m – das Magazin vom mc

 

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Ausgabe 2-2017

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Ausgabe 2 – 2017 das magazin vom m|c 70 Jahre Bremen: Komm inne Puschen!

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Foto: Frank Scheffka Titelfoto: Petra Hansen | U2: Ulrike Jüngling | Entstanden beim Fotomarathon Bremen 2015 Der Fotomarathon Bremen ist eine fotografische Schnitzeljagd durch Bremen. Innerhalb von 9 Stunden müssen die Teilnehmer 9 Fotoaufgaben erledigen und am Ende 9 Fotos abgeben. Mitmachen kann jeder, der Lust auf einen sportlich-kreativen Tag hat und eine Digitalkamera besitzt. Termin ist der 2.9.2017. Anmeldung und weitere Infos auf fotomarathonbremen.de.

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m, guten Tag! Liebe Leserinnen, liebe Leser, mit diesem m laden wir Sie ein, sich mit uns vor Ihrer Haustür umzuschauen und ein bisschen zu feiern. Denn unser kleines Bundesland Bremen ist 70 Jahre alt geworden. Das sind 7 Jahrzehnte voll mit bewegenden Ereignissen vom Wiedererlangen der Freiheit über das Werder-Double bis zur Rückkehr des Borgwards. Eine lange Zeit, in der sich der 2-Städte-Staat aber auch vom wohlhabenden Geber zum notorisch klammen „Haushalts-Notlage-Land“ entwickelt hat. 600 Millionen Euro im Jahr zahlt Bremen allein an Zinsen für seine Schulden. Dennoch leben die Menschen gern an der Weser und machen ihr Bundesland mit guten Ideen und starken Netzwerken fit für die Zukunft. Meistens müssen sie mit wenig Geld auskommen und viel kreatives Potenzial aufbringen wie unser Titelthema zeigt. Passend dazu haben sich die durchblicker mit Bürgermeister Carsten Sieling getroffen und ihn kritisch befragt. Natürlich werfen wir auch wieder einen Blick über den „Tellerrand“. Wie es in der Schweiz um Inklusion bestellt ist, erzählen wir am Beispiel der Organisation „avanti donne“, die sich für die Gleichstellung von Frauen und Mädchen mit Beeinträchtigung einsetzt. In diesen bewegten Zeiten geben wir zwei politischen Organisationen Raum im m: „Pulse of Europe“ und „Unser Ziel: Kleiner 5“. Ihre Ideen müssen nicht zwangsläufig mit den Ansichten der ganzen Redaktion übereinstimmen. Dennoch finden wir es wichtig, Menschen zu Wort kommen zu lassen, denen eine Zukunft in einem friedlichen und meinungsfreien Europa so sehr am Herzen liegt, dass sie sich politisch engagieren, statt sich ins Private zurückzuziehen. Wie selten ein m zuvor wurde die letzte Ausgabe mit dem Titelthema „Lust“ kommentiert und diskutiert. Das freut uns sehr und wir hoffen, dass es uns auch mit diesem Heft gelingt, Sie zu bewegen. Ihre m-Redaktion 1

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In dieser Ausgabe 4 Komm inne Puschen! „Klein, pleite, sympathisch!“ So treffend beschreibt Karikaturist Til Mette Bremen in einem Cartoon. Das m hat mit Menschen gesprochen, die jenseits leerer Kassen einiges auf die Beine gestellt haben. Wie die Politik das Land fit für die nächsten 70 Jahre machen will, haben die durchblicker von Bürgermeister Carsten Sieling erfahren. 17 Über den Wolken … die durchblicker Ellen Stolte und Matthias Meyer haben den Perspektivwechsel gewagt und sind mit dem Bremer Verein für Luftfahrt über Bremen geflogen. Weil vor Aufregung die Sache mit dem Schreiben ausnahmsweise nicht so wichtig war, erfahren wir alles über das Abenteuer aus der Sicht des Fotografen Frank Scheffka, der eine ruhige Hand behielt. Titelthema 4 70 Jahre Bremen: Komm inne Puschen! 14 Bremens gute Stube die durchblicker im Gespräch mit Bürgermeister Carsten Sieling Menschen & Meinungen 17 Bremen von oben die durchblicker heben ab 30 „All inclusive" Ein Interview mit Kevin Alamsyah 32 Initiative gegen Rechts: „Unser Ziel: Kleiner 5" 41 Geisterjäger in Bremerhaven: Filmclub dreht John Sinclaire-Storys 2

