Mutations 7

 

Embed or link this publication

Description

Mutations 7

Popular Pages


p. 1

7 2014 S N O I T A T MU Laure NIER I M N ASSI B U SD E V I T SPEC eit beit R b E r P A T er der Ar SE d E R I e O Or t schen , MÉM l i a trav il, Meni e d rin va x Lieu s au trauciano Paglia Gen Caregari & L

[close]

p. 2

IMPRESSUM Editeur / Herausgeber Fondation Bassin Minier c/o 7, rue des Trois Glands, L-1629 Luxembourg www.fondationbassinminier.lu contact@fondationbassinminier.lu Conseil d’administration / Verwaltungsrat Massimo Malvetti (Président / Präsident) Antoinette Lorang (Vice-Président / Vizepräsident) Raymond Weber (Secrétaire / Sekretär) Antoinette Reuter (Trésorière / Kassenwartin) Membres / Mitglieder : Dan Biancalana, François Biltgen, Alex Bodry, Marcel Glesener, Pierre Gramegna, Jean-Marie Halsdorf, Jean-Claude Juncker, Joseph Kinsch, Cornel Meder, Claude Meisch Comité de lecture / Redationskomitee Guy Assa, Antoinette Lorang, Massimo Malvetti, Antoinette Reuter, Denis Scuto, Jürgen Stoldt Impression / Druck C.A.Press, L-4210 Esch/Alzette Couverture / Umschlag Abb. A: Die Schmelz von Esch-Schifflingen im Jahr 1913. Blick auf einen Hochofen. B A D (Sammlung Amicale Schëfflenger Kolonien) / Abb. B: Der Bergmann Joseph Steffen in der Grube Montrouge, Anfang 1950. (Sammlung Joseph Steffen) / Abb. C: Bauern bei der Arbeit, 1924 auf dem C Scheuerberg. (Sammlung Luciano Pagliarini) / Abb. D: „Nicolas Roger Feller, né le 29 octobre 1919 à Rumelange.“ (Sammlung Roger Feller) ISSN 2078-7634 Luxembourg, juillet 2014 / Luxemburg, Juli 2014

[close]

p. 3



[close]

p. 4



[close]

p. 5

MUTATIONS MÉMOIRES ET PERSPECTIVES DU BASSIN MINIER 7|2014

[close]

p. 6



[close]

p. 7

Lieux de travail, Orte der Arbeit Gens au travail, Menschen der Arbeit Laure Caregari & Luciano Pagliarini Histoire(s) orale(s) dans le bassin ferrifère ­ lorrain-luxembourgeois, 1977-2013 Oral History im Eisenerzbecken von Luxemburg und Lothringen, 1977-2013 07 09 15 17 19 21 23 29 33 37 43 47 51 53 55 59 61 65 67 71 75 79 85 86 Prolog: Zum immateriellen Kulturerbe Die Theorie zur Praxis der „Oral history“ Bedienungsanleitung / Mode d’emploi Travail au fond. Méthodes d’exploitation Travail sur le terrain Travail à l’usine „Mein Vater wollte nämlich nie, dass ich in die Galerie gehen sollte.“ « Mes parents se sont rencontrés dans la Ruhr. » „Ja, wir stiegen hinten auf die Buggi.“ „Es war ein ganz großer Unterschied.“ „Alles ging nach Akkord.“ „Seit wann fährst du mit der Maschine?“ – „Ab heute.“ „Ich bekam es mit der Angst zu tun, es war ja Krieg.“ „Er deckte uns. Er sagte einfach, dass niemand fehlte.“ „Hier ist kein Erholungsheim.“ „Weißt du da oben, da wurde viel mit der Minett gepfuscht.“ „Und diese Heizung wurde aufgedreht für Bärbelendag von der HADIR.“ „Auf dem Kazebierg Nummer 20, in Esch.“ „Ich sehe die Finger noch vor mir...“ „Um Ënn vum Lidd, hätte ich ihnen dasselbe sagen können.“ Des histoires pour l’Histoire... Recueil de témoignages : Différents cas de figure Begriffsregister / Lexique Autorenliste / Liste des auteurs, Biografien / Biographies

[close]

p. 8

Lieux de travail, Orte der Arbeit – Gens au travail, Menschen der Arbeit Laure Caregari & Luciano Pagliarini 6

