Mitteilungsheft Thüringer Pfarrverein Juli - September 2017

 

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Mitteilungsheft Thüringer Pfarrverein Juli - September 2017

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Juli / August / September 2017 Thüringer Pfarrverein Juli - September 2017 3 Editorial 4 Heimat - ein mehrdeutiger Begriff Gespräch mit Dr. Joachim Klose aus Dresden 16 Einladung zur Mitgliederversammlung 19 Pfarrers Kinder, Müllers Vieh... Vortrag von Dipl.-Psych. Gabriele Kluwe-Schleberger 35 Geburtstage Nr. 3 | 7. Jahrgang 2017

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ESA 123x80 20151208 Dienstag, 8. Dezember 2015 09:44:32 Orgelbau Schönefeld Über 200 Jahre Orgelbautradition in Stadtilm / Thüringen Neubauten Restaurierung Reparaturen Reinigungen Stimmungen Erarbeitung von Konzepten Verleih von transponierbaren Truhenpositiven Ev. Kirche Ellichleben, erbaut 1776 von Johann Daniel Schulze aus Milbitz bei Paulinzella 20 Register, 2 Manuale und Pedal, 2003-2010 Restaurierung Dirk Schönefeld • Orgelbaumeister • 99326 Stadtilm/Thür. Bahnhofstraße 11 • • Telefon 03629/800834 • Fax 800835 Internet: www.orgelbau-schoenefeld.de • Email: info@orgelbau-schoenefeld.de 2 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017

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Editorial von Pfarrerin i.R. Gabriele Schmidt aus Pirna, Redaktion Mitteilungsheft im Thür. Pfarrverein Liebe Schwestern und Brüder im Amt, in der Ausbildung und im Ruhestand, „Heimat“ ist ein wichtiges Thema im Leben von uns Pfarrerinnen und Pfarrern. In unserem Berufsleben ziehen wir meist mehrfach um und müssen uns an zunächst fremden Orten neu beheimaten und Wurzeln ausbilden. Unsere Heimaterfahrungen und Erinnerungen sind unterschiedlich und je nach Lebenssituation des Einzelnen hat das Thema einen anderen Schwerpunkt. Für den einen ist die Heimat eng an Kindheitserfahrungen gebunden, eine andere findet die Heimat gerade dort, wo sie im Augenblick lebt. Heimat ist ein altmodisches Wort in dieser schnelllebigen Zeit, wo sich so vieles ständig verändert. Die Frage nach dem Woher und Wohin im Leben beschäftigt viele Menschen in den verschiedenen Generationen. In den vergangenen Monaten haben große Zeitschriften das Thema aufgegriffen. Die Frage nach Heimat begegnet uns auch bei den Zuflucht suchenden Menschen in unserem Land, beschäftigt aber auch die politischen Strömungen unserer Zeit. Mit unseren Kirchen, Pfarrhäusern und Gemeinden haben wir einen großen Schatz, Menschen eine geistliche und räumliche Heimat zu geben. Einen Ort für ihre Sehnsüchte und Hoffnungen, für ihren Glauben an eine friedvolle und gerechte Welt, in der Gottes Wort Menschen untereinander verbindet und Gemeinschaft stiftet. Aus den christlichen Glauben heraus können wir eine Antwort geben auf die Frage nach der letzten Heimat, die uns Menschen nach dem Tod verheißen ist. Mein Gesprächspartner zum Thema „Heimat“ ist der Theologe, Physiker und Philosoph Dr. Joachim Klose aus Dresden. Da ich nun schon vier Jahre in Sachsen lebe und für das Vereinsheft des Sächsischen Pfarrvereins verantwortlich bin, möchte ich Ihnen dieses Interview daraus nicht vorenthalten. Darüber hinaus finden Sie im Heft die Einladung zur Mitgliederversammlung Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017 3

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und die Mitschrift und Präsentation des Vortrages auf dem Pfarrertag im April zum Thema: „Pfarrers Kinder Müllers Vieh…“ von Dipl.-Psych. Gabriele KluweSchleberger. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre! Bleiben Sie behütet! Heimat – ein mehrdeutiger Begriff Gespräch mit Dr. Joachim Klose, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung im Freistaat Sachsen und Leiter des Politischen Bildungsforum Sachsen. Sehr geehrter Dr. Klose, wann haben Sie begonnen, sich mit dem Thema „Heimat“ zu beschäftigen? Der Auslöser war nicht die aktuelle Flüchtlingskrise, sondern 2004 ist die NPD in den Sächsischen Landtag gekommen. Es hat mich persönlich irritiert, dass eine extremistische Partei in den Landtag gewählt wurde. In der Folge dachte ich, dass wir uns damit intensiver beschäftigen müssen und versuchen zu verstehen, was die Menschen an die NPD bindet, warum sie überhaupt NPD wählen. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Ich habe dann Wahlplakate analysiert und festgestellt, dass drei Begriffe eigentlich immer wiederkehren: Arbeit, Familie und Heimat. Mit dem Thema Arbeit und Wirtschaft beschäftigen sich alle Parteien, mal mehr, mal weniger. Die CDU vielleicht besonders stark, aber die anderen auch. Ohne die materielle Ba- sis funktioniert eine Gesellschaft nicht. Familie, die Form des Zusammenlebens, ist eine Bruchlinie, die wir immer wieder diskutieren. Etwa: Wie gestalten wir Sozialräume. Der Unterschied war der Heimatbegriff. Damit wollte ich mich beschäftigen. So habe ich in den letzten 12 Jahren über 120 Abendveranstaltungen angeboten und 25 Tagungen nur zum Heimatbegriff. Daraus sind auch fünf Bücher entstanden. Wir haben natürlich viele Facetten beleuchtet: z.B. Heimat und Sprache, Heimat und Ort, Heimat und Transzendenz. Ich empfinde den Heimatbegriff als einen der wenigen und positivsten Begriffe, die wir eigentlich haben. Er ist aber changierend. Aufgrund dessen haben wir ihn oft zu recht vermieden. Zwei Aspekte gehören dazu, einmal der Missbrauch des Begriffes, einmal der Gebrauch. Festhalten möchte ich, dass Heimat unser positives Wirklichkeitsverhältnis zu unserem Um- 4 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017

