Porträt - Bernd Pokojewski

 

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Porträt von Bernd Pokojewski

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Sie nennen ihn „Poko“ Von Helmut Brückmann Er gilt in der Fachwelt als eine Art Urgestein bei den Personenschützern und ist über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Sein Rat bei Kollegen ist gefragt. Bernd Pokojewski, der dieser Tage seinen 70. Geburtstag feierte, ist immer noch gefragter Referent und Trainer. Ich kenne ihn seit den Tagen an der „Startbahn West“ – ein Einsatz, der allen Beteiligten unvergessen ist, nicht nur wegen der beiden erschossenen Polizeibeamten1 Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm von der Hessischen Bereitschaftspolizei. An den von mir bisher durchgeführten 20 Fachkonferenzen Personenschutz fehlte Bernd Pokojewski nie, bei 19 Veranstaltungen war er Referent. Er ist allen als „der Poko“ bekannt, doch nur wenige kennen ihn wirklich. 1 Der damals 33-jährige Andreas E., Mitglied einer militanten Gruppe, feuerte während einer Versammlung gegen die damals bereits seit drei Jahren in Betrieb befindliche Startbahn West 14 Schüsse mit einer Pistole auf Einsatzkräfte der Hessischen Bereitschaftspolizei ab. Ein 43-jähriger und ein 23-jähriger Polizeibeamter starben, sieben weitere wurden durch die Schüsse verletzt, teilweise schwer, was eine vorzeitige Pensionierung zur Folge hatte. Die Tat erregte bundesweit großes Aufsehen und markierte das Ende der organisierten Proteste gegen die Startbahn West. Zwei Jahre nach Beginn des sogenannten Frankfurter Startbahnprozesses wurde der Täter im März 1991 3 zu einer 15-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt; im Oktober 1997 wurde er nach insgesamt zehn Jahren aus der Haft entlassen.

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„Lederappell“ an einem Samstagmorgen an der Hess. Polizeischule 1962 Bernd Pokojewski wurde 1943 in Ostpreußen geboren. In den letzten Tagen des Krieges, Januar 1945, floh seine Mutter Erika mit seiner Schwester Marianne und ihm vor den Russen über die Ostsee. Die Flucht führte sie nach Dänemark, wo sie interniert wurden, während Vater Alwin den Russen als Frontsoldat in die Hände fiel. Bernd Pokojewski: „Die Russen schoben meinen schwerverwundeten Vater wie Tausende andere Schwerverwundeten unmittelbar nach Kriegsende in die britische Zone nach Deutschland ab, meine Mutter, meine Schwester und ich gelangten auf verschlungenen Wegen in ein Flüchtlingslager in Gießen, wo wir auch unseren Vater wieder fanden.“ Die Familie war wenigstens zusammen. Gießen gehörte zur amerikanischen Besatzungszone, das Barackenlager befand sich neben dem Amerikanischen Depot und war als Flughafensiedlung bekannt. „Tiefstes 4 Niveau“, sagt Pokojewski, „was Ernährung und Unterbringung betraf. Mein Vater wurde bald stellvertretender Lagerleiter, was natürlich mit Privilegien verbunden war. Und das hieß nichts anderes als Überleben. Später hat mir meine Mutter erzählt, welche Mühen und Sorgen sie hatte, ihre Familie – inzwischen um einen Bruder vergrößert – in den Jahren 1945 bis 1949 durchzubringen. Erst der Marshallplan brachte ab 1948 Erleichterungen2“ Die Familie Pokojewski wurde dann in Gießen sesshaft, und der Vater erhielt wieder eine Stelle im Staatsdienst wie vor 2 Am 5. Juni 1947 präsentierte der damalige US-Außenminister, George C. Marshall, in einer Rede vor Studenten seine Vorstellungen vom Wiederaufbau. Als Vorbedingung für amerikanische Hilfsmittel verlangte er eine gemeinsame Initiative der europäischen Staaten. Im Herbst 1948 kamen dann die ersten Waren des „European Recovery Programs“ in Europa an. Insgesamt lieferten die USA bis 1952 Waren im Wert von etwa 15 Milliarden US-Dollar nach Europa.

