Mutations 6

 

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6 2013 S N O I T A T U M INIER se i M o N I e S urg BAS o U b D xem IVES T u l C E e P phi ives PERS a r T g E rio erspect o IRES t O s i M l’h ilan et p MÉ e d s lle : B e s i s s rie 4e A ire indust Histo

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IMPRESSUM Editeur / Herausgeber Fondation Bassin Minier c/o Chambre de Commerce, L-2981 Luxembourg www.fondationbassinminier.lu contact@fondationbassinminier.lu Conseil d’administration / Verwaltungsrat Pierre Gramegna (Président / Präsident) Massimo Malvetti (Vice-Président / Vizepräsident) Raymond Weber (Secrétaire / Sekretär) Membres / Mitglieder : François Biltgen, Alex Bodry, Marcel Glesener, Jean-Marie Halsdorf, André Hoffmann, Will Hoffmann, Jean-Claude Juncker, Joseph Kinsch, Antoinette Lorang, Cornel Meder, Claude Meisch, Lydia Mutsch, Antoinette Reuter, Fred Sunnen Comité de lecture / Redationskomitee Guy Assa, Antoinette Lorang, Massimo Malvetti, Antoinette Reuter, Denis Scuto, Jürgen Stoldt Impression / Druck C.A.Press, L-4210 Esch/Alzette Couverture / Umschlag Photo : La torchère de Belval vue d‘en bas (© AGORA) ISSN 2078-7634 Luxembourg, novembre 2013 / Luxemburg, November 2013

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MUTATIONS MÉMOIRES ET PERSPECTIVES DU BASSIN MINIER 6|2013

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4e Assises de l’historiographie luxembourgeoise Histoire industrielle : Bilan et perspectives sous la direction de Laure Caregari, René Leboutte, Arnaud Sauer et Denis Scuto 007 Laure Caregari, René Leboutte, Arnaud Sauer, Denis Scuto Einleitung 011 Renée Wagener Das Auge des Zyklopen. Die Luxemburger Geschichtsschreibung und die weibliche Lohnarbeit im Zeitalter der Industrialisierung 027 039 047 Nicolas Verschueren Fermeture et reconversion aux frontières : un univers post-industriel ? Le cas d’Athus Alexander Kierdorf Alles aus einem Guss – Die Adolf-Emil-Hütte in Esch-Belval im Rahmen der Bautätigkeit der Gelsenkirchener Bergwerks-AG Laure Caregari, Antoinette Lorang Werkswohnungsbau in der Großregion – Eine Forschungsbilanz 061 Alain Linster ,,Nach der Nutzung ist vor der Nutzung’’ 069 Malte Helfer Die Industrielandschaften der Großregion 079 Karima Haoudy L’Itinéraire de la Culture industrielle – ICI Un projet transfrontalier de valorisation des patrimoines industriels entre le Nord-Pas de Calais et la Wallonie 093 Catherina Schreiber Sei gegrüßt mir, Land der roten Erde, Land der Arbeit du! – Anpassungen des Luxemburger Schulsystems an die wirtschaftlichen Veränderungen im Zuge der Industrialisierung 107 Luciano Pagliarini La photographie et l’industrie du fer. Histoire(s) parallèle(s)

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4e Assises de l’historiographie luxembourgeoise Laure Caregari, René Leboutte, Arnaud Sauer, Denis Scuto 6