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feld kennzeichnet. Es gibt keine negative Heimat, sondern nur positive Heimaten. Dieses positive Umfeld nennen wir dann Heimat. Normalerweise spricht man darüber nicht, denn jemand der beheimatet ist, redet nicht über Heimat. Er hat ja eine Heimat. Wenn Sie jemanden in der Sächsischen Schweiz fragen, der dort verortet ist, wird wahrscheinlich sagen, dass Heimat für ihn das ist, was ihm dort täglich begegnet. Bei mir ist das anders. Wir sind dreimal umgezogen. Von Jena aufs Dorf, von dort nach Eisenach in die Stadt und vor fast vier Jahren nach Pirna. Für mich hat das Thema Heimat schon Bedeutung. In Abständen frage ich mich, wo ich denn zu Hause bin, wo ich leben will, wo ich alt werden möchte. Das ist das Prozesshafte des Heimatbegriffs. Ich glaube, es ist kein statischer Begriff. Es sind Schichten von Heimaten. Wir kennen die Heimat der Kindheit, der Schulzeit, des Studiums, der ersten Pfarrstelle und wissen um die Veränderung. Jeder Heimatbegriff bildet sozusagen ein Beziehungsgefüge aus. Er verortet sie immer wieder neu. Wenn sie spontan gefragt werden, was für Sie Heimat ist, nennen viele Leute erst einmal ihren Geburtsort, die erste Heimatschicht, ihre früheste Kindheit. Das reicht aber gar nicht aus. Die Orte sind nur die eine Seite der Beheimatung. Dazu gehört auch die Wohnung, das Haus, die Straße, die Region, aus der wir kommen. Die früheste Prägung findet in der ersten Kindheit statt, durch äußere Artefakte, z.B. durch den Dialekt, durch die Kleidung, die Trachten, durch die Mentalität, durch die Speisen, durch die Landschaft, durch die Farne der Sonne und des Umfeldes. Aber der Heimatbegriff besitzt neben diesen äußeren Artefakten noch eine zweite Ebene. Das ist die Ebene der Annahme, der Geborgenheit, der Sicherheit. Wenn Sie nach Heimat fragen, fragen Sie eigentlich nicht so sehr nach den äußeren Artefakten, sondern eher, wo Sie sich geborgen fühlen, wo Sie sich sicher und angenommen fühlen. Der erste Aspekt von dem, was Heimat ausmacht, sind die Orte. Die Orte sind aber eher akzidentiell, weil ich mich als erwachsener Mensch auch in andere Orte hineindenken kann. Der zweite von mir zu prägende Begriff von Heimat ist die zeitlichen Dimension, die Sinnstiftungsdimension, welche die Narrationen beinhaltet. Dabei geht es nicht um objektive Geschichte, sondern es geht um gemeinsam durchlebte Geschichte. Man tauscht sich im Gespräch über vergangene Ereignisse aus und stellt fest, wie die Ereignisse für einen selbst Sinn machen. Warum trifft man sich und erzählt einander, was früher geschehen ist? Weil man sich ständig abstimmt, ob man die gleiche Wahrnehmung dieser früheren Ereignisse hat. Das tut man auch über das eigene Erleben hinaus, z.B. in der Deutung von geschichtlichen Ereignissen, auch von geschichtlichen Linien. Die Narration spielt hierbei eine sinnstiftende Rolle. Dort kommt die Religion sehr stark ins Spiel. Die Religion ist auch eine sinnstiftende Erzählung, sie versucht unserem Lebenszusammenhang eine Sinndeutung zu geben. Sie Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017 5

