VISUELL 3_2017

 

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VISUELL das Informationsmagazin für die Bildbranche

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MAGAZINE FOR THE PICTURE INDUSTRY - ART BUYER AND PHOTOGRAPHERS AUSGABE 03 | 2017 ISSN 2366-6811 Deutschland 5,90 Österreich 6,80 Schweiz 10,50 CHF visuell Magisch. Metamorphosen, meisterhaft inszeniert von Johannes Stötter Inhalt Vorgestellt. Der bund professioneller portraitfotografen – Portraits auf höchstem Niveau Interview. Geheimnis guter Fotos ist die gute Verbindung zum Model, sagt Marc Hayden

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visuell Agenturen Apache (Many Goat’s son). Edward S. Curtis. © akg-images Die menschliche Hybris Als 1839 in Frankreich die ­ Daguerréotypie der ­Öffentlichkeit v­ orgestellt wurde, wurde sie gleich mit großer ­Begeisterung ­aufgenommen. Eine Stunde nach i­hrer Vorstellung von der ­Akademie der W­ issenschaft waren die ­neuen Kameras in allen Läden restlos ­ausverkauft. von Françoise Kuntz Der französische Staat erwarb die Patentrechte und – wahrscheinlich die erste Open Source Aktion eines Staates – beschloss, sie der „Menschheit“ frei zur Verfügung zu stellen. Leider war die von Louis J. M. Daguerre und Joseph N­icéphore Niépce entwickelte Daguerréotypie ein photographisches Verfahren, das nicht reproduzierbare und seitenverkehrte Unikate hervorbrachte. Da die Belichtungszeiten anfangs sehr lange waren (die erste fixierte Aufnahme von Nièpce, die sein Anwesen zeigt, wurde acht bis zehn Stunden belichtet), waren sich bewegende Objekte kaum abbildbar. Die ersten Daguerréotypien mit einer halben ­Stunde Belichtungszeit zeigten meist Städtebilder, auf der die ­Menschen nicht zu sehen sind, weil sie sich zu schnell bewegen. Parallel dazu experimentierte W­ illiam ­Henry Fox ­Talbot in England an der Kalo­ P 06

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George Sand, Schriftstellerin, Nadar. © akg-images Jacques Offenbach, Komponist, Nadar. © akg-images typie, ein Negativ/Positiv Verfahren, das die Reproduzierbarkeit einer Aufnahme erlaubte. Die Experimentierfreudigkeit der Photog­raphen förderte immer bessere chemische Verfahren zu Tage, die kürzere Belichtungszeiten erlaubten. In der Kunstwelt macht sich zeitgleich die Sorge breit, dass die Photographie den bildenden Künstlern den Brot­erwerb erschweren wird. Gleichzeitig bemängeln ­Kritiker, „dass sie so streng getreu die Realität abbildet, dass sie die Grundidee, die sich jeder von der Schönheit macht, zerstören könnte.“ Die Bilder werden auch für ihren unnachgiebigen Realismus kritisiert, welcher die Illusion der Schönheit und der Jugend, in der man sich bisher gewogen hat, zerstört. Und in der Tat, erste Portraitateliers eröffnen ihre ­Türen. Sehr gut in der Kunstwelt vernetzt, startete 1851 der Karikaturist und Autor Félix Tournachon, genannt ­Nadar, ein Projekt, in dem er mit Hilfe seiner Mitarbeiter die berühmtesten Köpfe Frankreichs zeichnen möchte, und auch er benutzt bald die Photo­graphie dafür. Die berühmtesten Individuen der französischen Gesellschaft lassen sich bei ihm abbilden und aus den P­ hotos Visitenkarten erstellen. Fast alle großen Kompo­nisten dieser Zeit, sowie Schauspieler, Schriftsteller und auch Maler ließen sich photographieren. Manchen Bildern mutet ein Hang zum Narzissmus an und ruft ein ­leises Schmunzeln beim Betrachten hervor. H­ ätte es damals schon Selfies gegeben, hätten sie wahrscheinlich großen Anklang bei diesem Publikum gefunden. Auch Nadar hat sich selbst oft in Selbstportraits ins­zeniert. In der Neuen Welt, in der es noch viel zu entdecken gibt, wird die Photographie auch als Medium benutzt,

