Peter Bajus

 

Embed or link this publication

Description

Geschichten aus dem Leben des Läufers Peter Bajus

Popular Pages


p. 1

Textauszug aus Gottes Wille — aus dem Leben des Langstreckenläufers Peter Bajus von Hedwig Anna Kirst So manches Mal schickt Bürgermeister Kuhl den Peter nach Darmstadt, ins Schloss, um Akten und Briefe zu übergeben. Jedes Mal kommt Groll in ihm auf, wenn er an die Herrschaft schreibt. Nie wird er vergessen, dass damals, als nach dem Hochwasser die große Not ausbrach, der Bitte um Steuernachlass kein Gehör geschenkt wurde. Nicht einmal, erinnert sich Edwin Kuhl, geantwortet haben die da in Darmstadt. Nur, wenn es ums Steuereintreiben geht, da sind sie schnell und kennen kein Pardon. Aber Edwin Kuhl hat keine Wahl. Die da, wie er sie immer nennt, die da in Darmstadt haben nun mal das Sagen. Und so manches Schriftstück muss halt, ob es Edwin Kuhl gefällt oder nicht, ins Schloss. Nur gut, dass er den Peter Bajus hat, den Johann Peter Bajus, und nicht selbst nach Darmstadt reisen muss. Dem Peter machen solche Ausflüge Freude. Jedes Mal kommt er dann abends in den „Römer“ und schwärmt von den Pferden und Kutschen, von den Lakaien in den schmucken Livreen und vom Großherzog und seiner Familie, die er aus der Ferne sehen durfte. Mit einigen der Hofläufer, die neben der Kutsche des Großherzogs herlaufen, wenn der ausfährt, steht er sich inzwischen gut. Die erzählen ihm von den großen Festen, die im Schloss gefeiert werden, von der feinen Gesellschaft und von dem Lohn, den sie für ihre Arbeit bekommen. Regelmäßig. Peter horcht auf. Ein regelmäßiges Einkommen, das wäre es, was Jakob Wenz überzeugen könnte. Und an einem Abend, er hat mal wieder einen Brief nach Darmstadt gebracht, erzählt er Margarete davon. Später, in der Gaststube, schwärmt er auch im Kreis der zahlreichen Gäste von seinen Träumen, von seiner Hoffnung, Hofläufer zu werden. Jakob Wenz schlägt ihm kräftig auf die Schulter: „Junge, sowie du den ersten Lohn nach Hause bringst, kannst du Margarete heiraten.“ Da steht der Metzger auf und zieht sich einen Stuhl neben Peter Bajus. „Ich hab“ sagt er, als ich dieser Tage in Mainz war, ein paar Leute aus der Innung getroffen. Denen hab ich erzählt, wie stark du bist, wie schnell du laufen kannst. Sie haben mich ausgelacht. Ich hab auf den Tisch gehauen und gesagt, lasst uns wetten. Ich hab behauptet, dass du 1

[close]