[close]

p. 9

Prolog: Zum immateriellen Kulturerbe Prolog: Zum immateriellen Kulturerbe Die Industriekultur hat Zeugen. Zeugen unterschiedlichster Kategorien. Es gibt sichtbare, die materiell überdauern werden in Form von Hochöfen und anderen Landmarken, Arbeitsgeräten oder industriearchäologischen Funden. Abseits dieser Artefakte sind es die Menschen, deren Existenz mit der Industrie verwoben war und ist, die dieses Erbe in sich tragen. Eine Herausforderung besteht darin, dieses immaterielle Erbe sichtbar werden zu lassen. Dieses Erbe – in unserem Fall, das einer sozioprofessionellen Gruppe  – wird definiert durch Traditionen und Praktiken, aber auch durch Anekdoten, sowie Fachwissen über Arbeitstechniken, die unmittelbar von der menschlichen Erfahrung getragen werden. In Form von Zeitzeugeninterviews mit ehemaligen Arbeitern und Angestellten der Schwerindustrie soll diese industriell geprägte Lebenswelt in dem vorliegenden Band von Mutations 7 erschlossen werden. Die Narrative sind das Rohmaterial und somit die Ausgangsbasis für diese historische Arbeit. Dabei gilt es Allgemeinplätze und Verklärungen zu vermeiden und Begriffe fassbar zu machen. Angefangen bei dem in vielerlei Hinsicht substanzlosen Begriff der „Kultur“: In unserem Fall definiert Kultur weder „alles, was über die bloße Natur hinausgeht“, noch ist sie ein Subsystem neben vielen anderen –  z.  B. ­ Religion oder Politik  – oder gar etwas „­ Elitäres“, das über dem profanen menschlichen Alltag steht und somit die Kombination von Industrie und Kultur aus einer dichotomischen Logik her ausschließen würde.1 In unserem Beitrag ist der Kulturbegriff anzusehen als „ein Komplex [...] von ‚symbolischen Ordnungen‘, mit denen sich die Handeln­ den ihre Wirklichkeit als bedeutungsvoll erschaffen und die in Form von Wissensordnungen ihr Handeln ermöglichen und einschränken.“2 Es sind diese „symbolischen Ordnungen“ oder Sinnsysteme, die von den befragten Zeitzeugen in den Interviews wiedergegeben werden und hier konkret aufgefächert und analysiert werden sollen. Es ist diese immaterielle Ebene, die uns interessiert. Ein weiterer Aspekt in dieser Definition ist, dass wenn etwas – die Industrie in unserem Fall – zur „Kultur“ geworden ist, es im Wertesystem einer Gesellschaft an Anerkennung gewonnen hat. Die Industrie wurde „bedeutungsvoll“. Industriekultur impliziert aber zugleich das Ende der intensiven Industrietätigkeit, die mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann und die ihren Höhepunkt in den trente glorieuses oder während des Wirtschaftswunders von 1945 bis 1974 hatte. Es ist ein Begriff der überall dort benutzt wird, wo sich die Industrie im Rückzug befindet bzw. die industrielle Tätigkeit aufgegeben wurde und die stummen materiellen Zeugen zurückbleiben.3 Aber gerade als Wiege des vielzitierten Luxemburger „Reichtums“4 birgt die Industriekultur ein Potential an Idealisierung. Dies gilt aber nicht nur für Luxemburg. Es ist ein fast normativer Vorgang, der sich überall beobachten lässt, wo die Vergangenheit als 1 Moebius, Stephan, Kultur, Bielefeld 2009, S. 16-19. 2 Reckwitz, Andreas, Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms, Velbrück 3 Vgl. Scuto, Denis, Industriekultur in Esch. Eine stadtgeschichtliche Wanderung durch die Luxemburger Minettmetropole, 4 «  Les années 1944 à 1978, comme Gilbert Trausch l’a rappelé, ont été, les années d’une expansion économique telle 2000, S. 86. Luxemburg 1993. que le Luxembourg n’en avait jamais connue. Dans leur ensemble, les «  trente glorieuses  » permettent un fabuleux enrichissement du Grand-Duché de Luxemburg. [...] Or, pour le Luxembourg du troisième quart du 20e siècle, la sidérurgie constitue, l’épine dorale de l’économie luxembourgeoise. » Wey, Claude, La société luxembourgeoise 1944-1974. Une micro-société pendant les « trente glorieuses », in: Forum 103 (1988.), p. 15–18, ici: p. 15. 7

