Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (80)

 

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Von London nach Leutkirch – ODYSSEY von Robert Koenig; Erinnerung an die Blockade Leningrads; Frühe Zeugnisse der Shoah

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www.gegen-vergessen.de 80 / Februar 2014 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen Von London nach Leutkirch – ODYSSEY von Robert Koenig Erinnerung an die Blockade Leningrads Frühe Zeugnisse der Shoah ab Seite 04 ab Seite 10 ab Seite 13

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Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie, liebe Freundinnen und Freunde, Vor 25 Jahren, in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989, starb Chris Gueffroy im Kugelhagel an der Berliner Mauer. Er war das vorletzte Todesopfer an der Berliner Mauer. Bis heute ist die Zahl von mindestens 138 Todesopfern dokumentiert, die an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989 ihr Leben ließen. Diese Todesopfer sind nur die Spitze eines menschenverachtenden Systems. Auch andere Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Von 1949 und 1989 waren in der DDR mehr als 200.000 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert. Wenn wir über die DDR reden, dann dürfen wir nicht nur über unser schönes Leben und die kleinen Freiheiten jenseits staatlicher Strukturen reden, sondern müssen vielmehr auch über das diktatorische System der DDR sprechen, das bis in den Alltag der Menschen hinein wirkte. Nur so können wir verstehen, warum Menschen wie Chris Gueffroy das Land verlassen wollten. Die Motive, aus der DDR zu fliehen, können gerade jungen Menschen mehr über das Herrschaftssystem im SEDStaat und den heutigen Wert der Freiheit erzählen als mancher Schulbuchtext. Wie eine zeitgemäße Gedenkkultur, die auch Jugendliche erreicht, aussehen kann, hat uns die Sektion Allgäu-Oberschwaben mit dem Kunstprojekt „Odyssey“ des englischen Bildhauers Robert Koenig in Leutkirch gezeigt. Die überlebensgroßen Skulpturen, die auf dem zentralen Platz der Allgäuer Kleinstadt aufgestellt wurden, erinnern an Leutkircher NS-Opfer, bieten aber auch Anknüpfungspunkte für Schulprojekte, die sich mit Migration, Ausgrenzung oder Gewalterfahrung beschäftigen. So wird eine Beschäftigung mit Geschichte möglich, die nicht in der Vergangenheit verharrt, sondern aktuelle Erfahrungen mit einbezieht. Ihr Wolfgang Tiefensee Die Mitgliederversammlung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V. hat am 23. November 2013 in Berlin beschlossen, stärker im Themenfeld Demokratiegeschichte aktiv zu werden. Nach dem Workshop in Halle im letzten Jahr, über den in dieser Ausgabe berichtet wird, wird eine weitere Veranstaltung angeboten. Bitte merken Sie sich den 27. / 28. Juni 2014 vor. Tagungsort wird die Reichspräsident Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg sein. Zu diesem Zeitpunkt finden keine Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft statt. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014

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Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Von London nach Leutkirch – ODYSSEY von Robert Koenig Erinnerung an die Blockade Leningrads Frühe Zeugnisse der Shoah Aus unserer Arbeit Unsere Online-Beratung sagt Danke! Workshop in Halle 18./19.Oktober 2013 Mitgliederversammlung 2013 Berliner Erklärung Preisverleihung in Berlin Regionale Arbeitsgruppen RAG Rhein-Ruhr West: Bierdeckel werben für mehr Toleranz RAG Rhein-Ruhr West: Concerto per Sant‘ Anna RAG Baden-Württemberg, Sektion Nordbaden: Der vergessene Whistleblower Léon Gruenbaum (1934 – 2004) RAG Münsterland: „Auf Sie habe ich sechzig Jahre gewartet.“ RAG Östliches Ruhrgebiet: Fünf nach zwölf: Todesmärsche und Mordorgien 1944 / 45 RAG Rhein-Main: Die Erinnerung ist unser Lehrer RAG Baden-Württemberg, Sektion Südbaden: Erinnerung an die Reichspogromnacht in Ettenheim RAG Baden-Württemberg, Böblingen-Herrenberg-Tübingen: Von Hailfingen über Dautmergen nach Bergen-Belsen Namen und Nachrichten Eine Stolpersteine-App nicht nur für Trier Rezensionen Nazi-Jagd. Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechen Europa erfindet die Zigeuner Die Pflasterkästen. Ein Feldsanitätsroman Zur Aktualität von Matthias Erzberger Vergessen? Polnische und sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene im Raum Delbrück 1939 -1945 Buchempfehlungen Buchreihe der Gedenkstätte Stille Helden, Band 1 bis 3 44 37 38 40 41 43 36 24 25 26 28 30 31 33 34 15 16 18 20 22 4 10 13 Feuerrauch 41 Beitrittserklärung 45 Vorstand | Impressum 46 Organisatorisches 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 3 Inhalt

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Thema Hubert Moosmayer Von London nach Leutkirch – ODYSSEY von Robert Koenig Kunst und Gedächtniskultur Die Sektion Allgäu-Oberschwaben von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V. veranstaltete 2013 in Leutkirch ein aufsehenerregendes Kunstprojekt. Der englische Künstler Robert Koenig installierte 42 überlebensgroße menschliche Skulpturen auf dem zentralen Platz der Allgäuer Kleinstadt. Die von der Landeszentrale für Politische Bildung BadenWürttemberg unterstützte und von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V. organisierte Ausstellung wurde Anfang September vom Baden-Württembergischen Innenminister Reinhold Gall eröffnet. Nach großem, überregionalem Zuspruch wurde die Installation im Oktober 2013 von den Mitgliedern der Sektion wieder abgebaut und wartet nun auf weitere Veranstaltungsorte. Am Rand der Ausstellung wurden vor dem Haus der Leutkircher Kaufmannsfamilie Gollowitsch drei Figuren extra aufgestellt. Sie standen dort zur Erinnerung an Fritz und Lilly Gollowitsch, die 1941 nach Riga deportiert wurden und ihre Tochter Margot, der die Flucht nach England gelang. Foto: © bruno kickner, www.kickner.de 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 Foto: © bruno kickner, www.kickner.de

