Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (77)

 

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Rechtsextremismus in Westdeutschland; Die Steinwache in Dortmund; Modellwerkstatt Dortmund?

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www.gegen-vergessen.de 77 / Juli 2013 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen Rechtsextremismus in Westdeutschland Die Steinwache in Dortmund Modellwerkstatt Dortmund? ab Seite 04 ab Seite 06 ab Seite 09

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EDitoriAl Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie, liebe Freundinnen und Freunde, was kann eine Stadt gegen Rechtsextremismus tun? Dieser Frage wollen wir in der neuesten Ausgabe unserer Zeitschrift am Beispiel Dortmunds nachgehen. Denn in Dortmund zeigt sich, dass es gelingen kann, den Vormarsch von Rechtsextremisten zu stoppen. Möglich wird das, wenn Politik, Kommunalverwaltung, Bürgerinnen und Bürger Hand in Hand arbeiten, um unsere demokratischen Werte zu verteidigen. Demokratie ist nicht selbstverständlich. Die Auseinandersetzung mit den Diktaturen des 20. Jahrhunderts führt immer wieder zu dieser folgenreichen Erkenntnis. Auch vor diesem Hintergrund wollen wir in unserer Vereinigung Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. ein neues Feld etablieren: die Beschäftigung mit der Demokratiegeschichte. Wie können wir ein anschauliches Bild von der Geschichte politischer Teilhabe zeichnen? Welche Anknüpfungspunkte und Umsetzungsmöglichkeiten sind dazu geeignet? Spuren zur Geschichte und Entwicklung von Demokratie und Partizipation gibt es an jedem Ort. Wie kann es gelingen, diese sichtbarer zu machen? Mit diesen und anderen Fragen möchten wir uns als Gegen Vergessen – Für Demokratie zunächst als Auftakt am 18. und 19. Oktober bei einer Tagung in Halle beschäftigen. Ich lade Sie ganz herzlich ein, nach Halle zu kommen und mit uns zu diskutieren. Ihr Wolfgang Tiefensee Der Workshop „Demokratiegeschichte. Anregungen für die Arbeit von Gegen Vergessen – Für Demokratie“ beginnt am Freitag, dem 18. Oktober 2013, ab 17.15 Uhr im Stadtmuseum Halle und endet am 19. Oktober um 17.00 Uhr. Bei Interesse an der Tagung kontaktieren Sie bitte unsere Geschäftsstelle in Berlin: Tel.: 030 263978-3, Fax: 030 263978-40, E-Mail: info@gegen-vergessen.de Die diesjährige Mitgliederversammlung findet am Samstag, den 23. November 2013, im Berliner Abgeordnetenhaus statt. Am 24. November 2013 werden ebenfalls im Berliner Abgeordnetenhaus der Preis „Gegen Vergessen – für Demokratie“ und der „Waltraud-Netzer-Jugendpreis“ verliehen. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013

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Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe thEMEn Rechtsextremismus in Westdeutschland Mahn- und Gedenkstätte: Die Steinwache in Dortmund Modellwerkstatt Dortmund? 60 Jahre „Tor zur Freiheit“ Schulprojekt Anne Frank Aus unsErEr ArbEit Die Erinnerung an die deutsche Besatzung Griechenlands Machen Sie mit! Gegen Vergessen – Für Demokratie bei Facebook Die Online-Beratung gegen Rechtsextremismus rEGionAlE ArbEitsGruppEn RAG Baden-Württemberg, Sektion Südbaden: Ingeborg Hecht RAG Rhein-Ruhr West: Der Bundespräsident in Sant`Anna di Stazzema RAG Münsterland: Trotz klaren Blicks beklemmend RAG Münsterland: Wo drohen „Fettnäpfchen“ im Zeitzeugengespräch? RAG Baden-Württemberg, Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen: Bundespräsident nimmt sich 90 Minuten Zeit RAG München: Renaissance am Rande des Untergangs nAMEn unD nAchrichtEn Ein großes „B“ erinnert an den Mut der Häftlinge in Auschwitz Gegen Vergessen – Für Demokratie erhält den Wilhelm-Hoegner-Preis Der 12. März 1938 – ein Tag der Katastrophe Vorstandsmitglied Max Stadler gestorben An Willy Jesse erinnern – Gegen ein verordnetes Vergessen Museum für Geschichte der polnischen Juden in Warschau eröffnet rEzEnsionEn Berlin Jenaer Straße 7 Winter in Prag buchEMpFEhlunGEn Oskar Schindler. Seine unbekannten Helfer und Gegner Verfolgung und Widerstand. Das Schicksal Münchner Sozialdemokraten in der NS-Zeit Geraubte Kindheit. Ein Junge überlebt den Holocaust Der Freiheit verpflichtet Rechtsextreme Gewalt in Deutschland 1990 – 2013 Aufstehen gegen Vergessen und Unrecht! „Ich fühle mich angekommen – mittlerweile“ Sisyphos‘ Erbe bEitrittsErklärunG VorstAnD | iMprEssuM orGAnisAtorischEs 4 6 9 12 14 17 19 20 21 22 24 25 26 28 30 31 32 33 34 36 38 39 41 41 42 42 43 43 44 44 45 46 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013 3 inhAlt

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thEMA Wolfgang Tiefensee Rechtsextremismus in Westdeutschland Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus – Beispiel Dortmund Die probleme mit rechtsextremen kräften in Dortmund sind beachtlich. Doch auch der vehemente Einsatz in der stadt gegen diese kräfte ist beeindruckend. Aus diesem Grund trafen sich die Mitglieder des Vorstands und beirats von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. am 26. März 2013 in Dortmund. Ziel der Tagung war es, sich über die Dortmunder Erfahrungen zu informieren und ein Zeichen zu setzen, dass unsere bundesweite Vereinigung diejenigen unterstützt, die sich tagtäglich vor Ort mit menschenfeindlichen Einstellungen und Handlungen auseinandersetzen müssen. Dies brachte auch Oberbürgermeister Ullrich Sierau zum Ausdruck, der für die Sitzung eigens seine Urlaubsplanungen verändert hatte. Sierau sagte: „Wir lassen in Dortmund in unserem Kampf gegen Rechtsextremismus nicht nach. Ich freue mich, dass wir eine starke Organisation wie den Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie an unserer Seite haben. Dies ist eine Bestätigung für das Engagement der Stadt und der Zivilgesellschaft.“ Foto: Georg Bandermann Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung in Dortmund 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013

