Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (79)

 

Embed or link this publication

Description

20 Jahre Gegen Vergessen für Demokratie; Vergangenheit erinnern – Demokratie gestalten

Popular Pages


p. 1

www.gegen-vergessen.de 79 / November 2013 20 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen 20 Jahre Vergangenheit erinnern – Demokratie gestalten

[close]

p. 2



[close]

p. 3

Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Editorial Mut und Muskeln 4 Grusswort Bundespräsident Dr. h. c. Joachim Gauck 6 Die ANfänge Demokratie braucht engagierte Bürgerinnen und Bürger Heinz Westphal (1924 – 1998) und Heinz Putzrath (1916 – 1996) Über Hanna-Renate Laurien (1928 – 2010) „Es war höchste Zeit …“ 7 9 10 12 Der Verein Zehn Jahre Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Ein Schatz und was daraus entstehen kann „Was habe ich davon, wenn ich bei Ihnen Mitglied werde?“ Die Regionalen Arbeitsgruppen – eine Erfolgsgeschichte Mit beispielloser Energie … Historischer Hausputz mit Gegenwartspolitur 15 16 17 19 22 25 Themen und Initiativen NS-Verbrechen nicht relativieren, kommunistisches Unrecht nicht bagatellisieren! Die Zwangsarbeiterentschädigung – ein zentrales Anliegen unserer Vereinigung Politisches Engagement für „Euthanasie“-Geschädigte und Zwangssterilisierte Der Abstand befreit das Erinnern DDR-Geschichte als gesamtdeutsche Angelegenheit Gegen das Vergessen der Freiheits- und Demokratiegeschichte „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus braucht verlässliche Unterstützung 28 31 34 35 38 41 43 45 Vorstand | Impressum 48 Organisatorisches 49 Beitrittserklärung 50 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 3 Inhalt 20 Jahre

[close]

p. 4

Editorial Mut und Muskeln Es sei wichtig, so sagt man, für das Leben zu lernen. Wer möchte dem widersprechen? Doch wo findet dieses Lernen statt, wo sammelt man die offenbar so wichtigen Lebenserfahrungen, wie gelangt man zur Lebensweisheit? Nur im Klassenzimmer oder auf dem Schoß des Großvaters, in Seminarräumen, mit dem Buch in der Hand? Als mediengewandter Rezipient beim Blick auf die Mattscheibe oder auf den stets griffbereiten Tablet-PC? Wenn es um die Bildung des politischen Verstandes geht, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einen hierfür außergewöhnlichen Ort lenken: die Umkleidekabine eines Sportvereins. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass hier gleichgesinnte Menschen für eine gemeinsame Sache zusammenkommen. Trügerisch harmlos, wie sich herausstellt, wenn solch eine angeblich verschworene Gemeinschaft vor eine problematische Situation gestellt wird. Ein Video auf unserer Website „Mach den Unterschied“ stellt einen solchen Fall eindrücklich nach. Ein neuer Mitspieler kommt in die Mannschaft, betritt zum ersten Mal die Umkleidekabine, alle anderen haben sich schon versammelt. Er sieht nicht nur aus wie ein Ausländer, er packt obendrein noch seine untypische, unidentifizierbare Verpflegung aus. Einer stellt ihn zur Rede. Schnell wird aus der Frotzelei ein handfester Wutausbruch. Er gehöre nicht hierher, Typen wie er hätten in der Mannschaft, ja in Deutschland nichts zu suchen. Die Spannung ist mit Händen zu greifen: Darf der so reden? Wird er gewalttätig? Setzt er den Jungen eigenhändig vor die Tür? Gleichzeitig drängt sich für die Gruppe wie für uns als virtuelle Mannschaftskameraden die Frage auf: Wie sollte man sich jetzt am besten verhalten? Was ist klug, was töricht? Rückzug ins Schweigen der Masse oder klare Kante? Es gibt wahrscheinlich niemanden, der solche Situationen nicht kennt. Ein diffuses Gefühl von Unsicherheit, Angst und Ohnmacht befällt die meisten, gepaart mit dem irgendwie sicheren Wissen, dass man das nicht guten Gewissens einfach laufen lassen kann. Aber was ist zu tun? Vielleicht fehlt eine zündende Idee oder die Fähigkeit, kritische Situationen einzuschätzen, schnell abzuwägen und eine kluge Entscheidung zu treffen. Oder es mangelt einfach an der vielbeschworenen Zivilcourage. Zivilcourage lässt sich viel treffender durch ein schmales Wort aus nur drei Buchstaben ersetzen: Mut. Es fehlt an Mut. Mut einzufordern ist nicht leicht. Mut tatsächlich zu zeigen, erfordert Charakter und ist manchmal gefährlich. Die einzig richtige Lösung gibt es selten, meist ist man im Nachhinein klüger. Für eine Entscheidung bleiben oft nur wenige Sekunden. Wer jetzt erst anfängt, grundsätzlich zu überlegen, hat schon verloren. Eines ist gewiss und das könnte man den jungen Sportlern mit auf den Weg geben: Alles ist besser als Wegschauen! Die eigene Entscheidung macht den Unterschied. Aber sie will von langer Hand vorbereitet sein. Geschichte erklären und verständlich machen. Wolfgang Tiefensee in einer Schulklasse. Überall dort, wo eine wie auch immer geartete Diskriminierung stattfindet, erwächst eine Reaktion nicht ohne inneres Fundament. Was hier an einer eher harmlosen Situation aufgezeigt werden soll, trifft ja in gleicher Weise auf weitaus dramatischere Fälle zu. Um beim Beispiel des Sports zu bleiben: Im Kleinen wie im Großen, ohne eine spezielle Art von Muskeln, Muskeln für die Kraftanstrengung Mut, kann man nicht bestehen. Mut braucht innere Stärke, also ganz besondere Muskeln. Sie müssen wie beim Training im Fitnesscenter aufgebaut werden. Gut ist es, wenn man ständig im Training bleibt und sich fortlaufend weiterentwickelt. Auch unsere Vereinigung Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. kann dazu beitragen, Menschen in diesem Sinne zu stärken. Die Beschäftigung mit der Geschichte ist ein hervorragendes Trainingsprogramm. Geschichtsverständnis, die Fähigkeit, Hintergründe und Zusammenhänge zu erkennen, auch kontroverse Diskussionen sind unverzichtbar, um sich in die Gegenwart einzufinden. Die Rückschau lehrt: Friedliches Zusammenleben ohne Angst vor Erniedrigung und Gewalt ist eben nicht naturgegeben, Demokratie und Menschenrechte fallen nicht vom Himmel in den Schoß. Wir wissen allzu gut, dass die Entgrenzung aller Regeln des menschlichen Miteinanders möglich ist und recht harmlos, beinahe unbemerkt beginnt. Der Mensch ist offenkundig zu allen Furchtbarkeiten fähig. Das lehrt der Blick auf Entstehen und Wirken der Terrorherrschaft des NS-Regimes, gepaart mit der Diktatur des Alltags, die wie ein schleichendes Gift Menschen gegenseitig infiziert hat. Nicht minder aufschlussreich ist die DDR-Geschichte. Auf der Grundlage von Unrecht und Willkür, durch Mitläufertum und mangelnde Chuzpe kann ein undemokratischer Staat Jahrzehnte existieren. Aber der Mensch besitzt eben auch die Fähigkeit zur Gegenwehr. Darum ist es wichtig, an die vielen Beispiele von Widerstand und Opposition zu erinnern – eine weitere wichtige Aufgabe unserer Vereinigung. Mir liegen dabei die sogenannten „Stillen Helden“ besonders am Herzen. Es gilt Menschen zu entdecken, die dem Regime im unspektakulären, privaten Umfeld die Stirn geboten haben, Frauen und Männer, die unter Einsatz ihres Lebens Juden versteckt und verpflegt haben. Sie leisteten „Rettungswi- 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 Foto: privat Wolfgang Tiefensee

