro. E Neu gegründet hatte man im vorigen Jahr das touristische Dienstleistungszentrum »Vitalheide« für den Landkreis Uelzen. Unter dem Dach der Lüneburger Heide GmbH wurde von diesem Zusammenschluss erstmals ein gemeinsames Gastgeberverzeichnis herausgegeben, in Planung sind weitere vier Kataloge mit den Themen Natur, Vital, Spass und Kultur. Neben der überdachten inhaltlichen Ausrichtung wollen die Touristiker im Landkreis Uelzen auch neue Rad-Wege gehen. »Urlauber sind heute anspruchsvoller. Dem mussten wir uns stellen«, sagte Peter Gerlach von der Heideregion. Deshalb hatte man 2012 das Büro AUbE Tourismusberatung Bielefeld mit einer Bestandsaufnahme und Konzeptfindung beauftragt. Die Ergebnisse liegen inzwischen vor, geplant ist die Erneuerung sowie Vereinfachung der Beschilderung sowie die Vermarktung des regionalen Gesamtangebotes auf hohem Niveau. Besonders stolz sind die Verantwortlichen über die zwei Fahrradkirchen im Landkreis, Suderburg und Holdenstedt. »Wir müssen den Interessenten Entscheidungshilfen an die Hand geben, denn das Thema Rad wird inzwischen von nahezu jeder Region bedient«, fasste es Rolf Spittler von AUbE zusammen. Im Spätsommer wird es mit der Montage der neuen Schilder losgehen und im kommenden Jahr soll das Qualitätssiegel erreicht und beworben werden. BRID AURIS HY TS G SPOR TOURIN Calluna 11

[close]

p. 12

HANDWERK Samstag, Sonntag, Montag und an Feiertagen von 14 bis 18 Uhr geöffnet. GLÜHENDE Peter Böttcher hat im Museumsdorf Hösseringen so manches Eisen im Feuer MARION KORTH / Text INKA LYKKA KORTH / Fotos HOFCAFÉ regional - bio - und mehr t selbstgebackene Kuchen/Torten t FAIR TRADE- & BIO-Espresso-Spezialitäten t italienisches BIO-Eis t kleine Speisen Frühstück und Familienfeiern möglich! Winkelhof - Alte Dorfstraße 12 - 29328 Müden/Ö. Telefon 0 50 53/94077 - Fax 05053/9999810 E-Mail kontakt@winkelhof-mueden.de - www.winkelhof-mueden.de Wir freuen uns auf Ihren Besuch! LEIDENSCHAFT Gutshof im Oertzetal Unsere Grillabende: ‡'RQQHUVWDJ-XOL ‡)UHLWDJ$XJXVW ‡)UHLWDJ6HSWHPEHU jeweils ab 18 Uhr Hotel · Restaurant Eschedeer Straße 2 29320 Hermannsburg-Oldendorf Tel. 0 50 52 / 97 90 Fax 0 50 52 / 97 91 79 info@gutshof-im-oertzetal.de www.gutshof-im-oertzetal.de Öffnungszeiten: täglich von 12 bis 14 Uhr & 18 bis 21 Uhr warme Küche nachmittags Kaffee & hausgemachter Kuchen D Familie Regina & Mathias Mette er Mann kann hammerhart zuschlagen, Qualitäten als Alleinunterhalter hat er auch. Gute Voraussetzungen für den Schmied im Museumsdorf Hösseringen. Wenn sich wieder eine Schulklasse angemeldet hat oder ein Aktionstag ansteht, dann reist Peter Böttcher aus Ebstorf an. Seine »Bühne« ist nicht hell erleuchtet, ziemlich schummrig ist’s in der 1845 erbauten Schmiede, die früher in Bodenteich stand. Die Sonne ist ausgesperrt, nur wenig Licht dringt durch die metallgefassten Fenster. Hier drinnen brennt eine andere Sonne, glüht eine Leidenschaft. »Schmied ist der beste Beruf, den man sich denken kann«, sagt Böttcher. Er hat dabei frühere Zeiten im Sinn, als in jedem Dorf in der Regel nur ein Schmied ansässig war und seine Dienste anbot; Deichseln richtete, Hufeisen, Nägel und Beschläge fertigte, altes Werkzeug reparierte und neues herstellte. Auf Aufträge konnte der Dorfschmied sich verlassen. Für Böttcher, der in diesem Jahr 70 wird, ist das Schmiedehandwerk nur eines seiner vielen Hobbys, aber eines, für das er sich nach wie vor begeistert. Früher hat er Autos gebaut, hatte eine große Werkstatt und viele Angestellte. Vor sieben Jahren ging er in den »Ruhestand«, wollte nur noch machen, was ihm »Spaß macht«. Ein Urlaub, der ihn nach Polen und Russland geführt hat, markiert den Beginn seiner Leidenschaft. Ein schmiedeeisernes Gitter, dicht umrankt von Rosen, fesselte seinen Blick. »Die haben nur Feuer, Hammer, Amboss – das sind die wahren Künstler«, sagt er voller Anerkennung über die Kunsthandwerker in Osteuropa oder auch Afrika, die ganz wie früher mit einfachsten Mitteln Wunderbares schaffen. Böttcher wollte es ihnen gleichtun, besuchte Workshops, baute einen Gartengrill zur Schmiede in seinem Garten um. »Mein erstes Messer habe ich aus einer Feile gebaut«, sagt er. Seine ganze Kunstfertigkeit beweist sich heute in den Klingen aus Damaszenerstahl, die in 360 Schichten wechselnd aus weichem und hartem Stahl geschmiedet werden, deren feine Maserung allein schon einem Kunstwerk gleicht. Schon im frühen Mittelalter seien solche Klingen gefertigt worden, erzählt er. Für die Vorführungen im Museumsdorf dürfen die Werkstücke ruhig etwas rustikaler ausfallen: Zierhaken mit Widder- oder Stierkopf etwa, oder Nägel, wenn’s schnell gehen soll. Der Sinnspruch, man solle das Eisen schmieden, so lange es heiß ist, 12 Calluna

