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Buchseite Badische Neueste Nachrichten, 9. 10. 2013

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Mittwoch, 9. Oktober 2013 . LESEHERBST Ausgabe Nr. 234 – Seite 20 Lesetipps von Autoren in und aus Baden-Baden Für Ken Follett täuschte Rita Hampp einmal eine Grippe vor: „Es war Weihnachten, als ich ‘Die Säulen der Erde’ las, und so entging ich den Verwandten“, sagt die Autorin. So sehr hatte er sie beeindruckt, der historische Roman um den Bau einer Kathedrale. „Später verlieh ich das Buch, und habe es nie zurückbekommen“, sagt Rita Hampp. Doch auch ein fehlendes Buch kann Bedeutung haben: „Eines Tages lud ich einen Mann zum ersten Mal nach Hause ein“, erzählt sie. Dort angekommen, schaute er auf ihr Bücherregal und bemerkte gleich: „Hier fehlen ‘Die Säulen der Erde.’“ „Da wusste ich, das ist der Mann für mich“, sagt Rita Hampp. Sie ist bis heute mit ihm verheiratet. Rita Hampp hat mehrere Kriminalromane und die in Baden-Baden spielende Familiengeschichte „Das Rosenhaus am Merkur“ geschrieben. Und sie ist eine große Leserin. „Lew Tolstois ‘Anna Karenina’ ist mein Lebensbuch“, schwärmt sie. „Wie er die Figuren beschreibt, ohne sie je zu verurteilen – ich wollte es gar nicht mehr hinlegen.“ Beeindruckt hat sie auch Marlen Haushofers „Die Wand“ und die Wortgewalt in „Der blinde Masseur“ des ehemaligen Baldreit-Stipendiaten Catalin Dorian Florescu, den sie persönlich kennt. Eine Verbindung gibt es auch zu Tom Wolfes satirischem WallStreet-Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“. „Ich lebte in New York, als ich das las, und es war dort damals genau so, wie er es beschreibt“, sagt Rita Hampp. Ein Tom Wolfe-Fan ist auch Carsten Otte. „Die ideale Urlaubslektüre“, nennt er das 700 Seiten lange „Back to Blood“. „Die ersten 50 Seiten sind mühsam“, so Otte, „irgendwann hat man sich aber an die übertriebenen Lautmalereien und schrillen Charaktere gewöhnt, und dann erlebt man eine wunderbare Satire auf den weltweiten Kunstmarkt und ein Amerika, das nur noch zwei Themen zu kennen scheint: Race und Sex.“ Der Autor der von den Feuilletons gelobten Romane „Schweineöde“ und „Sanfte Illusionen“ liest, Lebensbücher und andere Meisterwerke Tom Wolfe als ideale Urlaubslektüre wenn er nicht selbst schreibt. „Am Meer, in den Bergen, im Garten“, sagt Otte. Nur nicht im Bett. Da könne ein Buch noch so gut sein, in der Horizontalen schlafe er ein. Weil er derzeit einen neuen Roman korrigiert, hält er sich von anderen fern und liest stattdessen Kochbücher. Empfehlungen hat er trotzdem: „Tschick“-Autor Wolfgang Herrndorfs „Sand“, eine „merkwürdig schöne Geschichte und meiner Meinung nach sein bestes Buch.“ Und „eine unfassbar traurige Liebesgeschichte“: Julian Barnes „Vom Ende einer Geschichte“, das er schon mehrfach verschenkt hat. Uta-Maria Heim, ihres Zeichens Autorin von Kriminal- und anderen Romanen und Gewinnerin des Deutschen Krimi-Preises, weiß genau, welche Bücher sie auf eine einsame Insel mitnehmen würde, und drei von ihnen haben mit dem Lyriker Paul Celan zu tun. „Als Einstiegslektüre sollte man ‘Mohn und Gedächtnis’ lesen, seinen legendären Gedichtband von 1952“, sagt Uta-Maria Heim. Für Fortgeschrittene empfiehlt sie „Herzzeit“, den Briefwechsel des Autors mit Ingeborg Bachmann sowie Barbara Wiedemanns „Ein Faible für Tübingen. Paul Celan in Württemberg – Deutschland und Paul Celan“. Den schönsten Roman über die Liebe habe AN EINEM SONNIGEN SOMMERNACHMITTAG AUF DEM BALKON – so liest Rita Hampp am liebsten und am besten. Normalerweise sind die Tage der Baden-Badener Autorin aber mit Recherche und dem Schreiben gefüllt. Foto: Giemza Markus Werner mit „Die kalte Schulter“ geschrieben, befindet Uta-Maria Heim. Sie genießt ihre Bücher, wo immer sie kann: „Am liebsten lese ich im Bus, im Zug, im Garten, am Strand, im Café, auf dem Balkon und im Bett“, sagt die Autorin, „morgens, abends, Tag und Nacht. Manchmal auch an der Bushaltestelle und an der Kasse im Supermarkt.