Mitgliederzeitschrift (97)

 

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Heft 97 / 2018 Gegen Vergessen FÜR DEMOKRATIE FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Schwerpunktthema: Prävention von religiös begründetem Extremismus unter Muslimen weitere Themen: ■ Malyj Trostenez ■ Unterschiedliche DDR-Erfahrungen Informationen zur politischen Bildungsarbeit

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Editorial Liebe Freundinnen und Freunde von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.! Ein heißer Sommer liegt hinter uns, in dessen Diskussionen es nicht nur um Fragen der Klimaentwicklung, sondern auch um politische Gegenwartsfragen ging, die unser gesellschaftliches Zusammenleben betreffen. Zu fragen ist nach dem Charakter, den Zielen und dem Ertrag derartiger Diskussionen. Die Diskussion über die Krise der Demokratie, über das Vordringen illiberaler, populistischer und autokratischer Tendenzen in Europa und in der Welt ist nötig. Die Frage nach Parallelen zur Zwischenweltkriegszeit in Europa, insbesondere auch zur deutschen Gesellschaft, ist dabei keineswegs unsinnig. Ganz abwegig ist es jedoch, bereits von einem generellen Scheitern der liberalen und sozialen Demokratie auszugehen. Es geht darum, die Demokraten an ihre Verantwortung zu erinnern, doch nicht eine Stimmung zu erzeugen, die gleichsam auf self-fulfilling prophecies hinausläuft. Wir haben die wehrhafte Demokratie zu stärken. Sie war das Ziel des Verfassungskonvents von Herrenchiemsee, der vor 70 Jahren zusammentrat und einen Grundgesetzentwurf erarbeitete, der die Vorlage für die Beratungen des Parlamentarischen Rates lieferte, dessen Werk die Grundlage unseres Gemeinwesens ist und heute vielfach als Glücksfall bezeichnet wird. Vor dem Hintergrund der Geschichte bedenklich ist die ebenfalls in diesem Sommer erkennbare Ethnisierung vielfältiger Konflikte, die realiter multikausale Ursachen haben. Als Beispiel dafür mag man den Fall Özil sehen, bei dem es wesentlich um die Frage demokratischer Orientierung von Nationalspielern ging. Der Konflikt wurde aber rasch auf den Gegensatz von Deutschen und Türken zurückgeführt. Unübersehbar spielen rassistische Argumentationsmuster eine wachsende Bedeutung in unserer Gesellschaft, mit denen wir – wo auch immer sie auftauchen – uns nicht abfinden dürfen. Vielleicht noch bedenklicher ist das Anwachsen antisemitischer Straftaten in Deutschland. Dabei ist nicht nur die antijüdische und antiisraelische Haltung von Zuwanderern aus der arabischen Welt zu betrachten, sondern auch die Haltung der Mehrheitsgesellschaft. Wie das Beispiel Ruhrtriennale zeigt, gibt es selbst im Kulturbetrieb verwirrende Haltungen und Diskussionen. Für Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. bleibt dies ein wichtiges Thema. Schließlich zeichnet sich ab, dass die deutsche Erinnerungskultur zunehmend vom Rechtspopulismus infrage gestellt wird, worauf unser Verein durch Forcierung der Erinnerungsarbeit, doch auch durch politische Aufklärungsarbeit wird reagieren müssen. Schwerpunkt dieses Heftes ist die Islamismusprävention, das heißt die Bekämpfung von religiös motiviertem Radikalismus. Dabei stellt sich die Frage nach geeigneten Mitteln, auch nach der Übertragbarkeit von Konzepten aus anderen Bereichen der Extremismusbekämpfung. Selbstverständlich wissen die Autoren um die Schwierigkeit dieses Themenfeldes, in dem Ideen und Überlegungen der Arbeit eines Präventionsnetzwerkes ihren Niederschlag gefunden haben. Selbstverständlich konfrontiert uns die heutige Konstellation auch mit neuartigen Herausforderungen, für die auf der Basis historischer Erfahrungen und differenzierter Gegenwartsanalyse Lösungen gefunden werden müssen. Weder auf das eine noch auf das andere kann verzichtet werden. Mit guten Wünschen für unsere Arbeit und besten Grüßen Ihr / Euer Zum Titel dieser Ausgabe 97 / 2018 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Friedensmarsch für EINE Gesellschaft, der am 23. Juni 2017 in Berlin stattfand, der von Musliminnen und Muslimen für und mit der Gesamtgesellschaft organisiert wurde. Die Initiatorinnen und Initiatoren riefen dazu auf sich mit diesem Marsch für den Zusammenhalt der Gesellschaft einzusetzen und sich mit allen Menschen, die in Deutschland und außerhalb Opfer von jeglicher Form von Diskriminierung, Hass, Gewalt und Terror geworden sind, zu solidarisieren. Sie lehnen dabei ausdrücklich jegliche Art von Radikalität und Missbrauch ihrer religiösen und freiheitlich-demokratischen Werte ab. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter friedensmarsch.berlin (Foto: Lutz Jäkel, Berlin) Die Mitgliederversammlung 2018 findet am 17. November in Kiel statt. Tagungsort wird das Landeshaus Kiel sein, in dem der Schleswig-Holsteinische Landtag seinen Sitz hat. IMPRESSUM Herausgegeben von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., Stauffenbergstraße 13-14, 10785 Berlin Telefon (0 30) 26 39 78-3, Telefax (0 30) 26 39 78-40, info@gegen-vergessen.de, www.gegen-vergessen.de Bankkonto: Sparkasse KölnBonn, Konto-Nr. 85 51 707, BLZ 370 501 98 Titel: Lutz Jäkel, Berlin (www.lutz-jaekel.com) Redaktion: Theresa Ostertag, Beke Detlefsen, Dr. Dennis Riffel, Julia Wolrab, Dr. Michael Parak (V.i.S.d.P.) Gestaltung: Atanassow-Grafikdesign, Dresden Druck: B&W MEDIA-SERVICE Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH Die Herausgabe dieser Zeitschrift wurde gefördert durch das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Der Bezugspreis ist im Mitgliedsbeitrag enthalten. Namentlich gezeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. ISSN 2364-0251 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018

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Inhalt Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe SCHWERPUNKTThema Beraten und unterstützen Von Salafisten und grenzenlosen Versprechen Wie man sich lokal gegen religiös begründeten Extremismus engagieren kann „Lasst uns froh und munter sein“ 4 6 9 11 Weitere Themen Eine Reise nach Malyj Trostenez, Belarus Geschichte des Vernichtungsorts Malyj Trostenez Unterschiedliche DDR-Erfahrungen in der politischen Bildung aufgreifen „Kleine Jüdin“ – Entdeckte Spuren zum Novemberpogrom vor 80 Jahren Analyse und Meinung Radikaler Perspektivwechsel: Zehn Thesen zu Islamismus und Prävention in Deutschland Fragen zum Projekt eines Exil-Museums in Berlin Aus unserer Arbeit Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft: Hinweise zu Bildungsangeboten Gegen das Vergessen der Opfer von NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisierung RAG Rhein-Main: Ausstellung über NS-„Euthanasie“ in Frankfurt am Main RAG Hamburg: RAG Hamburg auf Spurensuche in Schwerin RAG Münsterland: Geschichtsakademie für neue Mitglieder aus der RAG Münsterland im schlesischen Kreisau „Neugier auf andere Perspektiven wecken“ Eine Tour per „Leeze“ und das Leitwort von „Gespaltenen Gesellschaften“ RAG Ostwürttemberg stellt sich vor Namen und Nachrichten Nachruf auf Ludwig Baumann: Ein außergewöhnlicher Mensch „Einer muss ja doch mal schließlich damit anfangen“ ... und viele müssen weitermachen! 14 16 18 21 24 27 28 30 32 34 35 38 39 40 Rezensionen Ernst-Jürgen Walberg bespricht – eine Sammelrezension: Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Ein Leben in Briefen. Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt. Die Tagesordnung. Felix und Felka. Mehr als nur ein Name – die Geschichte von Willy Blum 42 46 Impressum 2 Vorstand und Beirat 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018 3