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Foto: © bruno kickner, www.kickner.de Die Figuren des „Odyssey“-Projektes auf dem Leutkircher „Gänsbühl“. Das Jahr 2014 ist ein europäisches Gedenkjahr. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs jährt sich zum 100. Mal. Gleichzeitig wird 2014 der 70. Jahrestag der Invasion in der Normandie begangen, die das militärische Ende des Zweiten Weltkrieges einleitete. Seit Wochen sind diese Gedenkereignisse Thema in den europäischen Medien. Die großen Zeitungen bringen Sonderbeilagen und Extraberichte. Ein Schwerpunkt der Betrachtungen liegt auf der unterschiedlichen und sich verändernden Gedenkkultur in den verschiedenen europäischen Ländern. Dabei ist zu sehen, wie unterschiedlich die vergangenen Ereignisse wahrgenommen werden. Was für unsere Nachbarn in England der siegreich beendete Krieg ist, „mit dem Blick zurück im Gefühl, Diener einer guten Sache gewesen zu sein“ (Joachim Käppner), ist für die Deutschen vielmehr eine schuldhaft verursachte Tragödie, eine Niederlage und der erste Schritt in die Katastrophe der nationalsozialistischen Diktatur. Was ist die geschichtliche Wahrheit und wie gehen wir verantwortungsvoll damit um? Buchveröffentlichungen wie „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark legen in letzter Zeit nahe, dass die Geschichtsschreibung ihre Sicht auf die Historie insbesondere des Ersten Weltkriegs ändert und differenziert. Damit geht auch ein geänderter Umgang mit dieser Geschichte, also eine veränderte Gedenkkultur einher. Verstärkt wird dies durch die Tatsache, dass das Zeitalter der letzten lebenden Zeitzeugen beider Kriege jetzt allmählich endet. Folglich geht auch dem Gedenken das Motiv der persönlichen Trauer, also der Trauer um unmittelbare Angehörige, die dem Krieg und der Diktatur zum Opfer fielen, verloren. Das Gedenken und die Rituale werden sich dem anpassen müssen. Dies zeigt sich nicht nur bei den großen zentralen Gedenkveranstaltungen, sondern auch bei den Gedenktagen, die an den unzähligen „Kriegerdenkmälern“ im ganzen Land alljährlich am Volkstrauertag abgehalten werden. So zum Beispiel auch in Leutkirch, einer Kleinstadt in der idyllischen Provinz des württembergischen Westallgäus. Hier wie überall treffen sich die Vertreter der Stadtverwaltung, des örtlichen Gemeinderats und des Krieger- und Kameradenvereins mit » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 5 Foto: © bruno kickner, www.kickner.de Thema

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Thema Foto: Roland Rasemann in Grafeneck vergasten Euthanasieopfer, der in Dachau Ermordeten, fehlen. Die Frage nach dem „richtigen“, dem angemessenen Gedenken kommt hier auf. Eine Initiative aus Leutkirch hat sich ihr gestellt. Die Opfer des nationalsozialistischen Terrors sollten stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. Sie sollen wieder zurückgebracht werden, zurück ins Gedächtnis der Stadt. Die Leutkircher Initiative „Orte des Erinnerns“, seit Kurzem Sektionsmitglied von Gegen Vergessen – für Demokratie e. V., hat es sich zur Aufgabe gemacht, an die Opfer des Nationalsozialismus in Leutkirch zu erinnern und beschäftigt sich dabei zentral mit der Frage einer zeitgemäßen Gedenkkultur. Der Initiative gehören Vertreter katholischer und evangelischer Kirchengemeinden, Lehrer Leutkircher Schulen, Mitglieder der Heimatpflege, der Volkshochschule und weitere Bürger der Stadt an. Von Anfang an unterstützte die Stadtverwaltung das Anliegen. Auf Initiative der Gruppe konnten im Jahr 2011 Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig in Leutkirch verlegt werden. Begleitend fanden eine Ausstellung und weitere Veranstaltungen statt. 2012 wurde mit einer literarischen Gedenkstunde zum Jahrestag der Verschleppung der Leutkircher Familie Gollowitsch gedacht. In der Frage nach neuen Ansätzen des Gedenkens entstand über die pensionierte Lehrerin Claudia Bühler der Kontakt zu dem englischen Künstler Robert Koenig und seinem Projekt „Odyssey“. Dabei handelt es sich um eine Installation von Holzskulpturen zum Thema Migration, um in Gruppen aufgestellte, 2,50 m hohe menschliche Gestalten, aus Lindenholz handgeschnitzt, Zwischen 60 bis 90 kg wiegen die Holzfiguren. Zwei der Helfer, Michael Waizenegger und Matthias Hufschmid, beim Transport der Figuren. » der Bürgerschaft, um der in den beiden Weltkriegen getöteten Leutkircher Söhne zu gedenken. Es ist ein in Jahrzehnten geübtes Ritual, das in der inzwischen langen glücklichen Periode der Demokratie die Selbstsicherheit und Selbstgewissheit genährt hat, auf der richtigen Seite zu stehen. Ein Aspekt des zwiespältigen Umgangs mit Erinnerung zeigt sich in der Behandlung der Toten, die nicht in Kriegshandlungen ihr Leben ließen, sondern zu Opfern rassistischer oder politischer Verfolgung wurden. Die Namen sämtlicher gefallener Soldaten aus Leutkirch stehen am Mahnmal. Die Namen der in Vernichtungslager Deportierten, der Die „Odyssey“-Figuren bei Nacht. 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 Foto: © bruno kickner, www.kickner.de

