Sport in Hessen 06/2016

 

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Titelthema: Archiv im Sportverein

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Jubiläum Der Landessportbund wird 70! Countdown Hessische Olympiakandidaten vorgestellt Nr. 06 | 19. März 2016 | 70. Jahrgang Titelthema Archiv im Sportverein

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EDITORIAL Editorial Liebe Sportfreundinnen und Sportfreunde, Zukunft braucht Herkunft, so heißt es oft. Für mich bedeutet Herkunft in diesem Zusammenhang vor allem das Wissen um die Haltung, aus der heraus Entscheidungen getroffen, Strukturen geschaffen und Werte entwickelt wurden. Da empfinde ich es in einer Zeit, in der unsere gemeinschaftlichen Werte durch Ereignisse im Äußeren wie im Inneren herausgefordert werden, als Chance, innezuhalten und sich unsere Geschichte wieder einmal zu verdeutlichen. Einen guten Anlass dafür bietet das Jubiläum zum 70-jährigen Bestehen des Landessportbundes Hessen, das wir am 1. Juni 2016 feiern. Neben verschiedenen Veranstaltungen auch ein Anlass für eine dreiteilige Serie in Ihrer „Sport in Hessen“. In dieser Ausgabe beginnen wir mit einem Blick auf hessische Sportstätten im Wandel der Zeit. Es werden eine Serie über bedeutende hessische Sportler und ein Resümee dessen, was der Landessportbund Hessen mit seinen Verbänden, Sportkreisen und Vereinen in den vergangenen Jahrzehnten erreicht hat, folgen. Dabei wird immer wieder deutlich: Der hessische Sport erfüllt Aufgaben, die gestaltende Kraft für unsere Gesellschaft entfalten – durch eine klare Fokussierung auf Fairplay, Gemeinschaft, Inklusion und Integration. Diese Werte werden uns dabei unterstützen, auch die nächsten 70 Jahre für den hessischen Sport und unsere Gesellschaft zu gestalten. Beispiele, wie dies im täglichen Handeln aussieht, stellen wir Ihnen in dieser Ausgabe auch vor: Sie reichen vom Babyschwimmen bei der TG Bornheim bis zum Projekt „Sport, Bewegung und Demenz“, von der Kür der Eliteschülerin des Jahres bis zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele im Sommer in Rio. Und nun viel Spaß bei der Lektüre Ihrer aktuellen „Sport in Hessen“ wünscht Ihre Dr. Susanne Lapp SIH 06 / 19.03.2016

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THEMA DER SEITE Inhalt INHALT 1 4 Titelthema Sport und Geschichte 11 70 Jahre Landessportbund Hessen Hessische Sportstätten zwischen Tradition und Moderne 19 Rio 2016 Der Countdown läuft 32 Im Porträt Michèle Baysal: Auf Rollen ins volle Leben 44 Sportjugend Hessen Kinderwelt ist Bewegungswelt 3 Sport und Politik Zahl der mit Flüchtlingen belegten Hallen nimmt ab 18 Glücksspiel-Konzessionen Landessportbund drängt auf Entscheidung 14 Sportinfrastruktur Ohne Planung keine Sportentwicklung 23 Aus der Praxis Der Übungsleiter 27 Sportversicherung Ein Sturz mit fatalen Folgen 28 Sportinfrastruktur „Wilde Ecken“ gesucht 30 ODDSET Zukunftspreis Baybyboom im Frankfurter Osten 34 Olympiastützpunkt Hessen Anna Fehlinger ist „Eliteschülerin des Jahres“ 36 Flüchtlinge Herausforderung für Kirchen und organisierten Sport 37 Frauen im Sport Sport und Krebs 38 Bildungsakademie Mit Sport und Bewegung gegen Demenz 42 Neue Bücher Lesenswertes rund um den Sport Impressum Herausgeber: Landessportbund Hessen e. V. (lsb h); Otto-FleckSchneise 4, 60528 Frankfurt, Tel.: 069/6789 -0. Verantwortlich für den Inhalt: Dr. Susanne Lapp, Vizepräsidentin für Kommunikation und Marketing, Glauburgstraße 11, 60318 Frankfurt. Redaktion: Ralf Wächter (Leitung), Isabell Boger, Markus Wimmer, Otto-Fleck-Schneise 4, 60528 Frankfurt, Tel.: 069/6789-262, Fax: 069/6789-300. Verlag: Pressehaus Bintz-Verlag GmbH & Co. KG, Waldstraße 226, 63071 Offenbach. Druck und Vertrieb: Dierichs Druck + Media GmbH & Co. KG, Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel. Abonnementverwaltung: Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel, Tel.: 0561/60280-452, Fax: 0561/60280-499, E-Mail: abo-sih@dierichs-druck.de SIH 16 / 05.09.2015 Anzeigen Nord/Mitte: Claudia Brummert, Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel, Tel.: 0561/60280-180, Fax: 0561/60280-199, E-Mail: brummert@ddm.de Anzeigen Süd: Regina Väth, Waldstraße 226, 63071 Offenbach, Tel.: 069/85008-373, Fax: -394, E-Mail: sih@op-online.de Sport in Hessen erscheint vierzehntägig zum Wochenende Bezugspreis: Jährlich Euro 51,11 einschl. Postgebühren und MwSt. Bestellungen für Vereine beim Landessportbund Hessen e. V., für Privatpersonen bei Dierichs Druck + Media GmbH & Co. KG. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Verfasser wieder. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Bilder wird keine Gewähr übernommen. Eine Rücksendepflicht besteht nicht. Titelfoto: „ Fünf Schwedinnen liegen auf dem Rasen des Stadions in Wiesbaden während eine weitere junge Frau kunstvoll über sie springt. Im Hintergrund sind weitere Sportler und die Tribünen zu sehen.“ So ist unser Titelfoto beschrieben. Es findet sich auf den Internetseiten (www.lagis-hessen.de) des Landesgeschichtlichen Informationssystems Hessen (LAGIS). Fotografiert wurde das Bild von Ludwig Herbst, Wiesbaden, die Bildrechte liegen beim Stadtarchiv Wiesbaden. www.landessportbund-hessen.de

