Mitteilungsheft Thüringer Pfarrverein April Juni 2017

 

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Mitteilungsheft Thüringer Pfarrverein April Juni 2017

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April / Mai / Juni 2017 Thüringer Pfarrverein April - Juni 2017 3 Editorial 4 Informationen aus dem Vereinsleben 5 Hinweis auf den Pfarrertag in Neudietendorf 6 Reformation und Satire von Karl-Heinz Röhlin 15 Einführung in die Evangelisch-Lutherischen Bekenntnisschriften von Armin Wenz 30 Geburtstage Nr.2 | 7. Jahrgang 2017

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Zwei Begriffe sind es, auf die gleichsam als auf das Ziel hin das gesamte Leben auszurichten ist: Frömmigkeit und Bildung. Philipp Melanchton Auf dieser Welt muss entweder bald gestorben oder geduldig gelebt werden. Martin Luther Foto: Luther und Melanchton an der St. Marienkirche in Pirna Heike Glaß Dipl. Restauratorin für Kunst- & Kulturgut aus Holz/Gefasste Holzobjekte Mitglied im Verband der Restauratoren e.V. Befunde Konzepte Konservierung Restaurierung Wartung Pflege Dokumentation Holzbildhauerei Farbfassung Vergoldung Kontakt: Gotthardtstraße 12 | 99084 Erfurt | Tel. 0361.55 06 746 Fax 0361.55 06 764 | Mobil: 0172.77 47 274 | heike.glass@freenet.de 2 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017

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Editorial von KR i.R. Paul-Gerhard Kiehne, ehemaliger Vorsitzender und Ehrenmitglied des Thüringer Pfarrvereins aus Eisenach Es ist schon eine Weile her, dass ich von Astrid Lindgren Ronja Räubertochter gelesen habe. Aber eine Passage hat es mir angetan, so dass ich sie mir einst notiert hatte: „Wenn man weiß, dass einem nach der Heimkehr wieder warm wird bis in die Zehenspitzen, dann kann man bei jedem Wetter im Wald sein. Aber nicht, wenn man hinterher in einer kalten Grotte liegen muss und vor Kälte zittert.“ Ich gehöre zu der Generation,die vor 70 Jahren Hunger und Kälte erlebt hat, und das, obwohl mir Flucht und Vertreibung erspart geblieben sind. Meine Geschwister und ich haben uns heiße Backsteine ins Bett gelegt, weil das Schlafzimmer starke Minusgrade hatte. Niemand braucht Phantasie, um das nachzuempfinden, denn die Tagesschau hat uns hinreichend mit Bildern von Flüchtlings-Camps der Winterzeit versorgt. Wir leben in Deutschland und mehreren Ländern Europas in einem Wohlstand, den noch unsere Eltern und Voreltern sich nicht vorstellen konnten. Wieviel davon haben wir verdient, wieviel davon haben wir erdient? Als Berufstätige erdienen wir unser Einkommen, als Rentner und Pensionäre haben wir die Ruhestandsbezüge erdient. Zugleich sehen wir: das Wort Verdienst ist mehrdeutig. Wir merken es besonders, wenn wir es an einer anderen Berufsgruppe testen, bei den Ärzten. Ein Arzt bekommt eigentlich keinen Lohn, sondern Honorar, und das ist etwas anderes als Stundenlohn. Eine Krankenschwester im Ruhestand erzählte mir, dass sie als „Grüne Dame“ im Krankenhaus am Besuchsdienst teilnimmt. Fragt doch eine ältere Patientin: “Rechnet sich denn das?“ Ein Symptom, wie herunter gekommen unser „AllgemeinBewusstsein“ ist. Es zählt, was „sich rechnet“. Liebe Leserinnen und Leser, liebe dem Vorlesen Zuhörende! Diese meine Zeilen zielen auf zwei verschiedene Gruppen, auf die im Beruf Tätigen und auf Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017 3

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die Ausruhenden. Ich kann mit meinen bescheidenen Möglichkeiten weder die Welt retten oder auch nur den Versuch dazu unternehmen. Aber ich kann in einer ziemlich dunklen Welt (soweit es die Seele von Menschen betrifft) ein Streichholz, ein Teelicht oder eine Kerze anzünden. Ich erzähle dazu ein Beispiel. In unserer Stadt gibt es das Cafe international. Das ist ein Begegnungstreff von Einheimischen und Asylsuchenden. Einer der wichtigsten Wünsche der Asylsuchenden ist, die deutsche Sprache insoweit zu lernen, dass sie damit am Arbeitsleben teilnehmen können. Sprachkurse sind angelaufen, aber es gibt verständlicherweise darüber hinaus den Wunsch, außerdem noch mit Einheimischen Sprache und damit Kommunikation zu üben. So haben wir, meine Frau und ich, in unserm Wohnzimmer einmal pro Woche einen Gast, der bei uns übt. Derzeit haben wir den vierten Sprachschüler. Das meine ich mit dem Bild vom Teelicht oder der Kerze. Wenn sich Einzelbeispiele multiplizieren, dann kann es zunehmend heller werden. Und jetzt noch einmal meine Anrede an die im Beruf Tätigen: Solcherlei Aufgaben werdet Ihr nicht zusätzlich übernehmen können. Aber Ihr könnt eine Vermittler-Rolle übernehmen, vermitteln zwischen denen, die durch den Ruhestand Zeit haben, und denen, die sich Kommunikation wünschen. Ob sich „das rechnet“? Es kann eine durchaus sinnvolle Aufgabe sein, von der Dankbarkeit, die man im Blick auf das eigene Leben empfindet, ein bißchen was in kleine Scheiben zu schneiden und als verschenkte Zeit weiterzugeben. Ihr Aktuelle Informationen aus dem Vereinsleben von Pfarrer Max Ulrich Keßler, Metzels, Beauftragter des Thür. Pfarrvereins für die Partnerschaft zum Pfarrverein der Evangelischen Kirche in Polen A.B. Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit. (Ps 86,11) Unter dieser Tageslosung fand am 17.März 2017 das Treffen von Vorstandsmitgliedern des Polnischen Pfarrvereins und mir als Beauftragtem des Thür. Pfarrvereins in Drogomysl in der Nähe von Teschen/Südpolen statt. Wichtig wurde uns beim Nachdenken über die Tageslosung, dass unser Dienst im Amt nur gelingen kann, wenn wir immer wieder neu bereit sind, unsere Arbeit auf den Prüfstein zu stellen und zu fragen, ob das, was wir tun, wirklich „Christum treibet“ oder nicht. Oft erleben wir, dass wir den Weg, den Gott mit uns vorhat, im Aktionismus des Alltags aus den Augen verlieren und eher von Christus weggeführt werden. Jetzt „wandeln in deiner Wahrheit“ können wir nur, wenn 4 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017

