Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (78)

 

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Erinnerungsstätte Matthias Erzberger und der Wandel der Erinnerung; Erinnerungsorte der Demokratiegeschichte; Menschenbilder – Otto Pankok: Maler der Verfolgten

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www.gegen-vergessen.de 78 / September 2013 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen Erinnerungsstätte Matthias Erzberger und der Wandel der Erinnerung Erinnerungsorte der Demokratiegeschichte Menschenbilder – Otto Pankok: Maler der Verfolgten ab Seite 04 ab Seite 07 ab Seite 09

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Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie, liebe Freundinnen und Freunde, im Mai dieses Jahres mussten wir uns von unserem Vorstandsmitglied Max Stadler für immer verabschieden. Am 19. August ist nun auch Wolfgang Lüder, Gründungsmitglied und langjähriges Vorstandsmitglied unserer Vereinigung, im Alter von 76 Jahren überraschend verstorben. Ich sah ihn noch Anfang Juni bei unserer Veranstaltung zur Erinnerung an die deutsche Besatzung Griechenlands, ein Thema, das ihn neben dem Kampf gegen Rechtsextremismus sehr interessierte. Gerade in dem Jahr, in dem wir das 20jährige Bestehen unserer Vereinigung feiern, wird uns immer wieder schmerzlich bewusst, dass viele derjenigen, die Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. geprägt und begleitet haben, nicht mehr unter uns sind. Umso mehr dürfen wir uns freuen, dass wir immer wieder erfrischt werden durch neue Mitglieder, darunter auch erfreulich viele junge Menschen. Wir können neue Mitglieder nicht nur gewinnen, sondern auch dauerhaft für unsere Ziele begeistern, die heute so aktuell sind wie vor zwanzig Jahren. Dies zeigt nicht nur die Arbeit der Jungen Akademie von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in Münster oder das jährlich in Berlin stattfindende Fraport-Seminar für die Auszu- bildenden der Fraport AG. Die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Websites sowie die künftige Ausdehnung unseres Online-Angebots gerade auch für eine jüngere Zielgruppe geben Anreiz und Möglichkeit, sich zu informieren. Zudem können sie Antrieb sein sich einzubringen – für eine lebendige Demokratie, in der jede Generation ihren Platz findet. Mit großer Freude sehe ich deshalb unserer Mitgliederversammlung im November entgegen. Wir werden neue Perspektiven und Aufgaben der Vereinsarbeit erörtern. Ich freue mich auf das Wiedersehen. Ihr Wolfgang Tiefensee Der Workshop „Demokratiegeschichte. Anregungen für die Arbeit von Gegen Vergessen – Für Demokratie“ beginnt am Freitag, den 18. Oktober 2013, ab 17.15 Uhr im Stadtmuseum Halle und endet am 19. Oktober um 17.00 Uhr. Bei Interesse an der Tagung kontaktieren Sie bitte unsere Geschäftsstelle in Berlin: Tel.: 030 263978-3, Fax: 030 263978-40, E-Mail: info@gegen-vergessen.de Die diesjährige Mitgliederversammlung findet am Samstag, den 23. November 2013, im Berliner Abgeordnetenhaus statt. Am 24. November 2013 werden im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors der Preis „Gegen Vergessen – für Demokratie“ und der „Waltraud-Netzer-Jugendpreis“ verliehen. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013

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Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Die Erinnerungsstätte Matthias Erzberger und der Wandel der Erinnerung Workshop: Erinnerungsorte der Demokratiegeschichte MENSCHENBILDER – Otto Pankok: Maler der Verfolgten Norderney und seine jüdische Vergangenheit Mit dem Mut der Verzweiflung – Widerstand vor der Gaskammer Die „Ulmer Schülergruppe“ 1943 und ihr Gymnasium Aus unserer Arbeit Gedenken am 20. Juli Online-Beratung gegen Rechtsextremismus vorgestellt Diktatur erinnern – Demokratie gestalten Regionale Arbeitsgruppen RAG Berlin-Brandenburg: Rechtsextremismus in Berlin RAG Rhein-Ruhr West: Europafest RAG Rhein-Main, Sektion Südhessen: „Rechtsradikalismus – eine aktuelle Gefahr für Jugendliche?“ RAG Baden-Württemberg, Breisach: Das „Blaue Haus“ in der Europastadt Breisach RAG Baden-Württemberg, Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen: Suche nach dem toten Vater führt ins Obere Gäu RAG Rhein-Main, Sektion Südhessen: Vom Traum zum Trauma – Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 und die Folgen RAG Baden-Württemberg: Sektion Allgäu-Oberschwaben gegründet Namen und Nachrichten Gedenkorte in Europa Nachruf: Zum Tod unseres Vorstandsmitgliedes Wolfgang Lüder Verleihung der Insignien eines Kommandanten der Ehrenlegion an Max Mannheimer Viertes Heft der Schriftenreihe zum KZ-Außenlager erschienen Rezensionen Auschwitz als Aufgabe. 25 Jahre Internationale Jugendbegegnungsstätte Oświęcim Feldwebel Anton Schmid. Ein Held der Humanität Buchempfehlungen Marek Edelmann: Die Liebe im Ghetto Die Rosenburg. Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Vergangenheit – eine Bestandsaufnahme Nach dem „Anschluss“ – Berichte österreichischer EmigrantInnen aus dem Archiv der Harvard University 4 7 9 12 15 17 20 20 21 23 24 26 29 31 32 35 36 37 38 38 39 40 42 43 43 Beitrittserklärung 45 Vorstand | Impressum 46 Organisatorisches 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013 3 Inhalt

