Gegen das Vergessen III- Leseprobe

 

Embed or link this publication

Popular Pages


p. 1

inhaltsverzeichnis 1 der nationalsozialismus in lommatzsch dokumentation des lommatzscher anzeigers januar bis märz 1933 und 1934 2 gleichschaltung der jugend tagebuch des jungmädchenvereins gliederung der hj und hj in lommatzsch aktenmaterial kirchenarchiv ­ zeugenbefragung zu nationalpolitische erziehungsanstalten 3 frühe konzentrationslager in sachsen schutzhaft fabrikbesitzer buschmann schutzhaft hilfsarbeiter hartmann 4 historischer atlas 5 flucht und vertreibung historischer Überblick fluchttagebuch hemmann zeugenbefragung georg liebchen zeugenbefragung irene pezold zeugenbefragung herr stier zeugenbefragung familie kasla fluchttagebuch döring zeugenbefragung georgi zeugenbefragung olga reitmeier zeugenbefragung dora fink zeugenbefragung frau kunze 6 ereignisse in der stadt lommatzsch artikel zur 700 jahrfeier lommatzsch artikel zum 25 jahrestag der befreiung artikel zum 50 jahrestags des kriegsendes erkundungen in der stadt bericht über munitionsexplosion erschießung an der kirche zeugenbefragung m münch kirchenbrand in lommatzsch zeugenbefragung herr heinze 7 ereignisse außerhalb der stadt lommatzsch brief hoppe zehren unterm hakenkreuz april und mai 1945 ­ letzten kriegstage in zehren auszüge aus aufzeichnungen über ereignisse in den letzten apriltagen auszug aus bahnlinie riesa nossen 8 zwangs und fremdarbeit in sachsen und lommatzsch 9 arbeit mit dem friedhofsarchiv liste der gefallenen ohne gräber kriegsgräberfürsorge ­ nachforschungen soldatengräber das totenbuch der kirchgemeinde lageplan der kriegsopfergräber gräberliste öfftl gepflegten gräber 10 mahnmale prausitz lommatzsch stadt dörschnitz lommatzsch friedhof 11 nach dem ende des krieges alliierte entnazifizierung verhaftungen 1945 speziallager bautzen angehörige ende der internierung besuch der gedenkstätte bautzen speziallager in der sowj bz verurteilte gefangene 1946/47 besuch münchner platz 12 fundsachen 13 der lange weg zum gedenkort an der kirche

[close]

p. 2

zeugenbefragung herr heinze ausschnitte aus einem videomitschnitt das aufgeschriebene folgt dem erzählstil von herrn heinze mit der fettgedruckten schrift ist die originalsprache von herrn heinze wiedergegeben herr heinze wohnte als 15 jähriger in den letzten kriegstagen bei seinen eltern in lommatzsch in der döbelner str 5 frühjahr 45 wurde er nach augustusburg zur ss-ausbildung einberufen die ss-division koldrak sollten eingesetzt werden gegen die amerikaner er sollte in einem fahrradkommando zum einsatz kommen vor seinem einsatz hat er noch einen tag sonderurlaub bekommen und ist nach hause gefahren durch das zusammenbrechen des öffentlichen lebens in den letzten kriegswochen ist er nicht mehr zu seiner ausbildungsstätte zurückgekehrt und konnte somit das geschehen an der kirche am 29.4.1945 von seinem haus aus beobachten in den unteren räumen des hauses befand sich eine funkstation der wehrmacht erschießung an der kirche 29.april 1945 herr heinze erzählt das ist wie eine fotographie in einen eingegangen ich kann ihnen noch genau sagen wie die lagen das vergesse ich nie das ist ganz eigenartig also der russe ist ja erst mal schon von der elbe rübergekommen über obermuschütz wölkisch da waren sie das erste mal hier eine kleine einheit da haben die hier natürlich alles freigegeben da haben die hier natürlich oberhand bekommen die ganzen ostarbeiter haben hier die stadt geplündert sie sind nicht aus nationalitätsgründen weil sie russen oder polen waren erschossen worden sondern es gab ein internationales gesetz dass ohne ansehen der person ob zivilisten oder militärangehörige plünderer bestraft oder erschossen wurden natürlich wenn jetzt niemand etwas gesagt hätte wo kein kläger ist ist auch kein richter hätte auch niemand etwas unternommen aber die geschäftsleute bei denen sie geplündert hatten die haben anzeige gemacht bei der stadtverwaltung damals nun war das deutsche militär wieder zurückgekommen nach lommatzsch die haben den russen wieder über die elbe gedrückt weil nach dem abkommen die elbe westgrenze sein sollte in dieser zeit ist das alles passiert da war militär und ss ziemlich zusammengewürfelt durch die meldung der geschäftsleute in der stadtverwaltung wurde nun nach den plünderern gesucht der volkssturm wurde eingesetzt um die plünderer zusammenzutreiben viele frauen aus der obstverwertung die dort in baracken wohnten ich habe da frauen wiedererkannt die bei flügge meißner straße 7 stoffballen herausgeholt hatten auch habe ich vom fenster aus gesehen wie ein kosakenoffizier in die eisenwarenhandlung röder auf der döbelner straße 4 z zeit schlecker mit dem pferd durch die fenster in den laden eingedrungen ist der offizier schoss in die decke und befahl alle waren an die bevölkerung auszugeben die menschen strömten in den laden und holten heraus was sie gebrauchen konnten auch das schuhgeschäft panitz auf der döbelner str 15 jetzt stickwarengeschäft wurde geplündert die frauen haben die schuhe einfach auf die straße geschmissen die nicht passten das hat sich der besitzer natürlich nicht gefallen lassen und hat es gemeldet wer geplündert hat waren vor allem ostarbeiter tschechen und polen die in der landwirtschaft beschäftigt waren hauptsächlich hat man die frauen zusammengeführt in reih und glied mit erhobenen händen und an die mauer gestellt als es dann anfing mit erschießen haben die so sehr geschrieen das war so was von katastrophal.