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wir uns immer wieder neu den Weg dazu von Gott weisen lassen. Sich Zeit zu nehmen zum Hören auf Gottes Wort in Bibel und Bekenntnis, ist genauso wichtig wie der Dienst selbst. Im weiteren Verlauf des Gesprächs dankte der Vorsitzende Pfarrer Wantulok und sein Stellvertreter Pfarrer Reske für die Hilfe für Pfarrerskinder: Insgesamt wurden 35 Kinder aus 17 Familien mit unserer Unterstützung bedacht. Dabei wurden 2800,-€ ausgereicht. Dankbar wurde auch zur Kenntnis genommen, dass der Thür. Pfarrverein den Polnischen Pfarrverein in die Lage versetzen wird, Pfarrern, die in den Ruhestand gehen, eine Übergangsbeihilfe von jeweils 500,-€ zu gewähren. Die polnischen Gemeinden sorgen zwar in der Regel für die Ruhestandswohnung, aber Bodenbeläge, Gardinen und Küchenmöbel usw. müssen aus eigenen Mitteln beschafft werden. Das ist ein großes Problem bei den geringen Pfarrgehältern und Renten. Abschließend haben wir eine gemeinsame Vorstandsklausur beider Pfarrvereine Ende August 2017 in Breslau verabredet. Als Themen wurde von polnischer Seite ein Erfahrungsaustausch zum Thema „Kinderabendmahl und eine mögliche Heraufsetzung des Konfirmationsalters“ gewünscht. Vom Vorstand des Polnischen Pfarrvereins leite ich herzliche Grüße an unsere Vereinsmitglieder weiter und schließe mich diesen an, ! Erinnerung ! Einladung zum Pfarrertag am 26. April 2017 im Zinzendorfhaus in Neudietendorf 1. Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten selten oder nie Psychosoziale Einflüsse des Lebens im Pfarrhaus: Chance oder Verhängnis mit Diplom-Psychologin Gabriele KluweSchleberger, Thüringer Trauma Netzwerk, Internationales Zentrum für Integrative Traumaarbeit (ThüTZ) Oberkirchenrat in Ruhe Walter Weispfenning, Jurist und Rechtsdezernent der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen von 1991 bis 2002 Ausführliche Informationen Heft 1 / 2017 Anmeldungen an: 2. Entnazifizierung in der Thüringer Landeskirche - Der Thüringer Weg: Nachrede und Realität Frau Heide Tomschke-März Tel.: 036762/32203 Fax: 036762/12495 E-Mail: pfarrverein-buero@web.de Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017 5

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Nur keine verdrießlichen Theologen! Reformation und Satire Beitrag von Dr. theol. Karl-Heinz Röhlin, zuletzt Rektor am Pastoralkolleg der ELKB »Sackdoof, feige und verklemmt – ist Erdogan, der Präsident.« So beginnt das Spottgedicht von Jan Böhmermann, vorgetragen in der Sendung des NEOMagazins Royal am 31. März 2016. Das Landgericht Hamburg untersagte dem Moderator, sein Spottgedicht zu wiederholen. Ende Oktober 2016 bewertete die Staatsanwaltschaft in Mainz Böhmermanns Verse über den türkischen Präsidenten als »Kunstwerk«. Satire und Karikatur sei nun einmal »wesenseigen«, dass mit Übertreibungen, Verzerrungen und Verfremdung gearbeitet werde, so die Mainzer Staatsanwaltschaft. In der Literaturwissenschaft gibt es verschiedene Definitionen und Theorien über Satire. Für diesen Aufsatz, genügt es, Satire als Komik, die einen verbalen Angriff inszeniert, zu verstehen. Wie weit darf dabei Satire gehen? Wo liegen Ihre Grenzen? Diese Fragen sind nicht neu. In Rom verfasst der Philosoph Seneca satirische Schriften und verunglimpft den verstorbenen Kaiser Claudius. Den pseudoreligiösen Kaiserkult um Claudius verspottet Seneca als »Verkürbissung« des Herrschers. Einer der größten Satiriker überhaupt ist Diogenes. Er bietet Alexander dem Großen die Stirn. Aus seiner Tonne heraus fordert er den Feldherrn respektlos auf, er möge ihm doch bitte aus der Sonne gehen. Im Mittelalter halten Hofnarren den weltlichen und geistlichen Würdenträgern den Narrenspiegel vor. Satirische Narrenliteratur wird zum Kampfmittel im religiösen Streit. So enthüllen die sog. »Dunkelmännerbriefe« in den Jahren 1515/1516 mit derber Komik Heuchelei und dünkelhafte Unwissenheit. Martin Luther distanziert sich damals zwar von diesen im Geist des Humanismus verfassten polemischen Schriften. Wenige Jahre später geht die Flugschrift »Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet« mit Karikaturen von Lucas Cranach weit über die Polemik der »Dunkelmännerbriefe« hinaus. Vor diesem Hintergrund ist »Reformation und Satire« durchaus ein Thema. So jedenfalls sieht es der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger: »Betrachtet man die großen Figuren der Kirchengeschichte, könnte man vielleicht sagen, dass diejenige mit dem ausgeprägtesten Sinn für Humor Luther war.« Dem ist allerdings hinzuzufügen, dass Erasmus von Rotterdam, der große Humanist, gerade in seiner Schrift »Lob der Torheit« ebenfalls Glanzpunkte der ironischen Gesellschafts- und Kirchenkritik setzt. Satire und Karikatur Martin Luthers Humor zeigt sich in verschiedenen Facetten und Variationen. Er ist derb und verletzend gegenüber seinen Widersachern, insbesondere gegenüber dem Papst und den Ab- 6 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017

