Mitgliederzeitschrift (95)

 

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Mitgliederzeitschrift (95)

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Heft 95 / 2018 Gegen Vergessen FÜR DEMOKRATIE FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Schwerpunkthema: Regionale Arbeit weitere Themen: ■ Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund ■ Das vergessene Massaker von Maillé Informationen zur politischen Bildungsarbeit

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Editorial Liebe Freundinnen und Freunde von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.! Jede historische Konstellation ist eine besondere. Und doch lässt die Beschäftigung mit Geschichte in Hinblick auf die Gegenwart immer wieder Fragen entstehen, sie enthält gleichsam ein Anregungspotenzial. Gewiss haben wir keine Situation, die vergleichbar ist mit der im Jahre 1930 nach dem Ende der Großen Koalition. Dennoch haben die Monate, die seit der Bundestagswahl verstrichen sind, durchaus Schatten auf unser demokratisches System geworfen. Unübersehbar ist zum Beispiel, dass ein Vielparteiensystem, dessen Schwächen wir aus Kaiserreich und Weimarer Republik kennen, erhebliche Probleme bei der Regierungsbildung und im Hinblick auf die Handlungsfähigkeit des Landes bringen kann. Der Rückgang der Volksparteien hat einen hohen Preis, vor allem wenn die Parteien nur bedingt kompromissfähig sind. Zu den strukturellen Problemen der parlamentarischen Systeme der Zwischenweltkriegszeit gehörten instabile Regierungen; Antiparlamentarismus, Illiberalismus und Nationalismus kamen hinzu – in vielen Ländern Europas etablierten sich Diktaturen. Davon sind wir gewiss weit entfernt, doch wir werden durch die Betrachtung der Geschichte daran erinnert, dass Demokratie Partizipation und integrative Willensbildung ermöglichen muss. Demokratie muss sich immer wieder neu bewähren – es scheint, dass sie derzeit eine Bewährungsphase durchläuft. Zu den beunruhigenden Nachrichten der vergangenen Monate ist auch der wieder zunehmende Antisemitismus zu rechnen, dem wir uns ebenso zu stellen haben wie den Demokratieproblemen. Offenbar hat dieser seine Basis nicht nur bei Einwanderern aus arabischen Ländern, die für unsere Demokratie zu gewinnen teilweise ein mühsamer Prozess sein mag. Im Antisemitismus scheint sich auch der neue Rechtspopulismus bemerkbar zu machen, dessen Verhältnis zu den Grundwerten unserer Gesellschaft zu Recht von einer kritischen Öffentlichkeit beobachtet wird. Soll man vor diesem Hintergrund den Besuch in einer KZ-Gedenkstätte zur Pflicht erheben, wie es die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli gefordert hat? Didaktiker raten davon ab, hier Mittel anzuwenden, die wie Zwang aussehen. Selbstverständlich bedürfen derartige Besuche der Vor- und Nachbereitung. Dennoch sollten möglichst viele junge Leute derartige Gedenkstätten besuchen, auch Einwanderer. Für viele ist der Besuch eine bedeutsame Erfahrung, doch kann man darin kein Allheilmittel sehen. Im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Erinnerungskultur enthält der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD manche plausible Festlegung, etwa zu Erhaltungsinvestitionen in den Gedenkstätten und zur Förderung ihrer pädagogischen Arbeit. Andere Aussagen sind widersprüchlich, etwa zur Stasi-Unterlagen-Behörde; bisher war man von einer Verwaltung der Stasi-Unterlagen durch das Bundesarchiv und einer Neukonzeption der Zuordnung der anderen Funktionen der Behörde ausgegangen. Hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind die Aussagen zu den Orten der Demokratiegeschichte, deren Förderung sich die Staatsministerin bei der Gründung des Netzwerkes Orte der Demokratiegeschichte zu eigen zu machen schien. Jetzt sollen die Koalitionsparteien zunächst ein Konzept dazu erarbeiten. Andererseits aber sollen Demokratie und Extremismusprävention weiter gefördert werden. Die geschichtspolitische Diskussion geht also weiter. Dieses Heft ist unseren regionalen Arbeitsgruppen und ihren Arbeitsschwerpunkten gewidmet, von denen nur einige – gleichsam exemplarisch – betrachtet werden können. Das Bewusstmachen von vielfach schmerzlicher Geschichte mit Blick auf die Gegenwart bleibt der zentrale Ansatz vieler regionaler Arbeitsgruppen, den die Angebote der Geschäftsstelle ergänzen. Neben der projektbezogenen Arbeit nimmt die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern zu. Sichtbar wird in diesem Heft auch, dass wir uns verstärkt der Arbeit mit europäischen Dimensionen stellen. Vor dem Hintergrund bewegter Zeitläufte wünsche ich allen im Jahre 2018 erfolgreiche Arbeit für unsere Anliegen und zudem persönliches Wohlergehen. Mit den besten Grüßen Ihr / Euer Die diesjährige Mitgliederversammlung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. wird am Samstag, dem 17. November 2018, im Landtag von Schleswig-Holstein in Kiel stattfinden. Bitte merken Sie sich diesen Termin schon einmal vor. Bei den regionalen Arbeitsgruppen hat sich einiges getan. Eine neue Gruppe hat sich in Ostwürttemberg gegründet. Außerdem konnten wir in der RAG Unterweser-Bremen, der RAG Münsterland und in der RAG Sachsen neue Ko-SprecherInnen gewinnen. Es lohnt sich also, in diesem Heft den Mittelteil mit den Adressen der regionalen Arbeitsgruppen besonders genau zu lesen. IMPRESSUM Herausgegeben von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., Stauffenbergstraße 13-14, 10785 Berlin Telefon (0 30) 26 39 78-3, Telefax (0 30) 26 39 78-40, info@gegen-vergessen.de, www.gegen-vergessen.de Bankkonto: Sparkasse KölnBonn, Konto-Nr. 85 51 707, BLZ 370 501 98 Titel: Atanassow-Grafikdesign, Dresden Redaktion: Dr. Dennis Riffel, Julia Wolrab, Dr. Michael Parak (V.i.S.d.P.) Gestaltung: Atanassow-Grafikdesign, Dresden Druck: B&W MEDIA-SERVICE Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH Die Herausgabe dieser Zeitschrift wurde gefördert durch das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Der Bezugspreis ist im Mitgliedsbeitrag enthalten. Namentlich gezeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. ISSN 2364-0251 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018

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Inhalt Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Erinnerungsarbeit „vor Ort“ „Demokratie im Herzen tragen und nicht nur im Kopf“ Europäische Erinnerungsarbeit verstärken Straßennamen: ein kommunales „Biotop“ der Geschichtspolitik und Erinnerungskultur Das vergessene KZ vor der Haustür Regionale Arbeitsgruppen in Schulen Bundesweite Angebote Gedächtnis vergangener Generationen Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund Das vergessene NS-Massaker von Maillé in Frankreich am 25. August 1944 Analyse und Meinung Europäische Demokratiegeschichte als Desiderat Was wäre eigentlich, wenn …? Aus unserer Arbeit Mitgliederversammlung und Preisverleihungen in Hannover 2018 RAG Nordbaden: Zeichen der Erinnerung RAG Schleswig-Holstein: Erich Mahrt – ein stiller Held aus Rendsburg RAG Münsterland: Selbst die Klos nach Konfessionen getrennt RAG Baden-Württemberg: Erfolgreiche Arbeit auf Landesebene ist möglich RAG Hannover stellt sich vor Namen und Nachrichten „Nach der Flucht – Wie wir leben wollen.“ 4 5 7 11 13 15 17 19 21 23 25 27 29 31 33 35 37 38 40 Rezensionen Ernst-Jürgen Walberg bespricht – eine Sammelrezension: Bilder einer Stadt im Nationalsozialismus. Köln 1933 – 1945 Nazi-Terror gegen Jugendliche Protestanten in Zeiten des Kalten Krieges. Mauergeschichten von Flucht und Fluchthilfe. Geist und Macht. Ausgegrenzt auch im Nachkriegsdeutschland 42 45 Impressum 2 Vorstand und Beirat 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018 3