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Schwerpunktthema Abbildung: Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Martin Ziegenhagen Beraten und unterstützen Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. und das Präventionsnetzwerk gegen religiös begründeten Extremismus. In der Satzung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. steht, dass einer der Zwecke des Vereins in der „Auseinandersetzung mit Feindbildern, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und anderen Formen des politischen Extremismus“ und weiterhin in der „Förderung demokratischer Gesinnung“ besteht. Obwohl zu Zeiten der Gründung des Vereins das Augenmerk eindeutig auf die Bekämpfung von Gefahren aus dem politisch rechtsextremen Lager gerichtet war, hat sich der Verein in den Folgejahren eine beträchtliche Expertise in Bezug auf die Auseinandersetzung mit demokratiefeindlichen Bestrebungen jeglicher Art angeeignet. So beschäftigte sich unter anderem ein Modellprojekt mit gesellschaftlich relevanten Themen, die typischerweise von linken oder linksradikalen Milieus aufgegriffen und in den Diskurs gebracht werden. Auch die Themen Islam- und Muslimfeindlichkeit sowie der Phänomenbereich des religiös begründeten Extremismus unter Muslimen fanden Beachtung, wenngleich hier Arbeitsfelder von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in der Prävention von religiös begründetem Extremismus: • Artikel für Zeitschrift und Homepage • Fortbildungsangebote für die RAGs Angebote für Mitglieder und Interessierte von GVFD Angebote für Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft • Beiträge zu Fachdebatten • Austausch mit ExpertInnen und zivilgesellschaftlichen PartnerInnen • Konzeptionelle Beratung und Projektentwicklung • Methodentransfer • Mittelaquise Unterstützung muslimischer Organisationen Arbeit im Präventions- netzwerk • Vernetzung der Mitgliedverbände • Fachlicher Austausch • Öffentlichkeitsarbeit 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018

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Foto: Türkische Gemeinde Deutschland Schwerpunktthema Eindrücke von der Fachtagung „Extremismusprävention & was sie für Muslime bedeutet“ vom 23.10.2017 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. noch kein größeres Projekt durchgeführt wurde. Dies änderte sich mit einer Anfrage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, des Bundesministeriums des Innern und der Türkischen Gemeinde Deutschland (TGD) Ende 2014. Es ging darum, einen stabilen Kreis von einflussreichen und wirkmächtigen muslimischen Akteuren und Institutionen aufzubauen sowie zu qualifizieren. Ziel war es, ein Netzwerk zu etablieren, das sich mittel- bis langfristig aus eigener Kraft gemeinsam gegen religiös begründeten Extremismus engagiert. Der Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. wurde angefragt, ob er diese Idee unterstützen und aktiv an der Umsetzung mitwirken könne. Ein vergleichbares Netzwerk hatte es in Deutschland bisher nicht gegeben. Die Zeit schien aber nach Ansicht der Initiatoren reif dafür. Zum einen, weil die diversen muslimischen Gruppierungen, Gemeinden und Verbände zunehmend die Notwendigkeit erkannten, sich als ein Teil der demokratischen Gesellschaft in Deutschland zu positionieren und eigene Präventionsangebote in diesem Themenfeld zu machen. Zum anderen stieg aufseiten potenzieller Mittelgeber mehr und mehr die Bereitschaft, derartige Angebote zu fördern. Beides war nicht zuletzt auch Ergebnis zahlreicher Diskussionen in der regelmäßig tagenden Deutschen Islamkonferenz. Vor allem war es ein Zeichen für daraus resultierendes, vorsichtig fortschreitendes gegenseitiges Vertrauen. Gleichwohl gab es auf beiden Seiten auch gewichtige Ressentiments. Man befand sich an einem Punkt, an dem es galt, sich einen Ruck zu geben und den nächsten logischen Schritt zu tun. Nämlich der vorangeschrittenen Annäherung Taten folgen zu lassen, allen Vorbehalten zum Trotz. Die Türkische Gemeinde Deutschland, ein säkularer Verband, der aber trotzdem Mitglied der Islamkonferenz ist, ergriff die Initiative und unterbreitete beiden Ministerien den Plan, ein Präventionsnetzwerk zu schaffen. Das Netzwerk sollte beteiligte muslimische Verbände binnen eines Zeitraums von fünf Jahren in die Lage versetzen, eigene Kompetenzen und Strukturen zur Bekämpfung und vor allem zur Prävention demokratiefeindlicher Phänomene zu erlangen. Der Plan sah vor, dass die Verbände von der Türkischen Gemeinde Deutschland unterstützt würden. Auch die benötigten Mittel sollten für den besagten Zeitraum bis zur Etablierung entsprechender Strukturen über sie weitergeleitet werden. Ebenfalls war es integraler Bestandteil des Plans, inhaltliche und organisatorische Unterstützung zu erhalten und eine weitere bundesweit anerkannte zivilgesellschaftliche Organisation am Projekt zu beteiligen. Beide Ministerien und die TGD waren sich einig, dass Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. die Erfahrung und die für den Erfolg des Projekts erforderlichen kommunikativen und fachlichen Kompetenzen mitbringe. Nach nunmehr dreieinhalb Jahren Projektlaufzeit kann man mit Fug und Recht sagen, dass der Plan aufgegangen ist: Die beteiligten muslimischen Dachverbände haben ein großes Interesse daran, dass wirksam gegen Radikalisierung und Menschenfeindlichkeit vorgegangen wird. Sie bringen ihre thematische Expertise und spezifischen Zielgruppenzugänge in den Prozess der Bewältigung dieser Phänomene ein. Dies ist ein enormes Potenzial, um die Präventionsarbeit in Deutschland noch effektiver zu gestalten. Das Projektziel der Etablierung von Präventions- beziehungsweise Bildungs- und Beratungsstrukturen bei den beteiligten Organisationen ist erreicht. Darüber hinaus ist es gelungen, die besonderen Perspektiven und Erfahrungen islamischer Verbände in die Fachdebatten zum Thema Extremismusprävention einzubringen und das Engagement der Verbände in diesem Bereich öffentlich sichtbar zu machen. ■ Martin Ziegenhagen ist Leiter des Fachbereichs Extremismusprävention bei Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018 5