[close]

p. 5

derstand“, um den Begriff des verstorbenen Historikers Arno Lustiger zu verwenden. Gerade auf diese Form widerständigen Verhaltens sollten wir zukünftig verstärkt hinweisen und sie aus dem Schatten ins Licht der öffentlichen Wahrnehmung rücken. Der Mut der wenigen damals kann auch heute noch Vorbild und Richtschnur sein. In unserer vergleichsweise ruhigen Zeit steht uns, anders als in einer Diktatur, eine Vielzahl von Möglichkeiten offen. Sie gilt es zu nutzen: Die Mitarbeit in Bürgerinitiativen und Vereinen, die Beteiligung an Wahlen, Unterschriftensammlungen oder Demonstrationen. Demokratie lebt von einer interessierten, aktiven Bürgerschaft, die mitredet, die Vorschläge macht, die eigene Projekte und Initiativen auf den Weg bringt. Aber auch von Menschen, die aufmerksam sind und sich für ein tolerantes Miteinander einbringen, im Kleinen wie im Großen. Ich wünschte, es gäbe mehr, die sich in diesem Sinne in ihre eigenen Angelegenheiten und in die ihrer Mitmenschen einmischten. Die Spannweite ist groß. Es beginnt, wenn etwa ein Fahrgast in der U-Bahn aufgrund seines Aussehens, seiner Hautfarbe, seines Geschlechtes oder seiner Herkunft diskriminiert oder gar bedroht wird. Es erhält eine größere Dimension, wenn beispielsweise diejenigen offen und vorurteilsfrei angenommen werden wollen, die Hilfe suchend aus kriegsgebeutelten Ländern in unsere Nachbarschaft gezogen sind und denen offene Feindseligkeit entgegenschlägt. Wenn es um das Einstehen für Überzeugungen geht, um den Einsatz für die unveräußerlichen Menschenrechte, um die Wachsamkeit immer dann, wenn Einzelne oder Gruppen stigmatisiert und ausgegrenzt werden, sind Tugenden nötig, die auch und gerade in einer Demokratie gar nicht genug Menschen besitzen können. Es sind viele, aber ich wünschte, es wären mehr. Die Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. sind Teil dieses vielfältigen bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. Jedes Jahr realisieren sie über 200 Veranstaltungen und Projekte – und das im Ehrenamt! Die Vereinigung stellt Angebote zur Verfügung, die interessierten Bürgern Informationen und Ansprechpartner vermitteln, sie unterstützt Multiplikatoren Sich einmischen und nicht zusehen. Zum Beispiel bei einem Konflikt in der Schulklasse. in der Bildungsarbeit und steht Ratsuchenden zur Seite. Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. führt Menschen zusammen, die etwas bewegen wollen, die sich gemeinsam und mit Muskelkraft auf den Weg machen. Unsere Vereinigung steht heute wie vor 20 Jahren für eine wache Gesellschaft, die um ihre Vergangenheit weiß, die die Verantwortung hierfür nicht beiseiteschiebt. Im Gegenteil, die die Erinnerung daran lebendig hält, um auf diesem Fundament für das hohe Gut der Demokratie in der Gegenwart zu streiten. Mut ist eine Tugend. Ob wir es wollen oder nicht, wir haben immer eine Wahl. Das ist gleichermaßen Last und Chance. Rückzug ins Schweigen der Masse oder klare Kante? Wir können uns auf die Seite derer schlagen, die es sich im Sessel bequem machen, getreu der Lebensmaxime: Man kann ja sowieso nichts ändern. Oder wir entscheiden, als verantwortungsbewusste Citoyens mitzugestalten. Ich bin wie viele andere von einer Bürgerbewegung geprägt, die sogar vermeintlich unzerstörbare Mauern niederreißen konnte. Was für eine Erfahrung, was für ein Auftrag! Lassen Sie uns gemeinsam unsere Muskeln weiter trainieren, damit wir mit möglichst vielen an einer lebenswerten, menschenwürdigen Welt mitbauen können. Allem, was auf Herabwürdigung, Ausgrenzung und Gewalt zielt, wollen wir mit unserer bemessenen Kraft mutiges, entschlossenes Handeln entgegensetzen. ■ Miteinander reden: Auch in der Umkleidekabine des Sportvereins kann es zu brenzligen Situationen kommen. Fotos: Lookzoom Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 5 Editorial 20 Jahre Fotos: Lookzoom