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dem Kriege, natürlich erst nach der Entnazifizierung, denn er gehörte zur Führungsclique der SA in Ostpreußen, „war aber kein hohes Tier“. Beim Finanzamt wurde er als Finanzoberinspektor wieder eingestellt. Gleichzeitig bekamen wir eine akzeptable Landeswohnung zugeteilt. 1958 zog die Familie im Zuge einer Versetzung nach Offenbach. Die Kinder besuchten die Realschule. „Nach der Mittleren Reife und einem Jahr Höhere Handelsschule hatte ich den Wunsch, zur Polizei zu gehen. Angeregt wurde dieser Berufswunsch dadurch, dass ich auf dem Weg zur Schule immer an der Kriminalwache, untergebracht in einer alten Villa, vorbeigehen musste. Außerdem stand mein 18. Geburtstag bevor, und ich befürchtete eine Einberufung zur Bundeswehr. Es bestand ja schon wieder Wehrpflicht. Ging man aber zur Polizei, dann galt das als Ersatz für den Wehrdienst.“ Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung ging’s dann am 1. Oktober 1961 zum Polizei-Anwärterlehrgang (PAL 37a) an die Hessischen Polizeischule in Wiesbaden-Dotzheim. Dort war man immer noch dabei, alte Kommissregeln abzuschaffen. Das war nicht so einfach, denn Teile des Lehrpersonals, hatten noch den Krieg mitgemacht und meist nichts dazugelernt. Deshalb waren das Marschieren, Exerzieren und strammes Grüßen noch Teil des Lehrplanes. „Der Hundertschaftsführer hieß zwar nicht mehr Hauptmann, sondern Hauptkommissar, doch trug Das Überfallkommando 1964; Bildmitte mit Schreibbrett „Poko“ er – auch im Hochsommer – seine Wildlederhandschuhe in der NichtGrußhand. Wir mussten sogar noch ‚Griffe kloppen’ mit dem FN-Gewehr G1, was eigentlich gar nicht geht und deshalb bald abgeschafft wurde. Und im Gleichschritt durch Dotzheim bis zum Übungsgelände im Rabengrund marschieren. Dabei ‚Ein Lied, zwo, drei…`. Im Übungsgelände haben wir dann „Partisanen“ gesucht und Heckenschützen mit Platzpatronen bekämpft. Was dieses Krieg spielen mit polizeilichen Aufgaben zu tun hatte, wusste keiner. Zurück ging es dann mit dem offenen Mannschafts-Lkw, auf der Holzpritsche. Auch wenn auf Geheiß des Innenministeriums der Gummiknüppel nun verharmlosend Polizeistock hieß, 5

