Dr. Werner Zittel "Kommentar zum World Energy Outlook 2012"

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Dr. Werner Zittel "Kommentar zum World Energy Outlook 2012"

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Kommentar zum World Energy Outlook 2012 Werner Zittel, 22.11.21012 Es hat inzwischen komische, ja fast schon rituelle Züge: Jedes Jahr im November veröffentlicht die Internationale Energieagentur ihren World Energy Outlook auf die kommenden 20 – 25 Jahre. Diese Ergebnisse werden dann - woran die IEA mit ihren Pressemitteilungen und Präsentationsveranstaltungen durchaus einen Anteil hat – in verkürzter und teilweise verfälschter Form von der Presse verbreitet mit dem Tenor: Alles wird so weitergehen wie bisher. Unterschlagen werden kritische Äußerungen zu bevorstehenden Problemen, die auch in der Kurzfassung breiten Raum einnehmen. Die öffentliche Presse interpretiert, dass die Energieversorgung für die kommenden 20 Jahre gesichert sei, um der Welt und insbesondere den wohlhabenden Staaten einen steigenden Wohlstand zu garantieren. Und die Kritiker schreien jedes Mal entrüstet auf und bemühen sich, in akribischer Detailanalyse des Berichtes Widersprüche zu suchen. Seit mehr als 10 Jahren steht diese Botschaft zunehmend im Gegensatz zu den offensichtlichen Realitäten, was aber oft nicht einmal Erwähnung findet und beharrlich übergangen oder als kurzfristiges Problem beschworen wird: Die Energiepreise haben sich deutlich erhöht – ein Ende ist nicht in Sicht. Autohersteller und Flugzeugbetreiber müssen sich seit Jahren um ihre Kundschaft sorgen – Die US Fluggesellschaften erlebten in dieser Zeit einen Schrumpfungs- und Bereinigungsprozess. Den damals größten Autohersteller GM gäbe es heute nicht mehr, hätte der Staat ihn nicht gerettet. Aktuell muss der französische Staat seinen Autofirmen finanziell unter die Arme greifen. Fischereien und Logistikunternehmen empfinden die hohen Ölpreise zunehmend als geschäftsbedrohend. Die Rohölpreise haben sich seit Ende der 90er Jahre von 20 US$/bbl auf um die 100 US$/bbl erhöht (siehe WEO 2012, Seite 42) mit einem Spitzenausschlag im Juli 2008 von über 140 US$/bbl. Das Wirtschaftsgefüge ist schwer angeschlagen. Und der seit dem Jahr 2000 deutlich gestiegene Ölpreis bildet einen wesentlichen Faktor hierbei. Dieser hatte durchaus einen Anteil an der Auslösung der Finanzkrise im Jahr 2008 i. Die hohen Ölpreise führten beispielsweise in den USA dazu, dass der Verbrauch seit 2005 um fast 10 % gefallen ist. Peak Oil ist hier bereits Realität. Nur der Durst der finanzkräftigen „Emerging Economies“ nach Öl sorgte in Summe für einen weltweit stagnierenden oder noch leicht steigenden Ölverbrauch. Dabei wäre es einfach, über statistisch belegbare Zeitreihen zu belegen was Konsens hinsichtlich der Erschöpfung fossiler Energievorräte ist, aber auch die Unsicherheiten und offenen Fragen anzusprechen und die Mächte der Welt unisono auf die notwendige Umstrukturierung vorzubereiten, wie dies ja im WEO 1998, WEO 2008 oder WEO 2011 ansatzweise erfolgte. Warum passiert das nicht? Warum benutzt das mächtigste energiepolitische Organ der OECD Staaten diese Chance nicht zu entsprechender Aufklärung, sondern vernebelt mit mißdeutbaren und auch bewusst desinformierenden Aussagen den Blick auf die Entwicklung, die schon längst im Gange ist und das „Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“ii einleitet? Die Antwort ist einfach: Wenn man den Autoren nicht absolutes Versagen vorwerfen will, dann drängt sich nur der Schluss auf, dass Vernebelung und Desinformation beabsichtigt sind. Man muss sich davon frei machen, diese Veröffentlichung der IEA als eine wissenschaftlich neutrale Analyse mit Prognosecharakter zu betrachten, wie es viele Beobachter tun. Vielmehr sollte man sich daran Zittel – Kommentar zum WEO 2012 Seite 1