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Einleitung Einleitung: 4 Assises de l’historiographie luxembourgeoise e Laure Caregari, René Leboutte, Arnaud Sauer, Denis Scuto Seit dem Jahr 2005 organisieren die Historikerinnen und Historiker des Laboratoire d’Histoire der Universität Luxemburg die Assises de l’historiographie ­ ­ luxembourgeoise. In einem Zwei-Jahres-Rhythmus wird die Geschichtsschreibung in Luxemburg einer kritischen Bestandsaufnahme unterzogen, ­ Vorstöße in neue Themenfelder werden registriert und Forschungsdesiderate ausgesprochen. Die Assises verkörpern simultan eine Bilanz, einen ­ Rückblick und Ausblick der geleisteten Arbeit, wobei der Fokus der Veranstaltung vielmehr auf dem historiographischen Prozess an sich beruht als auf inhaltlichen Erläuterungen. Die vierte Ausgabe der Assises, die am 18. und 19. November 2011 auf Belval, dem zukünftigen Wirkungsort der Universität Luxemburg, stattfand, widmete sich der In­ dustriegeschichte. Dieser Themenkomplex bot sich hinsichtlich zweier Hundertjahrfeiern im Jahr 2011 besonders an: Zum Einen blickte das Stahlwerk ArcelorMittal-Belval, auf dessen ehemaligem Werksgelände die Tagung stattfand, auf sein hundertjähriges Bestehen zurück, zum Anderen wurde vor hundert Jahren die ehemals einflussreichste Stahlgruppe des Großherzogtums gegründet, die ARBED. Das gewichtige Erbe der Luxemburger Stahlindustrie sollte auf der Tagung nicht gänzlich das Monopol erhalten. Diversifiert wurde die Themenordnung durch Beiträge, welche sich inhaltlich mit den weiteren Industriezweigen Luxemburgs beschäftigten. Ebenfalls wurde darauf geachtet, dass sich die vorgestell­ ten historischen Studien nicht nur auf die natio­ nale Ebene beschränkten. Um einen Ausblick über die Recherche in der Großregion zu bieten, waren neben den in Luxemburg forschenden Historikerinnen und Historikern ebenso Referentinnen und Referenten aus den angrenzenden Regionen Lothringen und Wallonien, dem Saarland und dem Ruhrgebiet eingeladen. Insgesamt vierundzwanzig Vorträge beleuchteten das Rahmenthema aus archivarischer, sozial- und unternehmensgeschichtlicher, kunst- und kulturhistorischer, sowie literaturund erziehungswissenschaftlicher Per­ spek­ tive. Die Assises boten somit eine interdiszipli­ näre Auseinandersetzung mit der Industriegeschichte. In Anbetracht der Fülle der eingereichten schriftlichen Beiträge erschien es den Organisatoren der Assises sinnvoll die Artikel auf zwei verschiedene Fachzeitschriften zu verteilen. Neben den im aktuellen Heft der ­ ­ Mutations publizierten Beiträge, befinden sich in der ­ Hémecht, Zeitschrift für Luxemburger Geschichte. Transnational – lokal – interdisziplinär, Nr. 4/2012, weitere Veröffentlichungen. Die Aufgliederung erfolgte gemäß den eigenen definierten Kriterien und Leitlinien der Zeitschriften. Die Beiträge, welche in der Hémecht veröffentlicht werden, zeichnen sich durch ihre enge Verknüpfung mit der Geschichtswissenschaft aus. In ­ Mutations sind die Artikel versammelt, die sich mit dem kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel im grenzüberschreitenden Eisenerzrevier des Bassin Miniers beschäftigen. Disziplinübergreifende Offenheit charakterisiert das Auswahlkriterium mit der die Aufsätze für Mutations bestimmt wurden. Die industrielle Vielfältigkeit der Großregion wird unter dem geographischen Zugriff von Malte Helfer thematisiert. Die Industrielandschaften in der Großregion  –  Steinkohlebergbau, Eisen- und Stahlindustrie, Textil- und Keramikindustrie sowie Glas- und Kristallerzeugung – werden aufeinanderfolgend verortet und ihre historische Entwicklung skizziert. Karima Haoudy beschreibt in ihrem Beitrag den Entstehungsprozess des Écomusée du Bois-du-Luc. Daneben präsentiert sie den Itinéraire de la culture industrielle (ICI) als grenzübergreifendes Projekt zwischen der belgischen Region Wallonien und der französischen Re­ gion Nord-Pas de Calais. Der Artikel ist als Ausblick auf den zukünftigen Umgang mit dem Luxemburger Industrieerbe zu betrachten. ­ Alexander Kierdorf geht auf das „architektonische Profil“ der Gelsenkirchener Bergwerks AG ein und beleuchtet aus kunsthistorischer Perspektive die Zusammenhänge zwischen der Unternehmensarchitektur am Ursprungsstandort und seiner Auslegung bei der Neugründung 7