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Thema Christopher Dowe Erinnerungsstätte Matthias Erzberger und der Wandel der Erinnerung an diesen Wegbereiter deutscher Demokratie Matthias Erzberger zählte zu den wichtigen Wegbereitern der deutschen Demokratie. Lange Zeit war er nahezu in Vergessenheit geraten. Doch seit etwa 15 bis 20 Jahren vollzieht sich ein langsamer Wandel – nicht nur in seiner Heimat in Baden-Württemberg. Seit 2004 trägt beispielsweise im brandenburgischen Finowfurt (Barmin) ein zentraler Platz den Namen Erzbergers, und eine Gedenkstele erinnert an den Politiker. 2011 wurde der zentrale Saal im Berliner Bundesfinanzministerium feierlich nach Matthias Erzberger benannt. Teil dieses Wandlungsprozesses und ein verstärkender Faktor war die Eröffnung der Erinnerungsstätte Matthias Erzberger im Geburtshaus des Politikers in Münsingen-Buttenhausen im Jahr 2004. In diesem Projekt fließen Engagement von Land, Kommune und Bürgerinnen und Bürgern zusammen. Die Stadt Münsingen kaufte das Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, renovierte es und sorgt für den Unterhalt. Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg konzipierte und realisierte als Landesmuseum die Ausstellung und entwickelt diese bis heute fort. Der eigens gegründete Münsinger Geschichtsverein übernahm die Aufsichten und bietet Führungen durch Erzbergers Geburtshaus an. Die Ausstellung in der Erinnerungsstätte arbeitet mit modernen musealen Mitteln und erzählt in elf Stationen die politische Biografie Erzbergers und die umkämpfte Erinnerung an ihn. Inszenierte Bildräume erwarten den Besucher und präsentieren ausgewählte originale Objekte. Gestaltet hat die Ausstellung der international bekannte Stuttgarter Szenograph Professor Uwe Brückner. Eindrücklich wird den Besucherinnen und Besuchern der Politiker Erzberger nahegebracht, der aus einfachen Verhältnissen stammte. Nach einer Kindheit auf der Schwäbischen Alb durchlief er die Volksschullehrerausbildung, entschied sich aber mit 21 Jahren für ein Leben in der Politik. Fast ein Jahrzehnt lang war er Multifunktionär im württembergischen Katholizismus. Als politischer Journalist vertrat er die Positionen der württembergischen Zentrumspartei. Im Wahlkampf war er als Redner von den politischen Gegnern gefürchtet. Arbeitern, Handwerkern und Bauern half er, Vereine, Gewerkschaften und Genossenschaften zu gründen. Hilfe zur Selbsthilfe war sein politisches Credo. Ab 1903 vertrat Erzberger Diese Inszenierung symbolisiert die maßlose Hetze der nationalistischen Presse gegen Erzberger. Fotos: HdGBW 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013

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der Weimarer Nationalversammlung setzte sich Erzberger für die Annahme des Versailler Vertrages ein, um eine Fortsetzung des Krieges und eine Zerschlagung Deutschlands zu verhindern. Als Reichsfinanzminister ordnete er 1919  /  20 innerhalb von neun Monaten das Steuer- und Finanzwesen neu und schuf Strukturen, die im Wesentlichen bis heute Bestand haben. So wollte er der jungen Demokratie eine tragfähige fiskalische Grundlage geben und die Steuerlast sozial gerecht entsprechend der jeweiligen Leistungsfähigkeit verteilen. In inszenierten Bildräumen werden ausgewählte originale Objekte gezeigt. den württembergischen Wahlkreis Biberach, Leutkirch, Waldsee, Wangen im Reichstag. Auch hier verstand er sich als Anwalt der kleinen Leute und engagierte sich für deren Belange. Immer wieder trat er dafür ein, dass der Reichstag seine Mitbestimmungsund Kontrollrechte einsetzen und ausbauen solle. Im Ersten Weltkrieg organisierte Erzberger nicht nur deutsche Auslandspropaganda, sondern übernahm mehrfach diplomatische Geheimmissionen. Infolge des Kriegsverlaufs wandelte er sich vom Annexionisten zum parlamentarischen Vorkämpfer eines Verständigungsfriedens und regte 1917 die Friedensresolution des Reichstags an. 1918 übernahm er als Minister im Kabinett des Prinzen Max von Baden die undankbare und verantwortungsvolle Aufgabe, über eine Einstellung der Kämpfe zu verhandeln. Im Auftrag der Revolutionsregierung um Friedrich Ebert und der deutschen Militärführung unter General Paul von Hindenburg unterzeichnete er den Waffenstillstandsvertrag von Compiègne, der den Ersten Weltkrieg beendete. Als führender Vertreter des demokratischen Flügels der katholischen Zentrumspartei sorgte er in der Revolution 1918/19 dafür, dass seine Partei mit Sozialdemokraten und Liberalen zusammenarbeitete, um eine parlamentarische Demokratie zu errichten. Im Reichskabinett und in Nicht nur mit dieser Steuer- und Finanzpolitik polarisierte Erzberger stark. Nationalisten machten ihn für die deutsche Kriegsniederlage und deren Folgen verantwortlich und überzogen ihn mit maßloser Hetze. Dies zielte darauf ab, in Erzberger eine Symbolfigur der Weimarer Republik zu treffen und die junge Demokratie zu zerstören. Mitglieder der antirepublikanischen Geheimorganisation Consul ermordeten Erzberger 1921 im Schwarzwald bei Bad Griesbach. Auch nach seinem Tod blieb Erzberger umstritten. Die Erinnerung an ihn wurde Teil der erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Weimarer Republik. Mit Schändung und Zerstörung von Erzbergerdenkmälern und der Umbenennung von Straßen endeten diese geschichtspolitischen Kämpfe im Dritten Reich. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde zwar wieder positiv an Erzberger erinnert, doch spielte sein Name in der politischen Kultur der Bundesrepublik keine Rolle. Erst in den letzten Jahren wird Erzberger wieder vermehrt gewürdigt. Die Eröffnung der Erinnerungsstätte Matthias Erzberger ist wohl das prominenteste Beispiel dafür. Welchen Stellenwert und welche Vielfalt das Erinnern an Matthias Erzberger im deutschen Südwesten inzwischen gewonnen hat, zeigte sich 90 Jahre nach seiner Ermordung, als das Haus » Foto: Dortmund-Agentur, Stadt Dortmund Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013 5 Thema

