Gegen Vergessen für Demokratie :: Mitgliederzeitschrift (76)

 

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Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“; Der 17. Juni 1953 in der deutschen Erinnerung; Achtzigster Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933

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www.gegen-vergessen.de 76 / Mai 2013 FÜR DEMOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ Der 17. Juni 1953 in der deutschen Erinnerung Achtzigster Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 ab Seite 04 ab Seite 08 ab Seite 11

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Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie, liebe Freundinnen und Freunde, Geschichte bewegt in diesem Jahr viele Gemüter. Gerade wurde die Spielfilmreihe „Unsere Mütter, unsere Väter“ über den Zweiten Weltkrieg zur besten Sendezeit im ZDF gezeigt. Viele haben sie gesehen und sind ins Nachdenken über eine grausame Zeit gekommen, die nur wenige von uns noch selbst erlebt haben. Wir erinnern uns in diesem besonderen Gedenkjahr an die Machtübernahme der Nationalsozialisten vor 80 Jahren. In Berlin begehen wir das Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ mit einer Fülle von Ausstellungen und Veranstaltungen. Diese führen uns vor Augen, dass das Jahr 1933 den Niedergang einer vielfältigen, kulturell hochstehenden und weltoffenen Metropole bedeutete. Ein Ereignis, dass den Absturz von der Hochkultur in die Barbarei offen zu Tage treten lässt, sind die Bücherverbrennungen des 10. Mai 1933. Unser Gründungsvorsitzender Hans-Jochen Vogel, der im Fernsehen nach dem letzten Teil der Reihe „Unsere Mütter, unsere Väter“ über seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg berichtete, macht in seinem Artikel über den 10. Mai 1933 deutlich: Dieses Datum kann man mit dem Wissen um den Holocaust nicht treffender charakterisieren als mit dem Heine-Zitat „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“. An ein anderes Datum unserer jüngsten deutschen Geschichte, das in der Bundesrepublik einmal ein Nationalfeiertag war und sich 2013 zum 60. Mal jährt, erinnert unser stellvertretender Vorsitzender Bernd Faulenbach. Er weist darauf hin, dass der 17. Juni 1953 in zweierlei Hinsicht wert ist, bedacht und gefeiert zu werden: als erster Aufstand gegen den Stalinismus im sowjetischen Herrschaftsbereich und als Ereignis der deutschen Freiheitstradition, die es neben all den Erfahrungen von Unfreiheit und Unterdrückung auch gegeben hat. Das Jahr 1933 mahnt uns, dass Vielfalt und Toleranz sensible, schützenswerte Güter sind. Und das Jahr 1953 macht uns klar, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist, dass Menschen zu anderen Zeiten mehr dafür riskieren mussten als wir heute. Die NSU-Morde aber haben gezeigt, dass wir uns nie zu sicher fühlen dürfen. Bleiben wir wachsam, in dem wir uns erinnern. Ihr Wolfgang Tiefensee Die diesjährige Mitgliederversammlung findet am Samstag, den 23. November 2013, im Berliner Abgeordnetenhaus statt. Am 24. November 2013 werden ebenfalls im Berliner Abgeordnetenhaus der Preis „Gegen Vergessen – für Demokratie“ und der „WaltraudNetzer-Jugendpreis“ verliehen. Für beide Preise suchen wir würdige Preisträger. Vorschläge können bis zum 31. Mai 2013 eingereicht werden. Informationen zu beiden Preisen finden sie auf unserer Internetseite unter www.gegen-vergessen.de/initiativen.html Mit dieser Ausgabe bekommt unsere Zeitschrift ein neues Gesicht. Wir danken der Werbeagentur together concept aus Essen für die langjährige grafische Betreuung unserer Zeitschrift und die überaus erfreuliche Zusammenarbeit. Ab dieser Ausgabe wird das Layout der Zeitschrift von Atanassow-Grafikdesign aus Dresden verantwortet. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013