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erinnern, dass diese als Interessenvertretung der größten wirtschaftlichen Akteure – und diese sind nun einmal sehr eng mit der Kapital kräftigen Ölindustrie verwoben – 1974 auf Initiative des damaligen US Außenministers Henry Kissinger und als „Gegenpropaganda“ gegen die OPEC gegründet wurde. Es steckt eine „Hidden Agenda“ hinter diesen Berichten, die da lautet: Der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass die Grundlagen der bestehenden Wirtschaftsstrukturen nicht gefährdet sind und ein „weiter so wie bisher“ die wahrscheinlichste Entwicklung ist. Die Aussagen des WEO bilden die Basis für nationale Studien. Wenn beispielsweise deutsche Ministerien Wirtschaftsinstitute beauftragen, haushaltsrelevante Entwicklungen der kommenden Jahre für Deutschland aufzuzeigen, dann bildet der WEO-Report oft die Ausgangsbasis. Dieser wird dort nicht hinterfragt, sondern in knappster Form (Energiepreisentwicklung bis 2035, Energieverfügbarkeit) als gesetzte Randbedingung zitiert. Darauf aufbauend werden dann beispielsweise nationale Energie-, Verkehrs- und Wirtschaftsszenarien berechnet. Diese wiederum fließen als eine Grundlage in künftige Planungen einiii. Und damit werden falsche Signale gesetzt und ein längst notwendiges Umsteuern verzögert. Die systemischen Beharrungskräfte sind sehr stark. Die Szenarien des WEO Zunächst sollte man sich die Selbstdarstellung der WEO-Technik auf Seite 38 des Berichtes verinnerlichen. Dort steht beispielsweise: „None of the scenarios is a forecast. Each is intended to demonstrate how markets could evolve under certain conditions. “ Und hier liegt der Schlüssel. Der Bericht darf nicht als Prognose oder Skizze einer wahrscheinlichen Entwicklung verstanden werden. Er ist zu lesen: Damit diese oder jene Entwicklung erfolgt, müssten diese oder jene Voraussetzungen erfüllt werden. Und in der transparenten Diskussion dieser Annahmen oder Voraussetzungen könnte der Wert dieser Publikationen liegen. Doch genau dies erfolgt nicht. In der Regel wird die Argumentation umgedreht. Es wird das von der IEA in den Vordergrund gestellte Szenario als von der IEA prognostizierte Entwicklung vermittelt, wobei die für deren Eintreten notwendigen Annahmen nicht hinterfragt werden. Auch hier kann man unterstellen, dass es Absicht und Kunst der Herausgeber des Berichtes ist, bewusst diesen Fokus umzudrehen. Denn viele durchaus kritische Bemerkungen und Analysen, die im Bericht vorkommen, werden stillschweigend übergangen. Es wird ein Bedarfsszenario erstellt, das im Wesentlichen den wachstumsorientierten energieintensiven Kurs in die Zukunft fortschreibt. Dann werden Versorgungsszenarien generiert, die gerne so interpretiert werden, dass damit die Grundlage für diesen Bedarf sichergestellt sei. Doch diese sind so zu lesen: Nur wenn diese Annahmen alle zutreffen sollten, dann wäre die Realisierung des Verbrauchsszenarios denkbar. Hier ist noch anzumerken, dass in Summe vier Szenarien mit unterschiedlichen Annahmen gerechnet werden, aber nur ein Szenario („New Policies“) im Detail hervorgehoben wird. Ihm wird der Charakter eines Referenzszenarios gegeben, dem man implizit die größte Wahrscheinlichkeit unterstellt. Verwirrenderweise wird auch ein Scenario „Current Policies“ durchgespielt, dem aber keine weitere Bedeutung zugemessen wird. Der gesamte Bericht beschreibt Details auf mehr als 600 Seiten. Im Folgenden werden daher nur einige Teilszenarien beispielhaft diskutiert: Zittel – Kommentar zum WEO 2012 Seite 2