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Nach einer erfolgreichen Häuserräumung 1972. v.l. nach r.: Frankfurter Polizeipräsident Knut Müller, Bernd Pokojewski und Einsatzleiter Horst Vogel. währte es noch einige Jahre, bis der alte Geist gewichen war. Selbst wenn diese Schilderung ein bisschen lustig klingt, so war doch unser Tag von 5.45 Uhr bis 17.00 Uhr völlig durchgeplant, und samstags war Dienst bis 12.00 Uhr. Wir hatten 12 Lehrfächer wie Strafrecht, Polizeirecht, Verkehrsrecht etc. Im letzten Monat der einjährigen Grundausbildung durften wir, quasi als Belohnung, den Polizeiführerschein machen. Wie hat ihm das Leben in der Gemeinschaft, auf den Vier-MannBuden gefallen? Mein Gesprächspartner weiß gleich, worauf ich hinaus will: „Es war eine harte Zeit für junge Leute. Schon damals musste ich mich als 6 Jüngster im Lehrgang durchbeißen, denn in jedem Lehrgang, in jeder Gruppe gibt es eine Hackordnung. Da musste man darauf achten, dass man nicht untergebuttert wird. Körperlich und auch von der Persönlichkeit her. Doch die Kameradschaft war relativ gut und das Mobbing gering.“ Wie ging es weiter nach dem Grundjahr an der Polizeischule? „Ich kam zur III. Abteilung der Hessischen Bereitschaftspolizei in Mühlheim am Main und wurde dem Fernmeldezug zugeteilt. Es war eine schöne Zeit, der Unterricht war moderat und die Ausbilder in aller Regel umgänglich, man hatte eben gemeinsam Aufgaben zu erfüllen. Nach ca. zwei Jahren kam nach Bestehen des Hauptwachtmeister-Lehrgangs meine Versetzung in den Einzeldienst. Ich hatte Frankfurt gewählt. Das war etwas außergewöhnlich, denn nach Frankfurt wollten die wenigsten. Für die Kameraden aus Mittel- und Nordhessen war eine Versetzung nach Frankfurt eine Horrorvorstellung. Ein Freiwilliger für Frankfurt Als einer der wenigen Freiwilligen wurde man deshalb von den neuen Kollegen und Vorgesetzten besonders geschätzt. Alle „Neuen“ kamen zunächst zur 1. Polizeibereitschaft in der Melemstraße. Das Dienstgebäude war ein altes Wohnhaus, in dem normale Zimmer zu Diensträumen umfunktioniert worden waren. Es kamen die ersten Einsätze. Nichts Ungewöhnliches, wenige Demonstrationen, kaum Wasserwerfereinsätze.

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1974 während der Spezialausbildung bei den Einzelkämpfern der Bundeswehr. Aber da waren auch die Abstellungen zum Auschwitzprozess3 in den Jahren 1963/64, „ein ungeliebter Job, weil er langweilig war. Der Prozess ging über mehrere Jahre. Neben jeden aus der U-Haft vorgeführten Angeklagten, es waren 12, saß einer von uns. Wer während des Prozesses einschlief, wurde abgelöst. Und wer auf diesen Job keinen Bock mehr hatte, der schlief nicht aus Versehen ein, sondern mit Absicht. Dieser Dienst hatte sich dann erledigt. 3 Bei den Auschwitzprozessen handelt es sich u.a. um sechs Strafprozesse gegen Mitglieder der Lagermannschaft des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz vor dem Schwurgericht in Frankfurt am Main in den Jahren 1963–65 (1. Auschwitzprozess), 1965/66 (2. Auschwitzprozess) und 1967/68 (3. Auschwitzprozess) sowie drei Nachfolgeprozesse in den 1970er-Jahren. Geiselnahme in einer Bank - kurz vor dem Zugriff (rechts Einsatzleiter Polizeirat „Toni“ A., links Bernd Pokojewski Leiter Zugriff - 1973) Die Nürnberger Prozesse4 waren sicherlich ein Vorbild für die Frankfurter Verfahren mit Generalstaatsanwalt Fritz Bauer als Chefankläger im Hintergrund. „In den Pausen wurden wir von den Angeklagten nicht selten provoziert, indem sie vor uns stramm standen und salutierten oder sich sonst wie über uns lustig machten. Erst viel später habe ich reali4 Die Nürnberger Prozesse umfassen den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof sowie zwölf weitere so genannte Nachfolge-Prozesse vor einem US-amerikanischen Militärgerichtshof, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Justizpalast Nürnberg zwischen dem 20. November 1945 und dem 14. April 1949 gegen Verantwortliche des Deutschen Reichs zur Zeit des Nationalsozialismus durchgeführt wurden. 7