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visuell Agenturen In love with photography Die Agentur Anzenberger wurde 1989 von Regina Maria Anzenberger ­gegründet und vertritt seitdem ­internationale ­Fotografen auf den Gebieten ­Dokumentation und in den letzten ­Jahren verstärkt Portrait und konzeptionelle F­ otogeschichten. von Rudolf Strobl Kunden der Agentur sind redaktionelle Publikationen wie „New York Times“, „National Geographic“, „Geo“, „Stern“, „Vogue“, „The New Yorker“, „Aperture“ und „Le Monde“. Viele der von der AnzenbergerAgency vertretenen Foto­grafen sind international bekannt und haben weltweit regelmäßig Ausstellungen in Galerien und ­Museen. Die meisten von ihnen veröffentlichten außerdem auch Fotobücher, die von renommierten Verla­ gen heraus­gegeben werden. Nach vielen erfolgreichen Jahren der Anzenberger­ Agency auf dem Gebiet der redaktionellen Fotografie und der Liebe zur Kunst, war die Gründung einer G­ alerie für Regina Maria Anzenberger fast ein zwangsläufiger, natürlicher Vorgang. 2002 war es dann so weit und Regina Anzenberger gründete die Anzenberger­Gallery. Die Räume der Galerie befanden sich bis 2012 in der Zeinlhofergasse 7 (Nähe Naschmarkt). Im September 2012 gab es den großen Umzug in ein weiträumiges Loft der ehemaligen Anker Brotfabrik, die heute Brotfabrik Wien genannt wird. Seit 2005 hat die Galerie auch einen sehr ausführlichen Internetauftritt unter www.anzenbergergallery.com. Die AnzenbergerGallery zeigt vintage und vor allem zeitgenössische Fotografie, deren Qualität immer den höchsten Standards entspricht. Seit 2003 kooperiert die AnzenbergerGallery mit der Austrian National Library. Die Galerie zeigt Silber-Gela­tine-Abzüge (von Original Glas Negativen) von Ferdinand Schmutzer. Zusätzlich hat die Galerie, in Zusammenarbeit mit der Austrian National ­Library und dem Intercultural Portrait of French actress / singer Soko at Cannes film festival 2016 © Paul Grandsard / Anzenberger P 012

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­Social ­Project Graz, nach zweijähriger intensiven Vorbereitung ein Portfolio von ­Heinrich Kuehn mit dem Titel „The Collection of ­Autochrome Plates 1907-1913“ erarbeitet. Die Galerie ist außerdem exklusiver Herausgeber dieses Nachdrucks. In den Ausstellungsräumen an der Absberggasse 27 in Wien, zeigt die AnzenbergerGallery bislang weit­gehend noch nicht gesehene junge oder auch etablierte internationale Künstler in fünf Ausstellungszyklen pro Jahr. Einige der Fotografen werden exklusiv von der Galerie vertreten, wie u­ nter anderen Klaus Pichler, Reiner Riedler, Eugenia Maximova und in Wien, der international berühmte Fotograf Roger Ballen, einer der wichtigsten Fotografen seiner Gene­ration weltweit. Seit 2011 unterhält die Galerie auch einen Bookshop mit einer Auswahl von Bildbänden, einschließlich s­ eltener, signierter und solcher Bücher, die von den Fotografen im Selbstverlag herausgegeben wurden. Im Juni 2013 startete der neue online Bookshop der Anzenberger­Gallery, rechtzeitig zum ersten ViennaPhoto­ BookFestival, einer Kooperation zwischen Anzenberger­Gallery und der ­Galerie OstLicht. 2014 ist die AnzenbergerMasterclass ins Leben gerufen worden. Vier erfahrene Fotografen führen 16 vielversprechende Fotografen durch den zehn M­ ona­te dauernden Prozess der Entwicklung ­eines foto­grafischen Langzeitprojekts. Neben diesem Programm führt die Galerie auch noch diverse Workshops durch. www.anzenberger.com Sie sind Journalist? - Anzeige - Profitieren Sie von hervorragendem Service, Fachinformationen, qualifizierter Beratung, Presseausweis, wirksamem Engagement, Medienversorgung und zahlreichen weiteren Leistungen. Die Journalistenverbände informieren Sie gerne: MITGLIED IN DER Journalistenzentrum Tel. 04M0IT/GL8IE9D9IN7D7ER99 Deutschland www.journalistenverbaende.de MITGLIED IN DER