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Wesentliche Aussagen zur Erdgasversorgung Der weltweite Erdgasbedarf steigt im New Policy Scenario bis 2035 gegenüber 2010 um 50%, wobei die OECD-Staaten 20% und die nicht-OECD-Staaten 75% Verbrauchsanstieg sehen. In Europa wird ein Verbrauchsanstieg um 100 Mrd. m³/a von 570 Mrd.m³/a im Jahr 2010 auf 670 Mrd. m³/a im Jahr 2035 gesehen. Gleichzeitig wird aber angenommen, dass die heimische Erdgasförderung um 30% zurückgehen wird. Damit die Gleichung noch aufgeht, müssen also die Gasimporte von 265 auf 450 Mrd. m³/a zunehmen, das ist fast eine Verdoppelung. Geht man etwas weiter in die Details, dann wird für Norwegen eine leichte Förderausweitung von 110 Mrd. m³/a (2010) auf 113 Mrd m³/a (2035) gesehen, das restliche Europa wird eine sinkende Förderung von 194 Mrd. m³/a (2010) auf 102 Mrd. m³/a sehen. Soweit zu den Zahlen und Annahmen. Bei diesen Annahmen bilden keineswegs aktuelle Förderstatistiken die Basis. So wird beispielsweise missachtet, dass die Gasförderung im restlichen Europa außerhalb Norwegens heute zu 85% aus den Staaten Niederlande (42%), UK (34%), Deutschland (6%) und Dänemark (5%) kommt. Die niederländische Regierung hat eine Prognose der eigenen Förderung veröffentlicht. Demnach wird diese bis 2035 unter Berücksichtigung erhoffter neuer Funde auf etwa 15 Mrd. m³/a gesunken sein. Die britische Gasförderung ist seit 2000 bereits um 70% zurückgegangen und wird bis 2035 höchstwahrscheinlich unter 5 Mrd. m³/a liegen. Die Förderung in Deutschland ist seit 2000 um 30% zurückgegangen, die dänische Förderung ist seit 2005 um 50% zurückgegangen. Auch die jüngsten Monatsstatistiken belegen, dass das Jahr 2012 diese Trends nahtlos fortsetzt. Die Förderung in den restlichen Staaten Polen, Italien und Rumänien ist seit 2000 um 60% zurückgegangen. Extrapoliert man die bestehenden Trends und beachtet die niederländische Prognose, dann wird die Gasförderung des restlichen Europa im Jahr 2035 eher bei oder unter 20 Mrd. m³/a liegen anstatt der im Szenario unterstellten 102 Mrd. m³/a. Somit ist das Szenario wie folgt zu interpretieren: Der im Szenario im Jahr 2035 skizzierte Verbrauch in Europa ist nur dann zu realisieren, (1) wenn die Förderung in Europa entgegen dem Trend der vergangenen Jahre und entgegen der wahrscheinlichen Entwicklung wesentlich langsamer zurückgeht, und (2) wenn die Gasförderung in Norwegen im Jahr 2035 noch mindestens auf dem heutigen Niveau liegt – auch das ist auf Basis heute bekannter Funde nicht vorstellbar – und (3) wenn die Gasimporte nach Europa gegenüber heute mindestens verdoppelt werden. Selbst die getroffene Annahme, dass in Europa die Schiefergasförderung bis 2035 auf ca. 15 Mrd. m³/a hochgefahren wird, ändert kaum etwas an diesen Aussagen. Jetzt ist näher zu untersuchen, wie wahrscheinlich eine Ausweitung der Importe von 265 Mrd. m³/a im Jahr 2010 auf 450 Mrd. m³/a bis zum Jahr 2035 ist? Hierzu wird im Szenario unterstellt, dass die Gasimporte aus Russland von 127 auf 206 Mrd. m³/a fast verdoppelt werden und dann etwa die Hälfte des Importbedarfs abdecken. Berücksichtigt man den gestiegenen und weiter steigenden Eigenverbrauch in Russland, die aus Kostengründen auf unbestimmte Zeit zurückgestellte Entwicklung des vor 24 Jahren 1988 entdeckten Gasfeldes „Schtokman“ in der Barentsee – die vergangenen 24 Jahre haben also nicht ausgereicht, um diesen Zittel – Kommentar zum WEO 2012 Seite 3