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4 4 THEMA DER SEITE Aufbewahren für die Ewigkeit! Ein Blick in das Archiv des Landessportbundes Hessen e. V. und Antworten auf die Frage, warum Vereinsarchive gerade im organisierten Sport wichtig und nötig sind Finanzen, Versicherungen, der Unterhalt der Sportanlage und natürlich der „reguläre“ Vereinsbetrieb – die Führung eines Sportvereines wird stetig komplexer. Integration und Inklusion, die Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten und, und, und: Das, was in so manchem Vereinsvorstand geleistet wird, ähnelt dem Management eines kleinen oder mittelständischen Wirtschaftsunternehmens. Gleichzeitig fällt es vielen Vereinen immer schwerer, Menschen für ehrenamtliche Arbeit zu begeistern. Die Vielfalt der Aufgaben auf der einen und die „dünne Personaldecke“ im Ehrenamtsbereich auf der anderen Seite haben Folgen. Bearbeitet wird oft nur das, was zum unmittelbaren Vereinsbetrieb zählt. Für viele Bereiche „außerhalb der Ta- gesordnung“ fehlen Zeit und Personal. Das Thema „Sport und Geschichte“, genauer gesagt das Thema „Vereinsarchiv“, gehört dazu. Anlass genug, dieser Thematik die heutige Titelgeschichte zu widmen – in der Hoffnung, den einen oder anderen Sportverein für seine Vergangenheit und deren Bedeutung für die Zukunft zu sensibilisieren. „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“ Das, was der preußische Gelehrte und Schriftsteller Wilhelm von Humboldt (1767–1835) vor gut 100 Jahren formulierte, ist für Peter Schermer aktueller denn je. „Keine andere Bewegung prägt die Entwicklung unserer Gesellschaft so entscheidend mit, wie der Sport. Deshalb ist es wichtig, die OBEN Peter Schermer (rechts) und Dr. Frank Obst blättern im Archiv des Landessportbundes Hessen in Unterlagen. Foto: Ralf Wächter SIH 06 / 19.03.2016

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TITELTHEMA ARCHIV IM SPORTVEREIN 5 Geschichte des Sports aufzuarbeiten und vor allem zu bewahren. Das gilt für große Sportorganisationen wie Fachverbände ebenso, wie für Sportvereine vor Ort“, sagt der Leiter des Arbeitskreises „Sport und Geschichte“ des Landessportbundes Hessen e. V. Peter Schermer muss es wissen. Seit gut sechs Jahren steht er an der Spitze des einst vom ehemaligen lsb h-Pressewart und Präsidiumsmitglied Rolf Lutz ins Leben gerufenen Gremiums. Sechs Jahre, in denen er – gemeinsam mit den Mitgliedern des Arbeitskreises – das umfangreiche Archiv des Landessportbundes betreut und weiterentwickelt hat. „Alles, was hier liegt, soll für die Ewigkeit aufbewahrt werden. Das ist der Grundsatz der Archivare.“ Es klingt ernsthaft, wie Peter Schermer das sagt, wenngleich der Begriff „Ewigkeit“ für ein kurzes Menschenleben kaum fassbar scheint. Vielleicht wäre die Formulierung „aufbewahren, so lange wie möglich“ im Kontext griffiger. Aber zugegeben: „Aufbewahren für die Ewigkeit“ – das ist ein starkes Bild. Ein Bild, das leider erst in wenigen der knapp 8.000 hessischen Sportvereinen angekommen ist. Dokumente oft nicht zugänglich Vor gut einem Jahr hatte der Arbeitskreis unter Einbindung der Sportkreise eine Umfrage zum Thema „Archivarbeit und Sportüberlieferung“ unter den Vereinen durchgeführt. Bedauerlich: Nur 334 Vereine, das entspricht einer Quote von etwa vier Prozent, antworteten. Zudem stimmte die Auswertung der Antworten nachdenklich. 80 Prozent der teilnehmenden Vereine gab an, wichtige Unterlagen nach Ende der gesetzlichen Aufbewahrungsfrist zur weiteren Lagerung in Privaträume des/der Vorsitzenden oder anderer Vorstandsmitglieder zu geben. Selten genug verbleiben die Dokumente in Vereinsräumlichkeiten. „Damit sind viele Unterlagen für sportgeschichtliche Auswertungen überhaupt nicht oder nur schwer zugänglich“, bedauert Peter Schermer. Und ob die Dokumente archivgerecht aufbewahrt werden, „ist die nächste Frage“. Dabei gibt es eine einfache Möglichkeit, die Geschichte des Vereins für die Nachwelt zu erhalten. „Arbeiten Sie mit öffentlichen Archiven zusammen“, rät der Fachmann all den Vereinen, die keine Kapazitäten für ein eigenes Archiv haben. Denn, und das liegt auf der Hand, ein eigenes Archiv bedeutet Aufwand. Rollregale schaffen Platz Der Stolz, mit dem der Fachmann das Archiv des Landessportbundes präsentiert, kommt daher nicht von ungefähr. Zunächst hatten Rolf Lutz und weitere Interessierte unzählige Stunden investiert, Materialien gesammelt, gesichtet und sortiert und damit den Grundstock für das jetzige SportbundArchiv in Frankfurt gelegt. Hier bewahrt ein modernes Rollregalsystem in einem fast 15 Meter langen Raum die nunmehr bald 70-jährige Geschichte des organisierten Sports in Hessen. 30 Prozent Luftfeuchtigkeit zeigt das Hygrometer im Archiv an, das Thermometer 19 Grad. Gute Werte, wie Peter Schermer meint. Dann schiebt er die viel Raum schaffenden Regale auseinander. 32 dieser Systemregale sind es, die die Sport- geschichte des Landessportbundes bergen. Informationen zu wichtigen Persönlichkeiten, Veröffentlichungen, Sammelbände des Verbandsorgans „Sport in Hessen“, das zunächst übrigens den Titel „Sportmitteilungen“ trug, und vieles mehr wird hier aufbewahrt. Darunter aus heutiger Sicht „skurrile“ Veröffentlichungen wie das Büchlein mit dem Titel „Der Barren als Turngerät für Frauen und Mädchen“ aus dem Jahr 1911. Historische Protokolle OBEN Mehr als 200 Meter messen die Regalflächen, in denen der Landessportbund Hessen Historisches aufbewahrt. UNTEN Tonbänder und Filmspulen gehören zu den Pretiosen der Sammlung. Fotos: Ralf Wächter Und natürlich sind es Protokolle, darunter auch das Originalprotokoll der Sportbund-Gründung aus dem Jahr 1946, die hier lagern. Wohl sortiert und vor allem gut aufbewahrt in säurefreien Kartons und säurefreien Umschlägen (siehe dazu auch Bericht auf der nächsten Seite). Das Dokumentenarchiv ist der eine, wenngleich Archiv im Sportverein: größere, Teil des Sportbundarchivs. In einem Vergangenheit aufarbeiten weiteren Teil lagern „dreidimensionale“ Ausstellungsstücke. Alte Skier aus Holz, die berühmte Klingel des ersten Sportbund-Präsidenten Heinz und für die zukünftigen Generationen nachhaltig bewahren Lindner, dessen Schreibmaschine, alte Fotoappa- rate und selbst ein Schwarz-Weiß-Labor gehören zum Bestand. Materialien, die schon in Ausstellungen zu sehen waren und viel Interesse erfuhren. Bei all dem ist sich Peter Schermer über eines klar: Ein Ende wird die Archivarbeit nie haben. Das müsse auch den Archivaren in den Vereinen be- wusst sein, sagt er. Aber die Freude am Tun und vor allem das Bewusstsein, ein Stück Zeitgeschehen für die Nachwelt zu er- halten, „sind Freude, Lohn und Ansporn zugleich“. Ralf Wächter SIH 06 / 19.03.2016