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lasspredigern. Er ist geistreich ironisch gegenüber seinen Mitstreitern, warmherzig gegenüber seiner Frau und seinen Freunden. Mit den Papstspottbildern von Lucas Cranach und Luthers Spottversen beginnt die Karikatur in Deutschland. Ihre kühnste Kooperation ist das Pamphlet von 1540 »Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet«. M. Luther kanzelt in dieser Schrift den Papst ab: »Nun, Papstesel mit deinen langen Eselsohren und verdammtem Lügenmaul. Unermesslich viel hast du vom römischen Reich gestohlen, mit Lügen, Intrigen, Gotteslästerung und Abgötterei… und hast als ein Teufel gehandelt.«1 Auf dem Titelbild krönt der Teufel den Papst im Höllenschlund mit der Tiara. Die heilige Treppe aus dem Lateranspalast geht dabei in Flammen auf. Durch den graphischen Druck erreichen diese Spottbilder damals auch viele des Lesens unkundige Menschen. Die Reaktionen auf Luthers Papstschelte können wir uns kaum heftig genug vorstellen. Für die meisten Anhänger der Reformationsbewegung sind sie zutreffende Polemik, für die Gefolgsleute Roms eine bis dahin nicht gekannte Provokation. Wie bei Jan Böhmermann lässt sich trefflich darüber streiten, ob diese Form der Satire noch zur Spielart des Humors zählt, oder den Papst auf unzulässige Weise verunglimpft. fassten »Werbung« für den Ablass in der »Neuen Zeitung vom Rhein«. Diese Zeitungsreklame trommelt für den einmaligen Ablass des Mainzer Kardinals. Ironisch preist Luther die kostbaren Reliquien in der Sammlung des Kardinals an: Drei Flammen vom Busch des Mose auf den Sinai, zwei Federn und ein Ei des Heiligen Geistes, ein halber Flügel des Erzengels Gabriel, fünf Saiten von der Harfe Davids, drei Locken von Absalom, mit denen er an der Eiche hängen blieb. Nicht genug mit der Verspottung der Reliquien. Er schreibt weiter, der Heilige Vater habe erlaubt, dass nach dem Tod des Kardinals ein Teil seines frommen Herzens und ein großes Stück seiner wahrheitsliebenden Zunge als Reliquien ausgestellt werden sollen. Es würde nur ein Gulden Eintritt für den Besuch dieser Reliquiensammlung verlangt und Besucher würden Ablass von allen begangenen Sünden erhalten. Zur ironischen Werbung für die Reliquiensammlung des Mainzer Kardinals passt auch Luthers vergiftetes Lob für seinen Gegenspieler Johannes Eck. Weil Eck Martin Luther während der Leipziger Disputation im Jahr 1519 dazu provoziert, den Papst anzugreifen, gebührt ihm Lob und Dank: »Eck wäre wohl wert, dass ihm eine Belohnung von 10.000 Gulden geschenkt würde, von den Lutheranern, die er so sehr gefördert hat«.2 Ein satirisches Kunststück gelingt Mar- Auch in theologischen Streitschriften, z. tin Luther mit der im Jahr 1542 ver- B. mit Karlstadt und Hieronymus Emser 1 M. Luthers Werke, Gesamtausgabe, 54. Band, Weimar 1928, S.298 f 2 Johannes Schilling: Luther zum Vergnügen, Stuttgart 2008, S. 99 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017 7