[close]

p. 10

Lieux de travail, Orte der Arbeit – Gens au travail, Menschen der Arbeit Laure Caregari & Luciano Pagliarini ­ egitimationsgrundlage angeführt wird, wie der L 2012 verstorbene Historiker Eric Hobsbawm feststellte: „Wenn die Vergangenheit sich nicht fügt, kann sie auch neu erfunden werden. [...] Die Vergangenheit bietet den ruhmreichen Hintergrund für eine Gegenwart, die selber nicht viel hermacht.“5 Und gerade deshalb sollen die ausgewählten Ausschnitte der Zeitzeugeninterviews das master narrative6 dekonstruieren, bestätigen und vervollständigen. Sie sind als mikrohistorischer Blick, als persönliche Beschreibung und nicht als Repräsentation einer Vergangenheit – hier ist insbesondere der Sinnspruch „Le Luxem­ bourg est un don du fer, comme l’Égypte est don du Nil“7 gemeint – anzusehen. „Doch können wir nicht darauf warten, dass Generationen vergehen“8, lautet die Forderung von Eric Hobsbawm, um diese Aufgabe zu erfüllen. Es bleibt uns noch ein kleines Zeitfenster... Interviews im Original zum Nachhören Zusätzlich zu den in dieser Publikation versammelten Interviews hat das CNA Audio­ dateien mit weiteren von Laure Caregari und Luciano Pagliairni realiserten Interviews zusammengeschnitten. Die Interviewauszüge kann man auf der Internetseite der ­ ­ Fondation Bassin Minier (www.fondationbassinminier.lu) unter der Rubrik „Mutations“ oder unter folgendem Link abrufen: www.soundcloud.com/fondationbassinminier 5 Hobsbawm, Eric, Die Erfindung der Vergangenheit, in: Die Zeit (1994), Nr. 37, URL: http://www.zeit.de/1994/37/die6 “The ‘master narrative’ is characterised by its positivist approach: history and past are places on an equal footing; there erfindung-der-vergangenheit (eingesehen am 03.03.2014). 7 Hemmer, Carlo, L’économie du Grand-Duché de Luxembourg. Deuxième Partie, Luxembourg: Joseph Beffort, 1953, is no methodological distance, no discussion of different historiographical strands or theoretical concepts. Moreover, the narrative is linear, starting from clearly defined origins and aiming at the construction of a close-knit community with a common destiny [...].” Peporté, Pit / Kmec, Sonja / Majerus, Benoît [a.o.], Inventing Luxembourg. Representations of the Past, Space and Language from the Nineteenth to the Twenty-First Century, Vol. 1. 1. Leiden, Boston: Koninklijke Brill NV, 2010, p. 4. 8 Hobsbawm, 1994. p. 21 und Mores, Pierre, Le Luxembourg est un don du fer, comme l’Égypte est don du Nil, in: Mores, Philippe et Rod, Victor et alii, Le Conseil d’État face à l’évolution de la société luxembourgoise, Luxembourg: Conseil d’État, 2006. 8

[close]

