Bajus-Auszug

 

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Peter Bajus, der Langstreckenläufer aus Nauheim (Buchauszug)

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Peter Bajus – der Langstreckenläufer aus Nauheim (Buchauszug) Von Hedwig Anna Kirst, Nauheim Dicke, schwarze Wolken ziehen über den Himmel, jagen sich, entfliehen und kommen zurück. Heiß ist der Atem der Erde, der Gräser, Pflanzen erschlaffen lässt. Kein Lüftchen regt sich. Nur die Bienen summen leise, fliegen von Blüte zu Blüte, bewegen die Luft mit leisem Flügelschlag. Einhundert, zweihundert Apfelbäume stecken ihre knorrigen Äste gen Himmel, bereit, jedem Wetter zu trotzen. Peter Bajus liegt zwischen den knorrigen Wurzeln eines Apfelbaums, in einer Kuhle, mit Blick durchs Blätterdach zum aschgrauen Himmel. Sein Blick schweift zu den Häusern, die sich in der Ferne ans Ufer des Schwarzbachs schmiegen. Dünne Rauchsäulen steigen aus den Schornsteinen, die die Richtung mit jeder Windböe verändern. Peter kaut auf einem Strohhalm. Das einzige, was er an diesem Morgen zu kauen hat. Viel mehr wird es heute nicht werden. Mutter ist arm und hat viele Mäuler zu stopfen. Peter räkelt sich, streckt die langen, dünnen Arme in die Höhe, springt und greift nach einem Ast. Ein kräftiger Schwung und der Zwölfjährige steht auf den Händen, streckt die Füße gen Himmel. Ungestüm, als laufe ihm die Zeit davon, bewegt er sich vorwärts. Immer eine Hand vor die andere, die dürren Beine zappeln in der Luft. Immer eine Hand vor die andere geht es vorwärts – in Richtung Dorf. Dort hin ins Haus, in der Vordergasse, wo die Mutter seit Stunden Strümpfen strickt. Der Himmel will die Erde verschlingen. Leise grollt der Donner. Blitze jagen durch die Wolken. Die Erde vibriert. Unbeirrt setzt Peter eine Hand vor die andere auf staubige Pfade. Vorbei führt sein Weg an den schmucken Häusern der wohlhabenden Bauern, vorbei am massiven Rathaus mit dem Uhrentürmchen, vorbei an der Kirche, die, gleich einem Fels, in der Dorfmitte steht. Und immer noch läuft Peter auf seinen Händen, durch eine Welt, die ihn ignoriert, durch eine Welt, die ihm nicht wirklich ist. Durch eine Welt, in der er von einer Welt träumt, die ihm zu Füßen liegt. „Na, Hungerleider, mal wieder die Schule geschwänzt?“. Wilhelm, wohlgenährter Sohn des Bürgermeisters, baut sich vor dem hageren Bürschlein auf und beißt in eine dicke Butterstulle. Verachtung, Hohn: Wilhelms Körperhaltung, eine einzige Provokation. Eine doppelte Rolle rückwärts und Peter steht auf seinen Beinen. „Her mit dem Brot“ schreit er dem Altersgenossen zu, entreißt ihm, auf was sein hungriger Magen seit Tagen wartet und schlägt zu. Einmal, zweimal. Direkt auf die dicke Nase des Wilhelms. Blut spritzt. Wilhelm schreit, fällt zu Boden und Peter beißt genüsslich ins Butterbrot. Heulend zieht Willhelm sein Taschentuch aus der grauen Leinenhose, drückt es an die blutende Nase, verschmiert sich das Gesicht: „Das wirst du mir büßen, ich sag’s meinem Vater.“ Der Himmel öffnet seine Schleusen. Blitz und Donner werden zu Einem. Die Erde bebt, der Donner rollt, grollt. Kauend und gutgelaunt trottet Peter pitschnass in den Garten, der das kleine, schmale, graue Häuschen umgibt. Dem Heim, in dem er, Mutter Katharina und die Geschwister leben. Dunkelheit umfängt ihn, solang kein Blitz die armseligen Möbel in ein fahles Licht taucht. Kerzen können sich nur Reiche leisten. 1