[close]

p. 6

Grusswort Grußwort von Bundespräsident Dr. h. c. Joachim Gauck Berlin, im Oktober 2013 Dass der Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ ein segensreiches Wirken entfalten werde, das konnte man bei seiner Gründung vor zwanzig Jahren hoffen und wünschen, aber nicht sicher voraussagen. Man konnte ja nicht wissen, dass sich so viele angezogen fühlen würden von Anliegen und Profil dieses Projekts. Der Verein lebt nicht in erster Linie vom Ruf der einen oder anderen bekannten Person, die sich ihm verbunden fühlt. So dankbar ich dafür bin, dass Menschen wie Hans-Jochen Vogel, Hanna-Renate Laurien, Hans Koschnick, Wolfgang Tiefensee, Eberhard Diepgen, Bernd Faulenbach, Cornelia Schmalz-Jacobsen oder Rita Süssmuth für den Verein Verantwortung übernommen haben oder übernehmen, so sehr lebt er von dem tatkräftigen, mutigen, ideenreichen und nicht erlahmenden Engagement der vielen ehrenamtlichen Frauen und Männer, Alt und Jung, die diesen Verein so lebendig machen. Ich war immer wieder erfreut vom lebendigen Wirken der vielen Regionalarbeitsgruppen. Auch deshalb denke ich gerne an all die Jahre zurück, die ich der Arbeit im Verein widmen konnte. Vor allem denke ich sehr gerne an die vielen kreativen und guten Ideen, an die Pläne und Projekte. Ganz besonders und am allerwichtigsten aber ist mir die Erinnerung an die vielen Menschen, die hier ihr Bestes gegeben haben und geben. Ehrenamtliches Engagement hat viele Gesichter. Das habe ich zwar schon immer gewusst, und ich hatte auch schon immer Vorstellungen davon, wie weit verbreitet es im Lande ist. Aber als Bundespräsident erlebe ich nun auch praktisch, wie vielfältig, wie weit verbreitet, wie unendlich wichtig für das Zusammenleben im Lande das ehrenamtliche Engagement an allen möglichen Orten ist. Bürgerinnen und Bürger engagieren sich überall: da, wo ihre ureigenen Interessen betroffen sind; aber auch da, wo es um das Wohl ihrer Nächsten geht, um Kinder oder Senioren, um Behinderte oder Notleidende und Bedürftige jeder Art. Diejenigen, die sich ehrenamtlich bei „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ beteiligen, haben ein ganz besonderes Anliegen: Sie wollen erinnern an die beiden Diktaturen auf deutschem Boden, sie gedenken der Opfer von NS-Verfolgung und Holocaust und machen auf das in der DDR geschehene Unrecht aufmerksam. Dies tun sie nicht in erster Linie als Belehrende, sondern als Hinweisende und Aufzeigende, also vor allem ganz praktisch: durch Gedenkveranstaltungen, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Studienfahrten oder Zeitzeugengespräche. Und sie tun es, um gegen das Vergessen zu wirken und um uns zu stärken darin, gemeinsam unsere Demokratie mit Leben zu erfüllen. Sie wirken nicht nur in den großen Zentren. Die Diktatur war ja ebenfalls überall, und oft am unerträglichsten in der Enge kleiner Welten. So wirkt der Verein gerade auch in den Regionen und Gemeinden, zum Beispiel in Volkmarsen und Leutkirch, in Starnberg und Magdeburg, im Schwäbischen und in Niedersachsen. In ihrer Freizeit arbeiten die Mitglieder lokale geschichtliche Bezüge heraus und setzen sie in ihren Regionen auf die Tagesordnung. Sie wissen aus der Beschäftigung mit den dunklen Kapiteln deutscher Geschichte, wie gefährlich Diskriminierung und Vorurteile sind und was der Verlust von Bürgerrechten bedeutet. Deshalb treten sie im Sinne des „Nie wieder“ als überzeugte Demokraten entschieden auf gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in der Gegenwart. „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ e.V., dessen Geschicke ich als Vorsitzender von 2003 bis 2012 begleitet habe, wirkt vor Ort. Der Verein schafft Strukturen und bietet ein eng gestricktes Netzwerk, das es für die, die sich engagieren wollen, leichter macht, sich einzubringen. Für den Erhalt einer lebendigen Demokratie brauchen wir wache Bürger, die die Gestaltung des Gemeinwesens nicht nur dem Staat und seinen Institutionen überlassen. Politik hat dabei die Aufgabe, zu ermutigen, zu ermächtigen und den Austausch mit unterschiedlichen Gruppen zu suchen. Doch nur die Bürgerinnen und Bürger selbst vermögen die Demokratie, wenn sie nicht ein abstraktes Programm bleiben soll, mit Leben zu füllen und auf diesem Wege auch künftig für ein Leben in Freiheit und Verantwortung einzustehen: füreinander und gegenüber unserer Vergangenheit. 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013

[close]

p. 7

Dr. Hans-Jochen Vogel Demokratie braucht engagierte Bürgerinnen und Bürger Auszüge aus der Rede zur Eröffnungsveranstaltung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. am 1. November 1993 in Bonn Ich beginne mit einigen sehr nüchternen Feststellungen. Sie lauten: Seit Anfang 1991 sind nach offiziellen Angaben in der Bundesrepublik bei 4.761 rechtsextremistischen Gewalttaten 26 Menschen ermordet oder sonst getötet und 1.783 Menschen verletzt worden. 16 der Getöteten waren Ausländer, mehr als zwei Drittel der Täter junge Menschen unter 20 Jahren. 1.281 Mal wurden Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte und Wohnungen ausländischer Mitbürger verübt. 209 Mal richteten sich die Anschläge gegen jüdische Einrichtungen, davon 112 gegen jüdische Friedhöfe. Mindestens 13 Mal wurden KZ-Gedenkstätten geschändet. Die jüngsten Anschläge liegen erst wenige Tage zurück. Ich gestehe: Mir gehen diese Fakten unter die Haut. Sie bedrücken und beschämen mich. Und ich bin sicher: Sie empfinden das nicht anders. Die Ausschreitungen in Hoyerswerda und Rostock, die Morde von Mölln und Solingen sind Glieder dieser Kette. Sie vor allem haben erkennen lassen, in welchem gedanklichen Umfeld diese Gewalttaten wurzeln. Und sie haben schlimme Erinnerungen geweckt. So die Erinnerung daran, dass schon einmal in diesem Jahrhundert eine deutsche und europäische Katastrophe damit begann, dass Minderheiten verteufelt und zuerst zu Sündenböcken und dann zu Freiwild erklärt, dass Rassenwahn und Rassenhetze gepredigt und geschürt, dass Gewalttaten als Mittel der Politik propagiert und verherrlicht wurden. (…) Und es gibt ja bedrückende Rechtfertigungsversuche für das Geschehen. Und schlimme Parolen und Liedertexte, in denen ganz offen zu Mord und Völkerhass aufgerufen wird. Und es gibt mitten unter uns Menschen, die solche Gewalttaten mit klammheimlicher Freude oder sogar mit offenem Beifall begleiten. » Erste öffentliche Veranstaltung von Gegen Vergessen – Für Demokratie im Kammermusiksaal des Beethovenhauses am 1. November 1993 in Bonn. Fotos: AdsD Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 7 Die Anfänge 20 Jahre