p. 2

den Weg von Kastel nach Frankfurt und wieder zurück in fünf Stunden schaffst. Da haben sie noch ärger gelacht, weil man dafür doch sechzehn Stunden braucht.“ Ganz still ist es bei dieser Rede im Gasthaus geworden. „Das“ Peter steht vom Tisch auf und lässt sich von Margarete ein neues Bier geben, „schaff ich locker. Wann soll ich laufen?“ Edwin Kuhl hält den Metzger am Arm fest: „Wir alle hier wollen auf den Peter setzen, wir werden es den Mainzern schon zeigen.“ Und wie ein Lauffeuer geht es durch Nauheim: Der Peter Bajus läuft von Kastel nach Frankfurt. Melzer mit der Ortsschelle ist diesmal nicht gefragt. ***** Halb Nauheim trifft sich an diesem eiskalten Januarmorgen in Kastel. Lange vor Sonnenaufgang sind die Dörfler losgezogen. Zehn Grad Minus zeigt das Thermometer. Es ist fünfzehn Minuten nach Neun, als Peter Bajus losläuft. Er trägt ein Paar zerlöcherte Schuhe, geflickte Wollsocken, eine weite kurze Jacke über dem Hemd, lange Hosen und eine Schildmütze. Peter läuft und läuft. Vorbei an Menschen, die ihn anfeuern, durch Dörfer und Weinberge. Es hat sich herumgesprochen, dass ein Nauheimer in unendlich kurzer Zeit die Distanz zurücklegen will. Peter läuft in ruhigem Rhythmus bis nach Frankfurt, bis zum Bockenheimer Tor. Einhundertfünfunddreißig Minuten sind seit dem Start vergangenen. Die Zöllner, die Peter Bajus zujubeln, vermerken auf einem Papier seine Ankunftszeit und schicken ihn wieder los. Frisch wie beim Start setzt Peter einen Fuß vor den anderen. Wie ein Uhrwerk läuft er - und besitzt doch selbst keine Uhr. Der Wind pfeift ihm um die Nase, seine Schuhe sind durchgelaufen, hindern ihn am schnellen Schritt. Er wirft sie in den Graben. Die geflickten Socken sind bald nur noch lose Fetzen, die ihm um die Fußgelenke hängen. Auch sie landen im Graben. Peter Bajus läuft, wie er es seit Kindheit gewohnt ist, barfuss. Bis nach Hochheim. Da stehen ein paar Metzger aus Mainz. Peter kennt sie nicht. „Du hast die Wette verloren, rufen sie ihm zu.“ Peter zuckt zusammen? Verloren? Wo steht die Sonne? Peter kann ihren Stand an diesem Wintermorgen nicht bestimmen. Und wieder schallt es ihm aus den Reihen der Zuschauer entgegen: „Verloren, verloren, verloren.“ Peter kommt aus dem Takt, verliert an Tempo und fällt vom Laufen ins Gehen. Minute um Minute vergeht. Jetzt werden ihm die Beine schwer, Übellaunigkeit steigt in ihm hoch, er hat keine Lust mehr. Langsam, als schlendre er über den heimischen Rathausplatz, bewegt er sich vorwärts. Die Zeit verrinnt. Dann kehren Kraft, Willen und Kampfgeist zurück. Er reißt sich zusammen. Zumindest als Läufer mit hohem Tempo will er in Kastel eintreffen. Und Peter läuft und läuft, sieht in der Ferne 2

[close]

p. 3

Kastel und steigert sein Tempo noch einmal. Dann ist er am Ziel. Fünf und dreiviertel Stunden hat er gebraucht. Die Wette ist verloren. Erschöpft setzt er sich am Wegesrand nieder. Die Zuschauer jubeln ihm zu. Edwin Kuhl kommt auf ihn zugelaufen, schüttelt ihm kräftig die Hand. Peter atmet tief durch und beginnt zu erzählen, was ihm in Hochheim widerfahren ist. Immer mehr Menschen umringen Peter Bajus. Auch die Mainzer Metzger stehen im Kreis um den Läufer, als die ersten Rufe „Betrug! Betrug!“ laut werden. Einer nach dem anderen der Mainzer versucht, in den Hintergrund zu gelangen, fort von Peter Bajus. Aber da hat Edwin Kuhl seinen Dörflern schon ein Zeichen gegeben und Sekunden später ist die schönste Keilerei im Gange. „Dafür, dass wir uns seit Jahr und Tag nicht mehr mit den Königstädtern geprügelt haben“ ruft Philip Wenz, „sind wir noch gut drauf.“ Da liegt Georg Engel auf den Boden und muss heftige Schläge einstecken. Christian Kaffenberger kommt ihm zu Hilfe, schnappt sich des Müllers Widersacher an der Jacke und schlägt ihm das Auge blau. Wendel Bechthold hat seinen Gegner fest im Würgegriff, dreht ihn blitzschnell um, tritt ihm so kräftig ins Hinterteil, dass er einen Meter durch die Luft fliegt und auf dem Bauch landet. Ein lautes Stöhnen entringt sich dem Mann, der versucht, auf dem Boden, durch die Beine der Kämpfenden, dem Geschehen zu entrinnen. Jakob Wenz kommt dazu, schnappt den Mainzer am Hosenbund und wirft ihn einem baumlangen Kerl, der dem Bedrängten zu Hilfe kommen will, an die Brust. Peter Bajus, immer mittendrin in der Prügelei, landet mal da einen Treffer auf der Kinnlade und dort einen auf der Nase eines der Männer, die ihn um den Sieg gebracht haben. Sein Zorn ist unbändig und seine rechten und linken Haken werfen so manchen Gegner zu Boden. Schmerzensschreie hallen über den Platz „Aufhören“ schreien die Mainzer und Edwin Kuhl wischt sich die Hände an der Hosennaht ab. „Aufhören“ ruft er seinen Mannen zu. „Her mit unserem Geld“ donnert Edwin Kuhl. Eine kräftige Gestalt tritt aus der Gruppe der Geschlagenen vor. Seine Kleider hängen ihm in Fetzen am Leib herunter, aus der Nase tropft Blut. Kuhl geht in drohender Haltung auf ihn zu. „Nicht schlagen, nicht wieder schlagen“ jammert der Mann und drückt Edwin Kuhl einen Geldbeutel in die Hand. „Das“ sagt der Malträtierte, „ist euer Wetteinsatz. Aber verloren ist verloren.“ ***** Zügig rollen die Pferdefuhrwerke über die Rheinbrücke und dann in Richtung Südosten. Männer, Frauen und Kinder, die den Peter Bajus siegen sehen wollten, sitzen eng aneinander gerückt auf den Wagen, mit denen im Sommer die Ernte eingebracht wird. So manches Männergesicht schwillt langsam zu. Ein paar Jacken haben einen ordentlichen Riss. Hemdsärmel sind halb abgetrennt. Georg Engel hat 3

