Lebendige Gewässer in RLP

 

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Hrsg: Umweltministerium RLP

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MINISTERIUM FÜR UMWELT, LANDWIRTSCHAFT, ERNÄHRUNG, WEINBAU UND FORSTEN LEBENDIGE GEWÄSSER IN RHEINLAND-PFALZ Eine Zwischenbilanz zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie

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INHALt Auf ein Glas Wasser I. Der Aubach und die Bürokratie oder: wie eine EU-Richtlinie für Leben sorgt Frau Schönbach, Europa und der Aubach Entdeckungsreise in die Welt des europäischen Gewässerschutzes Europäische Gewässerschutzpolitik mit großen Zielen Wasser macht nicht an Grenzen halt Umsetzung: Sache der Bundesländer Von Analysen und Gütezielen … … zum Maßnahmenprogramm und dem Bewirtschaftungsplan Beiräte: Mitsprache für die Mitspieler am Gewässer Auch die Menschen vor Ort werden gefragt Bei Frau Schönbach hat´s gefunkt … „Aktion Blau Plus“ – Beispielprojekte für den Gewässerschutz Frau Schönbach sucht nach Beispielen … II. Die EG-Wasserrrahmenrichtlinie zum Anfassen: Beispielprojekte Die Wiedergeburt der Isenach Das Wandern ist der Fische Lust Gute Nachrichten aus dem Gemüsegarten Deutschlands Der Dreck bleibt, wo er hingehört Ein Dorf findet seinen Bach wieder Barrierefreiheit auch im Fluss bei Bad Kreuznach Landwirte aktiv für den Wasserschutz Warum ist es am Rhein (jetzt noch) schöner? Offenes Tor zur Mosel – Fischwechselanlage und Besucherzentrum Frau Schönbach geht schlafen 5 7 7 7 8 10 11 12 12 13 13 14 14 15 17 17 22 24 26 28 30 32 34 36 38 Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz 3

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III. Alles Gut? Der Gewässerzustand Wann ist der ökologische Zustand eines Gewässers gut? Auf der Suche nach Fischen, Wirbellosen und Plankton Eine Typologie für alle Gewässer Vom biologischen Bild zum ökologischen Zustand Güteanzeiger Algen – Problem Phosphor Auch die Chemie muss stimmen Alles gut in Rheinland-Pfalz? Die Bilanz Die EU will’s wissen … Veränderung made in Brüssel Die neue Zeitrechnung Frau Schönbach will in die Zukunft schauen 41 41 43 44 46 47 48 49 51 51 51 52 IV. Und wie soll es weitergehen? Die Wasserrahmenrichtlinie – neue Ziele Wasser – unsere Lebensgrundlage Leistungsfähig mit Pflanzen und Tieren – Artenvielfalt erhalten Wasser braucht Platz – dem Risiko Hochwasser wirksam begegnen Wasserhaushalt im Wandel Die Kommunen für Wasser – Wasser für Kommunen Die Landwirtschaft für gute Gewässer – gute Produkte für Verbraucher Verbraucher und Anwohner – eine starke Macht Beteiligen! Mitmachen! Bachpate werden Trinken für den Gewässerschutz – Wassercent für Rheinland-Pfalz Barrierefrei im Fluss – überall Frau Schönbach hat Ideen … 55 55 56 56 58 59 59 60 60 61 61 62 63 Impressum 64 4 Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz

