METAMORPHOSE

 

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METAMORPHOSE

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metamorphose und kontinuitÄt helmut hi rte

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metamorphose und kontinuitÄt helmut hi rte

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vorwort dr thomas richter dieser eindruck stellt sich selten ein ­ nämlich jener dass wir einen künstler betrachten dessen schaffen sich scheinbar gänzlich jeder zur manier gewordenen formerfindung entzieht der in so vielen verschiedenen sparten ausdrucksmöglichkeiten findet und erfindet arbeiten begegnen im werk helmut hirtes innerhalb des gesamten spannungsfelds der plastik und der kunst im Öffentlichen raum er ist tätig in den bereichen der zeichnung malerei und druckgraphik ­ die hier nicht allein als vehikel zur formfindung im bildhauerischen prozess dienen ­ und wir finden bei ihm installationen und lichtarbeiten nicht zu vergessen die sprache der text das wort sie bilden bei vielen arbeiten leitlinien des verstehens helmut hirte ist ein künstler der im gefüge einer stadt impulse gibt und solche aufnimmt und verarbeitet in den zurückliegenden jahren sind viele wichtige fragestellungen von ihm nicht allein im künstlerisch-gestaltenden sinne sondern auch in form des gesellschaftlichen diskurses aufgeworfen und fortentwickelt worden so brachte die 2006 an fünf standorten gezeigte ausstellung erinnern als weg vom erinnern zum gedenken mit dem thema des menschlichen daseins und vergehens nicht allein einen zentralen aspekt des gesellschaftlichen miteinanders und mit dem blick auf die kunst einen ihrer wichtigen funktionszusammenhänge neu ins bewusstsein sondern hirte verstand es zudem unterschiedlichste repräsentanten gesellschaftlichen handelns miteinander in kontakt zu bringen und zu gemeinsamen nachdenken zu bewegen dieses zugleich ungezwungen-spielerische und doch tief empfundene interesse an gesellschaftlichen und zutiefst menschlichen themen ist ein movens seines künstlerischen schaffens explizit ist daher nicht selten die aussage und pointiert die stoßrichtung seiner werke andere lassen dagegen dem betrachter raum für die eigene auseinandersetzung allen gemein ist jedoch stets der auf den urpunkt zurückgesetzte gestaltungsprozess nichts scheint sich zwangsläufig aus vorangegangenem zu entwickeln ein bequemer gang quasi ein gemessenes und absehbares schreiten durch das eigene oeuvre scheint diesem künstler fern zu liegen die stets neue auseinadersetzung mit dem auslösenden moment dem aspekt der frage und die dadurch in bewegung geratende stets neue suche nach der darstellungsform dem material der technik dies zeichnet hirtes arbeiten aus dies sorgt für spannung und nicht selten für Überraschung bei

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den betrachtern seiner werke und es sorgt für ein sehr persönliches empfinden da dem beschauer dieser kunst die person des schaffenden in ihrem trachten und verstehen sehr gegenwärtig und nahe zu sein scheint ein gemeinwesen eine gesellschaft lebt von solchen Übersetzern der daseinsbedingungen und menschen die es verstehen prozesse als notwendig und ziele als erreichbar zu artikulieren dieses buch zeigt am beispiel der arbeiten helmut hirtes welchen stellenwert kunst in unserem leben haben kann wenn es dem einzelnen als betrachter stets aufs neue gelingt deren perspektiven auf sich selbst und damit auf sein tatsächliches da-sein zu lenken dr thomas richter 3.134 zeichen inkl lz metamorphose und kontinuität Über die arbeiten des bildhauers helmut hirte die meisten proben sind granitgrabsteine von friedhöfen aus hiroshima grabsteine lassen sich durch inschriften genau datieren so ist sichergestellt daß der grabstein zur zeit der explosion bereits errichtet war grabsteine von nicht mehr benötigten gräbern werden entweder an einem bestimmten ort auf dem friedhof oder entlang der friedhofsmauer gelagert außerdem sind die friedhöfe sehr klein darum ist es nicht wichtig die genaue lage der grabsteine zum zeitpunkt der explosion zu kennen 1 gesetzt den fall eine katastrophe bräche unverhofft herein über mitteleuropa handle es sich nun um einen nuklearkrieg eine verheerende seuche oder einen meteoriteneinschlag gewiß braucht es eine weile bis der rauch die viren der strahlende staub abgezogen ist welche rückschlüsse würden in fünfhundert oder tau-