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stellt uns in einen Kontext. Den Kontext der Offenbarung, der Überlieferung und der religiösen Praxis. Bleiben wir zunächst bei der Religion. Fest- und Feiertage sind dabei wichtig und auch Rituale. Ich sehe das nicht nur im Lebenslauf, sondern auch im gesellschaftlichen und kirchlichen Prozess. Gemeint sind wiederkehrende Ereignisse an denen sich Menschen orientieren und in denen sie sich verorten und wo sich Traditionen herausbilden können, wo sich Ereignisse wiederholen. Das ist ein wichtiger Punkt. Gerade auch die zeitliche Dimension, die mit der Narration verknüpft ist. Die erzählte Geschichte findet ihre Ausdrucksform dann in bestimmten Strukturen unseres Alltags. Beispielsweise im Kirchenjahr. Es hat eine bestimmte Struktur, die sehr stark auch an die Genese der Landwirtschaft gebunden war, an die Folge der Jahreszeiten und an die Fruchtfolge. In dieser Rhythmik wurde das Jahr und auch der einzelnen Tag gestaltet. Ich versuche, die Begriffe immer auch säkular zu formulieren. Jeder bildet in seinem eigenen Leben Rituale aus. Diese sind für den Einzelnen dann Beheimatung, z.B. wenn ich morgens meinen Kaffee trinke und die Zeitung lese. Das strukturiert meinen Tag und dadurch finde ich Halt und Orientierung. Es gibt einen Kulturphilosophen, Johan Huizinga, der hat das schöne Büchlein geschrieben „Homo ludens“, „Der spielende Mensch“ oder auch „Das Leben als Spiel“. Normalerweise sind wir mit unserer physischen Gegebenheit, unserem Körper, in die Wirklichkeit eingebunden. Aber alles, was für uns wesentlich ist, sind eigentlich Unterbrechungen dieses Eingebundenseins in eine kausale Wirklichkeitsstruktur. Diese Unterbrechungen sind anders strukturiert, d.h., es wird Wirklichkeit simuliert, nachgestellt, in ritualisierter Form gebaut. Huizinga sagt, dass diese Unterbrechungen eigentlich immer gespielt werden. Das heißt, Kultur wird gespielt, Liturgie wird gespielt, unser täglicher Ritus wird gespielt. Dieses Spiel bestimmt unser Leben. Dieses Lebensspiel macht für mich Beheimatung aus. Ein Spiel im positiven Sinne? Der Begriff des Spielens in dem Zusammenhang ist für mich eher ambivalent. Ich meine damit nicht, die oberflächliche Leichtigkeit, sondern ich meine eine gewisse Ernsthaftigkeit. Spiel ist für mich eine zeitliche Unterbrechung einer Kausalstruktur, wodurch ich einen anderen Blick auf die Wirklichkeit bekomme, sie wichten und bewerten kann. Bedeutet das, im gefahrfreien Raum Neues auszuprobieren? Ja. So funktioniert auch Liturgie. Liturgie ist ein religiöses Spiel, bei dem Menschen die Möglichkeit haben über Gott und die Welt nachzudenken. Wenn sie beten, dann meinen sie ja in ein Beziehungsgefüge zu treten, was sie mit einer Wirklichkeit verknüpft, die eigentlich außerhalb unserer physischen Existenz ist. Im Alltag tritt sie immer wieder in den Hintergrund, wird aber immer 6 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017

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wieder sichtbar, weil sie unser Handeln mitbestimmt. Wir brauchen diese Räume, denn sie sind Beheimatung. Dazu gehört die Rhythmik des Gottesdienstes, des Betens, der Meditation, die Rhythmik einer sportlichen Wiederholung u.a. Es ist immer ein Stück Unterbrechung und damit Justierung und auch Verortung. Lassen Sie mich den dritten Punkt noch ergänzen, dann habe ich die Heimatdefinition abgeschlossen: 1. Die Orte, die wichtig sind, wo und wie ich wohne bis hin zur Region. 2. Die zeitliche Dimension, Narration, die Wirklichkeit als Spiel. 3. Der Sozialraum. Wenn Sie junge Leute heute fragen, was für sie Heimat ist, werden sie meist ihre Freunde nennen, die Kommunikation über soziale Netzwerke, wie Facebook, u.ä. Mein Heimatbegriff ist nahe an Max Frisch der sagt: „Heimat ist der Mensch, dessen Wesen wir vernehmen und erreichen.“ Diese Wahrnehmung hat sich im Verlauf meines Lebens wahrscheinlich durch die häufigen Ortswechsel herausgebildet, die es erforderlich gemacht haben, mich immer wieder auf neue Menschen einzulassen und mit äußeren Veränderungen zu leben. Welchen Zugang ein Mensch zum Heimatbegriff findet, über die Orte, über die Sinnstiftungsstrukturen oder über den Sozialraum ist unterschiedlich. Alle drei Punkte sind wichtig und gehören zusammen. Das ist wie ein Schemel der auf drei Beinen steht. Er kann auch mal die eine oder andere Verstärkung haben. Den Sozialraum müssen wir aufmerksam betrachten. Das hat nichts mit der Flüchtlingskrise zu tun, sondern zunächst mit der Veränderung des Sozialraumes in den letzten 20 Jahren. Wir könnten im Prinzip alle Flüchtlinge der letzten beiden Jahre in Sachsen aufnehmen. Denn Sachsen hat seit 1988 über 1 Mill. Einwohner verloren. Die Zuwanderung betrug bis Ende 2015 ca. 890.000 Menschen. Sie wissen aber genau was passieren würde, wenn es so käme. Ich habe in Zittau mal eine Veranstaltung durchgeführt zum Thema: „Wird die Demografie zur Gefahr für die Demokratie?“. Dort stand ein älterer Herr auf und sagte: „Was meinen Sie denn. Ich habe einen Dreiseitenhof ausgebaut. Ich habe zwei Söhne. Der eine ist in Shanghai der andere in Frankfurt/Main. Glauben Sie, dass die beiden zurückkommen?“ Natürlich nicht. Hätte ich gesagt, dass er eine syrische Familie aufnehmen könnte, wäre er wahrscheinlich wütend geworden. Ich meine damit, wenn die jungen Leute weggehen, wenn der Sozialraum sich massiv verändert, dann irritiert das die Älteren. Man stellt sich automatisch Frage nach dem Lebenssinn, nach der eigenen Lebensleistung, die man vollbracht hat und ob diese von der nach- Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017 7