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AuF EIN GLAS WASSER Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, der sperrige und etwas bürokratische Begriff „umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie“ (WRRL) wird in Rheinland-Pfalz bereits sehr eindrucksvoll mit Leben gefüllt. Seit Beginn meines Amtes als Ministerin für umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten konnte ich mich an vielen Stellen davon überzeugen. An der Nahe und der unteren Ahr habe ich die positive Wirkung der WRRL und ihrer umsetzung in unserem Land kennengelernt! Das umgestaltete Elisabethenwehr in Bad Kreuznach im Einklang mit Hochwasserschutz, Naturschutz und Stadtentwicklung, oder die mittlerweile fast komplett durchgängig gestaltete Ahr sind nur einige von vielen positiven Beispielen, wo auch dank des ehrenamtlichen Engagements vieler Aktiver aus Vereinen, Verbänden und Schulen die Bäche und Flüsse wieder zu den Menschen gebracht wurden. Diese Broschüre soll Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Ziele der europäischen und der rheinlandpfälzischen Gewässerschutzpolitik näher bringen. Sie werden anhand von beispielhaften Projekten erfahren, wie Gewässerschutz im Lande konkret und zum Anfassen funktioniert. In Rheinland-Pfalz haben Gewässerreinhaltung und Gewässerentwicklung in den letzten Jahrzehnten bereits große Erfolge erzielt. Fischsterben und Schaumberge auf unseren Flüssen, vor Jahrzehnten keine Seltenheit, sind heute kein thema mehr. Wir verfügen über ein gesundes und wohlschmeckendes trinkwasser, das man jederzeit bedenkenlos genießen kann. Insbesondere durch unser Gewässerschutzprogramm „Aktion Blau Plus“ sind wir daher bereits auf einem erfolgreichen Weg zu dem von der Eu geforderten „guten Gewässerzustand“ und zu lebendigen und biologisch vielfältigen Flusslandschaften. trotz der bisherigen Erfolge bleibt in unserem teilweise dicht besiedelten und hoch industrialisierten Land aber auch noch viel zu tun, um das Erreichte zu erhalten und weitere Erfolge für den Gewässerschutz zu erzielen. Während bisher im Wesentlichen die Verbesserung der Qualität des Wassers selbst das Ziel der Anstrengungen war, rückt mit der WRRL die Schaffung intakter Lebensräume für tiere und Pflanzen in und an den Gewässern in den Vordergrund. Wir haben alle Maßnahmenprogramme in Abstimmung mit der Öffentlichkeit erarbeitet, die umsetzung erfolgt ebenfalls unter Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger. Dies wird auch bei allen zukünftigen Schritten zur umsetzung der WRRL so sein. Ich freue mich auf Ihr weiteres Engagement und wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre der Broschüre, die Ihnen anhand gelungener Projekte zeigen will, wie spannend und schön europäische Vorgaben in der Praxis sein können. Begleiten Sie Frau Schönbach auf ihrer interessanten Reise zum Mittelpunkt der rheinland-pfälzischen Gewässerschutzpolitik… ulrike Höfken Ministerin für umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten des Landes Rheinland-Pfalz Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz 5

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I. DER AuBAcH uND DIE BüRoKRAtIE 6 Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz

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oDER: WIE EINE Eu-RIcHtLINIE FüR LEBEN SoRGt Frau Schönbach, Europa und der Aubach Angelika Schönbach hat an diesem Abend noch etwas vor. Es ist Dienstag, und der Tag in der Werbeagentur war anstrengend. Nun gilt es noch die Hausaufgaben der Kinder zu kontrollieren und das Abendessen zu machen. Zum Glück hat ihr Mann angeboten, die Kinder ins Bett zu bringen und Küche und Wohnung aufzuräumen. Am Mittwoch ist Umweltausschusssitzung im Kreistag, und Frau Schönbach will gut vorbereitet sein. Das ehrenamtliche Engagement für die Region ist ihr wichtig. Werbegrafikerin hin, Mutterjob her: Es macht einfach Spaß, sich um die Umwelt in ihrer Heimat zu kümmern. Anstrengend ist es manchmal aber auch, denkt Angelika Schönbach, vor allem an diesem Abend: Mal wieder hat die Kreisverwaltung ein Paket Unterlagen verschickt, das einem dicken Warenhauskatalog alle Ehre gemacht hätte. Mit einem Seufzer nimmt Frau Schönbach das Paket zur Hand – ein Katalog wäre wenigstens schnell durchgeblättert … Es ist kaum zu fassen: Seitenlang Bürokratie! Gut, dass Sie am nächsten Tag erst gegen Mittag in die Agentur muss – das hier wird länger dauern! Gerade hat es sich Angelika Schönbach auf dem Sofa bequem gemacht, als sie über einen Punkt stolpert, den man kaum umständlicher hätte formulieren können: „Zustimmung zur Auftragsvergabe zur Renaturierung des Aubachs als Beitrag zur Erreichung der Umweltziele der WRRL gemäß dem verbindlichen Bewirtschaftungsplan des Landes Rheinland-Pfalz“. Was soll das denn heißen? Wofür steht denn dieses Buchstabengewirr WRRL, und was ist das für ein Bewirtschaftungsplan? So wie Frau Schönbach geht es nicht nur vielen Mitgliedern von Kreistagen, Gemeinderäten und Gemeindeausschüssen, sondern auch den Verwaltungen, wenn sie zum ersten Mal mit der wichtigsten europäischen Gewässerschutzrichtlinie konfrontiert werden – leider! Denn es geht um nichts weniger als den Schutz aller Gewässer in ganz Europa und darum, ihren Zustand zu verbessern. Ein ehrgeiziges Ziel – aber eines, für das sich der Einsatz lohnt. Hinter dem Zungenbrecher WRRL verstecken sich spannende Programme und manche Entdeckungsreise, wie wir noch sehen werden. Begleiten wir also Frau Schönbach auf ihrer Entdeckungstour durch die Welt der Gewässer – und ihrer Veränderung! Entdeckungsreise in die Welt des europäischen Gewässerschutzes Frau Schönbach sitzt auf ihrem gemütlichen Sofa, den Kopf voller Fragezeichen: Renaturierung – gut und schön, das ist die Rückkehr eines Flusses zu seinem natürlichen Verlauf. Aber was fehlt denn dem Aubach eigentlich? Muss man für seine Renaturierung denn wirklich so viel Geld ausgeben? Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz 7