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20 Stadtteilblogger gesucht! Blogger, Filmer, Aktivisten: Das Internet eröffnet spannende Möglichkeiten, wenn man sich darauf einlässt – und sich auskennt. Unser neues Stadtteilprojekt lädt ein, sich vor der eigenen Haustür zu engagieren. Der Anfang ist gemacht, jetzt heißt es: Freiwillige vor! 30 Großes Kino Der neue Film des Bremer Regisseurs Eike Besuden heißt „All Inclusive“. Neben der Komödie, in der auch Schauspieler mit Beeinträchtigung spielen, ist eine Dokumentation über die Dreharbeiten entstanden. Im Interview mit dem m erzählt Hauptdarsteller Kevin Alamsyah, wie es ist, wenn man plötzlich auf der großen Kinoleinwand zu sehen ist. News & Tipps 20 Neue Horizonte direkt vor der Tür: Projektstart „Begegnungen im Stadtteil“ 46 Wenig Geld und große Ideen: Hafenbar Golden City goes Griechenland Machen Sie mit! 26 Erst Mischung macht’s: Ein Praktikum im m|c 28 m|colleg: Fortbildungen 42 Rezept: Sommergetränke Immer im m 24 Kunstwerk! TOUCHDOWN 34 Inklusion weltweit: Das m schaut in die Schweiz 38 Zu Besuch bei: die durchblicker im Marie Weser 47 Zum Schluss: Bürgerbewegung „Pulse of Europe" 48 Autoren der Ausgabe 3

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Titelthema Text: Gabriele Becker, Benedikt Heche, Annica Müllenberg | Illustration: © Fotolia WIRTSCHAFTEN 70 Jahre Bremen: Komm inne Puschen! 70 Jahre Bremen – ein stolzes Alter. Das sind 7 Jahrzehnte voller Geschichte und Geschichten über Schifffahrt und Handel. Die Bremer Vergangenheit duftet nach Kaffee, Gewürzen und riecht nach harter Arbeit auf den Werften und an der Kajen-Kante. gerne hier, mehr als die Hälfte sogar sehr gerne. Und 55 Prozent wollen unbedingt, dass Bremen ein eigenständiges Bundesland bleibt. buten un binnen – wagen un winnen Bremens Gegenwart beschreibt der Karikaturist Til Mette in einem Cartoon so: „Klein, pleite und sympathisch“. Dennoch leben die Bremer gern im 2-Städte-Staat und gestalten ihn im Kleinen. Oft müssen sie mit wenig Geld auskommen und viel kreatives Potenzial aufbringen. Das m hat sich umgeschaut: in den Stadtteilen, an der Hafenkante und hinter der Fassade des historischen Rathauses. Gefunden haben wir starke Wirtschaftskraft und viel zu leere Kassen. Aber auch Visionäre, Hilfsbereite und Kreative. Und einen Bürgermeister, der positiv in die Zukunft blickt (siehe Interview Seite 14). Eines der ersten Geburtstagsgeschenke bekam Bremen von seiner Rundfunkanstalt, Radio Bremen. Im Januar 2017 veröffentlichte der Sender die Ergebnisse einer Umfrage. Das Thema: Wie zufrieden sind die Menschen in Bremen und Bremerhaven mit dem Leben im kleinsten Bundesland? 1.003 wahlberechtigte Personen ab 16 Jahren wurden zufällig ausgewählt und befragt. Das Ergebnis: 92 Prozent der Menschen leben Damit setzen sie auf eine Freiheit, für die Bremen in der Vergangenheit oft kämpfen musste: Im 19. Jahrhundert rettete Bürgermeister Johann Smidt die Stadt durch einen geschickten Schachzug vor der Bedeutungslosigkeit. Größere Schiffe konnten die Hansestadt nicht mehr anlaufen, weil die Weser zu sehr versandete. Smidt verhandelte geschickt und erwarb ein Stück Land an der Wesermündung – die Geburtsstunde Bremerhavens (1827). Heute ist Bremens „lütte Schwester“ die größte Stadt an der deutschen Nordseeküste, Europas viertgrößter Containerhafen und einer der weltweit bedeutendsten Häfen für den Autoumschlag. Im Fischereihafen ist die internationale Fisch- und Lebensmittelwirtschaft zuhause. Doch das Land Bremen hat als Wirtschaftsstandort noch mehr zu bieten. Seit dem Mittelalter sind unsere Kaufleute erfolgreich im internationalen Handel. Die Automobilindustrie findet inzwischen an der Weser so gute Bedingungen vor, dass sich demnächst mit Borgward noch ein zweiter Konzern hier ansiedeln wird. ¢ 4