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Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus ist eine gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe. Alle sind aufgerufen sie anzugehen: staatliche Institutionen in Bund, Ländern und Gemeinden, Wirtschaft und gesellschaftliche Organisationen wie die Bürgerschaft unseres Landes, in Nord- und Süd- wie auch in West- und Ostdeutschland. Alle vorhandenen Erfahrungen weisen darauf hin, dass demokratiefeindliche Einstellungen und Handlungen nicht einfach verschwinden werden. Auch zeigt der Vergleich mit anderen europäischen Ländern, dass die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus auch in Zukunft eine Herausforderung sein wird, die sich an alle gesellschaftlichen Akteure richtet. Umso mehr ist es zu begrüßen, dass Dortmund in engem Zusammenschluss von Kommune und Bürgergesellschaft gegen rechtsextreme Strukturen vorgeht. Mit Ratsbeschluss vom September 2007 wurde der Auftrag erteilt, einen Aktionsplan für Vielfalt, Toleranz und Demokratie gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu erarbeiten. Die Stadt setzte einen Sonderbeauftragten nur für die Thematik des Rechtsextremismus ein und stellte 100.000 Euro für Projektmittel gegen Rechtsextremismus bereit. Seit Anfang 2008 wird durch eine Koordinierungsstelle eine umfangreiche Arbeit gegen Rechtsextremismus geleistet, die sich in Öffentlichkeitsarbeit, Bildungs- und Präventionsangeboten sowie der Organisation und Vernetzung der Gegenaktivitäten zu den rechtsextremen Demonstrationen erstreckt. Die Mitglieder des Vorstands und Beirats konnten mit überaus kompetenten Gesprächspartnern über den Dortmunder Weg Farbe bekennen gegen Rechtsextremismus: Bürgerengagement in Dortmund. der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus diskutieren: Neben Oberbürgermeister Ullrich Sierau referierten auch Prof. Dr. Dierk Borstel von der Fachhochschule Dortmund, der Sonderbeauftragte der Stadt Dortmund Hartmut Anders-Hoepgen (selbst Mitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.) und Claudia Luzar, die Leiterin von Back Up, Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt in Westfalen. Deutlich wurde dabei, dass es wichtig ist, diese Aktivitäten bundesweit zu flankieren. Die Akteure vor Ort brauchen manchmal ein schützendes Schild, das über sie gehalten wird. Denn hier wird im wahrsten Sinne Pionierarbeit geleistet. So wie sich Menschen ändern, gilt es auch immer wieder neue Formen der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus zu finden. Dabei darf es keine Erstarrung in althergebrachten Ritualen geben. So muss also auch erprobt und überprüft werden – manchmal, ohne dass das Ende schon vorherzusehen wäre. Gerade dann brauchen die Vertreter unsere Unterstützung. Die Mitglieder des Vorstands und Beirats zeigten sich tief beeindruckt von den Dortmunder Erfahrungen. Hier treten Bürger für eine Gesellschaft in Vielfalt ein, in der Ausgrenzung und menschenfeindliche Einstellungen keinen Platz haben. Ein besonderer Dank gilt auch Hans Glasner und Dr. Stefan Mühlhofer von der Regionalen Arbeitsgruppe Östliches Ruhrgebiet, die die Idee dieser Tagung an den Vorstand herangetragen und die Organisation vor Ort übernommen haben. ■ Wolfgang tiefensee ist Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Foto: Dortmund-Agentur, Stadt Dortmund Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013 5 thEMA

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thEMA 6 Foto: Stadtarchiv Dortmund Stefan Mühlhofer Vom Polizeigefängnis zur Mahn- und Gedenkstätte: Die Steinwache in Dortmund Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013