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Peter rülpst und lacht. Wann wird es wieder ein solch gutes Buttebrot geben? Sobald sicher nicht. Mutter hat zu wenig Strümpfe gestrickt. Zu wenig Strümpfe, zu wenig Geld in der Haushaltskasse. So einfach ist die Rechnung. Ein Tisch, vier Stühle. Ein Herd, in dem ein Feuer glimmt. Ein Küchenschrank mit irdenem Geschirr. Katharina Bajus zuckt zusammen, wenn der nächste Blitz die Stube erhellt. Katharina zuckt zusammen, wenn der Donner das kleine Häuschen erbeben lässt. Peter drückt der Mutter einen feuchten Kuss auf die Wange. „Mama, ich hatte ein fabelhaftes Butterbrot.“ Katharina lächelt und lässt die Nadeln klappern. Katharina strickt Strümpfe, wie an jedem Tag, so lange sie sich erinnern kann. Ihre Augen sind entzündet. Das Haar klebt am Kopf. Schweiß rinnt über ihre Stirn. Es ist heiß im Häuschen in der Vordergasse. Sorgen, Not und Angst lassen ihren Atem schneller gehen. „Heilige Maria, du bist ja die Mutter, dein Kind will ich sein...“ Oh Maria, bewahre uns vor dem Übel...“ Katharina betet, gerät ins Stocken. Der Text? Sie weiß ihn nicht mehr. „Oh Mutter – bewahre uns vor dem Unglück,“ murmelt sie. Und schneller, immer schneller bewegen sich die Stricknadeln. Jede Masche zählt, jede Masche ist Teil eines Strumpfes, der ein paar Pfennige bringt. Noch vereinzelt erhellen Blitze den ärmlichen Raum. Nur in der Ferne grollt noch der Donner. Der grob gezimmerte Holztisch, die vier Stühle haben bessere Zeiten gesehen. „Peter, auf dem Ofen steht noch etwas Haferbrei,“ Katharinas Augen werden dunkel beim Anblick des mageren Knaben. „Nicht nötig“, lacht Peter. „Ich hab doch dem Wilhelm sein Butterbrot gegessen. Gib Veronica den Rest. Wo ist sie eigentlich, meine Lieblingsschwester?“ Katharina zuckt die Achseln. „Vielleicht bettelt sie bei den Bauern um ein wenig Kohl?“ Leichtfüßig springt Peter die Stiege hinauf ins Obergeschoß. Gleich links, in der kleinen Kammer, liegt seine Strohmatratze. „Und hier“, bestimmt Peter laut, „bleib ich jetzt erst mal.“ Die kleine Dachluke gibt den Blick zum Himmel frei. Dunkle Wolken ziehen schnell vorüber. Wohin? Ein Stück blauen Himmels ist für Sekunden sichtbar, bis die nächste dunkle Wolke das Zimmer erneut in geheimnisvolles Dämmerlicht versetzt. Peter träumt. Peter träumt von dem Vater, an den er sich nicht erinnern kann. Peter träumt von einer Zukunft, in der sonntags ein Braten auf dem Tisch steht und an den Werktagen einen dicke Suppe. Er kann ihn riechen, den Duft von Braten und den von deftigen Suppen. Peters Magen knurrt. Nein, der Rest Haferbrei bleibt für Victoria. Ich hab ja ein Butterbrot gehabt. Butter, Peter leckt sich die Lippen in Erinnerung an das frugale Mahl. Aber wenn ich einmal reich bin, dann gibt es Essen im Überfluss, so wie bei den Bauern in unserem Dorf. Peter schwelgt in Träumen. Und Bier soll es geben und Mutter soll nie wieder Strümpfe stricken. Aber dazu müsste ich etwas lernen. Auf Peters Stirn kräuselt sich die zarte Haut zu Falten. Ich will, ich muss und ich kann. Peters Stirn entkrampft sich. Ich will, wie der Wilhelm, zur Schule gehen und später vielleicht sogar eine Universität besuchen. Ich will, ich muss und ich 2

