Lorentz, Iny - 3 - Das Vermaechtnis der Wanderhure

 

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Lorentz, Iny - 3 - Das Vermaechtnis der Wanderhure

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iny lorentz das vermächtnis der wanderhure roman knaur

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die folie des schutzumschlags sowie die einschweißfolie sind pe-folien und biologisch abbaubar dieses buch wurde auf chlor und säurefreiem papier gedruckt bitte besuchen sie uns im internet www.knaur.de copyright © 2006 by knaur verlag ein unternehmen der droemerschen verlagsanstalt th knaur nachf gmbh co kg münchen alle rechte vorbehalten das werk darf auch teilweise nur mit genehmigung des verlages wiedergegeben werden redaktion regine weisbrod umschlaggestaltung zero werbeagentur münchen umschlagabbildung superstock münchen »madonna mit kind« 1433 jan van eyck gestaltung und herstellung josef gall geretsried satz ventura publisher im verlag druck und bindung ebner spiegel ulm printed in germany isbn-13 978-3-426-66202-1 isbn-10 3-426-66202-7 4 5 1 ebook-auflage © wranglergirl

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für lianne ingeborg tatjana und isabel

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erster teil die entführung

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i schreie von kriegern und pferden hallten misstönend in maries ohren und über dem schlachtenlärm lag der klang hussitischer feldschlangen die tod und verderben in die dicht gedrängten reihen der deutschen ritter spien sie sah böhmisches fußvolk in blauen kitteln mit kleinen federgeschmückten hüten wie die woge einer sturmflut auf das eisenstarrende kaiserliche heer zurollen zwar schützten sich die angreifer nur durch lederpanzer und kleine rundschilde doch sie schienen zahllos zu sein und über ihren köpfen blitzten hakenspieße und die stacheln der morgensterne nun vernahm sie michels stimme der seine leute zum standhalten aufforderte dennoch löste sich an anderen stellen die formation der deutschen auf und ihre schlachtreihe bröckelte wie ein hart gewordener laib brot den man mit den händen zerreibt um ihn an die schweine zu verfüttern in diesem moment begriff marie dass kaiser sigismund die seinen in eine vernichtende niederlage geführt hatte sie stöhnte auf und zog trudi enger an sich da stürmte einer der fliehenden ritter direkt auf sie zu sein visier stand offen und sie erkannte falko von hettenheim er blieb vor ihr stehen und wies mit dem daumen auf michel der von einer dichten traube böhmischer rebellen umzingelt war »diesmal opfert sich dein mann für den kaiser gleich wird er krepieren und nichts kann dich mehr vor meiner rache schützen!« marie versteifte sich und tastete nach dem dolch den sie in einer falte ihres kleides verborgen hielt mochte die waffe auch im vergleich zu dem schwert des ritters eine nadel sein falko von hettenheim hob die klinge zum schlag hielt aber mitten in der bewegung inne und lachte auf 11

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»ein schneller tod wäre eine zu leichte strafe für dich hure du sollst leben und dabei tausend tode sterben!« er griff mit der gepanzerten rechten nach trudi riss das kind an sich und wandte sich hohnlachend ab mit einem verzweifelten schrei wollte marie ihm folgen um ihre tochter zu retten im gleichen augenblick packte jemand sie an der schulter und schüttelte sie kräftig »wacht auf herrin!« marie schreckte hoch und öffnete die augen da gab es keinen falko von hettenheim mehr auch keine böhmen und keine deutschen ritter sondern nur ein friedliches grünes ufer und einen träge fließenden strom sie selbst befand sich auf einem schlanken von zwei hurtigen braunen getreidelten flussschiff und sah anni und michi vor sich stehen die sie sichtlich besorgt musterten »was ist mit euch frau marie seid ihr krank?« fragte der junge »nein mir geht es gut ich bin wohl kurz eingeschlafen und habe schlecht geträumt.« marie erhob sich brauchte aber die helfende hand ihrer leibmagd um sicher auf den beinen zu stehen »schlechte träume nicht gut.« inzwischen vermochte anni sich zwar fließend auszudrücken aber wenn sie sich aufregte fiel sie in ihr früheres stammeln zurück marie lächelte ihr beruhigend zu und trat an den rand der barke während sie den grünen auwald betrachtete der an dieser stelle bis in den strom hineinwuchs und die pferde zwang durch das wasser zu laufen glitten ihre gedanken wieder zu dem traum zurück sie hatte ihn so intensiv erlebt dass sie den geruch des verschossenen pulvers noch in ihrer nase zu spüren glaubte darüber wunderte sie sich denn michel und sie waren den böhmischen verwicklungen fast unversehrt entkommen und es bestand auch keine gefahr wieder hineingezogen zu werden den verräter falko von hettenheim hatte die strafe des himmels ereilt und ihr ehemann weilte auf kibitzstein dem lehen 12