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Quelle: www.radiobremen.de/mediathek Wie zufrieden sind in die Menschen in Bremen mit dem Leben im kleinsten Bundesland? 55 % wollen, dass Bremen ein eigenständiges Bundesland bleibt 80 % sind zufrieden mit dem kulturellen Angebot in Bremen Aber nur 30 % halten Kunst und Kultur für sehr wichtig Bremerhaven 92 % leben gerne in Bremen Für 80 % sind Bildung und ein guter Zustand der Schulen sehr wichtig Nur 34 % sind zufrieden mit dem Angebot auf dem Wohnungsmarkt, es fehlt bezahlbarer Wohnraum Aber nur 18 % sind zufrieden mit den Bremer Schulen Bremen Ein Video zur Umfrage finden Sie hier: www.martinsclub.de/m 5

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Titelthema 1 Text: Gabriele Becker, Benedikt Heche, Annica Müllenberg | Fotos: Frank Scheffka ARBEITEN „Wenn Menschen dauerhaft arbeitslos bleiben und aufgrund dessen seelisch krank werden, kostet das mehr als die Unterstützung für ein Projekt.“ Jobst von Schwarzkopf, Mitbegründer des Kaufhaus Hemelingen 6 ¢ Dat loopt sich torecht Aber nicht alle sind Gewinner der florierenden Wirtschaft. Bremen zählt 35.500 Arbeitslose. Für viele ist es nicht leicht, einen Job zu finden, der schließlich mehr ist als nur der Lohnzettel am Monatsende. Jobst von Schwarzkopf ist Mitarbeiter beim ASB (Arbeiter-Samariter-Bund). Sein Traum ist es, Menschen in Arbeit zu bringen. Ein sinnvoller Traum, der zur Geduldsprobe wurde. 10 Jahre ist es her, dass von Schwarzkopf gemeinsam mit Ralf Lüschen von ProJob und Andreas Kaireit von der Gröpelinger Recycling Börse der Gedanke kam: „Wir brauchen ein Kaufhaus, in dem es Waren für wenig Geld zu kaufen gibt. Und arbeiten sollen dort Menschen, die lange keinen Job hatten.“ Eine Idee, die im sozial-schwachen Hemelingen gut ankam. Hier gibt es viele Arbeitslose und Familien, die mit wenig auskommen müssen. Begeisterter Zuspruch kam von allen Seiten, nur Geld war nicht da. Nach Jahren der Überzeugungsarbeit, unzähligen Anträgen und Architektenentwürfen fand