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6 TITELTHEMA ARCHIV IM SPORTVEREIN Nie in der Klarsichthülle Kartons und Umschläge aus säurefreiem Papier sind bei der Archivierung die Mittel der Wahl „Gut gemeint ist oft genug nicht gut gemacht.“ Diese alte Weisheit gilt auch und gerade bei der Aufbewahrung historischer Materialien. Nachfolgend dazu einige Tipps und Hinweise. Zu den Hauptfehlern vieler Vereinsarchivare gehört die Aufbewahrung historischer Dokumente in Plastikfolien. Die meisten Plastikfolien enthalten sogenannte Weichmacher. In Verbindung mit Luftfeuchtigkeit und über einen längeren Zeitraum gelagert, hängen Dokumente gerne in den Folien an. Ein Umstand, der beim Herausnehmen zu partiellen Zerstörungen führen kann. Ein weiterer grundlegender Fehler ist das Anheften von alten Fotografien oder Dokumenten mittels Heftklammer an stärkeres Papier oder leichte Pappen. Auch hier ist es die Luftfeuchtigkeit, die Schäden verursacht. Manche Heftklammern aus Metall fangen an zu rosten und schädigen die Bilder. Heftklammern aus Plastik sind zwar besser, aber auch nicht der Königsweg. Zwar entstehen hier keine Rost-, dafür aber Druckstellen. Wichtig ist auch der Lagerort. Ein trockener Raum mit einer konstanten Temperatur um 20 Grad sowie der Schutz der Dokumente vor Staub, Schmutz, Sonne und Mäusefraß sind selbstverständlich. Wer elektronisch archiviert, sollte dazu idealer- weise USB-Sticks oder ähnliche SSD-Speicher nehmen. CD’s und DVD’s „verlieren“ Daten deut- lich schneller. Ralf Wächter OBEN Säurefreie Kartons, die bei einer möglichst niedrigen Luftfeuchtigkeit ohne direkte Sonneneinstrahlung gelagert werden, sind das (Archiv-)Mittel der Wahl. Foto: R. Wächter Der Mindestkatalog zur Aufbewahrung von Unterlagen ist im Internet unter www.landessportbund-hessen. de im Bereich „Sport und Geschichte“, Förderung der Archivarbeit im Sportbereich, zu finden. Informationen sichern und erhalten Drei Fragen an den Vorsitzenden des Arbeitskreises „Sport und Geschichte“, Peter Schermer Warum ist ein Vereinsarchiv wichtig? Weil nur dort die auch für künftige Generationen wichtigen Informationen zur Sportgeschichte gefunden werden können. Ohne diese Informationen können keine Jubiläumsfestschriften verfasst werden und „sitzen Sporthistoriker auf dem Trockenen“. In der Regel ist jedoch als optimale Alternative zu empfehlen, die „archivwürdigen“ Unterlagen regelmäßig an ein öffentliches Archiv abzugeben, weil dort Fachleute arbeiten, die eine dauerhafte Aufbewahrung gewährleisten können. Welche Voraussetzungen sollte ein Vereinsarchivar mitbringen? Ein Vereinsarchivar sollte Interesse an lokaler bzw. regionaler Geschichte haben und zu verantwortungsvollem Umgang mit Archivalien bereit sein. Vereinsarchivare müssen auch zur Kooperation mit lokalen Archiven, Museen, Bibliotheken und Geschichtsvereinen fähig sein. Was sollte ein Verein archivieren? Archivwürdig sind Unterlagen, die für das Verständnis der Gegenwart und der Geschichte, für Zwecke der Gesetzgebung, Verwaltung oder Rechtssprechung sowie für die Sicherung berechtigter Belange Betroffener oder Dritter von bleibendem Wert sind. Archivare müssen deshalb in jedem Einzelfall unter Berücksichtigung der genannten Kriterien entscheiden, ob Archivgut aufbewahrt oder aber weggeworfen wird. Dies ist eine äußerst folgenschwere Entscheidung, da Unterlagen in vielen Fällen „Unikate“ sind. Der Arbeitskreis „Sport und Geschichte“ hat deshalb als Diskussionsvorschlag einen Mindestkatalog für Sportvereine erarbeitet, in dem alle Schriftstücke genannt sind, die in jedem Fall dauerhaft aufbewahrt werden sollten. Darüber hinaus gibt es auch Vorschläge zu einem Mindestkatalog für Sportkreise und zu einem Mindestkatalog für Sportverbände. Ralf Wächter SIH 06 / 19.03.2016

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TITELTHEMA ARCHIV IM SPORTVEREIN Arbeit im Stillen, Seminare für Experten Der Arbeitskreis „Sport und Geschichte“ des Landessportbundes Hessen e. V. wurde vor mehr als 20 Jahren gegründet 7 Ihre Arbeit findet in der Regel „geräuschlos“, manchesmal im Wortsinn im Stillen, statt. Das, was sie tun, wird nicht immer, aber immer dann offenkundig, wenn sie mit gerade in Fachkreisen viel beachteten Seminaren und Veranstaltungen ins Licht der Öffentlichkeit treten. Die Rede ist von den Mitgliedern des Arbeitskreises „Sport und Geschichte“. Initiator des Arbeitskreises ist mit Rolf Lutz ein ehemaliger Pressewart des Landessportbundes Hessen. Heute wird das Gremium von Peter Schermer geleitet. Die Mitglieder des Arbeitskreises selbst sind Fachleute, die beispielsweise als Sportkreisvorsitzende oder Mitarbeiter in der Sportverwaltung entsprechende Erfahrungen gesammelt haben. Jährliche Fachtagung Den Arbeitskreis gibt es seit über 20 Jahren. Seitdem arbeiten die Experten – in oftmals mühevoller Kleinarbeit – systematisch die Geschichte des organisierten Sports in Hessen auf. Weiterhin zählen Ausstellungen, Tagungen und Fortbildungsveranstaltungen zum Portfolio. Viel beachtet und schon zur Tradition geworden ist in diesem Zusammenhang eine jährliche Tagung zum überregionalen Erfahrungsaustausch, an der unter anderem Experten aus mehreren Landessportbünden teilnehmen. Sportschule in der Otto-Fleck-Schneise zu seiner Jahrestagung. Ein absolutes Novum, denn noch niemals hat ein deutscher Archivarverband in den Räumen eines Landessportbundes getagt. Thema wird unter anderem die Sicherung von Sportüberlieferungen sein. Einmalig innerhalb der Landessportbünde dürfte auch die Mitgliedschaft des Landessportbundes, vertreten durch den Arbeitskreis, in der Vereinigung hessischer Archivare sein. Letztlich gehören die regelmäßigen Fachbeiträge in der Zeitschrift „Sport in Hessen“ zum Arbeitsgebiet des Gremiums. OBEN Es sind vielschichtige Themen, die die Archivare auf ihren Tagungen diskutieren. 2013 analysierte Rolf Byron (stehend) Stärken und Schwächen von Festschriften. Archivfoto: H. Richter Zum Arbeitskreis gehören: Peter Schermer, Vorsitzender, Frankfurt; Prof. Dr. Heinz Zielinski, Vizepräsident des lsb h, Frankfurt; Horst Engel, Seeheim-Jugenheim; Manfred Gollenbeck, Riedstadt; Waldemar Krug, Offenbach; Karl-Heinz Archiv im Sportverein: Pilz, Nauheim, Christian Schmidt, Bad Emstal; Dr. Vergangenheit aufarbeiten Frank Obst, lsb h-Geschäftsbereichsleiter Schule, Bildung und Personalentwicklung, Frankfurt. Organisatorisch unterstützt wird der Arbeitskreis und für die zukünftigen Generationen nachhaltig bewahren von Elisabeth Pfeifer, Landessportbund Hessen, Frankfurt. Ralf Wächter Welches Renommee der Arbeitskreis weit über den Sport hinaus hat, wird mit Blick auf eine Veranstaltung beim Landessportbund Hessen am 14. Juni deutlich. An diesem Tag trifft sich der Landesverband Hessischer Archivare in der Informationen zum Arbeitskreis „Sport und Geschichte“ finden Interessierte im Internet unter www.landessportbundhessen.de. SIH 06 / 19.03.2016