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schreckt Luther vor deftiger Polemik nicht zurück. Emser, er stammt aus einem adligen Geschlecht Schwabens, das im Wappenschild einen halben Bock führt, nennt Martin Luther »Bock Emser« und verballhornt so sein Familienwappen. Emsers Absicht war, Luthers Schrift »An den christlichen Adel deutscher Nation« zu widerlegen. Er fordert ihn zu einem verbalen Fechtkampf mit Schwert, Spieß und Degen heraus. Die drei Waffen interpretiert er allegorisch. Mit dem Schwert meint er die Heilige Schrift, mit dem Spieß die Tradition der Kirche und mit dem kurzen Degen die Auslegung der Kirchenväter. Luther nutzt die Waffen-Metaphorik für seine eigene Argumentation: »Bock Emser, du bist mir ein seltsamer Krieger. Paulus hat im Epheser-Brief vier göttlich Waffen beschrieben: ein Schwert, einen Helm, einen Panzer, ein Schild. Außer dem Schwert brauchst du sie nicht, weil Paulus zu wenig gelehrt ist….« Ironisch schließt Luther daraus, dass Emser mit »bloßem Kopf, bloßer Brust und bloßem Bauch« ein »nackter Ritter« sei. Der nackte Ritter war in der Reformationszeit eine bekannte Spottfigur in Volksmärchen und Schwänken. Zu den Beispielen für die satirische Schlagseite von Luthers Humor gehört auch seine Schrift »Wider Hans Worst« von 1541. Der politische Gegner, Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, wird hier als »Hanswurst« apostrophiert: »Denn er ist ein trefflicher Mann, in der Heiligen Schrift geschickt, behände und bewandert – wie eine Kuh auf dem Nussbaum oder eine Sau auf der Harfe.« Freilich ist Martin Luther selbst oft Gegenstand von hämischer Satire. Eine Karikatur des Augsburger Malers Hans Holbein aus dem Jahr 1522 zeigt den Reformator als Hercules Germanicus, wie er kraftvoll auf seine Gegner eindrischt. Erschlagen liegen bereits Aristoteles, Thomas von Aquin, Occam und andere Geistesgrößen zu seinen Füßen. Der Papst ist gefesselt und an seiner Nase aufgehängt. Hans Holbein karikiert M. Luther als Barbar und Unruhestifter. So erscheint der Reformator als Gegenentwurf zu Erasmus zu Rotterdam, der durch die Macht seiner Rede versöhnend wirkt. Ironie und Selbstironie Greift Luther im Streit mit seinen Gegnern gerne zum Säbel, so verwendet er bei Kontroversen mit ihm nahestehenden Menschen das Florett. Ein Beispiel dafür ist der Streit mit seinem Hausdiener Wolfgang Sieberger. Sieberger pflegt eine ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung: Mit einem Spezialnetz fängt er Vögel und verkauft sie an Vogelliebhaber. Martin Luther missfällt die Vogelfängerei und er beschließt, diesem Treiben ein Ende zu setzen. Dabei wählt eine milde Form der Satire. Die Vögel klagen bei Luther gegen Sieberger und Vogelfreund Luther gibt die fiktive Klage weiter. So entsteht die Schrift: »Klage der Vögel an D. Martinus Luther über Wolfgang Sieberger, seinem Diener«. Die Schrift ist im Stile einer amtlichen Klage gehalten. Zunächst formulieren die Vögel den juristischen Tatbestand: Freiheitsberaubung und Bedrohung an Leib und Leben: »Wir Drosseln, Amseln, Finken…tun Eurer Freundlichkeit zu wis- 8 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017

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sen, dass einer namens Wolfgang Sieberger Euer Diener sich einer großen Freveltat schuldig gemacht und etliche alte verdorbene Netze teuer gekauft hat, um einen Finkenherd herzurichten und dass er uns allen zu fliegen in der Luft und auf Erden Körnlein zu lesen, verwehren will, uns dazu noch nach unserem Leib und Leben stellt, wo wir doch gegen ihn gar nichts verschuldet und ein solches ernstes und tückisches Unterfangen nicht verdient haben.« Nach der Anklage folgt die Bitte der Vögel, dass Sieberger abends Körner auf den Volgelherd streut und morgens nicht vor acht Uhr aufsteht, damit die Vögel entkommen können. Auch der Schluss der Klageschrift ist pseudoamtlichen Stil gehalten: »Gegeben in unserem himmlischen Sitz unter den Bäumen unter unserem gewöhnlichen Siegel der Feder.« Der Tadel Luthers erscheint hier in freundlichem Gewand. Und doch sind ironische Farbtupfer eingewebt, z. B. wenn einfließt, der sparsame Sieberger habe sich beim Kauf der Netze übers Ohr hauen lassen. Oder wenn die Vögel M. Luther bitten, er solle veranlassen, dass Sieberger nicht vor acht Uhr aufstehen soll. Der Langschläfer Sieberger weiß, dass dieser Wunsch überflüssig ist. Das Stilmittel der Ironie setzt Luther auch in heikleren Situationen ein. Als Kurfürst Joachim II. von Brandenburg 1539 eine neue Liturgie einführt, findet sein Pfarrer Georg Buchholzer das nicht im Sinne des Reformators. Er beschwert sich bei Martin Luther, dass der Kurfürst das Tragen von römischen Messge- wändern verfügt habe und dass jeden Sonntag die Abendmahlselemente in einer Prozession um die Kirche herumzutragen seien. Luther antwortet mit zwei Briefen, einem an den Kurfürsten und einem an Buchholzer. Den Kurfürst tadelt er wegen seiner Einführung der Kirchhofprozession. Buchholzer erteilt er den Rat, sich auf Wort und Sakrament zu konzentrieren. Liturgische Bräuche wie die Kirchhofprozession solle er hinnehmen, sofern sie nicht dem Evangelium widersprechen. Humorvoll ironisiert er die Kirchhofprozession: »Haben auch Ihre kurfürstlichen Gnaden nicht genug an einem circuitus oder an einer Prozession, so gehet siebenmal mit herum, wie Josua mit den Kindern Israel um Jericho ging… . Und hat Euer Herr, der Markgraf, die Lust dazu, so mögen Ihre kurfürstlichen Gnaden vorrausspringen und – tanzen mit Harfen, Pauken, Zimbeln und Schallen, wie David vor der Lade des Herrn tat, als sie in die Stadt Jerusalem gebracht wurde.«3 Luthers Antwort auf die Beschwerde von Buchholzer ist theologisch klar und humorvoll: Dem Evangelium nicht widersprechende Bräuche können bleiben, so der Priesterornat und die Kirchhofprozession. Drastisch übertreibend schreibt der Reformator: Du darfst sogar drei Priesterkleider übereinander tragen und der Kurfürst mag sieben Prozessionen im Kirchhof anordnen und, falls er Lust dazu hat, dabei sogar springen und tanzen. Ein tanzender Kurfürst vor den Abendmahlselementen bei der sonntäglichen Kirchhofprozession – dieses groteske Bild karikiert 3 gl. Gritsch: a. a. O. S. 33 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017 9