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Eine Erinnerung steigt in ihrem Gedächtnis hoch: Ihr Großvater erzählte immer vom Aubach. Mit dem Reichsarbeitsdienst hatten sie dem Bach einen „schönen geraden Verlauf gegeben“. „Reichsnährstand“ nannten sie die Organisation für Agrarwirtschaft, ein grauenhaftes Wort. Und der wollte nur eines: Maximierung der landwirtschaftlichen Produktion! Also wurden in den fruchtbaren Auenbereichen Moore trocken gelegt, und Gewässer begradigt, typisch deutsche Ordnung eben … Naja, die Gemeinde hat vor Jahren schon das Bachbett des Aubachs frei geräumt und die Bäume zurück schneiden lassen. Der sieht jetzt wieder richtig sauber und ordentlich aus. Warum also viel Geld ausgeben, um das wieder zu verändern? Es hilft nichts – der Computer ist gefragt. Frau Schönbach setzt sich an den PC – ein gutes Glas Wein hat sie noch mitgenommen – und gibt die sperrigen Begriffe in ihre Suchmaschine ein. Das muss doch zu finden sein … sich Frau Schönbach – doch dann wird sie überrascht. In der Präambel der Richtlinie heißt es schon fast poetisch: „Wasser ist keine übliche Handelsware, sondern ein ererbtes Gut, das geschützt, verteidigt und entsprechend behandelt werden muss.“ Jawohl!, denkt Frau Schönbach, was für ein wahrer Satz! „Schützen“ und „verteidigen“, so hat sie allerdings noch nie über den Aubach nachgedacht. Langsam dämmert ihr, dass diese Richtlinie ein größerer Wurf ist, ein Gesetz mit Präambel und Grundsätzen – ein echtes Grundgesetz des Wassers! tatsächlich hat die Wasserrahmenrichtlinie ein höchst ehrgeiziges Ziel: Sie verpflichtet ihre Mitgliedsstaaten dazu, alle Gewässer in der Europäischen union flächendeckend zu schützen, ihren Zustand zu verbessern und die einzelnen Staaten zu einer intensiven Kooperation beim grenzüberschreitenden Gewässerschutz zu bewegen. Damit wird zum ersten Mal ein europaweit einheitlicher Rechtsrahmen gesetzt für die Bewirtschaftung des Grundwassers, der Küstengewässer, der Seen und der Fließgewässer von der Quelle bis zur Mündung in die Meere. Gefordert wurde das schon 1988, beim Frankfurter Ministerseminar über die Wasserpolitik der Europäischen Gemeinschaft. Und das Ziel war damals schon klar: die Verbesserung der ökologischen Qualität, und das gleich mal aller Seen und Flüsse in Europa! Aber es geht ja auch um eine Menge: den Schutz unserer Gewässer und des Grundwassers vor Verschmutzung. Das ist wirklich wichtig. Frau Schönbach fallen die Fernsehbilder von verzweifelten Menschen in Afrika ohne Wasser, oder von den verseuchten Flüssen Chinas ein. Wissenschaftler warnen vor Kriegen um sauberes Wasser, ein echtes Horrorszenario. Auch in Europa steigt der Druck auf die Gewässer stetig. Der Mensch verbraucht immer mehr Ressourcen für Landwirtschaft, Industrie und den privaten Verbrauch. und gerade erst wurde in der Europäischen union heftig darum gestritten, ob die trinkwasser-Versorgung privatisiert werden darf. Auch bei uns gibt es handfeste Europäische Gewässerschutzpolitik mit großen Zielen Das Kürzel WRRL ist schnell entziffert: Es steht für die Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union. Der volle Name klingt aber schon wieder schwer nach einem dieser Regelungsmonster, für die Europa so oft gescholten wird. Zu Recht, denkt Frau Schönbach: „Richtlinie 2000/60/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. Oktober 2000 zur Schaffung eines Ordnungsrahmens für Maßnahmen der Gemeinschaft im Bereich der Wasserpolitik.“ WRRL = Wasserrahmenrichtlinie EG = Europäische Gemeinschaft Ordnungsrahmen, na super, das hört sich verdächtig nach Brüsseler Regulierungswut wie die bei den Krümmungsradien von Gurken an, denkt 8 Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz

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wirtschaftliche Interessen rund um einen trinkwassermarkt, den Experten auf drei Milliarden Euro pro Jahr schätzen. Die WRRL will das Grundrecht auf Wasser für alle sichern und damit das ganz große Rad der Wasserpolitik in Europa verändern. Der Schutz der umwelt wird zum obersten Ziel, die Prinzipien der Vorsorge und Vorbeugung bekommen den Vorrang vor einer Reparatur. Die Einleitung gefährlicher Stoffe in Gewässer soll ein Ende haben, das Ökosystem Wasser besser geschützt werden, nicht mehr Grundwasser entnommen werden als sich natürlich neu bildet. Gute Güte, denkt Frau Schönbach, und muss dann doch sehr lachen: Tatsächlich geht es der EU um Güte, allerdings nicht um eine (nur) wohlwollende Einstellung. Nein, Güte hat bei den Wasserexperten tatsächlich etwas mit „gut“ zu tun: Es geht um den guten Zustand eines Gewässers. Was für ein Gewässer gut ist und was nicht, haben Experten in Kategorien eingeteilt – aber die überspringt Frau Schönbach jetzt erst mal. Die großen Linien interessieren sie im Moment viel mehr. Denn die Eu schaut mit der WRRL über die Grenzen hinaus, das ist einer ihrer großen Vorteile: Eine wirksame Wasserpolitik, so sagt es die WRRL, muss der Empfindlichkeit von aquatischen Ökosystemen Rechnung tragen, also nicht nur den Flüssen und Seen einer Region, sondern auch länderübergreifenden Wassereinzugsgebieten von Küsten, Meeresbuchten oder Binnenmeeren. Die Eu denkt dabei durchaus auch wirtschaftlich: an den Schutz der Fischbestände in der Nähe von Küsten etwa. Aber beim Wasserschutz wird sie streng: Arbeitet gefälligst zusammen! heißt es in der WRRL. GEWäSSERGütE = Maßstab für den Zustand unserer Gewässer Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz 9

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IKSR = Internationale Kommission zum Schutz des Rheins FGG Rhein = Flussgebietsgemeinschaft Rhein Rhein, eine Katastrophe: Der Rhein färbte sich blutrot, die Fische starben, alle hatten Angst um ihr Trinkwasser. Bis in die Niederlande konnten die Menschen nur hilflos zusehen, wie das Wasser vor ihren Augen vergiftet wurde. Doch die Sandoz-Katastrophe hatte auch ein Gutes: Es begann ein umdenken, mehr noch: ein Denken in Zusammenhängen. Zum ersten Mal verstanden die Anrainerstaaten wirklich eines: Nur gemeinsam können sie solche Katastrophen verhindern. Die WRRL der Eu geht noch weiter: Sie verpflichtet ihre Mitglieder zu einer deutlich stärkeren Zusammenarbeit, dazu, grenzüberschreitend zu denken. Maßstab ist jetzt der Fluss als Lebensraum – und das mit allen seinen Einzugsgebieten. Wow, denkt Frau Schönbach, für den Rhein muss das doch ein enorm großes Gebiet sein! Ist es auch: Nicht weniger als neun Staaten müssen dafür zusammenarbeiten, die EU-Staaten Italien, Österreich, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Belgien und die Niederlande, dazu die Nicht-EU-Länder Schweiz und Liechtenstein. Die WRRL fordert, dass sie sich in allen Bewirtschaftungsfragen abstimmen, um negative Auswirkungen auf das Flusssystem Rhein zu minimieren – ein gigantischer Aufwand im Dienste des Gewässerschutzes. Gut dass es da schon Vorarbeit gibt, denkt Frau Schönbach. Da war doch was mit einer Kommission zum Schutz des Rheins, die international Wasser macht nicht an Grenzen halt Die Erkenntnis, dass Wasser an Grenzen nicht Halt macht, ist natürlich nicht neu. Frau Schönbach muss an das Chemieunglück in der Schweizer Firma Sandoz denken, im November 1986 war das. 20 Tonnen eines giftigen PflanzenschutzGemisches flossen damals ungehindert in den Rüdiger Beiser, Dezernat Regionales Management bei der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt, Außenstelle Südwest: „Mit Einführung der WRRL haben sich die Behörden, über alle Verwaltungsebenen hinweg, zu einer engeren, zielstrebigeren Arbeitserledigung zusammengefunden. Althergebrachte Standpunkte zur Gestaltung der Bundeswasserstraßen wurden auf den Prüfstand gestellt und oftmals modifiziert. Bei der umsetzung von Maßnahmen der WRRL bietet sich die chance, sinnvoll und zielgerichtet alle Ressourcen von der Eu bis zu den Kommunen zu bündeln, wodurch die Realisierung der Maßnahmen gefördert wird. Für die Wiederherstellung der Durchgängigkeit der Bundeswasserstraßen wurde eine bisher einzigartige Bestandserhebung der Bauwerke und ihrer Defizite durchgeführt, die stetig ergänzt wird durch Erhebungen zum Verhalten der Fische sowie weiterer fischökologischer und technischer Daten.“ BEWIRtSchAFtunGSPLAn = zentrales Element der Wasserrahmenrichtlinie; enthält die Bestandsaufnahme sowie die Ziele, die Ergebnisse der überwachungsprogramme und die Zusammenfassung der Maßnahmenprogramme zum Erreichen der Ziele MASSnAhMEnPRoGRAMM = enthält für alle Wasserkörper Maßnahmen zur Zielerreichung 10 Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz