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kann. Auch, wenn ich nicht Sohn des Bürgermeisters bin. Und doch? Sohn des Bürgermeisters sollte man sein. Dann stünde einem die Welt offen. Peter grübelt: Sollte ich doch wieder in die Dorfschule gehen? Lehrer Christian Kaffenberger hat gesagt, ich sei nicht dumm. Dumm sei es nur, nicht zur Schule zu gehen. Mutter hat auch nichts dagegen, wo doch in unserer Gemeinde niemand Schulgeld zahlen muss. Und während der Erntezeit ist keine Schule, da kann ich den Bauern helfen und ein paar Pfennige verdienen. Aber darüber, Peter streckt sich wohlig auf seiner Strohmatratze aus, darüber denke ich morgen nach. Aber ich will, ich muss, ich kann – das will ich nie wieder vergessen. „Peter, du träumst schon wieder. Steh auf, du Faulpelz!“ Veronicas glockenhelle Stimme holte ihn in die Wirklichkeit. Es ist dunkel und still in Peters Kammer. Nur in der Ferne grollt noch leise der Donner. Veronica streicht dem Bruder sanft über den blonden Schopf, der dem ihren so ähnlich ist. „Komm in die Küche, Mutter hat noch einen Rest Haferbrei und die Kleinen sind auch da.“ Peter schüttelt trotzig den Kopf: „Veronica, warum sind wir so arm? Warum müssen wir ständig Hunger haben? Warum muss Mutter so viele Strümpfe stricken und wir bringen’s doch zu nichts?“ „Wenn ich groß bin, bring ich uns alle hier raus, aus dem verfluchten Dorf. Wart’s nur ab.“ „Ach Peter,“ Veronica, die Vierzehnjährige, lächelt traurig, „ Das ist Gottes Wille. Es muss Reiche und Arme auf der Welt geben. Lass uns am Sonntag zur Kirche gehen und beten. Vielleicht hat ja der Herrgott ein Einsehen und schickt ein Wunder.“ Dicke Tränen rollen über Peters Kindergesicht. „Gott, Veronica, hat nur die Reichen lieb. Wir sind die Armen. Verlierer. Leute wie uns sieht der Himmelvater nicht.“ Gewitter und Regen haben die Luft gereinigt. Ein blasser Mond wirft sein Licht auf die kaum mehr als hundert Häuser. Auf große Gehöfte, auf weitläufige Grundstücke. In der Vorderstraße, in der Hintergasse und im Gäßle werden in den Stuben der Hofreiten Kerzen und Öllampen entzündet. Das Tagwerk ist getan. Die Wohlhabenden - und wer ist in Nauheim nicht wohlhabend? - genießen den Feierabend. Da stehen die Eintöpfe mit den dicken Fleischbrocken auf dem Tisch. Da gibt es das Brot, das der Bäcker im Backhaus hinter dem Rathaus gebacken hat und da gibt es das kräftige Bier, das Jakob Wenz in der Wirtschaft „Römer“ braut und ausschenkt. Katharina Bajus ist nicht wohlhabend. Katharina Bajus ist arm, bitter arm. In ihrem Haus gehen niemals Kerzenlichter aus – es gibt keine, die entzündet werden. Und Katharina Bajus strickt Strümpfe. Jede Stunde, jeden Tag. Katharinas Augen sind entzündet. Jede Stunde, jeden Tag. „Veronica, hier sind die Reichen so verflucht überheblich. Gesindel nennen sie uns und sind doch ein schlimmeres Gesindel als wir.“ Veronicas Augen werden dunkel. Ganz dunkel. Und in der dunklen Stube ziehen dunkle Wolken auf – scheinbar und doch so realistisch. „Ach Peter, ich hab’s doch gesagt, es ist Gottes Wille. Es muss Reiche und Arme geben, auf dieser Welt. Gott hat es so gewollt.“ „Gott? Ich kenne ihn nicht, diesen Gott, der kein Erbarmen hat. Aber lass uns am Sonntag zur Kirche gehen und beten. Es könnte ja sein, dass es einen Gott gibt, der 3