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23 1 Eine Mitarbeiterin sortiert die neu eingetroffene Bekleidung | 2 Viele Jahre gab es Schrauben und Zubehör in dem Laden an der Hemelinger Bahnhofstraße. Seit März hat das Kaufhaus Hemelingen die Räume vorübergehend bezogen | 3 Möbel, Kleidung und Haushaltswaren aus zweiter Hand gibt es günstig dort zu kaufen man schließlich eine geeignete Immobilie an der Hemelinger Bahnhofstraße. Und seit März 2017 können im ehemaligen Eisen-Werner-Laden Möbel, Kleidung und Haushaltswaren aus zweiter Hand erworben werden. Hinter dem Tresen sind vor allem Langzeit­ arbeitslose beschäftigt. Sie verkaufen, servieren Getränke, bereiten Snacks zu, kommunizieren mit Kunden, kurz: Sie sammeln Selbstvertrauen und lernen, was dazu gehört, einen Betrieb zu führen. Hier haben sie eine Chance auf Ausbildung und erfahren, wie sich ein geregelter Arbeitstag anfühlt. „Bis Ende 2018 sollen bis zu 20 Menschen soweit qualifiziert sein, dass sie im Hotel, in der Gastronomie oder im Einzelhandel angestellt werden können.“ Geduld und Warten haben sich in Hemelingen ausgezahlt. „Es hat schon ungewöhnlich lange gedauert. Aber ohne einen langen Atem lassen sich Projekte, die auf den ersten Blick nicht dem Profit dienen, kaum umsetzen“, so von Schwarzkopf. Dabei machen gerade diese Ideen Bremen reich an Vielfalt und Charme. Der ASB-Mitarbeiter ist überzeugt, Einrichtungen wie das Kaufhaus Hemelingen helfen, Geld zu sparen und den sozialen Frieden zu bewahren. „Wenn Menschen dauerhaft arbeitslos bleiben und aufgrund dessen seelisch krank werden, kostet das mehr als die Unterstützung für ein Projekt.“ Deshalb wünscht er sich Großzügigkeit von der Bremer Politik, eine Befreiung vom Spardruck, mehr Gelassenheit und Toleranz. Bloß nich bange machen lassen Nicht ganz 10 Jahre hat Artur Ruder gebraucht, um seine Idee von sinnvoller Beschäftigung umzusetzen. Inzwischen hat er gelernt: In der Hansestadt braucht man Geduld! Ruder, der 2007 als Student nach Bremen kam, wollte nie in einer normalen Firma angestellt sein und von 9 bis17 Uhr am Schreibtisch sitzen. Sein Traum war es, mit Freunden etwas zu erschaffen, an einem Ort, an dem Kultur gelebt wird. Kann Arbeit Spaß machen? Und kann man dann davon leben? „Ja“, sagt Ruder, „das funktioniert im Kukoon“. Der Kollektivbetrieb am Buntentorsteinweg ist ein Experiment. Der Name steht für „Kulturkombinat offene Neustadt“. Der erste Eindruck: ein übergroßes Wohnzimmer, ¢ 7

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Titelthema Text: Gabriele Becker, Benedikt Heche, Annica Müllenberg | Fotos: Bert Schulze, Barbara Peper, Frank Scheffka NETZWERKEN Bert Schulze, Fotomarathon Bremen 2016 „In Bremen trägt jeder ein Netzwerk mit sich. Die Leute leben noch den Geist der 68er-Bewegung und sind sensibilisiert für das soziale Leben.“ Artur Ruder, Gründer des Kukoon 8 ¢ in dem die Gäste es sich auf Sesseln und Stüh- len gemütlich machen. Das Publikum ist bunt gemischt, der Umgang des Personals herzlich. Es wird umarmt und gelächelt. Wer hier etwas bestellt, hat die Möglichkeit, per „Huckepack“ dem nächsten Kunden ein Essen, ein Getränk oder eine Eintrittskarte zu spendieren. Neben gutem Kaffee wird reichlich Programm geboten: Kino, Konzerte und Kunst. Kultur darf dabei keine Frage des Einkommens sein. In nur zweieinhalb Jahren ist das Kukoon zu einem Kollektiv gewachsen, in dem 21 Beteiligte solidarisch wirtschaften und gemeinnützig handeln. Die Einnahmen aus Gastronomie und Kulturangebot werden ebenso wie Spenden zur Deckung aller Kosten gebraucht. „Das Konzept sieht vor, dass allen der Mindestlohn bezahlt wird und jeder so arbeitet, wie er kann und möchte. Wichtig ist, dass wir uns verstehen und Spaß haben“, sagt Artur Ruder. Der gebürtige Wolfsburger hält die Weserstadt für eine Kreativschmiede. „In Bremen trägt jeder ein Netzwerk mit sich. Die Leute leben noch den Geist der 68er-Bewegung und sind sensibilisiert für das soziale Leben. Das gefällt mir sehr gut.“