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arbeitet? Schnell wird sie fündig: bei der IKSR, der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins. Na so was, denkt sich Frau Schönbach, als sie über das Gründungsdatum stolpert: Schon am 1. Juli 1950 wurde die IKSR gegründet. Sechs Staaten arbeiten in ihr gemeinsam an der nachhaltigen Entwicklung des Rheins, seiner Auen und an dem guten Zustand aller Gewässer im Einzugsgebiet. Aber wer macht nun die konkrete Arbeit? Dr. Klaus hoffmann, DVGW, LDEW umsetzung: Sache der Bundesländer Für die konkrete umsetzung der europäischen Gewässerschutzrichtlinie sind in Deutschland die Bundesländer zuständig. Bis 2015 müssen die Eu-Mitgliedsstaaten nämlich die von der WRRL gesetzten Ziele erreichen. Das ist die erste Phase, zwei weitere folgen bis 2021 und dann spätestens bis 2027. Gut, dass die Abstimmung mit den Nachbarbundesländern im Flussgebiet bereits seit langem geübte Praxis ist: Schon 1956 wurde die „Bund/Länderarbeitsgemeinschaft Wasser“ (LAWA) gegründet, in der sich – wie der Name sagt – Bund und Länder auf einheitliche Vorgaben verständigen. „Als Beiratsmitglieder haben der Landesverband der Energie- und Wasserwirtschaft hessen/Rheinland-Pfalz e.V. (LDEW) und der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfachs e. V. (DVGW), Landesgruppe Rheinland-Pfalz, die umsetzung der EGWasserrahmenrichtlinie (WRRL) in Rheinland-Pfalz von Beginn an aktiv begleitet. Besonders positiv ist dabei die Zielsetzung der WRRL zu bewerten. Die Erhaltung bzw., wo erforderlich, die Verbesserung des guten Zustands der Gewässer ist unerlässlich für eine gute Lebensqualität in Rheinland-Pfalz. Auch die organisation der umsetzung der WRRL in Rheinland-Pfalz ist zweckgerichtet gestaltet. Die transparente Beteiligung aller betroffenen Gruppen im Rahmen der Beiräte ist der richtige Weg, um gleichzeitig Akzeptanz und Effizienz der Maßnahmen zu steigern. LDEW und DVGW werden den umsetzungsprozess auch in Zukunft fördern und unterstützen.“ WASSERKöRPER = kleinste Planungsund Berichtseinheit. Ein oberflächenwasserkörper ist das größte Stück eines Gewässers, für das eine einheitliche Beschreibung in Bezug auf ökologie, Wassermenge und Belastungssituation möglich ist. Ein Grundwasserkörper beschreibt ein abgegrenztes Grundwasservolumen innerhalb eines oder mehrerer Grundwasserleiter. MASSnAhME = alles, was zum Erreichen des Ziels beiträgt: die Analyse des Gewässers, die Anpassung von Gesetzen, der Ausbau einer Kläranlage, der Bau eines Fischaufstiegs, die Renaturierung eines Baches. Für den Rhein gibt es die Flussgebietsgemeinschaft Rhein (FGG Rhein). Hier arbeiten die Ministerien der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und thüringen mit dem Bund zusammen und stimmen ihre Positionen für die IKSR ab. Gegründet wurde die FGG Rhein am 1. Januar 2012 als Nachfolgerin der „Deutschen Kommission zur Reinhaltung des Rheins (DK-Rhein)“. Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz 11