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send jahren die archäologen ziehen die sich aus glücklicheren breiten kommend ins verstummte herz der alten welt vorgewagt haben um sich und den wissenschaftlichen sozietäten daheim ein bild zu machen von den deutschen bestattungsriten und ­monumenten am beginn des 21.jahrhunderts die stets auch indizien des verhältnisses sind das eine kultur zum tod insgesamt hat fänden sie die uniformität der formate sachgerecht die massenware der logik einer demokratischen staatsverfassung gemäß den grassierenden kitsch anrührend die wälder von namen und jahresdaten bar jeden rückschlusses auf die einst dahinterstehende persönlichkeit von löblicher bescheidenheit oder würden sie nicht doch ein defizit beklagen wo es um posthumen respekt geht und das gedächtnisstiftende potential angelegt zumindest theoretisch in jedem grabmal im schutt einer längst zusammengestürzten bibliothek könnten die archäologen auf folgendes hilfreiche zitat stoßen das grabmal unserer zeit ist in seinem qualitätsdurchschnitt genauso spiegel der gesellschaft wie zu allen zeiten aber nicht allein die weitgehende soziale nivellierung ist ursache des niedergangs es kommt dazu daß heute wirtschaftlicher wohlstand nicht mehr identisch ist mit ausgeprägtem kulturbewußtsein oder gar entsprechender verpflichtung für den guten bildhauer sind vermögende auftraggeber die sinn und würde der totenehrung noch ernst nehmen zu weißen raben geworden 2 zwischen der abfassung des zitats und dem jahr 2010 ist viel wasser den rhein heruntergeflossen es gibt jüngst anzeichen daß der historisch durchgängige pendelschwung zwischen kollektiver sepul-kraler fast-anonymität und individueller herausstellung der grabstätten dabei ist eine kehre zu vollziehen Über alternative formen von bestattung im weitesten sinne wird wieder argumentiert und experimentiert häufiger wird der versuch gewagt dem grabmal die dimension der versinnbildlichtung zurückzuerstatten wächst also die chance daß unsere archäologenteam aus der ferneren zukunft mehr als nackte datierungen davontragen wird und in diesem punkt kein ganz so vernichtendes urteil von uns i in drei jahrzehnten hat helmut hirte sich praktisch wie theoretisch so intensiv mit dem themenkomplex grabmal und erinnerungskultur siehe abbildung rechts buchtitel befaßt daß man in versuchung gerät auch seine sonstigen arbeiten unter ebendiesem blickwinkel anzugehen sind damit krasse mißverständnisse vorprogrammiert oder kann es helfen bislang übersehene aspekte zutagezufördern womöglich den roten faden zu finden über den hirte wie er im werkstattgespräch bekennt,