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Thema In elf Stationen wird das politische Leben und Wirken Erzbergers sowie die Erinnerung an ihn dargestellt. » der Geschichte Baden-Württemberg 2011 das „Erzberger-Jahr“ ausrief. In Kooperation mit Kommunen, Vereinen und Initiativen fanden Vorträge, künstlerische Erinnerungsprojekte, feierliche Gedenkveranstaltungen und Filmvorführungen zu Erzberger statt. Den Abschluss des Erzbergerjahrs bildete das vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg zusammen mit der Landeshauptstadt Stuttgart veranstaltete zweitägige Stuttgarter Symposion, bei dem Fachleute aus dem In- und Ausland neueste Forschungsergebnisse zu Erzberger in allgemeinverständlicher Sprache sowohl einer Fachöffentlichkeit als auch Hunderten von historisch interessierten Bürgerinnen und Bürgern vorstellten. Die Ergebnisse dieser Tagung sind gerade in Form eines reich bebilderten Taschenbuchs erschienen. Dass das Erzbergerjahr nicht folgenlos war, zeigen auch so manche kommunalen Diskussionen, die in den letzten Jahren geführt wurden. In ihnen erörtern engagierte Bürgerinnen und Bürger mit ihren gewählten politischen Vertretern, wie in der eigenen Kommune angemessen an die Vergangenheit erinnert werden und welcher Stellenwert Erzberger etwa in Biberach, Reutlingen oder Schwäbisch Gmünd zukommen soll. ■ Dr. Christopher Dowe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Haus der Geschichte Baden-Württemberg, das die Erinnerungsstätte Matthias Erzberger unterstützt. Fotos: HdGBW Erinnerungsstätte Matthias Erzberger Mühlsteige 21 | 72525 Münsingen-Buttenhausen Öffnungszeiten: Sonntags und feiertags 13 bis 17 Uhr Gruppen nach Vereinbarung Information: Stadtarchiv Münsingen | Telefon 07381 182-115 archivmuensingen@t-online.de www.erzberger-museum.de 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013

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Auf den Spuren der Demokratie: Blick in die Ausstellung in der Reichspräsident Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg. Workshop Erinnerungsorte der Demokratiegeschichte. Anregungen für die Arbeit von Gegen Vergessen – Für Demokratie Ein Schwerpunkt der Arbeit von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. ist die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen sowie das Unrecht des SED-Regimes. Daneben wollen wir ein neues Feld etablieren: die Demokratiegeschichte. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein komplexes System von Teilhabe und Selbstorganisation mit einer langen Geschichte. Um ein anschauliches Bild von der Geschichte politischer Teilhabe zu zeichnen, wollen wir versuchen, Demokratiegeschichte als Geschichte von Akteuren, von Handlungsspielräumen, von Zugängen und von Chancen zu verstehen. Welche Anknüpfungspunkte und Umsetzungsmöglichkeiten sind dazu geeignet? Spuren zur Geschichte und Entwicklung von Demokratie und Partizipation gibt es an jedem Ort. Wie kann es gelingen, diese sichtbarer zu machen? › Die Anmeldung erfolgt über die Bundesgeschäftsstelle von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Ansprechpartnerin für alle organisatorischen Fragen ist Conny Baeyer (Tel. 030/2639783 oder baeyer@gegen-vergessen.de). Wir bitten Sie, die Anmeldung spätestens bis zum 30. September 2013 vorzunehmen, damit die Übernachtungskapazitäten dementsprechend geplant werden können. › Die Übernachtung erfolgt im Hotel Atlas Halle, Delitzscher Straße 32a, 06112 Halle  /  Saale, 0345 6853630, www.atlas-halle.com. In diesem Hotel steht uns ein Abrufkontingent zur Verfügung. Wir haben uns für ein zentral gelegenes und dennoch kostengünstiges Drei-Sterne-Hotel entschieden, damit gewährleistet ist, dass Mitglieder am Workshop teilnehmen können, die sich keine hohen Hotelkosten leisten möchten. Das Einzelzimmer kostet inklusive Frühstück 44,00 € pro Nacht und muss am Tag der Abreise beglichen werden. Für die Zimmerbuchung verwenden Sie bitte das vorbereitete Formular. Bitte buchen Sie frühzeitig, da Zimmer nur in begrenzter Zahl zur Verfügung stehen. › Der Tagungsort ist das Stadtmuseum Halle, Christian-WolffHaus, Große Märkerstraße 10, 06108 Halle / Saale, www.halle.de/ de/Kultur-Tourismus/Stadtgeschichte/Stadtmuseum. › Anreise Vom Hauptbahnhof zum Hotel sind es 700 Meter Fußweg in östlicher Richtung. Zwischen Hauptbahnhof und der nächstgelegenen Station Freiimfelder Straße verkehren die Straßenbahnlinien 7 und 10. Vom Hauptbahnhof zum Tagungsort sind es 1,3 Kilometer Fußweg in westlicher Richtung. Zwischen Hauptbahnhof und der nächstgelegenen Station Marktplatz verkehren die Straßenbahnlinien 7 und 10. Die Nutzung der Straßenbahn ist bei der Anreise mit der DB in der City-Option enthalten. › Die Kosten betreffend wird für den Workshop keine Tagungsgebühr erhoben. Am Anreisetag wird ein kleiner Imbiss angeboten, ebenfalls sind die Tagungsteilnehmer am Samstag zu Kaffee und Kuchen sowie einem Mittagsimbiss eingeladen. Den Tagungsteilnehmern entstehen Kosten für das Abendessen, die selbst beglichen werden müssen. Fahrt- und Übernachtungskosten können leider nicht erstattet werden. Unser Workshop-Programm stellen wir auf der nächsten Seite vor. » Foto: HerbertErwin / Wikipedia Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013 7 Thema

