Integral. The Ambient Paintings of Bruno Kurz (dt)

 

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Ausstellungskatalog

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INTEGRAL THE AMBIENT PAINTINGS OF BRUNO KURZ

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1 Lux 5, acrylic & oil on canvas, 180 x 180 cm / 71 ×71 in

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INTEGRAL THE AMBIENT PAINTINGS OF BRUNO KURZ 198 Davenport Road, Toronto, ON M5R 1J2 Canada I 416.962.0438 or 800.551.2465 I info@odonwagnergallery.com odonwagnergallery.com

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„Wir dürfen nicht auf das Kaleidoskop unserer vergänglichen Welt in Faszination oder Verzweiflung starren; wir müssen es aufmerksam beobachten in Erwartung des Aufkommens neuer Sinngehalte.” Maurice Merleau-Ponty Integral: Die Ambient-Gemälde von Bruno Kurz Donald Brackett, Vancouver, 2017 Aus Gründen, die so mysteriös sind, dass ich es vorziehe, ihre Ursprünge nicht erschöpfend zu analysieren, hat Bruno Kurz wieder einmal elegante und verhaltene visuelle Arbeiten geschaffen – oft mit Pigmenten oder Harz auf Metall –, die, so scheint es mir, die immaterielle Aura von lebendiger Musik vermitteln. Sie vibrieren auf einer unterschwelligen Wellenlänge, die, wenn man sie einmal gefunden hat, nie mehr abklingt, sondern sich stattdessen immer weiter zu einem unhörbaren Tosen aufbaut, das aber keinesfalls betäubend ist, sondern vielmehr bewusstseinserweiternd. Können Gemälde jemals wie eine Art von homöopathischer Medizin wirken? Diese hier können das anscheinend. Sie greifen Aspekte oder Elemente der Natur auf, z.B. von Landschaft, Licht, Horizonten, Eis, von Feldern, Nebel und Wasser, aber statt diese einfach zu repräsentieren, verwenden sie deren Rohmaterialien, um spirituelle Erfahrungen von Transzendenz zu erzeugen. Ambient-Malerei ist nicht aggressiv, aber das heißt nicht, dass sie passiv ist. Im Gegenteil, ein Ambient-Gemälde zeigt seine Kraft auf so stille Weise, dass es geduldig auf uns warten kann, bis wir stark genug sind, seine Gesellschaft zu teilen. Nach der lauten, wilden Periode der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, als elektronisch verstärkte Musik eine Art Gipfelpunkt erreichte, den zu überschreiten das menschliche Gehör nicht mehr verkraften könnte, begannen diverse Komponisten und Musiker, von denen einige sogar dem Pantheon der Rockmusik entstiegen waren, mehr kontemplative Gefilde zu erforschen. Sie nannten das Ambient-Musik. Der Begabteste unter ihnen, Brian Eno, nannte das, was er machte, auch diskrete Musik oder Musik zum Nachdenken: Klänge, die nicht darauf ausgelegt waren, unsere volle Aufmerksamkeit zu verlangen, sondern uns stattdessen erlaubten, still oder gar gedankenleer in ihren Klangräumen zu verweilen. Gleichermaßen entstand in der Kunst der Malerei in den 40er und 50er-Jahren – parallel zu den leidenschaftlich emotionalen Tauchgängen eines Pollock oder de Kooning – ein ruhiges und meditatives Theater des Sehens, in die Wege geleitet von Künstlern wie Rothko oder Stella. Ebenso führten uns die täuschend einfachen Gemälde von Kelly und Reinhardt in eine Domäne ein, die wir korrekt als die der Ambient-Malerei identifizieren können. Wie sollte man sonst eine Gruppe, eine Serie, eine Sequenz von Kurz’ Arbeiten erklären, die uns dazu auffordern, uns einen Tanz zwischen der materiellen Welt der Natur, dem ätherischen Reich der Mathematik und der unsichtbaren Welt der Musik vorzustellen, wie zum Beispiel den, der in jenen seiner Bilder vorgegeben ist, die sich mit dem subtilen Thema von Licht an sich befassen? Light Embers – Red [Lichtglut – Rot] (Abb. 10) und Light Embers – Yellow [Lichtgluten – Gelb] (Abb. 5) verweisen auf die verbleibenden Rückstände eines Feuers, das allmählich in die Vergessenheit verglimmt, vielleicht in der kleinen Kulisse einer privaten Feuerstelle. Derweil vermitteln uns Northern Light – Red [Nordlicht – Rot] (Abb. 2) und Northern Light – White [Nordlicht – Weiß] (Abb.3) die eher gigantischen Ausmaße der meteorologischen Naturerscheinung, die sich in den Himmelsräumen hoch über uns ereignet, etwa in einer galaktischen Feuerstelle, wo das schimmernde Wetter gänzlich metaphysisch ist. Die Schub- und Sogkräfte dieser beiden suggerierten Größenordnungen repräsentieren genau den Bereich, in dem Kurz absolut unübertroffen ist, nämlich wenn er die Paradoxe im Zentrum unserer gelebten Wahrnehmung der sinnlich erfassbaren Welt aufzeigt. Dies macht ihn, meiner Meinung nach, gewiss zu einem exemplarischen Phänomenologen, also einem Praktiker ebendieser Philosophie, die von Merleau-Ponty begründet wurde, jenem französischen Poeten der Sinne, der wollte, dass wir alle dem Aufkommen neuer Sinngehalte für unser herrliches Leben ohne Sorgen und Ängste entgegensehen, indem wir uns sowohl von der Versuchung der Faszination als auch von der Attraktion des Leids abwenden und stattdessen der Disziplin des „aufmerksamen Beobachtens” Vorrang geben.