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Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe thEMEn Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ Der 17. Juni 1953 in der deutschen Erinnerung Zum achtzigsten Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 „Keine Kameraden“ „Täter, Opfer, Jedermann“ 4 8 11 14 16 aus unsErEr arbEit Geschichte vermitteln in einer heterogenen Gesellschaft Gedenken in der Rosenstraße 18 20 rEgionalE arbEitsgruppEn RAG Augsburg-Schwaben: Wernher v. Braun, Täter der „Generation des Unbedingten“ RAG Nordhessen-Südniedersachsen: Der 27. Januar in Bad Sooden-Allendorf RAG Baden-Württemberg, Böblingen-Herrenberg-Tübingen: Grußkarten aus dem KZ RAG Baden-Württemberg, Südbaden: Was kann Waldkirch von Günzburg lernen? RAG Baden-Württemberg, Nordbaden: Stolpersteine putzen – warum? 21 23 25 27 29 naMEn und nachrichtEn Willi-Ohlendorf-Preis 2012 Nachruf auf Edward Kossoy Zeitzeuge Werner Grube verstorben 32 33 35 rEzEnsionEn Menschenrechtsbildung in KZ-Gedenkstätten? Wilhelm Leuschner – Ein deutscher Widerstandskämpfer NS-Täter Werner Ventzki: Der „andere“ Vater Auf Hass lässt sich nicht bauen – Erinnerungen 37 38 40 42 buchEMpfEhlungEn Das Oberlandesgericht München zwischen 1933 und 1945. 42 bEitrittsErklärung VEranstaltungEn Vorstand | iMprEssuM organisatorischEs 43 44 46 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013 3 inhalt

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thEMa Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ Berlin steht heute weltweit für Modernität, Vielfalt und Toleranz. Wie sensibel und schützenswert diese Werte sind, soll das Berliner Themenjahr 2013 mit dem Titel „Zerstörte Vielfalt“ zeigen. Es setzt sich mit der durch den Nationalsozialismus nach 1933 zerstörten gesellschaftlichen Vielfalt Berlins auseinander. Der 80. Jahrestag der Machtübertragung an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 und der 75. Jahrestag des Novemberpogroms sind der Anlass für ein Jahr des Gedenkens und Erinnerns. Über 120 Projektpartner, z.B. Museen, Vereine, Verbände, Stiftungen, Unternehmen, Galerien, Künstler, Theater, Archive, Bezirksämter, Institute, Kircheneinrichtungen, Dokumentationszentren und Erinnerungsstätten sowie private Initiativen in Berlin engagieren sich gemeinsam für das Themenjahr mit Ausstellungen sowie über 500 Veranstaltungen. Im Stadtbild präsent Im Stadtbild Berlins wird die „Zerstörte Vielfalt“ im Jahr 2013 unübersehbar dokumentiert. An elf ausgewählten Orten in Berlin wurden verschiedene Säulen-Ausstellungen installiert. Jeweils vom historischen Ort ausgehend werfen diese thematischen Ausstellungen Schlaglichter auf die Geschichte Berlins in der NS-Zeit. Auf weiteren Säulen präsentieren über 50 Ausstellungsprojekte ihre Recherchen zur Berlingeschichte der Weimarer Republik und der NS-Zeit. In einer Biografie-Ausstellung, die zunächst ab dem 30. Januar vor dem Brandenburger Tor zu sehen war und nun in den Lustgarten vor den Berliner Dom gezogen ist, werden über 200 einzelne Persönlichkeiten, die vor 1933 die Vielfalt Berlins repräsentierten, vorgestellt. 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013

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Geht Schicksalen und Lebensgeschichten nach: die Porträtausstellung im Lustgarten in der Nähe des Berliner Doms. Foto: Annemarie Hühne Auch das von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. geförderte studentische Projekt „kudamm‘ 31“ ist in der Ausstellung im DHM und auch am Kurfürstendamm auf einer Säulenausstellung präsent. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013 5 Foto: Christian Kielmann thEMa

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thEMa Ausstellung im DHM Zum Themenjahr präsentiert das Deutsche Historische Museum die Ausstellung „Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933–1938“, in der sich ebenfalls viele stadtweite Geschichtsprojekte mit einbringen konnten, wie z.B. das studentische Projekt „kudamm‘ 31“ von past[at]present, das die Geschichte des praktisch vergessenen Pogroms vom 12. September 1931 auf dem Berliner Kurfürstendamm als Audiowalk wieder zugänglich machte und von Gegen Vergessen – für Demokratie e.V. unterstützt wurde. Als Ausstellung mit freiem Eintritt schafft „Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933–1938“ eine inhaltliche Klammer der teilnehmenden Projekte und dient als zentraler Zugang zum Themenjahr für Berliner und Berlinbesucher. Die Ausstellung zeigt anschaulich, wie die gesellschaftliche Vielfalt und kulturelle Avantgarde im Berlin der 1920er Jahre durch die Etablierung des Nationalsozialismus zerstört wurden. Im Stadtbild präsent: die Ausstellungen zum Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“am Brandenburger Tor und am Potsdamer Platz. 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013 Foto: Dennis Riffel