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8 TITELTHEMA ARCHIV IM SPORTVEREIN Ein Archiv macht die Vereinsgeschichte lebendig Otti und Waldemar Krug bewahren die 150-jährige Vergangenheit des renommierten Fechtclubs Offenbach Waldemar Krug vertritt eine klare Auffassung. „So ein Archiv macht die lange Geschichte eines Vereins erst richtig lebendig. Man kann sich gut in die damalige Zeit zurückversetzen, gesellschaftlich wie sportlich – auch wenn man sie selbst nicht erlebt hat. Das ist für einen Club von unschätzbarem Wert.“ Sohn Nikolaus oder Nadine Stahlberg, Nummer eins der Junioren-Weltrangliste, mit dem Degen trainiert. Unten, im Erdgeschoss, sind die Umkleidekabinen, Duschen, der Versammlungsraum oder das Büro. Und zudem befindet sich hier das etwa 25 Quadratmeter große Archiv – mittlerweile quasi die zweite Heimat von Otti Krug. Waldemar Krug, von 2005 bis 2015 Präsident des Fechtclubs Offenbach von 1863, sagt das voller Zufriedenheit und nickt seiner Frau Otti, der Vereinsarchivarin, zu, die wieder einmal mit einem dicken Ordner in den Händen an ihm vorbeiläuft. „Für diese Arbeit gibt es keine Lehrbücher. Ich mache und ordne alles aus dem Bauch heraus, habe dabei aber großen Spaß. Ich kann in Ruhe in der Geschichte stöbern – und normalerweise stört mich dabei auch niemand“, sagt die 73-Jährige und lächelt vielsagend. Der Ort des Geschehens: das 1982 errichtete, vereinseigene Gebäude des FCO an der Senefelderstraße in Offenbach, des nach dem FC Hannover von 1862 zweitältesten Fechtclubs in Deutschland. Oben, im ersten Stock, befindet sich die Fechthalle, in dem Miklos Bodoczi erfolgreiche Sportler wie seinen „Das Archiv ist eine Dauergeschichte“ Das Archiv ist ein heller Raum mit vielen Fotos, Pokalen, Wimpeln, Urkunden, sieben großen Aktenschränken und zwei Tischen, auf denen sich Bilder, Programmhefte, Plakate und Zeitungsartikel stapeln. In einer Ecke stehen noch drei weitere Kisten mit vielen Schriftstücken und Fotos, die sie noch ordnen und einsortieren will. Den achten Schrank hat sie bereits bestellt. „Ein Archiv ist eine Dauergeschichte“, berichtet sie. Ein Archiv in der jetzigen Form fehlte bis 2010 beim FCO. Ehrenpräsident Hans Hubert, von 1987 bis 2005 an der Spitze des erfolgreichsten hessischen Fechtclubs, hatte jedoch in seinem Büro einiges an Material gesammelt. Karl-Heinz Oh- OBEN Otti und Waldemar Krug mit einem Plakat von Helene Mayer, der berühmten Offenbacher Fechterin. Fotos: Holger Appel SIH 06 / 19.03.2016