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Von Analysen und Gütezielen … In Rheinland-Pfalz ist das umweltministerium (MuLEWF) für die Koordination mit den anderen Ländern und der Maßnahmen im eigenen Land zuständig. Denn die WRRL formuliert nicht nur ambitionierte Ziele, sie verlangt von ihren Mitgliedsstaaten auch konkretes Handeln. Dazu gehören umfassende Analysen zum Zustand der Gewässer, bei denen Belastungen und deren ursachen ermittelt werden. Der Anspruch der Eu ist hoch: Sie fordert einen qualitativ „guten“ Zustand für alle Gewässer in Europa vom Nordkap bis nach Malta. Erst wenn dieser Zustand erreicht ist, ist auch das Ziel der Wasserrahmenrichtlinie erreicht. Im trockenen Eu-Deutsch lautet das Ziel: „den guten ökologischen und chemischen Zustand für die oberflächengewässer und den guten quantitativen und chemischen Zustand des Grundwassers“ zu erreichen. … zum Maßnahmenprogramm und dem Bewirtschaftungsplan Man muss kein Hellseher sein um zu wissen, dass die meisten Gewässer in Europa von diesem Ziel weit entfernt sind, denkt Frau Schönbach mit einem grimmigen Lächeln. Kein Wunder, dass die EU ihren Mitgliedsstaaten auch vorschreibt, die notwendigen Maßnahmen einzuleiten, um eine weitere Verschlechterung zu verhindern, vor allem aber, um den guten Zustand zu erreichen. Bis zum 22. Dezember 2009 war daher für jedes Flussgebiet ein Bewirtschaftungsplan aufzustellen, und danach erneut alle sechs Jahre, liest Frau Schönbach und denkt sich: Die meinen es wirklich ernst. Aus vorhandenen und neuen Daten werden umfangreiche Analysen des Einzugsgebietes eines Flusses erstellt und daraus Maßnahmenprogramme entwickelt. In Rheinland-Pfalz sind dafür die Struktur- und Genehmigungsdirektionen (SGD) als obere Wasserbehörden zuständig. Aber natürlich können sie das nicht allein umsetzen: Die Kommunen müssen in der Regel die Maßnahmen durchführen. Sie werden dabei intensiv von den SGDen und dem Landesamt für umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht (LuWG) beraten. Aber auch Industriebetriebe und Landwirtschaft müssen bei der Verbesserung mithelfen, und bei der Frage von Wehren und Staustufen in den schiffbaren Flüssen ist die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) gefragt. Die Zeit drängt: Die Eu will für ihre Vorgaben regelmäßige Berichte über die Fortschritte, und so sieht auch die WRRL ein umfangreiches und regelmäßiges Berichtswesen vor. In Rheinland-Pfalz hat sich bei der ersten Berichterstattung an die Eu Ende 2012 herausgestellt, dass das Land bereits auf einem guten Weg ist, wenn es darum geht, den Schutz der Gewässer zu verbessern. 377 „Wasserkörper“ für die oberirdischen Gewässer und 117 „Grundwasserkörper“ wurden in Rheinland-Pfalz definiert und analysiert. Für jeden dieser Wasserkörper, Dr. heinz Schlapkohl, Arbeitskreis Wasser des Bundes für umwelt und naturschutz Deutschland (BunD): „Ich arbeite gerne mit in den Beiräten zur umsetzung der Richtlinie, weil hier ein angenehmes Klima herrscht, und die Beiträge des naturschutzes ernst genommen werden. Das umweltministerium und die Wasserwirtschaftungsverwaltung haben sich die umsetzung der Richtlinie zu einer wichtigen Aufgabe gemacht. Es bedarf aber noch größerer Anstrengungen von allen Beteiligten, natürlich vor allem von den Verursachern des unzureichenden Zustands mancher Gewässer, zu einer wirklichen Verhaltensänderung zu kommen.“ 12 Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz