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Foto: Roland Rasemann Installation der Odyssey-Skulpturengruppe am Leutkircher „Gänsbühl“. Um für einen sicheren Stand der Figuren zu sorgen, mussten spezielle Betonfundamente angefertigt werden. Die Stadtverwaltung unterstützte den Aufbau durch den Einsatz des städtischen Bauhofs. (Bild links) Zahlreiche Besucher kamen nach Leutkirch auf den Gänsbühl zur Eröffnungsfeier der Ausstellung „Odyssey“. (Bild oben) ausdrucksstarke Charaktere, alle in gleicher Körperhaltung. Die Gestalten mit den ernsten, teils ängstlich blickenden Gesichtern und den hochgezogenen Schultern erinnern an Schicksale erzwungener oder freiwilliger Migration, an Entwurzelung, Heimatlosigkeit und Vertreibung. Bis heute waren die Skulpturen an über 20 Orten quer durch Europa bis in die Ukraine ausgestellt, zuletzt 2012 in London während der olympischen Spiele. Die Sektion Allgäu-Oberschwaben von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V. brachte im Herbst 2013 das Kunstprojekt zum ersten Mal nach Deutschland. Mit „Odyssey“ wird der Versuch gewagt, sich den Fragen von Schuld und Versöhnung auf ungewöhnliche Weise zu nähern. Durch die Installation auf öffentlichen Plätzen wird der Bevölkerung ein „Medium“ an die Hand gegeben, über die dunkle Seite der Ortsgeschichte ins Gespräch zu kommen und sie ins „öffentliche“ Gedächtnis zurückzuholen. Es verbindet sich damit die Hoffnung, durch diese eindrücklichen Skulpturen auch die junge Generation dafür zu gewinnen, einen eigenen Zugang zur Schattenseite unserer Geschichte zu finden und auch ein eigenes Gedenken zu entwickeln. In Leutkirch wurde die „Odyssey“ auf dem zentralen Platz, dem „Gänsbühl“, installiert. Die Skulpturen blickten auf das Gebäude gegenüber, in dem vor 70 Jahren die Leutkircher Kaufmannsfamilie Gollowitsch gelebt und gearbeitet hat. Die Familie ist von dort am 28. November 1941 in die Vernichtungslager deportiert worden. Drei Skulpturen wurden zur Erinnerung an die Familie Gollowitsch vor dem Gebäude aufgestellt. In der nordöstlichen Ecke des Ausstellungsplatzes steht ein kleines Haus, in dem in den 1940er-Jahren der Schuhmachermeister Haßler mit seiner Familie gewohnt hat. Von dort wurden zwei seiner Töchter abgeholt und in Grafeneck ermordet. Von dort sind zwei seiner Töchter abgeholt und in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet worden. An jedem Ausstellungsort schafft der Künstler eine neue Figur, die – als Verkörperung der Schicksale des Ortes –mit der OdysseyGruppe auf die Reise an künftige Ausstellungsorte geht. Somit wächst die „Odyssey-Ausstellung“ immer weiter. Als Besonderheit für den ersten Ausstellungsort in Deutschland hatte sich Robert Koenig bereiterklärt, eine zusätzliche Skulptur zu schaffen, die in Leutkirch blieb. Sie soll jährlich wechselnd am Volkstrauertag einer Schule zur Patenschaft übergeben werden. Am 17. November 2013 hat das Hans-Multscher-Gymnasium den Anfang gemacht. Die Schule ist nun Patin der Figur. Auf einer Stahlplatte am Sockel der Skulptur stehen die Namen der Leutkircher Opfer des Nationalsozialismus: Die jüdische Familie Gollowitsch, die in Grafeneck getöteten Geschwister Haßler, der in Dachau ermordete Leutkircher Landwirt Leonhard Brack. Mit dem Patenschaftsprojekt kommt die Gedenkstätte zu den Menschen, nicht mehr umgekehrt. „Eine zeitgemäße Gedenkkultur“, findet Eugen Hoh, der Rektor des Hans-Multscher-Gymnasi- » Foto: Dortmund-Agentur, Stadt Dortmund Foto: © bruno kickner, www.kickner.de Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 7 Thema

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Thema Foto: Roland Rasemann Robert Koenig Robert Koenig wurde 1951 in Manchester geboren. Er studierte Bildhauerei am Brighton Polytechnic und an der Slade School of Fine Art in London. Er ist Mitglied in der Königlichen Gesellschaft der Britischen Bildhauer. Mit dem Kunstprojekt „Odyssey“ unternimmt er eine spirituelle Reise auf den Spuren seiner Mutter, die 1942 aus ihrem Heimatort Dominikowice in Polen zur Zwangsarbeit nach Deutschland vertrieben wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sie sich in England nieder, wo ihr Sohn Robert aufwuchs. www.robertkoenig-sculptor.com Geschafft! Gruppenfoto mit Helfern der Sektion, deren ehrenamtlicher Einsatz die Ausstellung in Leutkirch erst möglich gemacht hat. 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 Foto: Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.