[close]

p. 4

im Gedränge einen Schuh verloren und ihn nicht wiedergefunden. Wilhelm Kuhl sitzt neben Peter Bajus. „Hier, auf dem Land, ist’s doch ganz anders, als in der Stadt“ fängt Wilhelm an zu erzählen. „Vater hat bestimmt, dass ich mal Lehrer werde. Und der Kaffenberger hat gemeint, ich könnt das schaffen. Jetzt bin ich schon vier Jahre bei den Mönchen in Mainz und kein Ende ist abzusehen. Die Mönche sind streng. Weißt du mal was nicht, dann gibt’s mit der Rute eins über die Finger. Hast du in den Freistunden nicht gelernt, gibt’s kein Essen. Aber das ist sowieso miserabel. Kein Vergleich zu dem, was bei uns auf den Tisch kommt. Weißt du noch Peter, wie du mir das Butterbrot geklaut hast?“ Peter lacht auf. „Deiner Nase hat es nicht geschadet, die ist gerade gewachsen und gut aussehen tut sie auch.“ Wilhelm schaut über den Rücken der Pferde, die so ruhig im Gespann laufen. „Peter, vom wirklichen Leben haben die Mönche keine Ahnung. Erzählst du mal, wie der Eber die Sau besteigt, dann sagen sie, du bist schamlos. Sagst du, dass es im Dorf auch Frauen ohne Männer gibt, dann zetern sie, es herrsche Sodom und Ghomorrah bei uns. Immer haben sie den Rosenkranz zwischen den Fingern, als wollten sie die Finger daran anbinden. Wenn ich endlich Lehrer bin, dann will ich weg von hier. Ganz weit. Aber vor allem will ich weg von diesen verlogenen Mönchen. Der Vater Abt hat eine Geliebte. Das wissen alle. Eine reiche Kaufmannswitwe. Der gibt er so manchen Gulden, der im Opferstock liegt - für Schmuck, für schöne Kleider, ach, was weiß ich noch alles. Er selber kann ja kaum beim Goldschmied Ketten und Ringe kaufen, das würde auffallen. Und die einfachen Mönche? Die verschwinden an so manchem Abend in der Schenke, in der es willige Mädchen gibt. Ich war mit ein paar Kommilitonen selber einmal dort; nur um zu sehen, was da abgeht. Es wird erzählt, die Mönche liegen bei den Mädchen für Gotteslohn. Und die armen Dinger wissen nicht, wie sie von denen ein paar Kreuzer erhalten sollen. Nein, Peter, ich will weg aus diesem verlogenen Land.“ Peter schaut auf: „Denkst du an die Auswanderer?“ Wilhelm nickt mit dem Kopf. „Vater sagt, es ist schon lange kein Brief mehr von denen gekommen. Aber auf den Landkarten, die im Studierzimmer im Kloster liegen, hab ich mir angesehen, wo sie sind. Peter, das ist ein so riesiges Land, dagegen ist unser Deutschland ganz klein.“ Peter schaut Wilhelm ernst an: „Wird’s der Vater denn erlauben, dass du weggehst?“ Wilhelm dreht nervös an seinen Jackenknöpfen. „Vielleicht werd ich’s ihm gar nicht sagen. Aber dir, Peter. Wenn ich abhaue, nehme ich dich mit.“ Peter schüttelt den Kopf: „Was sagt die Mutter? Bleib im Land und nähr dich redlich. Ich werd jetzt erst mal Hofläufer und dann heirate ich die Margarete. Und vielleicht probier ich mein Glück noch mal als Schnell-Läufer. Wenn ich nur zehn Prozent vom Wetteinsatz bekomme, dann werde ich reich. Wie lange hast du noch Ferien?“ Wilhelm zieht die Beine an und legt den Kopf darauf: „Nur noch ein paar Tage, Peter, nur noch ein paar Tage. Am nächsten Freitag 4