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der noch nicht den guten Zustand der WRRL erreicht hatte, wurden Maßnahmen zu dessen Verbesserung entwickelt. über 720 Maßnahmen kamen so insgesamt zusammen, sie wurden über ein komplexes Berichtsverfahren an die Eu gemeldet. Bei rund der Hälfte aller Wasserkörper, für die von 2009 bis 2015 Maßnahmen geplant wurden, sind Projekte angelaufen oder befinden sich in der umsetzung. Es gibt allerdings noch sehr viel zu tun. Schon jetzt steht fest, dass die Ziele nicht, wie eigentlich gefordert, bis 2015 erreicht werden können. In Rheinland-Pfalz und in den anderen Bundesländern starten deshalb derzeit die Vorbereitungen für die 2. umsetzungsphase von 2015 bis 2021. Winfried Sander, Bachpate am Adenauer Bach: Beiräte: Mitsprache für die Mitspieler am Gewässer In Rheinland-Pfalz wurde und wird auch zukünftig der gesamte umsetzungsprozess der europäischen Wasserrahmenrichtlinie von Anfang an von eigens dafür eingerichteten Beiräten auf Landes- und Regionalebene begleitet. Denn eines ist klar: Nur wenn alle „Mitspieler“ am Wasser zusammenarbeiten – wenn Industrie, Landwirtschaft, Kommunen und die Naturschutzverbände gemeinsam an einem Strang ziehen kann etwas erreicht werden. Es gilt abzuwägen: zwischen einer Ökologisierung und den Befürchtungen vor überschwemmten Feldern und nassen Kellern, zwischen einer Nutzung durch Schifffahrt und Wasserkraft und der Barrierefreiheit für Fische und Flusskrebse. Es gibt viele Ansprüche an unsere Gewässer. Deshalb gehören den Beiräten die jeweiligen Verbände, Kammern und Behörden im umfeld eines Flusses an. Dort werden die Konzeptionen zur umsetzung und die wesentlichen Meilensteine vorgestellt, diskutiert und abgestimmt. In Rheinland-Pfalz gibt es einen landesweiten Beirat zur fachlichen Begleitung, aber auch drei Beiräte auf regionaler Ebene. „Die umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen union? Wer als Bürger diese Begrifflichkeiten hört, der braucht dazu viel Fantasie! hinter dem Fachbegriff verbergen sich allerdings notwendige Maßnahmen, die ein Leben in einer intakten umwelt und damit in einer lebenswerten Gesellschaft erst wieder ermöglichen. nach Jahrzehnten, in denen die europäische Gesellschaft wenig zimperlich mit den ehemals lebendigen Lebensadern umgegangen ist, gilt es die ästhetik der Landschaft mit gewässerbegleitenden Bäumen, die Wahrnehmung mit allen Sinnen von sauberem Wasser, die Funktion von Fließgewässern als durchgängige Lebensräume, das Leben und Wohnen am sauberen Wasser als Ziel städtebaulicher Planung wieder zu finden.“ Auch die Menschen vor ort werden gefragt Nicht nur die Beiräte spielen eine wichtige Rolle: Auch die Bevölkerung ist gefragt. Seit Anfang 2009 haben die Struktur- und Genehmigungsdirektionen (SGD) der Öffentlichkeit die Maßnahmenprogramme vorgestellt und darüber diskutiert. Diese Informationsveranstaltungen standen unter dem titel: „Neue chancen für unsere Gewässer – EG-Wasserrahmenrichtlinie in Rheinland-Pfalz“. Aber auch über die einzelnen Maßnahmen werden die Anwohner informiert, werden die einzelnen Schritte und die Entwürfe vorgestellt – ihre Ideen waren und sind gefragt! Dazu kamen Fachveranstaltungen und Ratssitzungen, Informationen im Internet, in Broschüren und in Flyern. Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz 13