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damals als wichtigen Bestandteil der künftigen Gasversorgung gefeierten Fund auch in den Markt zu bringen - , die zunehmend schwierigeren Förderbedingungen, da die Erschließung neuer Felder nördlicher und östlicher unter geographisch und klimatisch schwierigeren Bedingungen erfolgt, und dass zunehmend neue zahlungskräftige Kunden aus Asien um dieses Gas konkurrieren, dann dürfte diese Ausweitung insbesondere unter der getroffenen Annahme, dass der Gaspreis im Jahr 2030 nur um 14% über dem Preis des Jahres 2011 liegt, eher weniger wahrscheinlich sein. Vermutlich ist es schon optimistisch anzunehmen, dass im Jahr 2030 die europäischen Gasimporte aus Russland konstant sind. Beispielsweise ist wenig plausibel, dass der Gaspreis für das Jahr 2030 mit 12,2 US$/MBTU (WEO 2012, S. 41) niedriger als mit 14,1 US$/MBTU im WEO 2008 angegeben wird (WEO 2008, S. 68), obwohl sich die über 23 Jahre kumulierten Investitionen in die Gasinfrastruktur von 417 Mrd. US$ (WEO 2008, S. 88) auf 883 Mrd.US $ (WEO 2012, S. 124)) mehr als verdoppeln. In jeweils realen Einheiten reduziert sich der Preis sogar von 24 US$/MBTU auf 18,8 US$/MBTU. Es herrscht also Einigkeit, dass Importe drastisch steigen müssten, um in Europa eine einigermaßen glatte Entwicklung zu garantieren. Und dabei zeigt die im Szenario durchgeführte optimistische nicht durch die Trends belegbare Entwicklung der heimischen Förderung, dass die benötigte Importmenge schon schön gerechnet ist. Nun wäre zu diskutieren, wie wahrscheinlich denn die Verdoppelung der gesamten Gasimporte über die kommenden 20-25 Jahre ist. Von 1990 bis 2010 wurden die Erdgasimporte nach Europa um 114 Mrd m³/a bei zusätzlich um 244 Mrd. m³/a gestiegener europäischer Förderung ausgeweitet. In diesem Zeitraum lag das Wachstum des Bruttosozialprodukts in Europa bei 2,0% p.a. (WEO 2012, Seite 37). Nun sollen die Gasimporte über einen fast gleich langen Zeitraum um das doppelte ausgeweitet werden bei um mindestens 30% sinkender Förderung und einer BSP-Wachstumserwartung von 1,8% p.a. (WEO 2012, S. 37). Hierbei ist nicht unwahrscheinlich, dass die heimische Förderung eher um 70-80% als bloß um 50% zurückgehen wird. Viel Glück! Somit lässt sich die Aussage des WEO 2012 eher folgendermaßen fokussieren: Es ist sehr wahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren Erdgas in Europa sehr knapp werden wird. Erdgas soll dann auch aus den USA und Südamerika kommen, wenn auch in geringem Maße. Es wird unterstellt, dass in den USA die unkonventionelle Gasförderung alle Versorgungsprobleme lösen wird, weil dank im Energy Policy Act 2005 aufgeweichter Umweltstandards für ein paar Jahre ein Anreiz für Gasfirmen bestand. In den Medien wird diese Entwicklung als eine Trendwende gefeiert, die alle bisherigen Erkenntnisse ins Gegenteil verkehre und den USA trotz weiter stark sinkender konventioneller Gasförderung eine mindestens bis 2035 steigende Gasverfügbarkeit garantiere und sogar Gasexporte nach Europa ermögliche. Doch zunächst führte der Förderanstieg in Kombination mit der wirtschaftlichen Schwäche der USA zum Zusammenbruch des Gaspreises. Der Anreiz zur Förderausweitung ist erst mal weggebrochen und in Texas beginnt die Gasförderung bereits deutlich zu fallen. Gemäß Förderstatistiken der texanischen Behörden (RRC) sinkt die Shalegasförderung seit etwa einem Jahr, zusammen mit der seit vielen Jahren rückläufigen konventionellen Gasförderung hat dies zu einem regelrechten Fördereinbruch geführt. Die Bundesenergiebehörde US-EIA kommt allerdings immer noch zu steigender Gasförderung in Texas – seit Jahresende 2011 weichen die beiden Statistiken komplett voneinander ab, wiewohl sie in den Jahren vorher fast identisch Zittel – Kommentar zum WEO 2012 Seite 4