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Thema Foto: GVFD-Archiv Bernd Faulenbach Erinnerungsarbeit „vor Ort“ – zur Arbeit der Regionalgruppen Beschäftigung mit der Geschichte des Ortes, der Stadt, einer Region durch die Bürgerinnen und Bürger ist gewiss keine neue Sache – man denke an die Heimatvereine mit ihrer langen Tradition in Deutschland. Doch entwickelte sich seit den 1980er-Jahren eine neue Auseinandersetzung mit Fragen der Geschichte von Stadt, Gemeinde und Region. Neu war unter anderem, dass ihr Gegenstand die Zeitgeschichte „vor Ort“ war. Und dies hieß vor allem, es ging um die Geschichte der NS-Zeit, auch um die Geschichte der Nachkriegszeit, auch die der DDR. Getragen wurde diese Arbeit zum Teil durch Initiativen, „Geschichtswerkstätten“, das heißt von Bürgerinnen und Bürgern, nicht nur von Historikern. Etwas von dieser breiten Geschichtsbewegung ist im Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in den 1990er-Jahren aufgegriffen worden; insbesondere gilt dies für das Engagement von historischpolitisch-kulturell Interessierten, hier freilich verbunden mit dem Ziel, durch die Auseinandersetzung mit Geschichte unsere Demokratie zu stärken, was auch Bildungsarbeit zur Konsequenz hat. Die regionalen Gruppen, die die Arbeit des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. auf eine breitere Grundlage gestellt und in die Fläche ausgedehnt haben, engagieren sich vielfältig für die Aufarbeitung der Geschichte „vor Ort“ in der NS-Zeit. So wurden Spuren jüdischen Lebens gesichert, die Ereignisse der Reichspogromnacht dokumentiert, Lager von Zwangsarbeitern oder von KZAußenkommandos erforscht, das Schicksal jüdischer Menschen in der Stadt oder in der Region rekonstruiert, das Leben anderer Verfolgter untersucht, die Errichtung von Gedenkzeichen betrieben, Reisen zu den großen Gedenkstätten für Schülerinnen und Schüler organisiert, Ausstellungen und Vortragsveranstaltungen zu historisch-politischen Themen durchgeführt. Nur über einen Teil davon ist in der Vereinszeitung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. berichtet worden. le Bürgerinnen und Bürger bedeutsam, dass an konkreten Orten, die sie kennen, ein Zwangsarbeiterlager war oder Bahnhöfe, von denen aus Menschen deportiert wurden, wo die Synagoge stand, wo Treffpunkte des Widerstandes und der Verfolgung lagen. Geschichte wird auf diese Weise konkreter, wird in gewisser Weise auch – wenn Spuren vorhanden sind – beglaubigt. Die Beschäftigung mit Zeitgeschichte in Stadt und Region ist ungebrochen – die Berichte aus den Regionalgruppen zeigen dies. Die Beschäftigung mit der NS-Zeit hat dabei ihr Pendant in der Beschäftigung mit der Geschichte der DDR, der SED-Diktatur und der Menschen in Ostdeutschland, auch wenn hier manches von der NS-Zeit abweicht. Neuerdings fällt der Blick dieser Beschäftigung der Bürgerinnen und Bürger mit Geschichte, der naturgemäß selektiv ist, auf die Geschichte der Demokratie und der Demokraten. Auch diese Geschichtsarbeit kann sich nicht nur mit dem Geschehen in den Hauptstädten befassen, sondern ebenso mit dem vor Ort, in den Regionen. Hier gilt es, an die Freiheits- und Demokratiebewegungen zu erinnern, an Vorkämpferinnen und Vorkämpfer dessen, was wir heute Demokratie nennen. Schlüsselereignisse sind wiederzuentdecken, in diesem Jahr 2018 insbesondere die Revolution 1918 und die Entstehung der Weimarer Republik. Diese Themen sind für Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. umso wichtiger, als die Geschichtsarbeit im weitesten Sinne auf Gegenwart und Zukunft der Demokratie als politischer Ordnung und gesellschaftlicher Lebensweise bezogen ist. Selbstverständlich aber sind die verschiedenen Ebenen des historischen Prozesses ebenso wie die der Beschäftigung mit der Demokratie heute miteinander verschränkt zu denken. Die Geschehnis- Lokale Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus, z.B. durch die öffentliche Lesung der Namen ermordeter Jüdinnen und Juden in München. Die Aufarbeitung der Geschichte der NSZeit vor Ort vermittelt die Einsicht, dass der NS-Terror keineswegs ausschließlich in Osteuropa außerhalb des Reichsgebiets stattfand, sondern in Deutschland seinen Ausgang hatte und eng mit der NS-Volksgemeinschafts- und Mobilisierungspolitik verbunden war. Es ist für vie- 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018

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Quelle: Ernst Klein Foto: GVFD Archiv Thema Junge Menschen für die eigene Stadtgeschichte interessieren, z.B. mit einem Buch unseres RAG-Gesamtsprechers Ernst Klein. se auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene weisen weitgehende Interdependenzen auf und Diktaturen mit tota- litärem Anspruch zeigen zweifellos in besonderer Weise die Macht der „Zentrale“, gegebenenfalls die des „Führers“ und seines Umfeldes. Doch selbst in der NS-Diktatur haben viele diese Politik bereitwillig mitgetragen, haben versucht, im Sinne des Führers zu handeln. Keineswegs war – selbst in der Repressionspolitik – alles von oben befohlen, sondern viele haben selbstständig für den „Führer“ gehandelt. Die Beschäftigung mit Geschichte „vor Ort“ hat deshalb die Zusammenhänge und Kontexte zu beachten, das heißt die im 20. Jahrhundert meist dominante nationale Ebene mitzusehen und doch auch nach besonderen Entwicklungen vor Ort und in der Region in ihrer Eigengewichtigkeit zu fragen. Vor diesem Hintergrund ist die Rolle der Geschichtsaufarbeitung vor Ort, hier z. B. die Erinnerung an einen Todesmarsch von KZ-Häftlingen der Frankfurter Adler-Werke. Erinnerungsarbeit der Regionalgruppen von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. gut begründet. Dass sie die ständige Kommunikation über die konkrete Arbeit, doch auch über gemeinsame Fragen, Anliegen, Projekte und Kampagnen nötig macht, liegt auf der Hand. Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. realisiert Projekte von Bürgerinnen und Bürgern für Bürgerinnen und Bürger in einer demokratischen Zivilgesellschaft. ■ Prof. Dr. Bernd Faulenbach ist Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Ernst Klein „Demokratie im Herzen tragen und nicht nur im Kopf“ Mit dieser Kernaussage stimmte unser Ehrenvorsitzender Bundespräsident a. D. Joachim Gauck die zur Mitgliederversammlung im November 2017 aus allen Bundesländern angereisten Gäste in einer ebenso berührenden wie eindrucksvollen Rede darauf ein, den Einsatz für unsere Demokratie „aus der Stärke heraus unbeirrbar fortzusetzen und aus der Vergangenheit besonders auch das aufzunehmen, was die Demokratie vorangebracht hat“. Foto: RAG Südhessen Als Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppen und langjähriger Sprecher der RAG Nordhessen-Südniedersachsen nehme ich diesen Appell gern auf, um einen kurzen Rückblick über die Aktivitäten der RAGs und Sektionen zu geben, die sich bundesweit „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ einsetzen. Die von der Geschäftsstelle jährlich herausgegebenen Jahresberichte verweisen auf etwa 500 verschiedene Veranstaltungen pro Jahr. Der größte Teil davon wird von den 38 Regionalgruppen teils eigenständig, teils in Kooperation mit Partnerorganisationen geplant, organisiert und gestaltet. Pro Woche wurden somit im Jahr 2017 RAG-Gesamtsprecher Ernst Klein stellt auf der Mitgliederversammlung 2017 in Hannover die Arbeit der Regionalen Arbeitsgruppen vor. durchschnittlich acht Veranstaltungen angeboten, und zwar bundesweit in über 100 verschiedenen Orten, vom Niederrhein bis nach Thüringen und Sachsen, von der Nord- und Ostseeküste bis in den Schwarzwald und nach Bayern. Beispielhaft für viele großartige Leistungen aus den Regionen möchte ich in der gebotenen Kürze nur einige wenige Aktivitäten nennen, die deutlich machen, dass einerseits mit öffentlich wirksamen „Events“ vielfach neue Wege beschritten werden, aber selbstverständlich auch bewährte Formen der Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit weitergeführt werden. Ein besonderes Ereignis 2017 war die Kampagne „Tauch nicht ab“ vor der Bundestagswahl, » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018 5

