Auf den Spuren von Häftlingsnummer 92799- Leseprobe

 

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inhaltsverzeichnis 1 vorwort 5 2 auf den spuren der häftlingsnummer 92799 6 3 berlin 8 3.2 kindertransporte 10 3.3 der judenstern 11 3.4 der reichsbund jüdischer frontsoldaten 13 3.4 fabrikation 14 4 ghetto theresienstadt 16 4.1 datenüberblick 16 4.2 ankunftsort bohusovice 18 4.3 ghetto theresienstadt 19 4.4 die geschenkte stadt und die verschönerungsaktion 24 4.5 besuch der kommission des internationalen roten kreuzes 26 4.6 die häftlingszählung im bohusovicer kessel 27 4.7 das ghetto leert sich 28 4.8 verschleiern der spuren des elends 30 4.9 befreiung des ghettos herbst 1944-mai 1945 32 4.10 das schicksal von herrn ernst gladtke 33 4.11 das schicksal von frau margot gladtke 34 4.12 bilanz 35 5 kz-auschwitz kz-buchenwald außenlager taucha bei leipzig 37 5.1 kz-außenlager taucha 39 5.2 erkundungen in taucha 40 6 todesmarsch 41 6.1 begriff todesmarsch 41 6.2 erinnerungen an den todesmarsch abschrift 43 6.3 die flucht ­ aufzeichnungen aus dem tagebuch 50 6.4 anlage 1 ­ abschrift 51 6.5 anlage 2 ­ abschrift 51 6.6 anlage 3 ­ abschrift 52 6.7 auszug aus der ortschronik von dörschnitz 53 6.8 brief vom 23.6.1945 54 7 zeugenbefragungen 55 7.1zeugenbefragung franz schwäbe 55 7.2 zeugenbefragung katharina walther 57 7.3 zeitzeugenbefragung marianne kreusel geb klessig 60 7.4 zeitzeugenbefragung annerose beier 62 7.5 zeugenbefragung christian hennig 64 7.6 zeugenbefragung alfred jentsch 66 7.7 zeugenbefragung ursula dürschke 67 7.8 zeitzeugenbefragung herr friedrich hobein 67 7.9 zeugenbefragung konrad hänsel 68 7.10 zeugenbefragung ingeborg grübler 70 7.11 zeugenbefragung inge grimm geb 1928 72 8 wenn wir nicht mehr sein wollen was wir sind 73 9 wie weiter 74 10 nachwort 75 11 literaturangaben 76 4

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2 auf den spuren der häftlingsnummer 92799 6

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4.3 ghetto theresienstadt mein mann und ich wurden getrennt wir sahen uns dann nur manchmal auf der strasse oder wir konnten auch einmal zusammen auf einer bank sitzen und hielten uns bei der hand mein mann sagte jedes mal wenn wir uns trafen gott bin ich dir dankbar dass du die kinder weggeschickt hast als ich auf dem hof der zeughaus-kaserne stand stürzte meine schwester hilde auf mich zu und rief ich habe dir einen guten strohsack reserviert man teilte uns zur arbeit ein da ich sagte ich könnte nicht schwer arbeiten was meine schwester mir angeraten hatte teilte man mich dem postamt zu meine schwester war klosettfrau und mein mann wurde wie ich später erfuhr zur ghettowache geteilt auszug aus für meine kinder und enkel von frau margot gladtke unterkunft die häftlinge bewohnten sowohl die großen kasernengebäude als auch die übrigen häuser in der stadt einschließlich der dachböden keller und höfe männer frauen und kinder lebten getrennt in großen unterkünften wo nur die notwendigste ausstattung zur verfügung stand dreistöckige betten ein tisch regale und kleiderhaken für die persönlichen sachen die leute entbehrten jegliches privatleben die gemeinsamen unterkünfte waren enorm überfüllt in den sälen der kasernen wo der großteil der häftlinge untergebracht war waren 100 bis 400 personen zusammengepfercht für neuankömmlinge standen oft nur die dachböden zur verfügung wo man nicht heizen konnte und es weder wasser noch die notwendigsten hygienischen einrichtungen gab die häftlinge wurden ständig durch lästiges ungeziefer geplagt läuse wanzen gegen die ständig angekämpft wurde im ghetto waren zur gleichen zeit 30 bis 40tausend leute die schwankungen waren durch die transportwellen verursacht die höchste zahl wurde am 18 september 1942 verzeichnet 58 497 personen zum vergleich ­ in der vorkriegszeit stand die bevölkerungszahl einschließlich der soldaten bei 7000 in theresienstadt erhielten wir wäschezettel in einem abstand von vier bis sechs wochen und durften dann eine kleine menge zur wäscherei geben wenn man in der glücklichen lage war laken zu besitzen so ließ man sich diese in der wäscherei unentgeltlich in dunkelblau oder braun färben damit man den gebrauch von vielen wochen nicht sah seife kleine harte stücke solang wie ein kleiner finger bekamen wir einmal im monat jedoch konnten wir nur das allernötigste damit waschen auszug aus für meine kinder und enkel von frau margot gladtke unterkunft auf dem dachboden zeichnung von f moic nágl bild beim besuch des ghettos 19