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nicht nur die Reichen liebt. Es könnte ja ein Wunder geben, das uns den Glauben wieder gibt und vielleicht einen anderen Gott.“ Dicke Tränen röten Peters zarte Haut. Tränen der Verzweiflung, Tränen der Auflehnung, gegen eine Welt, in die er hinein geboren wurde – und in die er nicht geboren werden wollte. Peters Mundwinkel - ein Spiegelbild seines Elends. Aufruhr im Herzen und Aufruhr, Verzweiflung in der geschundenen Seele. Dunkelheit in der Stube, in der Katharina noch immer Strümpfe strickt. Dunkelheit in Nauheim, im Dorf am Schwarzbach, in dem es so viele Reiche und auch ein paar Arme gibt. Die Sonne hat sich verabschiedet vom Dorf. Nur für heute? Veronica streicht Peter noch einmal über die blonden Haare:. „Geh schlafen, Peter. Wir haben doch ein Dach über dem Kopf und Mutter sorgt für uns.“ Und Katharine strickt Strümpfe im dunklen Haus: „Herr, hab Erbarmen und gib uns unser täglich Brot und vielleicht auch mal einen Braten.“ Weiße Rosen blühen vor dem Gasthaus zum „Römer“. Weiße Rosen ranken sich um die Eingangstür des Fachwerkhauses, nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt. Hier ist Jakob Wenz Herr im Haus. Jakob Wenz, einer der bedeutendsten Männer im Dorf. Zehn Kinder hat seine Frau zur Welt gebracht. Und alle haben das Kindesalter überlebt. Keine Selbstverständlichkeit in Zeiten, in denen ein Kinderleben so wertlos oder wertvoll ist, wie das Leben eines Ferkels. „Wenn’s halt überlebt,“ Jakob Wenz ist in der abendlichen Runde am runden Eichentisch im Wirtshaus zum „Römer“ in seinem Element, „dann hat’s der Herrgott so gewollt. Wenn halt nicht, dann macht der Herrgott ein Neues.“ Jakob Wenz lacht dröhnend, streicht sich über seinen dicken Bauch und schiebt den Unterleib vor: „So macht man Kinder, eines nach dem anderen.“ „Ja der Herrgott!“ Gastwirt Jakob Wenz ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, mal zu zeigen, wie man Kinder macht,. Er schiebt die lederne Schürze hoch und öffnet den Hosenstall. Der Bürgermeister, der Pfarrer, der Lehrer, die Großbauern, der Müller und der Metzger, der Bäcker und der Jude Abraham schauen auf das, was unter dem dicken Bauch des Jakob Wenz hervorlugt. Nur Pfarrer Georg Christoph Rudolf Göbels Wangen färben sich vom Rosa zum Rot: „Pfusch du mal nicht dem Herrgott ins Handwerk, Jakob Wenz.“ „Ja glaubst Du denn, Pfaffe, der heilige Geist hat mein Weib geschwängert?“ Jakob Wenz ist in seinem Element: „Margarete, noch ein Bier auf unser schmuckes Dorf!“ „Und dürfens auch noch ein paar Handkäs sein?“ Margret ist sich ihrer Wirkung bewusst. Mit ihren wasserblauen Augen leuchten. Jakob Wenz, ihr Vater, das ist einer der bedeutendsten Männer im Dorf. Dem Herrgott ins Handwerk pfuschen," belehrt Pfarrer Georg Christoph Rudolf Göbel den Jakob Wenz noch einmal, „das tu lieber nicht - und denk lieber daran, was der Herrgott, in seiner übergroßen Güte dich fragen wird, wenn du dereinst vor der Himmelspforte stehst." "Prost, Leute und noch ein Bier auf unser schmuckes Dorf," ruft Wenz Margarete zu, die fleißig hinterm Schanktisch eine neue Kanne Bier füllt. Margarete stellt den schäumenden Gerstensaft mit Schwung auf den Wirtshaustisch, lächelt dem Vater verschwörerisch zu und fragt kokett in die Runde, ob es denn auch noch ein paar Handkäs mehr sein dürften, weil denn Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhält. 4