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4e Assises de l’historiographie luxembourgeoise Laure Caregari, René Leboutte, Arnaud Sauer, Denis Scuto im luxemburgisch-lothringischen Erzrevier, der „Adolf-Emil-Hütte“ auf Belval. Alain Linster verdeutlicht in seinem Artikel, dass die architektonische Hinterlassenschaft der Industrie in Luxemburg nicht nur von der Eisen- und Stahlverarbeitung herrührt und veranschaulicht mittels internationaler Beispiele die Handlungsmöglichkeiten, die den Verantwortlichen und Geldgebern offen bleiben. Mit Architektur, welche im Zuge des Industriezeitalters entstanden ist, beschäftigen sich auch Laure Caregari und Antoinette ­ Lorang indem sie zum Thema Werkwohnungsbau in der Großregion die Forschungsbilanz ziehen. Neben dem Literaturüberblick erlaubt die Einordnung von Bautypen, eine Klassifizierung der cités ouvrières nachzuvollziehen. Luciano Pagliarini demonstriert die paral­ lelen Entwicklungen des technischen Fortschritts in der Fotographie und der Entfaltung der Schwerindustrie. Der chronologische Aufbau des Beitrags erlaubt die Schnittstellen beider Welten aufzuzeigen und den Motivwan­ del im zeitlichen Kontext wahrzunehmen. Einblicke in die gesellschaftliche Stellung und Prägung der Industrie in Bezug auf den Schulunterricht in Luxemburg vermittelt der Artikel von Catherina Schreiber. Sie unterscheidet dabei zwei Ebenen: die Industrie in Form der professionellen Ausbildung und als historisches sowie zugleich nationalgebundenes Unter­ richtsthema. Der Beitrag von Nicolas Verschueren ist als empirische Studie angelegt, die die Auswirkungen des Strukturwandels mit seinen Fabrikschließungen und gewerkschaftlichen Kämpfen aus dem belgisch-luxemburgischen Blickwinkel hinterfragt und die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Dimensionen dieser Ereignisse erarbeitet. Renée Wagener untersucht die Luxemburger Geschichtsschreibung in Bezug auf die weibliche Lohnarbeit im 19. Jahrhundert. Die Industriezweige Textil- und Lederindustrie, die auf Frauen als Arbeitskräfte zurückgriffen, sind im Allgemeinen geringer erforscht als die Stahl­ industrie. Hervorzuheben sind neben der Interdisziplinarität der Beiträge, die Illustrationen, die nicht nur zum besseren Verständnis der dargestellten Themen helfen, sondern ebenfalls zur visuellen Qualität beitragen. 8

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Einleitung 4e Assises de l’historiographie luxembourgeoise Histoire industrielle: Bilan et perspectives Programme Vendredi 18 novembre 2011 9.00 : Mots de bienvenue de François Biltgen, ministre de l’Enseignement supérieur et de la Recherche, et Rolf Tarrach, recteur de l’Université du Luxembourg Introduction par René Leboutte, Université du Luxembourg Session 3 : Le long siècle du fer et de l’acier 16.00 : Le patronat de la sidérurgie et l’espace économique lorrain-luxembourgeois (19e-20e siècle) par Jacques Maas, Athénée de Luxembourg Session 1 : Aux sources de la question 9.15 : Les archives d’ArcelorMittal (*) par Gilles Regener, Archives nationales Luxembourg 16.30 : Die Luxemburger Schwerindustrie während des Zweiten Weltkrieges am Beispiel der ARBED par Marc Schoentgen, Centre d’études et de recherches européennes Robert Schuman 10.00 : Les ressources du Musée de la Vie Wallonne à Liège sur les activités industrielles dans le Sud Luxembourg belge par René Leboutte, Université du Luxembourg 17.15 : Internationale Kooperation als Krisenstrategie. Die Zusammenarbeit ­ von ­ luxemburgischen und saarländischen Stahlunternehmen während der Stahlkrise ­ der langen 1970er Jahre (*) par Veit Damm, Universität des Saarlandes 10.30 : La voix des hommes du fer: les archives nominatives industrielles comme sources de la parole des subalternes (*) par Piero Galloro, Université Paul Verlaine, Metz 17.45 : La reconversion aux frontières du Luxembourg au lendemain de la crise sidérurgique des années 1970 (#) par Nicolas Verschueren, Université du Luxem­ bourg 11.15 : Die Geschichtsforschung zum Handwerk der Stadt Luxemburg im Mittelalter (*) par Eva Jullien, Université du Luxembourg Session 2 : De la diversité des mondes industriels 14.00 : La faïencerie Boch et la production européenne de céramique (18e-début 19e siècle) par Jean-Luc Mousset, Musée national d’histoire et d’art, Luxembourg 14.30 : Histoire des chemins de fer luxembourgeois en tant qu’histoire industrielle. Une histoire à écrire? (*) par Yvan Staus, Université du Luxembourg 15.00 : Weibliche Lohnarbeit im 19. Jahrhundert aus der Sicht der Luxemburger Geschichtsschreibung (#) par Renée Wagener, Université du Luxembourg 9