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Foto: Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. » ums. „Die Weltkriege sind für die Schüler heute fast so weit weg wie römische Geschichte.“ Mit rein historischer Erinnerungskultur seien junge Leute nicht zu erreichen. Mit der Botschaft, die von Koenigs Kunst ausgeht, dagegen schon: Vertreibung, Ausgrenzung, Gewalt, „da ist man schnell bei Themen wie Mobbing, die den Schülern nahegehen“, sagt Hoh. Die Skulptur soll den Schulen Anstoß geben, verschiedene eigene Projekte zu Themen wie Migration, Flucht, Ausgrenzung etc. in unterschiedlichen Fächern während dieses Patenschaftsjahres durchzuführen. So wird sie zu einer „wandernden Gedenkstätte“, die ihre Wirkung in den (Schul-)Alltag hinein entfaltet. Damit soll der Gewöhnung entgegengewirkt werden, die bei vielen Denk- und Mahnmalen zu beobachten ist. Dieses Konzept der „wandernden Gedenkstätte“ könnte über Leutkirch hinaus zum praktischen Beispiel für eine zeitgemäße Gedenkkultur werden. ■ Pfarrer Siegfried Kleih, Mitglied der Sektion Allgäu Oberschwaben und Hubert Moosmayer, Koordinator der Sektion, bei Arbeiten an einem Fundament für die Odyssey-Skulpturen. Hubert Moosmayer ist Koordinator der Sektion AllgäuOberschwaben von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Anzeige bruno kickner | photographie | www.kickner.de . . Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 9 Thema

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Thema Asja Gefen Erinnerung an die Blockade Leningrads Die Blockade von Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt, dauerte vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944. Deutsche Soldaten umschlossen dabei die Stadt, um sie auszuhungern. Auf diese Weise starben 1,1 Millionen Menschen. Anlässlich der Befreiung der Stadt am 27. Januar 1944 erinnern wir an die Blockade und lassen Zeitzeugen zu Wort kommen. Lea Sorina, die selbst als Kind die Blockade Leningrads erlebt hat, sammelte viele Zeitzeugenberichte in russischer Sprache. Ilse Koppe übersetzte den folgenden Bericht von Asja Gefen, der nun zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht wird und uns von Lea Sorina und Ilse Koppe zur Verfügung gestellt wurde. In der nächsten Ausgabe folgt ein weiterer Zeitzeugenbericht aus der Sammlung Lea Sorinas. Ich, Asja Gefen, wurde im Jahre 1929 in der Ukraine geboren. Nach dem Tode meines Vaters im Jahre 1933 zogen wir nach Leningrad um. Vor Beginn des Krieges im Jahre 1944 lebten wir in der Smolenskaja-Straße [im Westen Leningrads, Anm. d.  Ü.] in einem Haus mit Korridorsystem [Gemeinschaftswohnung mit zahlreichen kleinen Ein- oder Zweizimmerwohnungen auf beiden Seiten des Korridors]. Im Sommer 1941 machten wir Urlaub in der Ukraine. Von den ersten Kriegstagen an begannen die Bombardierungen, Mama und ich fuhren sofort nach Hause. Der Weg war sehr schwer, die Züge fuhren nicht nach Fahrplan – die Straßen wurden ständig bombardiert. Ich weiß noch, dass wir auf den Dächern der Waggons fuhren. Unsere Gemeinschaftswohnung war sehr groß (99 Nachbarn), aber die Menschen waren alle sehr gut und lebten harmonisch miteinander. Den ersten Angriff der Nazi-Luftwaffe sah ich vom Balkon unseres Zimmers aus, ich sah, wie die Bomben auf die Badaevskie-Depots [die größten Lebensmitteldepots der Stadt] niederrieselten und sie in Brand setzten. Das war nicht weit entfernt von der SmolenskajaStraße. Ich erinnere mich an den schrecklichen Feuerschein und den Rauch, der den ganzen Himmel verdeckte. In den nächsten Tagen gab es eben solche lang anhaltenden Bombardierungen, aber wir stiegen sofort nach dem Fliegeralarm in den Luftschutzkeller hinunter. Als es kälter wurde, zogen Mama und ich zu meiner älteren Schwester um, weil unsere Dampf-Heizung kaputt war, aber im Zimmer meiner Schwester ein kleiner Eisenofen, eine „burzhujka“, stand. Er wurde mit allerlei Holzabfällen, Papier und Büchern geheizt. Oft kamen die Nachbarn, um sich aufzuwärmen, und brachten Bretterstücke und Bücher mit und alles, was brennbar war. Mama erlaubte allen zu kommen, sie wies niemanden ab. Meine Schwester hatte ein krankes kleines Kind. Während der Blockade sagte es nur ein einziges Wort: „Gib!“ Dieses Wort wiederholte es unaufhörlich. Die Nachbarin aus der unteren Etage brachte dem kleinen Jungen manchmal Brot. Sie hieß Polina Isaakovna. Ich erinnere mich sehr gut an sie. Sie sagte immer: „Nehmt es, ich brauche nichts mehr“. Die schwerste Zeit war der erste Winter: die Brotration wurde immer kleiner und betrug schließlich 125 g für Kinder und Unterhaltsbedürftige. Wir aßen Tischlerleim, den wir zu Hause fanden, Lederriemen, Senf. Aus dem Senf machten wir Fladen, von denen wir Bauchschmerzen bekamen. Asia Gefen als junge Frau. 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 Foto: Privat