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Über das polizeigefängnis steinwache schrieb 1931 der Dortmunder Generalanzeiger: „Der moderne strafvollzug hat in anerkennenswertem Ausmaße neue Mittel und Wege gefunden, um das los derer, die ein straffälliges opfer der ungeheuren sozialen not wurden, zu erleichtern. […] dass schon manches getan ist, zeigt ein besuch im Dortmunder polizeigefängnis in der steinstraße.“ Dort befand sich bereits 1869 eine Wachstube der Polizei. Infolge der Industrialisierung wuchs die Dortmunder Bevölkerungszahl um die Jahrhundertwende explosionsartig an. Im Norden der Stadt, in der Nähe der Steinstraße, entstand ein völlig neuer Stadtteil für Arbeiterfamilien. Die längst unzureichend gewordene Wachstube an der Steinstraße wurde deshalb 1906 durch ein imposantes Polizeidienstgebäude für das 5. Polizeirevier ersetzt. Aus Sicht der Behörden war das neue Polizeirevier nicht nur wegen der gestiegenen Bevölkerungszahl erforderlich: Es galt auch, ein Arbeiterviertel und damit einen möglichen politischen Unruheherd zu überwachen. Bereits 1926/27 begannen die Arbeiten für einen Erweiterungsbau. Im Baustil der „Neuen Sachlichkeit“ wurden ein Verwaltungsgebäude und ein Polizeigefängnis angegliedert. Im Herbst 1928 war der Neubau bezugsfertig. Der Verbindungsbau zwischen Verwaltungs- und Gefängnistrakt diente vor 1933 in erster Linie als Schlaf- und Schulungsgebäude für das Polizeipersonal. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich die Situation in der Steinwache grundlegend. Von Anfang an war sie ein zentraler Schauplatz des NS-Terrors und fungierte als eine der berüchtigtsten Folterstätten in der Region. Als „Hölle Westdeutschlands“ war die Steinwache weithin bekannt. In den ersten Jahren der NS-Herrschaft saßen hier zahlreiche Funktionäre der demokratischen Parteien, der KPD und der Gewerkschaften ein, aber auch Bürger jüdischen Glaubens und Vertreter der christlichen Kirchen. Einige hielt man für wenige Tage, andere für Wochen und Monate fest. Sie wurden verhört und oft grausam misshandelt. In den Kriegsjahren waren hier vor allem ausländische Zwangsarbeiter inhaftiert. Ihnen wurden in erster Linie geringfügige Verstöße gegen die strengen, rassistischen Ausländergesetze der Nationalsozialisten vorgeworfen, wie „Arbeitsvertragsbruch“, „Arbeitsflucht“ oder „Arbeitsbummelei“. In wenigen Fällen beschuldigte man sie auch sogenannter „Rassevergehen“, also Beziehungen zu deutschen Männern und Frauen sowie Sabotage der Kriegsproduktion begangen zu haben. Diese Vergehen ahndete die Gestapo mit „Sonderbehandlung“, das heißt polizeilicher Exekution. Laut Zeitzeugen wurden die saalartigen Räume des Zwischentraktes – auf Grund dauerhafter Überbelegung der eigentlichen Gefängniszellen – in der NS-Zeit teilweise als Sammelzellen für Häftlinge genutzt. Im Zweiten Weltkrieg blieben die Gebäude von schweren Bombentreffern, die nahezu die gesamte Dortmunder Innenstadt zerstörten, verschont. Deshalb wurden nach Kriegsende sowohl Deutlich sieht man an den Treppenaufgängen im Inneren der Gedenkstätte, dass es sich bei diesem Gebäude einmal um ein Gefängnis gehandelt hat. Polizeiwache als auch Gefängnis weiterhin von der britischen Militärregierung und später der Polizei genutzt. Von 1961 bis 1986 dienten die Räumlichkeiten des Gefängnisses als Übernachtungsstelle für Nichtsesshafte. In den achtziger Jahren war der gesamte Gebäudekomplex wiederholt vom Abbruch bedroht. Zahlreiche Initiativen, insbesondere der Stadtjugendring und das 1980 gegründete Kuratorium „Widerstand und Verfolgung in Dortmund“, traten dagegen für eine sinnvolle Umnutzung der Steinwache ein. Dem Kuratorium gehörten, unter dem Vorsitz des damaligen Oberbürgermeisters Günter Samtlebe, Vertreter von Opferverbänden, der Politik, der Gewerkschaften, der Kirchen und weiteren zivilgesellschaftlichen Kräften an. Schließlich beschloss der Rat der Stadt, das Gefängnis zu sanieren und unter Leitung von Günther Högl die überarbeitete Fassung der Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933 bis 1945“ dort zu zeigen. Als wissenschaftlicher Berater und Mentor war der Bochumer Historiker Hans Mommsen – einer der besten Kenner des Nationalsozialismus – an der Konzeption und Ausführung der Ausstellung beteiligt. Die Steinwache als Gedenkstätte Die Einweihung der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache erfolgte am 14. Oktober 1992. Sie fällt in eine Zeit der Bundesrepublik, in der die Errichtung und der Betrieb von Gedenkstätten begannen, ein anerkannter Sektor der Kulturpolitik zu werden. „Eine Stadt stellt sich, nach fünfzig Jahren, ihrer Vergangenheit“ schrieb Andreas Rossmann in der FAZ anlässlich der Einweihung. In dieser Phase bewahrte man glücklicherweise Gedenkorte in ihrer historischen Form. Denn mehrheitlich wollte die Gesellschaft sich das nicht ansehen, man wollte es im Grunde gefühlsmäßig nicht wahrhaben. Gegen dieses Nicht-wirklich-Wahrhaben-wollen richteten sich die Gedenkstätten, auch die 1992 eröffnete Steinwache. » Fotos: Stadtarchiv Dortmund Eine kurze Geschichte der Steinwache Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013 7 thEMA

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thEMA Der Eingang zur Mahn- und Gedenkstätte Steinwache. » Zugleich schloss sich in den Gedenkstätten, neben einer lokalen Historiographie der NS-Zeit, ein vielfältiges geschichtspädagogisches Bemühen an. Es wurde nicht nur an Emotionen appelliert, sondern das Geschehene wissenschaftlich aufgearbeitet, erläutert, erzählt, kontextualisiert und ein Raum für politische Diskussion eröffnet. Neben museumspädagogischen Angeboten wird in der Steinwache seit vielen Jahren ein wissenschaftliches Begleitprogramm angeboten. In den letzten Jahren waren namhafte NS-Forscher zu Gast in der Steinwache, u.a. Hans Mommsen, Manfred Messerschmidt, Peter Longerich, Sönke Neitzel und Alfons Kenkmann. Seit der Eröffnung 1992 besuchten über 390.000 Menschen die Ausstellung, ab dem Jahre 2002 lag die Zahl pro Jahr immer über 20.000. Schülerinnen und Schüler stellten dabei die größte Gruppe. Etwa 4.500 Schulklassen aus Dortmund und der Umgebung bekamen in einer qualifizierten Führung die Ausstellungsinhalte der Gedenkstätte vermittelt. Auch ehemalige Verfolgte der Nationalsozialisten, die heute im In- und Ausland leben, besuchten mit ihren Angehörigen diesen historischen Ort. Die Steinwache ist inzwischen als zentraler Ort der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus in Dortmund und darüber hinaus anerkannt. Mit allen wichtigen Akteuren in der Stadt, die sich mit diesen Jahren der deutschen Geschichte beschäftigen, besteht ein intensiver und regelmäßiger Austausch. Dr. stefan Mühlhofer ist wissenschaftlicher Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache Dortmund und Mitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Zudem existiert auch mit anderen Orten der Erinnerung an den Nationalsozialismus ein regelmäßiger Austausch, so mit dem Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten in NRW, der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Berlin), Yad Vashem (Jerusalem), Leo Baeck Institut (New York) und dem United States Holocaust Memorial Museum (Washington). Laufend wird das museumspädagogische Programm den veränderten Rezeptionsgewohnheiten der Besucher angepasst. Seit einiger Zeit wird die Überarbeitung und Neukonzeption der Dauerausstellung vorbereitet. Dort soll stärker als bisher vom Ort selbst, dem historischen Polizeigefängnis, ausgegangen werden. Die nationalsozialistische Polizei in all ihren Facetten wird dabei als zentrales staatliches Exekutivorgan und damit wichtiger gesellschaftlicher Akteur an der Schnittstelle von Staat und Gesellschaft in den Mittelpunkt der Ausstellung rücken. Sie soll das Scharnier sein, um die Geschichte der von ihr Verfolgten – etwa Juden, Sinti und Roma, politische und religiöse Gegner sowie Zwangsarbeiter – darzustellen. Erstmalig wird dies auf einer kommunalen und regionalen Mikroebene, der Stadt Dortmund und dem Regierungsbezirk Arnsberg, geschehen. Erzählt werden soll anhand von Einzelschicksalen, die wiederum in den allgemeinen historischen Hintergrund eingebettet werden. Dies macht den Zugang für alle Besucher leichter und die Geschichte des Nationalsozialismus erfahr- und nachvollziehbar. Letztlich ist das Ziel eine Gesellschaftsgeschichte Dortmunds im Nationalsozialismus als ein exemplarisches Beispiel für eine Großstadt im Westen des Reiches zu präsentieren. ■ 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013 Foto: Helfmann / Wikipedia