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visuell Verlage Dürumoglu01 © Mert Dürümoglu Fotobuchverlag im Wandel In wenigen Wochen erscheint das ­portraitlalbum 04 aus der bekannten Fotobuchreihe „Die Alben“. In der komplett neu ­überarbeiteten 4. Ausgabe präsentieren wieder 110 der mehrheitlich deutschen P­ ortrait-F­ otografen auf 300 Seiten ihre neuesten und schönsten Arbeiten. von Oliver Seltmann Das bekannte Gesamtwerk aus dem Hause seltmann+söhne liefert großformatige Fotobücher im hochwertig gedruckten und gebundenen CoffeetableFormat, sortiert nach den unterschiedlichen Bereichen der Fotografie. Die Themenbücher erscheinen einmal bis zweimal jährlich und werden alle zwei Jahre aktualisiert. Mit dem portraitalbum 04 erscheint der 24. Band in der Reihe der Fotografie-Jahrbücher. Nach über neun Jahren hat die Albenreihe ein rundum neues Design wie edles halbmattes Premium Naturpapier, ­partielle Bild-Lack-Veredelung, neue Umschlagshaptik und ein komplett überarbeitetes Layout! Geblieben ist aber das, was die Alben seit Jahren auszeichnet: das Coffee­ table-Format in bekannter Softtouch-Haptik und natürlich die besten Fotos sowie der beste Druck. Seit dem ersten Autoalbum 01, das Anfang 2008 erschien, ist es das bereits 25. Buch aus der bekannten und beliebten Albenreihe. Oliver Seltmann, Mitglied im Art-Directors Club, Verleger und Herausgeber der Alben, hatte vor fast genau zehn Jahren die Idee zu dieser Buchreihe. Nachdem er selbst über zehn Jahre als Art-Director in großen Agenturen wie Scholz&Friends gearbeitet hat, kannte er die schwierige Situation von Fotografen und Agenten, sich bei potentiellen Auftraggebern zu präsentieren, aus eige­ner Erfahrung. Zu dieser Zeit gab es kein vergleich- P 020

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visuell Verlage Katharina, 2015, Portrait No. 8, Impossible 8 x 10 B&W © Oliver Brachat Shoebill © Tim Flach bares Tool, um sich einen Überblick der aktu­ ellen Fotografenszene zu verschaffen. Jeder Art-Buyer, Redakteur und Kreative hatte sein eigenes Ablagesystem, in dem die unzähligen Aussendungen der Fotografen und Agenten mehr oder weniger gesammelt wurden. Da fiel das Themenkonzept der Alben auf fruchtbaren Boden. Durch seine guten Kontakte zur Branche haben sich die Bücher schnell durchgesetzt. Gedruckt werden die Bücher in der 150 Jahre alten familieneigenen Druckerei Seltmann in L­ üdenscheid, die links: © Kai-Uwe Gundlach; rechts: Peter © Thomas von der Heiden P 022