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folgenden Generation nicht wertgeschätzt wird. Es müssen auch weitere Zahlen zur Demografie ergänzend herangezogen werden. Bei demografischen Schrumpfungsprozessen schmilzt die Bevölkerung nicht ab wie ein Eisberg, sondern sie sind mit starken Schwankungen verbunden. Man unterscheidet zwischen der Fertilität, also den geborenen Kindern und der Migration. Entscheidend ist die Migration. Zuerst verlassen diejenigen die Region, die sich bessere Chancen versprchen. So haben Sachsen mehr Frauen als Männer verlassen. Wir haben in Sachsen einen Männerüberschuss von 11 Prozent. In Mittelsachsen, wo Clausnitz liegt, leben 16,7 Prozent mehr Männer als Frauen. Es gibt in Sachsen Orte mit 30 Prozent mehr Männern. Das ist ein wichtiger Befund. Es gibt sehr große Ungleichverteilungen. Dresden und Leipzig wachsen. Man rechnet mit ca. sieben Prozent bis 2030. Der ländliche Raum schrumpft umso mehr. Das Erzgebirge hat bereits 25 Prozent der Bevölkerung verloren. Wir haben Orte, die haben die Hälfte der Bevölkerung verloren: Hoyerswerda und Johanngeorgenstadt. Das lag an einer monokausalen Industrie. Einerseits Braunkohletagebau, andererseits Uranbergbau. Und auch die Schulabbrecherquote spielt eine Rolle. Die Sachsen stehen in einigen Fächern bei PISA auf Platz 1. Wir haben aber auch eine der höchsten Schulabbrecherquoten in der Bundesrepublik. Lange Zeit lag sie bei elf Prozent, jetzt liegt sie bei ca. acht Prozent. Was machen die jungen Männer im ländlichen Raum, die die Schule abgebrochen haben, aber auch keine Freundin finden? Was ist deren Sinn und Lebensperspektive? Wo gehen die hin? Darin liegt eine explosive Sprengkraft. Der Ausgangspunkt war die Demografie. Diese Veränderung nehmen wir massiv wahr. Auch in einer Großstadt wie Dresden gibt es Reibung. Wir haben eine große ältere Bevölkerung mit einem starken Beharrungsvermögen und eine große jüngere Bevölkerung, die zugezogen und sehr mobil ist. Was wir derzeit an Spannung erleben, an Fliehkräften in der Gesellschaft, das liegt auch darin begründet. Dann tritt auf Dresdens Straßen eine Bewegung auf, die meint, nicht mehr mitzukommen und nicht Teil der gesellschafltichen Entwicklungen zu sein, und die meint, deshalb auf der Straße Demonstrieren zu müssen. Ich brauchte dazu nur das Koordinatensystem zum Heimatbegriff auszulesen, um die Problematik zu verstehen. Es gibt hier viele Menschen, die sich noch nie aus ihren Orten fortbewegt haben, aber sehr stark das Gefühl haben, einen Heimatverlust zu erleben. Hermann Lübbe, ein Schweizer Philosoph, beschreibt in einem kleinen Aufsatz „Denkmalschutz oder die Paradoxie Altes neu Alt zu machen“ die Veränderung der Städte. Er geht davon aus, dass, wenn man zwei bis drei Prozent der Bausubstanz in der Umgebung im Laufe seines Lebens verändert, der Mensch sich nicht mehr beheimatet fühlt. Sehen Sie sich doch die 8 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017