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lageplan ghetto unterkunft von frau margot gladtke ich war briefträgerin in der dresdener kaserne briefpost kam kaum noch an doch konnte ich nun alle 4 wochen wäschezettel erhalten um wäsche waschen zu lassen und was besonders wichtig war ich trug die pakete avisos an die tschechen aus die mir dann ab und zu vor freude eine scheibe brot manchmal mit marmelade beschmiert oder ein stück wurst gaben das marmeladenbrot behielt ich mir alles andere gab ich meinem mann so konnte ich ihm wenigstens etwas helfen mein mann sagte du ernährst mich doch und ich sagte du hast mich 20 jahre ernährt und wenn wir hier herauskommen so wirst du es wieder tun für mich war nicht der hunger das schlimmste sondern die flöhe und wanzen die mich plagten ich habe bis november auf dem kasernenhof geschlafen indem ich mir meinen strohsack und decke mitnahm denn dort wurden wir nur von flöhen gebissen die wanzen kamen nicht mit des morgens bohrte ich aus der wolldecke oft 20 bis 40 vollgefressene flöhe heraus die ich dann zerdrückte das schrecklichste war dass man nicht kratzen durfte weil man dann impetigo bekommen konnte was oft tödlich war mein mann konnte nicht schlafen weil ihn schon das kriechen der tiere auf der haut störte aber gebissen wurde er nicht auszug aus für meine kinder und enkel von frau margot gladtke punkt 18 hv ­ dresdner kaserne ab 6.12.1941 wurden in dieser kaserne frauen untergebracht anfangs auch mit kindern im keller war ein gefängnis für bestrafte häftlinge ein teil wurde für theater und andere kulturproduktionen benutzt im kasernenhof durften häftlinge fußball spielen 20

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dresdner kaserne heute leerstehend nach dem krieg mit sowjetischen und später tschechischen soldaten belegt sitz der ghettowache die der erhaltung der inneren ordnung helfen sollte heute ist es ein saniertes eckhaus mit läden am marktplatz gelegen auch als kulturhaus genutzt unterkunft und zwangsarbeit von herrn ernst gladtke ein ghettowachtmann bekam anderthalb der normalen essportion die arbeitszeit dauerte 4 stunden umschichtig wache und ruhezeit ununterbrochen und ohne freizeit die tschechen durften alle drei monate ein 40-pfundpaket lebensmittel erhalten so hatten sie keinen mangel sie nahmen trotzdem die üblichen gruppenrationen die einem dann einen tag später meinem mann angeboten wurden wenn er versuchte sie zu wärmen waren sie sauer diese tschechen hatten einen derartigen Überfluss dass sie vor den augen meines mannes in ganze würste bissen ohne ihm auch einen krümel anzubieten da sagte er er müsse ganz fest an sich halten um nicht etwas unrechtes zu tun denn er litt besonders an hunger er kam gelegentlich zu mir und bat um brot wir bekamen ein viertel brot für 3 tage und mein mann aß es sofort auf er sagte er müsse ab und zu mal das gefühl haben dass sein magen voll ist wir bekamen 800 kalorien täglich ich sagte ihm wie wäre es wenn unsere kinder hier wären und dich um essen bäten er erwiderte mir dass wäre furchtbar so sagte ich ihm dass auch ich ihm nichts geben kann er bestätigte mir dass er an nichts mehr denken könnte als an seinen hunger auszug aus für meine kinder und enkel von frau margot gladtke punkt 10 eiiib /7 ­ ghettowache ­ lange straße hier hatte herr gladtke sowohl seine unterkunft wie seine arbeit im ghetto herr gladtke war als gedienter soldat im 1 weltkrieg zur ghettowache eingeteilt und hatte dadurch vorteile bei der essensration anfangs war die ghettowache nur aus jüngeren männern zusammengestellt die befürchtungen der nazis vor einem organisierten wenn auch unbewaffneten korps im ghetto führte im juni 1943 zur auflösung der ghettowache und der einweisung fast aller ihrer mitglieder in einen transport nach osten erneuert wurde sie dann in der anzahl von 100 männern über 45 jahre herr gladtke war mit dabei im haus war ein saal wo einige kulturelle unternehmungen stattfanden herr gladtke hatte im ghetto für ruhe und ordnung zu sorgen er musste auch bei der abholung der verstorbenen mit dienst tun kinderpuppe ghettomann aus dem prager 21