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Thema Männer, die in der Kommunal-, Landesoder Bundespolitik tätig sind oder waren, Juristen, Theologen, Wissenschaftler, Publizisten, aber auch Rundfunkredakteure, Forstbeamte, ehemalige Unternehmer und Offiziere der Bundeswehr. Während der Aktion „Wa(h)l. Tauch nicht ab!“ in Darmstadt. » die nach Vorbereitung durch eine Arbeits- gruppe im thüringischen Nordhausen, im oberschwäbischen Leutkirch, in Potsdam, Frankfurt und Darmstadt von den jeweilgen RAGs erfolgreich umgesetzt wurde. Mit weniger Aufwand und dennoch wirksam riefen andere RAGs dazu auf, zur Wahl zu gehen. Die Gruppe Rhein-RuhrWest verteilte 15.000 eigens zu diesem Anlass gestaltete Bierdeckel und die Kolleginnen und Kollegen in Cuxhaven nutzten das Wa(h)lfisch-Symbol auf Postkarten mit dem Aufruf zur Wahl. In Pforzheim hat sich das unter Mitwirkung von Birgit Kipfer und der RAG Baden-Württemberg aufgebaute DDRMuseum zu einem wichtigen außerschulischen Lernort etabliert, ebenso das Dokumentations- und Informationszentrum zur deutsch-jüdischen Regionalgeschichte im nordhessischen Volkmarsen. Im Dezember 2017 ist es dem langjährigen engen Kooperationspartner der RAG Nordhessen, dem „Arbeitskreis Rückblende – Gegen das Vergessen e.V.“ gelungen, in der Stadt Volkmarsen ein geschichtsträchtiges Haus mit einem über 500 Jahre alten jüdischen Ritualbad zu erwerben mit dem Ziel, hier einen besonderen Treffpunkt für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufzubauen. In Sachsen-Anhalt hat Lothar Tautz mit seinem Team 38 Schulprojekttage durchgeführt, viele weitere Beispiele sind in den Jahresberichten nachzulesen. Schon aus diesen kurzen Anmerkungen wird sichtbar, dass wir in der regionalen Arbeit nicht nur in Großstädten, sondern sehr stark auch in kleinen Städten und Gemeinden präsent sind. Die ganze Bandbreite der Aktivitäten mit vielen unterschiedlichen Themenfeldern und Organisationsformen kann ich nur verkürzt in Stichworten aufzeigen: ■ Vortragsabende, Filmvorführungen und Ausstellungen zu Themen wie DDR Geschichte und Friedliche Revolution, Nationalsozialismus, Judenverfolgung, Holocaust, Widerstand, Zwangsarbeit, Euthanasie, Erster und Zweiter Welt krieg, Demokratiegeschichte, Europa ■ Studienreisen und Exkursionen zu Ge denkstätten, Seminare ■ Schüler- und Jugendworkshops, Rad touren und Stadtrundgänge ■ Lesungen und Buchvorstellungen, Kon zerte, Theateraufführungen ■ Gedenkveranstaltungen ■ Lehrerfortbildungsveranstaltungen ■ Publikationen zur Regionalgeschichte, Biografien, Zeitzeugenberichte ■ Projekttage mit Schulen und Jugend gruppen ■ Fachtagungen ■ Baumpflanzaktionen ■ Aufbau von Netzwerken, Zeitzeugen gespräche ■ Vorbereitung von Stolperstein-Verle gungen und anderen Formen der Erin nerungsarbeit ■ Betreuung von Asylsuchenden und vie les andere mehr. Die tragenden Säulen der regionalen Arbeit sind die Sprecherinnen und Sprecher mit ihren Teams. Frauen und Männer mit völlig verschiedenen Lebens- und Berufserfahrungen, mit unterschiedlichen Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeiten und die Existenz zweier deutscher Staaten, Menschen mit unterschiedlichen Verbindungen zu politischen Parteien, aus allen Altersgruppen und aus Wohnorten in allen 16 Bundesländern. Einige stehen noch aktiv im Berufsleben, andere sind schon im Ruhestand, aber dennoch ausgesprochen aktiv, da wären zu nennen: Lehrerinnen und Lehrer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gedenkstätten oder in der Erwachsenenbildung, Frauen und Bürgerinnen und Bürger, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein können, und dennoch verbindet sie alle in ganz bemerkenswerter Weise die gemeinsame ehrenamtliche, engagierte Arbeit gegen das Vergessen und für die Demokratie. Sie alle eint das Bestreben, im Rahmen ihrer regionalen Kapazitäten, Interessen und Bedürfnisse an Jugendliche und Erwachsene ihrer Region Wissen zu vermitteln, sie zum Nachdenken anzuregen und durch die Vermittlung historischen Wissens ihren Blick für die Gegenwart und die Zukunft zu schärfen. Soweit die Sprecherinnen und Sprecher noch im Berufsleben stehen, spenden sie für diese Arbeit große Teile ihrer Freizeit. Diejenigen unter ihnen, die sich bereits im Ruhestand befinden, bringen ihre Lebenserfahrung, ihr Fachwissen und ihre Schaffenskraft mit großem Elan ehrenamtlich auf vielfältige Weise ein. Das unterscheidet diese Kolleginnen und Kollegen deutlich von manchen Mitmenschen aus Politik und Wirtschaft, die es trotz überdurchschnittlich hoher Ruhestandbezüge vorziehen, ihr Einkommen durch hochdotierte Posten in der Wirtschaft zusätzlich zu steigern. Zusammenfassend kann ich feststellen, dass sich die regionalen Arbeitsgruppen durch Ideenreichtum, Kreativität und große Einsatzbereitschaft auszeichnen. Besondere, bedeutende Markenzeichen sind: ■ Vielfalt der aufgegriffenen Themen ■ die Fähigkeit, andere Kooperationspart ner mit in diese gemeinnützige Arbeit einzubinden ■ die Bereitschaft, sich ständig weiterzu bilden und auch neue technische Möglichkeiten kreativ zu nutzen ■ die Präsenz sowohl in den Großstädten als auch im ländlichen Raum Vor allem ist unser gemeinsamer Einsatz „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ ein ständiger Einsatz. Er beschränkt sich nicht – wie bei manchen Organisationen – auf kurze Phasen emotionaler Erregung bei bestimmten Ereignissen. Foto: RAG Südhessen 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018