[close]

p. 13

Ein Schmied braucht kein Thermometer, um zu erkennen, ob ein Stück Eisen im Feuer 500 oder 1000 Grad heiß ist. Das erkennt Peter Böttcher an der Farbe des glühenden Werkstücks. Calluna 13

[close]

p. 14

HANDWERK FRITZ RESTAURANT Astrid Schulze & Keven Schäfer Lassen Sie sich von uns kulinarisch verwöhnen! www.restaurant-fritz.com Gannerwinkel 1 29378 Wittingen Tel. 05831 / 7182 Restaurant & Café www.celler-bier.de findet in der Schmiede zu seinem wahren Ursprung zurück. Auf einem erkalteten Stück Eisen herumzudengeln, ist ein sinnloser Kraftakt. Peter Böttcher braucht kein Thermometer, um zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist, den Rohling aus der glühenden Esse zu nehmen, um ihn zu bearbeiten. Rot glühendes Eisen hat 500 bis 600 Grad. »Noch zu wenig«, wie er sagt. Hellgelb heißt 1000 Grad, Hellweiß 1300 Grad. Die Gratwanderung beim Schmieden ist eher eine »Gradwanderung«. »Bei 1200 Grad wird es flüssig, bei 1400 Grad geht Stahl kaputt, die Temperatur muss genau stimmen«, sagt Böttcher. Dann geht er wieder ans Werk, setzt wohlbedacht und punktgenau seine Hammerschläge, dreht und wendet das Stück, bringt es im Steinkohlefeuer wieder auf die richtige Temperatur, nimmt es sich erneut vor, bis es Schlag für Schlag die gewünschte Form annimmt. Zuschauen ist erwünscht, Fragen erlaubt, aber am liebsten lässt er sein Publikum gleich mit anpacken. Ein kleiner Junge betätigt den Blasebalg, kommt dabei bald selbst aus der Puste. »Bei mir müssen alle mit ’ran, Jungen, Mädchen, ganz egal.« Mittlerweile gibt Böttcher selbst Kurse, neulich war eine Gruppe Frauen bei ihm. Da habe sich wieder einmal bewahrheitet: »Schmieden kann jeder!« Dabei sieht der Umgang mit dem großen Hammer, dem Feuer, dem glühenden Eisen nicht ganz ungefährlich aus, aber Böttcher winkt ab. Ernsthaft verletzt habe er sich noch nie, nur ein Mal sei ihm ein glühendes Stück in den Schuh gefallen und habe gleich den Socken und nicht nur den durchbrannt. Sieht man ihm bei der Arbeit zu, könnte man wahrhaft glauben, Schmieden sei ein Kinderspiel. Böttcher fasziniert, wie vielfältig die Gestaltungsmöglickeiten sind. Das beginnt mit der Herstellung des eigenen Werkzeugs. Auf dem Flohmarkt hat er sich eine alte Zange gekauft und sie sich so geändert, wie er sie braucht. Böttcher deutet zur Wand, wo in dichter Reihe diverse, mitunter merkwürdig geformte Werkzeuge seiner Vorgänger an diesem Ort hängen. »90 Prozent dieser Zangen sind selbstgeschmiedet«, sagt er mit Kennerblick. Ob mit praktischem Nutzen oder künstlerischem