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ehemalige post im ghetto zwangsarbeit von frau margot gladtke außerhalb des ghettos wurden nun baracken gebaut und dort entstand eine glimmer spalterei glimmer ist mica ein stein der hauchdünn gespalten werden musste ich wurde dazu eingeteilt und musste meinen guten posten der manchmal etwas einbrachte aufgeben unsere arbeitszeit wechselte wöchentlich von 7 bis 3 oder 3 bis 11 uhr von dieser zeit an war das hungern noch schwerer zu ertragen da ich nicht mehr zuschüsse erhielt und weitergeben konnte ich ging hinter den tschechen her die ihre pellkartoffeln aßen und die schalen fallen ließen und saugte an ihnen auszug aus für meine kinder und enkel von frau margot gladtke punkt 3 evb/14 ­ hauptstraße nach ankunft im ghetto wurde frau gladtke für den packet und postdienst eingesetzt bis august 1942 hauste hier die ss-kommandantur später wurde im erdgeschoss die post und weitere einrichtungen untergebracht die übrigen räumlichkeiten dienten als behausung der jugend aus verschiedenen auch deutschsprachigen herkunftsländern im heim der tschechischen mädchen wurde auch die zeitschrift bonaco herausgegeben im september 1944 begann frau gladtke in der glimmerspalterei außerhalb des ghettos in richtung bohusovice zu arbeiten glimmer gehört zu einer gruppe gesteinsbildender blättriger mineralien von auffälligem glanz und vollkommener spaltbarkeit chemisch gesehen war mica ein aluminiumsilicat dies wurde für die glasherstellung und für elektrotechnische erzeugnisse verwendet das material kam zuerst aus berlin von der firma tabor später aus hamburg von der firma possehl bild aus dem museum theresienstadt bau der baracken im bohusovicer kessel karte der spaltprodukte 22

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7 zeugenbefragungen 7.1 zeugenbefragung franz schwäbe von susann lippert und r hartzsch oktober 2011 franz schwäbe ist 1931 geboren und wohnt heute im ot trogen der gemeinde lommatzsch im haus nr 6 1945 hat er als 13jähriger folgendes erlebt es war nach ostern 1945 die osterferien die am 1 april 1945 mit dem osterfest begannen erlebte er auf dem hof seiner eltern in trogen nr 7 ansonsten war er im internat zur schulausbildung in oschatz es wird wohl in der zeit vor dem 20 april gewesen sein 2 bauern aus dem ort mussten mit ihren traktoren und insgesamt 4 großen gummibereiften wagen auf die alte poststraße zwischen stauchitz und klappendorf fahren der volkssturm sollte die kz-häftlinge die sich auf der poststraße in richtung klappendorf bewegten mit ihren wagen transportieren es erfolgte die Übergabe aus dem kreis oschatz in den kreis meißen auf der poststraße an der sand und kiesgrube am flurstück 80 der trogener flur wie sein vater oskar schwäbe geboren 1893 erzählt hat wurden die kz häftlinge auf die wagen geladen und nach klappendorf gebracht die häftlinge waren an ihrer kleidung zu erkennen unterwegs wurden sie von tieffliegern angegriffen es wurden weiße tücher geschwenkt trotzdem kam es zum beschuss und es gab auch tote diese wurden in der sand und kiesgrube notdürftig begraben diese wurden dann im juli wieder ausgegraben und in dörschnitz beigesetzt zu dieser zeit befand er sich wieder im internat in oschatz sand und kiesgruppe ist aufgefüllt worden und wird als ackerfläche genutzt sie liegt rechts neben der alten poststraße von stauchitz nach klappendorf 55

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7.2 zeugenbefragung katharina walther von christian reitmeier und r hartzsch katharina walther geb 6 juli 1926 frau walther wohnte im april 1945 bei ihren eltern in trogen nr 9 die eltern hatten eine bäckerei und eine kleine gastwirtschaft nach der schulausbildung war sie bei ihren eltern geblieben und half mit in der bäckerei und der gaststube sie war zu diesem zeitpunkt 18 jahre im april 1945 wohnten im haus flüchtlinge aus schlesien die durch die bombardierung von dresden nach trogen gekommen waren der volkssturm aus lommatzsch hatte zu dieser zeit in der gastube eine unterkunft gefunden durch die anwesenden im haus erfuhr sie dass sich auf der alten poststraße nach klappendorf kz-häftlinge unterwegs waren sie erzählt dass kurz nach kriegsende sie als mitglied des bdm bund deutscher mädchen von ihrer gruppenleiterin frau pfeifer aus paltzschen aufgefordert wurde sich an einem bestimmten tag an die sandgrube an der alten poststraße zu begeben mit vielen anderen männern und frauen musste sie beobachten wie in der sandgrube leichen ausgegraben wurden die frauen und mädchen mussten am rad der sandgrube sich postieren und zu sehen die männer gruben die leichen aus unter ihnen herr portig aus roitzsch und uhrmacher konrad aus lommatzsch sie musste dann noch mit nach klappendorf fahren und ist von dort aus mit dem rad wieder nach haus gefahren sand und kiesgrube an der alten poststraße bergung der leichen von häftlingen unter beteiligung der bevölkerung 57

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ausschnitt aus den amtlichen anzeigen der behörden in meißen stadt und land druck volksstimme meißen am montag dem 25 juni 1945 ausgegrabene leichen von häftlingen insgesamt 12 personen wurden in der sandgruppe geborgen 58

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