[close]

p. 5

muss ich zurück. Im ‘Römer’, hab ich von den Leuten gehört, wird jetzt ab und zu mit Kohlköpfen gekegelt. Da will ich noch mal mitmachen. Dem Kaffenberger hab ich versprochen, ihm mein Geographiebuch zu zeigen und ihm zu erzählen, was die Mönche uns über Amerika beigebracht haben und dann geht’s zurück nach Mainz. Die Wilhelmine will der Vater übrigens nach Frankfurt geben, zu den Franziskanerinnen, da wo die Maria war.“ Peter schaut überrascht auf: „Kriegt deine Schwester, die Wilhelmine ein Kind?“ Wilhelm lacht schallend auf. „Nein, nein, aber die Elisabeth Bechthold hat dem Vater erzählt, was Maria da alles gelernt hat. Wie man noch besser kocht, als bei uns, wie man einen Tisch vornehm deckt, wie man irgendwelche Handarbeiten herstellt, die keiner braucht und noch so ein Zeug. Die Wilhelmine ist ganz wild darauf, nach Frankfurt zu gehen. Peter, was soll nur aus dem Dorf werden, wenn alle weglaufen?“ ***** Das Schnell-Laufen ist in Mode gekommen. Die Zeitungen berichten darüber. Und Peter Bajus läuft mit, ist einer der Besten. Von Frankfurt nach Hanau, von Frankfurt nach Vilbel, von Oberrad nach Bieber, von Mainz nach Darmstadt. Von Darmstadt nach Jugenheim. Für Entfernungen, für die andere sechs Stunden benötigen, braucht Peter Bajus mal knapp zwei Stunden. Vom Bockenheimer Tor in Frankfurt zur Gallenwarte ist er siebzehn Minuten unterwegs. Eine Strecke, für die mindestens eine halbe Stunde veranschlagt wird. Tausende säumen die Straßen, wenn Peter Bajus unterwegs ist. Tausende jubeln ihm zu, laufen ihm entgegen, versperren ihm den Weg, um ihn zu berühren. Peter Bajus quält sich durch die Menge, läuft unbeirrt dem Ziel entgegen. Die Kunde vom „fliegenden Menschen“ erreicht den Großherzog Ludwig. Er ruft den Schnell-Füssler, wie er auch in den Zeitungen genannt wird, zu sich, schlägt ihm vor, gegen ein englisches Rennpferd aus seinem Marstall anzutreten. Peter Bajus ist vom Großherzog beeindruckt, eingeschüchtert ist er nicht. Weder vom Landesherrn, noch von der Wette. Er nimmt die Wette an. Die Distanz hat der Großherzog festgelegt: Von Darmstadt soll es nach Jugenheim gehen. 5

[close]

p. 6

Das Darmstädter Residenzschloss Der Start wird freigegeben. Der beste Stallknecht des Großherzogs sitzt auf einem herrlichen Pferd, das in weitgreifenden Galoppsprüngen dem Odenwald entgegen eilt. Ruhig und mit großer Gelassenheit macht sich Peter auf den Weg, sieht Pferd und Reiter in der Ferne entschwinden. Peter steigert das Tempo stetig, und schon bei Eberstadt überholt er Ross und Reiter. Unermüdlich läuft er, läuft wie ein Uhrwerk, vergrößert den Vorsprung und erreicht Jugenheim mit beträchtlichem Vorsprung. Die Menge jubelt, die Menschen sind begeistert. Weit über die Grenzen Hessens hinaus wird in den Zeitungen über Peter Bajus berichtet. Zweihundert Gulden für einen gewonnenen Lauf sind keine Seltenheit. Peter Bajus schwimmt im Geld - und gibt es mit vollen Händen wieder aus. Die Wette des Großherzogs hat ihm nicht nur Geld, sondern endlich auch die Anstellung zum Hofläufer gebracht. Jetzt kann er Margarete heiraten. ***** Und Katharina Bajus strickt Strümpfe. Margarete, ihre Schwiegertochter, sitzt bei ihr im Häuschen in der Vorderstraße. „Der Peter“ sagt Margarete bedrückt, „hat sich sehr verändert. Der Ruhm ist ihm zu Kopfe gestiegen.“ „Sei nicht so streng mit ihm“ antwortet Katharina. „Sieht er nicht wirklich schmuck aus, in seiner silberstrahlenden Livree, mit der roten Kappe auf dem Kopf und dem mächtigen Federbusch, der darauf befestigt ist. Hast du ihn schon mal gesehen, wenn er mit der Fackel in der Hand, neben der großherzoglichen Kutsche herläuft? Sei doch stolz auf ihn, Margarete.“ Katharina lässt die Nadeln klappern, immer schneller folgt eine Masche der anderen. Margarete seufzt: „Aber wenn er doch nur mal nach Hause kommen würde. Seit Wochen hab ich ihn nicht gesehen. Und er will auch nicht, dass ich ihn in Darmstadt besuche.“ Katharina lacht bitter. „So sind die Männer. Es tut mir leid, dass du mit meinem Sohn so wenig Glück hast. Aber er wird schon kommen, wenn es der Großherzog erlaubt. Der Peter hat dich doch lieb und von dem Geld, das er verdient, schickt er dir doch auch immer was. Und Kinder hast du schon genug.“ Margarete ist verstimmt: 6