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Thema Workshop-Programm Freitag, 18. Oktober 2013 bis 17.00 Uhr Anreise u. Check-In Hotel Atlas Halle, Delitzscher Straße 32 a, 06112 Halle (Saale), Tel.: 0345-68 53 630 Samstag, 19. Oktober 2103 Panel 1: 9.00 Uhr 9.30 Uhr 10.45 Uhr 11.15 Uhr 11.30 Uhr 11.45 Uhr 13.00 Uhr Frühstück im Hotel und Check-Out Gepäckaufbewahrung tagsüber möglich Erinnerungsorte an die Freiheitsbewegungen im 19. Jahrhundert Input 1: Schloss Rastatt – Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte Dr. Elisabeth Thalhofer, Leiterin Erinnerungsstätte Arbeit in Kleingruppen Kaffeepause Input 1: Politikergedenkstiftungen des Bundes Prof. Dr. Walter Mühlhausen, Geschäftsführer der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte und Mitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Input 2: Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen Dr. Christopher Dowe, wissenschaftl. Mitarbeiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg Arbeit in Kleingruppen Mittagsimbiss http://www.atlas-halle.com ab 17.15 Uhr Stehempfang mit Erfrischungen Stadtmuseum Halle, Christian-Wolff-Haus Große Märkerstraße 10, 06108 Halle (Saale), Tel.: 0345 221-3030 http://www.halle.de/de/Kultur-Tourismus/ Stadtgeschichte/Stadtmuseum/ 18.00 Uhr 18.30 Uhr 19.00 Uhr 19.30 Uhr Begrüßung Wolfgang Tiefensee, Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Was ist Demokratiegeschichte und wie sollen wir mit ihr umgehen? Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Stellvertretender Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Ein Blick nach Halle: Das „Genscher-Haus“ als Begegnungsstätte Deutsche Einheit Peter-Andreas Bochmann, Leiter des Regionalbüros Mitteldeutschland der Friedrich-NaumannStiftung für die Freiheit Diskussion Panel 2: Politikergedenkstätten Panel 3: Perspektiven für die Arbeit von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. 14.00 Uhr 14.15 Uhr 14.30 Uhr 15.00 Uhr 16.00 Uhr 17.00 Uhr Input 1: Internetportal „Demokratie vor Ort“ Dr. Dennis Riffel, wissenschaftlicher Referent, Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Input 2: Projektarbeit zur Geschichte der Partizipation Heiko Klare, Förderverein Geschichtsort Villa ten Hompel e.V. Kaffeepause Arbeit in Kleingruppen Bündelung der Arbeitsergebnisse Ende der Tagung / Transfer zum Hauptbahnhof ab 20.30 Uhr gemeinsames Essen, lockerer Erfahrungs austausch und abendlicher Ausklang Foto: Letov / wikipedia Wird auf der Tagung in Halle auch Thema sein: Das „Genscherhaus“ in HalleReideburg als Demokratieort. (Bild oben) Eingang zur Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte im Schloss Rastatt. (Bild links) 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013

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MENSCHENBILDER – Otto Pankok: Maler der Verfolgten Ausstellung in der Frankfurter Paulskirche „Diese Bilder sollen ein Gruß an die freien Menschen sein, an die, die verbannt und erniedrigt wurden und nun heimkehren, an die, die gefangen wurden und nun aus dunklem Kerker zurückkommen und wieder die Mittagssonne fühlen auf ihrer Haut und den Regen schmecken, die nun wieder den Wind um ihren Leib wehen fühlen, an sie, die aus den Trümmern und von den Leichenfeldern Europas sich erheben und wieder aufblicken in den sternbesäten Himmel.“ Otto Pankok, 1947 Kurz nach Beendigung der Ausstellung wurden der Maler Otto Pankok und seine Ehefrau, die Journalistin Hulda Pankok, posthum geehrt: Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem zeichnete beide als „Gerechte unter den Völkern“ aus. Sie hatten 1944 die Jüdin Brunhilde Barz und ihren Ehemann Mathias Barz in einer Dachkammer ihres Hauses versteckt. Es bestand die akute Gefahr der Entdeckung. Brunhilde Barz, geborene Stein, entging so dem Holocaust. Ausstellung „gegen das Vergessen“ in der Wiege der deutschen Demokratie Die regionale Arbeitsgruppe Rhein-Main von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. hat in der Frankfurter Paulskirche aus Anlass des 120. Geburtstags des Malers, Grafikers und Bildhauers Otto Pankok (1893  –  1966) eine Kunstausstellung initiiert. Vom 12. April bis 12. Mai 2013 wurde damit erstmalig in der RheinMain-Region eine Auswahl von Kohlegemälden, Grafiken und Bronzeplastiken aus dem Gesamtwerk des verfolgten Künstlers präsentiert. Mit der thematischen Schwerpunktsetzung auf ausIn der Ausstellung „Menschenbilder – Otto Pankok: Maler der Verfolgten“ gewählte „Menschenbilder gegen das Vergessen“ aus der Zeit des Nationalsozialismus und mit der Wahl der geschichtsträchtigen Frankfurter Paulskirche – Wiege des ersten Demokratieversuchs in Deutschland – als Ausstellungsort ist es gelungen, die zwei zentralen Anliegen unserer Vereinigung Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in idealer Weise programmatisch miteinander zu verknüpfen. » Foto: Jürgen Vits Foto: Eva Pankok / Otto-Pankok-Museum Jürgen Vits Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013 9 Thema