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Schwerpunktthema ■ Das Präventionsnetzwerk gegen religiös begründeten Extremismus von Ramzi Ghandour Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. nutzt die Erfahrungen aus der Onlineberatung gegen Rechtsextremismus und der Jugendbildungsarbeit, um die Prävention von religiös begründetem Extremismus in Deutschland zu befördern. Dazu koordiniert der Verein gemeinsam mit der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V. seit dem Frühjahr 2015 ein bundesweit agierendes Präventionsnetzwerk gegen religiös begründeten Extremismus. Das Präventionsnetzwerk ist eine Initiative von zivilgesellschaftlichen – religiösen wie nichtreligiösen – Organisationen, die sich gemeinsam gegen religiös begründeten Extremismus und Islamfeindlichkeit engagieren. Ein vergleichbares Netzwerk gab es in Deutschland bisher nicht. Dem Netzwerk gehören derzeit außerdem folgende in der Deutschen Islamkonferenz vertretene muslimische Verbände an: Ahmadiyya Muslim Jama’at KdöR, Bündnis marokkanischer Gemeinde – Landesverband NRW, Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands e.V. und Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. Im Rahmen dieses Projekts entwickelten die teilnehmenden Organisationen eigene Präventionsprojekte und setzten diese innerhalb ihrer Verbandsstrukturen um. Außerdem fördert das Netzwerk den Austausch im Bereich der Präventionsarbeit. So versuchen die Organisationen, die Effektivität der Arbeit dadurch zu erhöhen, dass gezielt Möglichkeiten geschaffen werden, um entstehende Synergien zu nutzen und Kooperationen einzugehen. Diese Kooperationen können einerseits auf interverbandlicher Ebene oder mit etablierten Trägern aus der Präventions- und Beratungsarbeit bestehen. Dies soll einerseits ermöglichen, Qualitätsstandards zur Überprüfung der Arbeitsergebnisse zu definieren. Andererseits sollen dadurch praktische Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Projektarbeit auch anderen Trägern zur Verfügung gestellt werden können. Dies soll langfristig dazu beitragen, die Prävention gegen religiös begründeten Extremismus insgesamt erfolgreicher zu machen. Das Interesse von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. an diesem Projekt erklärt sich durch die langjährige Erfahrung in anderen Feldern der Präventionsarbeit sowie durch die politischen und zivilgesellschaftlichen Zugänge des Vereins und vor allem durch den Wunsch nach einer sicheren, fairen und inklusiven Gesellschaft. Weitere Informationen finden Sie unter: http://praeventionsnetzwerk.org/praeventionsnetzwerk/ Amir Alexander Fahim Von Salafisten und grenzenlosen Versprechen Gedanken zur Prävention von religiös begründetem Extremismus unter Muslimen in Deutschland. Ohne Zweifel ist das Phänomen des religiös begründeten Extremismus unter Muslimen eine sehr reale und äußerst komplexe Herausforderung für die gesamte Gesellschaft in Deutschland. Daher ist es unstrittig, dass auch Präventionsarbeit im Allgemeinen eine wichtige Säule im gemeinschaftlichen Engagement für eine demokratische und friedliche Gesellschaft ist. Dennoch lohnt sich ein Blick auf ungewollte Konsequenzen, die mit einer undifferenzierten Ausweitung der Präventionslogik und den momentan schier grenzenlosen Fördermitteln in diesem Bereich einhergehen können. Im Folgenden soll es weder um eine fundamentale Kritik an dem Konzept von Präventionsarbeit noch um feingliedrige Kritik an gängigen Methoden oder Ansätzen von spezifischen Präventionsprojekten gehen. Vielmehr soll der Versuch unternommen werden, auf einige aus meiner Sicht problematische Spannungsfelder hinzuweisen, die dazu führen können, nicht nur die Präventionsarbeit an sich, sondern auch andere zivilgesellschaftliche Arbeitsfelder wie die politische Bildungs-, Jugend-, Empowerment- oder Antidiskriminierungsarbeit nachhaltig negativ zu beeinflussen. Als Beispiel widme ich mich den Spannungen, die bei der Kooperation zwischen Sicherheitsbehörden und zivilgesellschaftlichen Beratungseinrichtungen im Themen- feld vermehrt zu beobachten sind. Zivilgesellschaft als Erfüllungsgehilfe der Sicherheitsbehörden? Immer häufiger werden Kooperationen zwischen Zivilgesellschaft und Staat (meist sind damit Sicherheitsbehörden gemeint) gefordert. In der Praxis erweisen sich derartige Kooperationen jedoch oft als äu- 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018

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Foto: iStock.com / lubilub Schwerpunktthema ßerst spannungsgeladen, was in großem Maße mit den unterschiedlichen Verständnissen von Präventionsarbeit dieser Ebenen zusammenhängt. Vereinfacht ausgedrückt geht es Sicherheitsbehörden in ihrer Präventionsarbeit vornehmlich darum, politisch motivierte Kriminalität (von Volksverhetzung bis hin zu Terroranschlägen) zu verhindern. Auf der anderen Seite engagieren sich zivilgesellschaftliche Akteure in Aufgabenbereichen, in denen rein sicherheitspolitische Ziele traditionell überhaupt nicht vorgesehen sind. Dazu zählen die Vermittlung von Kompetenzen, die dazu befähigen, an unserem demokratischen System zu partizipieren und sich als Individuum frei zu entfalten, oder die spezifische Unterstützung bei individuellen Lebenskrisen und -(um)brüchen. Besonders anschaulich zeigt sich der Konflikt, der sich aus unterschiedlichen Verständnissen von Präventionsarbeit ergibt, in der Kooperation zwischen Zivilgesellschaft und Sicherheitsbehörden in der Betroffenenberatung im Themenbereich des religiös begründeten Extremismus. Wie bei anderen etablierten zivilgesellschaftlichen Beratungsangeboten unterstützt auch die Extremismusberatung (zumindest wenn sie sich dem systemischen Beratungsansatz verschrieben hat) Ratsuchende darin, eigene Wege zu finden, mit den geschilderten Konflikten und Problemen umzugehen. Dass diese Beratung in höchstem Maße auf Vertrauen zwischen Beratungseinrichtung und Ratsuchenden angewiesen ist, versteht sich von selbst. Durch die Beratungen können Freunde oder Angehörige von radikalisierten Personen individuelle Umgangsformen entwickeln und damit versuchen, in Radikalisierungsprozessen deeskalierend zu wirken. Direkt Betroffene, die sich etwa aus der Szene lösen wollen, können im Rahmen der Beratung strategisch auf ihrem Weg begleitet und unterstützt werden. Hierbei ist es wichtig festzuhalten, dass der Erfolg dieser Form von Beratung primär in der subjektiv vergrößerten Handlungssicherheit für die Ratsuchenden liegt und nicht in sicherheitsrelevanten Kategorien wie dem Schutz von Bevölkerung oder staatlichen Einrichtungen. In diesem Sinne sind unterschiedliche Verständnisse und Ziele von Präventionsarbeit nicht nur absolut legitim, sondern Zivilgesellschaftliche Präventionsarbeit am Scheideweg: Lieferdienste für Sicherheitsbehörden oder vertrauliche Hilfe für Betroffene? auch als komplementär zu verstehen – orientieren sie sich doch im Idealfall an den Aufgaben und Selbstverständnissen der jeweiligen Träger. Bedauerlicherweise scheint der sicherheitsbehördliche Fokus jedoch zunehmend zu dominieren und den systemischen, lösungsorientierten Ansatz zivilgesellschaftlicher Beratungsangebote negativ zu beeinflussen. Immer häufiger scheinen zivilgesellschaftliche Beratungsangebote lediglich als „Lieferdienste“ sicherheitsrelevanter Informationen für die Sicherheitsbehörden angesehen zu werden. Durch die vermehrte selektive Vergabe von Fördermitteln ausschließlich an diejenigen Träger, die zu Kooperationen nach Vorgaben der Sicherheitsbehörden bereit sind, besteht die Gefahr, dass die inhaltliche Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit von zivilgesellschaftlicher Prä- ventionsarbeit zugunsten staatlicher Einflussnahme aufgegeben wird. Dies wäre eine fatale Entwicklung, da sich Ratsuchende in diesem heiklen Bereich zukünftig wohl zweimal überlegen würden, ob sie der entsprechenden Beratungseinrichtung Vertrauen schenken. Ausblick (oder: die Suche nach zivilgesellschaftlicher Positionierung) Die obigen Ausführungen haben es bereits dargestellt: Das Arbeitsfeld der Prävention von religiös begründetem Extremismus ist von einer hohen Dynamik, einer Vielzahl an Akteuren und Trägern, öffentlichen Erwartungen und (sicherheits-) politischen Forderungen geprägt. Umso wichtiger ist es, den Prozess der Abgrenzung und Erarbeitung von Positionierungen im Bereich der Präventionsarbeit weiter zu verfolgen. Hierbei sollten ins- » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018 7