[close]

p. 8

Die Anfänge » Aber – und das ist der wesentliche Unterschied zu damals – Millionen von Mitbürgerinnen und Mitbürgern finden sich damit nicht ab. Sie haben mit Lichterketten oder auf andere Weise gegen Gewalt und für Demokratie und Menschenrechte demonstriert. (…) Diese Menschen verlangen, dass der Staat die Machtmittel, die ihm nach Recht und Gesetz zur Verfügung stehen, entschlossen einsetzt. Und natürlich verlangen sie auch, dass die Politik ihre Pflicht tut, dass sie die Missstände beseitigt, die die Extremisten verantwortungslos ausbeuten, dass sie die Sorgen der Menschen ernst nimmt und dass die Politiker so handeln, wie sie reden – auch im persönlichen Bereich. Aber das ist nicht genug. Es reicht nicht, von anderen etwas zu verlangen. Unser Staat, unser demokratisches Gemeinwesen, ist kein Dienstleistungsunternehmen, für dessen Aktivitäten wir bezahlen und um das wir uns sonst nicht zu kümmern haben. Die Demokratie lebt vielmehr vom Engagement der Mitverantwortung ihrer Bürgerinnen und Bürger. Darum muss sich jeder selbst fragen, was er unternehmen kann, um der Gefahr zu begegnen. Über 280 Frauen und Männer haben auf ihre Weise genau dies getan. Sie haben sich aber nicht nur gefragt. Sie haben sich vielmehr an die alte Erfahrung erinnert, dass diejenigen, die die Lehren der Geschichte vergessen, dazu verurteilt sind, sie ein zweites Mal zu erleben. Deshalb haben sie sich zu dem Projekt „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ zusammengeschlossen. Dabei haben Parteigrenzen ebenso wenig eine Rolle gespielt wie andere Unterschiede oder Gegensätze, die Menschen sonst trennen mögen. Uns geht es nicht um Einzelinteressen oder Gruppeninteressen. Uns geht es um die Bewahrung und Verteidigung dessen, worauf unser Gemeinwesen insgesamt beruht. Und auch um den Beweis, dass Menschen in dieser Zeit lautstarker Konfrontationen einer solchen Gemeinsamkeit fähig sind. Mit der heutigen Veranstaltung wollen wir (…) dartun, was nach unserer Ansicht vor dem Vergessen bewahrt bleiben muss und wie das geschehen soll. (…) Dr. Hans-Jochen Vogel ist Gründungsvorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie und leitete von 1993 bis 2000 die Geschicke des Vereins. Die Unterschriften der Gründungsmitglieder. Dabei geht es gerade nicht um die Tabuisierung der jüngeren Geschichte, wie missverständlicherweise in letzter Zeit da und dort gesagt wird, sondern darum, sie so, wie sie sich abgespielt hat, auch im Bewusstsein der jüngeren Generation zu halten und dadurch die Kräfte der Demokratie zu stärken. Und zur jüngeren Geschichte gehört bei allen Leistungen und Fortschritten unseres Volkes in den Jahrzehnten seit 1945 – ohne vordergründige Gleichsetzung – die NS-Gewaltherrschaft ebenso wie die 40 Jahre, in denen ein kommunistisches System in einem Teil Deutschlands die staatliche und gesellschaftliche Macht ausübte. (…) ■ chronik Gründungsversammlung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in Bonn Eintrag in das Vereinsregister Bonn: Vorsitzender Dr. Hans-Jochen Vogel, stellvertretende Vorsitzende Dr.Hanna-Renate Laurien und Friedrich Schorlemmer (1996 bis 2003 wird Dr. Hans Misselwitz dessen Nachfolger). Erste öffentliche Veranstaltung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. im Kammermusiksaal der Bonner Beethovenhalle 19. April 1993 1. November 1993 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 Quelle: GVFD

[close]