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Dierk Borstel Modellwerkstatt Dortmund? Innovationen nach dem Verbot des Nationalen Widerstands Dortmund ist sowohl als ein schwerpunkt rechtsextremer Aktivitäten in Westdeutschland, als auch für eine entschiedene Gegenwehr der demokratischen stadtgesellschaft bekannt. Was sich am beispiel der ruhrpott-Metropole tatsächlich gut zeigen lässt ist, wie eine stadt auf rechtsextreme Dominanzen reagieren kann und wie wiederum rechtsextremisten mit dieser Gegenwehr umgehen. Bis ins vergangene Jahr hinein galt Dortmund als Vorbild für Rechtsextremisten in Westdeutschland. Eine junge Generation von Rechtsextremisten erprobte mit erkennbaren Erfolgen die neue Strategie der sogenannten „Autonomen Nationalisten“ (AN). Ästhetisch von der extremen Linken nicht mehr zu unterscheiden, öffneten sie sich anderen Jugendkulturen. Im Stadtteil Dorstfeld verfügten die AN über feste Räume und Wohngemeinschaften. Dort entfalteten sie über Jahre einen kommunalen Kampf um die kulturelle Lufthoheit vor Ort und im Alltag. Jugendliche wurden rekrutiert und mit niedrigschwelligen Angeboten gelockt, Opfergruppen zum Teil mit massiver Gewalt konfrontiert und die „schweigende Mitte“ mit Propaganda überzogen. Bis ins Jahr 2009 waren es vor allem antifaschistische Gruppen, die diese Prozesse öffentlich thematisierten. Der frühere Oberbürgermeister Langemeyer ernannte immerhin 2007 einen Sonderbeauftragten für Demokratie und Vielfalt, der sich dem Thema Rechtsextremismus zuwendete. » In Dortmund, einer vielfältigen Industriestadt, hat sich ein breites Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Akteuren und staatlichen Institutionen gegen Rechtsextremismus entwickelt. Foto: Smial / wikimedia Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013 9 thEMA

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thEMA » Zu einem weitergehenden gesellschaftlichen Aufschrei kam es erst nach einem Fernsehbericht über eine Familie, die aus Angst vor rechtsextremer Gewalt Dorstfeld verließ und öffentlich die mangelnde Unterstützung der demokratischen Stadtgesellschaft beklagte. Fortan wurde ein lokaler Aktionsplan geschmiedet und Strategien des Umgangs entwickelt. Spannend ist heute die erstaunliche Breite des daraus entstandenen demokratischen Netzwerkes. In Dorstfeld hat sich über einen Runden Tisch der lokale Widerstand organisiert, in der gesamten Stadt beteiligen sich Gewerkschaften, Polizei, Ämter, Politiker, Kirchen, Schulen, Hochschulen, diverse Initiativen, antifaschistische Bündnisse und zahlreiche Bürger am Kampf gegen Rechtsextremismus. Das Engagement lässt sich analytisch in vier Bereiche unterteilen: ■ 1. prävention: Viele Schulen, Teile der Jugendarbeit, Künstlerinitiativen, Gedenkstätten wie die Steinwache, Vereine wie „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ und Hochschulen beteiligen sich über Projektwochen und Veranstaltungen, aber auch in den Regelbetrieben an der Präventionsarbeit. ■ 2. repression: Besonders die örtliche Polizei hat in enger Kooperation mit dem Ordnungsamt der Stadt den repressiven Druck auf die lokalen Rechtsextremisten deutlich erhöht. Höhepunkt war im letzten Jahr das Verbot der als „Nationaler Widerstand“ titulierten Autonomen Nationalisten. ■ 3. integration: Netzwerke und runde Tische haben sich über das ganze Stadtgebiet hinweg entfaltet und selbst organisiert. Sie sind in sich pluralistisch. Konsens besteht aber darüber, dem Rechtsextremismus keinen Platz zu gönnen und ihn trotzdem nicht nur vertreiben zu wollen. Dortmund will seine Probleme nicht den Nachbarstädten übergeben, sondern selbst vor Ort begrenzen und jedem die Hand reichen, der die Szene verlassen will. Probleme werden mittlerweile durch ein Netz aus Organisationen und Programmen aufgefangen. So hat sich in Dorstfeld ein Runder Tisch formiert, an dem aus bürgerschaftlichem Engagement und politischem Willen ein lokaler Aktionsplan gegen Rechtsextremismus entstand. ■ 4. intervention: Ebenfalls besteht große Einigung in der Dortmunder Stadtgesellschaft darüber, dass Opfer rechtsextremer Gewalt besonderen Schutz bedürfen. Unterstützt von der Stadt und dem Land NRW hat sich dazu die bürgergesellschaftliche Opferberatungsstelle „Back Up NRW“ in Dortmund gegründet, deren Arbeitsfeld sich auf Westfalen insgesamt bezieht. 10 Foto: Smial / wikimedia Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013