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Thema Foto: GVFD Alle aktiven Kolleginnen und Kollegen in den Regionalgruppen verstehen ihre Arbeit auch als ihre ganz persönliche Antwort auf Extremismus und jegliche Formen von Intoleranz. Die vielbeschworene „Gemeinsamkeit der Demokraten“ wird in unserer Vereinigung nach wie vor auf vielfältige Weise durch praktische Arbeit mit Leben erfüllt. Mindestens zweimal im Jahr treffen sich die Sprecherinnen und Sprecher an unterschiedlichen Orten zum intensiven Erfahrungsaustausch. Bei diesen Treffen werden unterschiedliche Standpunkte und Lösungsvorschläge offen und fair diskutiert. Wir suchen nach neuen Wegen zu einer öffentlichkeitswirksamen Erinnerungskultur, die uns und vor allem jungen Menschen in den heutigen Zeiten des Umbruchs eine Orientierungshilfe für Gegenwart und Zukunft sein können. Trotz aller Bemühungen bleiben manche Fragen weiterhin offene Fragen, weil wir eben nicht diejenigen sind, die sich mit einfachen Antworten zufriedengeben. Ich freue mich darüber, dass ich mit Blick auf Während des RAG-Sprechertreffens in Frankfurt am Main 2014 entstand dieses Gruppenfoto. die regionalen Arbeitsgruppen eine durchgehend positive Bilanz ziehen konnte, und bin sicher, dass die RAGs auch in Zukunft in gleicher Weise ihren Beitrag zum Erfolg unserer Vereinigung leisten werden. Ein entscheidendes Kriterium für die positive Entwicklung ist die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Damen und Herren des Vorstands unter der Leitung von Herrn Prof. Faulenbach und Herrn Dr. Parak mit dem gesamten Team der Geschäftsstel- le. Hierfür danke ich herzlich. Mein Dank gilt auch allen Mitgliedern, die durch ihre Mitgliederbeiträge, Spenden und ganz persönliche Mitarbeit die Arbeit der RAGs maßgeblich unterstützt haben, und natürlich auch allen Sprecherinnen und Sprechern sowie meinem Stellvertreter Andreas Dickerboom für die geleistete Arbeit und die freundschaftliche Zusammenarbeit. ■ Ernst Klein ist Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppe Nordhessen-Südniedersachsen und gemeinsam mit Andreas Dickerboom Gesamtsprecher der regionalen Arbeitsgruppen von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Klaus Müller Europäische Erinnerungsarbeit verstärken Verdun – Darmstadt – eine europäische Beziehung 1916 – 2016 Rückblick auf ein Projekt der RAG Südhessen im Jahr 2016 Anlässlich des 100. Jahrestages der Schlacht um Verdun im Jahr 2016 hat die RAG Südhessen in Darmstadt ein Projekt unter der Überschrift „Verdun-Darmstadt – eine europäische Beziehung 1916 – 2016“ durchgeführt, das den Anspruch hatte, historische Erinnerungsarbeit in einem deutsch-französischen Zusammenhang zu betrachten. Im Folgenden soll dieses Projekt noch einmal unter dem Gesichtspunkt seiner Entstehung und der Schritte seiner praktischen Um- setzung beschrieben und bewertet werden. » Plus jamais! – nie wieder!: Ein Plakat im öffentlich zugänglichen Garten des Palais Episcopal in Verdun ruft trotz unterschiedlicher nationaler Narrative zur gemeinsamen europäischen Erinnerungsarbeit auf. Foto: Klaus Müller Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018 7

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Thema Teilnehmende der Fahrt nach Verdun im Sommer 2016 am Denkmal zu Ehren des Lieutenant Émile Driant. Driant und seine beiden Jägerbataillone mit 1 200 Mann hatten im Februar 1916 im Caureswald bei Verdun 30 Stunden lang einem massiven deutschen Artilleriebeschuss widerstanden – und dies letztendlich mit ihrem Leben bezahlt. Driant gilt heute als französischer Nationalheld. » Als im Herbst 2015 die Überlegungen für die Schwerpunkte der historischen Erinnerungsarbeit in Darmstadt im Jahr 2016 diskutiert wurden, kam sehr schnell die Idee auf, der 100. Wiederkehr der Schlacht um Verdun im Jahr 2016 ein besonderes Projekt zu widmen. Dafür gab es mehrere Gründe und Motive: ■ Darmstadt war im Jahre 1916 die Landes- hauptstadt des Großherzogtums Hessen-Darmstadt und beherbergte sowohl Truppen, die im ganzen Jahr 1916 in Verdun eingesetzt waren, als auch – später – bis zu 20 000 Kriegsgefangene auf dem Truppenübungsplatz bei Griesheim. Unter anderem vor diesem Hintergrund plante das Stadtarchiv unter der Leitung von Dr. Peter Engels, die 2014 gezeigte Ausstellung „Residenz – Festung – Kurstadt 1914 – 1918 – Darmstadt, Mainz. Wiesbaden im Ersten Weltkrieg“ im Jahr 2016 noch einmal zu zeigen. ■ Der Archivpädagoge am Staatsarchiv Darmstadt und Lehrer an der GeorgChristoph-Lichtenberg-Schule in OberRamstadt, GVFD-Mitglied Harald Höflein, hatte in den Jahren zuvor jährlich Fahrten mit Schülergruppen nach Verdun unternommen und dabei erlebt, dass die Jugendlichen sehr beeindruckt waren. Er konnte sich daher vorstellen, die Ausstellung des Stadtarchivs über Darmstadt im Ersten Weltkrieg mit Schülerinnen und Schülern um ganz spezielle Exponate zu ergänzen und das Staatsarchiv insgesamt für Recherchen für interessierte Jugendgruppen zu öffnen. ■ Die Museumspädagogin und an der Lichtenbergschule in Darmstadt tätige Lehrerin Margit Sachse (ebenfalls Mitglied vonGegen Vergessen – Für Demokratie e.V.), die seit mehreren Jahren die Erinnerungsarbeit der Stadt pädagogisch mitgestaltet, plante ein umfas- sendes Programm für die Europawoche 2016 an ihrer Schule. Wie bereits 2013 sollten dabei im Rahmen eines deutsch-französischen Geschichtsprojektes Schülerinnen und Schüler der Partnerschule Lycée Marie de Champagne in Troyes eingebunden werden. Die Lehrerin plädierte dafür, Jugendliche zu Guides auszubilden, die deutsche und französische Altersgenossen und Jugendgruppen durch die Ausstellung führen können. So entstand die Idee zu einem gemeinsamen Projekt, bei dem ich selbst als Sprecher der RAG Südhessen eine Reihe inhaltlicher und organisatorischer Aufgaben übernahm. Leitender Gedanke aller weiteren Planung war, dass es sich um kein rein historisches Erinnerungsprojekt handeln sollte. Die konkreten Schlachtereignisse und -abläufe sollten nicht im Mittelpunkt stehen. Vielmehr sollten vor allem die un- ■ Das Hessische Staatsarchiv Darmstadt verfügt über eine Fülle von Unterlagen über den Ersten Weltkrieg: Archivale verschiedenster Art, Dokumente, biografische Unterlagen zu einzelnen Soldaten, speziell auch zu Personen, die besonders bekannt geworden sind wie z.B. die späteren Weltkriegsoffiziere und SS-Generäle Maximilian Herff und Karl Wolff. Aber es bewahrt auch Erinnerungen an Männer, die später im Widerstand waren wie zum Beispiel CarlHeinrich von Stülpnagel. Das Archiv hat deutliches Interesse signalisiert, diese Unterlagen auch für eine interessierte Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Länderübergreifende Erinnerungsarbeit ist ein wichtiges Thema aller Generationen: Die Teilnehmenden der Verdun-Fahrt am Befehlsstand im Caureswald. Fotos: Klaus Müller 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018