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„Poko“ 1974 als Angehöriger des SEK mit einer damals seltenen „Fremdwaffe“, dem AK 47 (Awtomat Kalaschnikowa); das sowjetisch-russisches Sturmgewehr ist besser bekannt unter der Bezeichnung „Kalaschnikow“. siert, welche Bedeutung der Prozess für Deutschland und die Weltöffentlichkeit hat.“ Interessanter war die Abstellung zum Überfallkommando: „Da habe ich mir meine ersten Meriten verdient. Ich war Backschafter5. Der Begriff kommt aus der Marine und bezeichnet denjenigen, der auf dem Schiff für die Messe eingeteilt ist. Bei uns hatte der Backschafter dafür zu sorgen, dass zu Beginn jeder Schicht das Fahrzeug samt Ausrüstung über5 Meist wird jedes Besatzungsmitglied der Backschaft abwechselnd als Backschafter eingeteilt. Aufgabe des Backschafters ist es, die Back (den Tisch) aufzudecken und nach Beendigung der Mahlzeiten wieder abzudecken. Weiterhin zählen das Aufräumen und Säubern (Aufklaren) der Back zu seinen Aufgaben. prüft wurde, er machte Notizen über den Einsatzverlauf und durfte, wenn er geschickt war, auch den Überfallbericht für den Kommandoführer schreiben.“ Etwa 800 bis 1000 Alarmanlagen waren im Polizeipräsidium in der Notrufzentrale von der damaligen Firma Telefonbau & Normalzeit (T&N) aufgeschaltet. Von den meisten Objekten war neben einem Lageplan ein Generalschlüssel vorhanden, weshalb man bei solchen Anlagen von „Schlüsselmelder“ sprach. „Das Kommando,“ sagt Pokojewski, „bestand immer aus sieben Mann – mit Fahrer, Hundeführer, Kommandoführer, Backschafter und Truppe. Wir rückten im Opel Blitz aus. Oft wurden wir gerufen, wenn Funkstreifen in der Stadt Probleme hatten und Unterstützung brauchten. Wenn wir kamen, ging es zur Sache. Der Tatbestand der Gefangenbefreiung war ebenso ein Fremdwort für uns wie das Zurückweichen vor aggressiven Gruppierungen. Da jeder sich auf jeden verlassen musste, herrschte eine gute Kameradschaft. Besonders motiviert waren wir bei der Jagd nach Einbrechern und Bankräubern. Nebenbei habe ich bei diesen Einsätzen auch Frankfurt kennengelernt.“ Dienst auf dem Revier und Vorbereitung zum Polizeikommissar Nach rund zweieinhalb Jahren wurde Pokojewski zum 9.Polizeirevier im Süden Frankfurts versetzt. In seinem Bereich befand sich auch die Blutbank des DRK. Von dort gab es 8

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SEK Beamter mit Bundeswehrhelm und halbautomatischer Flinte bei einer Übungslage im Übungsdorf „Bonnland“ (ca. 1976) Abseilübung des SEK Frankfurt im Übungsdorf „Bonnland“ auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg der Bundeswehr (ca. 1976) häufig Einsatzfahrten mit dringenden Blutkonserven durch die ganze Stadt zu Übergabepunkte für die Funkstreifenstafetten nach Mittelund Südhessen. Gefährliche Szenen spielten sich ab, wenn sich ein Einsatzfahrzeug mit einer eiligen Blutkonserve und ein zum Einsatz fahrender Funkstreifenwagen an einer Kreuzung trafen, die für einen von ihnen auf Rot stand. „Es ging immer gut. Kurz durchgeatmet, und dann ging’s weiter. Es gab immer wieder gefährliche Situationen wie zum Beispiel die Festnahme eines gesuchten Mörders. Eigensicherung hatte damals längst nicht den Stellenwert wie heute. Da Bernd Pokojewski auf Grund seiner dienstlichen Beurteilungen für den gehobenen Polizeivollzugsdienst vorgesehen war, musste er nebenher noch für zwei Jahre eine Art Fachhochschule absolvieren. Das Bestehen dieser Oberstufe war die Voraussetzung für die Zulassung zu dem einjährigen Kommissarlehrgang an der Polizeischule in Wiesbaden 1968. Diese Ausbildung war mit der von 1961 nicht zu vergleichen. Die Ausbilder von damals hatten inzwischen weitgehend jüngeren Dozenten Platz gemacht und machten einen knallharten, aber interessanten und für die damalige Zeit modernen Unterricht. Nach bestandener Prüfung 9