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4e Assises de l’historiographie luxembourgeoise Laure Caregari, René Leboutte, Arnaud Sauer, Denis Scuto Samedi 19 novembre 2011 Session 4 : (Ruhr-)Sarre-Lor-Lux : Une Grande région sidérugique 9.00 : Die „Adolph-Emil-Hütte“ in Esch-Belval im Rahmen der Bautätigkeit der Gelsenkirchener Bergwerks AG (#) par Alexander Kierdorf 14.30 : Le travail transfrontalier dans l’industrie lourde entre Belgique, France et Luxembourg (de l’entre-deux-guerres aux années 1970) (*) par Arnaud Sauer et Denis Scuto, Université du Luxembourg 9.30 : Die saarländische Schwerindustrie 19201935 im Spannungsfeld der Großregion SaarLorLux (*) par Anja Pattar, Universität des Saarlandes 15.00 : Syndicats et immigrés au Luxembourg des années 1970 à aujourd’hui (*) par Roland Maas, Adrien Thomas, CEPS/ INSTEAD Luxembourg Session 7 : Industrie et représentations 15.45 : Luxemburger Industrie als Thema im luxemburgischen Curriculum im späten 19. und 20. Jahrhundert (#) par Catherina Schreiber, Université du Luxembourg 16.15 : L’industrie dans la littérature: tour d’horizon 10.00 : Werkwohnungsbau in Luxembourg – Eine Forschungsbilanz (#) par Antoinette Lorang, Fonds Belval Session 5 : L’industrie, toute une culture 10.45 : Le patrimoine architectural industriel au Luxembourg (#) par Alain Linster, Fondation de l’architecture et de l’ingénierie Luxembourg des recherches passées et actuelles par Jeanne E. Glesener et Anne-Marie Millim, Université du Luxembourg ­ 16.45 : La photo, le cinéma et l’industrie du fer (#) par Daniel Cao et Luciano Pagliarini, Amicale des hauts fourneaux de Belval 17.15 : La mémoire ouvrière dans l’industrie du fer 11.15 : Die Industrielandschaften in der Großregion (#) par Malte Helfer, Université du Luxembourg 11.45 : L’itinéraire de la culture industrielle (ICI). Un projet transfrontalier de valorisation des patrimoines industriels entre le Nord-Pas de Calais & la Wallonie (#) par Karima Haoudy et Daisy Vansteene, Ecomusée du Bois-du-Luc luxembourgeoise (#) par Laure Caregari et Arnaud Sauer, Université du Luxembourg ­ 17.45 : Conclusions par Denis Scuto Session 6 : Industrie et migrations 14.00 : Le Luxembourg: Un pays d’émigration. Etat de l’historiographie de l’émigration luxembourgeoise à l’exemple de la France (**) par Christine Muller, Ecole des hautes études en sciences sociales, Paris ( ) ( (#) * **) Contributions publiées, sous forme modifiée, dans Hémecht 64/4 (2012). Contribution publiée, sous forme modifiée, dans Hémecht 65/2 (2013). Contributions publiées, sous forme modifiée, dans le présent numéro de Mutations 6 (2013). 10