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„AKtIon BLAu“ = 1995 gestartetes Aktionsprogramm des Landes RheinlandPfalz mit dem Ziel, die ökologischen Gewässerfunktionen zu verbessern. 2011 erweitert zur „Aktion Blau Plus“, um zusätzliche Funktionen wie bspw. naturschutz, Dorf- und Stadtentwicklung, Schaffung von Erholungsräumen etc. stärker zu integrieren „Aktion Blau Plus“ – Beispielprojekte für den Gewässerschutz Seit Jahrzehnten werden in Rheinland-Pfalz mit Milliardenbeträgen Kanäle und Kläranlagen gebaut und saniert. 686 kommunale Kläranlagen gibt es in Rheinland-Pfalz, 99,2 % der Bevölkerung sind an sie angeschlossen. Die Kläranlagen eliminieren heute 90 % des Phosphors und 83 % des Stickstoffes aus den Abwässern. Dazu kommen noch rund 120 direkt einleitende gewerblich-industrielle unternehmen, deren Abwässer ebenfalls strengen Kriterien genügen müssen. Dadurch hat sich die Wasserqualität deutlich verbessert. 1995 startete Rheinland-Pfalz dann die „Aktion Blau“, eine großangelegte Aktion zur Aufwertung der Lebensräume von Flüssen und Seen im Land. Damals waren fast drei Viertel unserer Gewässer in ihrer Struktur stark verändert und in einem wirklich schlechten Zustand. Das hat sich geändert: Dank der „Aktion Blau“ wurden Durchgängigkeitsprojekte und Renaturierungen gestartet, der Wasserrückhalt in der Fläche verbessert und viel in eine Verbesserung der Gewässer hin zu einem naturnahen Zustand investiert. Investition ist dabei wörtlich zu nehmen: 31 Millionen Euro hat das Land direkt in Projekte Bei Frau Schönbach hat´s gefunkt … Es ist spät geworden, aber Frau Schönbach ist hellwach: Das also will die EU vom Kreistag, das hat der Aubach mit Europa zu tun! Kaum zu glauben, dass sich die EU tatsächlich auch um ihren Bach vor der Haustür kümmert! Tut sie aber, denn ein großes Flussgebiet wie der Rhein kann eben nur dann einen „guten“ Zustand haben, wenn es seinen Flüssen rechts und links auch gut geht. Und schließlich mündet der Aubach 20 Kilometer weiter in den Rhein … Aber Rheinland-Pfalz ist da doch schon längst aktiv. Gab es da nicht ein Landesprogramm „Aktion Blau – Gewässerentwicklung in Rheinland-Pfalz“ und sogar auch noch eine „Aktion Blau Plus“? 14 Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz

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investiert. Noch weit höhere Investitionen von anderen Akteuren wurden dazu ausgelöst, weil das Land Maßnahmen der Kommunen mit bis zu 90 Prozent fördert. In kommunale Projekte wurden so seit Mitte der 90er Jahre rund 205 Millionen Euro für den Gewässerschutz in Rheinland-Pfalz investiert. Etwa 260 Gewässerentwicklungspläne an 3.900 km Gewässern und ca. 1.200 Renaturierungen an 800 km Gewässern sind in Planung oder umsetzung. Rund 780 ehrenamtliche Bachpatenschaften unterstützen die Arbeiten der Kommunen. Im September 2011 wurde die „Aktion Blau“ dann zur „Aktion Blau Plus“ erweitert. Denn es gibt noch viel zu tun, viele Gewässer haben noch Probleme mit Einbauten, Begradigungen oder gar ganzen unterirdischen tunneln. Der Vorteil: Bei der Gewässerentwicklung sollen jetzt auch Bereiche wie Dorferneuerung und tourismus mitbedacht werden, schließlich können durch die umgestaltung von Gewässern auch Erholungsräume oder Spielplätze in den orten neu entstehen. Lauter Plus-Punkte für die umwelt entstehen – und eben auch für den Menschen und die Wirtschaft vor ort. Beeindruckende Beispielprojekte sind entstanden, die zeigen, wie bereichernd ein innovativer Gewässerschutz für die Menschen in Rheinland-Pfalz sein kann. Frau Schönbach sucht nach Beispielen … Angelika Schönbach ist beeindruckt: Europa hat offenbar auch seine guten Seiten. Die Richtlinie mit dem sperrigen Namen WRRL ist tatsächlich das bisher größte Nachhaltigkeitswerk der Europäischen Union und von immenser Bedeutung für die Zukunft. Damit es gelingt, müssen alle an einem Strang ziehen, müssen die Menschen verstehen was es heißt, „das ererbte Gut Wasser zu schützen, zu verteidigen und entsprechend zu behandeln“. Frau Schönbach kann sich jetzt so einigermaßen vorstellen, was denn dem schnurgeraden, baumund strauchlosen Aubach so alles fehlt. Aber: Wie soll das denn später mal aussehen? Da muss es doch Beispiele geben, wo sie sich das mal ansehen kann, denkt sie – und wird auch fündig … Lebendige Gewässer in Rheinland-Pfalz 15

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