[close]

p. 7

„Das meiste Geld behält er für sich. Er sagt, in Darmstadt ist es teuer. Und was er dir gibt, ist auch wenig genug. Sonst müsstest du keine Strümpfe mehr stricken.“ Über Katharinas Gesicht fällt ein dunkler Schatten: „Geh jetzt, Margarete, geh zu deinen Kindern und komm mich morgen wieder besuchen.“ Katharina entzündet das Öllämpchen und denkt, das kann ich mir jetzt wenigstens leisten: Ein Licht im Haus und ein Feuer im Ofen. Sie öffnet die Klappe des Küchenherdes, legt einen Holzscheit ins glimmende Feuer und facht es mit dem Schürhaken an. Die Flammen lodern auf. Dann zieht sie den Topf, in dem noch ein Rest der Gerstensuppe mit Dörrfleisch vom Mittag ist, auf die Feuerstelle. Zufrieden setzt sie sich wieder an den Küchentisch, nimmt die Stricknadeln auf und strickt. Es ist doch besser geworden, seitdem die Veronica den Philip geheiratet hat und der Peter die Margarete. Hungern müssen wir nicht mehr. Und ein paar Schuhe hat jetzt jeder von uns. Ich will nicht undankbar sein. Früher war es viel schlimmer. Und dass ich immer noch Strümpfe stricke; na ja, wenigstens sitze ich jetzt in einer warmen Stube und habe Licht. Am Fenster huscht ein Schatten vorbei, und dann steht Edwin Kuhl in der Küche. „Katharina, ich hab dich so lange nicht gesehen“ ruft er ihr zu. „Ich hab ja gedacht, der Peter kauft dir jetzt ein anständiges Häuschen. Jetzt, wo er so gutes Geld verdient. Da hab ich mich wohl getäuscht. Und dass er dich immer noch Strümpfe stricken lässt ...Und so lange er dir kein eigenes Dach über dem Kopf besorgt, kann ich dich besuchen. Wo sollst du denn sonst hin?“ Edwin Kuhl setzt sich an den Küchentisch. „Na, mir soll’s recht sein, so wie es ist.“ In Katharinas Gesicht haben sich tiefe Falten eingegraben. „Lass mich doch endlich in Ruhe, Edwin Kuhl. Lass mich endlich in Frieden.“ Edwin Kuhl steht auf, umfasst Katharinas Handgelenk, zieht sie zur Stiege. „Mach schon Katharina, ich hab heut nicht viel Zeit, geh nach oben.“ Katharina schüttelt den Kopf: „Ich will nicht, ich will einfach nicht mehr.“ Edwin Kuhl wird ärgerlich: „Jetzt werd nicht zickig. Denk an dein Haus, denk an deine Kinder. Ich kann dich immer noch nach Amerika bringen lassen oder dir das Haus wegnehmen. Los, mach zu.“ Katharina geht in ihre Schlafkammer und legt sich aufs Strohlager. „Zieh das Kleid aus“ herrscht Edwin Kuhl sie an. „Ich hab heut schon genug Ärger gehabt, da brauch ich keinen noch mit dir. Wenn du meine Sorgen hättest ....“ Katharina fühlt sich erbärmlich. Hört das denn niemals auf? Und zum ersten Mal fragt sie sich, ob Amerika wirklich schlimmer gewesen wäre, als das, was sie nun seit so vielen Jahren durchleiden muss. Ich will es nie mehr erleben müssen, denkt Katharina. Ich will ihn nie wieder hier im Haus sehen. Ich will, ach ich will gar nichts mehr. Ich will meinen Frieden. Wirr laufen ihr die Bilder durch den Kopf: Die Kinder, 7