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Schwerpunktthema » besondere die Grenzen zivilgesellschaft- licher Präventionsarbeit nicht verschwiegen werden. Man kann nicht oft genug betonen, dass deren Akteure eben keine Sicherheitsbehörden sind und auch nicht werden sollen. Als zivilgesellschaftlicher Akteur sollte man sich nicht unkritisch auf eine Präventionslogik einlassen, die ein schier grenzenloses Sicherheitsversprechen beinhaltet, das sich vielfach kaum mit dem eigenen Selbstverständnis in Einklang bringen lässt. Zivilgesellschaftliche PädagogInnen, MultiplikatorInnen und BeraterInnen nehmen sehr wichtige und komplementäre Aufgaben wahr, die der Staat nicht ausfüllen kann – Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung oder Gefährdungseinstufungen von Mitmen- schen gehören aus guten Gründen nicht dazu, da sie in den genuinen Bereich der Sicherheitsbehörden fallen. Eine klare Positionierung und Aufgabenbeschreibung als Zivilgesellschaft würde zudem der durchaus existenten undifferenzierten Forderung nach einer vollständigen „Verstaatlichung von Präventionsarbeit“ den Wind aus den Segeln nehmen. Für die Zivilgesellschaft heißt dies, vor allem bei der Annahme von Fördermitteln sowie bei Kooperationen mit Sicherheitsbehörden auf die methodische und inhaltliche Eigenständigkeit zu pochen. Präventionsarbeit darf niemals zum politischen Aktionismus oder zum reinen Selbst- Amir Alexander Fahim ist Leiter des Projektes Präventionsnetzwerk gegen religiös begründeten Extremismus, das von der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V. in Kooperation mit Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. durchgeführt wird. Vor dieser Tätigkeit war er unter anderem als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin beschäftigt. Als Doktorand untersucht er die Wirkungen von Sicherheitsdiskursen auf junge, in Deutschland sozialisierte Muslime. zweck verkommen. Ebenso wenig dürfen andere zivilgesellschaftliche Aufgabenfelder wie pädagogische Arbeit, politische Bildungs-, Jugendsozial- und Empowermentarbeit, Beratungsleistungen, Antidiskriminierungsarbeit oder Jugendhilfe mit einem Sicherheitsversprechen verknüpft werden, das von Zivilgesellschaft schlichtweg nicht gehalten werden kann. Der Ruf nach mehr Prävention sollte von Überlegungen begleitet werden, welche negativen Folgen damit verbunden sein können. Außerdem muss er mit einer Förderung der Regelstrukturen in der Jugendsozialarbeit und der politischen Bildungsarbeit einhergehen. Denn eines sollte klar sein: Unsere Jugend hat ein Recht auf diese Regelstrukturen – und zwar als demokratischen Selbstzweck und nicht aus Angst davor, dass sie ansonsten als Kämpfer beim IS landen. ■ ■ Neues Modellprojekt der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V. –  Online-Beratung gegen religiös begründeten Extremismus Trotz eines hohen Beratungsangebots im Bereich des religiös begründeten Extremismus, das sich in der Bundesrepublik etabliert hat, muss festgestellt werden, dass noch immer entscheidende Zielgruppen innerhalb migrantischer Communities nicht erreicht und vielversprechende Formate nicht bedient werden. Erfahrungen aus der Rechtsextremismus-Prävention zeigen, dass Online-Beratungsformate niedrigschwellige, akzeptierte und komplementäre Angebote zur herkömmlichen Beratungslandschaft darstellen. So ist aus den Erfahrungen und der Idee der Online-Beratung gegen Rechtsextremismus heraus das Vorhaben für eine Online-Beratung im Bereich des religiös begründeten Extremismus entstanden. Als niedrigschwelliges Beratungsangebot zielt die Online-Beratung darauf ab, als entscheidende Zielgruppe türkeistämmige, aber auch arabisch- und deutschstämmige Eltern und Erziehungsberechtigte zu erreichen, die sich von bestehenden Angeboten nicht angesprochen fühlen. Das Projekt soll demnach einen Beitrag zur Schließung dieser Lücke leisten. Dabei wird gerade das Potenzial dieser Personengruppe zur Erkennung und Intervention bei Radikalisierungsprozessen junger Menschen in den Fokus gerückt. Die Online-Beratung wird kostenfrei, anonym und vertraulich sein. Zudem soll sie die spezifischen religiösen, kulturellen und sprachlichen Bedürfnisse und Befindlichkeiten dieser Zielgruppe berücksichtigen. Das Angebot der Online-Beratung verfolgt den systemischen Ansatz und umfasst eine E-Mail- und Chatberatung. Ein nach Diversity-Kriterien zusammengesetztes Team aus SozialpädagogInnen, systemischen BeraterInnen, PolitologInnen und IslamwissenschaftlerInnen soll den spezifischen Bedürfnissen der Ratsuchenden gerecht werden. Die Online-Beratung gegen religiös begründeten Extremismus ist ein von der EU-Kommission sowie über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördertes Präventionsprojekt. Die Projektlaufzeit hat zum 1. Oktober 2017 begonnen und endet im Dezember 2019. Gefördert vom im Rahmen des Bundesprogramms Dieses Projekt wird aus Mitteln des Fonds für die Innere Sicherhiet der Europäischen Union kofinanziert 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018

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Foto: Türkische Gemeinde in Deutschland Schwerpunktthema Wie man sich lokal gegen religiös begründeten Extremismus engagieren kann Ein Interview mit Omar Kuntich. Omar Kuntich Herr Kuntich, Sie sind Generalsekretär des Bündnisses Marokkanische Gemeinde – Landesverband Nordrhein-Westfalen. Wen vertritt Ihre Organisation? Unsere Organisation ist eine regionale Neugründung aus dem Zentralrat der Marokkaner in Deutschland. Wir vertreten die marokkanischen Moscheegemeinden in Nordrhein-Westfalen. Zurzeit sind in unserem Landesverband ungefähr 43 Gemeinden organisiert. Das sind vor allem Moscheen, die religiöse Dienste anbieten. Außerdem zählen noch weitere 15 kulturelle und soziale Vereine zu unserem Bündnis, die sich in NRW für die Belange von Menschen mit marokkanischen Wurzeln einsetzen. Mit welchem Ziel haben Sie sich zusammengeschlossen? Wir wollen den Marokkanerinnen und Marokkanern islamischen Glaubens in unserem Land eine Stimme geben und ihre kulturellen und religiösen Interessen vertreten. Dabei sollte man nicht vergessen, dass es marokkanische Gemeinschaften hierzulande nicht erst seit gestern gibt. Vielmehr sind wir seit den Zeiten der Ar- beitsmigration ein Teil dieses Landes, was sich auch daran erkennen lässt, dass bis heute die meisten marokkanisch-stämmigen Menschen in den ehemaligen Industriezentren Nordrhein-Westfalens leben. So gibt es dort mittlerweile weit über 100 – ich glaube 160 oder 170 – marokkanisch geprägte Moscheegemeinden. Unser Ziel war es deshalb, uns verbandlich zu organisieren, um uns noch mehr gesellschaftlich engagieren zu können und langfristig auch die Anerkennung zu einer Religionsgemeinschaft in Nordrhein-Westfalen anzustreben. Sie engagieren sich in unterschiedlichsten Zusammenhängen. Von der Flüchtlingsarbeit bis zum interreligiösen Dialog: Wieso ist Ihnen gerade das Thema religiös begründeter Extremismus wichtig? Das Thema ist uns sehr wichtig, weil wir gesehen haben, dass es bei manchen Jugendlichen Entwicklungen gibt, deren ein Imam oder auch die Gemeinde allein nicht Herr werden kann. Wir brauchen da Sondermaßnahmen und auch eine Professionalisierung, eine bessere Struktur, um diesem Phänomen entgegenwirken zu können. Verstehen Sie mich nicht falsch: Unsere Imame und Gemeinden versuchen schon seit Jahren etwas gegen Extremismus zu tun, doch hat sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahren so viel getan, dass sie mittlerweile einfach etwas überfordert sind und selbst nach professioneller Unterstützung fragen. Dies betrifft gerade auch den medialen Bereich. Durch das Internet und Facebook haben Jugendliche heute ganz andere Zugänge, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Aber leider sind es oft die falschen Antworten. Wir sehen dort ein Problem und möchten es lösen. Dies geht aber nicht nur mit Ehrenamtlichen. Man braucht Fachkräfte, die unsere Strategie in der Fläche und vor Ort umsetzen. Unser Projekt MANAR – aus Tradition tolerant ist ein gutes Beispiel dafür, dass dies tatsächlich möglich ist. Wie würden Sie die Ziele dieses Projekts beschreiben? Das Projekt MANAR – aus Tradition tolerant basiert auf zwei Säulen. Die eine Säule besteht im Aufbau einer sogenannten Kontaktgruppe. Das sind zehn Jugendliche aus fünf Gemeinden – darunter übrigens auch mehrere junge Frauen –, mit denen wir versuchen, vor Ort in ihren Gemeinden Strukturen der Präventionsarbeit aufzubauen. Diese sollen sich dann außerdem mit den Kommunen vernetzen und nach Möglichkeit lokale Aktionsbündnisse und Präventionsnetzwerke aufbauen. Im Moment beteiligen sich an unserem Projekt Moscheegemeinden aus Neuss, Düsseldorf, Köln und Münster. Die Gemeinden sollen auf diese Weise zu Ansprechpartnern für die Kommunen und die lokale Bürgergesellschaft werden, um gemeinsam etwas gegen Radikalisierung tun zu können. Übrigens hat diese Arbeit rein gar nichts mit religiöser Unterweisung zu tun. Wir folgen da den Kirchen mit ihrem Konzept der Funktionalen Trennung von religiösen und gesellschaftlichen Aktivitäten. Die Arbeit mit religiösen Funktionsträgern, unseren Imamen, bildet die andere Säule des Projekts. So werden diese durch Fortbildungen weiter für das Thema Extremismus sensibilisiert und es wird gemeinsam mit ihnen über mögliche Handlungsstrategien nachgedacht. Dabei wollen wir übrigens auch historische Inhalte sowie Informationen über das soziale Leben und das politische System in Deutschland vermitteln. Die Imame treffen sich alle drei Monate und tauschen sich aus. Außerdem finden Workshops statt. Unser Ziel wird es dann sein, die Jugendlichen der Kontaktgruppe mit den Imamen zusammenzubringen, um mittel- bis langfristig einen generationsübergreifenden Aus- tausch zum Thema zu gewährleisten. Uns » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018 9