“ Franz Alt schreibt keine Romane. Der ehemalige Fernseh-Journalist und Ökologe ist Sachbuchautor. Eine seiner Empfehlungen ist Hermann Scheers „Der energethische Imperativ – 100 % jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist“. „Mein verstorbener Freund Hermann macht deutlich, dass die Energiewende keine Last, sondern eine einmalige Chance ist“, sagt Alt, der selbst elf Bücher zu dem Thema publizierte. Um das Alter geht es in „Älter werden – weiterwachsen“ von Fidelis Rupert. „Der Benediktinerpater zeigt eindrucksvoll auf, dass wer alt werden will, rechtzeitig damit anfangen muss“, so Alt. Empfehlen kann er auch Steven Pinkers „Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit“, in der der Evolutionspsychologe seine These beweisen will, dass die Menschheit auf dem Weg zum Pazifismus ist. Hanna Wolffs „Jesus, der Mann – Die Gestalt Jesu in tiefenpsychologischer Sicht“ hat Franz Alt derweil geholfen, „den Weg aus einer tiefen persönlichen Krise herauszufinden“. Eine Baden-Badenerin ist Inka Bach nur zeitweise. Die Baldreit-Stipendiatin lebt eigentlich in Berlin und liest, wie sie lin nieder.“ Einen „erschütternden, kraftvollen, brillanten Roman mit hoher Authentizität“ nennt die Autorin Edlef Köppens „Heeresbericht“, in dem er Fronterlebnisse im Ersten Weltkrieg beschreibt. Auch Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“ empfiehlt sie: „Ein Meisterwerk mit aktueller Brisanz.“ Weitere Tipps der Stipendiatin: William T. Vollmanns Epos „Europe Central“ und die Theaterstücke des früh verstorbenen „badischen Hoffnungsträgers“ Thomas Strittmatter. Auch Kajo Lang hat ein Lebensbuch. Zwei, um genau zu sein. Der Autor und Vorsitzende des Kunstvereins hält Gabriel García Márquez’ „100 Jahre Einsamkeit“ für das „Jahrhundertbuch schlechthin“. Mit 16 Jahren hat er zudem Albert Camus „Der Fremde“ gelesen. „Das war wie eine Initialzündung“, so Lang. Ein tolles Buch mit beeindruckender Sprache und Perspektive sei Antonio Tabucchis „Erklärt Pereira: Eine Zeugenaussage“. Bekömmlicher ist Françoise Dorners „Die letzte Liebe des Monsieur Armand“: „Ein schönes, sehr lesenswertes Buch.“ Martha Giemza Lesen an der Bushaltestelle und der Supermarkt-Kasse sagt „überall und zu jeder Zeit gern, am liebsten aber nachts im Bett.“ Den BNN-Lesern legt sie Paul Marcus „Zwischen zwei Kriegen. Aus Berlins glanzvollsten Tagen und Nächten“ ans Herz, zu dem sie das Nachwort schrieb. „Pem, wie sich Paul Marcus als Kulturkritiker nannte, kannte alle, die Rang und Namen hatten“, sagt Inka Bach, „nach dem Krieg schrieb er seine Erinnerungen an das turbulente kulturelle Leben im Ber- Carsten Otte Foto: pr Uta-Maria Heim Foto: Robert Hak Agentur Franz Alt Foto: Bigi Alt Inka Bach Foto: Volker Gerhard Kajo Lang Foto: Giemza Lesen im Herbst Wenn sowohl die Temperaturen als auch die Blätter fallen, dann gibt es für viele Menschen nichts Schöneres, als sich mit einem guten Buch und vielleicht einer Tasse Tee auf die Couch zu lümmeln und in Bildern und Geschichten zu versinken, die sich andere Menschen ausgedacht haben. Dass auch diese Menschen selbst große Leser sind, fand unser Redaktionsmitglied Martha Giemza heraus, die im Zuge der heute beginnenden Frankfurter Buchmesse Autoren aus und in Baden-Baden nach ihren liebsten Büchern befragte. Herausgekommen ist eine Wundertüte voll spannender, gefühlvoller, trauriger und informativer Leseerlebnisse. Was andere Baden-Badener gerne lesen, erzählt die Leiterin der Stadtbibliothek, Sigrid Münch. Sie weiß, welche Bücher am liebsten und häufigsten nach Hause ausgeliehen werden. Die