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Thema terschiedlichen Narrative erarbeitet werden, die über die Schlacht von Verdun in Deutschland und in Frankreich seit den 1920er-Jahren entstanden sind. Vor allem sollte in der Auseinandersetzung mit Originalquellen und Experten geklärt werden, welche Auswirkungen diese Narrative auf das politische Bewusstsein der Menschen in beiden Ländern und die Politik bis heute haben. Diese Multiperspektivität und Mehrdimensionalität war das eigentlich Spannende und Interessante an diesem Projekt. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, wurden verschiedene Veranstaltungsformate entwickelt. Es gab „klassische“ Vorträge mit Diskussionen; die Erweiterung der Ausstellung im Staatsarchiv um weitere Archivale durch Schülerinnen und Schüler unter Anleitung; den Besuch von Denkmälern in Dortmund; die Möglichkeit des Aktenstudiums im Archiv und ein Konzert mit Liedern aus dem Ersten Weltkrieg. Außerdem wurden Schülerinnen und Schüler geschult, Gleichaltrige durch die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in Darmstadt zu führen. Als ganz spezieller Zugang wurde ein Vortrag mit Workshop zum Thema „Wie entsteht ein deutsch-französisches Comic zum Ersten Weltkrieg“ geplant – verbunden mit der Möglichkeit für Jugendliche, selbst solche Comics zu entwickeln. Ebenfalls für das Jahr 2016 wurde die Fahrt einer Schülergruppe der Lichtenbergschule Ober-Ramstadt nach Verdun geplant. Zeitgleich bereitete die RAG Südhessen für Juni 2016 eine dreitägige Busfahrt für interessierte Bürgerinnen und Bürger vor, mit einem umfangreichen und detaillierten Programm und vor Ort begleitet vom ehemaligen Bürgermeister des Landkreises Verdun und Lokalhistoriker Pierre Lenhard. Ein zentraler Bestandteil des gesamten Planungsprozesses war die Finanzierung des Projekts. Die Gesamtkosten, etwa für Honorare, Fahrten, Übernachtungen und Werbematerialien (ohne die Juni-Fahrt nach Verdun, die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nahezu selbst finanziert wurde), beliefen sich auf ca. 6.000 Euro. Für einige wenige Veranstaltungen konnte Eintrittsgeld genommen werden. Die am Workshop zur Comic-Erarbeitung beteiligten Schulen leisteten einen Beitrag pro Tag und Gruppe von je 200 Euro. Der Hauptteil der Kosten konnte aus Europaschulmitteln der Lichtenbergschule Darmstadt bestritten werden. Diese hatte von Pierre Jablon und Robert Liebenthal, Nachfahren von Darmstädter Shoa-Opfern, und Dr. Manfred Efinger, Kanzler der TU Darmstadt, eine sehr großzügige Spende erhalten. Damit sollte die Projektinitiative „Schüler Gegen Vergessen Für Demokratie“ etabliert und als Pilotprojekt sichtbar gemacht werden. Weitere Mittel kamen vom Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie, der Georg-Christoph-LichtenbergSchule Ober-Ramstadt und dem Hessischen Staatsarchiv Darmstadt. Anfang des Jahres 2016 stand das Projekt im Wesentlichen. Es wurde in den städtischen Flyer für das Gedenkjahr 2016 aufgenommen und so einem breiten Interessentenkreis in Darmstadt und Umgebung zugänglich gemacht. Fazit: In der Darmstädter Presse und darüber hinaus hat das Projekt mehrfach, zum Teil ausführlich Resonanz erfahren. Ein Mitglied des Magistrats der Stadt Darmstadt eröffnete die Ausstellung im Staatsarchiv am 25. April 2016, um damit auch das städtische Interesse an dieser Art von Erinnerungsarbeit zu verdeutlichen. Das Projekt fand zeitgleich mit vielen Veröffentlichungen in den großen Medien über die heutige Bedeutung der Schlacht von Verdun statt. Deshalb hatte es den von uns gewünschten Effekt auf die öffentliche Wahrnehmung des Themas in Darmstadt. Außerordentlich erfolgreich waren auch die vielfältigen Formen der Einbeziehung Jugendlicher in die Projektgestaltung und die Fahrten nach Verdun. Der über die Lichten- bergschule in Darmstadt organisierte län- » Erinnerung und Gedenken in Frankreich: Eine Veranstaltung in der Innenstadt von Verdun am 19. Juni 2016 anlässlich der Eröffnung eines Denkmals, das an die Rolle der Frauen im Kampf um Verdun erinnert. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018 9

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Thema Foto: Klaus Müller Gemeinsame Fortbildungsveranstaltung von Schülerinnen und Schülern und Lehrenden zum Projekt im Staatsarchiv Darmstadt – mit dem Verdun-Experten Prof. Dr. Gerd Krumeich. » derübergreifende Teil des Projekts war ebenfalls sehr erfolgreich, weil die be- teiligten Jugendlichen neue Erfahrungen machen konnten. Insgesamt zeigt das Projekt: Der Gedanke eines transnatio- nalen, europäischen Erinnerns eröffnet neue Perspektiven für alle Beteiligten. Er ist gerade heute von grundsätzlicher politischer Bedeutung, da in vielen Ländern Europas nationalistische und rechtspo- Klaus Müller ist Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppe Südhessen von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. pulistische Tendenzen einen Auftrieb erfahren. In diesem Sinne wird die RAG Südhessen auch 2018 internationale Jugendbegegnungen und Studienfahrten zu historisch-politischen Themen unterstützen und im September einen zweitägigen Besuch des Hauses der Europäischen Geschichte in Brüssel anbieten. ■ Anzeige „Kommunistische Diktaturerfahrungen – Das unsichtbare Gepäck. Ein Aspekt der Migrationsgeschichte und seine Wirkung bis heute.“ FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Kommunistische Diktaturerfahrungen – Das unsichtbare Gepäck. Ein Aspekt der Migrationsgeschichte und seine Wirkung bis heute. Die neue Publikation von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Ruth Wunnicke unter Mitarbeit von Sabine Arnold, Michael Parak, Dennis Riffel, Nils Theinert kann kostenfrei in der Berliner Geschäftsstelle bestellt werden oder online unter: 10 Gegewn Vwergwess.egn –eFgüreDnem-ovkerartige e| Nsr.s9e5n/ M.därze2/0u18nsere-angebote/kommunistische-diktaturerfahrungen