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Schwerpunktthema » ist es wichtig, dass auch die Imame sich als ständig Lernende begreifen. Denn es nutzt nichts, wenn jemand die Gemeinde nur religiös leitet. Er muss deren Mitglieder auch verstehen können. Die Jugendlichen, die hier sozialisiert und aufgewachsen sind, haben in der Regel eigene Vorstellungen vom gesellschaftlichen Leben, die sich von denen so mancher Imame durchaus unterscheiden. Dort versuchen wir eine Brücke zu bauen und auf allen Seiten die Sensibilität zu erhöhen, was sich – so Gott will – auch in den Predigten und dem Miteinander in unseren Moscheen und außerhalb niederschlagen wird. Und warum ist gerade die lokale Vernetzungsarbeit für erfolgreiche Präventionsarbeit wichtig? Weil die Arbeit in der Kommune, lokal und direkt mit den Menschen, gemacht werden muss. Wenn wir zwei junge Menschen aus- und fortbilden und sie gute Jugendprojekte vor Ort entwickeln, wenn sich Jugendliche in den Gemeinden zusammentun, dann öffnet das auch die Gemeinde insgesamt. Die Stadt und ihre Bewohner werden dann einen anderen Blick auf die Moschee entwickeln. Man wird die Moschee als einen zivilgesellschaftlichen Akteur sehen und nicht mehr als potenzielle Gefahr. Auch die Stadt kann von dieser Öffnung nur profitieren. Andererseits erwirbt sich unsere Moscheegemeinde auf diese Weise einen guten Ruf und damit eine Marke, die sie präsentieren kann. Sie kann sagen: „Wir sehen hier ein Problem, aber wir haben Lösungsansätze. Wir haben Sachen, die gut funktionieren.“ Sie muss sich nicht nur erklären, sondern kann auch präsentieren. Apropos „gut funktionieren“: Wann würden Sie sagen, dass die Arbeit erfolgreich war? Woran erkennen Sie den Erfolg eines Präventionsprojektes? Ich erkenne es daran, dass die Jugendlichen an den Empowerment-Fortbildungen teilgenommen haben. Es ist nämlich nicht selbstverständlich, junge Menschen an einem Samstag und Sonntag zur Teilnahme an einer Fortbildung zu motivieren. Sie haben begeistert mitgemacht, sie haben andere Einblicke bekommen, die sie vorher nicht hatten. Viele haben jetzt angefangen, mit Diskriminierungen und Be- nachteiligungen anders umzugehen, und kommunizieren das auch verbal. Ich erkenne es außerdem, wenn ich sehe, dass diese jungen Menschen beginnen vor Ort Strukturen der Jugend- und Präventionsarbeit aufzubauen und die Kommune bereit ist, dies strukturell zu unterstützen. Bei der Stadt Neuss zum Beispiel hat der Koordinator ein Projekt für ein Frauencafé beantragt. Muslimische Frauen der Gemeinde sollen sich dort mit anderen jungen Frauen treffen und austauschen können. Der Impuls hierfür ging vom Projekt MANAR aus. So etwas anzugehen, ist ganz einfach: Man sagt, in unserem Landesverband gibt es dieses Projekt und wir möchten für unsere Gemeinde ein lokales Vorhaben beantragen. In Dortmund zum Beispiel sollen auf diese Weise eventuell Sprachkurse für Imame, die in der Gemeinde arbeiten, finanziert werden. Dieses Projekt ist ein Glück, ich sehe die Nachhaltigkeit. Die Bundesmittel sind richtig angelegt und die Kommune arbeitet weiter mit dem, was wir initiiert haben. Das klingt alles sehr nett, aber Terroranschläge werden Sie damit wahrscheinlich nicht verhindern. Terroranschläge will natürlich niemand. Aber das ist ein globales Problem, das wir mit unseren begrenzten Mitteln nicht werden lösen können. Wenn wir präventiv arbeiten, dann bedeutet das vor allem Aufklärungsarbeit und Kooperation. Ich habe in den Projektantrag auch nicht geschrieben, dass ich Terroranschläge verhindern könnte. Das würde so auch nicht stimmen. Das Projekt MANAR ist lediglich unser bescheidener Beitrag, um für das Thema ein größeres Bewusstsein zu schaffen. Wir hoffen damit die Jugendlichen und Gemeinden, die wir erreichen können, dafür zu sensibilisieren, dass sie dieses Land als ihr Land ansehen und sich für den gesellschaftlichen Frieden einsetzen. Das ist für mich wichtig. Welche Rolle kann in der Arbeit die Auseinandersetzung mit geschichtli- chen Themen spielen? Eine sehr große Rolle. In jedem Land, in dem man lebt, muss man sich auch mit der Geschichte des Landes auseinandersetzen. Wenn man diese Geschichte nicht oder kaum kennt, dann hat man ein Problem, sich in dieser Gesellschaft zurechtzufinden. Denn es gibt bestimmte historisch bedingte Sensibilitäten, bei denen die Mehrheitsgesellschaft eine rote Linie sieht, aber unsere Jugendlichen nicht, weil sie historisch nicht aufgeklärt worden sind. Auch die Imame bemerken in ihrer historischen Ausbildung, dass sie die deutsche Geschichte nicht so sehr behandelt haben wie die Kolonialgeschichte oder die Geschichte des Herkunftslandes. Historische Elemente in der Präventionsarbeit sind sehr wichtig. Welche Unterstützung würden Sie sich von Seiten des Staates und der Gesellschaft für Ihre Projektarbeit wünschen? Wir sind noch relative Neulinge was das Thema Prävention angeht. Unsere Arbeit ist also noch nicht überall auf dem Standard, den wir gern sehen würden. Wir probieren vieles aus, schauen, was funktioniert und was nicht so gut klappt. Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Politik oder der Staat, auch wenn mal etwas nicht so läuft, wie geplant, trotzdem hinter seinen Kooperationspartnern steht. Wir als Träger wünschen uns also mehr Vertrauen, mehr Rückhalt und auch mehr Unterstützung von der Politik. Von der Zivilgesellschaft wünschen wir uns, dass sie sich öffnet und die Vorurteile gegen junge Muslime, die leider da sind, bekämpft, indem sie unsere Gemeinden besucht und in einen Dialog mit diesen tritt. Das fängt aber auch schon mit den muslimischen Nachbarn an, das muss nicht gleich die Moschee sein. Fragen, die man über den Islam, unseren Alltag oder die Menschen selbst hat, sollte man den Menschen direkt stellen und somit letztendlich Vertrauen aufbauen. Denn nur so können wir eine starke Gesellschaft aufbauen, die sich gegen den Rechtsruck und Rechtspopulismus behaupten kann. Herr Kuntich, wir bedanken uns für das Gespräch. ■ Das Interview führte Ramzi Ghandour. 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018