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baulichen Veränderungen der letzten beiden Jahrzehnte in unseren Städten und Gemeinden an. wieder angeeignet werden. So verstehe ich auch das Pauluszitat: „Eure Heimat ist im Himmel.“ Wichtig beim Heimatbegriff ist die Schichtung, dass sich jeweils das Beziehungsgefüge mit dem o.g. Dreibein ausbildet. Mit der Überhöhung nur eines Aspektes wird man m.E. dem Heimatbegriff nicht gerecht, sondern ermöglicht den Missbrauch. Heimat kann sich auch nicht nur in Sozialbeziehungen ausdrücken, sondern muss sich materialisieren. Zur Beheimatung gehört die Veranwortung Es kommt drauf an, auch Verantwortung zu übernehmen für das Gemeinwesen und für die Gesellschaft und diese ist konkret an bestimmten Orten und zur rechten Zeit. Das ist die nächste Heimat, die letzte Heimat, am Ende des Lebens, wenn wir in Gott hineingehen. So ist es. Es sind diese Schichten, die sich immer wieder ablösen, die immer wieder freigestellt werden. Wir Menschen sind kreativ aktiv, wir eignen uns stets neue Dinge an. Wir müssen uns immer wieder neu verbeheimaten. Das Leben ist ein Prozess, und wir sind eher prozessartig strukturiert. Dazu muss sich sagen, dass ich mich viel mit Alfred North Whitehead beschäftigt und auch über ihn auch promoviert habe. Darauf möchte ich vor dem Hintergrund kommen, ob und wie man eine politische Heimat beschreiben und erschließen kann? Das kann man runterbrechen auf die politischen Strömungen. Die Heimat der Sozialdemokratie oder die Heimat der Christdemokratie. Whitehead ist ein Prozessphilosoph und auf ihn wird die Prozesstheologie zurückgeführt. Mir ist der Prozessgedanke sehr wichtig. Im Heimatbegriff wird das sehr stark sichtbar. Auf der einen Seite suchen wir immer nach fester Verortung und Verankerung, auf der anderen Seite wissen wir, dass wir nicht ein zweites Mal in den gleichen Fluss steigen. Wenn man über politisches Engagement nachdenkt, dann ist zunächst das Interesse am Gemeinwohl vorrangig. Es geht dabei meist nicht um die Karriere und das Machtstreben. Genau das ist auch 1989 passiert bei denen, die Verantwortung übernehmen wollten für ihr Gemeinwesen, für die Struktur. Das ist im Prinzip der erste Schritt: Wer beheimatet ist, übernimmt Verantwortung für seine Region, weil er um die Veränderlichkeit weis. Heimat ist dynamisch, nicht statisch. Heimat muss sich immer Dieser Prozess findet natürlich in unserem Leben kein Ende. Wir können darauf vertrauen, dass wir immer wieder stabile Beziehungsgefüge ausbilden. Dabei spielt die Religion und die seelsorgerliche Begleitung eine wichtige Rolle. Grundsätzlich stimme ich dem Pauluszitat voll zu, weil es ja sagt, dass genau dieser Prozess nicht aufhört, solange wir leben. Auch ein alter Mensch bildet immer wieder neue Beheimatungen aus. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017 9

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Ich finde es wichtig, gedanklich das Thema Heimat zu umkreisen. Mein Gedanke zum Thema Heimat dabei ist: Solange Menschen die Heimat freiwillig verlassen, solange sie sich entwickeln und der Motor der Entwicklung sind, nehmen sie die Entwicklung nicht wahr. Erst später nimmt man die Differenz wahr, z.B. wenn man an den Geburtstort zurückgehen und feststellt, dort hat sich viel verändert. Viel schlimmer ist es, wenn Menschen ihre Heimat zwangsweise verlassen müssen. Die vielen Vertriebenen nach dem Krieg. Wenn man die fragen würde, was für Sie Heimat bedeutet, würden sie wahrscheinlich die Religiosität, den religiösen Ritus nennen. Denn das ist das Einzige, was übriggeblieben ist. Alles andere haben diese Menschen verloren. Genau diese Situationen kennen wir aus der Bibel. Als die Jerusalemer Oberschicht ins Exil nach Babylon gehen musste. Dort werden die Religion und der Glaube besonders wichtig. Auch neue Propheten sind dort aufgetreten. Jean Amery, der Auschwitzüberlebender, hat ein kleines Essay geschrieben: „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“ Er hat einen schönen Satz geprägt: „Umso mehr, je weniger man mit sich nehmen kann.“ Solang man das Gefühl hat, zurückgehen und alles mitnehmen zu können, ist das kein Problem. Wenn aber das Gefühl dazukommt, alles geht verloren, dann bläht sich die Heimat auf und wird zum drängenden Problem. Wenn man den Ort nicht verlässt, kann Heimat auf zweifache Weise zum Problem werden: Einmal, wenn die Entwicklung zu langsam geht und man ausbrechen möchte, man den Stillstand nicht aushält und sich eingesperrt fühlt. Dann wird Heimat zur einengenden Klammer. Der Schriftsteller Uwe Kolbe sagt z.B. zur DDR: „Die DDR war gemordete Zeit. Es war Stillstand und nichts ist passiert. Es gab keine Bewegung. Das war bedrohlich.“ Und umgekehrt, wenn die Entwicklung zu schnell geht. Dann hat man das Gefühl, man verliert den Halt unter den Füßen und kommt nicht mehr mit. Man glaubt dann nicht mehr, Teil der Entwicklungen zu sein und davon zu profitieren, so dass man sie anhalten möchte. Wie ist nun die richtige Balance der Entwicklung? Wenn wir nicht die Heimat verlieren wollen, bedarf es einer Moderierung der Geschwindigkeit dieses Entwicklungsprozesses. Ich habe das Gefühl, für viele Bürger in den neuen Bundesländern, wo ich auch herkomme, ging die Entwicklung zu schnell. Die Menschen haben sich zwar in den Alltag gestürzt, haben Dinge neu organisiert, haben sozusagen Handlungen vollzogen, die das Leben gemanagt haben. Dies war auch zutiefst sinnstiftend, denn jede Handlung kennt ein Handlungsziel, das ihr Sinn verleiht. Doch irgendwann kommt man zu einem Punkt, an dem man innehält und über die Handlung nachdenkt. Die kam nach dem Krieg etwa mit den 1968-igern. Jetzt 25 Jahre nach der friedlichen Revolution macht sich eine ähnliche Bruchlinie sichtbar, die natürlich auch von außen ausgelöst worden ist. Aber nicht nur wieder, son- 10 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017