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Rechtsextremismus ist bekanntlich immer nur so stark, wie die Gegenseite es zulässt. In Dortmund steht den sehr professionell agierenden Rechtsextremisten heute ein überaus breites Bündnis der Stadtgesellschaft gegenüber. Zwei Schlüsselereignisse brachten in der jüngsten Vergangenheit Bewegung in die Auseinandersetzung zwischen Rechtsextremisten und Nicht-Rechtsextremisten. Im September 2011 organisierten die Autonomen Nationalisten eine große Demonstration und erwarteten mehrere tausend Teilnehmer. Tatsächlich standen nur etwa 700 Rechtsextremisten mehr als 10.000 Gegendemonstranten gegenüber. Ein Jahr später erfolgte der Verbotserlass des „Nationalen Widerstands“. Parallel dazu kaufte die Stadt ihren zentralen Treffpunkt auf und kündigte den Mietern, so dass ihr Anlaufpunkt in Dorstfeld wegfiel. Die AN hat dies zunächst geschwächt. An den Rändern des organisierten, rechtsextremen Kerns zeigten sich Absetzbewegungen von Mitläufern. Die Magnetkraft schwand offensichtlich und dies nicht nur in Dortmund sondern auch in der westfälischen Region. Die Szene organisierte sich dennoch schnell neu, gründete einen Kreisverband der neuen Partei „Die Rechte“ und kaufte ein neues Ladenlokal im Nachbarbezirk Huckarde. Aus Repression erfolgte somit auf Seiten der Rechten Innovation. Aus der Bewegung wurde eine neue Partei. Sie intensivierte vor allem ihre Präsenz im Internet, startete eine tagesaktuelle Kommentierung in Form eines Blogs, sprach Jugendliche jetzt über Facebook und weniger auf der Straße an und baute einen rechtsextremen Vertrieb neu auf. Es wurde deutlich, dass sich auch die demokratische Gegenseite neu aufstellen musste. In Huckarde organisierte sich schnell der lokale Widerstand. Über 200 Bürger erschienen zur Gründung eines Runden Tisches. Angeregt von „Back Up“ startete zudem eine Initiative zur Erneuerung und Ausweitung der demokratischen Auseinandersetzung mit der rechtsextremen Herausforderung. Die bestehenden Maßnahmen sollten vor dem Hintergrund einer zentralen Frage ergänzt werden. Sie lautet: Welche Ansätze der Auseinandersetzung kann eine Stadtgesellschaft ergreifen, wenn sie in den Bereichen der Prävention, Integration und Repression vorbildlich arbeitet und trotzdem noch Rechtsextremisten vor Ort agieren? Wie soll mit ihnen umgegangen werden? International finden sich dazu Ansätze unter dem Stichwort „Deradikalisierung“, das heißt der unmittelbaren, politischen und kon- Der Containerhafen in Dortmund zeigt, wie sehr die Industrie die Ruhrmetropole immer noch prägt. frontativen Arbeit am rechtsextremen Feld. Ziel ist es, Ausstiegsprozesse bei den Zweifelnden in der Szene zu fördern und so die rechtsextreme Szene zusätzlich zu schwächen. Nicht gemeint ist damit der Ansatz einer oft fehlgeleiteten, weil nicht ausstiegsmotivierenden „akzeptierenden“ Jugendarbeit. Unterstützt von den Oberbürgermeistern der Städte Dortmund und Hamm sowie der Oberbürgermeisterin von Bochum, dem Sonderbeauftragten der Stadt Dortmund und einem Fachkreis aus Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Back Up, der Gewerkschaft, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, der Fachhochschule Dortmund und der Gedenkstätte Steinwache wurde die Gründung eines westfälischen Trägervereins vorbereitet. Damit können Gegenmaßnahmen nun sinnvoller über Stadtgrenzen hinweg organisiert werden. Der Trägerverein soll zum einen die regionale Arbeit von Back Up fördern. Hinzu soll ein Arbeitszweig treten, der über neue Formen der „offensiven“ Auseinandersetzung versucht, auch unmittelbar ausstiegsorientierend zu wirken. In Dortmund und Westfalen ist somit Bewegung auf beiden Seiten erkennbar. Beide Seiten reagieren aufeinander, stellen sich organisatorisch um und erproben neue Strategien. Dortmund ist damit tatsächlich eine Modellwerkstatt für die konkrete Auseinandersetzung. Dies ist auf demokratischer Seite nur möglich, weil die Haltung zentraler Akteure, angefangen bei der Stadtspitze, eindeutig ist. Die klare Mehrheit der Stadtgesellschaft ist nicht bereit, den Rechtsextremisten Teile der Stadt zu überlassen. ■ Dr. Dierk borstel ist Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften an der FH Dortmund. ■ Die beratungsstelle back up für opfer rechtsextremer Gewalt in Dortmund Back Up ist die erste Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt in Westdeutschland. Sie wurde im November 2011 unter der Leitung von Claudia Luzar gegründet und wird vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW finanziert. Claudia Luzar bringt langjährige Erfahrungen aus der Beratungsstelle „Opferperspektive“ in Brandenburg mit. Back Up berät Menschen, die Opfer von rechter Gewalt geworden sind oder bedroht wurden, aber auch deren Umfeld und Familien. Die Beratung erfolgt einzig im Sinne des Opfers, unabhängig davon, ob eine Anzeige bei der Polizei gestellt wurde oder nicht. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besuchen die Opfer rechtsextremer Gewalt zu Hause oder an einem anderen gewünschten Ort. Sie bieten psychosoziale und psychologische Hilfe, vermitteln Anwälte und begleiten die Klienten zu Terminen bei der Polizei, bei Ärzten und Gerichtsverfahren. Back Up berät kostenlos, auf Wunsch auch anonym. Homepage: www.backup-nrw.org Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013 Foto: Smial / wikimedia 11 thEMA