p. 9

* 4. Juni 1924 in Berlin; † 30. Oktober 1998 in Bonn Der SPD-Politiker Heinz Westphal war neben Heinz Putzrath der Ideengeber für Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. und wirkte bis zu seinem Tod 1998 im Vorstand mit. Westphal wurde 1924 in Berlin als Sohn eines sozialdemokratischen Abgeordneten geboren, der 1942 infolge einer KZ-Inhaftierung gestorben war. Er engagierte sich seit 1945 für die Jugendarbeit in der SPD und fungierte später unter anderem als Parlamentarischer Staatssekretär, Vizepräsident des Bundestages und 1982 kurzzeitig als Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung. Heinz Westphal 1983 Zum Staatsakt im Bundestag nach seinem Tod am 30. Oktober 1998 sagte Dr. Hans-Jochen Vogel über Heinz Westphal: „Er hat die von den NS-Machthabern missbrauchte und desillusionierte Generation der damals 15- bis 30-Jährigen unmittelbar nach dem Krieg eingeladen, Krieg und Diktatur ein für allemal abzuschwören und sich am Aufbau des demokratischen Gemeinwesens zu beteiligen. Er hat selbst unermüdlich die zerrissenen Fäden von Neuem geknüpft, mit Israel und Polen insbesondere. Er war nie eng oder gar fanatisch. Nein, er war ein Mensch, dessen Symbol nicht die Ellenbogen, sondern die zur Hilfe ausgestreckte Hand war.“ ■ * 12. Dezember 1916 in Breslau; † 24. September 1996 in Berlin Der Widerstandskämpfer und spätere sozialdemokratische Politiker Heinz Putzrath wuchs als Sohn jüdischer Eltern in Breslau auf. 1933 zog er nach Berlin und engagierte sich im Widerstand gegen Hitler. Im September 1933 wurde er verhaftet und wegen Hochverrats zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. In den folgenden Jahren floh er über die Niederlande und die Tschechoslowakei nach Großbritannien. 1946 kehrte Heinz Putzrath nach Deutschland zurück und wurde Auslandsreferent des SPD-Vorstandes. Später gründete er die Deutsch-Israelische Gesellschaft mit und war von 1968 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1981 Leiter der Abteilung Gesellschaftspolitische Information der Friedrich-Ebert-Stiftung. Heinz Putzrath 1970 Seit 1982 war er Berater der Historischen Kommission beim SPD-Vorstand. Der stellvertretende Vorsitzende von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Prof. Dr. Bernd Faulenbach schrieb in einer Erinnerungsschrift 2010 über die Gründungsinitiative von Heinz Putzrath: „Das Projekt ‚Gegen Vergessen – Für Demokratie‘ geht nicht nur wesentlich auf seine Initiative zurück, auch sein Name stammt von ihm. Ihn, den Verfolgten des NS-Regimes, trieb der Gedanke um, dass die Erinnerungsarbeit der Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung auch nach deren Tod weitergeführt und deshalb auf eine neue Grundlage gestellt werden müsse.“ ■ Gründung des ersten „regionalen Förderkreises“ in Würzburg (David Schuster, Prof. Klaus Schönhoven, Walter Kolbow, Margit Grubmüller); es folgen Berlin-Brandenburg, München und Stuttgart. Erstmaliges Erscheinen einer Publikation der Buchreihe „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ mit gleichnamigem Titel. Es folgen: „Vom Leben in Diktaturen“ (1995), „Erinnerungsarbeit und demokratische Kultur“ (1997), „Mahnung und Erinnerung“ (1998) und „Gedenken und Bewahren in unserer Demokratie“ (2001). August 1994 1994 Foto: Wikicommons Heinz Putzrath Foto: AdsD | Reinck Heinz Westphal Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 9 Die Anfänge 20 Jahre

[close]

p. 10

Die Anfänge Über Hanna-Renate Laurien Dr. Hanna-Renate Laurien starb am 12. März 2010 im Alter von 82 Jahren in dem Pflegeheim, in dem sie die letzten Monate ihres Lebens verbracht hatte. Sie war ein Motor unserer Vereinigung Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Als Hans-Jochen Vogel die Konzeption dieser Vereinigung entwickelt hatte und im Jahre 1993 die Gründung des Projektes vorantrieb, war sie schon ein fester Bestandteil der Konzeption. Nicht nur ein überparteilicher Verein unter vielen anderen sollte gegründet werden. Persönlichkeiten aus allen demokratischen Parteien sollten sich gegen das Vergessen insbesondere der Untaten des Nationalsozialismus, aber auch des Unrechtsregimes in der DDR einsetzen und damit zugleich dazu beitragen, die Demokratie in Deutschland, in ganz Deutschland, zu festigen. Dr. Hanna-Renate Laurien war von 1993 bis 2007 stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung. Ihre intensive Mitarbeit im Vorstand war beispielgebend für ihr Engagement für die demokratischen Grundwerte, auf denen unser Staat zunächst als Bundesrepublik Deutschland aufgebaut worden ist und die sich nach der Wiedervereinigung Deutschlands in der Gemeinschaft der europäischen Staaten gefestigt haben. Erst als sich Frau Dr. Lauriens Arbeitsfähigkeit nach der andauernden Krankheit, ihrer Verletzung am Bein, die sie sich im Sommer 2004 zugezogen hatte, zunehmend einschränkte, bat sie um Entlassung aus dem Vorstandsamt. Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister, ihr Parteifreund Eberhard Diepgen, ist seitdem einer der stellvertretenden Vorsitzenden. Nach Berlin war Dr. Hanna-Renate Laurien zurückgekehrt, als Richard von Weizsäcker, vormals Bundestagsabgeordneter aus Rheinland-Pfalz, die profilierte, fachlich strenge und selbstbeHanna-Renate Laurien auf der ersten öffentlichen Veranstaltung von Gegen Vergessen – Für Demokratie am 1.11.1993 in Bonn. wusste Bildungspolitikerin im Kabinett des CDU-Politikers Bernhard Vogel abwarb. Von Weizsäcker hatte erstmalig die Wahlen zum Abgeordnetenhaus in Berlin gewonnen und löste den Regierenden Bürgermeister Hans-Jochen Vogel, SPD, als Landeschef ab. Frau Dr. Laurien wurde Senatorin für Schulwesen, Jugend und Sport. Sie blieb auch später in der Landesregierung, als Eberhard Diepgen von Weizsäckers Nachfolge übernommen hatte. 1986 wurde sie zusätzlich Bürgermeisterin und damit Stellvertreterin Diepgens. Frau Dr. Laurien war als ausgewiesene Fachfrau für den Bildungssektor überparteilich geschätzt, wegen ihrer Strenge in der Amtsführung respektiert und wegen ihrer inneren Unabhängigkeit und der Werteorientierung ihres Handelns hoch geachtet. Bei der konstituierenden Sitzung des im wiedervereinigten Berlin neu gewählten Abgeordnetenhauses am 11. Januar 1991 wurde sie als erste und bislang einzige Frau zur Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin gewählt. Als sie 1995 nicht mehr kandidierte, gab ihr ein Chor der Abgeordneten aller Fraktionen zum Abschied ein Ständchen. Erster Workshop „Gedenkstättenarbeit und Oral History“ in Zusammenarbeit mit der Konrad-AdenauerStiftung, ab 1995 mit der FriedrichEbert-Stiftung. Seit 1998 bis heute finden die Workshops in Kooperation mit der Stiftung Aufarbeitung statt. Das erste Signet bis 2008 Einrichtung einer Geschäftsstelle in Bonn unter der Leitung von Dr. Manfred Struck Der Verein begrüßt sein 1.000. Mitglied. 1. September 1994 14. bis 16. Dezember 1994 1996 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 Foto: Reiner Zensen Wolfgang Lüder (1937 – 2013)