[close]

p. 3

vor dem geschäft von berninger döbelner str 7 haben sie auch noch verhandelt der gärtner zieger hat zum beispiel einen fremdarbeiter einen ukrainer der bei ihm gearbeitet hat wieder weggeholt und der durfte auch wieder mitgehen viele wurden auch freigelassen wo jemand erklärte das die nicht geplündert hatten die aber geplündert hatten wurden erschossen der herr berninger hatte in seinem geschäft einen tschechen als frisör beschäftigt er hat ihn auf dem boden versteckt denn der tscheche sollte auch mit erschossen werden nach dem krieg ist herr berniger mit vielen anderen verhaftet worden ist aber wieder freigekommen weil für ihn ausgesagt wurde dass er den tschechen versteckt hatte der herr berninger und ich waren diejenigen die die ecken von der kirche wieder saubergespritzt haben ich habe gepumpt und er hat mit der luftschutzspritze das blut weggespritzt das lief in rinnsalen zwischen das kopfsteinpflaster hier herunter das blut aber wie die menschen wurden an verschiedenen stellen erschossen die erste ecke war oben wo die große dachrinne herunterkommt da warn die ersten drin die nächste ecke auch wieder wo es nach der sakristei konfirmandenzimmer reingeht an den stufen dort links wurden die ganzen frauen erschossen die lagen hoch auf ein berg übern haufen erschossen daneben noch mal drei männer hintereinander der einzelne mann junge mann lag vor dem robert volkmann denkmal da seh ich noch wie das blut da kam ganz helles blut wie orangensaft so ein erschießungskommando stand hinter berningers haus die haben die männer im oberen teil mit karabinern und einer erbeuteten kalaschnikow erschossen die frauen wurden durch ein maschinengewehr welches vor dem pfarrhaus auf der döbelner straße aufgebaut war erschossen ein tscheche der hatte wahrscheinlich einen bauchschuss der kam wieder hoch und hielt sich den bauch und schrie ganz laut da kam ein deutscher mann den kannte ich auch kunze meißner str hieß der der sagte hier dort lebt noch einer von diesen kriebeln sagt er hau den tot zu dem einen ss-mann der hat meine tochter gestern vergewaltigt mit den russen da ging der ss-mann hin mit dem gewehrkolben und haute den auf den schädel der platzte wie ein weißkraut auseinander das habe ich auch grad noch gesehen ganz schlimm dieses geschehen der erschießung dauerte vielleicht eine stunde vormittags zwischen 10 und 11 uhr dann waren alle weg da lagen die leichen alle noch da dann kam ein kleiner wagen mit gummirädern und zwei mann von der technischen nothilfe die haben die leichen aufgeladen da haben sie ein brett unter die leichen geschoben und auf den wagen gehauen ich hab nur gesehen wo sie die leichen aufgeladen haben dass unter dem berg der toten frauen die in der ecke gelegen haben eine wieder aufstand mit blut übersudelt und die beiden männer haben der nichts gesagt die ist um die kirche herumgerannt und rannte fort und wo die hingerannt ist keine ahnung ich nehme an dass sie gleich am anfang wie sie geschossen haben sich hat fallen lassen und die anderen sind alle über sie drübergefallen das hab ich vom fenster aus gesehen erst wollten sie die leichen nach der aschengrube fahren am daubnitzer weg wo jetzt das ehrenmal steht da waren aber noch russen von zöthain her da haben sie die leichen schnell auf den friedhof gefahren ein loch ausgehoben und die leichen hineingehauen später hat man die leichen wieder ausgegraben das mussten die nationalsozialisten die damals dabei waren machen das hat über die ganze stadt gestunken nach leichen also so was furchtbares sie sind dann neben dem sowj ehrenmal beigesetzt worden.