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die übertriebenen Sorgen Buchholzers und fordert ihn dazu auf, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. In einer Tischrede blickt M. Luther auf die Eindrücke während seiner Romreise im Jahr 1510/11 zurück: »In Rom, als ich auch so ein toller Heiliger war, lief ich durch alle Kirchen und Krypten und glaubt alles, was dort erlogen und erstunken ist. Ich hab auch wohl eine Messe oder zehn in Rom gehalten, und es tat mir damals richtig leid, dass mein Vater und meine Mutter noch lebten. Denn ich hätte sie gern aus dem Fegefeuer erlöst mit meinen Messen und anderen trefflichen Werken.... Aber es war zu viel Andrang, und ich konnte nicht drankommen und aß stattdessen einen geräucherten Hering.«4 Mit dem »geräucherten Hering« hatte Luther bei diesem Tischgespräch die Lacher auf seiner Seite. Auch dass er sich selbst als »tollen Heiligen« bezeichnet, hat die Gäste im Hause Luthers gewiss erheitert. Durchaus selbstdistanziert äußert sich Luther auch über seine Vorlieben beim Theologisieren und Predigen. Er zieht es vor, Ungelehrten zu predigen und schaut dabei dem Volk und nicht den Professoren aufs Maul: »Kann ich denn Griechisch, Hebräisch, das spare ich, wenn wir Gelehrten zusammenkommen; da machen wir’s so kraus, dass sich unser Herrgott darüber wundert.«5 Im Jahr 1537 erkrankt Martin Luther in Schmalkalden schwer. Gerüchte von seinem Tod sind im Land weit verbrei- 4 Schilling: a. a. O., S. 141 f tet. Nach seiner Genesung schreibt M. Luther einen spöttischen Brief: »Ich, Dr. Martinus bekenne mit dieser meiner Handschrift, dass ich mit dem Teufel, Papst und allen meinen Feinden gar eines Sinnes bin. Denn sie wollten gerne fröhlich sein, dass ich gestorben wäre und ich gönnte ihnen von Herzen solche Freude und wäre wohl gerne gestorben zu Schmalkalden, aber Gott hat noch nicht wollen solche Freude bestätigen.«6 Ein weiteres Beispiel für seine Ironie liefert M. Luther kurz vor seinem Tod, angesichts des beginnenden Konzils von Trient (1545 – 1563). Der Reformator fordert seine Freunde zum Gebet für den Himmlischen Vater auf: »Betet für unseren Herrgott und sein Evangelium, dass es ihm wohl gehe, denn das Konzil zu Trient und der leidige Papst zürnen hart mit ihm.«7 Luthers Humor im Alltag Luthers Humor im Alltag zeigt sich besonders in der Kommunikation mit seiner Frau Katharina von Bora. Bekanntlich war die Ehe der Luthers keine Liebesheirat, sondern dem damaligen Brauch gemäß eher eine Versorgungsehe. Luther wurde von Freunden und von seinem Vater zur Ehe gedrängt. Katharina hatte eine enttäuschte Liebe mit dem Nürnberger Patriziersohn Hieronymus Baumgartner hinter sich. Unter diesen Vorzeichen wäre es durchaus verständ- 6 Werner Thiede: Luthers Humor, In: Nachrichten der ELKiB, Nr. 11, 2008, S. 324 5 Schilling: a. a. O., S. 129 7 vgl. Thiede: a. a. O., S. 325 10 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017