[close]

p. 8

die sie jetzt nicht mehr brauchen, weil sie erwachsen werden. Der Johannes, der ihr kein Glück gebracht hat und der Edwin Kuhl, vor dem sie sich ekelt. Jedes Mal, wenn er bei ihr gelegen hat. Wie hasst sie ihn. Katharina geht in den Garten, nimmt eine Gießkanne und schüttet das ganze Wasser über sich. Ich brauch mehr Wasser, denkt sie, um alles von mir abzuwaschen. Noch viel mehr Wasser. Ihr Kleid klebt am Körper. Dann sieht sie die Wäsche auf der Leine, die sie doch noch abhängen wollte, bevor der Kuhl kam. Katharina geht zur Wäscheleine, nimmt Handtücher und Unterwäsche, Bettzeug und die einzige Tischdecke, die sie besitzt, ab, streicht die Wäschestücke glatt und legt sie in den Wäschekorb. Sie spürt die Wäscheleine in ihrer Hand. Ganz kühl ist sie, zu dieser Abendstunde und schon ein wenig feucht. Katharina löst die Seilenden von der Wäschestange, wickelt die Leine über dem linken Arm auf und bringt sie ins Haus. Da war doch noch etwas, überlegt Katharina und löscht die kleine Öllampe, die dem ärmlichen Zimmer einen rosigen Hauch von Wohnlichkeit verliehen hat. Da war doch noch was, was ich machen wollte… „Katharina“ ruft Margarete. „Katharina, wo bist du?“ Margarete schaut im Garten, geht durch die Küche, steigt die Stiege hinauf in Katharinas Schlafkammer. Nichts rührt sich im Haus. Margarete geht zurück in den Flur. Die Tür zum Dachboden steht offen. Sie steigt die Leiter hinauf. Suchend bewegen sich ihre Augen durch den halbdunklen Raum, bleiben im hintersten Winkel hängen. Margarete wird von Entsetzen gepackt, sie läuft über den knarrenden Boden und schreit auf: „Nein, nein, das kann nicht sein!“ Sie presst die Hände vors Gesicht und durch die Finger laufen dicke Tränen. Leblos hängt Katharinas Körper an der Wäscheleine im Gebälk. ***** Edwin Kuhl steht am Fenster seiner Amtsstube im Rathaus, schaut hinaus - in Richtung Vorderstraße. Sein Gesicht ist aschfahl. Dunkle Schatten liegen unter seinen Augen. Sein Haar ist ergraut, fast über Nacht. Seine Bewegungen sind fahrig. Immer wieder streicht er sich mit der Hand durch den Haarschopf. „Göbel“ sagt er zum Pfarrer, der die Arme vor der Brust verschränkt hält und ihm gegenüber steht, „Pfarrer, sie muss ein christliches Begräbnis bekommen.“ Pfarrer Göbel beobachtet Edwin Kuhl mit unergründlichen Augen. Ist was dran, denkt er, was im Dorf gemunkelt wurde, der Bürgermeister hatte was mit der Katharina? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Mehr als Gerüchte hat er nie gehört. Gesehen hat die beiden keiner, wer weiß, wer weiß? „Nein“ protestiert Göbel energisch, „die Katharina hat sich selbst gerichtet. Sie kann nicht auf unserem Gottesacker beerdigt werden.“ Kuhl geht ein paar Schritte durchs Zimmer und wieder zurück zum Fenster. „Sie hat kein leichtes Leben gehabt, die Katharina. Sie gehörte zu den 8

[close]