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zusammenpassen. Demzufolge kann man nur konstatieren, dass die Datenbasis nicht stimmt. Das ist auch konsistent damit, dass die Bundesbehörde Detaildaten für Schiefergasförderung der Bundesstaaten nur bis Ende 2010 veröffentlicht (Stichtag Anfang November 2012) hat. BHP Billiton hatte vor wenigen Jahren die Shalegas-Aktivitäten von Chesapeake im Fayetteville-Shale für fast 5 Mrd. US $ gekauft. Im 2 Quartal 2012 musst BHP davon fast 3 Mrd. US$ wegen gesunkener Gaspreise abschreiben (siehe Capital Okt 2012, Seite 18). Damit zeigt sich ein Widerspruch: niedrige Gaspreise führen bei hohen Förderkosten keineswegs zu einer Ausweitung des Angebotes. Das ist auf lange Sicht nicht nachvollziehbar. Die Sache mit den Reserven und Ressourcen Unter der Berechnung einer wahrscheinlichen Entwicklung würde man verstehen, dass für die kommenden zwei Jahrzehnte bestenfalls die Reserven als Basis genommen werden. Das wäre plausibel, da diese zumindest physikalisch identifiziert, lokalisiert und bewertet sein müssen. Wie das Beispiel Schtokman zeigt, können nur in seltenen Fällen schwer erschließbare neue Gasfunde innerhalb von einem oder zwei Jahrzehnten auch tatsächlich erschlossen werden. Doch diese Beschränkung reicht für die Szenarien des WEO 2012 nicht mehr aus. Deshalb muss man auf Ressourcen zurückgreifen. Ressourcenangaben sind per Definition wesentlich weicher mit spekulativen Elementen. So liegen diesen Angaben oft keine Bohrungen oder seismischen Messungen zugrunde, sondern oft genug rein theoretische Betrachtungen, wie viel Gas in noch nicht entdeckten Feldern in dieser Region liegen könnte. Ob diese Felder tatsächlich existieren oder wie schwierig die Erschließung und wie ergiebig die einzelnen Bohrungen dann sind, dass bleibt hierbei offen. So haben Ressourcenangaben zunächst – und schon gar nicht für den kurzen Zeitraum von 20 Jahren – nichts mit Fördermöglichkeiten zu tun. Im diesjährigen Bericht wird nicht zwischen Erdgasreserven und -ressourcen unterschieden. Tabelle 4.3 Seite 134 gibt nur noch die Ressourcen an – so muss man sich nicht durch lästige Definitionen verwirren lassen. Hier zwei Beispiele, die den Unterschied verdeutlichen helfen: Die technisch gewinnbaren Erdgasressourcen werden mit 790.000 Mrd. m³ angegeben, wovon etwa 200.000 Milliarden m³ als Shalegas identifiziert werden. Begründet werden diese Zahlen mit zwei in diesem Jahr erschienen Studien des US Geological Survey, die einmal das Gesamtpotenzial abschätzen und zum zweiten zusätzlich noch ein künftiges Reservewachstum einbeziehen. Die weltweiten Gasreserven liegen mit 208.000 Mrd. m³um den Faktor vier niedriger. Für die USA werden die Shalegas-Reserven mit ca. 1.700 Mrd. m³ angegeben. Dies entspricht etwa 25% der gesamten Gasreserven von 7.717 Mrd. m³. Die Gasressourcen werden mit 64.000 Mrd. m³angegeben ( Da Detaildaten nicht im WEO 2012 enthalten sind, wurden diese Zahlen aus „DERA Kurzstudie Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen 2011, Tab 15 S. 53“ entnommen) – eine Diskrepanz um den Faktor zehn. Die Jahresförderung der USA liegt bei ca. 620 Mrd. m³/a. Somit reichen die Gasreserven für gut 10 Jahre Förderung auf heutigem Niveau. Auf dieser Basis eine Förderausweitung bis 2035 und sogar Gasexporte zu skizzieren ist reine Spekulation. Der Bericht suggeriert auch, dass die USA in einigen Jahren zum Erdgasexporteur werden könnten. Hier ist zunächst hervorzuheben, dass die USA heute keine Möglichkeit haben, Erdgas zu verflüssigen und interkontinental zu exportieren, auch wenn dies oft behauptet wird. Angesichts der hohen Kosten, der Marktunsicherheit – schließlich werden einige Jahre ins Land gehen vom Bauantrag bis Zittel – Kommentar zum WEO 2012 Seite 5