[close]

p. 11

die vorgenannte Rede in Wunsiedel gehalten hatte, fuhr sie mit der Bahn nach Berlin zurück. Beim Umsteigen in Leipzig kam sie mit einem Bein in die Lücke zwischen Zug und Bahnsteig. Sie verletzte sich so schwer, dass sie noch in Leipzig in ein Krankenhaus kam. Die Wunde heilte niemals. In den letzten Jahren war Frau Dr. Laurien gezwungen, zunächst am Stock zu gehen und sich dann nur noch im Rollstuhl fortzubewegen. Ihr Engagement gegen das Vergessen und für Demokratie hatte von ihr einen hohen Preis gefordert. Als ich sie wenige Wochen vor ihrem Tod zum letzten Mal besuchte, klagte sie darüber nicht, sondern sie forderte die Vereinigung Gegen Vergessen – für Demokratie e.V. auf, im Kampf gegen die Neonazis und andere extremistische Demokratiegegner nicht nachzulassen. ■ Foto: GVFD Hanna-Renate Laurien mit Hans-Jochen Vogel Dr. Hanna-Renate Laurien setzte sich in der öffentlichen Diskussion intensiv mit dem Nationalsozialismus, der Würdigung seiner Opfer und der Bekämpfung von Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus auseinander. Im Herbst 1992 rief sie die Berliner Bevölkerung erfolgreich zu Demonstrationen gegen aufkeimende Ausländerfeindlichkeit und Rassismus auf. Am 17. August 2004 hielt sie anlässlich einer Gegendemonstration zu den jährlichen Aufmärschen der Neonazis am Todestag von Rudolf Hess in dessen Begräbnisort Wunsiedel eine viel beachtete Rede gegen den „schamlosen Mythos“ um Hess. Sie setzte sich vehement für die Würdigung aller Opfer des Nationalsozialismus ein: „Wir dürfen die Opfer des Terrors nicht in Güteklassen einteilen. Gott hat jedem Menschen die gleiche Würde gegeben.“ Die letzten fünfeinhalb Jahre musste Frau Dr. Laurien wegen ihrer Beinverletzung sehr leiden. Nachdem sie für unsere Vereinigung Foto: Conny Baeyer Hanna-Renate Laurien (2. v. r.) auf der Pressekonferenz der Initiative „Keine Entwarnung“ am 22.8.2005. Wolfgang Lüder war wie Dr. Hanna-Renate Laurien eines der 14 Gründungsmitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Seitdem gehörte er – mit einer kurzen Unterbrechung von 2000 bis 2004 – dem Vorstand der Vereinigung an. Wolfgang Lüder war von 1975 bis 1981 Wirtschaftssenator und seit 1976 auch Bürgermeister in Berlin. Als Bundestagsabgeordneter wurde er von 1987 bis 1995 stellvertretender Vorsitzender des Innenausschusses. Er verstarb am 19. August 2013 in Berlin. Der vorliegende Text ist ein Auszug eines Artikels, der in der Zeitschrift Nr. 64 / Mai 2010 erschienen ist. Wolfgang Lüder, 2011 Brief von Dr. Hans-Jochen Vogel an den Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG Dr. Heinrich von Pierer Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit“. Darin aufgenommen: Die „Faulenbachsche Formel“: „Die NS-Verbrechen dürfen nicht mit Hinweis auf das Nachkriegsunrecht relativiert, dieses Unrecht jedoch nicht umgekehrt angesichts der NS-Verbrechen bagatellisiert werden.“ (Prof. Dr. Bernd Faulenbach ist seit 1996 Vorstandsmitglied, ab 2003 einer der drei stellvertretenden Vorsitzenden von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.). zum 150-jährigen Bestehen der Firma, unter anderem mit der Bitte, „den wenigen noch überlebenden Opfern jener Zeit aus Anlass des Jubiläums eine Entschädigung zukommen zu lassen.“ Beginn der Initiative von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. für die Entschädigung von ehemaligen NS-Zwangsarbeiterinnen und -Zwangsarbeitern. 30. Januar 1997 10. Juni 1998 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 11 Die Anfänge 20 Jahre Foto: GVFD

[close]

p. 12

Die Anfänge Cornelia Schmalz-Jacobsen „Es war höchste Zeit …“ Interview zum gesellschaftlichen Klima in der Gründungszeit von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., mit der stellvertretenden Vorsitzenden Cornelia Schmalz-Jacobsen Frau Schmalz-Jacobsen, ein Anlass für die Gründung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. waren die ausländerfeindlichen Pogrome Anfang der 1990er Jahre. Deutschland hatte gerade eine friedliche Revolution und die Vereinigung geschafft. Was war los in der Gesellschaft, warum war da plötzlich Platz für diesen Hass und die Gewaltexzesse? Es gibt zwei Quellen: Ein Wendepunkt war, als bestimmte Leute in der DDR plötzlich nicht mehr riefen: „Wir sind das Volk!“, sondern „Wir sind ein Volk!“ Da wurde etwas anderes transportiert, das war deutlich. Auf der anderen Seite kamen mit der Auflösung des Ostblocks wirklich sehr viele Flüchtlinge zu uns. Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, damals war ich Bundestagsabgeordnete und seit 1991 Ausländerbeauftragte der Bundesregierung. Für die Kommunen ergab sich eine schwierige Lage. Die Asylsuchenden wurden verteilt und da mussten zum Teil Turnhallen genutzt werden, irgendwo musste man sie unterbringen. In dieser Situation gab es unter konservativen Politikern einige, die ihre Zunge nicht gehütet haben. Ich habe damals gesagt: In Krisenzeiten muss man gut aufpassen, was man sagt und wie man es sagt. Natürlich muss man eine Situation klar erkennen und entsprechende Entscheidungen treffen. Aber man darf nicht sagen: „Das Boot ist voll“, und Deutschland als sinkendes Schiff darstellen. In diese Richtung wurde aber Stimmung gemacht und das war bedrohlich. Zunächst wurde die Gewaltwelle als ostdeutsches Problem wahrgenommen. Es hat immer auch Rechtsextremismus in Westdeutschland gegeben, aber der hatte sich nicht so deutlich gezeigt. Das änderte sich nun. Ich habe Briefe von Rechtsextremen bekommen, Foto: Wikicommons Das „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen. Im August 1992 kam es hier zu schweren rassistisch motivierten Angriffen, u.a. auf die zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende. darin hieß es: „Wir werden uns unsere ostdeutschen Kameraden zum Vorbild nehmen.“ Der Ausgangspunkt lag im Osten, das muss ich so klar sagen. Das erste Fanal war Hoyerswerda. Es war schwierig, wir waren jetzt vereinigt und bei der Verteilung der Asylbewerber konnte man die fünf ostdeutschen Länder Der Bundestag verabschiedet das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege und von Sterilisationsentscheidungen der ehemaligen Erbgesundheitsgerichte. Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. setzt sich gemeinsam mit dem Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten e. V. im Vorfeld dafür ein. Im Rahmen der Mitgliederversammlung verabschiedet Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. das „Lübecker Manifest“, darin unter anderem die Forderung nach dauerhafter finanzieller Förderung von Gedenkstätten, Rehabilitierung undEntschädigung der wegen Wehrdienstverweigerung und Desertation Verurteilten, Anhebung der Entschädigungsleistungen für vom SED-Unrecht Betroffene. 25. August 1998 23. Oktober 1998 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013