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Simon Joda Stößer setzt Knoten: Er hilft dabei, die Idee des Bürgernetzwerks zu verbreiten Ganz schön plietsch Netzwerke sind auch das Thema von Simon Joda Stößer. Dabei haben er und seine Mitstreiter gleich ganz Bremen in den Blick genommen. Die Initiative Bremen Freifunk setzt sich dafür ein, dass die Hansestädter in Kontakt kommen, sich vernetzen und weiterbilden. Das passiert heute zu einem großen Teil im Internet. Schnell mal nachschauen, wann der Zug fährt oder wie Werder gespielt hat – das Surfen im Internet gehört zum Alltag. Doch längst nicht alle Menschen profitieren von dem unsichtbaren Wissensnetz. Der Freifunk will das ändern. „Bremen ist mein Wohnzimmer und das möchte ich mir gestalten. Deshalb bin ich Freifunker“, sagt Stößer. Drei Router bei ihm zu Hause senden ein Signal durch Findorff. Diese Technik ermöglicht beispielsweise den Besuchern des Schlachthofs den freien Zugang ins Netz. Stößer und alle anderen Freiwilligen, die sich für den Bremen Freifunk engagieren, möchten, dass jeder einen kostenlosen Internetzugang hat. „Wir wünschen uns, dass die Bremer ihr eigenes Netz aufbauen, es selbst verwalten. Bisher gibt es 700 Geräte in Bremen, die circa 1.800 Menschen versorgen. Vor allem Cafés und auch Flüchtlingsunterkünfte nutzen das Bürgernetz.“ Gerade für Geflüchtete ist der freie Netzzugang wichtig, denn er ermöglicht ihnen den schnellen Kontakt zu der entfernt lebenden Familie. Um sich den Freifunkern anzuschließen, muss man im Besitz eines eigenen Internetzugangs sein. Indem man sich die Freifunk-Software auf seinen Router lädt (Anleitung auf www.bremen.freifunk.net) stellt man einen Teil seines Zugangs dem öffentlichen Netzwerk zur Verfügung. Zusätzliche Kosten entstehen dabei nicht. Die Freifunker sind immer auf der Suche nach Menschen, die ihre Idee weitertragen. „Zu tun gibt es viel. Mitmachen kann jeder. Wir sind keine Nerds, die im Keller sitzen!“ ¢ 9

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Titelthema Text: Gabriele Becker, Benedikt Heche, Annica Müllenberg | Fotos: Kathrin Tietze, Frank Scheffka LERNEN Kathrin Tietze, Fotomarathon Bremen 2016 Inklusionsanteile nach Bundesländern* Schleswig-Holstein: 63,4 % Bremen: 77,1 % Hamburg: 59,6 % Mecklenburg-Vorpommern: 37,9 % Niedersachsen: 31,4 % Berlin 57,4 % Brandenburg: 45,2 % Sachsen-Anhalt: 30,4 % Nordrhein-Westfalen: 33,4 % Saarland: 45,9 % Rheinland-Pfalz: 29,1 % Hessen: 23,1 % Thüringen: 33,3 % Sachsen: 30,4 % Baden-Württemberg: 29,1 % Bayern: 26,8 % Inklusion in der Schule Mit der Ratifizierung der UNBehindertenrechtskonvention am 26. März 2009 hat sich Deutschland verpflichtet, Inklusion auch in der Schule zu etablieren. Bildung ist Ländersache. Die sogenannten Inklusionsanteile geben an, wie fortschrittlich die jeweiligen Bundesländer beim Thema Inklusion in der Schule sind und wie viele Kinder mit Förderbedarf bereits in Regelschulen unterrichtet werden. Die Inklusionsanteile bieten Orientierung und Vergleichsmöglichkeiten. Sie liefern jedoch keine hundertprozentig sicheren Aussagen, auch weil von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich interpretiert wird, welche Kinder zu der Gruppe mit sonderpädagogischem Förderbedarf gehören und welche nicht. Quelle: www.aktion-mensch.de *Gemessen an der Gesamtzahl der Kinder mit Förderbedarf im jeweiligen Bundesland, Schuljahr 2014/2015. Berechnung auf Grundlage von „Kultusministerkonferenz: Sonderpädagogische Förderung in Schulen 2005 bis 2014, Berlin 2016“. 10