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Margarete ist Wenz' Lieblingstochter. Ein Kind noch, an der Schwelle zum jungen Mädchen. "Schneid die Zwiebeln, damit wir wissen, warum uns die Tränen kommen," lacht Bürgermeister Edwin Kuhl schon etwas angeschickert vom vielen Bier, "und lasst uns überlegen, wie wir den Wohlstand im Dorf heben können. Ich hab da eine Idee." Margarete schneidet drei Zwiebeln, schüttet fünfzehn Löffel Öl in die Schüssel und gibt sieben Löffel Essig dazu. Kümmel wächst im Garten hinter der Schankwirtschaft und Salz und Pfeffer ist im Haus des wohlhabenden Gastwirts auch zur Hand. Margarete hilft seit Kindesbeinen in der Gastwirtschaft des Vaters, hat längst gelernt, was ein Mädchen, das mal Hausfrau werden soll, wissen muss. Frisch duftet das Brot, das sie aus der Winterküche holt und von dem sie dicke Scheiben abschneidet. Butter, aus dem Fass, ganz frisch zubereitet, wird auf braunen Steingutplatten verteilt. Und in großen, irdenen Schüsseln wird der Handkäs, eine echt Nauheimer Spezialität, angerichtet. Bäuerinnen haben diese Käsezubereitung ersonnen, die inzwischen weit über die Dorfgrenzen hinaus verkauft wird. Selbst in Mainz, auf dem Markt, bieten Nauheimer Frauen ihren Käse an, der reißend Absatz findet. "Also..." sagt Kuhl bedeutungsvoll, sticht mit der Gabel in den Käsetopf und legt sich einen dicken Handkäs auf den Teller. "Also," wiederholt Kuhl, während er sich eine Brotscheibe mit goldgelber Butter bestreicht: "Wir haben so etwa zwanzig Taugenichtse in der Gemeinde, die uns das Brot wegfressen. Zusammen mit ihren Familien, sind das an die einhundert Seelen. Gesindel, das nicht arbeitet. Gesindel, dessen Brut herumlungert und Gesindel, das zu nichts gut ist. Eine Menge Geld muss ich in jedem Jahr aus der Gemeindekasse für die locker machen. Die Katharina Bajus mit ihren Bälgern ist auch so eine." ***** Wer kennt sie nicht an diesem Tisch, die Geschichte der Katharina? Johannes Bajus war ein Wanderkrämer. Mit einem Markt auf vier Rädern ist er unterwegs. In der Wetterau, in Hanau, in Mörfelden, in Gerau und anderswo in Hessen. Nägel und Zwirn, Geräte für den Ackerbau und Scheren und Nadeln hat er in seinem Gepäck. Kurzwaren und Töpfe sind im Angebot. Ein Handelsunternehmer ist er, mit Winterstandort Nauheim. In Raunheim, wo er auf einer Reise Halt macht, hat er die Katharina kennen- und lieben gelernt. Hat sie betört und ihr von einer goldenen Zukunft erzählt - und hat sie geschwängert. Da blieb der Katharina nur das Jawort und die Hoffnung auf ein Leben, in dem Fingerhüte aus Gold und Scheren aus Silber sein würden. Die Hoffnung ist bald bitterer Erkenntnis gewichen: Der Mann, der ihr die Sterne vom Himmel holen wollte, würde ein Leben lang ein armer Schlucker bleiben. Katharina hat dennoch von einer besseren Zukunft geträumt, und dem Johannes ein Kind nach dem anderen geboren. Mal neben dem Krämerwagen, mit dem das junge Paar unterwegs ist, mal in einem Dorf, das Büttelborn heißt. Katharina hat geweint über jeden neuen Esser und gelächelt, wenn sie dem Johannes wieder ein neues Bündel Leben in den Arm gelegt hat. Der Johannes hat weniger gelächelt und über das Mäulchen geflucht, das auch noch gefüttert werden wollte. Bis er starb, der Johannes, am 19. April 1809. 5