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Foto: Jakob Hoff Blick in die kostenlose Ausstellung im DHM, die bis 10. November geöffnet ist. www.berlin.de/2013 Einen stets aktuellen Überblick über Ausstellungen, Diskussionsrunden und Lesungen, Publikationen, Filmprojekte, Stadtführungen und Rundgänge, aber auch temporäre Kunstprojekte, Multimedia-Collagen, Apps sowie Theater-Features bietet die Webseite www.berlin.de/2013. Auch der weltweit bekannte Datenpool des Projektes „Stolpersteine“ wurde in das Internetportal des Themenjahres eingebunden und ist auf der interaktiven Stadtkarte mit mehr als 1.500 „Stolpersteinen“ sichtbar. Im Jahresverlauf bietet die Internetseite viele spannende Informationen und wird ständig erweitert durch die wachsende Anzahl der Projektpartner sowie hinzukommende Veranstaltungen und Biografien. Zahlreiche Inhalte bleiben dauerhaft auf dem Stadtportal www.berlin.de erhalten und ergänzen das vorhandene Recherche- und Informationsangebot. Das Berliner Themenjahr 2013 ist eine Initiative des Landes Berlin, koordiniert durch die landeseigene Gesellschaft Kulturprojekte Berlin, unterstützt aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, des Hauptstadtkulturfonds und weiteren Förderern. ■ Foto: Dennis Riffel Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013 7 thEMa

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thEMa Gedenktafel in der Berliner Straße 71 in Berlin-Tegel zur Erinnerung an die protestierenden Hennigsdorfer Stahlarbeiter, die am 17. Juni 1953 hier vorbeizogen. Bernd Faulenbach „Wir wollen freie Menschen sein“ Der 17. Juni 1953 in der deutschen Erinnerung im Juni dieses Jahres werden 60 Jahre seit dem Volksaufstand in der ddr 1953 verstrichen sein, einem Ereignis, das die zeitgenossen tief aufgewühlt hat, das in der ddr fatale folgen hatte, das in der bundesrepublik durch einen jährlichen feiertag begangen und teilweise kontrovers diskutiert wurde, doch auf die dauer verblasste und 1989/90 im politischen bewusstsein nur noch bedingt präsent war. seit 10-15 Jahren wird das geschehen um den 17. Juni 1953 in der ddr in Wissenschaft und Öffentlichkeit verstärkt beachtet und zunehmend zu den positiven traditionskomplexen der deutschen und der europäischen geschichte gerechnet. Die jüngere wissenschaftliche Forschung, die vor allem die regionalen und lokalen Archive sowie die Stasiunterlagen in Ostdeutschland ausgewertet hat, hat herausgearbeitet, dass zwischen dem 16. und 21. Juni 1953, mit dem Höhepunkt am 17. Juni, in mehr als 700 Städten der DDR Streiks, Demonstrationen und Kundgebungen stattgefunden haben. In 12 Städten wurden die Gefangenen befreit und in etlichen die lokalen Autoritäten abgesetzt. Zahlreiche Gebäude wurden gestürmt, einige verwüstet und angesteckt, Repräsentanten des Regimes angegriffen. Das Ganze war eine Bewegung, an der mehr als eine Million Menschen beteiligt waren und die innerhalb kürzester Zeit geradezu revolutionären Charakter annahm. Kerngruppe der auf Baustellen in Ost-Berlin ihren Ausgang nehmenden Bewegung waren die Arbeiter, die auf ihre traditionellen Kampfformen (die Durchführung von Streiks, die Wahl von Komitees etc.) zurückgriffen, doch wurden auch andere Gruppen von der Bewegung erfasst, der alte Mittelstand, die Jugend, auch Teile der ländlichen Bevölkerung. Zu den regional und lokal leicht unterschiedlichen Forderungen der Bewegung zählten, erstens die Rücknahme der Erhöhung der Arbeitsnormen und die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, zweitens die Durchführung freier Wahlen, eine Forderung, die auch die Parteien im Westen erhoben und die die Wiedervereinigung als Konsequenz dachten, die übrigens manchmal auch expressis verbis gefordert wurde, drittens die Ablösung der Regierung, was auf die Überwindung des SED-Regimes hinauslief (das sich ohne Eingreifen der sowjetischen Truppen höchstwahrscheinlich nicht hätte halten können), viertens die Freilassung politischer Häftlinge. Selbst die Niederschlagung des Aufstandes ist inzwischen genauer rekonstruiert worden. Allein in Berlin wurden drei Divisionen mit 600 Panzern eingesetzt. Im Schutz der Panzer rückte 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013 Foto: OTFW Berlin / Wikipedia