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visuell Verbände bpp IPQ © Denise Ehlert Vorgestellt: Der bund professioneller portraitfotografen – bpp Der bund professioneller p­ ortraitfotografen (bpp) ist die m­ itgliederstärkste Berufsinitiative p­ rofessioneller, kommerzieller Portraitund P­ eoplefotografen in Deutschland und eine der größten in Europa. Mit über 550 Fotografen aus Deutschland und dem benachbarten Ausland stellt der bpp eine sehr starke Berufsinitiative dar, deren Ziel es ist, das Image der professionellen Portraitfotografie zu stärken und die Fotografie jedes einzelnen nachhaltig auf ein qualitativ hochwertiges Niveau zu heben. Der bpp listet die besten Hochzeits-, Portrait-, Nudeund Businessfotografen Deutschlands. Fragt man sich, warum sich eine Fotografin oder ein Fotog­ raf für eine Mitgliedschaft im bund professioneller Portraitfotografen (bpp) entscheidet, findet man viele Gründe dafür. Die Initiative blickt auf 30 Jahre Netzwerkarbeit, kolleg­ iales Miteinander, Weiterbildung und berufliche Qualifiz­ ierung zurück. Seit jeher steht allerdings die Förderung von Qualität und wirtschaftlicher Entwicklung in der professionellen, kommerziellen Portraitund Peoplefotografie im Mittelpunkt. Aber vor allem schafft der bpp eine Plattform für den ehrlichen Meinungsaustausch unter Berufsfotografen Der bpp steht für eine Interessengemeinschaft, in der das „Miteinander“ und „Füreinander“ an erster Stelle stehen. Er vertritt die Belange professioneller Portraitf­otografen, die sich um die Eigenständigkeit ihres Berufs, um die Qualität und Wertschätzung ihrer P 028

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­Arbeit­en und um eine professionelle Außendarstellung dem Verbraucher gegenüber bemühen. Er bietet seinen Mitgliedern eine Fülle von Maßnahmen und Aktivitäten im Hinblick auf die optimale Entwicklung ihrer beruflichen Karrieren. der betreffenden Fotografen / Fotostudios in regelmäßigen Abständen von zwei Jahren neu begutachtet werden. Zielsetzung Entwicklung Die Berufsinitiative für moderne Portrait- und Peoplefotografie ging aus der Initiative „Förderkreis Porträt“ hervor, die 1988 von dem verstorbenen Fotografen Michael Belz gegründet wurde. Der bpp wird heute geleitet von Wolfgang Kornfeld, der bereits seit 18 Jahren Geschäftsführer ist. Aufgabe Der bund professioneller portraitfotografen bietet professionellen, kommerziell tätigen Portrait- und People­fotografen ein Leistungsportfolio für eine perfekte Außendarstellung und zur Optimierung der eigenen Wirtschaftlichkeit. Die Mitglieder erhalten hier das gesamte Service-Paket für ein erfolgreiches Geschäft aus einer Hand: Marketingstrategien und Werbem­ ittel, individuelle Förderung, Workshops, Beratung & ­Coaching, Networking & Austausch, Zertifizierungen, Bildwettbewerbe und Leistungsqualifikationen nach internationalen Standards. Die Mitglieder können auch von einer maßgeschneiderten bpp Pressearbeit profitieren und sich somit von anderen Fotografen ­ihrer Region abheben. Der bpp vergibt nach eingehender Prüfung festgelegter Bewertungskriterien ein Qualitätszertifikat an die Foto­studios seiner Mitglieder, für eine sehr gute Fotografie und Internetpräsentation, wobei die Leistungen Neben der zeitgemäßen Aus- und Weiterbildung von Portraitfotografen verfolgt der bpp das Ziel, das Image und Ansehen der professionellen Portraitfotografie zu stärken. Alle Maßnahmen der Berufsinitiative sind darauf ausgerichtet, die Qualität der Fotografie ständig und nachhaltig zu verbessern, die Interessen der Fotografen zu wahren und die Mitglieder in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu unterstützen und zu fördern. Qualitativer und formeller Anspruch Das Leistungsangebot des bpp richtet sich an alle ­People-, Portrait- und Hochzeitsfotografen, die einen sehr hohen Anspruch an die Qualität ihrer Arbeit h­ aben und entweder ein reguläres Gewerbe angemeldet haben oder eine entsprechende künstlerische Anerkennung einer Hochschule besitzen. Dadurch setzen sich die bpp Fotografen von „unqualifizierten Billiganbietern“ ab, die die Glaubwürdigkeit des Berufs negativ beeinflussen. Bei jedem Antrag auf Mitgliedschaft prüft der bpp n­ eben den rechtlichen Voraussetzungen die Professio­ nalität und Qualität der Arbeit. Durch diese Überprüfung soll gerade auch jungen und neuen Portrait­ fotografen geholfen werden, die Wertigkeit ihrer Arbeit im Speziellen und die der Portraitfotografie im Allgemeinen zu erkennen. Nach der Bescheinigung eines ­hohen qualitativen Standards, erhält das aufgenom- - Anzeige -