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dern auch die Flüchtlinge in unserer Zeit verlieren massiv ihre Heimat. Mit dem Blick auf die Religion bedeutet es, dass die Religion genau das ist, was bleibt, wo ein Stück Heimat mitgenommen werden kann in die fremde Umgebung. Dort kann das Zusammengehörigkeitsgefühl gelebt werden und das Wissen darum, dem Anderen geht es dabei ähnlich wie mir selbst. Ja, genauso ist es. Die einzige transportable Heimat ist ihre Religion. Wenn man ihnen die Religion nimmt, nimmt man ihnen auch ihre Würde und Akzeptanz. Das passiert gerade in einer negativen Art und Weise im aktuellen politischen Diskurs. Wir reden über den Islam meist nur negativ. Oder haben Sie in den vergangenen Jahren etwas Positives über den Islam gehört? Ich höre im Radio ab und zu die Auslegung einer Koransure. Diese Sendung ist sicherlich dazu gedacht, den Hörern die Angst vor den fremden Texten im Koran zu nehmen und will helfen, den Islam in ganz kleinen Schritten kennenzulernen. Ich selbst habe keine Angst vor fremden Religionen. Das kommt vermutlich daher, weil ich selbst gut im christlichen Glauben beheimatet bin und darum weiß, wie wichtig und stärkend eine religiöse Rückbindung für das Leben sein kann. Denken wir aber mal an eine Gesellschaft, die das Gefühl hat, die Religion überwunden zu haben. Die sogar in der Mehrheit denkt, dass Religion rück- schrittlich ist. Jetzt kommt eine Religion mit einem lebendigen Anspruch in die Gesellschaft, die auch noch archaisch und rückschrittlich in ihren Rechtsauslegungen und Bestrafungsmustern wirkt. Das wird zwar im modernen Islam so nicht praktiziert und das Schariarecht ist nur eine untergeordnete Form der Rechtssprechung. Aber es genügt ja die mediale Wahrnehmung. Ich finde, dass wir da sehr ungerecht sind. Wir tun alles dafür, dass sich die Menschen nicht beheimaten können und sich radikalisieren. Ich persönlich bin dafür, dass jeder Mensch seine Religion ausüben kann. Für Christen, Juden und Muslime gehören dazu ihre Gotteshäuser und die Gemeinschaft der Gläubigen. Das Beste wäre, wenn sich auch die hier lebenden Muslime in den Kommunen verorten können und auch öffentliche Gelder als Kredite für den Bau der Moscheen bekommen, sodass die Gemeinden nicht fremdgesteuert werden können. Bleibt die Frage an unsere Kirchgemeinden. Wo sehen Sie als politischer Bildungsbeauftragter die Aufgaben und Chancen unserer Kirchgemeinden, das Thema Heimat zu gestalten? Wenn die Menschen nach den Gebäuden ihrer Beheimatung gefragt werden, wird auch in einem säkularen Umfeld die Kirche immer als erstes genannt. Das ist sehr interessant. Auch wenn Kirchen verwaist sind, bilden sich oft Dorfvereine, um das Gebäude der Kirche zu erhalten. Das zweite Gebäude ist immer die Schule, das dritte das Elternhaus oder Rathaus. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017 11