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thEMA Diskutierten über „Menschen im Übergang. Flucht, Migration und Integration gestern und heute“: Susanne Schädlich, Merle Hilbk, Moderatorin Dr. Jacqueline Boysen, Prof. Dr. Joachim Oltmer, Senatorin Dilek Kolat(von links nach rechts). Henrik Bispinck 60 Jahre „Tor zur Freiheit“ Veranstaltungsprogramm anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung des Notaufnahmelagers Marienfelde Vor 60 Jahren, am 14. April 1953, weihten bundespräsident theodor heuss und der regierende bürgermeister Ernst reuter in berlin das notaufnahmelager Marienfelde ein. Errichtet wurde der komplex für Flüchtlinge aus der DDr, von denen bis 1989 über 1,3 Millionen dieses „tor zur Freiheit“ passierten. zusätzlich gelangten von 1962 bis 2010 über 96.000 spätaussiedler aus russland, polen und anderen osteuropäischen ländern über Marienfelde in die bundesrepublik. heute dienen die Gebäude als Übergangswohnheim für Asylsuchende und Flüchtlinge – zurzeit leben hier rund 600 Menschen. Anlässlich des Jubiläums richtete die Erinnerungsstätte notaufnahmelager Marienfelde, die seit 2005 eine Dauerausstellung im ehemaligen Verwaltungsgebäude betreibt, ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm aus. Den Auftakt machte am Abend des 11. April eine Podiumsdiskussion zum Thema „Menschen im Übergang. Flucht, Migration und Integration gestern und heute“. Zum Einstieg skizzierte der Migrationsforscher Professor Jochen Oltmer in einem Kurzvortrag die Entwicklung der Einwanderung in die Bundesrepublik von den Wanderungsströmen der 1940er und 1950er Jahre als Folge des Zweiten Weltkriegs bis hin zu aktuellen Diskussionen um Zuwanderung und Integration im vereinigten Deutschland. Anschließend diskutierte er mit der Berliner Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat, sowie mit den Autorinnen Susanne Schädlich und Merle Hilbk. Sowohl Schädlich, die in den 1970er Jahren als Kind mit ihren Eltern aus der DDR ausgereist war, als auch Hilbk, deren Familie als Spätaussiedler aus der Sowjetunion nach Westdeutschland gekommen war, berichteten über die Integrationsschwierigkeiten, die Menschen auch ohne Sprachbarrieren in der Bundesrepublik erfuhren. Dilek Kolat, Tochter türkischer Einwanderer, die in den 1960er Jahren nach Berlin kamen, betonte, dass die Integrationsfrage zu stark vom Ankunftsland aus betrachtet würde, während die Perspektive der Zuwanderer, ihre Chancen und ihr Streben nach Glück zu wenig Berücksichtigung fänden. Am darauffolgenden Freitag fand eine wissenschaftliche Tagung zum Thema „Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland“ statt, auf der Historiker und Politologen aktuelle Forschungsergebnisse diskutierten. In der ersten Sektion ging es um Flüchtlingslager und Asylpolitik im Kontext des Kalten Krieges. Anschließend wurde das Verhältnis zwischen Lagern und ihrem unmittelbaren Umfeld beleuchtet. Neben den zahlreichen über Westberlin verstreuten Flüchtlingslagern und dem Notaufnahmelager im niedersächsischen Uelzen wurde auch ein Beispiel aus der jüngsten deutschen Geschichte in den Blick genommen: Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende in Rostock-Lichtenhagen und die Übergriffe auf dieses Heim im Jahr 1992. Die dritte und letzte Sektion befasste sich mit Lagern als Erinnerungsorten. Akteure aus der Praxis stellten geplante und bereits umgesetzte Ausstellungskonzepte für das Jugendlager Sandbostel, das Grenzdurchgangslager Friedland, das Notaufnahmelager Marienfelde sowie den aktuellen Stand der Thematisierung von Migrationsgeschichte in Museen insgesamt vor. Am Freitagabend präsentierte der Historiker Dr. Keith Allen im Gespräch mit Dr. Enrico Heitzer sein Buch „Befragung – Über- 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013 Foto: ENM – Susanne Muhle