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TITELTHEMA ARCHIV IM SPORTVEREIN 9 lig, der Waffenwart, hatte im Keller des Vereinsheims kistenweise alte Unterlagen entdeckt und sie nach oben befördert. 2010 begann dann Otti Krug das gesammelte Material zu sichten, Struktur hineinzubringen, Ordner mit Inhaltsverzeichnissen anzulegen. „Das hat sich bei den Mitgliedern des Vereins natürlich herumgesprochen, was ich hier so mache. Plötzlich brachte fast jeder Unterlagen aus alten Zeiten vorbei – das war schon klasse“, sagt sie. Und sie fand wahre Schätze darunter. Kassenbuch aus 1872 Zwei herausragende Dokumente aus ihrem Fundus, jedes ein Genuss für Historiker: ein Kassenbuch des Clubs aus dem Jahr 1872 mit dem Hinweis auf den monatlichen Beitrag für Mitglieder von 36 Pfennigen sowie eine handschriftliche Vereinbarung mit Arturo Gazzera aus dem Jahr 1901. Arturo Gazzera war der erfolgreiche Trainer, der den Fechtsport in Offenbach erst richtig publik gemacht hat. Und er war derjenige, der sich die Übungsstunden extra bezahlen ließ „Im Gegensatz zu damals leben unsere Sportler heute im Schlaraffenland“, erklärt Waldemar Krug die finanzielle Vereinbarung mit Gazerra. Gazerras Büste wacht heute übrigens auf einem Schrank im Fechtheim über das Archiv. Der frühere FCO-Präsident und Mitbegründer des Deutschen Fechterbundes, Jakob Erckrath de Bary, hatte ihn bei einer Reise nach Italien kennen und schätzen gelernt. Gazzera kam von Rom über Wien nach Offenbach, trainierte den FCO stolze 31 Jahre lang, von 1899 bis 1930. Er setzte auf Eleganz, Ästhetik und Beweglichkeit, sorgte für einen ganz neuen Stil. „Mit ihm wurden die Grundlagen gelegt für die großen Offenbacher Fecht-Erfolge. Vor seiner Zeit war Fechten eine reine Männersportart, er hat das Frauenfechten gefördert – und die Frauen dominieren bis heute im FCO“, sagt Waldemar Krug und erinnert an Florett-Olympiasiegerinnen wie Helene Mayer, Cornelia Hanisch und Christiane Weber, an Helmi Höhle und Hedwig Haß sowie an die Degenspezialistinnen Eva-Maria Ittner und Katja Naß aus den 1990er Jahren. Er ergänzt mit schelmischem Blick auf das Archiv: „Das kann man alles hier nachlesen.“ Ehefrau Otti ergänzt: „Wenn man ganz viel Zeit hat ...“ Zehn Ordner über die „blonde Hee“ Alleine zehn Ordner hat sie über Helene Mayer, die „blonde Hee“, angelegt. Bemerkenswert, was sich da an Fotos und Unterlagen findet aus dem kurzen Leben des Weltstars mit jüdischen Wurzeln. Beispielsweise, dass Mayer bereits 1927 als 16-Jährige den renommierten Hutton-Memorial-Cup in London gewann und der „Manchester Guardian“ danach vom „brilliant german girl“ schwärmte. Dass sich ihre Eltern schriftlich über die Lektionen von Trainer Gazzera beschwerten. Dass sich die Olympiasiegerin von 1928 in Amsterdam selbst mit ihrem Trainer mächtig verkrachte. Bemerkenswert: Obwohl Halbjüdin wurde sie laut Waldemar Krug zu nationalsozialistischen Zeiten ab 1933 nie aus dem FCO ausgeschlossen. „Das war zwar die Vorgabe der Machthaber, ist aber bei uns definitiv nicht geschehen. Sie war dann zwar schon in Amerika beheimatet, hat aber vor den Olympi- schen Spielen 1936 in Berlin sogar wieder hier in Offenbach trainiert. Die Spitze der Stadt war komplett vor Ort, als sie im Club war, die SS- und SA-Leute sind dann aber aus Protest schnell gegangen. Passiert ist nichts“, versichert Waldemar Krug in seinem Bericht über die große Offenbacher Sportlerin, die 1953 im Alter von nur 42 Jahren an einem Krebsleiden verstarb. OBEN Unterlagen aus dem Jahr 1892 finden sich in den Archivordnern des Fechtclubs. UNTEN LINKS Die Büste des DiplomFechtmeisters Arturo Gazzera. UNTEN RECHTS Noch immer hält der 74-Jährige, inzwischen von Dr. Eberhard Theobald als FCO-Vorsitzender abgelöst, Vorträge über Mayers kurzes Leben mit großer Tragik und vielen Trium- Jubiläumsbroschüre zum 150-jährigen Bestehen. phen. Ohne das umfangreiche FCO-Archiv wäre das nicht möglich. „Dieses Archiv ist ein unentbehrliches Handwerks- zeug. Ohne all diese Informationen hätten wir auch nie- mals unsere Festschrift machen können“, versichert Waldemar Krug mit Blick auf die 156 Seiten starke Chronik zum 150-jährigen Bestehen des Vereins im Jahr 2013. Archiv im Sportverein: Vergangenheit aufarbeiten und für die zukünftigen Generationen nachhaltig Das Archiv ist unentbehrlich bewahren Gattin Otti stimmt zu und ergänzt: „Und die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, sie geht immer weiter.“ Allein für die 20 Jahre alte Nadine Stahlberg, die deutsche Hoffnungsträgerin für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, wird sie für das FCO-Archiv noch einige Ordner benötigen. Holger Appel SIH 06 / 19.03.2016

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10 S P O R T U N D G E S C H I C H T E Von Olympioniken und der Ausgrenzung jüdischen Sports Der Sportkreis Frankfurt setzt 2016 seine erfolgreiche Vortragsreihe zur lokalen Sportgeschichte fort Im Jahr 2013 wurde vom Sportkreis Frankfurt erstmals eine Vortragsreihe zur lokalen Sportgeschichte angeboten, die in der Zwischenzeit zahlreiche Freunde gefunden hat. 2015 standen die Einweihung des Frankfurter Stadions im Jahr 1925 und die dort ausgetragene Arbeiterolympiade im Mittelpunkt. In diesem Jahr werden sich die Beiträge mit den Olympischen Spielen 1936 und den Frankfurter Olympiateilnehmern befassen. Dabei wird auch auf das Schicksal jüdischer Sportler eingegangen, die ab 1933 aus ihren Vereinen ausgeschlossen wurden. Zu den Bewerbern um die Organisation der Sommerspiele, die bereits 1931 durch das IOC an Berlin vergeben worden waren, gehörte ursprünglich auch Frankfurt. Nach der Machtübernahme 1933 nutzten die Nationalsozialisten die Olympischen Spiele dann jedoch, um ihr Regime im Ausland positiv darzustellen. Bedrückende Propagandainszenierung Einen möglichen Boykott der Olympischen Spiele durch die USA verhinderte das amerikanische NOK mit knapper Mehrheit, obwohl in der deutschen Mannschaft lediglich zwei Sportler mit jüdischen Wurzeln teilnehmen durften. Auch deshalb bleiben die Olympischen Sommerspiele bis heute als eine bedrückende Inszenierung der NS-Propaganda in Erinnerung. Die Vortragsreihe beginnt am Mittwoch, 13. April 2016, im Eintracht Frankfurt Museum mit einem Vortrag von Matthias Thoma über das Thema „Frankfurter Olympioniken“. Der Referent wird sich unter anderem mit der Frage auseinandersetzen, wie es zur Nominierung dieser Olympiateilnehmer kam. Frankfurter Sportler waren an den Wettkämpfen beteiligt – und Frankfurter Sportler wurden von der Teilnahme ausgeschlossen. In seinem Vortrag über das Thema „Helene Mayer – Tragisches Schicksal eines Sportidols“ befasst sich Waldemar Krug (Fechtclub Offenbach) am 13. Oktober 2016 in der Schillerschule ebenfalls mit der Problematik einer Beteiligung jüdischer Sportler. Für Helene Mayer als Olympiasiegerin von 1928 standen bei der Entscheidung für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936 offensichtlich ihre sportlichen Ambitionen im Vordergrund. Dr. Martin Happ (Frechen) wird dieses Thema mit seinem Beitrag „Fünf Frankfurter in der Olympischen Hockey-Ge- meinschaft“ am 14. September 2016 im Klubhaus des SC 1880 Frankfurt vertiefen. Es ist immerhin bemerkenswert, dass relativ viele Frankfurter Hockeyspieler in den Olympiakader berufen worden waren. Andererseits wurden jüdische Spieler nicht nominiert. Ausgrenzung und Selbstbehauptung Zum Abschluss der Vortragsreihe wird sich Helga Roos (Sportkreis Frankfurt) dann am 2. November 2016 im Eintracht Frankfurt Museum mit dem Thema „Ausgrenzung und Selbstbehauptung des jüdischen Sports in Frankfurt“ beschäftigen. Hierdurch soll an die zunächst überraschende Tatsache erinnert werden, dass der jüdische Sport in Deutschland und daher auch in Frankfurt nach 1933 eine kurze Blütezeit erlebte. Somit wird ein äußerst interessantes Programm geboten, das unterschiedliche Aspekte der Mitwirkung Frankfurter Sportler bei den Olympischen Spielen 1936 und das Schicksal jüdischer Sportler während der NS-Zeit beleuchtet. Alle Vorträge beginnen jeweils um 18.30 Uhr. Peter Schermer OBEN Olympiasiegerin im Speerwurf, Tilly Fleischer, in Aktion. Foto: Eintracht Frankfurt Museum LINKS Olympiateilnehmerin Helene Mayer – Spitzname „Die blonde Hee“ – als Mitglied des Deutschen Fechter-Bundes. Foto: Archiv Fechtclub Offenbach SIH 06 / 19.03.2016

