Birgit Kleber

 

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Ordnung und Obsession. Portraits in Serie

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BIRGIT KLEBER ORDNUNG UND OBSESSION

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BIRGIT KLEBER ORDNUNG UND OBSESSION PORTRAITS IN SERIE

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Camouflage, 2015

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ORDNUNG UND OBSESSION Birgit Kleber schaut den Menschen genau ins Gesicht, Veränderung, so geschehen in der Serie „Emil“ mit manchmal minutenlang. Und diese schauen zurück, zehn Aufnahmen und „Clara“ mit zwölf Bildmotiven, unmittelbar und intensiv, gleichwohl mitunter geradezu eines pro Jahr und jeweils im engen Bildausschnitt emotionslos. Es ist eine so faszinierende wie aufgenommen, die in der Kommunalen Galerie als regungslose Intensität des Blicks, der möglicherweise Loop jeweils auf einem Monitor präsentiert werden. eine Art Meditation vorangegangen sein mag. Die Fotografie kann, wie wir hier sehen, verwendet Fotografin zeigt uns in ihren Arbeiten auch zahlreiche werden, um Zeit vermeintlich anzuhalten respektive zu ihrer Kollegen. Interessanterweise sind sogar solche dehnen. Birgit Kleber lässt uns in den beiden Serien darunter, die sich selbst nicht gern fotografieren am Älter- und Erwachsenwerden von zwei Teenagern lassen. Birgit Kleber verfügt demnach über ein sehr teilhaben. Ein ähnliches Experiment hat der feines Gespür und ein überzeugendes amerikanische Fotograf Nicholas Nixon in seiner Einfühlungsvermögen ihren Mitmenschen gegenüber, berühmten, ebenfalls in Schwarz-Weiß gehaltenen und so begegnet uns hier ein Who’s Who der Serie der „Brown Sisters“ seit 1975 realisiert. internationalen Kunstszene: von Anton Corbijn über Allerdings handelt es sich dabei um ein Bettina Rheims, Cindy Sherman, James Nachtwey, Gruppenporträt, konkret das seiner eigenen Frau und Rinko Kawauchi, Jeff Wall bis zu Wolfgang Tillmans, deren drei Schwestern im Erwachsenenalter, alle sehr eng ins Bildformat eingepasst, mit der aufgenommen häufig plein air bei Familienfesten. Bei Konzentration auf das Gesicht und den Blick – zurück Nixon geht es immer auch um ein Miteinander, um die in die Kamera. Die Porträtierten sitzen auf einem Stuhl Interaktion der Schwestern, und wenn die vier Frauen und beugen sich weit vor, ein Versuchsaufbau, den sich nicht jeweils identisch von links nach rechts Birgit Kleber vor einigen Jahren entwickelt hat. Es ist aufreihen würden, könnten wir die Veränderungen in kein Zufall, dass die Langzeitstudie als Serie ihren Gesichtern über die Jahre und Jahrzehnte kaum respektive Tableau im Zentrum der Ausstellung hängt, nachvollziehen. Dies ist bei Klebers Modell Emil arbeitet Birgit Kleber doch sehr häufig seriell. Porträts ebenso der Fall: Wenn wir das erste und das letzte sind Momentaufnahmen und werden, als Sequenz Bild der zehnteiligen Sequenz auf dem Monitor direkt über Jahre angelegt, zum Zeitdokument einer miteinander vergleichen, zwischen denen zehn Jahre