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das kaiser sigismund ihm verliehen hatte sie aber hatte sich aufgemacht ihre freundin hiltrud auf deren freibauernhof in der nähe von rheinsobern zu besuchen gerne hätte sie den besuch bis ins frühjahr aufgeschoben um auf dem rückweg nicht in kaltes stürmisches herbstwetter zu geraten doch dann hatte sie zu ihrer und michels übergroßen freude festgestellt dass sie schwanger war sie wollte michels patensohn michi jedoch persönlich nach hause bringen denn hiltrud hatte ihren Ältesten seit mehr als zwei jahren nicht gesehen und ohne den jungen hätten michel und sie in böhmen ein grausames ende gefunden marie war hiltrud überaus dankbar dass die freundin ihr bei jener flucht aus der pfalz ihren sohn mitgegeben hatte obwohl diese nicht von ihrem plan überzeugt gewesen war nun würde hiltrud zugeben müssen dass marie damals recht gehabt hatte das war auch anderen klar geworden zuvorderst pfalzgraf ludwig der sie nach dem angeblichen tod ihres mannes neu hatte vermählen wollen doch als falko von hettenheim behauptet hatte michel sei von hussiten umgebracht worden war sie überzeugt gewesen dass er log sie wusste dass der ritter ihrem mann den aufstieg neidete und hatte deswegen sofort vermutet er habe michel verletzt in den böhmischen wäldern zurückgelassen damit dieser einen qualvollen tod in hussitischer gefangenschaft erleide dieser ahnung war sie nach osten gefolgt und sie hatte tatsächlich recht behalten michel hatte dank der hilfe friedlicher tschechen überlebt und gemeinsam war es ihnen schließlich sogar gelungen dem kaiser eine botschaft von treu gebliebenen böhmischen adeligen zu überbringen »du bist heute aber sehr in gedanken.« anni blickte marie verwundert an denn ihre herrin und freundin war normalerweise gelassen und aufmerksam ihr sinnieren musste wohl mit ihrer schwangerschaft zusammenhängen sie wusste dass frau marie und 13

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ihr mann sich diesmal einen sohn erhofften dem michel das lehen würde vererben können mit trudi gab es schon eine tochter aber die würde später einen ritter heiraten und herrin auf dessen burg werden der kaiser hatte zwar erlaubt dass sie das lehen erben konnte doch selbst dann würde es keine weiteren adler auf kibitzstein geben sondern den sippennamen eines anderen geschlechts »da hat eben ein langohr das andere esel genannt« spöttelte marie über anni die jetzt ebenfalls gedankenverloren vor sich hin starrte und bat sie ihr ein wenig mit wasser vermischten wein zu bringen während ihre magd den becher suchte der von der als tisch dienenden frachtkiste gefallen und über das deck gerollt war versuchte marie die düstere vorahnung abzuschütteln die tatsache dass sie ausgerechnet von dem ehrlosen mörder und verräter falko von hettenheim geträumt hatte erschien ihr als schlechtes omen um die bilder des traums wegzuschieben richtete sie ihre gedanken auf die ankunft in rheinsobern sie fieberte dem wiedersehen mit ihrer alten freundin entgegen von der sie von ihrem siebzehnten lebensjahr an bis zu dem böhmischen abenteuer nie lange getrennt gewesen war damals vor mehr als anderthalb jahrzehnten hatte hiltrud ihr das leben gerettet und sie waren gemeinsam als ausgestoßene als wandernde huren von markt zu markt gezogen und hatten ihre körper so oft wie möglich verkaufen müssen um überleben zu können als sich ihr geschick nach fünf jahren gewendet hatte war aus hiltrud eine geachtete freibäuerin und aus ihr die ehefrau eines burghauptmanns geworden den der kaiser nach einer verlustreichen schlacht zum freien reichsritter ernannt hatte in augenblicken wie diesem erschien marie ihr und michels aufstieg zu steil und ihr schwindelte allein bei dem gedanken an ihren neuen stand und die pflichten und rechte die dieser mit sich brachte 14

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mit einem mal fragte sie sich was ihr vater wohl zu alledem gesagt hätte als sie siebzehn gewesen war hatte er es als das größte glück angesehen sie mit dem illegitimen vermögenslosen sohn eines reichsgrafen verheiraten zu können doch der war ein ebenso gewissenloser schurke gewesen wie falko von hettenheim und hatte mit seinen intrigen dafür gesorgt dass sie nicht in ein geschmücktes brautbett gelegt sondern der hurerei beschuldigt und verhaftet worden war schwer verletzt wurde sie aus der stadt vertrieben während ihr verlobter ihren vater um sein vermögen brachte sie hatte überlebt weil sie fest davon überzeugt gewesen war sich irgendwann an ihrem verderber rächen zu können das war ihr auch gelungen indem sie sich den wütenden protest der zum konzil nach konstanz gereisten huren über die zustände in der stadt zunutze gemacht und kaiser sigismund selbst dazu gezwungen hatte sie zu rehabilitieren da jedoch niemand wusste was man mit einer wieder zur jungfrau erklärten hure anfangen sollte hatte man sie kurzerhand mit ihrem jugendfreund michel verheiratet und gegen ihre erwartungen war sie mit ihm sehr sehr glücklich geworden »ich weiß nicht wer das größere langohr von uns beiden ist marie du denkst zu viel nach das ist nicht gut für das kleine das du in dir trägst.« nach ihren gemeinsamen erlebnissen in böhmen als sklavinnen der hussiten konnte anni sich nicht daran gewöhnen ihre freundin mit jener ehrerbietung anzureden die einer burgherrin und gemahlin eines ritters zukam und marie verlangte es auch nicht von ihr nun lachte sie leise auf »du tust ja gerade so als hättest du bereits ein dutzend kinder geboren!« anni war knapp fünfzehn und immer noch ein recht schmales ding dennoch hatte sie schon erfahrungen mit dem anderen geschlecht gesammelt wenn auch recht unfreiwillige 15

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