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rosenskulptur muschelkalk/kupfer 110/70/135 2009 seit etwa seinem 50.geburtstag selber verstärkt nachgrübelt sein bedürfnis aus dem ganzen das mich stark macht den roten faden herauszudestillieren denn wirklich haben wir in ihm nicht den typ künstler vor uns dessen produktion zielstrebig auf einer einzigen stil-schiene dahinrollt markenzeichengewiß zweifelsfrei zuzuordnen signaturhaft simpel publikums und marktgerecht seine arbeit so stellt er fest sei immer eine neue definition meiner selbst was zum beispiel helmut hirte stark macht ist seine solide verwurzelung im metier angefangen mit der ausbildung zum steinmetz und steinbildhauer abgeschlossen mit der doppelten meister und technikerprüfung ein daraufgesatteltes komplettes bauingenieurstudium dürfte den sinn für präzision und machbares geschärft sowie flinken artistischen flausen vorgebeugt haben seit 1980 unterhält hirte seine eigene werkstatt unmittelbar angrenzend dem altstadtfriedhof in aschaffenburg von anfang an bemüht sowohl sich mittels kursen und symposien selber weiterzubilden als auch das erlernte weiterzugeben dazu führt er in der eigenen werkstatt junge menschen dem gesellenbrief entgegen mein zugang zur kunst entwickelte sich über meinen arbeitsalltag berichtet er es war ein schwieriger aber kontinuierlicher weg wie denn überhaupt der begriff kontinuität ein häufig bei ihm wiederkehrender ist und mittendrin immer mal ich wußte was ich wollte aber nicht wie ich s erreiche während der achtziger jahre erwarb er sich wichtige erfahrung durch restaurierung von bildstöcken in der reich damit gesegneten mainregion grabbildnerei war eigentlich nie sein fach nie seine perspektive handelte es sich doch um einen sektor wo die industrie zunehmend das handwerk ausstach die serienproduktion gegenüber dem individuellen beitrag das oberwasser hatte erst der ort hat mich dazu gebracht sagt hirte in bezug auf seine werkstatt 1982 überkam ihn eine art erleuchtungsmoment als ein auftrag für ein familiengrabmal an ihn erging das er statt auf klischees und vorformuliertes zurückzugreifen nach eigenem gutdünken gestalten sollte die frage um die damals für ihn alles kreiste lautet wie tief kann ich in den stein eindringen um die form hervorzubringen die zum auftrag passend und harmonisch ist eine frage die ihn seither angesichts der unterschiedlichsten steine nicht mehr losgelassen hat eine frühe konsequenz war sich von den friedhofsnotorischen polierten steinen ganz zu trennen die müssen jetzt raus was nicht heißt daß die schritte des altesabstreifens und neues-hervorbringens völlig synchron und syntakt verlaufen wären nur mit pausen und schüben näherte sich helmut hirte ­ stets von der notwendigkeit des gelderwerbs begleitet ­ seiner neukonzeption von grabmal als grabzeichen an darin sich

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gelebte erinnerung und öffentlicher dialog treffen und wo gedenken nicht zu trennen ist von Über-denken und um-denken für die handfeste umsetzung dieser konzeption gibt es kein äußerliches rezept wenn es denn eines gibt dann deuten alle hirte schen aussagen darauf daß es bezogen sowohl auf den künstler wie auf sein vorzugsmaterial ein innerliches ist mein zugang zur form entsteht intuitiv immer steht man vor dem scheinbaren nichts das arbeiten in dieses nichts hinein der intuition folgend eine fast existentialistische wortwahl ­ wüßte man nicht daß die kehrseite des besagten nichts eine ins höchste konzentrierte stofflichkeit ist die des steins eben mit dem hirte seit seiner jugend umzugehen gelernt hat und mit dessen von mineral zu mineral und von steinbruch zu steinbruch wechselnden eigenschaften er intim vertraut ist inklusive der ständigen möglichkeit unliebsamer Überraschungen die unter der oberfläche lauern ist es das was ihm den stein so analog dem menschen so wesensverwandt werden läßt in erster linie verwende ich stein der stein erfordert die auseinandersetzung in drei dimensionen entsprechend meiner körperlichkeit und der mich umgebenden räumlichkeit der stein trägt alles in sich was den menschen ausmacht er ist äußerlich erstarrte lebensenergie Übertragen auf die spezifische aufgabe des aus dem stein herausgelösten grabmals sieht hirte eine polarität am wirken man fühlt die masse der materie und das emporstreben des geistes diese gegensätze erzeugen spannung hier entfaltet sich kraft freiheit glück und erlösung es gibt sätze von hirte die darauf schließen lassen daß sein ringen um eine bessere bestattungs und erinnerungskultur ein religiös fundiertes ist daß er den pfeil der über die irdischen verhältnisse hinaus in unendliche weist der im jetzt ewigkeit spürbar macht sehr wohl in seinen grabskulpturen spürbar zu machen strebt doch geht es im vorliegenden text primär darum was helmut hirte als gestalter charakterisiert möglichst präzise herauszuarbeiten in diesem zusammhang genügt es festzuhalten daß er mit dem sepulkralen teil seines schaffens nicht so sehr ­ ohnehin ein quijoteskes unterfangen gegen den tod ankämpft wie vielmehr gegen den tod der erinnerung er der am leben erhält war eine der umschreibungen mit welcher die alten Ägypter den bildhauer bezeichneten 3 doch von ihrem glauben an die buchstäblichkeit des Überlebens des toten in seinem steinernen abbild bzw in seinem steinernen mastaba totenhaus sind wir heute lichtjahre entfernt ii in mehrerer hinsicht waren die achtziger jahre für helmut hirte die selbstfindungsphase aus den neunziger jahren stammt dann