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Licht im Allgemeinen – so nehmen wir an – ist das, was uns ermöglicht zu sehen, aber was genau ist es, das uns dieses noch größere Vergnügen gewährt, buchstäblich das Licht an sich sehen zu können? Twilight 4 [Zwielicht 4] (Abb. 15) und Lux 5 (Abb.1), welches den alten lateinischen Namen für Licht trägt, sind beide gleichermaßen brilliante formale Portraits einer ungreifbaren Substanz namens Licht, dessen Geschwindigkeit, Einstein zufolge, die einzige Konstante des Universums war. Die einzigen anderen wahren Konstanten wären natürlich dauernder Wechsel und unbeständiger Fluss, die zu den anderen Schlüsselthemen und -aspekten gehören, mit denen Kurz regelmäßig arbeitet, wenn er sich mit seiner aktuellen Bilddokumentation über die Phänomenologie des Geistes befasst. Somit bezieht sich Integral auch auf das, was notwendig ist, um ein Ganzes zu vervollständigen, und was wesentlich oder grundlegend dafür ist, sowie auf Konzepte, die sich aus der Kombination infinitesimaler Daten ergeben – genau wie diese Bilder. Ganz sicher verwende ich den Begriff mindless (gedankenleer) hier im denkbar positivsten Sinne, zumal ich annehme, dass der wahre Zweck oder die wahre Funktion aller Künste, ob Musik, Tanz, Literatur, Skulptur, Architektur, Dichtung oder Malerei, darin besteht, uns einen dringend benötigten Fluchtweg aus unseren Köpfen zu bieten. In gewissem Maße sind die besten Arbeiten immer diejenigen, die uns Urlaub vom Denken gewähren, oder zumindest von dem Zwang, das endlose Geschnatter in unseren Köpfen anhören zu müssen. Deshalb vertrete ich die Ansicht, dass es sich hier um einen Malerei-Stil handelt, der diesselbe Art von gedankenleeren Zuständen hervorruft wie die Meditation, die ironischerweise oft auch als „mindfulness” (buchstäblich Gedankenbzw. Geistesfülle) beschrieben wird. Die Mahnung, im Hier und Jetzt zu sein, ist implizit in den Gemälden, die sich auf nördliche Landstriche beziehen; allerdings sind diese Gebiete auf keinen konventionellen Landkarten verzeichnet. Sowohl Northern Passage 3 [Nordpassage 1] (Abb. 13) als auch Polar Night 1 [Polarnacht 1] (Abb. 16) berichten unseren Augen von einem weit entfernten Gletschergebiet, eingehüllt in rätselhafte Atmosphären. Kurz’ malerische Philosophie gibt mir die größtmögliche Gewissheit, dass, von einer harmonischen Perspektive aus, die Doppelpolaritäten von mindful (gedankenvoll: geistig aktiv, achtsam) und mindless (gedankenleer) sich nicht länger widersprechen; weiterhin erlauben uns seine daraus resultierenden visuellen Artefakte, absolute Ungewissheit zu akzeptieren und sogar zu begrüßen. Seine Arbeiten stehen auf vertrautem Fuß mit dem Unbekannten, in einer Zone, wo Genuss verhältnisgleich mit Kapitulation ist. Nichts liegt seinen Bildern ferner, als davor wegzulaufen und nach dem Bekannten oder Definierbaren zu suchen, um das Unbekannte aus unserem Leben zu verdrängen; stattdessen repräsentieren sie virtuelle Diagramme des Ruhens in der Realität des NichtWissens, und der absoluten Vertrautheit und Leichtigkeit im Umgang mit Ambiguität. Polar Wind 2 [Polarwind 2] (Abb. 17) und Polar Lights [Polarlichter] (Abb. 11) halten auch andere flüchtige Essenzen – reflektiertes Licht und wehenden Wind – auf eine Art und Weise fest, die jeglicher Beschreibung trotzt. Ambient ist auch ein Begriff, der sich auf das unmittelbare Umfeld von etwas bezieht, wie z. B. die Natur der Natur, und ebenso