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Mich schickten die Nachbarn Brot holen, alle vertrauten mir ihre Brotkarten an, und ich aß unterwegs kein einziges Stückchen Brot auf. Ich weiß nicht, woher solch eine Willensstärke kam. Ich war klein, steckte in großen Filzstiefeln und in einer großen Wattejacke und trug eine Ohrenklappenmütze. Wenn ich in die Bäckerei kam, die in einem Keller lag, sagte die Verkäuferin: „Komm, du Große!“ und teilte mir das Brot an der Warteschlange vorbei zu; dann passte sie auf, dass ich die Karten auf der Brust unter der Wattejacke versteckte, und hängte mir die Tasche mit dem Brot um den Hals. Die Nachbarn warteten auf mich und freuten sich, wenn ich kam. Ich glaube, viele hatten einfach nicht mehr die Kraft, zum Bäcker zu gehen. Mama passte auf, dass wir uns wuschen, sie hatte große Angst vor Läusen. In den Häusern waren Wasserleitung und Kanalisation kaputt. Mama schickte mich mit zwei Eimern Schnee holen. Ich ging in den Hof hinunter, aber wo ich auch grub, überall stieß der Spaten auf Leichen. Die Toten konnte man nicht zum Friedhof fahren, man trug sie in den Hof oder warf sie einfach aus dem Fenster. Ich schaufelte zwei Eimer Schnee in den Ecken des Hofs zusammen. Im Hause tauten wir den Schnee auf und bekamen so ein wenig Wasser. Seife gab es nicht, man wusch sich mit Asche aus dem Eisenofen, die mit kochendem Wasser übergossen wurde. Mama war an Sauberkeit und Ordnung gewöhnt, das half uns, in dieser furchtbaren Zeit zu überleben. Das bestätigt eine schreckliche Episode. Eine unserer Nachbarinnen hatte so viele Läuse, dass Mama sie mit einem kleinen Besen auf Lappen abstreifte, die dann vernichtet wurden. Diese Frau war sehr geschwächt und bat uns, sie zu ihrem Bruder auf der Petrograder Seite [Stadtteil im Norden] zu bringen. Ich und noch ein kleines Mädchen fuhren sie auf dem Schlitten durch die ganze Stadt, aber der Bruder nahm sie nicht auf und befahl uns, die geschwächte Frau in das Kujbyshev-Krankenhaus zu fahren. Wir Im belagerten Leningrad – auf dem Nevski Prospekt während der Belagerung. zogen sie mit großer Mühe dorthin, in der Aufnahme lehnte man aber ab, die Kranke in ein Bett zu legen, wie sehr wir auch bettelten. Eine Frau vom Krankenhauspersonal sagte zu uns: „Lasst sie hier, fahrt weg, wir nehmen sie auf“. Unsere Nachbarin wollte nicht im Krankenhaus bleiben, aber wir gehorchten der Frau. Sie kehrte nicht mehr zu uns zurück, und der Gedanke daran, dass wir sie damals im Stich gelassen haben, nagt bis heute an mir. Der zweite Ehemann meiner Mutter war Fremdsprachenlehrer, ein religiöser Mensch, er hielt die jüdischen Riten ein. Er hob sein Brot auf und gab es den Kindern in unserer Wohnung, darunter » Foto: RIA Novosti archive, image #637 / Boris Kudoyarov Kriegsverletzte Kinder in einem Leningrader Krankenhaus während der Blockade. Sammeln der Toten während der Blockade von Leningrad. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 Foto: Boris Kudoyarov 11 Thema