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Foto: Axel Mauruszat / Wikipedia Das Denkmal des Bildhauers Karl Wenk für die Opfer des 17. Juni 1953 auf dem Urnenfriedhof Seestraße in Berlin-Wedding. die Volkspolizei vor. Ca. 100 Menschen kamen ums Leben, etwa 20 wurden standrechtlich erschossen, bis August ca. 13.000 Menschen verhaftet, der größere Teil davon zwar bald wieder freigelassen, immerhin ca. 2.750 von ostdeutschen und sowjetischen Gerichten zu z. T. langjährigen Strafen, vier zum Tode verurteilt, von denen zwei Urteile vollstreckt wurden. Unter den 320.000, die 1953 in den Westen gingen, war eine größere Zahl von Menschen, die sich am Aufstand aktiv beteiligt hatten und vor einer möglichen Verfolgung flohen. Für das SED-Regime war der Aufstand ein schwerer Rückschlag, der bis zum Ende der DDR nachwirkte. Der Aufstand wurde von der SED teils als „faschistischer Putschversuch“, teils als „Konterrevolution“ verurteilt. Eine besondere Rolle wurde auch dem Ostbüro der SPD zugeschrieben, das von den Vorgängen selbst jedoch überrascht wurde. Dass sich das Regime nicht ausschließlich auf Gewalt stützen konnte, war damit offensichtlich, doch blieb das Misstrauen gegenüber der Bevölkerung eine durchgängige Haltung des SED-Systems. Bezeichnend war, dass die Sicherheitskräfte bis in die 70er Jahre jeweils um den 17. Juni herum in Alarmzustand versetzt wurden, weil man die Erinnerung fürchtete. Noch am Vorabend der Friedlichen Revolution 1989 frage Erich Mielke seine Stasioffiziere: „Ist es so, daß morgen der 17. Juni ausbricht?“ Auch in der Bundesrepublik nahmen die Menschen 1953 am Geschehen in Ost-Berlin und in der DDR Anteil. Bei Gedenk- und Trauerveranstaltungen in Bonn und Berlin würdigten Bundeskanzler Adenauer und der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter die Opfer des Aufstandes und erhoben den 17. Juni 1953 zum verbindenden und verpflichtenden nationalen Geschehen. Bei genauerem Hinsehen setzten Adenauer und die Sozialdemokraten die Akzente freilich unterschiedlich. Während die Sozialdemokraten, die sich – in der Bundestagsdebatte durch Herbert Wehner und Willy Brandt – mit den aufständischen Arbeitern identifizierten, den Aufstand nicht nur gegen das SED-Regime, sondern gegen die politisch-sozialen Verhältnisse im geteilten Deutschland gerichtet sahen, betonten Adenauer und die CDU die antikommunistische Komponente und bekräftigten von hierher die Notwendigkeit der Westintegrationspolitik. Auf Vorschlag von Herbert Wehner, dem Vorsitzenden des gesamtdeutschen Ausschusses, wurde der 17. Juni fortan als „Tag der nationalen Einheit“ begangen. Schon am 25. Juni 1953 hatte Marion Gräfin Dönhoff in der „Zeit“ geschrieben: „Der 17. Juni 1953 wird einst und vielleicht nicht nur in die deutsche Geschichte eingehen als ein großer, ein symbolischer Tag. Er sollte bei uns jetzt schon zum Nationalfeiertag des wiedervereinigten Deutschland proklamiert werden […] Als Demonstration begann’s und ist eine Revolution geworden! Die erste deutsche Revolution ausgetragen von Arbeitern, die sich gegen das kommunistische Herrschaftsparadies empörten […].“ Fortan fanden jeweils am 17. Juni – teilweise vom Kuratorium Unteilbares Deutschland veranstaltete – Feierstunden und Kundgebungen statt, an denen der Ereignisse am 17. Juni 1953 gedacht und der Wiedervereinigungsgedanke wachgehalten werden sollte. Allerdings begann dieser Tag – auch durch die Überlagerung durch andere Ereignisse wie den Mauerbau – in der Folgezeit allmählich zu verblassen; der in schöner Sommerzeit gelegene Tag wurde von der Mehrzahl der Bundesbürger als Ferientag genutzt, sensiblere Beobachter bezeichneten ihn seit den 60er Jahren als „Tag der Verlegenheit“. Und in der Zeit der Entspannungspolitik, in der im Rahmen der Neuen Ostpolitik ein Modus Vivendi mit der DDR zu Gunsten der Menschen gesucht wurde, erschien manchen die demonstrative Erinnerung an den 17. Juni 1953 als nicht mehr zeitgemäß. Doch galt das Geschehen in den 80er Jahren teilweise als denkwürdig im Kontext einer Demokratiegeschichte, die von der nationalen Frage getrennt gesehen wurde. Bemerkenswerterweise spielte dann 1989/90 – sieht man von Erhard Epplers Rede zum 17. Juni 1989 ab, in der dieser als erster westlicher Politiker der DDR die Zukunftsfähigkeit absprach –, die Erinnerung an den 17. Juni 1953 kaum mehr eine Rolle. Die Oppositions- und Volksbewegung bekannte sich eindeutig zur Gewaltlosigkeit, sie hatte neuere Protestformen adaptiert, wobei ältere Menschen, zumal im kirchlichen Raum, auch aus dem Scheitern von 1953 gelernt haben mochten. Und als es bei den Vereinigungsverhandlungen 1990 um den künftigen Nationalfeiertag ging, erinnerte sich niemand mehr an das Dictum der Gräfin Dönhoff: der 17. Juni galt groteskerweise als westdeutscher Feiertag, ungeeignet für das neue vereinigte Deutschland. Da zugleich der 9. November verworfen wurde – insbesondere wegen seiner Vieldeutigkeit – wurde der 3. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit. Seit den 90er Jahren ist dann der 17. Juni 1953 wiederentdeckt worden: als erster Aufstand gegen den Stalinismus im sowjetischen Herrschaftsbereich und als Ereignis der deutschen Freiheitstradition. Inzwischen ist in dem von dem früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann initiierten Museum der deutschen Freiheitsbewegungen in Rastatt eine neue Abteilung eingerichtet worden, die dem 17. Juni 1953 wie der friedlichen Revolution 1989 in der DDR gewidmet ist. In der Tat weist auch die deutsche Geschichte freiheitliche Traditionen auf. Und bezogen auf Europa gilt es, die Geschichte der europäischen Idee der Freiheit bewusst zu machen. ■ prof. dr. bernd faulenbach ist stellvertretender Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und stellvertretender Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013 9 thEMa

