NICOLA VON THURN

 

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ARBEITEN/WORKS

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Nicola von Thurn Arbeiten / works

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Nicola von Thurn Arbeiten / works

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INHALT „Time to get goin‘, cowboy“. „Time to Get Goin‘, Cowboy“. / english version Schlaf Dohlenflug Ausflug Einsatz 01/2009 Nordwand Capra Ibex Antilopenkopf Geißblatt Die Axt im Haus I II III 4 6 10 12 14 16 20 22 24 26 32 38 40 42 48 50 52 54 58 60 68 72 78 84 87 98 102 106 108 wer rastet Lastschrift Die Wimper des Wolfes Mädchen all those beautiful boys Der Künstler und der Kosmos Adonisgarten backstage boys will be boys - selfportrait / cowboy boots - fragile landscapes my eyes have never seen BOTH Superorganismus Königin und Imkerherz Naturbau The Queen and a Beekeeper’s Heart / english version VITA / AUSSTELLUNGEN IMPRESSUM

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„Time to get goin‘, cowboy“.1 Nicola von Thurn schafft in ihren Arbeiten und Installationen narrative Situationen und Imaginationsräume, die zwischen Kippmomenten und in Unbestimmtheitszonen angesiedelt sind. Dabei spürt die Künstlerin unterschiedlichen erzählerischen Strängen nach: so werden sowohl Elemente aus der Natur in verschiedene künstlerische Ausformulierungen gesetzt, als auch autobiografische Momente und ein Interesse an gesellschaftlichen Thematiken und Strukturen, wie beispielsweise Fragen der Gender Studies und Formen sowie Formationen des Zusammenlebens. Die Künstlerin verschließt sich in ihrer Arbeitsweise bewusst vor Gattungsbegrenzungen oder formalen Kategorien. So fühlt sie sich nicht einem Stil verpflichtet, viel mehr ist es die Thematik selbst, die das Medium, das Format der künstlerischen Auseinandersetzung bestimmt. Dabei verwendet Nicola von Thurn Materialien, die zum Teil die Spannungen innerhalb der Arbeit weiter aufgreifen und verstärken. Es sind Materialien, die durch eine besondere Haptik, Klang oder Geruch den dargestellten Gegenstand um eine zusätzliche Bedeutungs- und Interpretationsebene erweitern. In gewissem Sinne sucht sich jede Fragestellung oder Auseinandersetzung selbst ihre eigenen Materialien und Ausdrucksweisen, beispielsweise in Zeichnung, Fotografie oder Skulptur.2 Bestimmte Diskurse eröffnen sich erst in diesem Spannungsfeld und auf unterschiedlichen Ebenen: so spielt die Materialität der Arbeit boots - fragile (2012) eine besondere Rolle, denn durch sie entsteht ein Widerspruch zwischen dem mit Häuslichkeit konnotierten Material Porzellan und dem Sujet – den Cowboystiefeln, als dem Sinnbild für Freiheit („These Boots Are Made for Walkin‘“)3 und Abenteuer. Das Symbol des Cowboystiefels ist mehrschichtig, so steht er für ein Instrument der Gewalt, hat er sich aber auch als sexuell aufgeladenes Objekt einer homosexuellen Ästhetik in das allgemeine visuelle Gedächtnis eingeprägt. Durch die Konfrontation von Sujet und Material entwickelt die Künstlerin ein Spiel über die Bedeutung von Geschlechterrollen auf mehreren Stufen: Zum einen verweist die durch Material und Inhalt etablierte Binarität auf ein „Innen“ und „Außen“, also auf die klassische Verteilung in weibliche und männliche Rollenbilder und deren gesellschaftlich zugeschriebenen Funktionen. Zum anderen ist es aber auch eine Auseinandersetzung mit Domestizierung und ein Hinterfragen, was es bedeutet, die essenzielle Identität von etwas oder jemanden zu verändern – ist es eine „Zivilisierung“ oder eine „Verstümmelung“ von Identität? Durch den Guss der Stiefel in Porzellan verweist Nicola von Thurn auf Spannungen und Fragen, die nicht nur innerhalb des Gender-Diskurses wichtig sind, sondern die eine prinzipielle gesellschaftliche Relevanz haben. 1 2 3 6 Filmzitat aus „Brokeback Mountain“ von Ang Lee (2005). Nicola von Thurn im Gespräch mit der Autorin, 14.1.2014. „These Boots Are Made for Walkin‘“, Popsong von Lee Hazlewood, gesungen von Nancy Sinatra (1966).

