Luft zum Atmen

 

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Anke Grabow Luft zum Atmen Eine Berliner Apothekengeschichte über mehr als ein Jahrhundert Zeit & Geschichte

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Anke Grabow Eine Berliner Apothekengeschichte über mehr als ein Jahrhundert Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN: 978-3-86408-149-1 Lektorat/Korrektorat: Alexander Schug Grafisches Gesamtkonzept: Stefan Berndt – www.fototypo.de Titelgestaltung, Satz und Layout: Peter Kanzler © Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin /2013 www.vergangenheitsverlag.de http://www.galenus-berlin.de Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Impressum

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Inhalt Prolog Meine Apothekengeschichte beginnt Die Ära Silten Aufschwung – die „Berliner Medizin“ in der Friedrich-Wilhelm-Stadt Silten und die Entwicklung der Sauerstoff- und Inhalationstherapie Apotheker und Kunstliebhaber Mehr als Geschäftspartner – Silten und die Familie Dräger Apparatebau-ATMOS-Medizintechnik GmbH Schrecken des Nationalsozialismus 7 9 17 24 44 39 19 Aus der Apotheke zur chemisch-pharmazeutischen Industrie und 60 56 Harte Kriegsjahre und Neubeginn nach 1945 – Familie Böwing Apotheke In der DDR – „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ im staatlichen Gesundheitswesen Von der Plan- zur Marktwirtschaft – Apotheke nach 1990 Die Apotheke - Mittelpunkt eines Gesundheitsnetzwerkes Gesundheitszentrum Blütenhof Die Filiale: Apotheke am Reichstag 81 102 137 147 148 154 161 151 120 Jahre Galenus-Apotheke, Stolpersteine und Inhalatorium EPILOG Quellenverzeichnis Abbildungsverzeichnis 166 165

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Prolog Auf dem Weg von der 1888 gegründeten Kaiser-Friedrich-Apotheke zur heutigen Galenus-Apotheke liegen nicht nur die 1951 erfolgte Umbenennung, sondern 125 Jahre wechselvoller deutscher und Berliner Geschichte. Die Galenus-Apotheke spiegelt auch die Entwicklung einer ganzen Branche mit allen Höhen und Tiefen, die das späte 19. und vor allem 20. Jahrhundert prägten. Ich bin vor 28 Jahren als Lehrling in diese Geschichte eingetreten und stehe heute als Apothekeninhaberin in der Reihe vieler anderer, die vor mir hier gearbeitet haben. Und wie schon meine Vorgänger und Vorgängerinnen stehe auch ich vor der Frage der Tragfähigkeit des ursprünglichen Konzeptes einer inhabergeführten Apotheke, wie sie die Galenus-Apotheke von Anfang an war. Es ist mir ein Anliegen, in der Verwurzelung mit der Geschichte, dem Aufspüren von gewachsenen Traditionen und Strukturen bis heute Gültiges zu entdecken. Ich möchte das tatkräftige Wirken der Apothekeninhaber und Mitarbeiterinnen in dem Umgang mit den immer wieder großen Herausforderungen für die Apotheke in der jeweiligen Zeit deutlich machen und sehen, welche Ideen, welches Engagement, welche Entwicklungsimpulse tragfähig waren und es für uns heute sein können. Ich habe mich deshalb auf den Weg gemacht, dort, wo es möglich war, geschriebene Erinnerungen zu verarbeiten, Gespräche mit Zeitzeuginnen zu führen und in den Archiven nach Dokumenten zur Geschichte meiner Apotheke zu suchen. Das vorliegende Buch ist 5