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thEMa Eine Ausstellung zur Zeitgeschichte der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 60 Jahre nach dem 17. Juni 1953 präsentiert die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Ausstellung „Wir wollen freie Menschen sein. Der DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953“. Die Ausstellung schildert die Vorgeschichte des Aufstandes. Sie zeigt auf, wie der Protest Berliner Bauarbeiter zum Auslöser republikweiter Massendemonstrationen wurde, die für die unterschiedlichen Regionen der DDR geschildert und illustriert werden. Weitere Plakate widmen sich der Niederschlagung des Aufstandes und seiner Opfer. Ausführlich werden die Folgen der Erhebung für die SED-Diktatur, die Reaktionen des Westens sowie die Erinnerung an den Aufstand von den 1950er Jahren bis in die Gegenwart beschrieben. Autor der Ausstellungstexte ist der renommierte Historiker und Publizist Dr. Stefan Wolle. Für die Ausstellung wurden 130 Fotos und Dokumente aus 25 Archiven ausgewählt. Neben Bildikonen, die in das öffentliche Gedächtnis eingegangen sind, präsentiert die Schau weithin unbekannte Bilder aus allen Teilen der einstigen DDR. Die Ausstellung wurde vom Leipziger Grafiker Dr. Thomas Klemm gestaltet. Die Ausstellung umfasst 20 DIN A1-Plakate und wurde an die Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppen von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. verschickt. Bei Bedarf können noch weitere Ausstellungen über die Geschäftsstelle von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in Berlin bezogen werden. Wir Wollen freie Menschen sein! Der DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953 Eine Ausstellung zur Zeitgeschichte der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED - Diktatur 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013 Foto: AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung