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Foto: Frida Gabot, pixabay.com (frstr23) Schwerpunktthema Ramzi Ghandour „Lasst uns froh und munter sein“ Kulturelle Aneignung als Strategie extremistischer Propaganda. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich persönlich mag die Weihnachtszeit. Überall riecht es nach Zimt und Nelken. Man isst Plätzchen und Lebkuchen und selbst die sonst so grummeligen Bewohner unserer Hauptstadt kommen einem beinah sympathisch vor. Eine weitere Besonderheit dieser Zeit ist die Musik. Und dabei meine ich nicht nur den kitschigen Weihnachtspop á la Last Christmas oder Jingle Bells, den die Radiosender alle Jahre wieder aus der Mottenkiste holen; mir geht es um richtige Weihnachtslieder. Solche, die die meisten von uns aus ihrer Kindheit kennen und von denen man immer mindestens (und manchmal auch nur) die erste Zeile mitsingen kann. Lieder wie Stille Nacht, heilige Nacht!, Süßer die Glocken nie klingen und O du fröhliche. Für mich gehören Weihnachts- lieder wie diese einfach zur Adventszeit. Sie sind Teil unserer Kultur. Einer Kultur, die zwar christlich geprägt ist (immerhin geht es um Weihnachtslieder), aber sich keinesfalls nur auf diese Prägung reduzieren lässt, denn – zumindest bei uns – wird sie von den christlichen wie den nicht christlichen Familienmitgliedern gleichermaßen gepflegt. Diese Kultur ist offen. Sie verbindet. Doch wem gehört dieses Kulturerbe? Und wer darf entscheiden, wie man „richtig“ oder „angemessen“ damit umgeht? Vielleicht sind dies nicht die ersten Fragen, die einem typischerweise beim Thema Weihnachtslieder in den Kopf kommen, doch werden sie spätestens dann relevant, wenn Leute versuchen, eine solche Tradition in einen anderen als den ursprünglichen Kontext zu rücken und für politische Ziele zu missbrauchen. Ein Beispiel für einen solchen Fall wäre die rechtspopulistische PEGIDA-Bewegung, die genau dies tut und alljährlich ihre Anhänger dazu aufruft, gemeinsam Weihnachtslieder gegen die angebliche „Islamisierung“ Europas zu singen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich macht so etwas wütend. Ich finde so etwas geschmacklos und einfach nur falsch. Doch woher kommt dieses Ge- fühl? Was hat es denn mit mir zu tun, wenn sich Leute, die ich nicht kenne und mit denen ich nichts zu tun haben will, treffen, um draußen bei Schnee und Regen Weihnachtslieder zu singen? Im Prinzip könnte einem das doch auch einfach egal sein. » Wem gehört Kulturerbe? Und wer darf entscheiden, wie man „richtig“ oder „angemessen“ damit umgeht? 11Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018

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Schwerpunktthema » Es ist aber eben nicht egal. Denn was die PEGIDisten da tun, kommt nicht nur einem Missbrauch von Kultur, sondern eben auch deren bewusster Veränderung und Umdeutung („Weihnachtslieder gegen Islamisierung“) gleich. Man instrumentalisiert, manipuliert und deutet manchmal bis zur Unkenntlichkeit um, sodass an die ursprüngliche Bedeutung eines bestimmten Wortes oder Brauchs nicht mehr angeknüpft werden kann. Andere Beispiele für dieses Phänomen wären die gezielte Umdeutung von Begriffen wie Heimat und Identität oder der sogenannten Wirmer-Flagge durch die „Neue Rechte“. All dies sind Formen kultureller Aneignung und können im schlimmsten Fall dazu führen, dass sich andere Menschen dazu genötigt fühlen, ihre Lebensweise zu ändern und eigene Traditionen aufzugeben. Aber bitte keine Panik: Mir ist noch nicht zu Ohren gekommen, dass man in Dresden als Reaktion auf PEGIDA jetzt nicht mehr Stille Nacht singen würde. Auch ganz allgemein gehört kulturelle Aneignung zu den Lieblingsmethoden und Strategien im Werkzeugkasten extremistischer Bewegungen. Als zahlenmäßig marginale Gruppen versuchen sie so Debatten zu prägen, auf sich aufmerksam zu machen und sich als „Stimme der schweigenden Mehrheit“ in Szene zu setzten. Doch während die meisten von uns diese Strategie leicht durchschauen können, insofern es etwa um die Instrumentalisierung von Marx, Engels oder Che Guevara durch linksextreme Gruppen und den Missbrauch der Deutschlandflagge durch Neonazis geht, tun sich viele Menschen schwer damit, Ausdrucksformen muslimischer Religiosität von extremistisch-islamistischer Propaganda zu unterscheiden. Dies ist allerdings höchst problematisch, da man genau so der beschriebenen Strategie von Extremisten auf den Leim geht, eine Minderheit als repräsentativ ansieht und deren missbräuchliche Verwendung von kulturellen Ausdrucksformen als authentisch anerkennt. In der Sprache der Werbe- und Marketingindustrie würde man hier von einem Musterbeispiel von Branding sprechen, also der assoziativen Verknüpfung einer Marke mit bestimmten Bildern oder Gefühlen. Im islamistischen Bereich hat dies vor allem die salafistische Szene erkannt und arbeitet mit bei- spielloser Professionalität und Zielstrebigkeit am Ziel eines Marken-Brandings. So werden heute im Grunde unpolitische Ausdrucksformen muslimischer Religiosität von vielen Menschen in Europa als Anzeichen einer extremistischen Haltung interpretiert. Zum Teil kann man es ihnen nicht einmal zum Vorwurf machen, denn wie beschrieben ist es expliziter Teil der Strategie von Extremisten, Kultur zu politisieren, für die eigenen Zwecke zu missbrauchen und so bewusst die Grenzen zwischen Mehrheit und Minderheit, Norm und Abweichung zu verwischen. Dies beginnt bereits beim Namen der Bewegung, die sich mit der Bezeichnung Salafisten auf die sogenannten Altvorderen (arab.: As-Salaf as-Salih), also die islamische Urgemeinde zur Zeit des Propheten Muhammad und seiner direkten Nachfolger bezieht. Allein dadurch wird ein Anspruch auf Ursprünglichkeit und vermeintliche Authentizität ihrer Botschaft ausgedrückt. Doch tatsächlich lehnen Salafisten einen Großteil der islamischen Geistestradition ab und verdammen sie als „unerlaubte Erneuerung“ in der Religion. Doch sollte ihnen dieser Anspruch nicht – oder zumindest nicht exklusiv – zuerkannt werden, denn natürlich beziehen sich auch alle traditionellen islamischen Strömungen, Sunniten wie Schiiten, auf die islamische Frühzeit. Der einzige, aber durchaus gewichtige Unterschied besteht in der Art und Weise, wie diese Geschichte und die Texte, die uns aus dieser Zeit erhalten sind, von den geistlichen Autoritäten der jeweiligen Strömung interpretiert werden. Aus traditionell-islamischer Sicht würde man argumentieren, dass der Erhalt eines möglichst authentischen Verständnisses dieser Zeit und ihrer Schriften eine der Hauptmotivationen und Antriebe für die Entstehung der verschiedenen islamischen Lehrtraditionen war. Der Salafismus, welcher in seiner heutigen Form erst im 19. Jahrhundert als Reaktion auf Kolonialismus und Modernisierung entstand und heute den ideologischen Unterbau eines Großteils der schlagzeilenmachenden Terrororganisationen liefert, hätte aus dieser Perspektive also keinerlei Anspruch darauf, sich als „der ursprüngliche Islam“ auszugeben. Doch auch ganz praktisch bedienen sich salafistische Gruppen mit einer Art „Su- permarkt-Mentalität“ aus dem reichen Fundus muslimischer Bräuche, Erzählungen und Traditionen. Man nimmt, was einem nützt und gefällt, ignoriert, was einem nicht passt, und setzt das Gefundene nach eigenem Gutdünken ein. Der ursprüngliche Kontext und Sinnzusammenhang wird dabei meist geflissentlich ignoriert. Ein Beispiel hierfür ist der arabische Ausspruch Allah akbar (wörtlich: Gott ist größer), den viele Menschen hierzulande nur im Zusammenhang mit Terroranschlägen kennen und als Markenzeichen islamistischer Gewalt deuten. Dabei verwenden ihn praktizierende Musliminnen und Muslime allein während der fünf täglichen Gebete über 85 Mal. Daneben kommt er auch im Gebetsruf (dem islamischen Äquivalent zum christlichen Glockenleuten) oder auch als mehr oder weniger religiöse Floskel in der Alltagssprache von Muslimen vor, sei sie Deutsch, Türkisch, Englisch oder Arabisch. Man könnte die Liste von Beispielen hierfür nach Belieben fortsetzen: Vom Siegel des Propheten über den SchahâdaFinger bis zur historischen Institution des Kalifats, das für viele Muslime durchaus positiv konnotiert ist, ohne dass dies bedeuten würde, dass sie es sich als politische Herrschaftsform im Hier und Jetzt zurückwünschen. Fast nichts, was gläubigen Musliminnen und Muslimen an Traditionen oder historischen Bezügen lieb und teuer ist, scheint also sicher vor Aneignung und Instrumentalisierung durch salafistische Gruppen. Doch was tun? Wie soll man Nichtmuslimen und jungen oder neupraktizierenden Muslimen den Unterschied zwischen religiöser Tradition und politischer Instrumentalisierung klarmachen? Eine Strategie, die gerade muslimische Dachverbände über lange Zeit in Bezug auf dieses Thema verfolgt haben, war die der totalen Abgrenzung und Distanzierung. So wurden im Zusammenhang mit extremistischer Gewalt von Seiten einiger Verbandsvertreter immer wieder Sätze formuliert wie „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ oder „Islam bedeutet Frieden und ist schon deswegen nicht mit Gewalt vereinbar“. Zwar verdient diese Position meiner Meinung nach durchaus Respekt, da sie dem ehrlichen Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben aller Menschen Ausdruck verleiht, doch ist sie leider inhaltlich kaum 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018