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Das Auge des Zyklopen — Die Luxemburger Geschichtsschreibung und die weibliche Lohnarbeit im Zeitalter der Industrialisierung Das Auge des Zyklopen. Die Luxemburger Geschichtsschreibung und die weibliche Lohnarbeit im Zeitalter der Industrialisierung.1 Renée Wagener Ein einäugiger, in einer Höhle lebender Riese, der zwar von seiner Gestalt und Kraft her beeindruckt, aber eben nur über ein eingeschränktes Sichtfeld verfügt, so wird der Zyklop in der griechischen Mythologie dargestellt. Im folgenden Beitrag soll sein Bild als Metapher für die genderspezifisch eingeengte Sichtweise der Luxemburger Geschichtswissenschaft dienen. Bei der historischen Darstellung der Arbeit im Luxemburg des 19. und 20. Jh. erstaunt aus heutiger Sicht die scheinbare Abwesenheit der Frauen (Abb.  1). Das ist weder ein spezifisch luxemburgisches Phänomen noch das alleinige Problem der Arbeitsgeschichte. Der französische Historiker Alain Corbin schreibt: „L’histoire de la femme se construit en écho, à l’aide d’un faisceau de discours masculins ; cela malgré l’effort des historiens(ennes) pour débusquer la parole féminine. La quasi-totalité des documents regroupés dans les dépôts d’archives publiques émanent d’hommes parés de responsabilités […].“ 2 Damit spricht er in einem Atemzug die gesellschaftliche Position von Frauen an, die es ihnen unmöglich machte, als eigenständige Akteurinnen Spuren zu hinterlassen, die Entscheidungsmacht jener Männer, die über Dokumentationswürdigkeit gesellschaftlicher Vorgänge entschieden, wie auch allgemeiner das Reden und Schweigen von Männern über die Handlungen von Frauen. In diesem Beitrag sollen zur Darstellung der Frauenarbeit drei Ebenen beleuchtet werden: 1.    die Unsichtbarkeit von Frauen in der Arbeitswelt als Folge der untergeordneten gesellschaftlichen und rechtlichen Stellung der Frau; 2.    das Schweigen der Quellen zur Frauen­ arbeit; 3.    die Geschichtsschreibung selbst, die bis in die Achtzigerjahre des 20. Jh., oft gar noch später Frauen ausblendet, bzw. ausblendende oder stereotypisierende Darstellungen anstandslos übernimmt. Abb. 1: Fotomontage zum Geschichtslehrbuch von Gilbert Trausch 1 Der Untertitel meines Beitrags verweist auf den Artikel, der ihm zugrunde liegt: WAGENER, Renée „Geld für den 2 CORBIN, Alain, Le „sexe en deuil“ et l’histoire des femmes au XIXe siècle, in: PERROT, Michelle (Hg.), Une histoire Haushalt verdienen“. Weibliche Lohnarbeit im 19. Jahrhundert aus der Sicht der Luxemburger Geschichtsschreibung, in: CONTER, Claude D. / SAHL, Nicole. (Hg.), Aufbrüche und Vermittlungen. Beiträge zur Luxemburger und europäischen Literatur- und Kulturgeschichte = Nouveaux horizons et médiations. Contributions à l’histoire littéraire et culturelle au Luxembourg et en Europe, Bielefeld 2010, S. 45-62. Mein Dank geht an Claude D. Conter und Nicole Sahl für die Erlaubnis, den Artikel in weiterentwickelter Form neu zu veröffentlichen. des femmes est-elle possible?, Marseille 1984, S. 141-154, hier S. 142. 11