p. 9

Hungerleidern. Und Hunger hat sie gewiss an so manchem Tag gehabt, wenn die paar Kreuzer, die wir ihr fürs Strümpfestricken gegeben haben, nicht fürs Brot und nicht fürs Gemüse reichten. Wer hat ihr schon mal einen Korb mit ein paar Kohlköpfen oder ein Stückchen Butter gebracht? Nur die Margarete hat manchmal geholfen. Nein, Pfarrer, sie soll ein anständiges Begräbnis bekommen und sich im Tod nicht auch noch schämen müssen. Die Katharina wird nicht verscharrt, wie ein toter Hund. Lass dir was einfallen.“ Georg Christoph Rudolf Göbel setzt sich auf den unbequemen Stuhl, der vor dem Schreibtisch des Bürgermeisters steht, nimmt die Löschwiege in die Hand und betrachtet die Abdrücke auf dem Löschpapier, als könne er da die Lösung finden. „Jeder hier weiß, dass die Katharina sich den Strick genommen hat. Selbst drüben, in Gerau und in Königstädten erzählen sie, dass sie sich erhängt hat. Es ist nun mal so geregelt, dass Selbstmörder nicht in geweihter Erde begraben werden.“ Edwin Kuhl fährt auf: „Dann lass uns sagen, dass ganze sei ein Unfall gewesen. Oder wir hätten einen Brief gefunden, in dem, was weiß ich steht.“ Göbel schüttelt wieder den Kopf: „Die Katharina konnte nicht schreiben.“ Edwin Kuhl lässt sich in den stabilen Leder bezogenen Armstuhl an seinem Schreibtisch fallen. „Dann sagen wir, es war Mord. Der Mörder von der Mechthild Hagemann wurde nie gefunden. Warum soll der nicht einen zweiten Menschen gemeuchelt haben?“ Pfarrer Göbel schaut interessiert auf: „Mord? Das willst du den Gendarmen erzählen, die aus Darmstadt kommen werden? Was werden die sagen, wenn jeder erzählt, wie die Margarete die Katharina gefunden hat? Schlag dir es aus dem Kopf, Bürgermeister. Die Katharina bekommt kein christliches Begräbnis. Es sei denn ...“ Kuhl schaut Göbel aufmerksam an: „Es sei denn was?“ Göbel lehnt sich entspannt auf seinem Stuhl zurück, verschränkt wieder die Arme vor der Brust: „Es sei denn, du machst Geld aus der Gemeindekasse locker, damit wir eine neue Glocke bekommen. Die alte ist gesprungen, wie dir ja bekannt ist, Bürgermeister.“ „Wir werden Geld leihen müssen“ überlegt Kuhl laut, „aber du sollst deine Glocke bekommen.“ Pfarrer Göbel nickt zufrieden, steht auf und geht zur Tür. Dann dreht er sich noch einmal zu Kuhl um und sagt: „Ich werd am Sonntag predigen, dass der Herr allen Sündern vergibt, auch denen, die Hand an sich legen. Ich werd ihnen sagen, dass sich Katharina nur vor Gott und nicht den Menschen verantworten muss. Und ich werd unseren lieben Nauheimern erklären, dass wir alle ein wenig Schuld sind, am Tod der Katharina. Der eine mehr, der andere weniger.“ Er schaut Edwin Kuhl fragend an: „Willst du mir noch was sagen, Bürgermeister?“ Edwin Kuhl schüttelt den Kopf und starrt gedankenverloren zum Fenster hinaus. ***** 9

[close]

p. 10

Hanna und Ludwig, Marias Kinder, Ansgar und Paul Bechthold laufen, quietschend vor Vergnügen, zwischen den Hühner herum. „Putt, putt, putt, puut“ ruft Hanna den Hühnern zu und wirft ihnen ein paar Löwenzahnblätter zu, die sie zuvor auf der Wiese gepflückt hat. Paul, der Kleinste, trappelt Hanna auf seinen stämmigen Kinderbeinchen hinterher. Aufgeregt kommt ein Huhn auf ihn zugeflattert. Mit einem Plumps lässt sich Paul auf den gut gepolsterten Kinderpo fallen. „Hanna, weg, weg“ ruft er aufgeregt und fuchtelt wild mit den Ärmchen. Hanna nimmt ihn lachend auf den Arm und verscheucht das Huhn. Maria und Klara tragen einen großen Korb, gefüllt mit Krautköpfen, über den Hof. „Was machen wir?“ fragt Klara, „verkaufen wir die Köpfe so in Rüsselsheim auf dem Markt, bringen wir sie nach Mainz, da bekommen wir mehr Geld oder machen wir Sauerkraut und verkaufen es im Winter?“ Maria überlegt: „Wir sollten das Kraut jetzt so verkaufen und Sauerkraut nur für unseren eigenen Bedarf herstellen. In Frankfurt auf den Märkten, da kann man im übrigen sehr viel mehr Geld verdienen, als in Rüsselsheim und Mainz. Wir sollten, wenn die Ernte eingefahren ist, Handkäs machen. Ganz viele. Der ist in Frankfurt noch eine Seltenheit. Dann müssen wir Pilze sauer einlegen und Marmelade einkochen. Die Äpfel, die wir nicht selber brauchen, würde ich in diesem Jahr nicht im Keller einlagern, sondern ebenfalls nach Frankfurt schaffen. Dort wird noch viel mehr Apfelwein getrunken, als bei uns. Die Äpfel, die können wir gut verkaufen.“ Interessiert hört Klara zu: „Aber der Wendel, der wird nie erlauben, dass wir nach Frankfurt fahren. Maria lächelt spitzbübisch: „Wir können bei den Franziskanerinnen wohnen; wir nehmen deine Schwiegermutter mit und der Bauer soll uns einen Knecht geben, der den Wagen fährt. Wenn die Knechte nicht mehr auf den Feldern gebraucht werden, kann der Bauer schon mal auf einen verzichten. Und wenn wir genügend Sauerkraut gemacht haben, nehmen wir das auch mit. Die Frankfurter Essen Sauerkraut mit gekochten Rippchen oder mit Würsten. Vielleicht nehmen uns auch die Franziskanerinnen was ab. Die Äbtissin ist der hilfreichste und gütigste Mensch, den ich kenne.“ Klara lacht schallend auf, drückt Maria und sagt: „Du bis unbezahlbar. Lass uns nachher mal mit den Kindern zum Schwarzbach gehen. Beim Kuhloch können sie am sanften Ufer planschen. Und wenn wir mit Elisabeth alleine in der Küche sind, weihen wir sie in unseren Plan ein.“ Mit Wohlwollen betrachtet Elisabeth die beiden jungen Frauen. Wer hätte gedacht, überlegt sie, dass mit Maria das Lachen wieder bei uns einzieht? Glücklich beobachtet sie die Kinderschar, die mit ihrem fröhlichen Geplapper das Haus erfüllt. Es war eine gute Entscheidung, Maria mit ihren Kleinen bei uns aufzunehmen. Selbst der Wendel ist inzwischen weniger ruhelos und hält sich im Zaum. Im Auge behalten werde ich ihn trotzdem. 10