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„Der Frust aller Beteiligten ist verständlich. Jetzt müssen Lösungen her, denn eine Rückkehr zum alten System und damit zu Förderschulen ist indiskutabel!“ Thomas Bretschneider, Vorstand des Martinsclub ¢ Alle mittenmang „Zu tun gibt es viel“ – davon können vor allem die Bereiche Wohnungsbau und Bildung in Bremen ein Lied singen. Für fast 80 Prozent der Bremer steht die Bildung ganz oben auf der Liste der wichtigsten Dinge. Die Bremer Schulen bilden gleichzeitig den größten Kritikpunkt, denn nicht einmal jeder Fünfte ist mit ihnen zufrieden. Auch der aktuelle „Chancenspiegel“ der Bertelsmann Stiftung stellt den Schulen im kleinsten Bundesland kein gutes Zeugnis aus. Spitze sind wir hingegen beim Thema Inklusion. Mehr als drei Viertel aller Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf gehen in eine Regelschule. Der Bundesdurchschnitt liegt bei einem Drittel. Doch auch das Bremer Inklusions-Modell ist nicht frei von Kritik: Es gibt große Probleme, den Betreuungsschlüssel einzuhalten. Um inklusiven Schulunterricht, der alle Kinder individuell fördert und fordert, angemessen anbieten zu können, braucht es neben den Klassenlehrern auch spezielle Pädagogen und Assistenzkräfte. Alle leiden unter dem bestehenden Fachkräftemangel: Lehrer sind überfordert, leistungsstarke Schüler unterfordert. Kinder, die auf Assistenz angewiesen sind, haben häufiger Unterrichtsausfall. Bleiben sie zuhause, beeinträchtigt das in der Folge Eltern, die sich um eine entsprechende Notfallbetreuung kümmern müssen. „Der Frust aller Beteiligten ist verständlich“, sagt Thomas Bretschneider, Vorstand des Martinsclub, „jetzt müssen Lösungen her, denn eine Rückkehr zum alten System und damit zu Förderschulen ist indiskutabel!“ Denn: Inklusion ist ein Menschenrecht. Ein wesentlicher Faktor für ihr Gelingen ist Barrierefreiheit. Hier gilt das Prinzip „nicht der Mensch muss sich an die gegebenen Umstände anpassen, sondern die Umstände müssen sich an der Individualität der Menschen orientieren“. Das ist schwer umzusetzen und kostet Geld. Erste Abhilfe versprechen die von der Senatorin für Kinder und Bildung, Dr. Claudia Bogedan, für den Sommer 2017 angekündigten neuen Maßnahmen. Man ist sehr gespannt, wie das Defizit an Pädagogen ausgeglichen werden soll und welche Gelder dafür in Anspruch genommen werden können. Auch der Martinsclub hat sich hinsichtlich des Fachkräftemangels auf den Weg gemacht. Gemeinsam mit der Lilienthaler Fachschule für Heilerziehungspflege werden seit zwei Jahren Heilerziehungspfleger ausgebildet, die im Rahmen ihrer Praxisausbildung schon jetzt für etwas Entlastung in den Klassen sorgen. „Ab Sommer 2018, wenn der erste Ausbildungsgang seine dreijährige Lehrzeit absolviert hat, könnten somit jedes Jahr neue Fachkräfte in den Schulbetrieb integriert werden“, so Bretschneider. ¢ 11