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zum Export des ersten LNG – und der ob der Angst vor Terroranschlägen hohen behördlichen Hürden – ist es nicht verwunderlich, dass es heute kein Terminal gibt und trotz der vielen irreführenden Berichte über Gasexporte aus den USA nur ein einziges Projekt bisher genehmigt wurde: „Interest in export gas has, unsurprisingly, grown and a number of gas liquefaction projects are planned – though only one has yet gained full regulatory approval.“ (WEO 2012, S. 12). Ob man in ein paar Jahren dann tatsächlich nennenswerte Mengen Erdgas exportieren wird oder nicht doch wieder auf den Import von LNG setzen wird, das wird die Zukunft zeigen. Letzteres dürfte wesentlich wahrscheinlicher werden. In den Regionen außerhalb der USA sind die Reserven an Shalegas Null (siehe DERA Kurzstudie Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen 2011, Tab 15, S. 53). Dessen ungeachtet wird spekuliert, dass diese bis 2035 einen bedeutenden Beitrag zur Energieversorgung in manchen Regionen darstellen könnten. Das ist eben Spekulation und nicht mehr. Insbesondere wird neben den USA auch für China die massive Ausweitung der Gasförderung von 95 Mrd. m³/a auf 318 Mrd. m³/a auf dieser Spekulation aufgebaut. Das wird dann an anderer Stelle relativiert: „However, some of the most promising basins are located in water scarce regions, which could constrain production growth (or rise development cost).” (S. 521) Die USA werden zur Weltölmacht Zunächst steht im Bericht auf Seite 85, Tab 3.2, dass der Ölverbrauch in den USA bis 2035 im New Policies Scenario um 30% zurückgehen werde (von 17,6 auf 12,6 Mb/Tag). Dieser unterstellte Rückgang ist prozentual mit ca. -1,4 % p.a. deutlich größer wie der mit -1% p.a. für Europa unterstellte Verbrauchsrückgang (von 12,6 auf 10 Mb/Tag). Dann wird errechnet, dass die USA von Ölimporten unabhängig werden könnten, falls es gelingt, zusätzlich zur Verbrauchsreduktion die heimische Ölförderung von 8,1 Mb/Tag im Jahr 2010 über 11,1 Mb/Tag im Jahr 2020 auf 9,2 Mb/Tag im Jahr 2035 auszuweiten. Die Presse berichtete vorwiegend über die als Tatsache interpretierte potenzielle Ölunabhängigkeit. Die wesentliche Botschaft ist aber: Erstens ist es unwahrscheinlich, dass die Förderung nochmals so deutlich und über so einen langen Zeitraum ausgeweitet wird. Zweitens – und das ist der Knüller – wird selbst unter dieser Voraussetzung die USA nicht vermeiden können, dass die Ölverfügbarkeit in den USA im Jahr 2035 um30% niedriger sein wird als heute. Hier wird ganz still und heimlich als Selbstverständlichkeit dem Leser untergejubelt, was eine Revolution im amerikanischen Energieverbrauch bedeuten würde und direkt auszusprechen dort heute noch als Tabu gemieden wird. Der „American way of life“ wird dort unweigerlich mit steigendem Energie- und insbesondere Erdölverbrauch verbunden. Diesen Trend zu ändern ist bis heute nur zweimal gelungen. Ende der 1970er Jahre und seit 2005 bis heute. Und beide Male hatte es bedeutende wirtschaftliche Verwerfungen zur Folge. Somit lässt sich die eigentliche Aussage dieses Szenarios kurz fassen: Es wird unmöglich sein den mit steigendem Ölverbrauch verbundenen „American way of Life“ bis 2035 zu sichern. Dann wird noch ein in sich widersprüchliches Detail zur Sensationsbotschaft aufgebläht, das aber an sich wenig bedeutend und wenig plausibel ist: Ein Baustein zur Erreichung dieses Ziels der Importunabhängigkeit bei stark schrumpfendem Verbrauch ist auch eine deutliche Ausweitung der Förderung von sog. Tight Oil, also Erdöl in dichtem Gestein. Noch ein Jahr vorher war im WEO 2011 Zittel – Kommentar zum WEO 2012 Seite 6