[close]

p. 11

Später, beim Abendessen, erzählt Hans Bechthold, endlich sei mal wieder ein Brief aus Amerika gekommen. Aber eigentlich nicht aus Amerika, nicht aus New York, sondern aus einem Landstrich, viel weiter nördlich, aus Kanada. „Dort, der Edwin Kuhl hat mir den Brief vorgelesen“ sagt Hans Bechthold, „soll es einen Fluss geben, der viel breiter ist, als der Rhein. Dort gibt es einen See, so groß wie das Meer, hat der Jacobus Waßmoth geschrieben. Und Land, so weit das Auge reicht. Guter Boden sei das und jeder Bauer brauche nur beim Bürgermeister anzumelden, wie viel er davon haben wolle und bestellen könne. Die Bauern heißen dort Farmer, schreibt der Waßmoth. In New York hat sie ein Anwerber der Regierung mit auf die Reise genommen und in dieses Land geführt. Viele Wochen waren sie mit Pferd und Wagen unterwegs. Aber niemand ist krank geworden. Dann haben die Männer aus Holzstämmen Häuser gebaut, Blockhütten werden sie genannt.“ Hans Bechthold greift zur Suppenkelle und füllt sich den Teller mit der kräftigen Bohnensuppe, in der dicke, angebraten Speckwürfel schwimmen. „In New York hätten einige Männer noch gearbeitet, im Hafen, in den Lagerhallen oder als Handlanger bei Handwerkern. Da hätten sie ein wenig Geld zur Seite legen können und mit auf die Reise in den Norden genommen. Die erste Ernte, schreibt der Waßmoth, sei sehr gut gewesen. Nur viel heißer als bei uns sei der Sommer und im Winter falle so viel Schnee, wie wir es noch nie erlebt hätten. Die, die schon länger dort leben, sagen, das sei immer so. Jetzt sollen ein paar von den Unsrigen nicht nur Ziegen, sondern auch schon Kühe haben. Es klingt wirklich so, als fließe in dem Land Milch und Honig.“ Hans Bechthold löffelt seine Suppe aus. „Und was ist aus den anderen geworden, die nicht in dieses Kanada gegangen sind?“ fragt Elisabeth. „Nun ja“ antwortet Hans, „es muss viele Anwerber in New York geben, nicht nur von der Regierung in Kanada. Einige unserer Leute sind weiter in den Süden gezogen. Von denen hat der Waßmoth nichts mehr gehört. Einer der Männer ist bei einer Wirtshausschlägerei im Hafen von New York ums Leben gekommen. Seiner Frau und seinen Kindern hilft jetzt die ‘Deutsche Gesellschaft’. Die hat ihr Geld geliehen. Die Frau hat damit begonnen, Strümpfe zu stricken und Decken zu häkeln. Die Kinder helfen ihr. Sie nähen wohl auch Hemden, wie sie die Arbeiter brauchen. Die Frau und die Kinder sind so fleißig, schreibt der Jacobus Waßmoth, dass sie wohl bald einen eigenen Laden aufmachen und das Geld an die Gesellschaft nach und nach zurückzahlen können. Am besten geht’s wohl denen, die nach Kanada gegangen sind. Nur ein gutes Bier, das gibt es dort nicht, schreibt der Waßmoth.“ Klara schaut den Schwiegervater an: „Dann hat der Pfarrer doch recht behalten, als er sagte, die Auswanderer würden ihr Glück in der ‚Neuen Welt’ finden ....“ 11

[close]

Comments

no comments yet