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Thema » Maler der Verfolgten In Otto Pankoks Gesamtwerk spiegelt sich wie bei keinem anderen deutschen Künstler der nationalsozialistische Völkermord an Minderheiten. Otto Pankok lässt mit seiner kraftvollen Bildsprache die von ihm porträtierten Ausgegrenzten und Verfolgten stets in ihrer Individualität und Würde hervortreten. Es ist nicht zuletzt diese von Empathie und Respekt geprägte Haltung des Künstlers gegenüber seinen Modellen, die noch heute den einzigartigen Rang seiner Bildkunst ausmacht. Die in der Frankfurter Paulskirche gezeigten Menschenbilder aus den Jahren 1930 bis 1950 – ingesamt 50 Exponate – stammten aus seinen drei bedeutenden Zyklen „Passion“, „Sinti-Porträts“ und „Jüdisches Schicksal“. Menschenbilder ● Passion Eine zentrale Stellung in Otto Pankoks Kunstschaffen nimmt sein Passionszyklus ein. Diese eindrucksvolle Werkgruppe, bestehend aus 60 großformatigen Kohlegemälden zur Leidensgeschichte Jesu, entstand in den beiden ersten Jahren der NS-Diktatur. Die Motive spiegeln in kaum verhüllter Weise den Terror und die Unmenschlichkeit der Zeit. Sie zeigen dem Betrachter das Leiden und die Ohnmacht des Einzelnen unter dem Eindruck um sich greifenden Hasses und Verfolgungswahns. Bewusst verlieh der Künstler den biblischen Figuren Züge befreundeter Sinti und Juden. Otto Pankok verstand die Passion als einen bewussten Akt des Widerstands gegen die NS-Machthaber mit den Mitteln der Kunst. Die in den biblischen Szenen enthaltene Kritik wurde von den Nationalsozialisten jedoch sehr bald entschlüsselt. So wurde eine Ausstellung der Passion in Mülheim an der Ruhr im Juli 1935 auf Intervention der staatlichen Kulturwächter vorzeitig geschlossen. Dennoch brachte der Gustav Kiepenheuer Verlag die Passion Ende 1936 als Bildband heraus. Im Januar 1937 erschien in der SS-Zeitung „Das schwarze Korps“ im Zusammenhang mit der Passion ein ganzseitiger Hetzartikel unter dem Titel „Gotteslästerung 1936“, in dem Otto Pankok der „philosemitischen Malerei“ und des „Kulturbolschewismus“ bezichtigt wurde. Direkt im Anschluss beschlagnahmte und vernichtete die Gestapo die noch nicht verkauften Buchexemplare im Verlagshaus, in der Druckerei, in Buchhandlungen sowie in Pankoks Wohnung und Atelier. Nur ein kleiner Teil der Auflage konnte vor dem Zugriff gerettet werden. Foto: Eva Pankok / Otto-Pankok-Museum ● Sinti-Porträts Prägend für Otto Pankoks künstlerische Entwicklung war seine Begegnung und anschließende Freundschaft mit Sinti-Familien in Düsseldorf. Schon bald wurden diese Menschen zu seinen wichtigsten Bildmotiven. In zahlreichen Kohlegemälden, die in den Jahren 1931 und 1932 entstanden, spiegelt sich der Existenzkampf der ausgegrenzten Minderheit auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. Im Februar 1932 stellte Otto Pankok in der Kunsthalle Düsseldorf in Anwesenheit der Modelle seine großformatigen Kohlegemälde mit Darstellungen der Düsseldorfer Sinti aus. Es war seine letzte große Ausstellung vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Der 30. Januar 1933 markierte auch für die Düsseldorfer Sinti-Familien den Beginn ihrer systematischen Verfolgung. Die meisten von ihnen wurden später in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. Trotz eigener Verfolgung setzte Otto Pankok auch in der Folgezeit seine künstlerische Arbeit mit Sinti-Motiven fort. So entstand während des Krieges unter Heranziehung seiner alten Kohlezeichnungen eine größere Zahl expressiver Holzschnitte „gegen das Vergessen“ mit Einzelporträts „seiner“ mittlerweile deportierten Düsseldorfer Sinti-Kinder. Nach dem Krieg schuf Otto Pankok berührende Bilder von den wenigen überlebenden Sinti, die er nach ihrer Rückkehr aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern in Düsseldorf wiedertraf. Diese Porträts zeigen eindringlich die tiefe körperliche und seelische Verwundung von Menschen, die zumeist fast alle ihre Angehörigen verloren hatten. Durch seine enge Verbundenheit mit den Düsseldorfer Sinti wurde Otto Pankok zum künstlerischen Chronisten der an dieser Minderheit begangenen Verbrechen. Foto: Eva Pankok / Otto-Pankok-Museum Der Werkgruppe „Jüdisches Schicksal“ wird auch diese Kohlezeichnung eines jüdischen Friedhofes zugerechnet, die Otto Pankok 1936 anfertigte. Die Kohlezeichnung Otto Pankoks von 1931 zeigt frierende Sintikinder. ● Jüdisches Schicksal Mit den systematischen und sich verschärfenden Ausgrenzungen und Verfolgungen der Juden und den zunehmenden Nachrichten über Gräueltaten in den besetzten Gebieten rückte deren Schicksal immer stärker in das künstlerische Blickfeld Otto Pankoks. Unter gefahrvollen Arbeitsbedingungen entstand nun eine Gruppe von Bildern, die später unter der Bezeichnung „Jüdisches Schicksal“ als Werkgruppe zusammengefasst wurde. Auf diesen Bildern sieht man jüdische Menschen in hoffnungs- 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013