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die denkbare Ausweitung deutlich geringer ausgefallen und die Tight Oil-Förderung als „is unlikely to affect the dynamics of global oil supply significantly“ bezeichnet worden. Hierbei bleibt der Widerspruch, dass einerseits moderate Preise und andererseits ein ökonomisch stimulierter Boom in die Erschließung von Tight Ölfeldern erwartet werden. Das passt nicht zusammen, wie ja auch die jüngste Historie der Schiefergaserschließung zeigt. Und so zeigt auch ein Vergleich, dass das nicht gehen kann: Im WEO 2008 waren für Nordamerika die notwendigen Investitionen für Ölinfrastruktur für die 23 Jahre von 2007 – 2030 mit 1023 Mrd. $ angenommen (WEO 2008, S. 88). Im WEO 2012 werden sie für den gleich langen Zeitraum von 2012 – 2035 mit 2666 Mrd. $ angegeben, das ist mehr als eine Verdoppelung der notwendigen Kosten. Die USA skizzieren die Rechtfertigung für eine neue geopolitische Landkarte Ebenfalls wesentlich stärker als im vergangenen Bericht wird die Bedeutung des Irak betont. Er muss diesmal für weitere große Förderausweitungen herhalten. In vergangenen WEO’s war noch eine deutliche Ausweitung der Ölförderung in Saudi Arabien bemüht worden. Diesmal bleibt dessen Förderung bis 2035 annähernd konstant. Auch dies ist eine wesentliche Aussage: Die IEA macht entgegen vergangener Berichte keine Hoffnung mehr darauf, dass Saudi Arabien in den kommenden Jahren die Förderung deutlich ausweiten könnte. Auch in Iran, Kuweit, Nigeria, Venezuela wird jetzt die Ausweitung zugunsten des Irak geringer als in früheren Berichten gesehen. Braucht man noch eine späte Rechtfertigung für den Irakkrieg und für die künftige geostrategische Ausrichtung? Seitens der nicht-OPEC Staaten werden jetzt Kanada, Russland, Kasachstan zurückgestuft zugunsten von USA und Brasilien. Aber erinnern wir uns, im WEO 2010 waren der Kaspische Raum, und auf OPEC Seite vor allem Saudi Arabien noch in den Fokus gerückt. Oder sollten wir WEO 2009 als Basis nehmen, oder ein paar Jahre vorher im WEO 2005 waren es die MENA-Regionen (Middle East/North Afrika), die es richten sollten. Von dort wurde für das Jahr 2030 ein Beitrag von 50,5 Mb/Tag erwartet. Im WEO 2012 ist dieser auf 38,4 Mb/Tag zurückgestuft worden. Und im Jahr 2004 wurden nur von den Middle-East OPEC Staaten noch 51,8 Mb/Tag im Jahr 2030 erwartet- im aktuellen WEO 2012 ist diese Erwartung auf 31,4 Mb/Tag zurückgestuft worden. Im Jahr 2000 hatte es noch geheißen: „This Outlook assumes that OPEC production will satisfy the portion of world oil demand not met by non-OPEC output.“ (WEO 2000, S. 82) Das war für das Jahr 2020 ein Beitrag von 61,8 Mb/Tag. Im WEO 2012 wird aus der OPEC inklusive Irak für das Jahr 2020 ein Beitrag von 38,5 Mb/Tag gesehen. Man darf schon gespannt darauf warten, welche Regionen im kommenden Jahr favorisiert werden. Bei all der Euphorie über künftige Ausweitungen wird auch übersehen, dass die Firmen selbst dem nicht folgen können. So zeigt eine Analyse der großen westlichen Ölfirmen ExxonMobil, Shell, BP, Texaco, ENI, Chevron, ConocoPhillips, Repsol/YFP, dass deren Förderung in Summe seit 2004 um 20% zurückgegangen ist. Ausgaben für Exploration und Förderung haben sich seit 2000 um mehr als den Faktor fünf erhöht. Im WEO 2008 waren die kumulierten Ausgaben 2007 – 2030 für Ölinfrastruktur noch mit 6.300 Mrd. $ angegeben worden. (WEO 2008, S. 88). Im WEO 2012 werden sie für die ebenfalls 23 Jahre von 2012-2035 mit 10.200 Mrd. $ deutlich höher angesetzt. Zittel – Kommentar zum WEO 2012 Seite 7