p. 11

Die Theorie zur Praxis der „Oral history“ Die Theorie zur Praxis der „Oral history“ Der von Hobsbawm verwendete Begriff der „Generation“ wird an dieser Stelle aufgegriffen, um den Forschungsrahmen zu erläutern. Basierend auf dem vom Ministère de la Culture finanzierten und an der Universität Luxemburg angesiedelten Projekt Terres Rouges wurden in den Jahren 2010-2013 Interviews mit ehemaligen Arbeitern und Angestellten der Stahlindustrie, d.h. mit Bergleuten und ,,Schmelzarbeitern“, durchgeführt. Koordiniert wurde das Projekt von den Historikern und Dozenten Denis Scuto und René Leboutte. Geboren während eines Zeitraums, der sich von der Zwischenkriegszeit bis zur unmittelbaren Nachkriegszeit erstreckte, sind die Zeitzeugen Teil einer Generation, welche die prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse der (Nach-)Kriegszeit, die Konsolidierung der Stahlindustrie und ihrer Höchstkonjunktur bis zur Strukturkrise ab Mitte der 1970er und Umstruk­ turierungen im Industriesektor miterlebt haben. Der Begriff der „Generation“ wurde von Gérard Noiriel aufgegriffen und bei der Arbeiter­ klasse angewendet.9 Diese Alterskategorie stellt eine Generation dar, die auf ihre Weise singulär ist, da sie Zeuge der trente glorieuses und später des beständigen Rückgangs der Industrie war. Anhand des Konzeptes der Generation oder der „Kohorte“ gelangt man zu „einer doppelten Verzeitlichung der analytischen Perspektive, da sich individuelle (Lebens-)Zeithorizonte und die historische Zeitachse überlagern: Lebensverläufe und Biographien sind eingebettet in die Abfolge von Kohorten oder Generationen.“10 Die Generation davor kommt in diesem Band auch zu Wort. Die Tatsache, dass wir ­ heute im Besitz von diesen Aufnahmen sind, verdanken wir dem Mitautor Luciano ­ Pagliarini. In den 1970ern begann er, den Menschen, die von und mit der Industrie lebten, eine Stimme zu schenken. Diese Generation zeichnete sich durch ihre Heterogenität aus aufgrund der externen und internen Migrationsbewegungen, welche die Industrialisierung11 in Gang setzte. Aber auch in den politischen Bewegungen wies noch nichts auf das später viel gelobte „modèle luxembourgeois“12 hin. Es waren die „années sans pareilles“13: Stürmische Zeiten beeinflusst durch weltpolitische Umbrüche und Revolutionen, sowie vom inländischen Kräftemessen zwischen dem Kapital und den ­ neuentstandenen Gewerkschaften. Kombiniert wird das Konzept der „Generation“ bzw. der „Kohorte“ mit einem historischen Klassenbegriff. An dieser Stelle soll ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass 9 « Au-delà des critères biologiques d’âge, le terme de ‹ génération › est particulièrement bien adapté lorsque la recherche 10 Berger, Peter, Individualisierung, Opladen 1996, S. 304. s’applique à un ensemble d’individus ayant vécu les mêmes expériences fondatrices et connu les mêmes formes initiales de socialisation. Pour la génération née dans l’entre-deux-guerres et appartenant à la grande industrie, ces conditions me semblent réunies. La stabilisation des bastions industriels, commencée en 1930, se poursuit jusqu’à la fin des années cinquante. D’où le renouvellement du groupe initial dans une ‹ deuxième génération › ouvrière, marquée par les événements allant de la crise des années trente à la guerre froide, formée pour l’essentiel de travailleurs qualifiés, et qui exerce par l’intermédiaire des organisations communistes son hégémonie sur le monde du travail jusqu’en 1960-1970. Génération ‹ singulière ›, parce qu’en détruisant les bastions où elle s’était enracinée, la crise des années 1970 ne permettra pas la reproduction de cette classe ouvrière.  » Noiriel, Gérard, Les ouvriers dans la société française du XIXe-XXe siècle, Paris: Éditions du Seuil, 2002, p. 195. 11 Gérard Trausch bestimmte aus wirtschaftlicher Sicht die Zeitspanne von 1870 bis 1886 als industriellen take-off für 12 Allegrezza, Serge et Hirsch, Mario et alii (éd.), L’histoire, le présent et l’avenir du modèle luxembourgeois, 13 Scuto, Denis, Sous le signe de la grande grève de mars 1921. Les années sans pareilles du mouvement ouvrier Luxemburg. Trausch, Gérard, La société luxembourgeoise depuis le milieu du 19e siècle dans une perspective économique et sociale, in: STATEC N0 108, Luxembourg, 2009, p. 18. Luxembourg: Institut d’Études Européennes et Internationales du Luxembourg, Luxembourg, 2003, p. 106-112. luxembourgeois, Esch-sur-Alzette : Éditpress, 1990. 9