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lich gewesen, wenn der Umgangston der Eheleute eher kühl gewesen wäre. Luthers Tischreden und seine Briefe an Katharina zeigen jedoch eine warmherzige, humorvolle Kommunikation. Von Martin Luther sind insgesamt 20 Briefe erhalten. Besonders die Briefköpfe spiegeln die liebevolle Art des Umgangs. Luther spricht seine Frau immer wieder anders an: Käthe, Catharina, Keta, Catherin, Doctorin Luhterin, Käthe Luderin von Bora usw. Offenbar spielt Luther gerne mit dem Namen seiner Frau. Besonders deutlich wird dies in einem Brief vom 4. Oktober 1529, in dem er Käthe als seinen »Herrn« bezeichnet, die distanzierte Anrede aber durch die Attribute »freundliche und liebe« aufhebt. »Meinem freundlichen lieben Herrn Katharina Lutherin Doctorin, Predigerin zu Wittenberg.« Offenbar reizt es den Reformator, sich als willigen Diener seiner Frau darzustellen. Später, nach dem Kauf eines Gartens mit Fischweiher und Obstbäumen, dem sogenannten »Garten am Saumarkt«, nimmt er seine Käthe als »Saumarkterin« auf den Arm. Oft benutzt M. Luther in den Briefen an seine Frau die offiziellen Formeln der Kanzleisprache und verbindet sie mit liebevollem Necken. In einem seiner letzten Briefe an seine Frau, vom 6. Februar 1546, als M. Luther auf dem Weg nach Eisleben wegen Hochwasser der Saale in Halle ausharren muss, personifiziert er die Saale als »Wiedertäuferin«: »Denn es begegnet uns eine große Wiedertäuferin mit Wasserwogen und großen Eisschollen und dreuet mit der Wiedertaufe und hat das Land bedeckt.«8 Im weiteren Verlauf des Briefes spielt Luther die Gefahr herunter. Er schreibt, dass die Reisegesellschaft gutes »Torgisch Bier« und guten Rheinwein trinke bis die Saale genug gezürnt habe. Luther schließt: »Ich halte dafür, wärest du hier, so hättest du uns auch geraten, so zu tun, damit du siehst, dass wir auch einmal deinem Rat folgen.« Mit dieser Schlussbemerkung ironisiert M. Luther seinen Ungehorsam, denn seine Frau hatte ihm dringend von der Reise nach Eisleben abgeraten. Der Brief Luthers aus Halle beruhigt seine Frau jedoch keineswegs. Sie schreibt ihrem Mann, dass sie vor Sorgen nicht schlafen könne. Noch einmal greift M. Luther zur Feder und schreibt der »heiligen, besorgten Frauen Catherin Lutherin, Doctorin, Saumarkterin zu Wittenberg« einen Brief. Ironisch dankt er seiner Frau für ihre Sorge: »Denn seit ihr uns gesorgt habt, hätte uns fast ein Feuer verzehrt in unserer Herberge… und wäre uns schier ein Stein auf den Kopf gefallen.« Luther wirft seiner Frau vor, dass sie mit ihrer Sorge gerade das herbeiführt, was sie befürchtet. Am Ende des Briefes berichtet er noch von einer Verletzung seines Reisegefährten Justus Jonas: »Wir sind Gottlob frisch und gesund, außer dass die Verhandlungen Unlust bereiten und dass Justus Jonas einen Schenkel haben wollte, so dass er sich zufällig an einen Laden gestoßen; so gar groß ist der Neid in den Leuten, dass er mir nicht gönnen will, allein einen bösen Schenkel zu haben.« 8 vgl. Stolt: a. a. O., S. 167 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017 11

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Hier begegnet wieder Luthers Hang zur Ironie. Er leidet damals selbst an einer Schenkelverletzung und stellt sie als begehrenswert hin. Ganz auf dieser Linie der Selbstironie bleibt M. Luther im letzten Brief an seine Frau. Er bemerkt, dass die schönen Mädchen von Eisleben ihm gefährlich würden. Dabei ist der Reformator Mitte Februar 1546 schwer krank. Offenbar kämpft er mit Hilfe seines Humors gegen die düsteren Gedanken an. M. Luther kommentiert hier den Tratsch um sein »ausschweifendes Liebesleben«. Mit der »Dritten« meint er wohl Katharina von Bora. Die beiden anderen genannten Damen sind vermutlich Nonnen, für die Luther sich als Ehestifter verwendet, vielleicht Ave von Schönfeld, von der er einmal sagt, seine Wahl wäre auf sie gefallen, wenn er schon 1523 geheiratet hätte oder Ave Allemann, die ihm sein Freund Nikolaus von Amsdorff empfohlen hatte. In den Jahren 1517 – 1525 steht Martin Luther in einem besonderen Vertrauensverhältnis zu Georg Spalatin, dem Sekretär und Beichtvater von Friedrich dem Weisen. Über alle wichtigen kirchenpolitischen und persönlichen Anliegen sind sie im Gespräch oder tauschen sich in Briefen aus. Seit dem Jahr 1520 beschäftigt beide u. a. auch das Thema Heirat und Familiengründung. Augenzwinkernd schreibt M. Luther dazu an seinen Freund: »Was du übrigens über meinen Ehestand schriebst, so wundere dich bitte nicht, dass ich keinen führe, wo ich doch ein so vielbesprochener Liebhaber bin. Wundere dich vielmehr darüber, dass ich, der ich so viel über die Ehe schreibe, und mich mit Frauen abgebe, noch nicht selbst zur Frau geworden bin oder wenigstens geheiratet habe. Ich habe nämlich drei Frauen zugleich gehabt und so wacker geliebt, dass ich zwei verloren habe. Sie werden sich mit einem anderen verloben. Und die Dritte halte ich kaum noch mit dem linken Arm, und sie wird mir vielleicht auch bald entrissen werden.«9 9 Hans Roser: Franken und Luther, München 1996, S. 192, Gerade in seinen Briefen an Georg Spalatin zeigt M. Luther seine derbe und seine warmherzige Seite: »Mögest du meine aufrichtige Zorn und Glaube Wo liegen nun die Wurzeln von Luthers Hang zu Spott und Satire? Der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom untersucht schon 1919 den Humor Luthers aus religionspsychologischer Perspektive und betont dabei die therapeutische Wirkung.10 Luthers Humor sei eine Art »Sicherheitsventil« in bedrängter Lebenslage gewesen. Seine angespannte Seele habe durch Ironie und Satire Entlastung gefunden. Die entlastende Funktion des Humors wird noch heute von der psychologischen Humorforschung herausgestellt. Martin Luthers deftiger Spott gegenüber seinen Kritikern wurzelt auch in seiner leichten Erregbarkeit. »So nicht, Kurfürst« schleudert er seinem Landes- Freundschaft und Zuneigung erkennen! Doch was bedarf es der Worte? Das weißt du selbst am besten, auch ohne meine Versicherung.« vgl. M. Burkert/K.-H. Röhlin: Georg Spalatin – Luthers Freund und Schutz, Leipzig 2015, S. 13 ��N��a�t�h�a�n�S��ö�d�e�r�b�l�o�m�:�H��u�m��o�r�u��n�d�M��e�l�a�n�c�h�o�l�ie�,� Stockholm 1919, vgl. Michael Titze: Heilkraft des Humors, Freiburg i. Br. 1985, S. 90 ff., 12 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017