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Bild oben: Das SEK vor dem Abtransport mit 6 Pumas des BGS am 30.1.1982; „Poko“ ganz rechts im Bild. Bild unten: Die Pumas sind gelandet, um das SEK aufzunehmen. die Sperrzeiten in den Bars und Gaststätten bemerkten, wurden diese in jedem Falle angezeigt und Razzien durchgeführt. Wir sollten auch den Autostrich beseitigen, was nicht so einfach war. Dazu eine kleine Anekdote: Die Autohuren, die sich für was Besseres hielten, schoben bei Kontrollen ihre Fahrzeugpapiere nur durch einen kleinen Fensterschlitz. Nachdem in einem Falle die Damen meiner mehrfachen Aufforderung zum Aussteigen nicht nachkamen, habe ich einen Abschleppdienst kommen lassen, der den ‚Ami-Schlitten’ auf den Haken nahm. Und los ging’s mit ohrenbe10 täubendem Lärm, da das Fahrzeug ein Automatikgetriebe hatte, welches sich bei der Prozedur zerlegte. Gleichzeitig blockierten die Hinterräder, die schwarze Spuren bis zum Revier zogen. Dort angekommen, forderte ich nochmals – vergeblich – zum Aussteigen auf. Dann habe ich das Problem mit einer Axt gelöst, also die Seitenscheibe ausgeschlagen und die Dame herausgezogen. Polizeirechtlich fiel das Zertrümmern der Scheibe unter den Begriff ‚Gewalt gegen Sachen,’ und die Edelhuren waren für den Rest der Nacht in ’Polizeilicher Verwahrung’, weil sie im Sperrgebiet anschafften. Unser Vor-

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neuen 25-jährigen Kommissar Pokojewski nicht einfacher machte. Hinzu kam eine starke Fluktuation des Personals, da viele den Stress nicht aushielten und so schnell wie möglich versetzt werden wollten. Durch diesen Personalwechsel gehörte ich alsbald zu den Erfahrenen in der Dienstgruppe, was meiner Autorität zugutekam.“ Rückblickend stellt mein Gesprächspartner fest, dass er zu jener Zeit auch gute Vorgesetzte hatte, von denen er viel lernen konnte, die hinter ihm standen und tatsächlich halfen, wenn etwas Gebäude des Übungsdorfes „Bonnland“ der Bundesaus dem Ruder lief. Und das ging im wehr auf dem Truppenübungplatz Hammelburg. Bahnhofsviertel schnell, im Kampf ging es zurück nach Frankfurt. gegen organisierten Nepp, Zuhälter und andere Gangstergruppierungen. Kommissar Pokojewski im 4. Revier Das 4. Revier ist im Bahn- Probleme im Rotlichtmilieu hofsviertel gelegen und gilt deshalb Die gerade in Frankfurt erlasheute noch als eine heiße Kiste. Zur sene Sperrgebietsverordnung führte damaligen Zeit wurden zum ersten zum Showdown zwischen RotlichtMal Kommissare statt Polizeihaupt- milieu und Polizei. Mein Gesprächsmeister als Dienstgruppenleiter ein- partner hat hierzu ein schönes Beigesetzt, also gehobener statt mittle- spiel über die Durchsetzung der rer Dienst, wie es im Beamtenrecht Verordnung parat: „Diesen Auftrag korrekt heißt. Besonderer Stress haben wir innerhalb weniger Wowar damit programmiert: „Im ‚Pul- chen ausgeführt, auch wenn wir uns verdampf’ ergraute, sehr erfahrene anfangs mit den Zuhältern rumprüHauptmeister wurden durch uns jun- geln mussten. Wir haben den Druck ge Kommissare ersetzt. Eine psycho- erhöht. Und Druck erzeugt Gegenlogisch ungünstige Ausgangslage, druck. Wir haben unsere Leute modie es zu bewältigen galt. Hinzu kam, tiviert und jede Art von ‚Fraternisiedass eine Dienstschicht auf dem Pa- rung’ unterbunden. Also kein Hände pier 27 Mann zählte, von denen aber schütteln und sich mit Unterweltfihöchstens zwischen 12 und 16 an- guren freundlich unterhalten. Das wesend waren, aus welchen Gründen sind falsche Signale an das Umfeld! auch immer. Darunter waren zwei Wir wählten die Politik der kleinen Alkoholiker, was die Sache für den Schritte. Wenn wir Verstöße gegen 11