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Schwerpunktthema zu belegen und bei genauerem Hinsehen auch wenig überzeugend. Denn genau über das Phänomen einer politischen Instrumentalisierung von Religion lässt sich nicht sprechen, wenn man verzweifelt zu beweisen versucht, dass der sogenannte Islamische Staat oder Al-Qa’ida nichts mit dem Islam zu tun hätten. Die nächste Argumentation, die man zum Teil noch heute und übrigens nicht nur unter muslimischen Vertreterinnen und Vertretern findet, ist die, dass Extremisten ein falsches Verständnis der heiligen Texte hätten und deswegen nur mit der „richtigen“ Interpretation vertraut gemacht werden müssten. Das Problem dieses Arguments ist, dass man darauf keine sinnvolle Präventionsarbeit aufbauen kann. Denn einerseits führt es zu einer Überfokussierung der Diskussion auf religiöse Texte, was einen Großteil der Menschen (Muslime wie Nichtmuslime) aufgrund mangelnder Sprach- und Methodenkenntnisse schlichtweg überfordert und so von der Diskussion ausschließt. Andererseits wird dadurch der religiöse Anspruch extremistischer Gruppierungen unfreiwillig bestätigt und deren durch und durch diesseitsbezogene politische Motivationen geraten aus dem Blick. Stattdessen erscheinen mir solche Präventionsansätze vielversprechend zu sein, die sich explizit dem Thema Instrumentalisierung von Religion widmen und über die politischen Ziele sowie die Propagan- da extremistischer Gruppen aufklären. Ein Beispiel für eine Veranstaltung mit eben dieser Zielsetzung war ein Workshop mit jugendlichen (mehrheitlich, aber nicht ausschließlich muslimischen) Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die der Zentralrat der Muslime in Deutschland im Rahmen seines Engagements im Präventionsnetzwerk gegen religiös begründeten Extremismus durchgeführt hat. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Auseinandersetzung mit religiösen Gesängen und damit, wie diese heute von Extremisten zur Mobilisierung vor allem junger Menschen eingesetzt werden. Indem die Referenten auch auf die ursprüngliche Bedeutung der islamischen Gesangstradition eingingen und sogar eine Gruppe von Sängern engagiert wurde, die einige klassische Stücke vortrugen, konnte der Unterschied zwischen religiöser Andacht und politischer Vereinnahmung ganz praktisch vor Augen geführt werden. Besonders gut dabei war, dass man sich nicht in theologischen Diskussionen verstrickte, sondern an sehr konkreten Beispielen aufzeigte, wie Aneignung, Umdeutung und Instrumentalisierung in der Realität funktionieren. So fiel den Teilnehmerinnen und Teilnehmern beispielsweise auf, dass die Texte moderner salafistischer Gesänge – im Gegensatz zu den traditionellen Originalen – so gut wie nie vom Propheten Muhammad oder auch nur Gott handeln (ein interessanter Punkt, bedenkt man den religiösen Anspruch dieser Gruppen) und stattdessen einzig den Kampf gegen Andersdenkende und die eigene Ideologie glorifizieren würden. Auch bemerkten sie die musikalischen Anleihen bei moderner westlicher Musik sowie den hohen technischen Standard, mit dem die Titel produziert wurden, was auf eine gezielte Verwendung als Propagandamaterial hindeutet. Fazit der Veranstaltung war, dass den Extremisten – sei es der PEGIDA in Dresden oder den Salafisten in Duisburg und arRaqqa – nichts zu heilig ist, um nicht für die eigenen Ziele herhalten zu müssen. Sich dies bewusst zu machen und Menschen zu Wort kommen zu lassen, die andere Geschichten zu erzählen haben, ist ein Weg, solchen Leuten den alleinigen Anspruch auf die Deutung unseres gemeinsamen kulturellen Erbes streitig zu machen, und somit ein wirksamer Beitrag zum Erhalt einer offenen und verbindenden Kultur. ■ Ramzi Ghandour ist Wissenschaftlicher Referent bei Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. und einer der Koordinatoren des Präventionsnetzwerks gegen religiös begründeten Extremismus. Hinweis: In Kürze geht unser Blog Demokratiegeschichten online. Mehr dazu in der nächsten Ausgabe dieser Zeitschrift. In der Zwischenzeit, gucken Sie doch schon mal rein: www.demokratiegeschichten.de @ Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., zur Vereinfachung unserer Abläufe wird es für uns immer wichtiger, Sie per E-Mail erreichen zu können. Aus diesem Grunde wären wir Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns Ihre aktuellen Mailadressen mitteilen würden. Über eine kurze Mail an info@gegen-vergessen.de würden wir uns sehr freuen. Ihr Team von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. 13Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018