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visuell Recht Autorin Dorothe Lanc, Justitiarin des BFF. Foto: Alexander Vejnovic Fotoassistenten – Selbständig oder abhängig beschäftigt? In jüngster Vergangenheit ­mehren sich Diskussionen über den s­ ozialversicherungsrechtlichen S­ tatus von Fotoassistenten. Hier kursieren diverse Gerüchte, unter anderem, dass F­ otoassistenten grundsätzlich und a­ usnahmslos immer als ­abhängig ­Beschäftigte des Fotografen zu ­behandeln seien. von Rechtsanwältin Dorothe Lanc Hintergrund für diese Gerüchte sind Prüfungen und Statusfeststellungsverfahren, die die Deutschen Rentenv­ ersicherung (DRV) z.B. im Rahmen von Betriebs­prüfungen durchführt. Kommt die DRV bei e­ iner solchen Betriebsprüfung zu dem Ergebnis, dass der freiberufliche Fotoassistent vom Fotografen wie ein abhängig Beschäftigter eingesetzt wird, kann sogenannte „Scheinselbständigkeit“ vorliegen. Von Scheinselbständigkeit spricht man daher dann, wenn eine vertragliche Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und einem selbständigen Dienstleister einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis gleich kommt. P 036

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Stellt die DRV den Tatbestand der Scheinselbständigkeit fest, wird das Vertragsverhältnis rückwirkend als sozialversicherungspflichtig eingestuft mit der ­Folge, dass der Auftraggeber sämtliche Kranken-, Pflege-, Arbeits­losen- und Rentenversicherungsbeiträge nachzahlen muss. Die DRV und auch Arbeitsgerichte behandeln den Scheinselbständigen also wie einen Arbeitnehmer, dessen Auftraggeber wie einen Arbeitgeber. Gleichzeitig können wegen „Sozialversicherungs­ betruges“ strafrechtliche Konsequenzen drohen. Da­rüber hinaus können steuerrechtliche Korrekturen, z.B. beim Vorsteuerabzug der Honorarrechnungen, notwendig sein. Insgesamt drohen dem Fotografen in e­ inem solchen Fall also empfindliche Konsequenzen und harte Sanktionen. Jedoch ist die in diesen Fällen von der DRV aufgestellte Behauptung, der Foto­ assistent sei tatsächlich abhängig beschäftigt, kritisch zu hinterfragen und juristisch in jedem Einzelfall zu prüfen. Deshalb prüfen Juristen sogenannte „charakteristische Merkmale“, die ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis kennzeichnen. Typisch für ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis sind die in dem seit dem 1. April 2017 im Rahmen des neuen Werkvertragsgesetzes eingeführten § 611a BGB aufgezählten Kriterien. Hier hat der Gesetzgeber nun erstmals das abhängige Beschäftigungsverhältnis wie folgt definiert: „Durch den Arbeitsvertrag wird der Arbeit­nehmer im Dienste eines anderen zur Leistung weisungsgebundener, fremdbestimmter Arbeit in persönlicher Abhängigkeit verpflichtet. Das Weisungsrecht kann Inhalt, Durchführung, Zeit und Ort der Tätigkeit betreffen. Weisungsgebunden ist, wer nicht im Wesent­lichen frei seine Tätigkeit gestalten und seine Arbeits­zeit bestimmen kann. Der Grad der persönlichen Abhängigkeit hängt dabei auch von der Eigenart der jeweiligen Tätigkeit ab. Für die Feststellung, ob ein Arbeitsv­ ertrag vorliegt, ist eine Gesamtbetrachtung aller Umstände vorzunehmen. Zeigt die tatsächliche Durchführung des Vertragsverhältnisses, dass es sich um ein Arbeitsverhältnis handelt, kommt es auf die Bezeichnung im Vertrag nicht an.“ Dieses neue Gesetz enthält damit die ohnehin schon durch das Bundesarbeitsgerichts (BAG) in jahrzehntelanger Rechtsprechung entwickelten und anerk­ annten Grundsätze zum Arbeitnehmerbegriff. Das Gesetz bringt also eigentlich rechtlich nichts Neues, die Rechtslage ändert sich hierdurch nicht. Gleichwohl verspricht sich der Gesetzgeber laut Gesetzesbegründung, dass mit diesem Gesetz „mißbräuchliche Gestaltungen des Fremdpersonaleinsatzes durch vermeintlich selbständige Tätigkeiten verhindert und die Rechtss­icherheit der Verträge erhöht wird.