Zierwert: Fast alles ist machbar. Böttchers gesammelte Werke reichen vom schmiedeeisernen Treppengeländer übers Rankgitter bis hin zur riesigen Vogelskulptur, deren gewaltige Krallen er aus Bahnschwellenschrauben gefertigt hat. Zum Beweis hat er einen dicken Ordner voller Bilder dabei, seitenweise Schmiedekunst. Die Ideen gehen ihm nicht aus. Und wenn doch, dann hat er ja noch andere Hobbys. »Man glaubt das nicht bei meinen großen Händen, aber ich mache auch Perlen aus Meranoglas.« Seine Tochter verfeinert seine Perlenproduktion zu Schmuckstücken, Armbändern und Ketten. Aber zurück an den Amboss, wo Böttcher letzte Hand angelegt hat. »So, fertig!« sagt er, hält den eisernen Stierkopf hoch, den er heute gemacht hat. Wieder so ein kleines Kunstwerk. Kaltes Eisen zum Dahinschmelzen. 14 Calluna

[close]

p. 15

HANDWERK HISTORISCHES Die Schmiedewerkstatt wurde 1845 von Franz Joachim Georg Utecht in Bodenteich erbaut und war bis bis zum Tod des letzten Betreibers Walter Utecht 1976 in Betrieb. Ende 1977 wurde das Gebäude vom Museumsdorf erworben und abgebaut und bereits 1978 in Hösseringen wieder aufgebaut. Die Schmiedefamilie Utecht war schon seit 1824 in Bodenteich ansässig. In diesem Jahr erhielt der aus dem Amt Klötze in der Altmark gebürtige Schmiedemeister Johann Georg Utecht die Erlaubnis, in Bodenteich eine Schmiede betreiben zu dürfen. Obwohl es an diesem Ort bereits drei Schmieden gab und weitere in den Nachbarorten Wieren und Lüder ansässig waren, erhielt er die Konzession. Zur Begründung wurde auf den außerordentlichen Bedarf an Schmiedeerzeugnissen hingewiesen, den Bodenteich als bedeutender Ort für den Durchgangsverkehr hatte. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in der Werkstatt alle möglichen Schmiedearbeiten verrichtet: Beschlag von Ackerwagen, Hufbeschlag, Reparatur alter Werkzeuge und Herstellung neuer. Dabei überwogen die Reparaturarbeiten und das Umarbeiten von alten Geräten die Neuherstellung bei weitem. Die meisten Aufträge fielen in die Zeit der Vorbereitung auf die Frühjahrsbestellung und die Erntezeit im Juli. In den auftragsärmeren Perioden, vor allem im Winter, wurden »Massenprodukte« wie Nägel und Hufeisen auf Vorrat angefertigt. Mit punktgenau gesetzten Hammerschlägen und großen, schweren Zangen bearbeitet Peter Böttcher auf dem Amboss und im Schraubstock ein Stück glühendes Eisen, bis daraus ein Zierhaken entstanden ist. Besonders beliebt bei den Besuchern der Schmiedewerkstatt sind die geschmiedeten Stierköpfe. Calluna 15

[close]

Comments

no comments yet