wie Ambient-Musik den Schwerpunkt auf Ton und Atmosphäre setzt auf Kosten von traditioneller musikalischer Struktur oder Rhythmus, stellt Ambient-Malerei Atmosphäre über Narrativ. Empfindung über Erzählung, so würde ich das nennen in der Abwesenheit eines programmatischen Entwurfs. Ein AmbientGemälde ist deshalb irgendwie unaufdringlich, es erlaubt einem, ziellos in sein Bildfeld einzutreten, ohne dieser Erfahrung ein theatralisches Drama überzustülpen. Das subtil schwebende Raumgefühl von zwei Monumenten für gefrorene Flüssigkeit, namentlich Ice Field 1 [Eisfeld 1] (Abb. 6) und Ice Field 2 [Eisfeld 2] (Abb. 7), führt uns auch in ein Wahrnehmungsmuster ein, das erkennbar wird, sobald wir aufhören, nach Bedeutung zu suchen, und stattdessen einfach zusehen, wie sich heimlich Sinngehalt auftut. Tatsächlich werden Wasser als Substanz und die wässrige Natur unseres Geistes oft gleichzeitig thematisiert, z. B. in zweien meiner Lieblingsbilder in dieser zeitgemäßen Serie, Deep Waters 1 [Tiefe Wasser 1] (Abb. 12) und Fog 2 [Nebel 2] (Abb. 14), die meines Erachtens zu den eindrucksvollsten und anspruchsvollsten seiner jüngsten Werke gehören. Fog 2 ist eine besonders magische und geheimnisvolle Arbeit, die äußerst präzise eine feinabgestimmte abstrakte Agenda zusammenfasst, die nichtsdestoweniger real ist und sich nach wie vor ganz und gar auf die Natur bezieht. Solch perfekt gelöste malerische Arbeiten brauchen sich auf keine anderen Welten als ihre eigenen zu beziehen, und sie versuchen nicht, Natur neu zu erschaffen, sondern vielmehr, sie auf jeder einzelnen Leinwand zu reinkarnieren. Nicht auf die vergängliche Welt zu starren, sondern ihr Netz von Energien intensiv zu beobachten in Erwartung des Aufkommens neuer Sinngehalte, ist nur möglich, wenn wir Urteilswertungen aussetzen und es uns erlauben, von der im Bild versteckten emblematischen Botschaft fortgetragen zu werden. Hier ist es, wo der Geist der imagos schwebt und rhythmisch schlägt wie ein buntes Herz aus Farbe. Dies ist das greifbare Residuum von Wach- und Tagträumen, ein Ort, wo manchmal sogar Eisberge in Flammen stehen können. Übersetzung von Harald Symkla, London, 2017

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2 Northern Light - Red, acrylic & oil on metal, 100 x 100 cm / 39 × 39 in

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3 Northern Light - White, acrylic & oil on metal, 100 x 100 cm / 39 × 39 in

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4 Nordic Blue, acrylic & oil on metal, 100 x 100 cm / 39 × 39 in

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5 Light Embers - Yellow, acrylic & oil on metal, 100 x 100 cm / 39 × 39 in

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6 Ice Field 1, acrylic & resin on metal, 140 x 140 cm / 55 × 55 in

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7 Ice Field 2, acrylic & resin on metal, 140 x 140 cm / 55 × 55 in

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8 Ice Water, acrylic & resin on metal, 70 x 70 cm / 28 × 28 in

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9 White North 1, acrylic & oil on metal, 70 x 70 cm / 28 × 28 in

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10 Light Embers - Red, acrylic & oil on metal, 100 x 100 cm / 39 × 39 in

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11 Polar Lights, acrylic & oil on metal, 125 x 125 cm / 49× 49 in

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