“ Reichte es bisher für die Annahme einer selbständigen Tätigkeit aus, eine eigene Internetseite zu betreiben, eigenes Briefpapier zu verwenden und für mehrere Auftraggeber tätig zu sein, hat sich nunmehr die Sichtweise der DRV geändert. Denn neuerdings will die DRV offenbar bereits dann ein abhängiges Arbeitsverhältnis erkennen, wenn allein schon die Kriterien der Weisungsgebundenheit und der Anwesenheit am vom Auftraggeber vorgegebenen Ort erfüllt sind. Dass das Kriterium der Weisungsgebundenheit aber nicht das einzige und entscheidende Merkmal einer abhängigen Beschäftigung sein kann, ergibt sich aus der Natur von Dienstleistungsverträgen. Schließlich unterliegen ja selbständige Fotografen den „Weisungen“ und Vorgaben ihrer Kunden und Agenturen genauso wie Architekten, Schönheits-Chirurgen, Rechtsanwälte, EDV-Berater, Caterer u.v.m. Auch die Anwesenheit am vom Auftraggeber vorgegebenen Ort kann allein keine abhängige Beschäftigung begründen, weil dies nicht notwendigerweise eine persönliche Abhängigkeit vom Kunden zur Folge hat. Vielmehr liegt es oft in der Natur der besprochenen Vertragskonditionen (z.B. bei Handwerkern, IT-Experten, InterimsManagern, Beratern etc.), dass der Dienstleister die Tätigkeit nur am Ort des Kunden bzw. an einem vom Kunden ausgewählten Ort ausgeübt und mit anderen Beteiligten zusammenarbeiten muss, so dass die persönliche Präsenz beim Kunden vor Ort sogar typisch und unverzichtbar für bestimmte Tätigkeiten ist. Da die Rechtsprechung der obersten Gerichte und der Gesetzteswortlaut des § 611a BGB darüber hinaus verlangen, dass eine Gesamtbetrachtung aller Umstände vorzunehmen ist, ist jeder Einzelfall unter Beachtung aller maßgeblichen Umstände separat zu prüfen. Wer „selbständig“ ist, definiert zudem § 84 Abs.1 Satz 2 HGB. Danach ist selbständig, wer im Wesentlichen frei seine Tätigkeit gestalten und seine Arbeitszeit bestimmen kann. Entgegen der offenbar derzeit geübten P­ raxis der DRV darf man also gerade nicht pauschal und isoliert von der Erfüllung einzelner Negativ-Kri­ terien auf eine Scheinselbständigkeit bzw. ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis schließen. Vor diesem Hintergrund verbietet sich auch die pauschale Behauptung, Fotoassistenten seien stets und ausnahmslos als

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visuell Art Buyer | Photographers Lilia und Bonnie Weddell © Marc Hayden Dein Model wird es dir danken Interview Marc Hayden von Jannis Groh Hi Marc, vor rund fünf Jahren hast Du Deinen Job bei Apple an den Nagel gehangen und Dich als Fotograf selbstständig gemacht. Seither hast Du Dir mit deinen ganz besonderen Portraits einen Namen in der B­ ranche erarbeitet. Viele Marken und Agenturen wollen mit Dir zusammenarbeiten. Und das merkt auch die Instagram-Community – über 130.000 Menschen folgen Dir auf Instagram. Wahnsinn. Doch mal unter uns, wie hat es sich angefühlt, die Sicherh­ eit deines Jobs aufzugeben und sich in das Abenteuer Fotografie zu stürzen? Marc Hayden: Es hat mein Leben definitiv komplett verändert. Einerseits war es sehr aufregend und bef­reiend, etwas Neues zu erleben. Auf der anderen Seite war es aber auch ernüchternd, da das Gehalt aus m­ einem Vollzeit-Job wegfiel. Nichts lässt einen härter arbeiten, als der Druck, seine Rechnungen zu bezahlen! Du hast mal gesagt, dass du Dich erst aufgrund der Instagram App auf deinem Handy richtig mit der F­ otografie auseinandergesetzt hast. Meinst Du, Du h­ ättest Dich auch dann entschieden Fotograf zu w­ erden, wenn es Instagram nicht geben würde? P 040