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Da war er noch in Nauheim, in seinem Winterquartier, wo er die Vorräte auffrischte, mit denen er sich auf die Reise machen wollte. Johannes wurde begraben und Katharina blieb mittellos zurück. Nur ein paar Töpfe und Fingerhüte, ein paar Bänder und Kurzwaren waren ihr geblieben, ein paar Stricknadeln waren auch dabei. Und da waren die Kinder, die hungrigen Mäuler, von denen Peters am größten war. Da saß sie nun, in Nauheim, in dem gottverlassenen Nest, wie sie es nannte, in dem der Bürgermeister und der Dorfrat so gequält erklärten, natürlich könne Katharina mit ihren Kindern bleiben. Selbstverständlich werde die Gemeinde ihr ein Dach über dem Kopf geben. Das war dann die alte, verfallene Behausung in der Vorderstraße, abseits der Gehöfte, auf denen die reichen Bauern ihrem Tagwerk nachgehen. Aber Katharina ist dankbar. Auch dafür, dass die Dickwänste, die im Rathaus das Sagen haben, überhaupt mit der Witwe eines Wanderkrämers sprechen. So wohlwollend, so arrogant und doch für Katharina ein wenig tröstlich. Stricken sollte sie. Stricken, so viele Strümpfe, als es das Tageslicht erlaubt. Selbst die Wolle wird der noch immer attraktiven Frau auf Kosten des Gemeindesäckels zur Verfügung gestellt. Und Katharina strickt Tag für Tag. Vom ersten Schrei des Hahnes bis der Mond bleich über dem Dorf steht, in dem es Wohlstand gibt - nur nicht für Katharina und ihre Kinder. Ein Laib Brot in der Woche, ein paar Bohnen und die armselige Behausung, manchmal ein Fuder Holz, das ist es, was vom Tisch der Reichen für Katharina und ihre Kinder abfällt. ***** "Also", sagt Edwin Kuhl, "wir haben im Dorf ein paar Taugenichtse, ein paar verkommene Familien, die die Gemeindekasse nur Geld kosten. Wir sollten ihnen helfen, ein besseres Leben zu haben. Sie säen nicht, sie ernten nicht, würde unser Pfarrer sagen und dennoch leben sie." Edwin Kuhl schlägt sich erst krachend auf die Schenkel und dann dem Pfarrer Georg Christoph Rudolf Göbel auf die Schulter. "Wie viel schöner wird es im Dorf werden," fährt Edwin Kuhl fort, "wenn wir das Elend der Taugenichtse nicht mehr sehen müssen. Wenn sie nicht mehr im Wirtshaus herumlungern, während andere arbeiten. Dann gibt es im Dorfrat auch keine Diskussionen mehr darüber, ob wir der Bande neue Strohsäcke bezahlen müssen, auf die sie nachts ihre faulen Glieder betten können." Margarete stellt die nächste Kanne des würzigen Bieres auf die dicke Eichenplatte. Sorgenfalten umwölken ihre Stirn. Peter, ihr Spielkamerad, gehört zu jenen, die die Erwachsenen Taugenichte nennen. Peter, der so stark ist wie ein Stier, der jetzt schon drei Heuballen auf einmal durchs Dorf rollen kann und der auf alle Fragen eine vernünftige Antwort weiß. Auch auf die, warum Hungerleider kein Geld haben und der Müller, der Metzger, die Großbauern so reich sind. Was hat Peter gesagt? Gott ist immer auf der Seite der Reichen. "Ruhe im Saal," brüllt Kuhl und Margarete flüchtet hinter den Brunnen, der im Haus, hier in der Schankstube, für frisches Wasser sorgt. Wir sind begütert, denkt Margarete. Wasser im Haus. Eine Quelle, die täglich sprudelt. Und kein Gang zum Brunnen ist erforderlich. Vater hat so viel Geld, dass er ständig neue Strümpfe braucht, in denen er es verstecken kann. 6

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