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Hans-Jochen Vogel „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ Zum achtzigsten Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 In diesem Jahr häufen sich die achtzigsten Jahrestage von Entscheidungen und Ereignissen im Zuge der Machtergreifung des NS-Gewaltregimes. Das beginnt mit dem 30. Januar 1933, an dem der damalige Reichspräsident von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannte. Es setzt sich fort mit der Notverordnung vom 28. Februar 1933, die am Tage nach dem Reichstagsbrand wichtige Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzte, und dem Ermächtigungsgesetz, mit dem am 23. März der Übergang zur Diktatur besiegelt worden ist. Dem folgte der erste reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April und dann die Verbrennung der so bezeichneten „Schund- und Schmutz-Literatur“ am 10. Mai 1933. Diese Bücherverbrennung, an die hier vor allem erinnert werden soll, war der Schlusspunkt einer schon Anfang April eingeleiteten Aktion „Wider den undeutschen Geist“, die unter Beteiligung des NS-Chefpropagandisten Joseph Goebbels vor allem vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund vorbereitet und durchgeführt wurde. Eingeleitet wurde diese Aktion mit der reichsweiten Plakatierung von zwölf Thesen, in denen die „Positionen und Ziele der Aktion“ » Denkmal des israelischen Künstlers Micha Ullman zur Erinnerung an die Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz in Berlin. Foto: Charlotte Nordahl/Wikipedia Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013 11 thEMa

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thEMa » zusammengefasst waren und jüdische, sozialdemokratische und liberale Ideen angeprangert wurden. Eine besonders perfide These lautete: „Wir wollen den Juden als Fremdling achten und wir wollen das Volkstum ernst nehmen. Wir fordern deshalb von der Zensur: Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in deutsch, sind sie als Übersetzung zu kennzeichnen.“ Im Rahmen dieser Aktion kam es noch im April zu einem hetzerischen Boykott jüdischer Professoren an fast allen Universitäten und einer „Reinigung“ der Bibliotheken von „zersetzendem Schrifttum“. Das sei – so hieß es – der Anfang der Eroberung der Universitäten durch die „geistige SA“, als die sich die NS-Studentenschaften verstanden. Diese hatten immerhin bereits bei den AStA-Wahlen des Jahres 1931 44,4 Prozent der Stimmen erlangt. Dann wurden die verfemten Bücher am Abend des 10. Mai an fast allen Universitäts- und Hochschulstädten und auch in anderen Orten im Rahmen agitatorischer Kundgebungen und in Anwesenheit großer Teilnehmerscharen ins Feuer geworfen. Allein in Berlin sahen über siebzigtausend Menschen – viele davon mit Begeisterung – zu, wie Tausende von Büchern den Flammen überantwortet wurden. Am Ende der Kundgebung hielt dort Goebbels eine seiner aufhetzenden Reden. Das Alte liege in Flammen – so sagte er – das Neue werde aus den Foto: ArcCan/Wikipedia Gedenkplatte auf dem Rathausplatz von Frankfurt am Main, die an die Bücherverbrennung von 1933 erinnern soll. 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013