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liegen, ist die Ähnlichkeit mit sich selbst, wenn man so will, relativ. Die gewählte, explizite Systematik ist ansonsten ebenfalls eine gute Voraussetzung für ein vergleichendes Sehen. Und diese begegnet uns in Klebers Werk immer wieder. Manchmal halten die Porträtierten die Augen aber auch geschlossen oder sind hinter sonderbaren Brillen verborgen, hinter Schweißerbrillen, Schwimmbrillen, Sonnenbrillen oder Augenmessgeräten vom Optiker. Männer unterschiedlichen Alters sind hier in einer ungewöhnlichen Versuchsanordnung mit dem Titel „Camouflage“ vereint. Die bisher unveröffentlichte Arbeit, bestehend aus 12 Porträts, gleicht einer Untersuchung menschlicher Physiognomie. Wenn uns die Fotografin den Blick in die Augen ihres Gegenübers verweigert, die gemeinhin für Emotion und Mimik, ja für die Seele des Menschen stehen, lenkt sie dadurch unsere Aufmerksamkeit auf andere Bereiche des Physiognomischen. Und tatsächlich: Unser Gesichtsausdruck ändert sich mitweilen, nicht nur durch eine wechselnde Gefühlslage, sondern auch abhängig davon, ob wir uns unbeobachtet fühlen oder gerade exponiert sind. Und schließen wir die Augen, so entspannt sich beispielsweise unsere Mundpartie, und das macht sich Birgit Kleber zu eigen. Häufig ist es ein ganz besonderer Gesichtsausdruck, den die Fotografin einfängt. Doch die Charakterisierung einer Person muss nicht zwangsläufig über den Blick in ihr Gesicht – und im besten Fall in ihre Augen – geschehen, sie kann in manchen Fällen sogar gelingen, wenn nur der Hinterkopf zu sehen ist. Birgit Kleber hat eine ältere Schauspielerin namens Eva über Jahre mit der Kamera begleitet, die sich zuletzt für eine Rolle in einem Schlöndorff-Film den Kopf rasieren ließ. In der aktuellen Ausstellung sehen wir sie mit dem Kurzhaarschnitt zweimal von hinten, in minimaler Schärfenverschiebung, und zweimal von vorn, mit intensivem Blick. Schauspieler können besonders gut und professionell mit der Kamera flirten, können Posen und Emotionen spielerisch in ihre Selbstcharakterisierung einfließen lassen. Rimbauds „Ich ist ein Anderer“ kann vor der Folie des Bühnengeschehens im Theater und auf der Leinwand auch auf die unterschiedlichen Rollen, die ein Schauspieler einnimmt und ausfüllt, angewendet werden. In Klebers Porträtdiptychon mit Fokussierung auf Evas Hinterkopf blitzt die Wandlungsfähigkeit des (schauspielenden) Menschen ebenso auf wie die Bereitschaft, für eine bestimmte Rolle das eigene Leben ein Stück weit aufzugeben. Diese Intensität wird ins Porträt subtil eingeschrieben und gespeichert.

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Birgit Klebers Ausdrucksmittel ist normalerweise das klassisch-zeitlose Schwarz-Weiß, und die Übersetzung der farbigen Welt in die Zweitonigkeit inklusive subtiler Grauabstufungen gelingt ihr geradezu meisterlich. Das resultiert, vergleichbar dem Schauspiel, aus einer Mischung von Erfahrung und Intuition. Gelegentlich experimentiert sie aber auch mit dem Farbporträt, so etwa vor knapp 20 Jahren in der 10-teiligen Serie „Decamerone“: 1999 fotografierte Kleber eine Freundin mit einem 6 x 6-Rollfilm, dessen Haltbarkeit schon eine Weile überschritten war. Sie tat dies an zehn aufeinanderfolgenden Tagen, jeweils abends um die gleiche Uhrzeit und im identischen Blickwinkel. Wir sehen nun zehnmal dasselbe Gesicht mit nur minimalen Differenzierungen, die unter anderem durch die leichten Farbverschiebungen des minderwertigen Filmmaterials entstanden sind. Hier wird ebenfalls Zeit thematisiert, jedoch nicht als Faktor einer visuellen Veränderung, eher als Paraphrase auf Nietzsches ewiger Wiederkehr des Gleichen – in geringster Varianz. Birgit Kleber nennt ihre Berliner Ausstellung „Ordnung und Obsession“, und der Titel spiegelt sich in dieser stillen Serie, zum Tableau angeordnet, besonders überzeugend wider. Im Ausstellungsraum tauchen die Gesichter und Köpfe einzeln, als Diptychen oder innerhalb einer Sequenz auf, mal sind die Fotografien lebensgroß, mal überlebensgroß abgezogen. Die unterschiedliche Präsentation hat entscheidende, wenn auch häufig nur unbewusste Auswirkungen auf die Rezeption des Einzelbildes und des Motivs selbst. Ist der Kopf – in Augenhöhe gehängt – so groß wie unserer, spüren wir eine emotionale Unmittelbarkeit, eine Art konkretes Gegenüber. Ändert sich das Format oder die Positionierung an der Wand des Ausstellungsraumes, blicken wir „nur“ auf das Abbild eines Menschen, so scheint es. Im ersten Fall spielt ein Fotograf mit einer bloßen Illusion, die auf einer vermeintlichen Zwiesprache in einer Begegnung mit einer realistisch gezeichneten Person zu fußen scheint. Das Exponierte des Einzelporträts wird von Birgit Kleber durch die installative Hängung am Ende wieder nivelliert, als verwandele sich der Ausstellungsraum in eine Art Bühne, auf der wir Besucher – wiederum unter den Blicken der Porträtierten – agieren würden. Gute Porträts überwinden die Distanz, die zwischen den Menschen meist herrscht, und führen uns – in der Rezeption – zu einer Art empathischen Neubegegnung mit dem visualisierten Gegenüber. Das findet sich nicht häufig in der zeitgenössischen Fotografie, bei Birgit Kleber hingegen immer wieder. Matthias Harder

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Decamerone, 06.08. - 15.08.1999

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aus: CLARA, 1995 - 2004

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