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Titelthema Text: Gabriele Becker, Benedikt Heche, Annica Müllenberg | Fotos: Petra Hansen, Till Lienhoop, ©Fotolia WOHNEN Petra Hansen, Fotomarathon Bremen 2015 ¢ In Brem’ to Hus Auch beim Thema Wohnen zeigt die Radio Bremen-Umfrage die Schwächen der Hansestadt auf: Nur 34 Prozent der Befragten sind zufrieden mit dem Angebot auf dem Wohnungsmarkt. Bezahlbarer Wohnraum wird vor allem in den attraktiven, zentralen Stadtgebieten immer knapper. In der Konsequenz werden Geringverdienende ebenso wie Menschen mit Beeinträchtigung immer mehr an den Rand der Stadt gedrängt. Auch hier ist der Martinsclub sehr engagiert. Er setzt sich aktiv für bunt-gemischte Nachbarschaften und Wohnquartiere ein, die sich am Leitbild der Inklusion orientieren. Denn zu gleichberechtigter Teilhabe gehört selbstverständlich Nähe und einfacher Zugang zu allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Junge und Alte, Menschen mit- und ohne Beeinträchtigung, Einheimische und Zugezogene, Singles und Familien: Bunte Stadtteile sind lebendig und fördern gegenseitige Akzeptanz. „Wir arbeitet gezielt darauf hin, dass unsere Klienten im Leistungsbereich Wohnen Teil eines solchen Umfelds werden und dieses auch aktiv mitgestalten“, berichtet Thomas Bretschneider. So wurden 2016 mit der Gründung des Quartierszentrums in Huckelriede oder der Beteiligung am Mietgemeinschaft-Projekt „Bremer Punkt“ zwei Projekte erfolgreich abgeschlossen. Und mit der Gründung einer inklusiven WG in Schwachhausen steht auch schon das nächste in den Startlöchern. „Was wir brauchen sind Kooperationen mit Bremer Wohnbaugesellschaften, anderen sozialen Organisationen, dem bürgerlichen Engagement sowie die Offenheit der Behörden für innovative Wohnkonzepte“, erklärt der Vorstand des Martins­ club weiter, denn ohne gegenseitige Unterstützung und Partnerschaften sind derartige Vorhaben in Bremen nicht umzusetzen. Das 2012 in Bremen gegründete Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“ macht dem Senat Druck, mehr bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen und diesen nicht profitorientierten Investoren zu überlassen. Gefordert wird eine soziale Wohnungspolitik, damit jeder seinen Anspruch auf eine angemessene, menschenwürdige und bezahlbare Wohnung einlösen kann. 12

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Till Lienhoop, Fotomarathon Bremen 2015 ANPACKEN Infos zu den Wohnprojekten auf: www.martinsclub.de/m Inne Puschen kommen „Zu tun gibt es viel“, diesen Satz hört man oft von den Gestaltern und Machern in Bremen. I­dealisten und Kreative hätten es leichter, wenn die Stadt einen Grundbetrag für nachbarschaftliche Projekte zur Verfügung stellen würde. Wer eine Idee umsetzen möchte, muss „inne Puschen kommen“ wie man in Bremen sagt und sich selbst um Finanzierungsmodelle kümmern. Aber auch die öffentliche Hand ist gefragt. Eine starke Wirtschaft, Unternehmens-Ansiedlungen und finanzkräftige Investoren sind wichtig und spülen Geld in die notorisch leeren Kassen. Der dringend notwendige Schuldenabbau braucht klare Konzepte, die nicht nur auf dem Rücken der Kulturschaffenden, Unterstützungsbedürftigen sowie den sich freiwillig engagierenden Menschen finanziert werden dürfen. Gute Beispiele sind die Bereiche Bildung und Wohnen. Hier müssen wir gemeinsam zukunftsfähige Lösungen erarbeiten. Denn die Menschen wünschen sich ein freies Bremen, das nicht nur überlebensfähig, sondern auch lebenswert ist. Für alle! J 70 Jahre Freiheit! Am 21. Januar 1947 gab die amerikanische Militärregierung bekannt: Bremen wird mit Bremerhaven wiedervereint und die Bremer Selbstständigkeit wird wieder hergestellt. Sie war im Nationalsozialismus abgeschafft worden. Im Oktober 1947 stimmten die Bremer per Volksentscheid für eine neue Landesverfassung. Der Grundstein war gelegt, 1949 wurde Bremen zu einem Bundesland der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Als Symbol für die Freiheit steht bis heute der Roland – unsere „Freiheitsstatue“ – auf dem Marktplatz. 13

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