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eigenen Herzen emporsteigen. In München gab es sogar zwei Verbrennungen. Die eine veranstaltete die Hitlerjugend schon am 6. Mai, die andere vor fünfzigtausend Schaulustigen die Studentenschaft am 10. Mai. An anderen Orten waren es ebenfalls große Zahlen von Menschen, die lebhaft zustimmten, darunter vor allem, aber nicht nur Studenten. Den Wurf bestimmter Büchergruppen ins Feuer begleiteten überall sogenannte „Feuerrufe“. Einer von ihnen lautete: „Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus.“, ein anderer: „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!“ Die Liste der so gebrandmarkten Autoren reichte unter anderem von Heinrich Heine und Lion Feuchtwanger über Friedrich-Wilhelm Förster, Sigmund Freud, Theodor Wolff, Georg Bernhard, Erich Maria Remarque, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Arnold Zweig und Karl von Ossietzky bis hin zu Heinrich Mann und Erich Kästner, um nur einige zu nennen. In Deutschland selbst gab es kaum Proteste gegen das, was da geschah. Und öffentlich wahrnehmbare schon gar nicht. Die Zeitungen zeigten sich begeistert. Hingegen gab es Kritik und Proteste unterschiedlichster Art aus dem Ausland. Ein Protest besonderer Art kam von Oskar Maria Graf, der damals Deutschland schon verlassen hatte und sich in Wien befand. Von dort aus protestierte er in einem Artikel, den die Wiener „Arbeiterzeitung“ veröffentlichte, dagegen, dass nur sein Hauptwerk „Wir sind Gefangene“ auf der Verbotsliste stand. Verbrennt auch meine anderen Bücher! verlangte er. So weit zumindest in groben Zügen die Fakten des damaligen Geschehens. Aber was sagt dieses Geschehen uns Heutigen? Was sagt es der jüngeren Generation? Meines Erachtens sollten es die folgenden Erkenntnisse sein. Zunächst wird deutlich, wie weit schon im Mai 1933 die Infizierung relevanter Teile der Studentenschaft, aber auch der Universitäten insgesamt mit wesentlichen Elementen der nationalsozialistischen Weltanschauung und insbesondere mit antidemokratischem und antisemitischem Denken fortgeschrit- ten war. Hier konnte die NS-Propaganda auch auf Wurzeln zurückgreifen, die weiter zurückreichten. Weiter erscheint es bedeutsam, dass es so gut wie keinen öffentlichen Widerspruch gab. Sicher gab es nicht wenige, denen das, was sie da erlebten, missfiel. Und die ahnten, dass sich hier ein Bruch mit guten deutschen Überlieferungen, etwa mit dem Geist der Aufklärung und des Hambacher Festes, anbahnte oder schon vollzog. Sie gab es auch unter der Professorenschaft und der Intelligenz im Allgemeinen. Aber die meisten schwiegen. Sie stellten sich der Entwicklung, vor der beispielsweise die deutsche Sozialdemokratie noch am 23. März mit ihrem Nein zum Ermächtigungsgesetz und der historischen Rede von Otto Wels gewarnt hatte, nicht entgegen. Sie erkannten wohl auch nicht, wo diese Entwicklung enden würde. Dabei hatte das Heinrich Heine schon 1821 in seiner Tragödie „Almansor“ klar vorausgesagt. „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen!“ heißt es da. Es ist nicht meine Absicht, über die, von denen ich jetzt gerade sprach, im Nachhinein ein Urteil zu fällen. Ich weiß ja auch nicht, wie ich mich verhalten hätte, wenn ich damals nicht erst sieben Jahre alt, sondern schon ein Student gewesen wäre. Aber es ist unsere Pflicht, die Erinnerung an das Geschehene wach zu halten und daraus Folgerungen für unser eigenes Verhalten abzuleiten. Erinnern sollten wir uns an die Verbrechen des NS-Gewaltregimes und gerade auch an das, was diesen Verbrechen vorausging. Also auch an die Bücherverbrennung. Einige Mahnmale und Gedenktafeln gibt es. So in Berlin, in Frankfurt, in Hamburg, in Essen, in Köln, in Bremen, Düsseldorf, Erlangen und in Landau. Es wäre gut, wenn es noch mehr davon gäbe. Etwa in München am Königsplatz. Aus all dem sollten wir lernen, dass wir bereits den Anfängen wehren müssen. Sonst könnte es wiederum einmal zu spät sein. Also antisemitische, ausländerfeindliche Redensarten und Parolen nicht hinnehmen, sondern ihnen vernehmbar widersprechen. Bei neonazistischen Aufmärschen nicht wegschauen, sondern dagegen halten. Und nicht einfach sagen „Die da oben“ oder „Man“ müsse etwas tun, sondern selber handeln. Denn jeder ist dafür mit verantwortlich, dass das Vergangene nicht noch einmal, dass es nie wieder geschieht! ■ dr. hans-Jochen Vogel ist Gründungsvorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013 13 thEMa

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thEMa Beate Lehr-Metzger „Keine Kameraden“ im Jahre 2011 habe ich nach zweijähriger arbeit den dokumentarfilm „keine kameraden“ fertiggestellt. der film handelt vom Massensterben sowjetischer kriegsgefangener im Winter 1941/42. nach anfänglichen Versuchen, das zdf für dieses projekt zu gewinnen, beschloss ich 2009, mich alleine auf diese Entdeckungsreise zu begeben, an deren Ende der film „keine kameraden“ stand. lediglich mit der unterstützung meines Mannes peter Metzger und meiner Mitarbeiterin claudia santibanez gelang es nach einer sehr nervenaufreibenden zeit, dieses projekt zu einem positiven Ende zu bringen. Erstmals wird „das Massensterben sowjetischer kriegsgefangener im Winter 1941/42“ in einer dokumentation aufgearbeitet. Allein von den 3,5 Millionen sowjetischen Gefangenen aus dem Jahre 1941 waren bis zum Frühjahr 2 Millionen gestorben: Erschossen, verhungert, erfroren, Opfer der NS-Vernichtungsmaschinerie, die im Sommer 1941 über die Sowjetunion hereinfiel. Dieses Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen ist neben dem Völkermord an den europäischen Juden eines der furchtbarsten Kapitel des Zweiten Weltkrieges und bis heute weitgehend tabuisiert. „[...] der kommunist ist vorher kein kamerad und nachher kein kamerad […]“ lautet Hitlers Devise über den Umgang mit den Kommunisten in seiner Rede vom 30. März 1941 vor den Befehlshabern und Stabschefs des Ostheeres. Die Bestimmungen der Genfer Konvention werden für diesen Feldzug weitgehend ausgesetzt. Durch die Blitzkriegsstrategie des NS-Regimes macht die Wehrmacht bereits in den ersten Monaten nach dem Überfall auf die Sowjetunion Millionen Gefangene. Ab Juli 1941 beginnt die Deportation gefangen genommener sowjetischer Soldaten nach Deutschland. In dieser Zeit sind die Gefangenenlager noch nicht einmal im Ansatz fertiggestellt. Bis November 1941 werden rund 100.000 Gefangene zu den Gefangenenlagern in die Lüneburger Heide, wie beispielsweise Wietzendorf, gebracht. In diesen provisorischen Lagern finden die Kriegsgefangenen keine festen Unterkünfte, sondern nur Wachtürme und Stacheldraht vor. Sie hausen in Erdlöchern bei völlig unzureichender Verpflegung, so dass sie in ihrer Not die Rinde von den Bäumen essen. Zeitzeugen wie die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Mark Tilewitsch und Michael Levin, Hinterbliebene und renommierte Wissenschaftler wie Professor Dr. Hans Mommsen belegen in der Dokumentation „Keine Kameraden“ dieses Kapitel deutscher Vergangenheit. Foto: Niedersächsisches Landesarchiv – Hauptstaatsarchiv Hannover. Ein sowjetischer Kriegsgefangener, in einem der provisorischen Lager, in dem es keine festen Unterkünfte gab. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013