[close]

p. 12

Lieux de travail, Orte der Arbeit – Gens au travail, Menschen der Arbeit Laure Caregari & Luciano Pagliarini dieser Begriff keine statische und universelle Kategorie verkörpert. In Anlehnung an Edward Thompson14 kann man nicht dieselben Merkmale einer deutschen oder französischen Arbeiterklasse, die bisweilen in Clichés ausarten auf die Arbeiterklasse des Bassin miniers übertragen. In Luxemburg wurde mit wirtschaftlichen, historischen und essentialistischen Argumenten versucht, gerade die Arbeiterklasse als nicht proletarisch darzustellen, deshalb bediente man sich der Gemeinplätze der Proletarisierung in anderen Ländern. So schrieb 1970 Heinz Quasten in Anlehnung an André Heiderscheid15 ­ und J.G. Leibbrandt16: „Der für die Bevölkerung des Großherzogtums allgemein als charakterlich angesehene traditionell-agrarische Zug in der Mentalität und Lebensweise ist auch in der Arbeiterbevölkerung des Minetts festzustellen. Heiderscheid führt dieses darauf zurück, dass der große Teil der Arbeiterbevölkerung ‚direkt vom Lande kommt‘. [...] Wesentlich überzeugender scheint mir allerdings Leibbrandts Argumentation. Er stellt ebenfalls fest, dass eine Verproletarisierung an der luxemburgischen Industriearbeiterschaft vorübergegangen sei. Er sieht die Erhaltung agrarisch-gewerblicher Denk- und Lebensweise aber gerade als Folge und Indiz der ‚ausgebliebenen Verproletarisierung‘, nicht als deren Ursache.“17 Als Gründe führte Heinz Quasten an, dass es in „der vorindustriellen Zeit [...] in Luxemburg keine großen sozialen Spannungen gegeben [hat]. [...] Man warb ausländische Arbeiter an. Ihre kurzfristig aufkündbaren Arbeitsverträge wirkten als Sicherheitsventil: in Krisenzeiten konnten die Ausländer abgeschoben werden. [...] Die Wohnbevölkerung des Großherzogtums konnte auf diese Weise in viel stärkerem Maße als in den benachbarten Industrieländern an die vorhandenen Arbeitsplätze angeglichen werden. Dadurch wurden, wenn man so will, die Schwierigkeiten wieder außer Landes getragen. Arbeitslosigkeit in beträchtlichem Umfang und damit verbundene materielle Not [sic!] hat es unter der Arbeiterschaft in Luxemburg nicht gegeben.“18 Summierend stellt er fest: „Die wichtigsten Merkmale eines Industrieproletariats – Besitzlosigkeit, ‚proletarische Reproduktion‘ und später die Kampforganisation  – wies die Industriebevölkerung des Minetts zu keiner Zeit auf.“19 Diese Begründungen wurden auch noch in der jüngsten Vergangenheit wiederholt: „Esquissons les caractéristiques fondamentales de cette société industrielle, surtout dans ce qu’elles ont d’inédit par rapport aux pays voisins: [...] Les quatres conditions de la prolétarisation ne sont guère remplies au Luxembourg: reproduction ‚prolétarienne‘, absence de propriété immo­ bilière, organisation de combat de la part des ouvriers, structure familiale fragilisée.“20 Es geht in diesem Buch nicht darum, sich auf die Logik dieser vereinfachten und heruntergebrochenen Argumente einzulassen, sondern vielmehr den Idealtypus21 des bäuerlichen, „unproletarischen“ Arbeiters, welcher sich aus- 14 „Klasse als ein Produkt der kapitalistischen Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts, das dann das heuristische 15 Heiderscheid, André, Aspects de sociologie religieuse du Diocèse de Luxembourg. Tome I&II. La société religieuse. Verständnis geprägt hat, hat in der Tat keinen Anspruch auf Universalität, sondern ist in diesem Sinn nicht mehr als ein Unterfall der historischen Formationen, die aus Klassenkämpfen entstehen.“ Thompsen, Edward P., Plebeische Kultur und moralische Ökonomie, Berlin 1980, S. 268. 16 Leibbrandt, J.G., Zware Industrie in een agrarische Omgeving. Rapport over de door utrechtse Studenten in de Confrontation de la société civile avec la société religieuse & L’infrastructure de la société religieuse. La société nationale, Luxembourg: Éditions de l’imprimerie Saint-Paul, 1962. 17 Quasten, Heinz, Die Wirtschaftsformation der Schwerindustrie im Luxemburger Minett, Saarbrücken 1970, S. 163-164. 18 Ebda. S. 164. 19 Ebda. S. 165. Sociologie gemaakte Excursie naar het Groothertogdom Luxemburg in Juni/Juli, Utrecht: Sociologisch Instituut van de Rijksuniversiteit, 1957. 20 Trausch, Gérard, Le Luxembourg, une société de consensus, in: Rotink, Georges et Ferring, Dieter et alii, Handbuch der sozialen und erzieherischen Arbeit in Luxemburg. Manuel de l’intervention sociale et éducative au GrandDuché de Luxembourg, Éditions Saint-Paul: Luxembourg, 2009, p. 215–233, ici: p. 219. 10