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Was denken Sie, warum die Kirche den Menschen so wichtig ist? Ist die Kirche ein Hoffnungszeichen, ein Symbol, dass schließlich alles gut wird im Leben? Ist die Kirche im Ort ein Zeichen für Dauer und für Beständigkeit? wichtig. Ich besuche gerne diese traditionsreichen alten und ruhigen Orte und atme die Atmosphäre der Ewigkeit ein. An diesen Orten wurde immer schon gebetet und wird auch noch gebetet werden, wenn ich einmal nicht mehr bin. Ich glaube ja. Die Kirche ist aufgrund unserer städtischen Strukturen immer das Zentrum eines Ortes und ich glaube, dass sie auch eine „Lücke offen hält“. Die Kirche verweist auf „ein mehr“, ohne dies gleich beschreiben zu müssen. Für mich ist die Gesellschaft nicht antitheistisch, sondern eher gottvergessen. Aber man will die Lücke nicht schließen. Insofern ist das akzeptiert. Es gibt auch viele Kinder, die auf die christlichen Gymnasien gehen, deren Eltern bewusst nicht christlich sind, die es aber gut für ihre Kinder finden. Der ehemalige Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann schrieb einmal, dass die Gesellschaft so etwas wie Phantomschmerzen verspüre, sie weiß intuitiv, dass sie dort eine Lücke hat. Der Erfurter Philosoph Eberhard Tiefensee beschreibt es als religiöse Amusikalität, dass sich in einem Menschen die religiöse Dimension verschließen kann. Dem stimme ich nicht ganz zu. Ich glaube jeder Mensch ist irgendwie religiös. Deshalb kann schon das bloße Vorhandensein einer Kirche Orientierung anbieten und ein Stück Sicherheit geben. Das kann ich gut nachempfinden im Blick auf Klöster. Die klösterlichen Gemeinschaften mit den Ordensschwestern und -brüdern sind mir Diese Form von geistlicher Sicherheit gibt Halt. Man geht dort mit viel Respekt und Ehrfurcht hinein, man nähert sich an und geht dann auch wieder. Der erste Punkt ist, dass sich die Gemeinden dieses Schatzes bewusst werden sollten. Die Kirche spielt auch im säkularen Umfeld eine Rolle. Die Kirchen sollten geöffnet sein, das Gebäude sollte nahbar sein. Unsere Kirchen bieten einen geschützten Raum, ich meine auch einen heiligen Raum. Auch kirchenferne Menschen gehen gerne hinein. Andererseits treffe ich auch Menschen, die noch nie in ihrem Leben in einer Kirche waren. Das hat aber auch etwas damit zu tun, dass Kirchen oft verschlossen sind. Das möchte ich Ihnen gerne mit auf den Weg geben: Bietet die Kirchen auch mal dem Dorf oder der Kommune an für ein Konzert o.ä. Macht drum herum ein kleines Fest zum Tag der offenen Tür. Das Zweite ist, ich habe das Gefühl, dass unsere Gemeinden nicht die Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Sie übernehmen Verantwortung für sich, aber die Gesellschaft war immer der säkulare Feind. Das hat sich seit 1990 verändert. Die Gesellschaft ist nicht mehr so antireligiös eingestellt, wie sie es über 40 Jahre DDR gewesen ist, eigentlich über beide Diktaturen 12 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017

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war. Natürlich sitzten die Anfeindungen und Benachteiligungen den Älteren noch in den Knochen. Sie leben ja noch mit den Menschen zusammen, die sie damals bedrängt haben. Aus meiner Erfahrung bedeutet das, wir stehen alle im Kreis um den Altar, um Hostie und Kelch, um das Allerheiligste, und sehen das Außen nicht. Meine Botschaft ist: Dreht euch um nach Außen mit der Sicherheit des Religiösen im Rücken! Die Christen müssten nach meiner Wahrnehmung stärker Verantwortung übernehmen in ihren Regionen. In welcher Weise sehen Sie das? Es gibt christliche Kindergärten und Schulen, Seelsorge in den Kliniken, mein Mann ist Pfarrer in der Bundespolizei, es gibt die Militärseelsorge, Gefängnisseelsorge u.v.m.. Strukturell funktioniert das alles. Ich denke eher an die emotionale Haltung in den Gemeinden selber. Ich meine, dass man sich beteiligt am öffentlichen Leben, Verantwortung übernimmt und die beiden Bereiche stärker miteinander verschränkt. Ich bin z.B. in der Dresdner Südvorstadt in der katholischen Gemeinde aktiv. Dort bieten die Gewerbetreibenden einmal im Jahr ein Straßenfest an. Die beiden kirchlichen Gemeinden kommen nicht auf die Idee, sich daran zu beteiligen. Und sei es die Straße abzusperren vor den Kirchgebäuden und mit Kindern auf der Straße zu malen. Die Kirchgemeinden machen immer jeweils ihr eigenes Gemeindefest. Ich wünsche mir eine stärkere Vernetzung beider Teile. Andererseits finde ich es bedauerlich, dass wir als Gemeinden kein politisches Interesse mehr haben und keine politischen Milieus prägen. Wo haben die politischen Parteien noch Resonanzräume in den kirchlichen Strukturen? Ich sehe die Frauen und Männer aus den Kirchgemeinden, die Mitglieder in den Parteien sind. Unsere Gemeindeglieder in den Kirchgemeinden sind Teil der Gesellschaft und befinden sich nicht in einem separaten Raum. Insofern wirken diese Menschen auch hinein in die Gesellschaft. Viele Menschen sind unterschiedlich organsiert, teils im Sportverein, im Chor, im Angelverein, im Geflügelzuchtverein u.a.. Einige sind in der CDU, andere im Kulturverein Q24 wie ich es bin. Und wenn man sich dann längere Zeit kennt, wird man auch als Kirchenfrau oder –mann wahrgenommen. Ich habe häufig das Gefühl, dass sich die Kirchgemeinden noch als Fremdkörper in der Gesellschaft verstehen, z.B. ist es nicht nur in den katholischen Gemeinden überhaupt nicht chic, politisch engagiert zu sein. Die Leute in der Politik werden eher distanziert betrachtet. Ich denke an Fritz Hähle, er hat über Jahre die CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag geleitet, ein sehr geradliniger evangelischer Mann. Er hat jedesmal bei den Fraktionssitzungen früh die Losungen vorgelesen und im Prinzip von seinem Christsein Zeugnis gegeben. Die erste CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag 1990 waren 100 Prozent Christen. Das ist Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017 13