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Weitere Themen Fotos: Ekin Deligöz Ekin Deligöz Eine Reise nach Malyj Trostenez, Belarus Es gibt manchmal Reisen, bei denen völlig klar ist, wohin die Reise geht – aber nicht, worauf man sich einlässt. So eine Reise fand für mich als Begleitung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am Freitag, dem 29. Juni 2018 statt. Der Zielort: Malyj Trostenez – Kleines Trostenez. Es ist eine von Wald umgebene Siedlung am Rande von Minsk in Belarus. Malyj Trostenez‘ Geschichte während der nationalsozialistischen Verbrechensherrschaft ist in Deutschland kaum bekannt, auch als heutiger Ort der Erinnerung ist es nicht im Bewusstsein. Dabei befand sich dort die größte Massenvernichtungsstätte der Nazis auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion. Internationale Forscher sprechen von 60.000 Ermordeten, russische Historiker gar von über 200.000 Opfern. Gesichert ist zumindest die Tatsache, dass seinerzeit ein Viertel der Einwohner Weißrusslands durch die deutschen Besatzer getötete wurde. 2014 fand die Grundsteinlegung für die Gedenkstätte statt. Die Einweihung des zweiten Bauabschnitts im Juni 2018 war Anlass für diesen Besuch des deutschen Bundespräsidenten. Die Präsidenten von Belarus, Deutschland und Österreich eröffneten im Juni 2018 den zweiten Abschnitt der Gedenkstätte Malyj Trostenez: Alexander Lukaschenko, Frank-Walter Steinmeier, Alexander van der Bellen (von links). Gemeinsam mit dem Präsidenten von Belarus Alexander Lukaschenko und dem österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen sowie hochrangigen Gästen aus Polen, Tschechien und Israel wird an diesem heißen Sommertag der zweite Bauabschnitt auf dem Gelände der ehemaligen Erschießungsstätte im Wald von Blagowschtschina eröffnet. Die Begleitdelegation von Bundespräsident Steinmeier setzt sich aus Historikern, Journalisten, Abgeordneten sowie namhaften Persönlich- keiten zusammen wie Dr. Carsten Sieling für den Bremer Senat, Matthias Platzeck für das IBB-Kuratorium, Wolfgang Ischinger für die Sicherheitskonferenz, um nur einige zu nennen. Leider landet unser Flugzeug am Morgen verspätet in Minsk. So kommt es, dass wir gleich nach der Landung etwas gehetzt die für uns frei gehalten Plätze einnehmen. Es ist, als ob wir als Delegation aus Deutschland trainiert seien, dem Ablaufchaos vor Junge Frauen in weißen Gewändern lassen Tauben fliegen. Ort eine Ordnung zu verleihen, um uns dem Anlass entsprechend gebührend zu verhalten. Erst auf den zweiten Blick bemerke ich, dass ein großer Chor an der Seite steht. Er muss sich schon vor Stunden dort platziert haben, ebenso die zahlreichen jungen Frauen in traditionellen Gewändern um die Bühne herum. Die Reden starten, es ist heiß, die Menschen um uns herum haben kaum Schatten. Sie stehen dicht gedrängt an den Absperrungen, die sie von den Gästen aus dem Ausland trennen. Eine der jungen Damen wird im Hintergrund ohnmächtig und geräuschlos weggebracht. Die Bühne, die Gäste, konzentriert auf die Reden, nehmen das nicht wahr. Wir sind umringt – und ich frage mich, von wem eigentlich? Von Menschen aus der Region? Von Verwandten derjenigen, die hier ihr Leben verloren haben? Ich versuche aufzustehen, um meinen Sitzplatz einer älteren Dame zu überlassen, der das lange Stehen offensichtlich schwerfällt. Ich werde aber von den Sicherheitskräften gleich wieder auf meinen Platz beordert, mit nonverbaler Deutlichkeit. Es ist beschä- 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018

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Weitere Themen wirklich in dem Moment, als ich mit Margit Fischer an einem Baum vor einem gelben Blatt Papier stehe. Ihre Erinnerungen zu teilen, die Verantwortung zu spüren, aus der Geschichte zu lernen. „Wissen Sie“, sagt sie, „diese Zeit ist kein ‚Vogelschiss der Geschichte‘.“ Ob denen, die so die NS-Zeit bezeichnen, bewusst ist, was sie damit anrichten? Wie Ekin Deligöz mit dem ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer und seiner Frau Margit (von links). Margit Fischers Großmutter wurde von den Nationalsozialisten nach Malyj Trostenez deportiert und vermutlich dort ermordet. viele Menschen sie damit treffen? Wie verantwortungslos sie die Sprache der Täter jeden Tag ein Stück in dieser Gesellschaft mend. Ich, die so sehr dazu erzogen wurde, Margit Fischer wurde als Margit Binder im austesten? älteren Menschen respektvoll zu begegnen. Juni 1943 in Stockholm geboren. Ihre El- Menschen, die all den Schrecken erlebt ha- Die Vermutung, dass die Dame im Gegen- tern Anni und Otto Binder waren vor der ben, sind es, die uns immer wieder mah- satz zu mir etwas Erlebtes mit diesem Ort Nazidiktatur von Österreich nach Schwe- nen, die uns mit wenigen Worten beeindru- verbindet, belastet mich. Hat sie jemanden den emigriert und übersiedelten 1949 mit cken und uns der Verantwortung gewahr verloren? Ihre Eltern, Großeltern? Hat sie ihrer sechsjährigen Tochter zurück nach werden lassen. Was wird passieren, wenn den Ort hier überlebt? Ich werde es nicht Wien. Margits Großmutter war von Wien es sie nicht mehr gibt? Können Orte die- erfahren. Dass wir dennoch ein Lächeln nach Malyj Trostenez deportiert worden. sen Auftrag übernehmen? Ja, das können austauschen und dass sich letztendlich je- Dort verloren sich dann ihre Spuren. Eine sie, wenn sie präsent sind im Bewusstsein, mand aus den hinteren Reihen einfach ei- Wiener Schule ging ihrer und ähnlichen wenn sie diese mahnenden Sätze an die nen Stuhl schnappt und ihr bringt, versöhnt Lebensgeschichten nach. An die Baum- nächsten Generationen weitergeben. Orte, mich halbwegs mit dieser Situation. stämme in Malyj Trostenez sind zur Erin- die klarmachen, dass sich Geschichte im- nerung gelbe Papierseiten mit Namen und mer wiederholen kann. „Ich versichere Ihnen, wir werden diese Lebensdaten von Menschen gepinnt, die Verantwortung auch gegen jene verteidi- wie Margit Fischers Großmutter hierher de- Der Kampf um die Interpretation der Er- gen, die sagen, sie werde abgegolten durch portiert wurden und dann nicht mehr auf- innerung dieser Orte, um das Verständnis verstrichene Zeit.“ Mit Blick auf diese Ver- findbar waren. Erschossen an diesem Platz? dieser Erfahrungen, der Kampf um unsere gangenheit und unsere Verantwortung für zivilen Grundwerte, um den Verfassungs- die Zukunft gibt Bundespräsident Frank- Aus den Augen der 75-Jährigen fließen patriotismus hat längst angefangen in die- Walter Steinmeier dieses Versprechen im Tränen. Im Hintergrund singt ein Chor, ver- sem Land. Lassen Sie uns in unserem Verein Namen von uns allen Deutschen und in stärkt durch Bässe aus einem Lautsprecher. einen Weg finden, das zu verteidigen. Ich Deutschland lebenden Menschen ab! Wir Auf der Wiese befinden sich junge Frauen nehme aus dem Augenblick auf dieser Reise alle sind das Volk, wir alle sollten aufstehen in weißen Gewändern, andere lassen Tau- mit, dass es wichtig ist, sich auf die Verant- für Menschlichkeit, gegen das Vergessen, ben fliegen. Dramaturgie des Erinnerns. Es wortung einzulassen. Es wird anstrengend, gegen Populismus und gegen den Hass! Es werden beeindruckende Reden gehalten aber eine Alternative dazu gibt es nicht. ■ ist auch dieser Ort und es sind diese Men- an diesem Tag. Aber all das erscheint un- schen, die heute hier versammelt sind, die das mahnen! An die Baumstämme sind zur Erinnerung gelbe Papierseiten mit Namen und Lebensdaten von Menschen gepinnt, die nach Malyj Trostenez deportiert worden waren. Sehr gern würde ich mich mit den Anwesenden unterhalten, aber die Sprachbarriere und die Sitzordnung trennen uns, den ganzen Tag über. Doch dann gibt es den einen Moment. Nach der Kranzniederlegung am Gedenkstein begrüße ich den österreichischen Präsidenten und seine Frau. Er lässt sich von mir berichten, wie es uns derzeit im Parlament ergeht, was da los ist mit CSU und CDU – ein kurzes Gespräch unter Parteifreunden, sofort eingetaucht in das grüne vertraute „Du“ und ein Geschenk. „Kennst du Herrn Heinz Fischer und seine Frau? Bundespräsident a. D. aus Österreich?“ Ich kenne ihn selbstverständlich. Noch viel mehr sollte der heutige Tag aber seiner Frau gewidmet sein. Ekin Deligöz ist Mitglied des Deutschen Bundestages und stellvertretende Vorsitzende von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. 15Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 97 / September 2018

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