[close]

p. 13

Die Theorie zur Praxis der „Oral history“ schließlich auf den Arbeiter ‚luxemburgischer‘ Herkunft bezieht, zu dekonstruieren. Unserer Auffassung dagegen entsteht eine soziale Klasse sowie Klassenbewusstsein durch die Reibung und Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft und erhält aufgrund der Verknüpfung mit den zeitlichen, geographischen und wirtschaftlichen Komponenten immer eine spezifische Ausprägung. ­ Stützt sich unsere Publikation einerseits auf die Schilderungen der Arbeiterklasse, so gibt sie andererseits auch Einblicke in das Milieu der Arbeiter. Das Milieu bezeichnet die ­ soziale Umwelt, in der Menschen denselben Habitus teilen. Es wird Auskunft gegeben zum Familienmodell und zu der Rolle der Ehefrau. Darüber hinaus steht der Habitus für Lebensweisen und Beziehungsmuster, also „die gesamte äußere und innere Haltung eines Menschen“.22 „Der Habitus wie die Mentalität bildet sich in Gruppen- oder Milieu­ beziehungen aus. Während der Habitus die Grundhaltung beschreibt, bezeichnet Mentalität nur einen Teil von ihm, vor allem die ‚mentalen‘ Einstellungen und nicht zuletzt die moralischen Vorstellungen. […] Der spontane Rückschluss von bestimmten äußeren Attributen und Praktiken eines Lebensstils auf die inneren Einstellungen zu ihnen [ist] in aller Regel irreführend. Denn es kommt nicht auf das physische Merkmal an sich, sondern auf seine Bedeutung für verschiedene Akteure an. Das gleiche Merkmal kann, je nach Habitus und Zeitpunkt, verschiedenes bedeuten, ­ symbolisieren.“23 Die Stahlindustrie und somit auch das Milieu der Arbeiter begrenzt(e) sich nicht auf das Staatsgebiet von Luxemburg. An den Landesgrenzen halt zu machen, würde bedeuten, wichtige Interpretationsmuster auszublenden. Der Habitus, aber auch der technische Fortschritt am Arbeitsplatz sind geprägt von der Übernahme oder der Abweisung von kulturellen Lebensweisen, sozialen Konfliktlösungen oder pragmatischen Technologietransfers. Verflachung und Akkulturation sind Analysekategorien, welche aus der Methode der ­ Histoire croisée24 stammen und für dieses Projekt nutzbringend eingesetzt werden. Im Fokus steht demnach der transnationale Raum des Eisenerzbeckens bzw. des Bassin miniers, das sich von dem lothringischen Nancy bis hin zum südlichen Kanton des Großherzogtums erstreckt, sowie einen kleinen Teil der belgischen Province de Luxembourg streift. Das Becken dehnt sich auf eine Fläche von 120.000 Hektar aus.25 Neben dem Ziel, Gespräche mit Arbeitern in Lothringen zu führen, stellen die Grenzpendler auch eine erkenntnisbringende Kategorie dar. Sie geben uns Auskunft über Netzwerke und Strategien von Arbeitern, die in einem anderen Land wohnten als sie arbeiteten zu einer Zeit, als die Montanunion und später die Europäische Union noch nicht existierten bzw. erstere erst geschaffen wurde. Grenzerfahrungen teilten nicht nur französische Arbeiter, die in Luxemburg beschäftigt waren bzw. ­ umgekehrt, sondern auch in Luxemburg ­ geborene und 21 „Der Idealtypus ist also nur möglich vor dem stets mitgedachten Hintergrund einer allgemeingültigen Rationalität, die 22 Vester, Michael / von Oertzen, Peter / Geiling, Heiko [u.a.], Soziale Milieus im gesellschaftlichen 23 Edba., S. 162-165. gewissermaßen die Koordinaten bildet, zwischen denen die Idealtypen festgemacht werden können. Damit wird auch deutlich, warum das Ganze Idealtypus genannt wird. Nicht etwa, weil dabei an Ideale gedacht wurde, sondern schlicht deshalb, weil der Idealtyp nicht real in der Historie vorhanden ist, […]. Im Übrigen wird bei der englischen Übersetzung des Begriffs deutlich, was gemeint ist: ‚constructed type‘ weist zu Recht auf den Konstruktionscharakter des Begriffs hin.“ Schulze, Winfried, Einführung in die neuere Geschichte, Stuttgart 2002, S. 256. Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt am Main 2001, S. 169. 24 „Genau genommen meint die angestrebte Verflechtung ein Prinzip, das nicht nur historische Vorgänge von Verflechtung ins 25 Knebeler, Christophe et Scuto, Denis, Belval. Passé, présent et avenir d’un site luxembourgeois exceptionnel (1911- Blickfeld nimmt – das entspräche dem Ansatz der Shared History –, sondern auch sich selbst als aktiven Verflechtungsfaktor versteht. Drei Faktoren kommen hier besonders in Betracht: der Blickwinkel, die Frage nach Symmetrie und Asymmetrie sowie das Verhältnis von Gegenstand und Maßstab. Überkreuzen heißt zunächst einmal, für jede Fragestellung, für die Bearbeitung jedes Problems minestens zwei Blickwinkel zu berücksichtigen [...].“ Werner, Michael/ Zimmermann, Bénédicte, Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der histoire croisée und die Herausforderung des Transnationalen, in: Geschichte und Gesellschaft 4/28 (2002), S. 607-636, hier: S. 618. 2011), Esch-sur-Alzette: Éditions Le Phare, 2010, S. 28. 11