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lange nicht mehr so, weil sich die Christen nicht mehr in der Politik engagieren. Ich finde wir sollten mehr Verantwortung übernehmen, für die Strukturen, die uns wichtig sind. Ich meine, die Gemeinden sollten mehr Verantwortung übernehmen, erkennen, was die Beheimatung vor Ort für sie ausmacht, und sich dann dafür engagieren. Ich erlebe häufig, dass sich die Ortschaftsräte für die Kirchgemeinden vor Ort einsetzen, nicht aber umgekehrt. Ich wünsche mir mehr Vernetzung aus Verantwortung für die Heimat. Es ist besser, sich aktiv einzubringen als abzuwarten und dann Kritik zu üben. Religion in staatlichen Einrichtungen – wie kann dort Beheimatung stattfinden? Ich habe mich immer für den Religionsunterricht in der Schule eingesetzt, weil es das einzige Fach ist, wo der Lehrer sich nicht hinter seinen Modellen verstecken kann, sondern seine eigene Position sichtbar wird. Er muss Zeugnis ablegen, von dem, was er glaubt und denkt. Natürlich kann ich auch bei politischer Bildung Schwerpunkte setzten und benennen, aus welchem Spektrum jemand kommt und wofür er sich einsetzt. Wir müssen sichtbar machen, wofür wir uns einsetzen und was wir nicht dulden. Dafür muss mann Entscheidung treffen und dazu stehen. Das kann man dem Einzelnen, den Gemeinden und auch den Schulen nicht abnehmen. Wenn wir nicht wollen, dass unsere Gesellschaft sich in extremistische Positionen polarisiert und der Populismus das letzte Wort ist, dann müssen wir uns einbringen. Aus Verantwortung für die Heimat müssen wir uns im Gemeinwesen engagieren! Die Politiker brauchen unsere Unterstützung, damit sie das Gefühl haben, nicht allein gelassen zu sein. Das ist ein großes Problem. Nur noch wenige wollen sich vor Ort politisch engagieren. Und dann ärgern wir uns über jene, die Politik als Machtraum und als Karriere verstehen. Es zeigt sich im politischen Personal, wenn das Scharnier zwischen dem kirchlichen und dem gesellschaftlichen Raum nicht mehr funktioniert. Das betrifft auch die CDU. Ich persönlich war in meinem Wirken an zwei Dingen interessiert: Einmal lag mir sehr daran, aus dem christlichen Glauben heraus Zeugnis abzulegen und aus diesem Impuls die Gesellschaft mit zu verändern. Die Tradition spielt dabei für mich eine wichtige Rolle und ich habe vielfältige Diskussionsräume, wo ich dieses thematisieren kann. Mir liegt andererseits sehr daran, dass diese Gesellschaft in ihrer Verschiedenartigkeit funktioniert. Es ist die demokratische Perspektive. Für mich ist die CDU eine christlich motivierte Partei. Wer aber im öffentlichen Raum die christlichen Inhalte ernst nimmt, wird meist schon als fundamentalistisch wahrgenommen. In der FAZ gab es kürzlich einen schönen Artikel, in dem genau das Dilemma aufgezeigt wird, in dem die Kirche heute im gesellschaftlichen Raum steht: Die eigene Religiosität der Kirche wird nicht mehr sichtbar. Sie kann sie nur noch mit der Wissenschaftlichkeit in den gesellschaftlichen Diskurs einfügen. Alles andere wird als fundamentalistisch abgetan. Die religi- 14 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017

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öse Praxis ist demnach abgeschnitten von den gesellschaftlichen Diskursen, sie wird ins Private verdrängt. Für mich ist Religiostät Beheimatung. Sie ist ein sinnstiftender und tragender Balken in meinem Leben. Den versuche ich, so gut es geht, in den Alltag einzubauen. verändern. Die Beheimatung gehört zu den langfristigen Kontinuitätslinien, den „dicken Brettern“, die man eigentlich bohren muss. Die Fragen stellte Gabriele Schmidt Heimat ist ein wichtiges Thema, welches auch in unseren Kirchgemeinden gut kommuniziert werden kann. Die Kirchgemeinden bieten Menschen aller Altersgruppen eine geistliche, lokale und soziale Beheimatung inmitten eines Gemeinwesens an, indem sie Raum geben für Begegnung und Menschen in den unterschiedlichen Lebenssituationen begleiten. Wenn Patriotismus Liebe zur Heimat bedeutet, kann man auch mit diesem Begriff umgehen. Der Heimatbegriff ist ein offener Begriff, der einlädt, sich zu beheimaten. Es gibt sogar Initiativen eines Menschenrechts auf Heimat. Der Patriotismus ist eher gerichtet auf etwas hin. Es gibt den Patrioten, den Träger des Begriffs. Der Heimatbegriff ist offener und einladender und es gibt keinen Träger. Die Pfarrerinnen und Pfarrer sind ganz wichtig bei dem Thema, weil sie die Sorgen und Nöte der Menschen aufgreifen. Ich glaube, man muss den Heimatverlust dieser Gesellschaft thematisieren und darüber nachdenken in dem Sinne, was getan werden kann, um die Heimat lebenswert zu gestalten. Politik reagiert immer kurzfristig und reaktiv. Sie versucht Ist-Zustände zu Dr. Joachim Klose, Dresden Der vorliegende Beitrag wurde dem Heft des Sächsischen Pfarrvereins vom Februar 2017 entnommen. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 03-2017 15

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