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Thema » auch mir. Vor seinem Tode konnte er schon nichts mehr essen, trank nur abgekochtes Wasser mit Salz. Er bat um ein Stückchen Zucker, aber Zucker hatte niemand mehr. Als er gestorben war, nähte ich ihn in ein Laken ein und schrieb mit Kopierstift seinen Namen darauf. Mama gab dem Hausmeister die Brotkarten für drei Tage (ihre eigenen, die meiner Schwester und meine) und bat ihn inständig, den Verstorbenen zum Jüdischen Friedhof zu fahren. Das tat er und brachte uns ein Dokument mit dem Beerdigungssiegel mit. Im Winter 1942 räumten Mama und meine ältere Schwester die Trümmer der von Bomben und Granaten zerstörten Häuser beiseite. Für diese Arbeit gab es zusätzlich etwas zu essen. Eines Tages, als Mama zur Arbeit kam, sagte man ihr, dass meine Schwester ins Krankenhaus gebracht worden sei. Bei der Auskunft und im Sprechzimmer sagte man uns, die Schwester sei nicht eingetroffen. Da gingen wir sie suchen unter den Leichen, die an diesem Tag zum Krankenhaus gefahren worden waren. Wir suchten lange auf allen Seiten, und plötzlich entdeckte ich den Zipfel ihres Kleides – schwarz mit weißen Punkten. Sie lag unter den Körpern der toten Menschen. Mit größter Mühe zogen wir die Toten weg und trugen die Schwester zum Krankenhausgebäude. Mama fand einen Arzt, führte ihn her und bat ihn, die Schwester zu untersuchen; der Arzt lehnte ab in der Meinung, die Schwester sei tot. Mama ließ ihn nicht weggehen, fiel ihm zu Füßen und küsste seine Filzstiefel. Der Arzt gab ihren Bitten nach, untersuchte die Schwester und sagte verwundert: „Sie atmet“. Er ordnete an, die Schwester im Korridor hinzulegen, in den Krankenzimmern war kein Platz. Meine Schwester lag sehr lange im Krankenhaus, und als man sie entließ, sagte der Arzt, der angeordnet hatte, sie dazubehalten: „Eure Schwester ist ein Glückspilz“. Die heute 84jährige Asia Gefen. Im September 1942 kam ich in die Schule. In der Schule gab es Mittagessen: Brei, Tee mit einem Stückchen Brot und ein Stückchen Schokolade. Ich aß meine Portion immer nicht ganz auf, sondern brachte einen Teil davon dem Sohn meiner Schwester. Er wartete auf mich und schrie vor Freude, wenn er mich sah. Ich weiß noch, wie er den mitgebrachten Brei aß. Er nahm keinen Löffel, er nahm jedes Körnchen mit dem Fingerchen, und wenn zwei Körnchen zusammengeklebt waren, nahm er sie auseinander und steckte sie sich einzeln in den Mund. Danach leckte er sich alle zehn Finger ab. Als die Lehrerin einmal sah, wie ich den Brei in eine Dose tat, drohte sie mir, sie würde mich nicht in die Klasse lassen, wenn ich die Schulspeise nicht selbst aufessen würde. Aber ich konnte nicht anders, als etwas nach Hause mitzubringen – das Kind wartete so sehr auf mich, freute sich so sehr, streichelte lange meine Wange. Im Jahre 1943, nach dem Durchbruch der Blockade, als die Brotration für Kinder schon 400 g betrug, wurden wir evakuiert. In dieser Zeit evakuierte man Familien mit Kindern in gut organisierter Ordnung, weil in der Stadt die Erkrankungen an Typhus zugenommen hatten. Wir fuhren auf einem Lastwagen über den Ladoga-See unter starkem Beschuss. Ich zählte, wie viele Wagen untergingen. Vor uns in der Kolonne waren es drei; aber wir kamen durch. Nach Kriegsende kehrten wir aus der Evakuierung zurück, zogen allerdings nicht sofort in unser altes Zimmer ein. Der Sohn meiner Schwester wurde nur 19 Jahre alt, obwohl er vom besten Kardiologen Leningrads, Professor Kuprijanov, behandelt wurde. Unsere alten Nachbarn vergaßen Güte und Mitgefühl unserer Mama nicht und halfen uns, als Mama von der Straßenbahn überfahren wurde und invalid blieb. Nach vielen Jahren, als wir alle aus unserer Gemeinschaftswohnung ausgezogen waren (das Haus wurde für die Militärbehörde genutzt), klingelte bei mir das Telefon. Unsere ehemaligen Nachbarn riefen an und baten uns zu sagen, wo unsere Mama beerdigt ist, um zu ihrem Grab zu gehen und sich vor ihr zu verneigen. ■ Die Statue „Mutter Heimat“ auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof, der den Opfern der Blockade und den Teilnehmern der Verteidigung gewidmet ist. Wikimedia / Volkov 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 Foto: Privat

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Wolfgang Benz Frühe Zeugnisse der Shoah Jüdische Quellen aus Polen erstmals in deutscher Sprache Im August 1944 verabredeten Überlebende des Holocaust im befreiten Lublin, die Zeugnisse des Untergangs der polnischen Juden zu sammeln und zu veröffentlichen. Die „Zentrale Jüdische Historische Kommission“ übersiedelte im Frühjahr 1945 nach Łodz und ging 1947 im Jüdischen Historischen Institut Warschau auf. Dort bildeten die gesammelten Dokumente, Erinnerungen, Interviews und Bücher den Grundstock des heutigen Archivs. Aber die jüdischen Chronisten, deren Anfänge auf den legendären Emanuel Ringelblum und sein Archiv im Warschauer Ghetto zurückgehen, haben nicht nur gesammelt. Sie forschten und publizierten die Ergebnisse in 39 Büchern und Broschüren. Da die Texte in polnischer oder jiddischer Sprache gedruckt wurden, blieben sie im Land der Täter unbekannt. Einige wenige sind später auch ins Englische übersetzt worden. Auf Deutsch erschienen vor langer Zeit nur Mordechai Gebirtigs Lieder „Es brennt“ und Leon Weliczkers Bericht über das Sonderkommando 1.005, das die Leichen der Ermordeten exhumieren musste, um die Spuren des Völkermords zu beseitigen. Die Edition „Nach dem Untergang“ macht zum ersten Mal zwölf Texte, die 1944 bis 1947 geschrieben wurden, dem deutschen Publikum zugänglich. Es sind bewegende Zeugnisse des Holocaust, authentischer als die später verfassten Schriften, entstanden unter dem unmittelbaren Eindruck des Geschehens. Zwischen Juli 1942 und September 1943 waren in Treblinka, dem größten und bis ins Detail perfektioniertem Mordzentrum Die Quellen lagern im Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau. der „Aktion Reinhardt“, etwa eine Million Menschen vernichtet, zuvor misshandelt, gedemütigt und ausgeplündert worden. Im November 1945 reisten Vertreter der Jüdischen Historikerkommission an die Mordstätte. Unter ihnen war Rachel Auerbach, damals 43 Jahre alt. Sie hatte das Ghetto Warschau überlebt, hatte dort mitgewirkt, das geheime Ghettoarchiv anzulegen und zu verstecken, sie gehörte zum jüdischen Widerstand. Später wanderte sie nach Israel aus, wurde Mitarbeiterin von Yad Vashem in Jerusalem und schrieb die ersten wichtigen Bücher über den Untergang des jüdischen Warschau und den für ihre Haltung kennzeichnenden Text „Undzer Kheshbn mitn Daytsh Folk“ (Unsere Rechnung mit dem deutschen Volk). Sie ist 1976 in Israel gestorben. Rachel Auerbach, die in Lemberg Philosophie studiert und dann für jüdische und polnisch-jüdische Periodika geschrieben und übersetzt hatte, beschrieb die Reise nach Treblinka mit „unerträglichem Schmerz“ und Wut im Herzen. Ihre Sympathie galt den wenigen Heroen des jüdischen Widerstandes, einem „der » Foto: Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 13 Thema