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stele diabas 120/14 1990 seine erste werkserie die anspruch erheben darf gleichermaßen auf beträchtlichen quantitativen umfang wie auf qualitative eigenart ironischerweise kurz nachdem er gegenüber willi schmid seinem lehrer an der frankfurter städelschule verkündet hatte ich hab ab sofort mit der modernen kunst nichts mehr zu tun das material ist wen wundert s der stein vorwiegend harte varianten wie granit oder diabas wurden gewählt um körper variablen dabei meist grob symmetrischen zuschnitts vor uns hinzustellen mehrere wie ein schlanker termitenturm konisch zulaufende stelen das aufgebockte boot mit leicht hochkurvendem bug und heck ein anderes keilförmig wuchtiges boot mit schräg zu seiner achse verlaufendem segel die scheibe flach wie ein insektenpanzer etwas das einer liegenden spindel nein einem überdimensionalen altsteinzeitlichen abschlagssplitter ähnelt zwei ziemlich irreguläre kugelbrocken in berührung vom titel ausgewiesen als herzen eine weitere stele freilich auf rechteckigem grundriß von der kontur eines schlüssellochs mit drei einbohrungen im oberen gerundeten teil weder streng abbildhaft noch um letzte geometrische genauigkeit bemüht sind die beschriebenen formen dennoch eignet ihnen die prägnanz von zeichen was mal mehr mal weniger unterstrichen wird durch die art der präsentation ­ auf metalltischen oder plinthen diversen materials eher denn auf einem klassischen sockel ein dreiecksflügel baumelt gar einsam im zentrum eines hängegestells das besondere an der werkserie jedoch ist die oberfläche mit der flex hat der künstler ein regelmäßiges gitter von parallelfurchen in sie eingefräßt dieses kann eine form allseitig umlaufen oder sich mit im rechten winkel zu ihm angebrachten fräsungen treffen zum kreuzgitter matt-helle linien ins kristallin gefleckte fleisch der steine zeichnend ohne rücksicht auf mögliche aderung überziehen die flex-kerben sie wie mit einem exoskelett das kann aufschimmern als fernes echo der antiken säule mit ihrer feinen kannellierung was urtümlich naturwüchsig am stein ist wird so eingeschlossen gebändigt vom menschen markiert mit einem zivilisatorischen stempel aber ausgelöscht wird es dadurch nicht genaugenommen wird dem stein weniger gewalt angetan als durch systematisches glatt und blankpolieren unter dem gitter atmet er ästhetisch weiter 4 umso hartnäckiger als die fräsvertiefungen selbst der ausgesucht härtesten steine an den kanten immer wieder stückchenweise absplittern nie schließt der käfig von gestaltungseingriffen hundertprozentig dicht ja es gibt blickwinkel aus denen schmiegt es sich sanft an wie ein gespinst es ist offenkundig helmut hirte liebt den stein zu sehr als daß er ihn einer verwandlung unterjochen wollte die einer rigiden priorität des künstlerischen programms entspringt die über jahrtausende