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das Ergebnis dieser Suche und damit eine Sammlung verschiedenster Quellen. Mein Ziel war es nicht, ein fachwissenschaftliches Buch zu schreiben, sondern ein Buch, das auch Platz für persönliche Geschichten bietet. So möchte ich Sie als Leser mitnehmen auf eine kleine Zeitreise, so wie ich sie durch meine Entdeckungen, Erfahrungen und Begegnungen erleben konnte. Die Galenus-Apotheke liegt mitten in der Friedrich-WilhelmStadt, einem Stadtquartier in Berlin-Mitte, das im Osten durch die verlängerte Friedrichstraße, im Süden durch den Lauf der Spree und im Westen durch den Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal begrenzt wird. An der Spree hatten sich Schiff bauer mit ihren Werkstätten und Holzplätzen niedergelassen, auf die noch heute die Straßenbezeichnung „Schiff bauerdamm“ verweist. Im Norden reicht es bis an die heutige Hannoversche Straße heran. Der Name Friedrich-WilhelmStadt bezieht sich auf König Friedrich Wilhelm III, in dessen Amtszeit (1797-1840) der Ausbau dieses Stadtgebietes erfolgte. Heute, wie zu der Zeit der Gründung der Apotheke 1888, lebt das Viertel von den berühmten Theatern, Restaurants, kleinen Geschäften und der geschichtsträchtigen und hier noch weniger belebten, aber jenseits der Spree wieder schillernden Friedrichstraße. Politisches Leben ist spürbar durch das in Sichtweise liegende Gesundheitsministerium und die gegenüber der Apotheke im ehemaligen Viktoria-Krankenhaus ansässige FDP-Hauptzentrale. Häufig nutzen die nahen Medienanstalten die Galenus-Apotheke als Kulisse bei gesundheitspolitischen oder die Apotheken betreffenden Themen. So erscheinen immer mal wieder Mitarbeiterinnen in den Medien. Das Universitätsklinikum Charité ist nicht weit und es gibt gestern wie heute einige niedergelassene Ärzte und Naturheilpraxen im Kiez. Die Apotheke liegt zwischen Hauptbahnhof und Friedrichstraße, eben mitten drin, was mir täglich auf meinem Weg zur Arbeit bewusst wird und was ich sehr genieße. 6

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Meine Apothekengeschichte beginnt Die Gründung der Apotheke fand inmitten einer turbulenten Zeit statt, den Gründerjahren, die Berlin bald zur Weltmetropole werden ließen. Nach dem deutsch-französischen Krieg und der Gründung des Kaiserreiches 1871 stieg Berlin von der preußischen Residenzstadt zur Hauptstadt des neuen Staatsgebildes auf. Die 826.000 Einwohner zählende Stadt bestand zur damaligen Zeit aus 16 Stadtteilen. Bedeutende Unternehmen, die das Bild der Stadt entscheidend veränderten, wurden in dieser Zeit gegründet, so zum Beispiel die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG), die Chemischen Werke Kunheim & Co, die Aktiengesellschaft für Anilinfarben (Agfa) und viele andere. Im Zuge der industriellen Entwicklung stieg die Einwohnerzahl beträchtlich, so dass schon knapp zehn Jahre nach der Reichsgründung die Ein-Millionen-Grenze überschritten wurde. Die dadurch ausgelöste Wohnungsnot führte in Verbindung mit Bodenspekulationen und rücksichtsloser Ausnutzung der Grundstücke zu menschenunwürdigen Wohnverhältnissen, unter denen die Mehrheit der Bevölkerung litt. Berlin stand damals in Verruf, die größte Mietskasernenstadt der Welt zu sein. 1 Die Hygiene und die Gesundheitsfürsorge mussten den veränderten Bedingungen einer Großstadt erst noch angepasst werden. Eine zentrale Stellung nahmen dabei die Abwasserentsorgung der Stadt und die Bereitstellung von Trinkwasser für die Bevölkerung ein. Der Bau der Kanalisation war vor allem dem Wirken des Arztes und Stadtverordneten Rudolf Virchow zu verdanken. Neben diesen Meine Apothekengeschichte beginnt 7

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Maßnahmen bildeten die Forschungsergebnisse von Robert Koch, der Methoden zur Seuchenbekämpfung entwickelte, die Voraussetzung für den Rückgang von Cholera- und Typhus-Epidemien. Kochs Entdeckung des Tuberkelbazillus eröffnete neue Möglichkeiten in der Tuberkulosebehandlung. Die Charité, 1710 als Pestkrankenhaus gegründet, war lange Zeit das einzige Krankenhaus Berlins. Einen grundlegenden Wandel in der ärztlichen Betreuung leitete der Bau städtischer, konfessioneller und privater Krankenhäuser im ausgehenden 19. Jahrhundert ein. Durch die rasante Urbanisierung und den dramatischen Bevölkerungszuwachs wurde auch die Anlage neuer Apotheken notwendig. Aufgabe der Apotheke war es von alters her, Menschen ordnungsgemäß mit Arzneimitteln zu versorgen, die sie unterstützen sollten, wieder gesund zu werden. Seit 1351 mit der durch Kaiser Karl IV. erlassenen Medizinalordnung war es ausschließlich Apotheken erlaubt, Arzneimittel herzustellen und zu verkaufen, nicht mehr dem Arzt, der bis dahin auch das Recht hatte, Medikamente an Patienten auszugeben. Die Art der Arzneimittel wandelte sich über die Zeit stark von den in der Apotheke früher ausschließlich selbst nach Anweisung eines Arztes oder eigenen Rezepturen hergestellten Arzneimitteln bis zu den heute vorwiegend gebräuchlichen Fertigarzneimitteln. Die Anlage der Galenus-Apotheke in Berlin fiel genau in diese Zeit des Umbruchs und vieler weitreichender Veränderungen für den jahrhundertelang gewachsenen Apothekenbetrieb. Die 1801 revidierte Apothekenordnung und viele nachfolgende Bestimmungen für Preußen, die damals wie heute länderspezifisch geregelt wurden, beinhalteten genaue Vorschriften hinsichtlich der notwendigen Ausstattungen wie Geräte und Literatur sowie Anforderungen an die Räumlichkeiten und Ausbildung der Mitarbeiter und bekräftigten gleichzeitig die hohen Anforderungen an den Apothekeninhaber. Apothekeninhaber mussten immer über ihre Landesherrschaft legitimiert werden, das heißt, sie wurden und werden bis heute geprüft, ob sie menschlich, gesundheitlich und fachlich in der Lage sind, eine Apotheke zu führen. Als Art der Legitimation gab es länderspezifisch den Berufseid, das Apothekenprivileg, später auch die Konzessionen. Zunächst galt das Privileg nur für eine Person, später gab es auch Sonderrechte wie die Möglichkeit der Vererbung und des Verkaufs. 8