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Thema Foto: WIKImaniac, Wikimedia Commons Bernhard Schoßig Straßennamen: ein kommunales „Biotop“ der Geschichtspolitik und Erinnerungskultur Die Vergabe von Straßennamen in Gemeinden gehört zum Bereich der kommunalen Selbstverwaltung, die damit auf der örtlichen Ebene geschichtspolitische und erinnerungskulturelle Akzente setzen kann. Dabei gelten Benennungen von Straßen nach Personen in aller Regel als besondere Form der Ehrung. Namensgebungen wurden und werden aber auch immer wieder zum Gegenstand kommunalpolitischer Auseinandersetzungen. Vielfach dreht sich der Streit dabei heute um Personen und Ereignisse der neueren und neuesten Geschichte, vornehmlich aus der Zeit des Nationalsozialismus. Zwar wurden bereits nach der Befreiung die meisten nationalsozialistisch konnotierten Straßennamen auf Veranlassung der alliierten Siegermächte getilgt. Dennoch blieben manche Straßennamen erhalten, wenn die politische Belastung des Namenspatrons damals übersehen oder nicht erkannt wurde. Auch in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik wurde gelegentlich bei Straßenbenennungen die Rolle des Namenspatrons während des Nationalsozialismus gar nicht oder nur oberflächlich geprüft. Die Umbenennung eines Platzes ist eine Möglichkeit des Umgangs mit belasteten Straßen- und Platznamen. Ein besonders prägnantes Beispiel dieser Art wurde in den vergangenen Jahren vom „Institut für zukunftsweisende Geschichte“ – einer seit 1987 bestehenden Münchner Geschichtswerkstatt – ausführlich dokumentiert. Der Jurist Dr. Alois Wunder (1878–1974) stand seit 1907 drei Jahrzehnte lang im Dienst der Stadt Pasing, davon 24 Jahre, in vier politischen Systemen als Bürgermeister. Unmittelbar vor der Eingemeindung Pasings nach München 1938 beschloss der nationalsozialistische Stadtrat, die Planegger Stra- ße in Oberbürgermeister-Wunder-Straße » Der Münsteraner Schlossplatz, ehemals Hindenburgplatz. Foto: Rüdiger Wölk, Wikimedia Commons 11GGeeggeenn VVeerrggeesssseenn –– FFüürr DDeemmookkrraattiiee || NNrr.. 9955 // MMäärrzz 22001188

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Thema Foto: Adrian Greiter Photodesign namen“, die nach eingehender Beschäftigung mit dem Thema eine Umbenennung des Hindenburgplatzes vorschlug. Der Rat der Stadt beschloss daraufhin am 21. März 2012 die Umbenennung des Hindenburgplatzes in Schlossplatz. Ein im September gegen diesen Beschluss gerichtetes Bürgerentscheid blieb erfolglos. In Bad Tölz entschied man sich mit dem Konzept „Informationsweg“ für einen anderen Umgang mit dem belasteten Straßennamen » umzubenennen. 1946 machte die Stadt München diese Benennung aufgrund der Nähe Wunders zum Nationalsozialismus rückgängig. Nach 1945 wurde Alois Wunders Tätigkeit in der Zeit der Diktatur überwiegend verschwiegen oder verklärt. Es konnte daher zu einer Legendenbildung kommen, die 1978 erneut zur Benennung einer Straße nach ihm führte. Zwar hatte die Stadtverwaltung im Vorfeld eine Anfrage hinsichtlich einer Mitgliedschaft in der NSDAP und weiteren NS-Organisationen an das seinerzeit von den Vereinigten Staaten verwaltete Berlin Document Center gerichtet. Dieses schickte Kopien von Unterlagen, aus denen hervorging, dass Wunder seit 1933 verschiedenen NS-Organisationen angehört hatte und seit dem 1. Mai 1937 auch Mitglied der NSDAP gewesen war. Dennoch befand die für die Straßenbenennungen zuständige Stelle, dass die politische Integrität gewährleistet sei. Der Grund für die Entnennung im Jahr 1946 war offensichtlich 32 Jahre später der Stadtverwaltung nicht mehr bekannt. Aufgrund der neuen, umfangreich belegten Erkenntnisse über die Tätigkeit Wunders während der NS-Zeit lösten forderte die Bürgerschaft eine Überprüfung dieser Namensgebung und eine Umbenennung. Dies lehnte der Ältestenrat des Münchner Stadtrates bislang ab, ohne dass die Gründe dafür bekannt gegeben wurden. Derzeit liegt die Angelegenheit auf Eis, denn der Münchner Stadtrat hat ein umfangreiches Projekt „Historisch belastete Straßennamen überprüfen und einen Vorschlag für den Umgang damit erarbeiten“ beschlossen. Seit Oktober 2016 werden nun alle seit Beginn des 20. Jahrhunderts vergebenen Straßennamen überprüft, für den künftigen Umgang mit problematischen Straßennamen sollen Strategien entwickelt werden. Ergebnisse liegen noch nicht vor. Auch neue Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft und damit verbundene Neubewertungen der Bedeutung einzelner historischer Persönlichkeiten stellen Namenspatronate infrage. Dem früheren Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Beispiel sind in Deutschland in annähernd 400 Orten Straßen und Plätze gewidmet. Lange Zeit wurde er als Kriegsheld und demokratisch gewählter Reichspräsident verehrt. Inzwischen aber wird auf seine verhängnisvolle Rolle während des Ersten Weltkrieges und in der Weimarer Republik verwiesen, die in der Machteinsetzung Hitlers am 30. Januar 1933 kulminierte und deshalb heute gegen eine Ehrung seines Andenkens in Form einer Straßenbenennung spricht. Diese Neubewertung hatte zwischenzeitlich in verschiedenen Orten Konsequenzen, so in Münster und Bad Tölz. In Münster bildeten 2010 der Oberbürgermeister, Vertreter aller Ratsfraktionen und zwei wissenschaftliche Fachvertreter eine Kommission „Straßen- Dr. Bernhard Schoßig war erster pädagogischer Leiter des heutigen Max-MannheimerStudienzentrums in Dachau und ist Vorsitzender des Instituts für zukunftsweisende Geschichte e.V. In Bad Tölz wollte man es auf eine solche Konfrontation nicht ankommen lassen und entschied sich für einen bemerkenswerten anderen Weg. Auch hier wurde zunächst eine Projektgruppe aus lokalen und auswärtigen Fachleuten eingesetzt, die das Konzept eines „Informationsweges Hindenburgstraße“ entwickelten. Danach sollte der Straßenname beibehalten, aber zugleich deutlich gemacht werden, dass er ausdrücklich keine Ehrung mehr darstellt. Zudem wurden kurze, prägnante Texte zur historischen Rolle Hindenburgs für eine Tafel und neun Stelen erarbeitet, die entlang der Hindenburgstraße aufgestellt wurden. Die Gestaltung der Tafel und der Stelen wurde einer Designerin übertragen. Der von der Stadt Bad Tölz eingeschlagene Weg zeigt, dass es bei historisch belasteten Straßennamen auch Lösungen gibt, die zwischen einer Umbenennung, die lediglich die Vergangenheit „entsorgt“, und einer kommentarlosen Beibehaltung des Namens liegen. So können Straßenzusatzschilder bestimmte Sachverhalte erläutern. Denkbar sind aber auch – wie in Münster und Bad Tölz – ausführliche Dokumentationen im Internet. Insgesamt bleibt das Thema historisch belasteter Straßennamen aktuell. Obwohl es heute eher um lokale NS-Größen geht, ist es nicht darauf beschränkt, Stichwort: deutscher Kolonialismus. Für eine kritische Heimatforschung gibt es auf diesem Feld durchaus noch viel zu tun. ■ Hinweise: ■ https://www.muenster.de/stadt/ strassennamen/hindenburg.html ■ http://infoweg-hindenburgstrasse.de/ ■ Bernhard Koch, Bernhard Schoßig, Bernd-Michael Schülke: … nur ein Mitläufer? Der Pasinger Bürger meister Dr. Alois Wunder während der Zeit des Nationalsozialismus. Pro Business, Berlin 2017 ISBN 978-3-864-60688-5 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018