[close]

p. 14

Lieux de travail, Orte der Arbeit – Gens au travail, Menschen der Arbeit Laure Caregari & Luciano Pagliarini ­ ohnhafte Italiener, die in Frankreich ­ w arbeiteten. Überraschend ist immer wieder die Hetero­ genität der Biographien und Lebenswege der interviewten Arbeiter. Die angewandte wissenschaftliche Methode lässt sich als „Oral history“ bezeichnen. Eine Praktik, die eigentlich so alt ist wie die Geschichtsschreibung selbst.26 Sie steht aber im klaren Gegensatz zu der positivistischen Herangehensweise der Ereignisgeschichte, die sich im 19. Jahrhundert durchsetzte und die Vergangenheit anhand von „harten“ Fakten und ,,verdienten“ Persönlichkeiten konstruierte. Im Zuge einer Demokratisierung der Geschichtsschreibung wurde in den 1950er Jahren die „münd­ liche“ Geschichtsschreibung durch die politische Herausbildung von linken Historiker­ milieus „wiederentdeckt“ und durch technische Neuerungen – handliche Tonbandgeräte – ausführbar gemacht. Die Methode wurde hauptsächlich in den USA und Großbritannien praktiziert.27 In Luxemburg kann man eigentlich keine konkrete Historikerbewegung ausmachen, die konsequent mit der Methode „Oral history“ arbeitete. Vielmehr beschränkt sich dieser Ansatz in Luxemburg auf einzelne Initiativen.28 In diesem Sinne ist vor allem die Arbeit der vielen Lokalhistoriker und Geschichtsvereine hervorzuheben. Des Weiteren bieten Jubiläen und Gedächtnisfeiern Anlass für die verantwortlichen Organisatoren, Zeugen sprechen zu lassen wegen ihrer lokalen und idiomatischen Kenntnisse und/oder weil sie von einmaligen historischen Ereignissen berichten können. So sind über die Jahre im Großherzogtum vereinzelte Publikationen und Radiosendungen entstanden, die sich der „mündlichen Geschichtsschreibung“ bedienen. Von staatlicher Seite her wurde in den 1980ern von dem damaligen Kulturminister Robert Krieps ein Projekt initiiert, welches Anstoß geben sollte, das kollektive Gedächtnis besonders im sich rapide verändernden und von der Struktur­ krise gezeichneten Süden des Landes zu bewahren.29 Interviews mit der Lokalbevölkerung der Südregion wurden durchgeführt und werden heute im CNA aufbewahrt. Obwohl von staatlicher Seite gefördert, blieb diese Initiative begrenzt und konnte keine Nachfolgeprojekte in Gang setzen bzw. die geschaffenen Quellen wurden nicht verwertet. Kern des Kritikpunkts bezüglich „Oral History“ ist die Unschärferelation, die mit der Methode verbunden wird. Sie kann in einem pejorativen Sinne nur als Synonym für aufgezeichnete Gespräche gewertet werden. Um dieser Problematik entgegen zu treten, muss am Beginn eines solchen Projektes eine konkrete theoretische und inhaltliche Ausarbeitung stehen. Unerlässlich ist auch ein koordiniertes praktisches Vorgehen von der Kontaktaufnahme mit den Zeitzeugen bis hin zum korrekten deontologischen Verhalten. Ist die Quelle erschaffen und das Gespräch aufgezeichnet, kann es