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4e Assises de l’historiographie luxembourgeoise Renée Wagener 1. Frauen in der Arbeitswelt Lohnarbeit von Frauen ist im 19. Jahrhundert eine gängige Praxis. Und es ist auch in Luxem­ burg durchaus nicht selten, dass Frauen aufgrund ihrer Arbeit vermögend werden. So werden 1899 in einer Auflistung der Steuer­ pflichtigen, welche mehr als zehn Franken Mobiliar- und Grundsteuer zahlen, zahlreiche Frauen aufgeführt: Hotel- und Herbergen-­ Betreiberinnen, Wirtinnen, Händlerinnen, Rentnerinnen, hie und da auch Handwerkerinnen.3 Nicht nur in Luxemburg ist es aber oft nicht möglich, ein genaues Bild über die Erwerbstätigkeit von Frauen zu zeichnen, da nur verwitwete oder ledige Handwerkerinnen, bzw. Gewerbebetreibende oder reiche Besitzerinnen aufgeführt werden. Die Unsichtbarkeit weiblicher Arbeit ist Folge der untergeordneten gesellschaftlichen und rechtlichen Stellung der Frau im Familiensystem, das im Code Napoleon rechtlich verankert ist: Verheiratete Frauen sind keine eigenständigen Bürgerinnen.4 Sie können deshalb nicht autonom ein Gewerbe betreiben. Viele Arbeiten von Frauen und Mädchen finden zudem innerhalb des Familienhauses statt. Das trifft auch auf Männer zu. Heimarbeit wird jedoch gerade in der Landwirtschaft, in der Frauen stark vertreten sind, und in den für die Frauen wesentlichen Industriebereichen zu einem bedeutenden Phänomen. Ab Ende des 19. Jahrhunderts beginnt zudem eine neue Entwicklung. Das Modell der Hausfrauenehe beginnt auch in Luxemburg, den öffentlichen Diskurs zu besetzen. Nun setzen sich auch in Luxemburg Sichtweisen wie die folgende durch: [N]ous sommes de ceux qui croient que la place de la femme est au foyer familial et non pas à l’atelier. Non seulement la santé et la moralité de la femme courent, dans la fabrique, de graves dangers, mais la vie de famille disparaît, l’ouvrier n’a plus de home, il s’en va au cabaret, les enfants sont abandonnés à eux-mêmes et deviennent une proie facile pour la débauche et la prostitution qui les guettent dans les rues. Enfin l’intrusion de la femme dans l’atelier rabaisse généralement le salaire de l’homme.5 Luxemburg schließt so an eine allgemeine Entwicklung in den westlichen Industrie­ nationen an, wie die amerikanische Historikerin Clare Haru Crowston verdeutlicht: „During the second half of the nineteenth century, women’s work was viewed more often as a problem and as a negative outcome of processes of industrialization and modernization.“6 Eine weitere Erklärung für die Unsichtbarkeit der arbeitenden Frauen liegt in der Vormachtstellung der Eisenindustrie als Arbeitgeberin ab dem Jahrhundertwechsel: Die Berufs- und Gewerbezählung von 1907 nennt von insgesamt 59.309 im Gewerbe Beschäftigten 14.501 Personen7 – fast ausschließlich Männer –, die in Bergbau, Hüttenwesen und Metallurgie beschäftigt sind (Abb. 2). In Luxemburg schließt ab 1876 die Gesetzgebung Frauen- und Kinderarbeit aus dem größten neuen Arbeitsbereich, der Eisenindustrie, aus, im Unterschied etwa zum benachbarten Lothringen.8 Gegenüber der Prädominanz der Eisenindustrie bieten Textil-, Leder- und Bekleidungsindustrie, stark weiblich besetzt, zusammen weit weniger, nämlich nur 7.904 Arbeitsplätze. Dem gegenüber stehen allerdings die 101.261, 3 ADMINISTRATION des contributions et du cadastre, Renseignements statistiques. Impôt mobilier. Annexe. Liste 4 Von einem „quasi-silence“ mancher Quellen sprechen für Frankreich: PELLEGRIN-POSTEL, Nicole / JURATIC, nominative des contribuables ayant payé en 1898 plus de 10 francs de contributions mobilières avec annotation, dans la mesure du possible, de leurs cotes foncières, Luxembourg 1899. Sabine, Femmes, villes et travail en France dans la deuxième moitié du XVIIIe siècle. Quelques questions, in: Histoire, Economie et Société 3 (1994), S. 477-500, hier S. 479. 5 ULVELING, Albert, Une crèche à Luxembourg, Luxemburg 1898, S. 15f. 6 CROWSTON, Clare Haru, Fabricating Women. The Seamstresses of Old Regime France, 1675-1791, Durham 2002, S. 401. 7 Unter Berücksichtigung der nebenberuflichen Beschäftigungsverhältnisse: 17.893. 8 Siehe: Loi du 6 décembre 1876, concernant le travail des enfants et des femmes, in: Mémorial du Grand-Duché de COMMISSION permanente de statistique = Ständige Kommission für Statistik, Berufs- und Gewerbezählung vom 12. Juni 1907, Reihe 3, Bd. 1, Gewerbliche Betriebsstatistik, 1. Zahl der Gewerbebetriebe und der darin beschäftigten Personen, (Publikationen der ständigen Kommission für Statistik), Luxembourg 1909, S. 6; COMMISSION, Recensement professionnel et industriel du 12 juin 1907, Série 1, t. 2, La population par professions principales et accessoires, 1ère partie, Luxembourg 1912, S. 183. Luxembourg, 5.5.1877, N° 5 (1879), S. 230-232. 12