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LEISTUNGSSPORT Der Countdown läuft In den kommenden Wochen wird sich entscheiden, welche hessischen Sportler zu den Spielen nach Rio fahren / Gute Medaillenchancen für unsere Athleten 19 Rio de Janeiro, die Samba-Stadt am Zuckerhut, in der Deutschland 2014 Fußballweltmeister wurde, wird bald wieder in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit rücken. In weniger als fünf Monaten ist es soweit – dann werden die XXXI. Olympischen Sommerspiele (05. bis 21. August) im Maracana-Stadion eröffnet. Auch für die hessischen Spitzenathletinnen und Athleten hat mittlerweile der Countdown begonnen. Doch anders, als es beim Gewehrschützen Henri Junghänel (siehe Porträt) der Fall ist, müssen sich die meisten von ihnen für das größte Sportereignis der Welt erst noch qualifizieren. Ein Dutzend mit Medaillenchancen Das Olympiaticket einmal vorausgesetzt, haben etwa ein Dutzend Mitglieder des durch die Stiftung Sporthilfe Hessen und die Kampagne „Wir für Rio – Hessen fördert seine Sportler“ unterstützten Hessenteams sehr gute Medaillenchancen: An erster Stelle gilt das für die Schwimm-Weltmeister Marco Koch (200m-Brust) und Christian Reichert (Freiwasser-Team), doch auch die Sportschützen Oliver Geis, Christian Reitz (beide Schnellfeuerpistole) sowie Henri Junghänel können an einem guten Tag alles erreichen. Unter den Leichtathleten ragen die Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause (WM-Bronze 2015) sowie Hammerwerferin Betty Heidler heraus, die in London 2012 bereits Bronze gewonnen hat. Doch auch Kathrin Klaas (ebenfalls Hammerwurf) könnte es diesmal aufs Podium schaffen. Nicht zu vergessen die Siebenkämpferinnen Claudia Rath und Carolin Schäfer, die ebenfalls für eine Spitzenplatzierung gut sind. Schließlich wird der Ausnahmeturner Fabian Hambüchen, der bereits olympisches Silber und Bronze sein Eigen nennt, bei seinen mutmaßlich vierten Spielen versuchen, den Medaillensatz zu komplettieren. Darüber hinaus fahren auch alle anderen Hessinnen und Hessen, die das Ticket nach Rio lösen, nicht chancenlos an die Copacabana. Im Laufe der kommenden Ausgaben von „Sport in Hessen“ werden wir sie alle der Reihe nach vorstellen. Dies gilt nicht minder für die Handicap-Athleten, die bei den XV. SommerParalympics (07. bis 18. September) um die Medaillen kämpfen. Ihr Bestes werden alle geben – für das nötige Quäntchen Glück drücken wir ihnen die Daumen. Margit Rehn OBEN Rio ruft im August zu den Olympischen Spielen. In „Sport in Hessen“ stellen wir hier und in den kommenden Ausgaben die hessischen Olympiakandidaten vor. Foto: Astrid Götze-Happe / pixelio.de SIH 06 / 19.03.2016

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20 L E I S T U N G S S P O R T Die Feinjustierung steht an Henri Junghänel, „Weltschütze des Jahres 2013“, hat schon einen Quotenplatz für Rio und nutzt nun die verbleibende Zeit für einen vorolympischen Gerätetest In Bangkok, beim ersten Weltcup im Olympiajahr 2016, hat Henri Junghänel (SV Breitenbach) zwar noch keinen Podestplatz erzielt, kann mit seinem Saisonauftakt als Sechster im Wettbewerb Liegendschießen mit dem KK-Gewehr aber trotzdem zufrieden sein. Für den 28 Jahre alten Maschinenbaustudenten ist das insofern von gesteigerter Wichtigkeit, als er in Thailand ein neues Arbeitsgerät ausprobiert hat – und die Ausrüstung spielt beim Schießen nun mal eine wichtige Rolle. Junghänel, der 2013 mit immer demselben Gewehr drei Weltcupsiege erzielte und daraufhin zum „Weltschützen des Jahres“ gekürt wurde, hatte im Folgejahr den Versuch unternommen, das Erfolgsmaterial zu schonen und durch ein Zweitgerät zu ergänzen. Doch die Umstellung funktionierte nicht wunschgemäß, weshalb er zu seinem gewohnten Modell zurückkehrte und damit 2015 auf Anhieb wieder einen Weltcup gewann und obendrein auch noch die Goldmedaille bei den Europaspielen in Baku. Und nun ist – sozusagen als Ersatz für den Ersatz – ein drittes Gerät ins Spiel gekommen, das in Bangkok zum ersten Mal bei einem Wettkampf getestet wurde. Ob bei Olympia dieses oder das altbewährte Gewehr zum Einsatz kommen wird, steht noch nicht fest. Junghänel hat dem Deutschen Schützenbund zwar schon einen Quotenplatz für die Spiele gesichert, muss aber noch nominiert werden. Das sollte aber reine Formsache sein und so wird die Entscheidung über das Gewehr im Rahmen eines Trainingslagers in Australien sowie bei den letzten vorolympischen Tests in Rio und München fallen. Und was dann passiert, bei den Spielen, das lässt sich ganz schwer vorhersagen. Der Medaillenkandidat und sein Trainer Bill Murray gehen jedenfalls davon aus, dass, in Abhängigkeit von der mentalen Tagesform, eine recht große Zahl an Schützen die Chance haben wird, ganz vorne mitzumischen. Margit Rehn OBEN Henri Junghänel hat bereits einen Quotenplatz für Olympia geschossen. Der Weltschütze des Jahres 2013, der für den SV Breitenbach an den Start geht, nutzt die kommenden Monate, um an Technik und Form zu arbeiten. Foto: Mike Wenski Claudia Rath Die Siebenkämpferin gibt im Wettkampf immer alles. Das wird in Rio nicht anders sein Wenn sich Claudia Rath (LG Eintracht Frankfurt) ein Ticket für Rio schnappen sollte, will sie sich für den Olympischen Siebenkampf kein spezielles Ziel setzen. Nur eins ist ihr wichtig: alles zu geben, auch für das Publikum. Die Sozialarbeitsstudentin, die Edelmetall bei der WM 2013 knapp verpasste, wurde bei der WM 2015 mit ihrer großen Empathie zur Siegerin der Herzen und dabei sportliche Fünfte. Die Hallensaison 2016 ist bestens gelaufen; das Fünfkampf-Meeting von Tallinn hat sie gewonnen. Dass gerade nichts zwickt, kann die 29-Jährige nicht sagen. Aber es ist weniger, als in den letzten Jahren, was ein sehr gutes Zeichen ist. Ruwen Filus Der Mann, der aus der Defensive kommt, glaubt fest an seinen Olympiatraum Das Jahr 2015 war für den Sportler Ruwen Filus das bisher erfolgreichste seiner Karriere. Der Tischtenniscrack vom TTC Fulda-Maberzell hatte sozusagen einen Lauf: Er gewann Silber bei der DM, erreichte bei den German Open das Viertelfinale und kletterte auf Platz 38 der Weltrangliste. Seither hat es für den Abwehrspieler einige Rückschläge gegeben. Doch der 28-jährige Maschinenbaustudent ist trotzdem optimistisch, das Ticket für Rio zu lösen. Die anstehenden Qualifikationsturniere, die Weltrangliste und der Bundestrainer werden darüber entscheiden. Autorin unserer „Athletensteckbriefe“ ist Margit Rehn. Die Athletenporträts hat Mike Wenski gemacht. SIH 06 / 19.03.2016