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Foto: Harald Roth Thema Birgit Kipfer, Harald Roth, Volker Mall Das vergessene KZ vor der Haustür Anfangs – 2001 – waren wir zu dritt, drei Mitglieder der Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., die vor Ort etwas bewegen wollten. Und da gab es – fast vor unserer Haustür südwestlich von Stuttgart – ein beinahe vergessenes Konzentrationslager auf einem Nachtjägerflugplatz der Wehrmacht zwischen den Dörfern Hailfingen und Tailfingen. Die Start- und Landebahn versteckt sich noch heute unter Gebüsch und Bäumen. Die Geschichte dieses Lagers und dieses Platzes wollten wir untersuchen. Was wir wussten, hatten wir einem Beitrag von Monika Walther-Becker in dem 1978 von Herwart Vorländer herausgegebenen Buch „Nationalsozialistische Konzentrationslager im Dienst der totalen Kriegsführung“ entnommen. Unter der Leitung von Professor Utz Jeggle von der Universität Tübingen hatte ein Förderverein zur Errichtung eines Mahnmals 1987 eine Erinnerungstafel am Beginn der Startbahn aufgestellt. Aber Genaueres wusste man nicht. Nie hatten die deutschen Behörden nach dem Krieg den Besatzungsmächten von dem Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof berichtet. Auch die Gemeindeverwaltung hatte versucht, das Geschehene zu verharmlosen. Man munkelte von einem „Arbeitslager“ und Gewalt, die die Häftlinge einander zugefügt hätten. Die Erinnerung der Bevölkerung konzentrierte sich auf eine Begebenheit, bei der zwei Dorfbewohner Opfer gewesen waren. Ein ehemaliger Häftling hatte Ende Mai 1945 die französischen Besatzer auf das Massengrab auf dem Flugplatzgelände aufmerksam gemacht. Französische Soldaten befahlen am 2. Juni 1945 den Einwohnern der umliegenden Dörfer die Exhumierung der Leichen. In der Folge starben zwei Dorfbewohner. Über Jahrzehnte war der Bevölkerung dieses traumatische Erlebnis in Erinnerung geblieben. Dagegen war das Wissen um das Lager und die geschundenen Menschen, die auf dem Weg in die Steinbrüche durch die Dörfer getrieben worden waren, völlig verblasst. Und wir, die wir uns anschickten, die Geschichte auszugraben, wurden argwöhnisch beäugt. Das war die Ausgangslage unserer Arbeit. Wir luden 2001 Utz Jeggle zu einem Vortrag mit dem Titel „Alles halb so schlimm?“ in Tailfingen ein. Statt der erwarteten 30 Besucher kam das halbe Dorf zusammen. Offensichtlich war das Thema präsent. Bei seiner Suche in etlichen Archiven fand Harald Roth 2005 im Archiv der Zentralen Das Mahnmal des Künstlers Rudolf Kurz erinnert an die insgesamt 601 Häftlinge, die im November 1944 von Auschwitz in das KZ-Außenlager gebracht worden waren. Stelle Ludwigsburg das Nummernbuch, das penibel alle Namen und die Herkunft der 601 jüdischen Häftlinge im KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen auflistete. Diese Namen wurden unter anderem mit der Erinnerungsstätte Yad Vashem, Jerusalem abgeglichen. So gelang es, einige noch lebende Zeitzeugen zu identifizieren. Einer von ihnen war Mordechai Ciechanower, ein ehemals polnischer Jude. Er kam, kaum hatten wir ihn kontaktiert, aus Israel geflogen. Zu der bewegenden Veranstaltung mit ihm im November 2005 in der Bürgerhalle von Tailfingen waren 500 Menschen gekommen. Sie war endlich auch das Startsignal für die Gemeinde Gäufelden, zu der das Dorf Tailfingen gehört, sich um ein würdiges Erinnern zu kümmern. Die Gemeinde beauftragte gegen manche Bedenken im Gemeinderat auf Basis der Recherchen von Volker Mall und Harald Roth einen professionellen Ausstellungsmacher damit, im Alten Rathaus Tailfingen einen Gedenkraum einzurichten. Wir erhielten zwölf Video-Interviews von überlebenden Häftlingen von der Shoah Foundation in Los Angeles. Teile dieser Videos fanden Eingang in die Ausstellung der Gedenkstätte. Mit hohem ehrenamtlichen Einsatz bei der inhaltlichen Gestaltung gelang es, diese im Juni 2010 in Anwesenheit zahlreicher Überlebender oder Nachkommen der Häftlinge und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu eröffnen. Zum gleichen Zeitpunkt konnte durch die Stadt Rottenburg am Neckar mit ihrem Teilort Hailfingen auf dem Gelände des Flugplatzes ein vom Künstler Rudolf Kurz gestaltetes Mahnmal der Öffentlichkeit übergeben werden. Dieses Mahnmal enthält die Namen aller 601 Häftlinge, die im November 1944 von Auschwitz über das KZ Stutthof bei Danzig nach Tailfingen transportiert worden waren – nicht nur die Namen der 189 Männer, die nachweislich in den drei Monaten der Existenz des Lagers ums Leben kamen. In Teilen der Bevölkerung stieß unsere Arbeit auf Wohlwollen, sodass 2010 nicht nur ein Trägerverein für die Gedenkstätte gegründet werden konnte, sondern sich auch engagierte Menschen für den ehrenamtlichen Einsatz bei deren Betrieb einfanden. Auch schloss sich uns mit Johannes Kuhn ein junger Filmemacher an, der zwei Filme drehte und seither auch alle Geschehnisse filmisch festhält. Die Einrichtung eines Seminarraumes für die Arbeit mit Schulklassen und für Veranstaltungen war uns überlassen worden. Mit Sponsorengeldern, die wir unter an- derem mit einer durch uns organisierten » 13Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018