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Somit werden diese Aussagen alle zu Aussendungen mit sehr kurzer „Halbwertszeit“. Die IEA entwertet die Bedeutung des WEO mit solch willkürlichen, überzogenen und offensichtlich politisch motivierten Aussagen zusehends zu einem Pamphlet. Wie sollte man eine Analyse der Versorgungsmöglichkeiten für die nächsten 20 – 25 Jahre noch ernst nehmen, wenn fast im jährlichen Rhythmus die Begründungen und Hoffnungsträger wechseln. Was heute als Lösung hervorgehoben wird, kann morgen schon wieder bedeutungslos sein. Allenfalls mag man den Grad der Übertreibung als Maßstab für die anstehenden Probleme werten. Wenn die potenzielle Importunabhängigkeit der USA in wenigen Jahren in den Fokus gerückt wird, dann muss das Problem der Importabhängigkeit von zunehmend unberechenbaren Importmengen und –preisen schon sehr groß geworden sein. Zu guter Letzt: Klimapolitik Und bei alledem wird fast schon wie immer betont, dass die Welt auf Crashkurs mit klimapolitischen Notwendigkeiten ist, dass sich das Handlungsfenster immer weiter schließe. Aber das nimmt sowieso keiner mehr ernst. Deshalb kann man es ruhig im Bericht betonen. Man müsste sich eigentlich anders verhalten, aber die ökonomischen Signale gehen halt woanders hin. Resumee “This is not the first report or news story touting a new era of U.S. oil abundance, but it is perhaps the most "governmental" endorsement of the notion (IEA is comprised of OECD member countries). “ [Kommentar zum WEO 2012 von ASPO-USA vom 21.11.2012] Eigentlich wäre dieser Bericht eine Groteske, über die man sich amüsieren oder echauffieren und dann wieder zur Tagesordnung übergehen könnte. Doch der Einfluss dieser Veröffentlichungen ist so weitreichend, dass man sich doch damit auseinandersetzen muss. Die Politik wird wieder hoch zufrieden sein mit diesem Papier –wird sie doch in ihrem Kurs bestätigt, dass der Wachstumspfad nicht gefährdet ist. Die Öffentlichkeit wird wieder beruhigt sein, „… dann ist das alles ja nicht so schlimm mit der Ölverknappung.“ Und das ist ja auch der beabsichtigte Zweck dieser Veröffentlichung. Vor allem aber bleibt der erschreckende Gedanke, dass die Welt sich in der wichtigsten Frage der Sicherung ihres Wohlstandes, nämlich der Energieverfügbarkeit, mit solch billigen Analysen und Ratgebungen manipulieren lässt. Wo bleibt die vor Jahren geforderte Datentransparenz? Die IEA hat sich mit diesem Bericht (wieder) voll zum hörigen Nachplapperer politisch motivierten Einflusses degradiert. Zittel – Kommentar zum WEO 2012 Seite 8

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Anhang: Entwicklung des Ölverbrauchs der OECD und non-OECD Staaten Daten : BP Statistical Review 2012 1990 OECD-Ölverbrauch (Mb/Tag) 41,7 2000 48,2 28,5 2005 49,9 34 2007 49,6 36,7 2008 48 37,7 2009 46 38,6 2010 46,5 40,9 2011 45,9 42,1 nOECD-Ölverbrauch (Mb/Tag) 25 Abkürzungen: bbl IEA LNG m³ Mb MBTU Mrd. WEO Billionen Barrel International Energy Agency Liquified Natural Gas (verflüssigtes Erdgas) Kubikmeter Millionen Barrel 1000 British Thermal Units (entspricht ca. 28 m³ Erdgas) Milliarden World Energy Outlook Anmerkungen i Siehe z.B. J. Rubin: Warum unsere Welt immer kleiner wird, Hanser Verlag, München, 2010, oder Sexton Steve, Jun Jie Wu, David Zilberman, How high gas prices triggered the housing crises: Theory and empirical evidence, UC Center for Energy and Environmental Economics, Berkeley, Februar 2012 ii Dieses Zitat prägte Elmar Altvater mit dem gleichlautenden Titel eines Buches zur Wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Neuordnung durch „Peak Oil“ , Westfälisches Dampfboot Verlag, Münster, 2005 iii Die Antwort auf eine kleine Anfrage vom 28. Mai 2008 nach der Ölpreisannahme der Bundesregierung für das Jahr 2020 bestätigt indirekt diesen Zusammenhang, wenn dort steht: „Soweit sich einzelne Elemente des Maßnahmenpakets auf die Energieszenarien für den Energiegipfel im Sommer 2007 bezogen, hatten die Gutachter (PROGNOS/EWI) für 2010 und 2020 reale Ölpreise in Höhe von 53 bzw 49$/b unterstellt.“ Das entspricht den Werten, die ein Jahr vorher im WEO 2006 angegeben wurden. Zittel – Kommentar zum WEO 2012 Seite 9

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