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Ein passender Ort für die Otto-Pankok-Ausstellung: die Frankfurter Paulskirche. Foto: Jürgen Vits loser Ohnmacht vor gespenstischen Kulissen. Eine abgründige Verlassenheit dieser Gestalten ist der beherrschende Zug der Darstellungen, die das jüdische Schicksal beschwören. Einige Motive für seine Bilder hatte Otto Pankok aus NS-Propagandazeitschriften entnommen und den dort Diffamierten mit seiner künstlerischen Interpretation ihre Würde zurückgegeben. Verfolgter Maler Der in Mülheim an der Ruhr geborene Maler, Grafiker und Bildhauer entwickelte unter expressionistischem Einfluss eine eigenständige figurative Bildsprache, die expressive magische Elemente zu einem Realismus von großer poetischer Kraft verdichtete. Otto Pankoks Arbeiten stehen mit ihrer Linienführung und Ausdruckskraft unter dem Einfluss seines frühen Vorbildes Vincent van Gogh. Er hat in seinem Leben über 5  000 großformatige Kohlezeichnungen, fast 800 Holzschnitte, über 800 Radierungen und mehr als 200 Plastiken geschaffen. Typisch für ihn und singulär in der deutschen Kunstgeschichte sind seine großformatigen Kohlegemälde. Die meisten von Otto Pankoks Bildern weisen zwar nur die „Farben“ Schwarz und Weiß auf, suggerieren aber in erstaunlicher Weise beim Betrachter durch ihre Grauabstufungen monochrome Farbigkeit. Otto Pankoks Biografie ist wesentlich durch eigene Kriegserlebnisse und Verfolgung geprägt. Mit seinen eindringlichen Menschenbildern geriet er früh ins Visier der Nationalsozialisten. Seine Arbeiten – wie der Passionszyklus oder seine Sinti-Porträts – wurden sehr bald geächtet und als „entartet“ diffamiert. Die berüchtigte Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“, die 1937 in München eröffnet und im Anschluss in weiteren Städten gezeigt wurde, enthielt eine Lithographie Otto Pankoks. Schließlich wurden über 50 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt und vernichtet. Trotz des bestehenden Berufs- und Ausstellungsverbots setzte Otto Pankok, der bis zum Ende der NS-Diktatur mit seiner Familie in innerer Emigration zurückgezogen an verschiedenen Orten lebte, im Verborgenen sein widerständiges Kunstschaffen fort. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er rehabilitiert und wirkte von 1947 bis 1958 noch einige Jahre als Professor für Zeichenkunst an der Kunstakademie Düsseldorf. Menschenbild Wie kaum ein anderer deutscher Künstler des 20. Jahrhunderts ist Otto Pankok mit seinem eindrucksvollen Lebenswerk für Humanität und Menschlichkeit, Liebe zur Schöpfung sowie Frieden und Freiheit eingetreten. In der Ursprünglichkeit der Natur sah Otto Pankok für den Menschen einen weltanschaulichen Gegenentwurf zur ideologisch zerrissenen, technischen und orientierungslosen Zivilisation seiner Zeit. Die unbeirrte Suche nach der Wahrheit in der vielgestaltigen Schöpfung und in der menschlichen Existenz war für sein gesamtes Kunstschaffen und Menschenbild bestimmend. Otto Pankoks Leben und Werk sind von unveränderter Aktualität: So stellen die aus seinem Menschenbild resultierenden Kunstwerke auch für die heutigen Generationen einen eindringlichen Appell an Toleranz und Menschlichkeit sowie einen Aufruf gegen den latenten Rassismus dar. Während der gesamten Zeit der NS-Diktatur war die Familie Pankok Drohungen, Diffamierungen, Durchsuchungen, Beschlagnahmungen und Verboten ausgesetzt. In jener Zeit haben sich die Pankoks ungebeugt und mit großer Zivilcourage in menschlicher und künstlerischer Hinsicht für Verfolgte, Benachteiligte und drangsalierte Freunde eingesetzt. Noch heute pflegt und verkörpert die hoch betagte Malerin Eva Pankok als Zeitzeugin und Tochter Otto Pankoks das geistig-menschliche und künstlerische Erbe ihrer Eltern. So ist nach dem Tode Otto Pankoks das idyllisch gelegene Haus Esselt bei Wesel am Niederrhein mit dem Otto Pankok-Museum – letzte Wohn- und Wirkungsstätte von Otto Pankok – zu einem ganz besonderen Ort der Kunst- und Wertevermittlung geworden (www.pankok.de). GroSSer Ausstellungserfolg in Frankfurt Insgesamt haben an den 24 Öffnungstagen etwa 3  000 Besucher die Ausstellung in der Frankfurter Paulskirche gesehen. Dank des prominenten Ausstellungsortes wurde ein Publikum aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland erreicht. Neben der feierlichen Vernissage – im Beisein von Eva Pankok –, mit Vorträgen und musikalischen Darbietungen wurde ein umfangreiches Begleitprogramm angeboten (Vorträge, Führungen, Zeitzeugengespräch, Lehrerseminar). Eine eigens konzipierte 68-seitige Broschüre zur Ausstellung wurde von den Besuchern sehr gut nachgefragt. Neben dem erfreulich hohen Besucherinteresse war auch das Medienecho in Zeitungen, Hörfunk und Online-Portalen bemerkenswert: So haben die in Frankfurt erscheinenden Zeitungen F.A.Z., Frankfurter Rundschau und Frankfurter Neue Presse mit gesonderten Artikeln durchweg positiv und empfehlend über die Ausstellung berichtet. Im Hörfunk des Hessischen Rundfunks wurde mehrmals ein Beitrag über die Ausstellung gesendet. Das Ausstellungsprojekt wurde ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis von Mitgliedern der regionalen Arbeitsgruppe RheinMain von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. geplant und durchgeführt. Wesentliche Erfolgsfaktoren stellten dabei die kooperativen Partner der Projektleitung dar: Die Stadt Frankfurt, das Otto Pankok-Museum als Leihgeber der Exponate, die Katholische Akademie Rabanus Maurus, das Dokumentationsund Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma sowie zahlreiche Sponsoren mit ihren großzügigen finanziellen Beiträgen. ■ Jürgen Vits ehrenamtlicher Kurator der Ausstellung, ist Mitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. und Mitglied der Otto Pankok-Gesellschaft e.V. Weitere Informationen zur Ausstellung: www.rheinmain-gegenvergessen.de/pankok • Bei Interesse an einer Otto Pankok-Ausstellung in Ihrer Region: fam.vits@yahoo.de Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013 11 Thema