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Fotos: Alexander Ten-Maaren film KG Eine der Karteikarten, die von der deutschen Wehrmacht über jeden Kriegsgefangenen angelegt wurden und im Podolsker Militärarchiv entdeckt wurden. Durch einen Hinweis des ehemaligen Leiters des Podolsker Militärarchivs, Oberst a.D. Viktor W. Muchin, entdecken die Historiker Dr. Rolf Keller und Dr. Reinhard Otto in diesem Militärarchiv Karteikarten, die von der deutschen Wehrmacht über jeden Kriegsgefangenen angelegt wurden. Diese Karteikarten ermöglichen die Rekonstruktion des Schicksals jedes einzelnen, nach Deutschland deportierten, sowjetischen Soldaten. Auch Nicolai Kurilow war einer von ihnen. Nach seiner Gefangennahme im Oktober 1941 verliert seine Familie jede Spur von ihm. Das Schicksal von Nicolai Kurilow wird aus der Perspektive seiner Nichte Evgenia erzählt und mit Hilfe von Briefen und Unterlagen belegt. Nicolai Kurilow stirbt am 21. Januar 1942 auf Langeoog. Er ist einer von insgesamt 2 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die von Juni 1941 bis April 1942 in deutscher Gefangenschaft sterben. Insgesamt fallen im Zweiten Weltkrieg von 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen 3,5 Millionen Hunger, Kälte und Misshandlung zum Opfer. Fotos: Alexander Ten-Maaren film KG Leider konnte sich bisher kein deutscher Sender für diesen Film begeistern. Noch nicht einmal für den schlechtesten Sendeplatz hielt man den Film oder das Thema für geeignet. Im Gegensatz dazu wurde der Film im Oktober 2012 mit der Unterstützung des ehemaligen russischen Präsidenten Medwedew in ganz Russland über alle Zeitzonen hinweg im staatlichen Fernsehen Kultura gezeigt. Anschließend wurde eine Podiumsdiskussion, an der namhafte russische Historiker, wie beispielsweise Herr Witalij Dymarskij, und ich selbst teilnahmen, ausgestrahlt. Der Erfolg war für mich überwältigend. Von überall aus Russland gab es anschließend äußerst positive Reaktionen. Auch Eberhard Radczuweit von Kontakte e.V bekam aus Sibirien Briefe ehemaliger Kriegsgefangener, die sehr berührend waren. Besondere Wertschätzung meiner Arbeit bekundeten auch anerkannte Historiker wie Prof. Hans Mommsen und Prof. Manfred Messerschmidt, Dr. Andreas Frings (Uni Mainz) sowie Dr. Christian Streit. ■ Das Foto von Nikolaj Kurilow, das im Film rekonstruiert wird. Das Bild unten links zeigt das Grab von Nikolaj Kurilow, der am 21. Januar 1942 auf Langeoog starb. beate lehr-Metzger ist Journalistin und Regisseurin und wurde im November 2012 in Augsburg von der Stiftung Erinnerung Lindau mit dem Marion-Samuel-Preis ausgezeichnet. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 76 / Mai 2013 15 thEMa

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