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Foto: ENM – Susanne Muhle wanderer aus der DDR seien ein Gewinn für die Bundesrepublik gewesen und vor diesem Hintergrund sollte auch auf heutige Flüchtlinge geschaut werden. Er warnte vor einer Stigmatisierung der Zuwanderer und richtete einen leidenschaftlichen Appell an das Publikum: „Begegnen wir denen, die zu uns kommen, mit Menschlichkeit und Menschenverstand.“ Nach der Rede des Bundespräsidenten führte eine Schauspielergruppe unter Leitung von Regisseur Georg Piller Spielszenen zum Thema „Flucht“ auf, die auf Zeitzeugenberichten, Zeitungsartikeln, Polizeiprotokollen, Dienstanweisungen und anderen historischen Dokumenten beruhen. Diese unkonventionelle Verarbeitung des Themas stieß beim Publikum auf viel Beifall. Auf der Tagung „Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland“ diskutierten u.a.: Thomas Prenzel, Arne Hoffrichter, Dr. Enrico Heitzer und Moderator Dr. Henrik Bispinck (v.l.n.r.). prüfung – Kontrolle: Die Aufnahme von DDR-Flüchtlingen in West-Berlin bis 1961“. Die Publikation, die anlässlich des Jubiläums auf Initiative des Fördervereins der Erinnerungsstätte entstand, beleuchtet erstmals die Befragungen von DDR-Flüchtlingen durch westliche Geheimdienste sowie durch Organisationen wie den Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen und die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit. Das Buch macht deutlich, dass der Westen die Befragungen der Flüchtlinge auch dazu nutzte, um Informationen über die politische und militärische Lage in der DDR zu erhalten. Nach einer ausgebuchten Bustour „Verschwunden und Vergessen“ zu Standorten früherer Lager für DDR-Flüchtlinge in Westberlin folgte am Sonntag, dem eigentlichen Jahrestag, der Höhepunkt der Feierlichkeiten: der offizielle Festakt mit Bundespräsident Joachim Gauck. In seiner persönlich gefärbten Festansprache erinnerte Gauck an die unzähligen Menschen, die Tag für Tag aus der DDR flüchteten und nur selten Abschied von ihren Freunden und Angehörigen nehmen konnten. Er selbst habe erfahren, was es bedeutet, wenn Mitglieder der eigenen Familie die Heimat verlassen. Bis heute stehe Marienfelde für die Suche nach einem Leben in Demokratie und Freiheit, aber auch für die enorme Integrationsleistung der westdeutschen Gesellschaft. Zugleich rief der Bundespräsident auch diejenigen Menschen ins Gedächtnis, denen die Flucht nicht glückte, die an der Mauer getötet wurden oder in DDR-Gefängnissen endeten. Aber Gauck verharrte nicht im Rückblick, sondern rief dazu auf, aus der Geschichte Lehren für die Gegenwart zu ziehen: Die Zu- Im Anschluss sprach der Bürgermeister und Innensenator von Berlin Frank Henkel, der selbst als 17-jähriger mit seinen Eltern über das Notaufnahmelager von Ost- nach West-Berlin gekommen war, mit drei Zeitzeugen über ihre Erfahrungen. Alle drei waren zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen aus der DDR in den Westen gekommen. Wilfried Seiring floh 1957 mit der S-Bahn nach West-Berlin, weil er wegen einer Solidarisierungsaktion mit protestierenden ungarischen Studenten von der Universität geflogen war. Dr. Renate Werwigk-Schneider wurde nach zwei gescheiterten Fluchtversuchen und mehrjähriger Haft 1968 von der Bundesrepublik freigekauft. Reinhard Klaus wurde im Mai 1989 wegen seines Engagements für den Umweltschutz aus der DDR abgeschoben. Für die musikalische Umrahmung des Festaktes sorgten die aus dem Südsudan stammende Sängerin Rose Louis-Rudek sowie ein Streichensemble der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Joachim Gauck nahm sich nach dem Festakt noch Zeit für einen Rundgang durch die Ausstellung. Beim abschließenden Empfang in und vor den Räumen der Erinnerungsstätte gab es bei strahlendem Sonnenschein noch Zeit für persönliche Begegnungen und Gespräche. ■ Foto: ENM – Gesa Simons ■ Dauerausstellung „Flucht im geteilten Deutschland“ in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr Der Eintritt ist frei. Öffentliche Führungen durch die ständige Ausstellung: Mittwoch und Sonntag jeweils um 15.00 Uhr (Führungsentgelte € 2,50 / ermäßigt € 1,50). Kontakt: Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Marienfelder Allee 66-80, 12277 Berlin, Tel. 030-7500 8400, E-Mail: info-enm@stiftung-berliner-mauer.de internet: www.notaufnahmelager-berlin.de Kinder aus dem Flüchtlingslager Marienfelde begrüßen Bundespräsident Joachim Gauck mit Blumen. Dr. henrik bispinck ist Schriftführer im Vorstand des Fördervereins Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde und Mitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013 13 thEMA

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thEMA Benjamin Bieber Schulprojekt Anne Frank Zeitgeschichte in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt am Main III bildung ist eine tragende säule im Justizvollzug, besonders für Jugendliche. in hessen gibt es drei Justizvollzugsanstalten für junge Menschen, nämlich in Wiesbaden, rockenberg und Frankfurt am Main. Während in den ersten beiden Einrichtungen junge Männer inhaftiert sind, ist die JVA Frankfurt am Main iii für junge (und auch erwachsene) Frauen zuständig. zumeist haben diese mehrfach unterbrochene schulbiographien hinter sich; einen Abschluss haben sie selten, wenn sie die haft antreten. Aber: sie sind interessiert. Das schulische Angebot in der Jugendabteilung bietet einen Fächerkanon, der von Deutsch und Mathematik über Englisch und kunst bis zu Geschichte und politik reicht. Da die haftzeiten unterschiedlich sind (sie reichen von sechs Monaten bis zu mehreren Jahren) wechselt die klassenkonstellation häufig. Im Januar 2013 begannen wir im Rahmen des Deutschunterrichts mit der Lektüre des „Tagebuchs der Anne Frank“. Die fünf Teilnehmerinnen des Schulprojekts, denen Anne Frank und ihr Tagebuch zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt waren, interessierten sich hierfür zunehmend mehr. Die Klasse las das Buch hauptsächlich im Unterricht, zum Teil auch in ihren Haft- und Foto: Justizvollzugsanstalt Frankfurt am Main III „Es war für uns ein unvergesslicher, sehr bewegender Tag“, darin waren sich Buddy und Gerti Elias am 22. Februar 2013 in der JVA Frankfurt am Main III einig. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013