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Die Installationen und Ausstellungen der Künstlerin sind bestimmt von Räumen, Figuren und Gegenständen. Sie bringt innerhalb ihrer dreidimensionalen Auseinandersetzungen verschiedene Materialen und Elemente zusammen und eröffnet so im Ausstellungsraum eigene Verhandlungsräume. Sowohl die Figürlichkeit, als auch die Vertrautheit der in den Installationen einsetzten Gegenstände und Bilder lassen eine eindeutige narrative Lesart der Arbeiten vermuten. Doch ihre Installationen und dargestellte Situationen bleiben unbestimmt und offen, sie werden erst in der Imagination des Betrachters erzählerisch ausgestaltet. Das Spiel von Zeigen und Verbergen bestimmt ihr Schaffen dabei ganz grundsätzlich: Ihre Arbeiten sind nicht eindeutig, sondern rufen eine vorübergehende Irritation der Wahrnehmung hervor. In der Fotoserie backstage (2012), die in Zusammenarbeit mit AnnaMaria Kapsner entstand, ist es beispielsweise die Schwierigkeit der räumlichen und situativen Verortung, wie auch der Geschlechteridentifikation. Die Narration einer Arbeit bleibt somit immer ambivalent – Nicola von Thurn gibt keine definitive Lesart vor, viel eher bietet sie Zugänge und Versatzstücke, aus denen sich eine Vielzahl an Imaginationsräumen ergänzen und somit eigene Geschichten erschließen lassen. Die Literaturwissenschaft bezeichnet den erzählten Raum auch als ein nur teilweise bestimmtes „schematisches Gebilde“, das Unbestimmtheitsstellen enthält. Entsprechend der Ausführlichkeit des angebotenen Rahmenwerks, der Anschauungsdaten, kann der Leser diesen schematisch repräsentierten Raum ausfüllen und mitdenken.4 Ähnlich funktioniert die Arbeiten der Künstlerin: sie zeigen nicht das Geschehen, sondern die Rahmung und Anschauungsdaten. Auch deshalb lässt sich ihre Arbeit niemals nur auf eine, definitive Narration festlegen, denn jeder Betrachter wird sie immer vor dem eigenen Hintergrund lesen. Nicola von Thurn stellt dem Betrachter in Einzelteilen die Gesamtheit ihrer Welt zur Verfügung – es ist eine sehr persönliche Welt in deren Verletzlichkeit eine besondere Authentizität und Kraft liegt – so können sich im Ausstellungsraum unzählige verschiedene Narrationen entspinnen. Die von ihr selbst aufgeworfenen Fragen lässt sie aber bewusst ambivalent. Anstatt eindeutiger Aussagen zeigt die Künstlerin eine Sammlung, ein Repertoire an Möglichkeiten, die innerhalb einer Ausstellung auf verschiedene Weise in Beziehung treten: Etwa über räumliche Nähe und Distanz, über eine gemeinsame formale Sprache oder eine vergleichbare Thematik in unterschiedlichen Medien. In diesem Sinne hat der Betrachter, dessen Wahrnehmung und besonders auch dessen Bereitschaft, sich auf die Auseinandersetzung einzulassen, eine entscheidende Funktion im Ausstellungsraum. Anja Lückenkemper 4 Vgl. hierzu etwa Stanzel, Franz K., Theorie des Erzählens, (1979), S.156f und Schwarze, Hans-Wilhelm, Ereignisse, Zeit und Raum, Sprechsituationen in narrativen Texten: Räume und Gegenstände, (1982) S.170f.