[close]

p. 4

auf die frage ob er die erschießung eines deutschen jungen gesehen hätte konnte herr heinze nur aus den erzählungen anderer etwas sagen ein gewisser herr schmidt der war etwas nationalsozialistisch eingestellt der ist zu der ehemaligen polizeiwache markt 6 ­ durchgang gegangen da ist ein russe in der polizeiwache gewesen und darin herumgesucht und gedacht eine ziehharmonika gefunden zu haben aber es war nur ein koffer wo eine schreibmaschine darin war und weil das keine ziehharmonika war hat er die schreibmaschine dem zufällig vorbeikommenden jungen die schreibmaschine in die hand gedrückt und der herr schmidt hat das gesehen und gemeldet und den jungen haben sie gleich hinter dem eingang in der ecke erschossen er ist nicht an der kirche erschossen worden ist aber später mit auf den friedhof gekommen das weiß ich aus erzählungen habe es nicht selbst gesehen die leute die dort gewohnt haben haben es gesehen vor berningers geschäft stand ein tisch mit stühlen dran da saßen offiziere dran dort war wie ein schnellgericht eingerichtet da wurden alle hingetrieben und da ging es dann los und wer ein alibi hatte oder jemanden hatte der sagte der war bei mir die konnten wieder gehen die wurden von den ss-leuten an die kirche getrieben und erschossen in der ersten lagen sechse da waren zwei italiener die gingen in ihren uniformen denn italien hatte damals deutschland in den rücken gefallen und waren dann als gefangene hier bei jähnig gearbeitet die waren auch mit dabei 3 polen und ein tscheche der tscheche war der der ganz rechts lag und den der ss-mann auf den kopf gehauen hatte in der nächsten ecke waren da weis nicht mehr genau wer die waren es waren auch männer und dann kam die ecke wo die treppe hoch ging da waren nur frauen in der ecke die ganzen frauen haben sie nur in dieser ecke erschossen da waren neugierige auch jünger und ältere leute die geguckt haben kirchenbrand herr heinze hat folgendes gesehen und uns erzählt die feuerwehr war nicht mehr da die war schon fort der herr röder aus dem eisenwarengeschäft guckte aus dem fenster und gucke auch gerade aus dem fenster und zeigte auf die kirche und machte immer irgendwelche bewegungen ich sah dann zur kirche und sah wie es am schornstein brannte wahrscheinlich war da ein schuss hineingegangen von da aus ging das feuer bis zur mitte des kirchendaches der herr schneider der war an der bahn tätig der hat mitgeholfen und der herr richter im kirchplatz 3 der war zimmermann und der haupttätige mit dem herrn schneider zusammen vielen haben dann eine eimerkette gebildet und das wasser bis in den dachboden hineingetragen dort wurde mit hilfe einer luftschutzspritze das feuer gelöscht herr richter hat auch brennende balken entfernt damit das feuer sich nicht weiter ausbreitet wir haben das wasser aus dem pfarramt geholt und mit einer großen menschenmenge transportiert das war früh zeitig gewesen ehe die deutschen wieder nach lommatzsch kamen sie haben sich von beiden seiten mit granatwerfern beschossen und eine granate hat wahrscheinlich den dachstuhlbrand ausgelöst der kirchenbrand war schon gelöscht als die erschießung an der kirche stattfand aus seiner erinnerung heraus sagt herr heinze hat man über diese geschehnisse in der stadt wenig geredet auch die vorrückenden sowjetischen truppen haben bei der einnahme von lommatzsch von diesen ereignissen keine kenntnis gehabt erst später ist die sowjetische kommandantur davon benachrichtigt worden.