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Das Auge des Zyklopen — Die Luxemburger Geschichtsschreibung und die weibliche Lohnarbeit im Zeitalter der Industrialisierung Abb. 2: Zahlen aus: Recensement professionnel et industriel du 12 juin 1907. Série 1, t. 2: La population par professions principales et accessoires. 1ère partie, S. 183. Die Angaben betreffen Posten, nicht Personen; eine Person ­ kann sowohl einer Hauptbeschäftigung als auch einer oder mehreren Nebenbeschäftigungen nachgehen ständig oder vorübergehend Beschäftigten in der Landwirtschaft, wovon mit 49.393 fast die Hälfte Frauen sind.9 Den Stellenwert der Landwirtschaft als Hauptarbeitssektor unterstreicht Staatsminister Paul Eyschen noch 1897 in einer Stellungnahme zur Frage der gesetzlichen Sozialversicherung: Nous ne sommes pas un pays industriel. Nous sommes un pays agricole. […] Pour nous, la grande question sociale est la question agricole avant tout. C’est là que se trouve le plus grand nombre de nos travailleurs.10 1.1. Handschuhindustrie als Beispiel weiblicher Erwerbsarbeit Zur Landwirtschaft, die Hauptarbeitgeberin der Frauen, gesellt sich im 19. Jahrhundert zuneh- mend die Manufaktur als Einkommens­ quelle. Neben anderen vor- bzw. halbindustriellen Tätig­ keiten entwickelt sich besonders auch die Handschuhfertigung in Luxemburg. Sie erreicht ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Hochphase, ihre Produkte werden auch im Ausland geschätzt.11 Allerdings handelt es sich hier nicht um ein alt eingesessenes Handwerk, das industrialisiert worden wäre. Es gibt vor der Errichtung der ersten Fabriken durch neue Unternehmer – etwa der Familie Lippmann oder später des Preußen August Charles – nur zwei handwerkliche Handschuhschneider.12 Die Handschuhindustrie greift von Anfang an auch auf die Arbeitskraft von Frauen zurück: In der Fabrik Lippmann, die anfangs in LuxemburgStadt angesiedelt ist, sind Jean-Pierre Pier 9 Eine spezifisch für die Landwirtschaft aufgeführte Statistik rechnet nach „ständigen“ und „nichtständigen“ 10 Zit. nach SCUTO, Denis, La naissance de la protection sociale au Luxembourg, in: Bulletin luxembourgeois des questions Arbeitskräften. Sie gibt 93.912 ständig oder vorübergehend Beschäftigte an, davon mit 54.560 über die Hälfte Frauen, als Höchstzahl im untersuchten Zeitraum sogar 110.730, davon 62785 Frauen. COMMISSION, Berufs- und Gewerbezählung (Anm. 7), Reihe 2, Bd. 2, Landwirtschaftliche Berufsstatistik, Luxemburg 1910, S. 8-9. 11 OSWALD, Josef, Die wirtschaftliche Entwicklung des Großherzogtums Luxemburg innerhalb des Deutschen sociales 10 (2001), S. 39-60, hier S. 49. Trotzdem wird die Landwirtschaft aus der obligatorischen Krankheitsversicherung ausgeklammert. Ebda., S. 59. 12 Laut Gewerbesteuerverzeichnis einer im Kanton Vianden und einer im Kanton Grevenmacher. FUNCK, Antoine, Zollvereins (1842-1872). Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Luxemburgs, Esch-Alzette 1921, S. 169. L’industrie au Département des Forêts. Une statistique d’il y a cent ans, Diekirch 1913, S. 166. 13

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