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im stein bewahrte erinnerung sagt er und läßt uns rätseln erinnerung woran erfordert respekt beim umgang mit dem material das systematische und kleinportionierte seiner technischen maßnahmen das transparente der resultierenden ordnung mag gewisse analogien haben zur minimal art und concept art um 1970 während aber deren hervorbringungen damals zusammengefaßt werden konnten unter dem motto when attitude becomes form würde das mit hirte schen skulpturen nie verfangen besser auf den leib geschrieben ist diesem bildhauer when work reveals attitude ­ wobei dasjenige was da eine geistige haltung ans tageslicht bringt sowohl übersetzbar wäre mit werk im sinne von einzelarbeit als auch im sinne von arbeiten überhaupt wir liegen nicht falsch wenn wir hier nochmals die betonung des kontinuierlichen heraushören im offenlassen der handwerklichen eingriffe am stein und im hinlenken der aufmerksamkeit auf sie zeigt hirtes haltung natürlich auch gewisse verwandtschaft mit der strategie eines ulrich rückriem dessen laufbahn ja ebenfalls sehr bodenständig mit einer steinmetzlehre begann wenn argumentiert wird die rückriem schen teilungen und wiederzusammenfügungen von blöcken brächten die frage nach den kleinstmöglichen menschlichen eingriffen ins spiel die notwendig ist um natur in kunst zu verwandeln 5 dann läßt sich das cum grano salis übertragen auf helmut hirte ansonsten eher denn minimal art spricht aus der gitter-werkserie der geist von minimal music konkreter poesie oder anderen seriellen gestaltungsweisen wo zunächst identische bzw gleichwertige strukturen auf den zweiten blick eine unendlichkeit von variationen im detail offenbaren mitunter gar mit einem vertretbaren quantum von zufallseinsprengseln der zeitgenössische litauische komponist arvo pärt befragt nach der spannung zwischen dem mathematischen und dem sinnlichen in seinen tonsetzungen antwortete bevor ich eine regel wähle habe ich eine bestimmte vorstellung was ich damit sagen will ich habe das bedürfnis mich zurückzuziehen und etwas objektives darzustellen je mehr wir ins chaos geworfen werden desto mehr müssen wir an der ordnung festhalten das ist das einzige was uns ein wenig ins gleichgewicht bringt und Überblick distanz und ein bewußtsein vom wert der dinge schafft auf der einen seite ungewißheit unendliche kompliziertheit und chaos und auf der anderen seite die ordnung das ist die gleichzeitigkeit von leben und tod 6 wenn helmut hirte verbale grundsatzaussagen trifft schöpfen sie aus einem ähnlich hochgespannten vokabular kunst soll dem menschen sein menschsein aufzeigen ich will der wissenschaft nicht die deutung des menschseins und der welt überlassen oder kunst stellt der technik sinnlichkeit und Ästhetik gegenüber sie verweigert sich nicht vor dem material flügel diabas/stahl 80/80/190 1999

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ge-stell muschelkalk/stahl 80/30/200,1997 sondern schützt uns vor materieller entfremdung die bibliothek freilich die hirte uns bereits zu lebzeiten hinterlassen hat kommt ganz non-verbal daher und ganz zweifelsfrei ist es auch nicht daß es bei allen sieben alternativ acht stücken die ihren platz auf den fünf ebenen von ge-stell gefunden haben definitiv um mit bohrer meißel und flex dem fels entrissene bücher handelt ­ dem schnitt der seiten zum trotz die glauben machen möchten man habe es zu tun mit einem wissensprallen regal ge-stell ist gefüllt zumindest nicht mit büchern in der kunsthandwerklichen abbildlichkeit und absichtlichkeit welche die einschlägigen objekte des kubach-willmsen-teams kennzeichnen jedes davon stets eine paradoxe aufforderung zum umblättern bei näherem herantreten erkennt man vielmehr wie die hirte schen stücke in stufen und schichten akkumuliert sedimentiert wirken irregulär gewachsen anstatt standardmäßig fabriziert weswegen sie sich auch krümmen aufblähen gegeneinander verschieben und kippen plötzlich weniger bücher als ausschnitte geologischer lagerungen und verwerfungen freilich verstünde das kundige auge auch in ihnen zu lesen in der geologie vermag ein ausschnitt von gesteinsschichten uns zu führen durch die zeit die schichten gestein dagegen wie helmut hirte sie mit seinem werkzeug entwickelt sind dazu angetan uns mittels sukzessiver volumensveränderungen auf eine imaginative reise zu schicken durch den raum und durch die form iii wir sollen heiter raum um raum durchschreiten an keinem wie an einer heimat hängen der weltgeist will nicht fesseln uns und engen er will uns stuf um stufe heben weiten es wird vielleicht auch noch die todesstunde uns neuen räumen jung entgegen senden des lebens ruf an uns wird niemals enden 7 in vielen gleichmäßigen schritten und stufen vollzieht sich die veränderung in der erscheinung ­ verjüngung engführung schwellung abflachung hochwölbung bei jeder skulptur der gitter-werkserie man könnte sprechen auch von gradueller metamorphose darin steckt bereits symbolisches eine bestimmte sicht des lebens ebenso wie des Übergangs vom leben zum tod die pole menschlicher existenz wären somit weniger getrennt als verbunden mittels eines weitgespannten bogens hirtes heißgeliebter begriff der kontinuität scheint verankert in einem viel grundlegen-