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Thema Fotos: Harald Roth » Benefizveranstaltung mit Iris Berben ein- warben, konnten wir wenig später den Raum im ersten Stock des Alten Rathauses mit der notwendigen technischen Ausstattung in Betrieb nehmen. Dazu wurden junge Leute, überwiegend Studierende der Uni Tübingen, zu Jugendguides ausgebildet. Sie entwickelten Module zum historischen Lernen, um Jugendlichen „auf Augenhöhe“ das Geschehene zu vermitteln. Auch unsere monatliche Sonntagnachmittagsveranstaltung wird von der Öffentlichkeit sehr gut angenommen. Das Ergebnis künstlerischer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – ein Kreativworkshop ermöglicht in Hailfingen-Tailfingen lebendige Erinnerung auch in der Gegenwart. Ein Gedenkpfad auf dem weitläufigen Gelände des ehemaligen Flugplatzes weist auf die Unterkunft der Häftlinge, deren Arbeit in Steinbrüchen und auf das Massengrab hin. Erst kürzlich wurden die verschiedenen Stationen mit neuen Informationstafeln versehen. Die darauf enthaltenen QR-Codes machen die Stimmen der überlebenden Zeitzeugen auf einem Smartphone hörbar. Im Verlauf der Jahre wurde uns klar, dass unser Motiv zu kurz greift, ein Geschehen aus der NS-Zeit „vor der Haustür“ – und nicht nur weit weg im Osten Europas – dem Vergessen entreißen zu wollen. Bis in die jüngste Zeit gelang es, Nachkommen der Häftlinge in vielen Ländern der Welt ausfindig zu machen. Manche von ihnen erfuhren erst durch unsere Recherchen von dem Verbleib ihrer Väter und Großväter. Etliche von ihnen sind unserer Einladung inzwischen gefolgt. So ist in vielen Tausend Stunden ehrenamtlicher Tätigkeit mit der Gedenkstätte auch ein Ort der Trauer für die Familienangehörigen der Ermordeten entstanden. Es ist uns ein großes Anliegen, die Gedenkstätte als lebendigen Ort der Erinnerung in der Gegenwart zu gestalten. Bereits zum dritten Mal fand im Sommer dieses Jahres unter der Anleitung von drei bildenden Künstlern ein Workcamp zur kreativen Auseinandersetzung mit dem Geschehen statt – in diesem Jahr mit internationaler Besetzung in Zusammenarbeit mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. So wird es weitergehen. ■ Der Überlebende Mordechai Ciechanower deutet am Mahnmal auf seinen Namen. Veröffentlichungen: 2007: Dorothee Wein, Volker Mall, Harald Roth: Spuren von Auschwitz ins Gäu: Das KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen. Markstein Verlag, Filderstadt. Zur Vorstellung des Buches sprach Joachim Gauck in Rottenburg am Neckar vor 300 Menschen. Mit diesem Buch fuhren wir über die Dörfer, um über das Geschehen aufzuklären. 2006 / 2007: Übersetzung der Autobiografie von Mordechai Ciechanower vom Hebräischen ins Deutsche – erschienen unter dem Titel „Der Dachdecker von AuschwitzBirkenau“ im Metropol-Verlag, Berlin. 2008: Übersetzung der Autobiografie von Marga Griesbach, Tochter des ersten Häftlings, der in Hailfingen-Tailfingen ums Leben kam, aus dem Englischen ins Deutsche – erschienen unter dem Titel „… ich kann immer noch das Elend spüren … Ein jüdisches Kind in Deutschland 1927–1945“, Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem, Hannover. 2009: Volker Mall, Harald Roth: Jeder Mensch hat einen Namen. Gedenkbuch für die 600 jüdischen Häftlinge des KZ-Außenlagers Hailfingen-Tailfingen, Metropol Verlag, Berlin. Mit Film auf DVD von Bernhard Koch. 2011: Übersetzung der Kindheitsgeschichte eines Häftlings in Hailfingen-Tailfingen, erschienen unter David A. Adler: Froim – Der Junge aus dem Warschauer Ghetto. Metropol Verlag, Berlin. 2014: Volker Mall: Die Häftlinge des KZ-Außenlagers Hailfingen-Tailfingen – Daten und Portraits aller Häftlinge. Herrenberg. Birgit Kipfer ist Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Baden-Württemberg von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.; Harald Roth ist Sprecher der RAG BöblingenHerrenberg-Tübingen; Volker Mall ist Mitglied der RAG Böblingen-Herrenberg-Tübingen von Gegen Vergessen – für Demokratie e.V. Filme: 2006: Johannes Kuhn: Geschützter Grünbestand – Ein Film gegen das Vergessen. 2010: Johannes Kuhn: Jugendguides in der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen. 2014: Johannes Kuhn: Der Dachdecker von Auschwitz-Birkenau. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018

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Foto: Berndt Steincke Thema Regionale Arbeitsgruppen in Schulen Viele Regionale Arbeitsgruppen engagieren sich in der Jugendbildung und an Schulen. Eine Gruppe, deren Schwerpunkt auf der Projektarbeit mit Schülerinnen und Schülern liegt, ist die Regionale Arbeitsgruppe Westküste in Heide in Schleswig-Holstein. Die verschiedenen Projekte und Aktionen der Sektion können als Anregung für die eigene Arbeit dienen und geben Aufschluss über die Besonderheiten, aber auch die vielfältigen Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Schulen als Kooperationspartnern. Wir fragten Berndt Steincke und Dr. Matthias Duncker, die beiden Koordinatoren in Heide. Welche Projekte habt ihr in der letzten Zeit durchgeführt? Jüdische Musik in Konzentrationsund Vernichtungslagern Anfang 2017 begann der Unterricht mit einer 11. Klasse des Profilkurses Geschichte des Gymnasiums Heide-Ost mit einer Studienfahrt nach Prag und Theresienstadt. Die Besichtigung des ehemaligen KZs Theresienstadt, eine Stadtbesichtigung und der Besuch des dortigen Museums mit anschließendem Workshop vor Ort brachten eindrucksvolle Erkenntnisse. Kleine Inszenierungen über das Leben im Konzentrationslager wurden vor Ort entwickelt und gezeigt. Nach Rückkehr in Heide fanden zwei von Lehrkräften und Schülern entwickelte Theateraufführungen vor Schulklassen und Eltern statt. Überdies erstellten eine dritte Lehrkraft sowie Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht ein Programmheft sowie einen DVD-Videofilm. Die Presse berichtete darüber. Anne-Frank-Projekt Im Juni 2017 wurde in der Heider St.Jürgen-Kirche in Kooperation mit dem Anne-Frank-Zentrum Berlin eine AnneFrank-Ausstellung gezeigt. Schüler der 8. Klasse wurden von Dozenten aus Berlin an zwei Seminartagen für Führungen von Schulklassen und Besuchergruppen Programmheft der Theateraufführung im Gymnasium Heide-Ost zum Thema Holocaust und jüdische Musik in Konzentrations- und Vernichtungslagern. ausgebildet. Zum Beiprogramm gehörte der öffentliche Vortrag eines Opfers des Möllner Brandanschlages von 1992 (Ibrahim Arslan) am 6. Juni 2017. Der Heider Filmclub zeigte im Kino den Film „Das Tagebuch der Anne Frank“. Im Jüdischen Museum Rendsburg fand in der ehemaligen Synagoge ein eintägiger Workshop statt. Kirche, Stadt Heide Im Zuge des Fritz-Bauer-Projektes reisten die Schülerinnen und Schüler unter anderem nach Auschwitz, um vor Ort eigene Recherchen zu betreiben. und die Raiffeisenbank stellten Räume für Workshops und für die vierwöchige Ausstellung zur Verfügung. Die hohe Zahl von Besuchern, vor allem von Schülern aus Heide und Nachbarorten, haben uns sehr gefreut. Presse und Rundfunk berichteten. Putzen der Stolpersteine in der Stadt Heide Am 9. November 2017 wurden wie in jedem Jahr die sieben Stolpersteine im Heider Stadtgebiet geputzt. Diese Aktion wurde bisher mit Politikern, kirchlichen Jugendorganisationen, einer muslimischen Gemeinde, Heider Vereinen, Firmenvertretern sowie Schülerinnen und Schülern durchgeführt. Über eine App und nach Vorarbeit einer Schulklasse des Werner-Heisenberg-Gymnasiums sowie der sprachlichen Umsetzung der Texte durch Mitarbeiter des Heider NDR-Studios können die Geschichten der Opfer jederzeit per Handy abgerufen werden. Fritz-Bauer-Projekt Das Jahresprojekt zeigt das mutige Engagement von Fritz Bauer, seine Tätigkeiten, seine Probleme bei der Verfolgung von NS-Verbrechen und seine hohen Verdienste für die Glaubwürdigkeit unserer jungen deutschen Demokratie. Es war Fritz Bauers Verdienst, dass die deutsche Justiz NS-Verbrecher im Lagerkomplex Auschwitz zur Rechenschaft zog. Auch seine Tätigkeit zur Auffindung und Verurteilung des Massenmörders Eichmann gehört zu seinen Verdiensten. Für die jetzige 12. Klasse des Gymnasiums fanden zwei Informationsreisen statt. Im Mai 2017 nach Krakau und Auschwitz, um vor allem im Archiv (im ehemaligen Stammlager) zu recherchieren, und im Herbst nach Frankfurt am Main, um das Zustandekommen des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963 – 1965) und dessen juristische Schwierigkeiten besser » Foto: Wolfgang Cezanne 15Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 95 / März 2018

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