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herrn entgegen, als der ihn über Spalatin zur Mäßigung gegenüber dem Mainzer Erzbischof auffordert. Lieber will der Reformator Spalatin und den Kurfürsten »ins Verderben reißen« als um des Friedens willen zu schweigen. Martin Luther bezeichnet seinen Zorn als emotionalen Antreiber: »Ich habe kein besseres Hilfsmittel als den Zorn. Wenn ich gut schreiben, beten und predigen will, so muss ich zornig sein. Dann erfrischt sich mein ganzes Blut, mein Geist wird geschärft und alle Anfechtungen weichen.«11 Vermutlich spiegelt die Impulsivität Luthers das soziale Milieu in dem er aufgewachsen ist. Luthers Vater stammt aus einer bäuerlichen Familie. Ein Onkel muss sich wiederholt wegen Raufereien vor Mansfelder Gerichten verantworten. Da die wesentliche Aneignung von Sprache im Kindesalter erfolgt, müssen wir davon ausgehen, dass die Sprachgewalt Luthers in seiner Mansfelder Kindheit vorbereitet wird. Jedenfalls führt seine leichte Erregbarkeit oft zu grober Rhetorik und spöttischer Satire. Wie immer man Luthers Humor sozialpsychologisch deuten mag, innerer Bezugspunkt ist seit dem Jahr 1517 zweifellos sein tiefes Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes. Über allen Anfechtungen steht die befreiende Botschaft des Evangeliums von der Rechtfertigung des Sünders aus Gnade, um Christi Willen. Die Heilsgewissheit und das befreite Gewissen überwinden Anfechtungen und Schwermut: »Nun kann wahrlich der arme Mensch, der in Sün- ���S�c��h�i�ll�i�n�g��: �a�.��a�.�O��.�,�S�.��2�9� den, Tod und Hölle verstrickt ist, nichts tröstlicheres hören, als diese teure liebliche Botschaft von Christus. Sein Herz muss von Grund aus lachen und fröhlich darüber werden, wenn er glaubt, dass es wahr ist.«12 Unter den Bedingungen des alten Äons gehören Anfechtungen und Bedrängnis zu Luthers Lebenswirklichkeit. Das tiefe Vertrauen auf Gottes Wort bewegt den Reformator jedoch immer wieder zu gelassener Heiterkeit. In einer Tischrede sagte er einmal sinngemäß: »Wenn ich wittenbergisch Bier mit meinem Philipp und Amsdorff getrunken habe, so hat Gottes Wort viel getan, dass das Papsttum schwach geworden ist. Ich habe nichts gemacht, Gottes Wort hat’s gewirkt.« Theologie mit Humor Martin Luthers Sinn für Satire, Ironie und Scherz motiviert auch heute zu gelassener Heiterkeit. Die deutschsprachige Theologie hat diesen Impuls jedoch weitgehend ignoriert. Ausnahmen bestätigen die Regel. Werner Thiede zeichnet in seiner Studie »Das verheißene Lachen« Grundlinien einer »Theologie des Humors« und weist auf die seelsorgerliche Relevanz des Lachens hin. Einen originellen Akzent setzt neuerdings die Theologin und Clownin Gisela Matthiae. In ihren Kursen u. a. an Pastoralkollegs vermittelt sie Clownerie als Lebenskunst. Sie kommt zu dem Fazit: »Humor und Glaube lenken den Blick auf bestehendes Unrecht und halten die Sehnsucht nach Befreiung wach. Dabei verhindert der Humor theologische ��W��e�r�n�e��r �T�h�i�e�d�e�:�D��a�s�v��e�rh��e�iß�e��n�d�e��L�a�c�h�e�n�,� Göttingen 1986, S. 122 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017 13