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Gruppenräumen. Im Unterricht lasen wir es gemeinsam, und wir lasen es laut. Zumeist lasen die Schülerinnen abwechselnd jeweils einen Tagebucheintrag. Schülerinnen, denen das (laut) Lesen anfangs schwer fiel, ließen sich durch ihre Mitschülerinnen motivieren. Im Zuge des Deutschunterrichts diskutierten wir über das Buch, über Anne Frank, über die geschichtlichen Hintergründe und auch über das literarische Medium Tagebuch. Die meisten Schülerinnen führen selbst Tagebuch, konnten sich in dieses Medium also einfühlen. und Art. 3 des Grundgesetzes an die Wände des Raumes projizierten, um diese dann mit Wandfarbe sorgfältig auszumalen. Waren Menschenwürde und Menschenrechte bereits seit langem inhaltlicher Bestandteil des Unterrichts, so schlagen sich diese Themen nun auch äußerlich in der Gestaltung des Raumes nieder. Am 22. Februar schließlich besuchten Buddy (geb. 1925) und Gerti Elias (geb. 1933) die Justizvollzugsanstalt Frankfurt am Main III, um aus Dokumenten und Texten von Anne Frank zu lesen. Buddy Elias berichtete von Anne Frank, die wie er aus Frankfurt stammt. Er und seine Frau Gerti diskutierten mit dem Für alle Teilnehmerinnen war es die erste intensive AuseinanderPublikum, beantworteten Fragen und schilderten überaus lebensetzung mit nationalsozialistischem Unrecht und dem Schicksal dig Kapitel aus dem Leben von Anne Frank und ihrem eigenen der Verfolgten. Da die Bereitschaft, sich mit dem Thema näher Leben. Das Publikum dankte es ihnen mit stehenden Ovationen, zu beschäftigen, seitens der Schülerinnen wuchs, stand das Tasie wiederum dankten dem Publikum für das große Interesse. gebuch der Anne Frank auch im Rahmen des Kunstunterrichts Eine solche Veranstaltung, so im Mittelpunkt. Die Aufgabe Buddy und Gerti Elias später, bestand dort darin, sich in einer „Es war für uns ein unvergesslicher, hätten sie noch nicht erlebt. freigestellten Weise dem Tagesehr bewegender Tag. buch zu nähern. So wurde von Die Schülerinnen waren unmiteiner Teilnehmerin ein Koffer von Die inhaftierten Mädchen haben Glück eine solche telbar involviert in die VorbereiAnne Frank nachgebildet, von eihumanistische Behandlung und Hilfe erhalten zu dürfen. tungen. Sie schlugen von sich ner anderen wiederum ein selbst aus vor, dass sie das Ehepaar Elikreiertes Tagebuch mit einem eiWir bekamen den Eindruck, dass sicher ein Grossteil as mit einigen Worten begrüßen genen, auf die Thematik bezogevon ihnen das realisieren wird. wollten. Unter dem Titel „Unser nen Text versehen. Weg zu Anne Frank“ schilderten Anne würde sich freuen.“ die vier Schülerinnen (eine TeilNeben der literarischen und Buddy und Gerti Elias, Februar 2013 nehmerin war zwischenzeitlich künstlerischen Beschäftigung mit entlassen worden), wie sich ihr dem Tagebuch wurde das Thema Interesse entwickelte und welche Bedeutung der Besuch für flankiert durch die Beschäftigung mit den historisch-politischen sie selbst habe. Es ging um beidseitige Wertschätzung. Für den Gegebenheiten. Aus diesem Grund wurde im Rahmen eines TheAuftritt der Schülerinnen wollten und sollten diese proben, es mentages eine Dokumentation über die Geschichte der Familie war ihnen wichtig geworden, ihr Projekt und auch sich selbst Frank gezeigt, in der auch der letzte noch lebende Verwandte angemessen zu präsentieren und die Gäste – die in gewisser von Anne Frank, nämlich ihr Cousin Bernhard ‚Buddy’ Elias zu Weise auch ihre Gäste waren – würdig zu empfangen. So hatten Wort kommt. Keine der Schülerinnen hatte bereits einmal an sie für den im Anschluss an die Lesung stattfindenden Empfang einem Gespräch mit Zeitzeugen teilgenommen. Das Interesse im Schulraum diesen dekoriert, die Tische gedeckt und Kuchen hieran war groß, weshalb wir uns seitens des Pädagogischen gebacken, sie hatten ihre im Kunstunterricht gefertigten GegenDienstes der JVA bemühten, den Kontakt zu Buddy Elias herzustände vorgestellt und sich in kleinerem, persönlicherem Rahstellen – der spontan zusagte. men mit Herrn und Frau Elias unterhalten. Als Termin für eine Lesung wurde der 22. Februar vereinbart, Das Schulprojekt trägt nun den Namen „Schulprojekt Anne was eine zeitnahe organisatorische Planung und inhaltliche Frank“. Buddy und Gerti Elias eröffneten dies im Beisein der Vorbereitung erforderte. Die Veranstaltung wurde für alle Gestellvertretenden Leiterin der Justizvollzugsanstalt Frankfurt am fangenen (d.h. auch erwachsene Gefangene) und BediensteMain III. Eigens zu diesem Anlass übersandte uns das Anne Frank ten geöffnet, wobei die Gefangenen sich per Anliegen an den Zentrum in Berlin eine hochwertige Fotografie, die wir entsprePädagogischen Dienst wenden sollten. Die Veranstaltung wurchend gerahmt und von der Familie Elias signiert und gewidde mittels eines Plakats in allen Hafthäusern angekündigt. Die met an zentraler Stelle im Unterrichtsraum platzierten. Ferner Resonanz war groß, etwa 60 Gefangene (und 20 Bedienstete) übersandte uns das Anne Frank Zentrum freundlicherweise eine sollten schließlich an der Lesung teilnehmen; die Anstaltsleitung Bücherspende von fünf weiteren Exemplaren des Tagebuchs von und das Justizministerium waren zugegen, die Frankfurter AllgeAnne Frank. Die Gefangenen-Bücherei errichtete eigens zum meine Zeitung war mit einer Journalistin vertreten, auch der LeiAnlass der Lesung von Buddy und Gerti Elias einen Tisch, auf ter der in Frankfurt ansässigen Jugendbegegnungsstätte Anne dem Literatur zum Thema Holocaust, Krieg, Verfolgung und VerFrank, Dr. Meron Mendel, nahm teil. treibung angeboten wurde. Die Teilnehmerinnen des Schulprojekts arbeiteten nun gezielt und In den Nachbesprechungen mit den Schülerinnen in den folgenverstärkt an der Vorbereitung der Veranstaltung. Vor allem wurde den Tagen wurde noch einmal deutlich, welchen Eindruck nicht der Raum des Schulprojekts vollständig umgestaltet, indem die nur die Veranstaltung auf sie gemacht hatte. Es wurde auch » Schülerinnen mittels eines Beamers wesentliche Teile von Art. 1 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 77 / Juli 2013 15 thEMA

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