multiplen Verwendungszwecken zugeführt werden. Die mündlichen Zeugnisse können aus verschiedensten Blickwinkeln her analysiert werden. Es können sozial- oder technikgeschichtliche Akzente herausgefiltert werden. Daneben bieten sich die Aufnahmen an, aus ihnen Erkenntnisse für die Lokalgeschichte zu ziehen und eine Einsicht in die Flur- und Familiennamen zu erhalten. Auch auf sprachwissenschaftlicher Ebene können die Aufzeichnungen wissenschaftlich verwertet werden. Ausgehend von diesen Grundsätzen orientiert sich das Projekt Terres Rouges am folgenden Forschungsdesign: Ausgearbeitet wurde kein formeller Fragebogen, sondern ein stringenter Leitfaden, welcher es erlaubte, flexibel auf die Biographie der Zeitzeugen einzugehen. Angefangen bei den Lebensdaten, gefolgt von einer Befragung zur Kriegszeit, dem Eintritt ins Berufsleben, der Teilhabe an sozialen und 26 Will heißen: sie hat angefangen im antiken Griechland mit dem Geschichtsschreiber Herodot. 27 Niethammer, Lutz (Hg.), Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis Der „Oral History“, Frankfurt am 28 Weitere Methodische Erklärungen zur „Oral history“ und ein Inventar zu den Projekten in Luxemburg sind im Main 1980, S. 8. 29 Ministère des Affaires Culturelles (éd.), Mémoire Collective Audiovisuelle. Luxembourg, [s.n.] [s.d.]. Luxemburger Wikipedia einsehbar. Verfasst wurde der Beitrag ebenfalls von der Autorin: URL: http://lb.wikipedia.org/ wiki/Oral_History (eingesehen am 23.01.2014). 12

[close]

p. 15

Die Theorie zur Praxis der „Oral history“ politischen Strukturen, der Wahrnehmung des Krisen­ ausbruchs in der Mitte der 1970ern und dem Einstieg ins Rentenalter, geht die Befragung individuell auf das Interesse des Zeitzeugen ein. Weist der Befragte eine Nähe zu und Einsicht in die Gewerkschaftswelt auf, oder zu technischen Kenntnissen, wurde diese Thematik ausgebaut und umgekehrt. Bei den durchgeführten Interviews kommt es vorzugsweise auf die Spontanität und weniger auf die korrekte Syntax an. Zögern, Lachen oder Schweigen bleibt in der Transkription unberücksichtigt. Es sind die für die Forschungsfragen bedeutsamen Informationen des Befragten, die die Quelle für das Projekt verkörpern. Empirische Genauigkeit wird angestrebt durch das Kreuzen der Aussagen mit anderem Quellenmaterial und Sekundärliteratur. Neben der offiziellen Historiographie ist es besonders die „littérature grise“, – Fest- und Jubiläumsbroschüren von Vereinen, private Memoiren, Gewerkschaftszeitschrif- ten, Kataloge der Stahlproduzenten, usw. – die bei der Aufarbeitung des Inhalts eine nützliche Grundlage bilden. Dennoch ist ein gewisser Rest an Spekulation zu vermeiden, wie bei jeder Geschichtsschreibung, die narrative Einblicke in die private Lebensführung erhält. Abb. 1: Luciano Pagliarini im Gespräch mit zwei ehemaligen Bergarbeitern, Rümelingen 1976.   ­ (Sammlung Luciano Pagliarini) 13

[close]

Comments

no comments yet