Autorin dieser Seite empfiehlt den BNN-Lesern selbst übrigens „Familienalbum“ von Kate Atkinson – eine wahnsinnig witzige und gleichzeitig überaus tragische Familiengeschichte, die sich über Jahrzehnte spannt. Wer es spannend mag, dem sei „Gone girl – Das perfekte Opfer“ ans Herz gelegt. In dem Krimi wimmelt es von überraschenden Wendungen. mag „Krimis und Thriller gehen wie geschnitten Brot“ In der Stadtbibliothek sind die Bestseller fast immer ausgeliehen / Steigerung der Nutzerzahlen seit zehn Jahren Wer in der Stadtbibliothek Jean-Luc Bannalecs Krimi-Erstling „Bretonische Verhältnisse: Ein Fall für Kommissar Dupin“ oder Grégoire Delacourts Roman „Alle meine Wünsche“ ausleihen will, der muss in der Regel sich gedulden. 18, beziehungsweise 19-mal wurden die beiden Bücher in den neun vergangenen Monaten dieses Jahres schon ausgeliehen. Bei einer Leihfrist von höchstens 28 Tagen heißt das, dass die Bestseller – wenn sie nicht ohnehin vorbestellt sind – nur stundenweise in ihren Regalen in der Stadtbibliothek stehen. Ob Krimi, Romanze, Satire oder Thriller – auf Sigrid Münchs Liste mit den Ausleihrennern sind die Titel unter der Rubrik „Bestseller“ bunt gemischt. „Da ist jedes Genre dabei“, sagt die Leiterin der Stadtbibliothek. Sogar eine Biographie stehe aktuell oben auf der Liste: Simon Biallowons „Franziskus, der neue Papst“, in diesem Jahr schon 16 Mal ausgeliehen. Eine Tendenz gibt es laut Sigrid Münch trotzdem: „Krimis und Thriller gehen seit Jahren wie geschnitten Brot.“ Gemischt ist auch das Verhältnis von seit Jahren häufig ausgeliehenen Dauerbrennern wie Jonas Jonassons „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ und neuen Büchern wie Astrid Rosenfelds Geschichte „Elsa ungeheuer“, das zweite Buch der Autorin nach dem Debüt „Adams Erbe“. „Von sehr beliebten Büchern haben wir auch mal bis zu drei Exemplare“, sagt Sigrid Münch. Doch auch Romane, die nicht unter der Rubrik „Bestseller“ laufen, werden häufig und zum Teil sogar öfter ausgeliehen. So sind seit Januar jeweils 20 Ausleihen für Rita Falks Provinzkrimi „Grießnockerlaffäre“ und Joy Fieldings „Das Herz des Bösen“ auf der „Rennerliste“ verzeichnet. Auch hier herrschen Krimis und Thriller vor. Unter den 20 meistausgeliehenen Romanen sind gerade mal sechs Bücher aus anderen Genres. Bunter wird es in der Rubrik „Sachbuch“. Die Themen der beliebtesten Bücher reichen hier von vegetarischem Kochen über Sprachkurse in Russisch bis zu Bettina Wulffs Biographie „Jenseits des Protokolls“, alle über 15-mal in diesem Jahr ausgeliehen. Um die Besucherzahlen muss sich die Stadtbibliotheks-Leiterin ohnehin keine Sorgen machen. „Wir haben in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich mehr Nutzung“, sagt Sigrid Münch. Auch Schüler würden ihre Referate weiterhin viel mit Büchern bestreiten. Daran habe auch das Internet nichts geändert. „Diese Medien bestehen nebeneinander und schließen sich ja nicht gegenseitig aus“, sagt sie. Vielmehr gehe die Stadtbibliothek mit der Zeit: Neben Büchern gibt es Hörbücher, Musik-CDs, CD-ROMs, DVD und Spiele auszuleihen, die zum Teil wegen der kürzeren Leihfrist noch viel höhere Ausleihquoten haben als die Bestseller aus Papier. „Wir haben auch E-Books im Angebot, die man mit dem Bibliotheks-Ausweis herunterlädt, und die nach drei Wochen gelöscht werden“, sagt Sigrid Münch. Zudem könnten verschiedene E-BookLesegeräte ausgeliehen werden, um bei Kaufentscheidungen zu helfen: „Es ist doch schön, solche Geräte parallel nutzen zu können und sich für den Urlaub Bücher draufzuladen!“ Martha Giemza NUR SELTEN IN DER STADTBIBLIOTHEK gibt es Bestseller, die dort eigene Regale im Eingangsbereich haben. Daneben steht Bibliotheksleiterin Sigrid Münch. Foto: Giemza

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