[close]

p. 13

nicht ausnehmen. Auf der anderen Seite erlebte man dort den Hass und war bemüht, die Menschen zu beschützen. In Hoyerswerda wurden die Flüchtlinge schließlich evakuiert. Diese Bilder, als die Flüchtlinge in den Bussen saßen und die Bevölkerung applaudierte – das war grässlich. Etwa zeitgleich wurde in Paris der jüdische Friedhof geschändet. Der Präsident und die Nationalversammlung sind auf die Straße gegangen und haben ein starkes Zeichen dagegengesetzt. Vergleichbares gab es in Deutschland nicht. War das ein Versagen oder war ein solches Zeichen nicht gewollt? Schwer zu sagen. Aber ich denke, man hat nicht geglaubt, dass es viel bringen würde. Und dann kamen die weiteren Pogrome. Auch für mich als Ausländerbeauftragte war das eine schreckliche Zeit. Welche Bedeutung hatte dabei die Debatte um eine Änderung des Grundrechts auf Asyl? Das war damals Thema Nummer eins, noch vor der Arbeitslosigkeit. Die Situation war tatsächlich problematisch und die Leute hatten Sorge – das konnte man verstehen. Viele im Parlament waren der Meinung, man müsse verwaltungstechnisch handeln, das Asylverfahren verkürzen, damit die Menschen nicht Monate und Jahre auf eine Entscheidung warten müssten. Vielleicht wäre das nicht durchführbar gewesen, das kann sein. Die Mehrheit im Parlament war aber ohnehin der Meinung, der Asylartikel im Grundgesetz müsse geändert werden. Und das wurde er dann ja auch. Nicht mit meiner Stimme übrigens. Die Art und Weise, wie über diese Punkte diskutiert wurde, wie wirkte sie in die Gesellschaft? Die wirkte anheizend auf die Stimmung. Das ging herunter bis in die Kommunen. Sie können sich das heute nicht vorstellen! Ich selbst bin viel gereist in dieser Zeit. Die Stimmung, die mir entgegenschlug, war bedrohlich. Es kamen so viele Hassbriefe, dass ich eine sogenannte „Giftmappe“ angelegt habe, eine Akte voller solcher Briefe. Die eine reichte bald nicht mehr, es wurden dann mehrere „Giftmappen“. Widerliche Briefe. Auch die Wahrnehmung der sogenannten Gastarbeiter hatte sich sehr verändert. Vor allem Türken haben mir immer wieder gesagt: „Wir hatten hier nie Angst in Deutschland, wir hatten Gedenktafel für die Opfer von Solingen. unsere Arbeit, wir fühlten uns anerkannt. Aber jetzt haben wir Angst.“ Sie wurden ja später in Mölln und Solingen auch zum Ziel. Auf der anderen Seite gab es natürlich auch die Unterstützer. Ich erinnere zum Beispiel an die Lichterketten und andere Demonstrationen. Innenminister Wolfgang Schäuble sagte damals zu mir: „Sie werden sehen, wenn der Asylkompromiss durch ist, wird es ruhig.“ Es wurde ja auch ruhiger, zumindest eine Zeit lang. Das stimmt schon. Es kamen auch tatsächlich weniger Flüchtlinge, sie landeten in anderen Ländern oder sie wählten den Umweg über die Genfer Flüchtlingskonvention. Tja … Hat der Asylkompromiss also tatsächlich befriedet? Ja, aber ich bin dennoch nicht überzeugt, dass man das Problem nicht verwaltungstechnisch hätte lösen können. Was mich besonders stört: Wenn man sich den Grundgesetzartikel heute anschaut, sieht man, wie unklar er geworden ist. Die Befürworter der Änderung haben beschwichtigt: „Der Artikel 16 bleibt doch bestehen!“ Aber es ist eine bürokratische Angelegenheit daraus geworden mit einer ebensolchen Diktion. 1993 wurde dann Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. gegründet. Warum reagierte man auf aktuelle Gewalt gegen Gruppen mit einem Verein, der an die Vergangenheit erinnert? Der Gedanke war der des „Nie wieder“. Die Rechtsextremisten waren dreist, skandierten Naziparolen und drangsalierten Ausländer. Sie haben selbst bei der Vergangenheit angesetzt. Der Bezug lag also nahe. Die Idee zur Gründung des Vereins hatte der ehemalige Widerstandskämpfer und Sozialdemokrat Heinz Putzrath. Zum Motor wurde Hans-Jochen Vogel als pro- » Die Stiftung „Erinnerung“ verleiht im Berliner Abgeordnetenhaus unter der Schirmherrschaft von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. erstmals den Marion-Samuel-Preis an den Historiker Prof. Dr. Raul Hilberg, dotiert mit 25.000 DM; Stifter ist Walter Seinsch. Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung: Die finanziellen Mittel der Gedenkstättenförderung werden von jährlich 20 Millionen auf 50 Millionen DM angehoben; die Befristung bis 2003 wird aufgehoben. Damit erfüllt sich eine Forderung aus dem „Lübecker Manifest“ von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Im Geschäftsbericht von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. sind bereits 19 Regionale Arbeitsgruppen aufgeführt. 19. April 1999 27. Juli 1999 Oktober 1999 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 13 Die Anfänge 20 Jahre Foto: Wikicommons