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LEISTUNGSSPORT Jan-Philip Glania Der „Glaniator“ hat für die Olympischen Spiele sein Studium auf Eis gelegt Für eine zweite Olympiateilnahme hat Jan-Philip Glania (SG Frankfurt) sein Zahnmedizinstudium für ein Jahr lang stillgelegt. Der 27 Jahre alte Rückenschwimmer aus Fulda, der in London 2012 zweimal das Halbfinale erreichte, könnte diesmal auf eine reichhaltige Erfahrung mit internationalen Großereignissen zurückgreifen. Und seine größten Erfolge liegen nicht lange zurück: Bei der EM 2014 holte der „Glaniator“ über 100m-Rücken genauso Bronze wie bei der WM 2015 mit der Mixed-Staffel. Falls er sich für Rio qualifiziert, sind am besten mehrere Finalteilnahmen sein Ziel. Glania, dessen Vorbereitung bisher sehr gut läuft, feilt an seiner Renntaktik derzeit bei kleineren Wettkämpfen. Oliver Geis Der Krifteler Schütze hat eine rasante Entwicklung bis zur Weltspitze durchgemacht Es ist nicht lange her, da schoss Oliver Geis (SV Kriftel) mit der Schnellfeuerpistole scheinbar aus dem Nichts an die Weltspitze: Er gewann 2014 Silber bei der WM und wurde 2015 Europameister. Tatsächlich verlief der Aufstieg des 24 Jahre alten Sportschützen sehr kontinuierlich. Die Trainingsgruppe mit Christian Reitz (ebenfalls Kriftel) und Aaron Sauter (Beerfelden) habe dabei eine wichtige Rolle gespielt. „So bin ich jedes Jahr ein Stück besser geworden“, sagt Geis, der, falls es mit Rio klappt, gern ins Finale käme. Sein größtes Ziel ist es aber, überhaupt „dabei sein“ zu können. SIH 06 / 19.03.2016 Jenny Mensing Die Frau mit dem langen Atem will ihre zweiten Olympischen Spiele erleben Mit den Jahren ist Jenny Mensing vom SC Wiesbaden immer besser geworden. Ihre größten Erfolge feierte die Rückenschwimmerin bei der EM 2012 mit dem Titelgewinn über die 100m-Distanz; die Silbermedaille sprang damals über 200m-Rücken heraus. Im Vorjahr erreichte sie bei der WM, ebenfalls über 200m, einen hervorragenden fünften Platz. Und nun, mit 30, will sie ein zweites Mal zu Olympia. Neulich hat sie bei einem Meeting in Halle bereits die Normzeit über 200m-Rücken unterboten. Das gibt ihr die Sicherheit, die sie braucht. Denn sie will nicht zu viele Wettkämpfe bestreiten und mit den Kräften haushalten, das hat sie gelernt. Pascal Eisele In Rio würde für den Mittelgewichts-Ringer ein Traum in Erfüllung gehen Bei dem Mittelgewichts-Ringer (griechisch-römisch) läuft momentan alles nach Plan. „Um an den Olympia-Qualis teilnehmen zu können, musste ich mich national durchsetzen. Das hab‘ ich geschafft“, freut sich der 23-jährige Sportsoldat (SV Fahrenbach), dessen beste Ergebnisse bisher zwei fünfte Plätze bei der EM 2013 und den Europaspielen 2015 waren. Bei aller Zuversicht weiß er aber, dass es bis Rio noch ein „harter Weg“ werden wird. Auf die beiden besten deutschen Mittelgewichtler warten zwei Qualifikationsturniere, bei denen die Weltspitze zusammenkommt. Eisele: „Wenn ich es schaffe, geht ein Traum in Erfüllung.“ 21