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Als Verpflichtung für Apotheker mit eigener Apotheke galt und gilt bis heute: • seinen Beruf gewissenhaft auszuüben, • nicht in die ärztliche Berufsausübung einzugreifen, • nur qualifiziertes Personal einzustellen, • nur qualitativ einwandfreie Arzneimittel abzugeben, • genügend und die notwendigen Arzneimittel vorrätig zu haben, • geeichte Maße und Gewichte zu verwenden, • keine Gifte oder schädliche Stoffe ohne behördliche Erlaubnis abzugeben, • sich den Überprüfungen der Apotheke zu stellen, • nur angemessene Arzneipreise zu berechnen, • ständig dienstbereit zu sein („bei Tag und Nacht“), • sich an die derzeit gültigen und an künftig erlassene Apotheker- und Arzneitax-Ordnungen zu halten. Zur Zeit der Gründung der Galenus-Apotheke am Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Preußen die sogenannte Personalkonzession an Apotheker durch den Polizeipräsidenten an den dienstältesten Bewerber aufgrund eines Ausschreibungsverfahrens verliehen. So hoffte man, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen und Spekulationen mit Apothekenbetriebsrechten zu verhindern. 1867 hatte Berlin 705.765 Einwohner und eine Apotheke versorgte 14.403 Einwohner. 1880 waren es schon 1.122.385 Einwohner, das hieß auf eine Apotheke kamen 16.266 zu versorgende Menschen. 2 Polizeihauptmannschaften hatten die Aufgabe, die Kundenzahl der sich in ihrem Revier befindlichen Apotheken zu beobachten und zu melden. Nach Prüfung dieser Angaben wurde dann über die Anlage neuer Apotheken durch den Polizeipräsidenten entschieden. In einem Erlass des Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg vom 30. September 1887 wurde unter anderem die Anlage einer Apotheke in der Friedrich-Wilhelm-Stadt, und zwar „in der Karlstraße an der Einmündung in die Friedrichstraße”, genehmigt. Die Konzession wurde ausgeschrieben und so erhielt am 20. März 1888 der Apotheker Reinhold Andersch aus Berlin die Genehmigung zur Gründung einer Apotheke. Nun musste er nach geeigneten Räumlichkeiten suchen und fand sie in dem Haus Karlstraße 20a, das bisher dem ehemaligen Stadtrat Eduard Schmidt gehört hatte. Noch als ich am ersten September 1985 als Apothekenhilfe in der Galenus-Apotheke in Berlin-Mitte anfing Meine Apothekengeschichte beginnt 9

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Konzessionsurkunde vom 20. März 1888 10