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Alexandra Margaux © Marc Hayden

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visuell Art Buyer | Photographers Bodypainting in Perfektion Der Künstler, Musiker und Fine Art Bodypainter Johannes Stötter wurde in Südtirol geboren. Seine frühe Kindheit verbrachte er in den Hochalpen und wuchs in einer Musikerfamilie mit drei Brüdern und einer Schwester auf. Er singt, spielt Geige, Flöte und die Bouzouki in der Celtic Folk Band „Burning Mind“. Er studierte Erziehungswissenschaften und Philosophy an der Universi- tät Innsbruck und war an einigen sozialen Projekten beteiligt, die er jeweils mit Kunst und Musik kombinierte. Als Autodidakt entwickelte Johannes Stötter seinen eige­nen Malstil und seine Bodypainting Technik, ohne dass er je von anderen Künstlern und ihren Arbeiten beeinflusst wurde. Sein Stil und seine Arbeitsweise ­gelten daher als individuell und unterscheiden sich stark von anderen Bodypaintern. Mit Hilfe der Bodypainting Kunst verschmelzen bei ihm mehrere Personen zu einer verblüffenden Illusion, zum Beispiel eines Chamäleons, eines Frosches, eines Wolfs oder eines Mandrills. Im Jahre 2000 begann er, Körper zu bemalen. Dieses erste Bodypainting Experiment entfachte in ihm die Leidenschaft, die später zu seinem Hauptlebensinhalt wurde. 2009 schloss er sich der internationalen Bo- P 044

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dypainting Community an, und zwar beim World Bodypainting Festival in Österreich, wo er auch das erste Mal an der Bodypainting Weltmeisterschaft teilnahm. Er gewann in den folgenden Jahren viele Preise. Die wichtigsten waren dabei die Weltmeisterschaft 2012, die Vizeweltmeisterschaften 2011 und 2014, die italie­nische Meisterschaft 2011 und 2014, der Sieg der „North American Bodypainting Championship“ 2013 und der Gewinn des „International Fine Art Body­painting Award“ 2014. 2013 wurde er weltbekannt mit seiner legendären K­ reation eines tropischen Frosches, der aus fünf menschlichen Körpern besteht. Er machte damit Schlagzeilen in der Weltpresse und wurde in Zeitungen, Magazinen und Online-Magazinen genannt wie: New York Post, New York Daily News, The Sun, The Times, The Mirror, The Guardian, Dailymail, Bild, Stern, Spiegel, Focus, Süddeutsche Zeitung, View und vielen anderen. Außerdem gab es Berichte über ihn in Büchern wie „The Art of Bodypainting“ (Peter de ­Ruiter), „Champions at Heart“ (Karala B), „The H­ uman C­anvas“ (Karala B) und in dem Kalender „Painted B­ odies“ (Weingarten Verlag). Heute unterrichtet Johannes Stötter Bodypainting für die World Bodypainting Academy während des World Bodypainting Festivals aber auch weltweit und Anatomie Bodypainting an der Yoni Academy. Seine weltweiten Aktivitäten koordiniert er mit seiner Agentur wbproduction. In einem Interview spricht er über die Idee und den Prozess der Entstehung einer Illusion. „Ein Mann wollte seine Freundin zum Geburtstag mit einem Body­ painting von mir überraschen. Wir trafen uns daher, um über mögliche Motive zu sprechen. Die Frau sag- Chameleon © Johannes Stötter

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