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In den Kulissen eines Schießparcours in Texas. gehen sprach sich natürlich schnell herum, insbesondere bei den Loddels (Zuhälter). Am nächsten Abend die gleiche Situation. Um das Abschleppen zu verhindern, setzten sich drei, vier Zuhälter auf den Abschleppwagen.“ Die Prügelei war grenzwertig, wir gewannen und für die Zukunft hatten alle die Botschaft verstanden. Natürlich gab es gegen uns eine Reihe von Anzeigen und Beschwerden, um uns zu verunsichern; die Verfahren wurden jedoch eingestellt.“ Pokojewski und seine Mannen gingen auch gegen die Bars und Etablissements vor, die vor der Türe einen Anreißer stehen hatten. Diese stellten sich Passanten in den Weg und versuchten sie, in die einschlägigen Lokale hineinzuziehen, was verboten war. Und die Polizisten sorg12 ten dafür, dass das Ausnehmen der Barbesucher, insbesondere der Ausländer, zurück ging. 500 Mark und mehr für einige Cola-Cognac waren keine Seltenheit. Durch ständige Kontrollen wurde der Druck schließlich so stark, dass die Szene nicht mehr mit Anzeigen oder Beschwerden (beim Oberbürgermeister) versuchte, die Beamten zum Aufgeben zu bewegen, sondern durch Anbiedern. Dann hieß es plötzlich sehr freundlich „Guten Abend, Herr Pokojewski, wie geht’s heute?“ Kurzum, man versuchte, sich „einzuschleimen“. Natürlich vergeblich. Mein Gesprächspartner erzählt mir noch eine ganze Reihe ähnlicher Beispiele, die belegen, wie bis zur Mitte der 80er Jahre im berüchtigten Bahnhofsviertel für Ordnung gesorgt wurde.

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Realistisches Wettkampfschießen „Shoot – don’t shoot“ in Belgien. Demos und die Zeit der 68er Ab 1968 gab es in Deutschland große Demonstrationen von Studenten in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Oft waren es Demonstrationszüge mit vier bis sieben Tausend Menschen, die die Polizei als Ordnungsfaktor anfangs vor fast unlösbare Aufgaben stellte, nicht nur personell. Die Demonstranten störte es nicht, ob Verwaltungsgerichte Auflagen machten oder gar den Aufzug untersagten. Auch die Politik war verunsichert; eine außerparlamentarische Opposition (APO) meldete sich lautstark – fast jedes Wochenende. Während die Polizei mit Wasserwerfer, Polizeihelm und Schild aufrüstete, sprach man andernorts davon, bei der nächsten Demo Scheiben bei Banken und Kaufhäusern einzuschlagen, Autos umzuwerfen. Bei jeder größeren Demonstration marschierte ein sog. „Schwarzer Block“ mit, der schwarz gekleidet, mit Helm und Gesichtsmaske die Demos eskalieren ließ und oft blitzschnell das U-BahnNetz zur Flucht nutzte, wenn die Polizei anrückte. Die Situation wurde zusätzlich verschärft, weil durch den Bau der U-Bahn immer handliche Wurfgeschosse, sprich Pflastersteine, zur Verfügung standen. Die Polizei setzte bei jeder Demo zur Aufklärung der Lage ein Ziviles Aufklärungskommando (ZAK) ein, dem auch Bernd Pokojewski häufig als Einsatzleiter angehörte: „Einmal habe ich erlebt, wie in ganz kurzer Zeit in der Innenstadt ein Glasschaden von 800.000 Mark angerichtet wurde. Die linken Krawallmacher nannten solche Aktionen ‚Entglasung’. Zielscheiben waren häufig Niederlassungen auslän13