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Thema Foto: Stiftung Denkmal durch ihren Detailreichtum und ihre Authentizität von historiografischem Wert: etwa Filip Friedmans Arbeit über die Vernichtung der Juden von Lemberg, die als erste Veröffentlichung der Kommission 1945 in Łodz erschien, Szymon Datners Text „Kampf und Zerstörung des Ghettos Białystok“ (1946) oder Mendel Balberyszskis Werk „Die Vernichtung des Wilnaer Ghettos“. Das gilt nicht minder für die Studie von Jóseph Kermisz über den Aufstand im Warschauer Ghetto, worin der Bericht des SS-Generals Jürgen Stroop „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“ mit der Erfahrung und Erinnerung der Ghettokämpfer konfrontiert wird. Michał Maksymilian Borwicz beschreibt das Lager in der Lemberger Janowskastraße als eine „Hochschule der Bestialität“, als Universität der Mörder, als Todesfabrik. Auch Borwicz verbindet die Distanz des Intellektuellen mit der Erfahrung des Häftlings. Das ergibt ein eindringliches Bild des Lagers, dessen Alltag sich von dem eines Konzentrationslagers allenfalls dadurch unterschied, dass systematischer gemordet wurde. Die stärksten Texte sind für den heutigen Leser die Selbstzeugnisse, die in ihrer Unmittelbarkeit und individuellen Reflexion von Verfolgung, Überlebenskampf und Überleben auch einen emotionalen Zugang ermöglichen. Dazu gehören der Bericht Roza Baumingers über ihre Erfahrung im Zwangsarbeitslager Skarżysko-Kamienna und die Erinnerungen von Berek Freiberg an Sobibor oder Abraham Krzepickis Report über Treblinka. Berek Freiberg war 14 Jahre alt, als er im Mai 1942 nach Sobibor deportiert wurde. Als „Arbeitsjude“ lebte er 18 Monate im Vernichtungslager, das heißt, er gehörte als Sklave zu denen, die beim Morden, stets den eigenen Tod vor Augen, als Gehilfen der Mörder tätig sein mussten: den Opfern die Haare scheren, ihre Habe sortieren, Leichen schleppen, das Gefolge der SS bedienen. Abraham Krzepicki war ein junger Jude, der 1939 in der polnischen Armee gegen die deutsche Wehrmacht kämpfte. Im August 1942 wurde er nach Treblinka deportiert. 18 Tage lang war er im Vernichtungslager, arbeitete als Leichenschlepper, im Lumpenkommando, in der „Werterfassung“. Er beobachtete alle Details der Mordmaschine, von der Ankunft der Opfer bis zur Gaskammer, prägte sich die Szenen des Infernos ein und floh. Abraham Krzepickis Bericht ist das früheste Zeugnis eines Überlebenden von Treblinka überhaupt. Ber Ryczywól war ein alter Mann von 62 Jahren, als er sein Überleben der Jüdischen Historischen Kommission schilderte. Er sei ein einfacher und ehrlicher Mensch mit jungen Augen, erinnerte sich die Mitarbeiterin, die seinen Bericht zu Papier brachte. Ein alter und erschöpfter Jude auf jahrelanger Flucht, der als ländlicher polnischer Wanderer getarnt den Deutschen, aber auch den Polen immer wieder entkam. Seine Frau ist 1941 in Warschau, wo er einst Heringe verkauft hatte, verhungert. Die vier Kinder verlor er im Holocaust, sie hatten Angst vor der Flucht ins Ungewisse und gingen zugrunde. Ber Ryczywol hatte keine Erwartungen an das Leben mehr, nur Sicherheit und Frieden erhoffte er noch. Sieben Jahrzehnte nach den Ereignissen sind diese wichtigen Zeugnisse der Shoah endlich auch in deutscher Sprache zu lesen. Schauspieler Florian Lukas las bei der Vorstellung der Edition in Berlin aus den Zeitzeugenberichten Ber Ryczywols und Rachel Auerbachs Texten. » hellsten Kapitel in der dunklen Geschichte des jüdischen Todes in Polen“. Ihre Verachtung denen, die angesichts der jüdischen Katastrophe nicht geholfen hatten oder nichts davon gewusst haben wollten. Ihr Hass richtete sich gegen die Deutschen, die Nation der Täter. Rachel Auerbachs Urteil war aber trotz ihrer Emotionen reflektiert und hatte das Rätsel der Verführbarkeit des Individuums, den Appell an niedere Instinkte, die willige Hinnahme des Staatsverbrechens und die freudige Beteiligung des Einzelnen als Hintergrund: „Wenn diese Menschen alle überzeugte Antisemiten, Nazis, Dämonen und Mörder gewesen wären, so könnte es einfach zu verstehen sein.“ Aber die Verbrechen wurden von kleinen Pflichterfüllern verübt, die Wehrlose verfolgten und ermordeten, als „feige und gemeine kleine Schrauben in einer riesigen Maschine der Kriminalität“. Wie ihre Mitreisenden ist Rachel Auerbach erschüttert über die Spuren, die nach dem Ende des Mordens in Treblinka von Krämerseelen, Räubern und Dieben, vom gewöhnlichen Gesindel, das sich unter dem dünnen Firnis von Kultur oder Zivilisation verbirgt, hinterlassen wurden: „Alle Arten von Plünderern und Marodeuren kommen in Scharen mit Schaufeln in der Hand hierher. Sie graben, suchen und plündern; sie sieben den Sand, ziehen Teile von halb verfaulten Leichen und verstreuten Knochen aus der Erde in der Hoffnung, dass sie wenigstens auf eine Münze oder einen Goldzahn stoßen. Diese menschlichen Schakale und Hyänen bringen echte Granaten und Blindgänger mit. Sie bringen mehrere von ihnen auf einmal zur Explosion und reißen riesige Krater in die geschändete, blutgetränkte Erde, die mit der Asche von Juden vermischt ist.“ Die Veröffentlichungen der Kommission aus den Jahren 1945 bis 1947 haben Bedeutung als Dokumente ersten wissenschaftlichen Umgangs mit der jüdischen Katastrophe. Andere sind Prof. Dr. Wolfgang Benz war bis 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin und ist Mitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014