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zu arbeiten, war die Geschichte in allen Räumen spürbar. Das ganze Haus schien kaum verändert seit seinem Bau, war jedoch in einem schlechten Bauzustand. Ich betrat die Apotheke, sie schien dunkel, ehrfurchtgebietend und etwas verstaubt. Die Apotheke befand sich im Erdgeschoss und im Keller des viergeschossigen Wohn- und Geschäftshauses mit zwei Seitenflügeln. Es dauerte einige Zeit bis ich mit den Räumlichkeiten vertraut wurde und irgendwann, auch im Schlaf, die vielen Treppen hinab in den Keller, in den Verkaufsraum und wieder zurück in den Seitenflügel zur Tee- und Wattekammer hätte laufen können. Der Apotheker Reinhold Andersch hatte vermutlich, nachdem er das Haus von Eduard Schmidt am 2.Juli 1888 gekauft hatte, den Fußboden des Erdgeschosses absenken lassen, um eine größere Raumhöhe für die Geschäftsräume zu erhalten und auch sonst einiges verändert, um das 1865 fertiggestellte Haus für den Apothekenbetrieb nutzbar zu machen. Die Bausubstanz war wohl von Anfang an nicht sehr solide. Der Erbauer des Hauses, der Zimmerpolier und Bauunternehmer Friedrich Wilhelm Lienow, hatte während der gesamten Bauzeit immer wieder finanzielle Schwierigkeiten. Er konnte nur unter großen Mühen das Haus fertigstellen und doch am Ende eine Zwangsversteigerung nicht verhindern. Im Berliner Adressbuch für das Jahr 1866 wurde die Gebäudeanlage Karlstraße 20a erstmals vermerkt. Die Bewohner spiegeln gut die Mischung der Menschen wider, die sich in diesem sich neu entwickelnden Stadtteil von Berlin niederließen. Unter der Anschrift sind neben dem Eigentümer Lienow sieben Mieter aufgeführt: Schneider Hübner, Kunsttischler Lange, Major von Langen, Cafetier Münch, Glashändler Neuschütz, Leutnant Graf von Wartensleben und Rentier Wendorff. Der Kaufmann David Steinberg ersteigerte das Haus für 54.400 Taler und verkaufte es schon vier Monate später mit fünf Prozent Rendite an Eduard Schmidt. Eduard Schmidt war selbst Baumeister und gehörte, von 1875 bis 1881, der Berliner Stadtverordnetenversammlung an. Dort war er beteiligt an wichtigen Entscheidungen zur städtebaulichen Entwicklung, er war Mitglied in der Baudeputation und der Deputation für Kanalisation und Abfuhr. 1887 verlegte der inzwischen 66-Jährige seinen Wohnsitz nach Schöneberg und verabschiedete sich als Stadtrat aus der Berliner Politik. So traf es sich, dass Andersch zur Gründung Meine Apothekengeschichte beginnt 11

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der Apotheke großes Interesse hatte, das Haus zu erwerben, und sie wurden sich einig. Bald nach meinem Start in der Galenus-Apotheke begannen Dr. Inga Bornschein, die damalige staatliche Leiterin der Apotheke, und einige Mitarbeiterinnen mit der Suche nach ehemaligen Apothekeninhabern und der Geschichte des Hauses, denn 1988 jährte sich die Apothekengründung zum 100. Mal. Galenus-Apotheke, 1988 Auch ich beteiligte mich an der Suche. Ich wurde als Lehrling in das Berliner Stadtarchiv geschickt, um die Berliner Telefonbücher durchzusehen. Damals lagen auch noch alle Originaldokumente zur Gründung der Apotheke, Miet- und Kaufverträge im Stadtarchiv. Die hier im Buch verwendeten Dokumente sind Kopien der damals verfügbaren Originale. Nach 1990 wurde das Stadtarchiv aufgelöst und seither sind alle Originaldokumente verschwunden, Nachforschungen ergaben keine Spur. Es scheint niemanden zu geben, der sich erinnert, wo die Unterlagen eingelagert wurden. Viele Tage verbrachte ich damals im Stadtarchiv und in anderen Bibliotheken. Langsam ließ ich mich anstecken. Die Geschichte der Gründung konnte bald erzählt werden. Sieben Monate nach Ausstellung der Konzession wurde die Apotheke, die den Namen Kaiser-Friedrich-Apotheke erhielt, fertig gestellt. In ihrer Ausgabe vom 24. Oktober 1888 vermeldete die Pharmazeutische Zeitung, dass Reinhold Andersch am 16. des Monats seine neu errichtete Apotheke eröffnet hat. 12