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deren kontinuum hesses populäres vorstellungen von seelenwanderung streifendes poem stufen wäre auszugsweise bereits zitiert wie gemünzt auf charakteristische aspekte der betreffenden hirte schen werkgruppe indes weil präziser in den sinnlichen beobachtungen ist jenes 150 jahre zuvor entstandene gedicht die metamorphose der pflanzen das goethe 1798 seiner frau christiane vulpius widmete um ihr den zugang zur gedankenwelt des gleichnamigen bereits 1790 verfaßten essays zu erleichtern alle gestalten sind ähnlich und keine gleichet der andern heißt es da und die blätter aus denen sich im botanischen formenreichtum alles herleitet treten auf gezählet und ohne zahl deutlicher noch als bei hesse klingt das serielle prinzip an werdend betrachte sie nun wie nach und nach sich die pflanze/stufenweise geführt bildet zu blüten und frucht 8 nie zu vergessen die fachterminologie der geologie kennt auch eine metaphorphose des steins die eintritt wenn druck und temperatur eine mineralische struktur verwandeln in eine andere bis zur schmelze nicht alle symbolik bei helmut hirte kommt so samtpfötig daher nicht alle metamorphose so äonenhaft geduldig offen läßt der bildhauer in welcher entwicklungsrichtung sich die jüngere werkgruppe aus sandstein bzw marmorquadern gebrochener gehöhlter gefügter hausfragmente bewegte als ihre veränderung mittendrin angehalten wurde ­ richtung auf oder abbau werden oder vergehen es umweht sie etwas abruptes isoliertes ruinöses das auf letzteres tippen läßt positiv und negativvolumina bestimmen gleichwertig diese bodenskulpturen neben offenes haus richtungswechsel lange wege fällt auch studie zum sarkophag in diese gruppe abermals das stehenlassen von bruchkanten aus dem steinbruch und von frühen elementaren arbeitsvorgängen des bohrens und kerbens und was die künstlerischen auktorialen eingriffe betrifft gleichzeitig transparenz und zurückfahren aufs minimalistisch sparsame unverzichtbare wo gitterkerben auftauchen dann auf größeren abstand voneinander nicht länger als all-round-struktur als archetypisches universal verbreitetes symbol kann das haus psychologisch stehen für schutz ebenso wie abgrenzung wiege oder burg gefängnis oder grab in der traumdeutung des artemidoros verweist es auf den körper in der analytischen psychologie c.g.jungs auf die seelische totalität des träumers wände schotten ab kapseln den bewohner ein fenster und türen laden ihn ein zur kommunikation mit der welt draußen verglichen mit solch kompletten womöglich mehrstöckigen urbildern von haus gleichen helmut hirtes skulpturen häusern für notorisch unbehauste dachlos unentschlossen verharren sie auf halbem weg zwischen anfang und ende ein türkisches sprichwort warnt ist das haus erst fertig kommt der tod offenes haus sandstein 100/100/130 2008 lange wege untersberger 120/40/37 2008