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Thema Irene Köß Norderney und seine jüdische Vergangenheit Der Name Norderney wird normalerweise mit Strand, Urlaub und Vergnügen in Verbindung gebracht. Wer von den vielen Urlaubern weiß schon, dass es auf Norderney vielfaches jüdisches Leben gab und auch von hier aus Menschen in den Tod geschickt wurden. 1797 wurde Norderney das erste deutsche Nordseebad. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Insel zum exklusiven Badeort. Seit 1820 sind hier auch jüdische Badegäste nachzuweisen. Neben Westerland auf Sylt und Heringsdorf auf Usedom wurde Norderney zum „Judenbad“. Von anderen ostfriesischen Inseln ging hingegen sehr früh ein Antisemitismus aus, der sich zum Beispiel im „Borkumlied“ zeigte: „Borkum, der Nordsee schönste Zier, bleib du von Juden rein, laß Rosenthal und Levinsohn in Norderney allein.“ Wegen der vielen jüdischen Badegäste ließen sich Juden auf Norderney nieder, eröffneten Geschäfte und boten koschere Speisen an. Auch prominente jüdische Gäste wie Heinrich Heine und Franz Kafka besuchten die Insel. Ein Schlachter stellte in seinem Haus einen Raum als Betstube zur Verfügung. Die Betstube wurde im Laufe der Jahre für Ortsansässige und Badegäste zu klein. In den 1870er-Jahren gab es deshalb unter den jüdischen Kurgästen Bestrebungen, eine Synagoge zu erbauen. Das Geld für den Bau mussten die Norderneyer Juden und jüdischen Badegäste selbst beschaffen. Zahlreiche bürokratische Hindernisse waren zu überwinden. 1878 wurde die Synagoge schließlich im Beisein des preußischen Justizministers eröffnet. Die „Ostfriesische Zeitung“ berichtete, dass der Landdrost aus Aurich das Gotteshaus im Namen Seiner Majestät des Kaisers der jüdischen Glaubensgenossenschaft übergab. Ein Vertreter der jüdischen Badegäste sprach das Gebet für den Kaiser und die kaiserliche Familie. Die neue Synagoge wurde nur von Mai bis September genutzt, im Winter wurde weiterhin das private Bethaus besucht. Ein jüdischer Friedhof wurde nie angelegt. Eine Initiative für einen jüdischen Begräbnisplatz scheiterte an einem fehlenden Grundstück. Die auf der Insel ansässigen Juden mussten ihre Toten auf das Festland nach Norden überführen. Strand und Urlaub verbindet man schon seit dem 19. Jahrhundert mit Norderney. Dass bis 1933 viele der Badegäste Juden waren, weiß heute kaum jemand mehr. 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013

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1933 verschlechterte sich die Situation für Juden auf der Insel. Ende Juni 1933 wurden von der Badeverwaltung am Badestrand Schilder mit der Aufschrift „Juden unerwünscht“ aufgestellt. Als neuer Bürgermeister wurde Anfang Juli 1933 der Gerichtsreferendar Bruno Müller eingesetzt, nachdem der amtierende Bürgermeister Carssen Lührs beurlaubt und später seines Amtes enthoben wurde. Unter Müllers Oberaufsicht unternahm die Inselverwaltung erhebliche Anstrengungen, um die Juden von der Insel zu vertreiben. Im August 1933 berichtete die „Norderneyer Badezeitung“ von einem jüdischen Kurgast namens Juda Rosenberg, der von anderen Kurgästen wegen „Rassenschändung“ denunziert wurde, weil er mit einem „Christenmädel“, der 20-jährigen Elisabeth Makowiak, zwei durchgehende Zimmer teilte. Polizei und SA fielen daraufhin nachts über den Mann her und nahmen ihn zwei Jahre vor der Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze in Schutzhaft. Nur wenige Tage vorher war im Kurhaus der Insel ein Schild mit der Aufschrift „Die deutsche Frau tanzt nicht mit einem Juden“ angebracht worden. Juda Rosenberg und Elisabeth Makowiak wurden im August 1935 in ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen verhaftet und am nächsten Tag von einer Menschenmenge durch die Straßen der Innenstadt getrieben. Dabei wurde Juda Rosenberg körperlich schwer misshandelt. Beiden wurden Schilder umgehängt, auf denen zu lesen stand: „Ich bin ein Rassenschänder“ und „Ich blonder Engel schlief bei diesem Judenbengel“. Juda Rosenberg starb 1940 im KZ Sachsenhausen. Auch auf Norderney erinnern nun Stolpersteine an Opfer des Nationalsozialismus. Ebenfalls im August 1933 kam der antisemitische Agitator und frühere Borkumer Pfarrer Münchmeyer nach Norderney und verkündete: „Der eiserne Besen kommt auch noch nach Norderney.“ Die Norderneyer Badeverwaltung wies 1934 mit Anzeigen in jüdischen Zeitungen darauf hin, dass jüdische Badegäste unerwünscht seien. Die Norderneyer Synagoge, in der nach dem Sommer 1933 kein Gottesdienst mehr stattfand, wurde im Juli 1938 an einen nicht jüdischen Norderneyer Eisenwarenhändler verkauft. Durch den Verkauf entging sie der Zerstörung in der Pogromnacht am 9. November 1938. Nach einem Umbau wurde die Synagoge zunächst als Lagerraum genutzt. Heute befindet sich in dem stark veränderten Gebäude ein Restaurant. » Die Familie Eichengrün aus Gelsenkirchen am Strand von Norderney um 1930 (alle drei überlebten in den USA). Fo Jordan to: Andreas  / Gelsenzen trum Gelse nkirchen Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013 Foto: Irene Köß Foto: Irene Köß 13 Thema