[close]

p. 14

Die Anfänge » minentester Initiator. Er hat uns alle mitgezogen. Er telefonierte herum und sagte: „Wir machen da was, macht ihr mit?“ Ihm lag es am Herzen, dass es ein überparteilicher Verein wird. Das ist die Kernaussage des Vereins: Wir haben ein Ziel, das wir alle als Demokraten gemeinsam anstreben. Wie haben Sie denn spontan reagiert, als Herr Vogel bei Ihnen angerufen hat? Ja! Da mach ich mit! Nur ich war damals schon voll ausgelastet und bin deshalb zunächst in den Beirat und nicht in den Vorstand gegangen. Wenn Sie sich an die ersten Jahre zurückerinnern, inwieweit wurde der Verein überhaupt wahrgenommen? Das war am Anfang natürlich begrenzt, ist dann aber allmählich mehr geworden. Und die Mitgliederzahl stieg. Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir am Anfang den Ehrgeiz formuliert Gemeinsame Demonstration von Deutschen und Türken am Tatort des Brandanschlages von Solingen im Mai 1993. Foto: Wikicommons Ein Mahnmal Solinger Bürgerinnen und Bürger aus dem Jahr 1994. haben: Wir wollen 1 000 Mitglieder. Und als wir die tatsächlich hatten, haben wir uns gefreut. Man kann Wirksamkeit nicht nur daran messen, wie oft man in den Zeitungen und im Fernsehen vorkommt. Die Menschen, die bei uns Mitglied geworden sind und vielleicht zusätzlich bei den Regionalen Arbeitsgruppen mitarbeiten, wirken wiederum auf andere und so weiter. Inzwischen hat sich einiges getan und verändert. Heute gibt es allerdings wieder eine Debatte um Flüchtlinge und Unterbringung. Was ist heute anders, kann man die Situationen vergleichen? Bei den Vorkommnissen um das Asylheim in Berlin-Hellersdorf habe ich mich schon erinnert gefühlt, aber es ist heute dennoch etwas völlig anderes. Das Thema Flüchtlinge steht nicht so weit oben auf der Agenda und auch die Zahlen sind kein Vergleich. Ehrlich gesagt finde ich es etwas jämmerlich, dass Deutschland nur 5 000 Syrer aufnehmen möchte. Was wünschen Sie sich vom Verein für die Zukunft? Ich wünsche mir, dass er weitermacht und weiterhin aufpasst, dass er nicht blauäugig wird und Dinge fordert, die nicht umsetzbar sind. Dieser Fehler wird von Organisationen häufiger gemacht. In Zukunft sollten wir uns zunehmend mit der Frage der Migration befassen, was wir heute bereits tun. Das wird wichtig bleiben, es wird in Zukunft immer eine Rolle spielen, auf die wir uns einstellen und für die wir Antworten finden müssen. Dazu kann und wird Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. beitragen. ■ Cornelia Schmalz-Jacobsen ist stellvertretende Vorsitzende von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Zum 1. Januar erhalten ehemalige politische Gefangene der DDR 600 statt 300 DM Entschädigung pro Haftmonat zugesprochen. Für eine Erhöhung der Entschädigungsleistungen hatte sich Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. unter anderem im Rahmen des „Lübecker Manifestes“eingesetzt. Dr. h. c. Max Mannheimer wird Ehrenmitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Es folgen: Elisabeth Graul, Heinz Drossel, Prof. Dr. Andreas Heldrich (alle 2002), Hans Bonkas (2006) und Ingeborg Hecht-Studnicka (2007). 2000 2000 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 Foto: Wikicommons

[close]

p. 15

Hans Koschnick Zehn Jahre Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Auszüge aus der Ansprache zum zehnjährigen Bestehen von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. am 11. April 2003 im Bonner Rathaus Dass wir in Deutschland eine besondere Verpflichtung haben, Lehren aus unserer totalitären Vergangenheit zu erkennen, ist kein Allgemeinplatz. Das bedeutet nicht, künftigen Generationen Schuld aufzuerlegen, wohl aber, sie in die Pflicht zu nehmen, ihrer eigenen Verantwortung gerecht zu werden. Einer Verantwortung des „Nie wieder“, einer bewussten Auseinandersetzung mit dem, was in Deutschland und von Deutschland aus in großen Teilen Europas geschehen ist. Darin liegt eine große Chance. Es bedeutet für mich in der Tat eine Ermutigung, wenn ich sehe, wie viele Menschen sich bei uns engagieren, ehrenamtlich versteht sich. In vielen Projekten beschäftigen sich gerade junge Menschen aus eigener Initiative und setzen sich mit der Vergangenheit auseinander. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich auch in zehn Jahren immer noch junge Menschen mit dem befassen werden, was das 20. Jahrhundert so belastet. Ich bin mir aber auch sicher, dass diese Auseinandersetzung ganz anders aussehen wird, als wir das heute vielleicht gewohnt sind. Wir sehen es in unserer heutigen Arbeit. Junge Menschen bekommen auf vielen verschiedenen Wegen einen Zugang zu unseren Themen. Sei es über die Musik, über den Sport, über Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen und Ethnien, über neue Medien. Manche dieser Zugänge erscheinen uns zunächst schwierig und ungewohnt. Doch sehe ich darin auch eine große Möglichkeit. Deshalb sollten wir uns öffnen für neue Ideen, neugierig sein auf das, was junge Menschen uns zu sagen haben. Die Offenheit Foto: GVFD Hans Koschnick bei der Verleihung des Marion-Samuel-Preises in Bonn. junger Menschen sollten wir uns gemeinsam zunutze machen. Wenn wir in einer perspektivischen Auseinandersetzung zwischen den Generationen, im Austausch der verschiedenen Erfahrungen und Forderungen das beherzigen, dann – dessen bin ich sicher – werden wir auch noch in den nächsten Jahren Bemerkenswertes zur Stärkung unserer Demokratie beitragen und damit auch den Auftrag der Gründer unserer Vereinigung weitertragen: Gegen Vergessen – Für Demokratie. ■ Dr. h. c. Hans Koschnick war von 2000 bis 2003 Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ (EVZ). Bundeskanzler Gerhard Schröder dankt Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in einem persönlichen Schreiben für das Engagement der Vereinigung, die Auszahlung humanitärer Ausgleichsleistungen an ehemalige Zwangsarbeiter voranzutreiben. Der Verein begrüßt sein 2.000. Mitglied. 2000 2000 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 79 / November 2013 15 Der Verein 20 Jahre

[close]

Comments

no comments yet