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30 B I L D UT HNEGMSAAI DKN EKARLDUSESEMIIOIT NE Babyboom im Frankfurter Osten Die TG Bornheim, größter hessischer Sportverein nach Eintracht Frankfurt, setzt erneut Akzente und geht innovative Wege in der Sportentwicklung OBEN Babyschwimmen im Gartenbad in Fechenheim. Foto: TG Bornheim Der zweitgrößte unter Hessens Sportvereinen setzt weiter Akzente. Jetzt erhielt die TG Bornheim beim ODDSET Zukunftspreis des Hessischen Sports eine Auszeichnung für ihr Projekt „Vom Babybauch zum Kindersport“. An dem Kurssystem beeindrucken gleichermaßen Zahlen wie Substanz. Der Blick auf die Zahlenberge der Turngemeinde Bornheim kann bei Kollegen anderer Vereine durchaus Schwindel erzeugen. Allein diese Mitgliederzahl: mehr als 30.000 sind es inzwischen bei dem Klub aus dem Frankfurter Osten. Die TG Bornheim ist nach Eintracht Frankfurt Hessens größter Sportverein. Jede Woche werden mehr als tausend Stunden Sport angeboten. Und packen die Bornheimer etwas Neues an, rennen sie ihnen die Bude ein. So war es jedenfalls bei dem 2011 gestarteten Projekt „Vom Babybauch zum Kindersport“. 380 Quartalskurse für frühkindliche Bewegung arbeiterinnen und einer Buchhaltungskraft. Im vergangenen Jahr zählten Hennefarth und Kolleginnen 7.600 Kursteilnehmer. Die Baby-Angebote sind – ebenso wie der Mitgliedsbeitrag von bisher 9 Euro im Monat – preiswert und übersichtlich gestaltet. Jeder Vierteljahreskurs mit acht bis neun Kursterminen kostet 25 Euro. 7.600 mal 25, da kommt eine ganze Menge zusammen! Doch für so ein großes Angebot sind eine ganze Menge personeller Kräfte zu mobilisieren. Meist sind es ein Übungsleiter und zwei Helfer pro Kurs. Lücke geschlossen Die Zahlen sind das eine, was bei „Vom Babybauch zum Kindersport“ beeindruckt. Was drinsteckt, nötigt nicht weniger Anerkennung ab. „Familien werden am Beginn des Lebens abgeholt“, sagt Sarah Hennefarth. Vor der Initiative gab es Schwangerschaftsgymnastik für Frauen, doch die Kinderkurse begannen in der TG Bornheim erst für Dreijährige. „Die zeitliche Lücke haben wir jetzt geschlossen.“ Inzwischen ist dieses Angebot an frühkindlicher Bewegungsförderung auf 380 Quartalskurse im Jahr angewachsen, berichtet Sarah Hennefarth. 2011 waren es noch 96 Kurse gewesen. Die 22-jährige Sport- und Fitnesskauffrau koordiniert die Projektangebote zusammen mit zwei weiteren TGB-Mit- Registriert haben die TGB-Verantwortlichen vor fünf Jahren besonders viele Anfragen für Kinder-Schwimmkurse, lange Wartelisten sowie ständige Nachfragen nach Sport für Babys und Kleinkinder. Dass der Verein mit dem Gartenbad in Fechenheim ein eigenes Schwimmbad vorweisen kann, machte Der Verein: Die Turngemeinde Bornheim 1860 ist mit rund 30.000 Mitgliedern der zweitgrößte Sportverein Hessens und in den vergangenen Jahren um 1.500 Mitglieder netto pro Jahr gewachsen. Neben einem vielseitigen Sportartenangebot verfügt der im Osten Frankfurts beheimatete Verein über ein eigenes Schwimmbad und zwei Fitnessstudios. Den Mitgliedern stehen pro Woche mehr als 1.000 Stunden Sportmöglichkeit zur Verfügung. Für ihr Projekt „Vom Babybauch zum Kindersport“ erhielt die TG Bornheim im Jahr 2015 einen mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis beim ODDSET Zukunftspreis des Hessischen Sports. Mehr Infos: www.tgbornheim.de SIH 06 / 19.03.2016

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ODDSET ZUKUNFTSPREIS die Planung einfacher. Zumal noch ein Vorstandsmitglied Nachwuchs erwartete und sich inhaltlich einbrachte. Schwerpunkt ist das Schwimmen im Gartenbad (plus dienstags im Bornheimer Panoramabad). In der Hauptsache das Babyschwimmen und die Wassergewöhnung ab vier Monaten. Danach folgen Bambinischwimmen, Seepferdchen und so weiter. Dazu noch eine Zahl am Rande: Von 2013 bis 2015 haben rund eintausend Kinder in der TG Bornheim schwimmen gelernt und ihr Seepferdchen-Abzeichen bestanden. Bewegung und Betreuung Mit Kursen in den Bädern und im „Baby-Gym“ des Sportcenters Bornheim wird die frühkindliche Entwicklung im Frankfurter Osten vorangetrieben. Die Kurse lauten etwa Babys in Bewegung, Babymassage – oder „Zauberhafte Babyhände“. Hier etwa lernen Eltern, mit ihrem Kind zu kommunizieren, auch wenn es noch nicht sprechen kann. Der soziale Effekt kommt in den Kursen automatisch: Eltern mit gleichaltrigem Nachwuchs tauschen sich aus und finden im besten Fall neue Spielpartner für die Kleinen und Freunde. Denn nicht allein der Nachwuchs soll vom Erfolgsprojekt der TG Bornheim profitieren. Auch die Mütter werden gezielt angesprochen. „Für den Babybauch, der wieder zu seiner alten Form zurückgebracht werden soll, haben wir Rückbildungskurse“, berichtet Sarah Hennefarth. Gut angenommen wird auch die dritte Projektsäule, die Kinderbetreuung. Im Sportcenter Bornheim können Mitglieder – an 35 Stunden in der Woche – ihre Kinder abgeben und entspannt zum Sport gehen. „Unsere Kinderbetreuer kümmern sich zu dritt und spielen mit den Kindern an Klettergerüst und einem Bällepool mit Rutsche.“ Malutensilien, Puzzles, Bücher und Spielsachen liegen ebenfalls bereit. Mit der baldigen Fertigstellung des Erweiterungsbaus am Sportcenter soll auch das Baby-Gym in größere Räumlichkeiten umziehen. Dafür wird die 5.000-Euro-Förderprämie aus dem ODDSET Zukunftspreis verwendet. Effektives System Das Kurssystem der TG Bornheim ist effektiv organisiert. Sarah Hennefarth berichtet: „Zu einem Stichtag können die Eltern sich und ihre Kinder für einen Kurs anmelden. Die Anmeldung erfolgt online über unsere Vereins-Internetseite. Sollte ein Kurs bereits voll sein, werden die Mitglieder in eine Warteliste eingetragen und erhalten vor Beginn des nächsten Quartals einen ‚First Call‘, um sicher einen Platz zu bekommen.“ Gerne informiert der Großverein andere Klubs darüber, wie sich ein solch ausgeklügeltes System aufbauen lässt. Derweil denken sie in Bornheim schon weiter. Was kommt als nächstes? Sarah Hennefarth hat die Antwort gleich parat: „Unser Baby-Gym ausbauen und neue Übungsleiter akquirieren.“ Der (Baby-)Boom soll bei der Turngemeinde noch kein Ende haben. Oliver Kauer-Berk OBEN Ortstermin im Baby-Gym der TG Bornheim. Von links der Sportliche Leiter Boris Zielinski, Mitarbeiterin Sarah Hennefarth, der Vereinsvorsitzende Peter Völker, Bastian Wilfer von Lotto Hessen und der Sportkreisvorsitzende Roland Frischkorn. Foto: TG Bornheim UNTEN Das Sportcenter der TG Bornheim wird gerade erweitert. Auch das Baby-Gym soll größer werden. Foto: Oliver Kauer-Berk SIH 06 / 19.03.2016 31 Der Vereinssport in Hessen ist reich an guten Ideen. Diese bekannt zu machen, haben sich der Landessportbund und LOTTO Hessen mit der Vergabe des ODDSET Zukunftspreises des Hessischen Sports zur Aufgabe gemacht. Damit prämieren sie seit 2005 innovative Projekte, Modelle und Initiativen im Sportverein, die beispielhaft für andere Vereine sind. Eine Jury mit dem ehemaligen Bundesforschungsminister Prof. Dr. Heinz Riesenhuber legt die Preisträger und die Höhe des jeweiligen Preisgeldes fest, das von LOTTO Hessen zur Verfügung gestellt wird. In einer Serie stellen wir die Projekte der Preisträger vor. Sie zeigen, was in Hessens Sportvereinen geleistet wird und regen zum Nachahmen an.

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