[close]

p. 5



[close]

p. 6

erklärung zur karte nach aussagen von herrn heinze 1 3 nische vom robert volkmann denkmal links erschießung von 6 männern mit karabiner an der kirchenwand 2 italiener 3 polen 1 tscheche bauchschuss erschlagen durch ss-mann 2 nische vom robert volkmann denkmal links erschießung von 6 männern mit karabiner an der kirchenwand 1 nische nach dem robert volkmann denkmal eingang zum konfirmandensaal im video von herrn heinze als sakristei bezeichnet erschießung der frauen vor allem aus der gemüseverarbeitung durch ein maschinengewehr flucht einer frau bei der leichenbergung die unter dem leichenhaufen überlebt hat vor dem robert volkmann denkmal erschießung von 3 männern und einem sehr jungen mann heinz leichtweis erschießungskommando ausgerüstet mit karabiner benutzung einer beutewaffe kalaschnikow erschießungskommando mit maschinengewehrs an der stirnseite des hauses kirchgasse nr 7 ­ frisör berninger verantwortliche für die erschießung ­ standgericht 2 3 4 5 6 7 döbelner str nr 5 herr heinze beobachtet in den frühen morgenstunden des 29.4.45 den brand auf dem kirchendach herr heinze beobachtet am 29.4.45 die erschießung von dem haus seiner eltern aus döbelner str nr 7 herr berninger versteckt einen tschechen der bei ihm arbeitet auf dem dachboden döbelner str 4 ­ eisenwarenhandlung herr heinze beobachtet die plünderung dieses geschäftes herr röder der besitzer der geschäftes entdeckt den brand auf dem kirchendach kirchplatz nr 3 herr richter entdeckt den kirchenbrand und hilft den brand maßgeblich zu löschen döbelner str 15 herr heinze beobachtet die plünderung des schuhgeschäftes panitz besonders durch die zwangsarbeiterinnen aus der gemüseverarbeitung meißner str 7 herr heinze beobachtet die plünderung im stoffwarenladen flügge

[close]

p. 7

unser projekt im glashof riesa unter mitwirkung und anleitung von glasdesigner andreas hartzsch aus riesa haben wir in projekteinheiten uns mit der herstellung einer glasinstallation für das gedenken der erschossenen an der kirche zu lommatzsch beschäftigt in einer arbeitseinheit haben wir uns mit den materialien vertraut gemacht glas und glasschneiden klebetechniken arbeit mit farbigen klebern und das härten mit uv-licht verschiedene glasorten lichtdurchlässigkeit bruchsicherheit sicherheitsglas u.a ein rundgang durch die werkstatt und das betrachten verschiedener ausstellungsstücke hat uns geholfen dann selbst etwas auszuprobieren ein kleine glasinstallation frei nach eigenen vorstellungen schule den umgang mit den materialen nachdem wir uns überlegt hatten wie wir das geschehen vom 29.4.45 gestalterisch umsetzen können haben wir verschiedene modelle erstellt dabei waren für uns bestimmte symbole wichtig 36 kleine glastafeln sollten an die 36 erschossenen menschen erinnern das geschehen von damals besonders die erschießung sollte mit verarbeitet werden auch das leid die schreie das blutvergießen sollte symbolhaft dargestellt werden damit die gedenktafel nicht nur an die vergangenheit erinnert haben wir das auge als symbol gewählt das geschehen blickt uns auch heute noch an und wird in die stadt hineinsehen es soll nicht vergessen sein und wir sollen die augen offen haben dort wo unrecht und gewalt in unserer welt geschieht drei verschiedene modelle haben wir hergestellt eine kombination aus zwei modellen ist dann zur ausführung gekommen.

[close]

p. 8

einweihung der gedenktafel an der kirche am volkstrauertag im anschluss an den gottesdienst zum volkstrauertag wurde die gedenktafel durch die konfirmanden feierlich enthüllt der posaunenchor umrahmte die einweihung unsere bürgermeisterin frau a maaß hielt eine ansprache.

[close]

Comments

no comments yet