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NACH DEM UNTERGANG Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944–1947 Der Gründungsvorsitzende von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.  V., Dr. Hans-Jochen Vogel, nennt die Edition eine dringend benötigte Hilfe der Erinnerungsarbeit, die beiträgt, jene Lücke zu füllen, die sich nach der Ära der überlebenden Zeugen auftut. Initiator der Anthologie ist Frank Beer, mit ihm sind Barbara Distel und Wolfgang Benz die Herausgeber. Erschienen ist die Edition im Januar 2014 im Gemeinschaftsverlag Dachauer Hefte und Metropol (Berlin). In die Edition floss unter anderem auch das Preisgeld, das Wolfgang Benz 2012 erhielt, als er in Erfurt mit dem Preis „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ Frank Beer · Wolfgang Benz · Barbara Distel (Hrsg.) ausgezeichnet wurde. ■ NACH DEM UNTERGANG Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944–1947 Berichte der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission Projekt „Kinder über den Holocaust“ Mit dem Jüdischen Historischen Institut in Warschau und der Professur für Geschichtsdidaktik der Universität Leipzig führte Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. in den Jahren 2006 – 2008 das von der Stiftung EVZ geförderte Projekt „Kinder über den Holocaust“ durch, in dem eine gleichnamige Quellenedition und die didaktische Handreichung „Vor Tieren hatten wir keine Angst, nur vor Menschen“ (Reihe Didaktische Bausteine der Villa ten Hompel, Band 7) erarbeitet wurde. Auf Basis der Quellenedition entstand ab 2009 am Theater der Jungen Welt in Leipzig die Theatercollage „Kinder des Holocaust“ und ein theaterpädagogischer Materialienkoffer, mit dem bis 2013 Lehrer- und Multiplikatorenfortbildungen durchgeführt wurden. ■ Buchinformation: Frank Beer/Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hrsg.) Nach dem Untergang. Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944–1947. Berichte der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission. Metropol Verlag und Verlag Dachauer Hefte, Berlin 2014 Broschiert, 652 Seiten ISBN: ISBN 978-3-86331-149-0 · 29,90 € METROPOL & VERLAG DACHAUER HEFTE 02.01.2014 13:16:10 Beer · Benz · Distel (Hrsg.) Unsere Online-Beratung gegen Rechtsextremismus sagt DANKE! Am 16. Dezember 2013 wandte sich Wolfgang Tiefensee mit einem Schreiben an die Mitglieder unserer Vereinigung und bat darin um finanzielle Unterstützung für die Online-Beratung gegen Rechtsextremismus, um deren Beratungstätigkeit in der gewohnten Qualität weiter führen zu können. Denn, wie Sie wissen, berät die Online-Beratung gegen Rechtsextremismus bereits seit 2008 erfolgreich. So ein Hilferuf war für uns und für die Mitglieder ein Novum und wir können sagen, dass wir dabei gemischte Gefühle hatten. men. Eine Spende berührte uns besonders, von der wir Ihnen gern berichten möchten. Anfang Januar 2014 erreichte uns in der Geschäftsstelle ein DIN A5-Briefumschlag aus Israel. Per Einschreiben und mit einem Siegel „zollamtlich abgefertigt“. Der im Jahre 1912 geborene Absender ist das älteste Mitglied der Vereinigung. Der Umschlag enthielt Bargeld in Euro für die Unterstützung der Online-Beratung. Sicherlich können Sie die emotionalen Reaktionen bei uns in der Geschäftsstelle nachempfinden. Foto: Conny Baeyer Ihre großzügige und schnelle Unterstützung ist für uns ein verbindendes Zeichen Was ab dem 18. Dezember und ein starkes Signal dafür, 2013 geschah, übertraf alle dass wir genau dort weiterunsere Erwartungen. Ab dieAuch das älteste Mitglied der Vereinigung folgte dem Spendenaufruf – mit machen sollen und jetzt auch sem Tage gingen täglich einem „zollamtlich abgefertigten“ Einschreiben aus Israel, das Bargeld enthielt. können, wo wir die OnlineSpenden ein. Wir wissen, Beratung gegen Rechtsextremismus angesiedelt haben. dass es nicht allen Mitgliedern leicht fällt, aufgrund ihrer finanziellen Situation zusätzlich zum Mitgliedsbeitrag noch eine Wir danken für Ihr Vertrauen in unsere Arbeit und Spende an die Vereinigung zu tätigen. Und dennoch kamen fühlen uns ermutigt und angespornt zugleich! bis zum jetzigen Zeitpunkt bereits rund 20.000 Euro zusam- Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 80 / Februar 2014 15 Aus unserer Arbeit

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