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Rechthaberei und bewahrt den Glauben davor, engstirnig oder gar fanatisch zu werden.« In die Feiern zum Reformationsjubiläum mischen sich aktuell auch kabarettistische Angebote. Das Programm »Alles in Luther« nimmt die Vermarktung des Reformators aufs Korn, präsentiert augenzwinkernd die neu entdeckten Tagebücher der Katharina von Bora und fordert die Einführung des Zölibats in der evangelischen Kirche.13 Kein geringerer als Karl Barth hat, ganz im Sinne Luthers, ein wesentliches Qualitätsmerkmal für Theologen und Theologinnen eingeführt: »Ein Christ treibt dann gute Theologie, wenn er im Grunde immer fröhlich, ja mit Humor bei seiner Sache ist. Nur keine verdrießlichen Theologen! Nur keine langweilige Theologie.«14 Diese Anregung Karl Barths fiel in den vergangenen Jahrzehnten in Amerika durchaus auf fruchtbaren Boden. Ich erinnere an Harvey Cox (Das Fest der Narren) Peter L. Berger (Erlösendes Lachen) und John Morreall (Comedy, Tragedy and Religion). theistischen Weltreligionen hinsichtlich ihrer Humorbeziehung.15 Diesem Projekt und der theologischen Zunft insgesamt kann man mit Thomas Morus nur wünschen: »Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.«16 Der vorliegende Beitrag erschien zuerst im Korrespondenzblatt des Pfarrvereins der evang.-lutherischen Kirche in Bayern Nr. 2, Februar 2017, und kann dankenswerter Weise in unserem Heft abgedruckt werden. Wie die heftigen Kontroversen um die Mohammed-Karikaturen belegen, ist »Humor und Religion« nicht zuletzt ein wichtiges Thema für den interreligiösen Dialog. In den nächsten Jahren arbeitet ein Team um den Erlanger Islamwissenschaftler George Tamer an dem Großprojekt: »Key Concept in interreligious Dialogue.« Unter anderem untersuchen sie dabei die drei mono- ��w��w�w��.r�o�e�h��li�n�.d�e� ���K�a�r�l�B�a��rt�h�:��O�f�f�e�n�e��B�r�i�e�f�e��1�9�4�5��-1��9�6�8�,��Z�ü�r�i�c�h� 1984, S. 553 f. ���D�e�n��H��in��w�e�i�s��a�u�f�d��ie�s�e��s�P�r�o�j�e�k�t��v�e�r�d�a�n�k��e�i�c�h�� dem Erlanger Universitätskanzler a. D. Thomas Schöck. ���v�g�l�. �T�h�i�e�d�e�:�D��a�s��v�e�r�h�e�i�ß�e�n��e�L�a��c�h�e�n�,��S�. �1�2�5� 14 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017

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Armin Wenz Einführung in die EvangelischLutherischen Bekenntnisschriften1 1 Der Vortrag wurde am 12. Januar 2017 in Leipzig gehalten. Inhaltlich geht er in weiten Teilen zurück auf eine bereits früher erschienene ausführlichere Ausarbeitung zur Thematik. Vgl. ARMIN Wenz: Die Bedeutung der Konfessionalität in der ekklesiologischen Existenz, in: Christian Herrmann (Hg.), Wahrheit und Erfahrung – Themenbuch zur Systematischen Theologie, Band 3: Heiliger Geist, Kirche, Sakramente, Neuschöpfung, Wuppertal 2006, S. 227-246. Dr. Armin Wenz hat promoviert bei Reinhard Slenczka in Erlangen mit einer Arbeit über die Autorität der heiligen Schrift in den lutherischen Bekenntnisschriften, im Kirchenkampf und in deutschsprachiger systematischer Theologie des 20. Jahrhunderts. Er war Pfarrer der SELK in Görlitz, ist derzeit Pfarrer in Halle und Lehrbeauftragter für Systematische Theologie an der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel. 1. Das trinitarische Gefüge von Schrift und Bekenntnis Die Konfessionalität oder Bekenntnisbindung gehört zu den wenig reflektierten Aspekten kirchlichen Lebens. Wenn überhaupt die Bekenntnisbindung thematisiert wird, wird diese in der Regel nicht als Chance oder Gabe verstanden, sondern problematisiert2. 2 Insbesondere die lutherische Kirche begegnet immer wieder dem Vorwurf, „sie überschätze das Bekenntnis und stelle es über die Bibel.“ (Hermann Sasse: In statu confessionis I. Gesammelte Aufsät- ze, hg. von F. W. Hopf, Berlin und Schleswig Hol- stein 1975, 22) Jörg Baur hat darauf hingewiesen, Der Göttinger Theologe Jörg Baur erinnert dagegen daran, dass das Bekenntnis Aufforderung und Ermutigung ist, „in seinen Sätzen die Aussage der Schrift an uns neu zu entdecken“ 3. So daß das fromme „Sorgen über das Auftreten eines Dritten zwischen Schrift und Kirche, Wort und Glaube, Christus und dem Glaubenden“ aus einem Akt des freien Willen erwachse, „durch den sich der Urteilende aus dem faktischen Zusammenhang von ausgelegter, verkündigter Schrift und aus dem Worte lebendem Glauben innerhalb einer geschichtlich kontingenten Gemeinschaft von Kirche gelöst hat. … Alles aber muß und kann sich sehr anders ansehen, wenn … das Bekenntnis … seinen Platz im Verweisungsgefüge, im dynamischen Zusammenhang von Schrift, Verkündigung, Glaube und kirchlicher Gemeinschaft hat.“ (Kirchliches Bekenntnis und neuzeitliches Bewußtsein, in: Ders.: Einsicht und Glaube. Aufsätze, Göttingen 1978, 285f) 3 Baur, 286: Das Bekenntnis „ist in seinen Aussagen selbst Aufforderung, Anweisung, Ermutigung, eben in seinen Sätzen die Aussage der Schrift an uns neu zu entdecken; es warnt mit seinem Anspruch vor der gewiß nicht a limine unmöglichen Möglichkeit, daß wir die Schrift anders hören und also selbst anderes sagen und hören wollen; es fügt konsentierend Hörende zu bekennender Kirche zusammen und hält den Stachel der Diffe- Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 02-2017 15

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