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Anzeige in „Pharmaceutische Zeitung“ vom 24. Oktober 1888 Die Apotheke blieb auf Grund der preußischen Ministerialverfügung vom 21. Juni 1886 für zehn Jahre unveräußerlich. Nur einige Monate nach Ablauf dieser Sperre verkaufte Reinhold Andersch die Kaiser-Friedrich-Apotheke zusammen mit dem Grundstück und Gebäude an den Apotheker Friedrich Bloch. Warum Reinhold Andersch die Apotheke schon nach zehn Jahren aufgab und was Friedrich Bloch später bewegte, bereits nach einem Jahr die Apotheke wieder zu verkaufen, konnte ich leider nicht herausfinden. Die Konzessionsübertragung an Friedrich Bloch erfolgte am 3. November 1898 gegen eine Verwaltungsgebühr von tausend Mark mit einem Marktwert der Konzession von zweihunderttausend Mark. Am 4. März 1899 annoncierte Apotheker Bloch in der Pharmazeutischen Zeitung, Berlin: „Per ersten April suche gut empfohlenen, unexaminierten Herrn.“ Am 5. April 1899 stand in der gleichen Zeitung folgende Annonce: „Erfahrener examinierter Herr sofort gesucht. Einhundertachzig Mark Gehalt.“ Scheinbar gelang es ihm nicht, in der Apotheke richtig Fuß zu fassen. Bereits einige Monate später wechselte die Kaiser-FriedrichApotheke wieder ihren Besitzer. Sie wurde am 2. November 1899 samt Meine Apothekengeschichte beginnt 13

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Immobilie von dem Apotheker Dr. Ernst Silberstein übernommen. Silberstein war der erste Besitzer der Apotheke, über den sich mehr als nur die groben Eckdaten finden ließen. Der Geschichte von Dr. Ernst Silberstein sich zu nähern, hat dennoch Jahre gebraucht und erfolgte immer wieder nur in kleinen Schritten. Auch jetzt denke ich, ist noch nicht alles erzählt, aber ich werde es versuchen. Je mehr ich von der Geschichte Silbersteins entdecken konnte, umso deutlicher wurde das Bild eines erfolgreichen deutschen Geschäftsmannes, eines Forschers und Tüftlers, Firmengründers, und zuletzt eines als Juden Verfolgten und Leidtragenden des Naziregimes. 1918 ließ Silberstein seinen Namen in Silten ändern, wahrscheinlich wegen der Einberufung seines ältesten Sohnes zum Militär. Dieser sollte nicht durch einen jüdischen Namen auffallen – ein Anliegen, das ganz typisch für das liberale Judentum in Deutschland war. Für mich ist diese Namensänderung bildlich für den großen Zwiespalt, in dem sich so viele Menschen befanden, einerseits sich ganz als Deutsche zu fühlen, selbstverständlich im Ersten Weltkrieg kaisertreu als Deutsche zu kämpfen, und andererseits in einer jüdischen Familie geboren zu sein, in der – wie bei den Siltens – die jüdische Religion allerdings kaum eine Rolle spielte. Durch Kriegseinsatz und Namensumbenennung manifestierte sich das Ausmaß der Anpassung einer Gruppe, die über Jahrhunderte diskriminiert worden war. Siltens wollten dazugehören. Sie waren – so fühlten sie sich und so wiesen es ihre Papiere aus – Deutsche. Eine banale Feststellung zunächst. Die weitere Geschichte sollte diesbezüglich tragischerweise noch anderes lehren. 14

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Die Ära Silten Als der Apotheker Dr. Ernst Silten das Haus samt Apotheke in der Karlstraße 20a für 45.000 Mark kaufte, war er 33 Jahre alt und noch ledig. Er wurde am 22.April 1866 in Königsberg als einer von fünf Söhnen einer jüdischen Familie geboren. Nach Abschluss der Schule studierte er Pharmazie in Berlin. 1894 ging er nach Rostock und promovierte 1895 bei Professor August Michaelis über organische Phosphorverbindungen: OxyphosphazoVerbindungen der aromatischen Reihe. Professor August Michaelis war seit 1890 ordentlicher Professor für Chemie und Pharmazie in Rostock und bereits bei seiner Berufung wissenschaftlich ausgewiesen und international anerkannt. Unter ihm wurde das Chemische Institut zu einem Anziehungspunkt für viele Studenten der Rostocker Universität. 1897 waren beispielsweise von 451 Studenten 123 Studierende der Chemie und 17 der Pharmazie. Sein Arbeitsgebiet war die Chemie organischer Phosphorverbindungen, zu der er grundlegende Beiträge lieferte. Nach ihm ist die parallel mit Alexander Arbusov (1877-1968) entdeckte Reaktion zur Darstellung von Phosphorsäureestern als Michaelis-Arbuzov-Reaktion benannt. Später wurde diese Reaktion als Grundlage zur Herstellung von Insektiziden, aber auch Kampfstoffen wie Sarin und Tabun. Letztere, nach den Genfer Konventionen eigentlich verboten, wurden neben anderen chemischen Kampfstoffen in Deutschland vor allem während des Zweiten Weltkrieges produziert, kamen jedoch glücklicherweise nicht zum Einsatz. Erst während des Golfkrieges in den 1980er-Jahren setzte der Iran gegen den Irak diese Kampfstoffe ein. Die Ära Silten 15

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