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„Time to Get Goin‘, Cowboy!“1 Nicola von Thurn creates spaces. Imaginary spheres, narrative situations suspended between tilting and toppling, in realms of uncertainty. The artist traces different contentual threads and transforms them sublimely: elements of nature and autobiographical moments, concern for social and gender issues, interest in contemporary structures and formations, such as cohabitation. In her work the artist consciously excludes genre limitations or formal categories. Not dedicated to a certain style, the subject itself determines the medium and format of her artistic analysis. Nicola von Thurn playfully experiments with different materials that emphasize and amplify the controversies in her work. Materials that through their haptic, sound or smell stimuli add another semantic and interpretational level to the pictured object. In a way, every issue, every involvement requires its idiosyncratic form of expression, in drawing, photography or sculpture for example.2 A certain form of dialogue only opens up in-between such poles and on different levels: in her work boots – fragile (2012) materiality plays a specific role as it represents the contradiction between the material porcelain with its clear connotation of domesticity and the subject – cowboy boots – a symbol for freedom (“These Boots Are Made for Walkin’“)3 and adventure, opening up the dialogue about gender roles. Cowboy boots are a multilayered symbol. The array of connotations impressed on our collective visual memory goes from a symbol of violence to a sexually charged object of homosexual aesthetic. By confronting subject and material, the artist devised an allegorical play about the significance of gender roles on various levels. On the one hand, the binarity established by material and subject points to an “internal” and an “external” – the conventional separation of female and male role models and their socially prescribed functions. On the other hand, it is also an analysis of domestication, questioning what it really means to change the essential identity of something or someone – is it a civilising or a mutilating act? By casting the boots in porcelain, Nicola von Thurn refers to frictions and questions concerning not only gender issues but equally principal social ones. 1 2 3 8 Movie quote from „Brokeback Mountain“ by Ang Lee (2005). Nicola von Thurn in an interview with the author, January 14, 2014. „These Boots Are Made for Walkin‘“, pop song by Lee Hazlewood, sung by Nancy Sinatra (1966).

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Rooms, sculptures and objects define Nicola von Thurn’s installations and exhibitions. Within the three-dimensional realm of her artistic expression she blends different materials and elements as to open up a space for negotiation in the exhibition area. Figurativeness as well as familiarity with objects and images used in the installation allow for a narrative interpretation of her work. However, her installations and pictured situations stay undefined and open, leaving the narrative interpretation to the imagination of the viewer. The artist’s creativity is fundamentally determined by the interaction between revealing and concealing: her work is ambiguous and provokes a transient perceptual disturbance. In her photo spread backstage (2012), created in collaboration with AnnaMaria Kapsner, for instance, spatial and situational positioning or gender identification become difficult. Nicola von Thurn does not provide a definite interpretation; the narrative of her work stays ambivalent. She rather offers ways of access and set pieces to a variety of imaginary rooms allowing interpretation and the whole narrative to unfold. Literary criticism describes the narrative space as a “schematic structure” determined in parts only, always retaining some indetermination. Relying on the framework and the visuals provided the reader starts thinking for himself, filling in the blanks of the schematically represented room.4 Similarly, the artist’s work does not narrate the story, but illustrates the framework. This provides another reason why her work could never be defined in an absolute way, but will always be interpreted according to subjective individual perception. Nicola von Thurn offers the viewer her whole world in detailed facets – a very personal offering full of vulnerability yet emanating that very special authenticity and strength and allowing a multitude of narratives to unfold. Her own questions remain ambivalent, a deliberate choice. As opposed to a clear statement, the artist shows a collection, a repertoire of possibilities interrelating in different ways: this can happen through spatial proximity or distance, a common formal language, or a similar topic presented in different media. With his own perception and especially his readiness to be involved the viewer plays a decisive part in the exhibition. Anja Lückenkemper 4 cf. Stanzel, Franz K., Theorie des Erzählens, (1979), p.156 ff. and Schwarze, Hans-Wilhelm, Ereignisse, Zeit und Raum, Sprechsituationen in narrativen Texten: Räume und Gegenstände, (1982) p.170 ff.

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Schlaf 2007 Videoloop, digitaler Bilderrahmen auf Beistelltisch / videoloop, digital pictureframe on side table Filmstills / still frames Eine Bergdohle landet hinter der Schlafenden, blickt nach links und rechts, um kurz daraufhin wieder in die Luft abzuheben und davonzufliegen. A alpine chough lands behind the sleeping person’s face, glances quickly to the left and to the right and flies away. 12

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Dohlenflug 2008 3 Silberstiftzeichnungen auf Kreidegrund/Holzplatte 3 silverpoint drawings on gesso/wooden board je / each 29 x 29 cm 14

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