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Das SEK trainiert alles, auch das Wände-hoch-Laufen. discher Konzerne, zum Beispiel die IBM, und natürlich die Banken. Politische Vorgaben führten häufig dazu, dass massive Polizeikräfte „versteckt“ und zu spät oder gar nicht von der Polizeiführung eingesetzt wurden. Lieber wurden massive Steinwürfe und massenhaft beschädigte Häuser und Autos akzeptiert als eine unfriedlich verlaufende Demonstration mit Gewalt aufzulösen oder erst gar nicht zu zulassen. Und dann gab es auch die Zeit der Hausbesetzungen…“. Ich unterbreche den Redefluss. Was war die nächste Station des frisch beförderten Polizeihauptkommissars? Beim Sonderkommando (SOKO) „Ich wurde mit 28 Jahren stellvertretender Leiter beim 16. Revier, zwischen Innenstadt und Höchst gelegen. Der kurz vor seiner Pensionie14 rung stehende Revierleiter überließ mir de facto die Revierleitung. Entsprechend war die Skepsis gegenüber dem „Schlaumeier“ vom 4. Revier.“ Doch konnte „das alte Frontschwein“ bald die neuen Kollegen für sich gewinnen, denn er machte vor, was er von seinen Beamten verlangte. Um die Straßenkriminalität in der gesamten Innenstadt nachhaltig in den Griff zu bekommen, wurde 1971 ein Sonderkommando (SOKO) der Schutzpolizei in Zivil eingerichtet. Mit ausgesuchten 35 Beamten, aufgeteilt in zwei Schichten, bekam ich diesen Auftrag. Bei der Bezeichnung der Einheit hatte man allerdings nicht an die Polizeigeschichte der Nazizeit gedacht. Viel später, 2010, wurde die Bezeichnung SOKO in den wohlklingenden Namen „Operative Einheit“ umbenannt.

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Siegerehrung beim CTC 1983 durch General im BGS Ulrich K. Wegener. Das Desaster der Olympiade 1972 in München6 brachte auch für die Polizei in Frankfurt Veränderungen: „Wenige Tage nach dem Attentat hatte ich ein Gespräch mit dem Leiter der Schutzpolizei in Frankfurt, Polizeidirektor Horst Vogel, der mich über seine Absicht informierte, eine Sondereinheit zur Terroristenbekämpfung aufzubauen, Schwerpunkt Flughafen. Die Einheit sollte aus Scharfschützen bestehen und nicht als stehende Einheit installiert sein, 6 Bei der Geiselnahme von München am 5. September 1972, oft auch als OlympiaAttentat oder Massaker von München bezeichnet, stürmten acht bewaffnete Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September das Wohnquartier der israelischen Mannschaft während der Olympischen Sommerspiele in München und nahmen elf Mannschaftsmitglieder als Geiseln. Insgesamt kamen 17 Menschen ums Leben. Das Ereignis führte zur Gründung der GSG 9. sollte aber regelmäßig trainieren. Diese Sondergruppe (SG) bestand bis Ende 1973. Die Fußballweltmeisterschaft 1974 in Deutschland stand bevor, und man befürchtete bundesweit massive terroristische Aktionen durch RAF und PLO. Der Polizeiführung war klar, dass mit ein paar Stunden Training im Monat und einer Truppe aus verschiedenen Dienststellen die kommenden Anforderungen nicht zu erreichen waren. Andere Bundesländer hatten die gleichen Befürchtungen, sodass die Ständige Konferenz der Innenminister (IMK) die Aufstellung von Sonderheiten mit klar umrissenen Aufträgen und Bezeichnungen beschloss: SEK – Spezialeinsatzkommando – bei der Schutzpolizei für den Zugriff, MEK – Mobiles Einsatzkommando – bei der Kriminalpoli15

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