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Thema » Der letzte Synagogenverwalter, Julius Hoffmann, war Miteigentümer von „Hoffmanns Hotel Falk“. Dieses Hotel gehörte zu den ersten Adressen für jüdische Badegäste. Julius Hoffmann war auf und für Norderney in verschiedenen Gremien tätig. So war er unter anderem erster Vorsitzender des „Vereins Norderneyer Gastwirte“ und Ausschussmitglied für den Verkehrsverband Ostfriesland. Die nationalsozialistische Politik beraubte ihn seiner Existenz und 1933 wurde das Hotel „arisiert“. Julius Hoffmann flüchtete mit seiner Familie von der Insel und überlebte in Israel. Am 10. November 1938 trieb die SA sieben Juden der Insel morgens um sechs Uhr zusammen und führte sie an einen umzäunten Ort vor dem heutigen „Haus der Insel“. Dort mussten sie trotz großer Kälte den ganzen Tag stehend verbringen. Essen, Trinken und zur Toilette zu gehen war ihnen nicht gestattet. Abends um acht Uhr wurden sie freigelassen. Von den früheren jüdischen Einwohnern kehrte nach 1945 eine einzige Frau nach Norderney zurück, die wegen ihrer Kleinwüchsigkeit allgemein „Lüttji Lotti“ (eigentlich Margot Levy) genannt wurde. Für Kontroversen sorgte 1983 die Aufstellung des Denkmals zu Ehren Heinrich Heines. Die Skulptur geht auf einen Entwurf des Bildhauers und Architekten Arno Breker zurück. Die Kritik entzündete sich an der nationalsozialistischen Vergangenheit Brekers. Foto: Elvaube / Wikimedia Commons Nicht mehr erkennbar: Die ehemalige Norderneyer Synagoge ist heute ein Restaurant. Rat der Stadt Norderney“. Erst seit 1996 erinnert an der Fassade des Gebäudes der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel an das Bethaus. 2007 konzipierte das Stadtarchiv Norderney eine Ausstellung mit dem Thema „Juden auf Norderney“. 2013 gelang es einer Schülergruppe der Kooperativen Gesamtschule Norderneys und ihrem Lehrer Sascha Freese, ihr Projekt „Stolpersteine“ zu verwirklichen. Unterstützung erhielten sie von der Stadt und vielen Spendern. Am 22. Februar verlegte der Künstler Gunter Demnig acht Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische Mitbürger. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung fand zuvor in der katholischen Kirche eine Gedenkstunde statt, bei der auch der Bürgermeister der Insel sprach. Er kündigte an, dass im Stadtarchiv ein Faltblatt erarbeitet werde, um Einwohnern und Gästen unter dem Titel „Spurensuche“ nähere Informationen zu Erinnerungsorten jüdischen Lebens auf der Insel sowie zu den auf den Stolpersteinen vermerkten Personen zu geben. Sascha Freese beschrieb seinen Eindruck während der gemeinsamen Arbeit: „Für mich war es wunderbar zu sehen, wie die Schüler irgendwann gefangen waren.“ Dank des Einsatzes der Schüler und ihres Lehrers wurden sichtbare Zeichen gesetzt, um die Erinnerung an die jüdische Vergangenheit der Insel wachzuhalten. ■ Heinrich-Heine-Denkmal auf Norderney mit der Sockelinschrift: „Ich liebe das Meer wie meine Seele. Heinriche Heine auf Norderney 1826“ 1988 wurde zum 50. Jahrestag der Pogromnacht im „Haus der Insel“ eine Gedenktafel angebracht: „Zum Gedenken an die jüdischen Mitbürger der Stadt Norderney, die durch nationalsozialistischen Terror eines gewaltsamen Todes sterben mußten oder vertrieben wurden. Den Lebenden zur Mahnung. 9.11.1988 Der Irene Köß ist Verwaltungsangestellte und seit 2012 Mitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013 Foto: Irene Köß

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Andreas Meckel Mit dem Mut der Verzweiflung – Widerstand vor der Gaskammer Das 1989 erschienene „Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939  –1945“ vermerkt unter dem Datum des 23. Oktober 1943: „Mit einem Transport des RSHA sind aus Bergen-Belsen 1.800 Juden – Männer, Frauen und Kinder – eingetroffen, die mit Pässen, die eine Ausreise in lateinamerikanische Staaten erlauben, versehen sind.“ Keiner der Angehörigen dieses Transports, welcher für ein in seiner Perfidie fast beispielloses Täuschungsmanöver der SS steht, wird den Tag überleben. Doch mit dem schrecklichen Schicksal der Menschen ist die wohl folgenreichste Widerstandshandlung von Opfern vor den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau verknüpft. Die Vorgeschichte hierzu beginnt in Warschau, wo vor 70 Jahren der jüdische Ghettoaufstand niedergeschlagen wurde. Am 16. Mai 1943 schreibt SS-Kommandeur Jürgen Stroop: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“. Bis zu 430 000 Menschen haben unter grauenvollen Bedingungen und in qualvoller Enge bis zu ihrer Deportation in die Mordlager dort leben müssen. Doch die SS weiß, dass Warschau nicht „judenrein“ ist. Tausende von Juden sind aus dem Ghetto auf die „arische Seite“ der Stadt geflüchtet oder schon vorher untergetaucht. Um ihrer habhaft zu werden, wird nun versucht, sie durch Versprechen auf „Ausreise ins neutrale Ausland“ aus ihren meist unsicheren Verstecken zu locken. Dies verfängt bei vier- bis fünftausend verzweifelten Menschen, die auf entsprechende Pässe und Einreisepapiere hoffen, welche die SS im „Hotel Polski“ verkauft. Die aus dem Ausland von jüdischen Organisationen und Angehörigen geschickten, zum Teil gefälschten Papiere haben die mittlerweile meist deportierten und ermordeten Menschen nicht mehr erreicht und sind von der SS gesammelt worden. Durchaus plausibel und ursprünglich wahrscheinlich auch beabsichtigt, sollen die jetzigen Besitzer der Papiere als sogenannte „Austauschjuden“ gegen im Ausland internierte und kriegsgefangene Deutsche eingetauscht werden. Etwa 2  500 Menschen mit teilweise für horrende Summen erstandenen Papieren werden tatsächlich in das „Aufenthaltslager“ Bergen-Belsen gebracht, weitere 300 ins französische Vittel, wo sie auf die „Ausreise“ hoffen. 400 Juden, die ohne Papiere bleiben, weil sie zu spät zum „Hotel Polski“ kommen, erschießt die SS in und neben dem berüchtigten Warschauer Gefängnis „Pawiak“. » Blick auf die Ruinen des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau heute. Foto: Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 78 / September 2013 15 Thema

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