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iv leicht macht dieser künstler sich die auseinandersetzung weder mit freien arbeiten noch mit aufträgen auch wenn er heute seine auftraggeber nicht mehr mit sieben alternativ-entwürfen überfordert entscheidungsfreude gehört zur professionaliät er bürstet die widerspenstigkeiten des materials die widersprüche des themas nicht glatt daß ihm die unterschwellige verbindung zwischen haus und sarkophag bewußt ist wurde bereits erwähnt neben wanne nische im columbarium urne schrein tisch tumba stele obelisk gebrochenem säulenstumpf totenlaterne zählt das haus zu den menschheitlich ältesten bzw verbreitesten skulptural-architektonischen erfindungen um die sterblichen Überreste eines individuums vorübergehend aufzubahren dauerhaft aufzubewahren und oder auf jenes individuum hinzuweisen von frühzeitlichen graburnen in hausform bis zur familiengruft in kapellengestalt auf den friedhöfen des 18 und 19.jahrhunderts 9 je nach epoche zwischen asketischer schlichtheit und pompöser Überladenheit wechselnd im monumentalen ebenso wie im miniaturesken maßstab die häuser für die toten sind älter als die für die lebenden feste bauten haben die nomaden nur für ihre verstorbenen 10 wenn hirte zuletzt wiederholt mit kompakten modellhaften hausformen experimentiert sie auf krumme metallstelzen gestemmt oder mittig in eine gemuldete scheibe von rosigem granit platziert hat kann er anknüpfen an eine lange vorläuferreihe auch wenn er die ergebnisse ­ noch ­ nicht als grabmal grabzeichen begreifen will Über drei jahrzehnte hinweg hat helmut hirte genug werkgruppen und motivreihen produziert um es gelegentlich zu kreuzungen zwischen unterschiedlichen genres kommen zu lassen ein abkömmling der weitgehend abstrakten gitter-serie ist die bodenskulptur haus-block und dennoch eine plastisch gewordene parabel auf das dichtgepackte vereinheitlichte wohnen der massengesellschaft das liegend verstreute oberseitig parallelgefurchte sextett der marmornen kreuze hat sich buchstäblich vom friedhof absentiert um vorzustoßen ins reich des lebens und der kunst wenn das kein fall von metamorphose ist eine verwandlung ganz anderer art gelang hirte mit einer arbeit für den öffentlichen raum der kleinostheimer brunnen in dessen marmor-rund sich eine form erhebt die man verwechseln könnte mit einer von korinthischem kapitell gekrönten säule doch von nahem erkennt man daß da statt akanthusblättern und palmetten trauben von roh bossierten köpfen sprießen büschelhaft verwachsen ringsum ausschau haltend nicht nur auftragsgebunden hat hirte das menschenbild seit der jahrtausendwende wiederentdeckt wie die lebensgroßen drei köpfe in epoxydharz und betonguß beweisen haus gips/wachs auf stahl 176/45/45 2009

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in ihrer schrundigkeit nicht restlos identisch doch seriell genug um die lehren aus der gitter-serie zu übertragen aufs figürliche metier v die 1980 bezogene steinmetzwerkstatt hat helmut hirte seither mehrfach erweitert auch ins anschließende haus hinein von dessen balkon überblickt er ungehindert den altstadtfriedhof mit reihe um reihe konventionell behauener grabsteine aus denen so ein für alle beteiligten günstiges schicksal sie ihm als rohmaterial in die hände spielt eines tages unkonventionelle grabmale werden könnten ­ oder beispiele autonomer kunst entwickelt aus einer solchen spolie ist sowohl die quadratscheibe fragmente 1995 als auch der flachquader was bleibt 2008 die erstere läßt vom ursprünglich schwarzpolierten diabas nur ein regelmäßiges raster aus sechzehn inseln stehen darauf bruchstücke goldgefaßter frakturlettern während sich der bohrer rundherum durchgefressen hat zum meerresgrund dem grünlich-matten inneren des steins die weite wiederum ist samt brachialen bohrrillen hochkant gedreht so daß die wie eingepunzte spur des toten-namens ­ oder waren es mehrere ­ an prägnanz verliert gegenüber den blei blattgoldund blattsilber-applikationen die schmückend vom einst weißen jetzt grau verwitterten marmor abstechen schriftliches wird gegen den strich gebürstet einst fixiertes ästhetisch freigesetzt die artistische umfunktionierung suggeriert das eine mutiert zur gesetzestafel das andere zur herrscherstele beide aus verschollenen zeiten besser noch aus zeiten jenseits regulärer zeit keiner kultur keinem dialekt mehr zuzuordnen die sprache ist das haus des seins lautet ein berühmter heidegger-satz alle drei substantivischen komponenten münden bezogen auf die letztbetrachteten werke helmut hirtes in phantasie bei ihrem urheber mag das freie schaffen deshalb so heißen weil er sich darin die freiheit herausnimmt mit der erinnerung der er in seinen grabmal-aufträgen redlich dient kühne fiktionen zu entwerfen und metamorphe spiele zu treiben © dr roland held darmstadt 2010 hausrelief liegend belgisch granit 80/50/20 1996 grabmal diabas 30/28/80 1994

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