Neuerkeröder Blätter 105 - Frühjahr 2017

 

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Weil es gut tut. Wir gestalten unsere Zivilgesellschaft. In der Frühjahrsausgabe der Neuerkeröder Blätter blicken wir auf Menschen, die mitgestalten. Menschen, die sich einbringen und voller Leidenschaft in ihrer Freizeit für andere Gutes bewirken. Sie

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Weil es gut tut. Wir gestalten unsere Zivilgesellschaft.  NEUERKERÖDER  Blätter HEFT 105  |  JUNI 2017

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TERMINE 2017 09.Juni 15-18.00 Uhr Sommerfest des Familienentlastenden Dienstes im Landhaus Querum abwechslungsreicher Nachmittag mit Spielaktionen, TorwandSchießen, Hüpfburg, Live-Musik, einem bunten Buffet und Leo, dem Maskottchen von Eintracht Braunschweig 09.Juni 19.00 Uhr Abschlussfest Absolventen Fachschule HEP in der Eulenspiegelhalle in Schöppenstedt Schulfeier mit Würdigung der Stipendiaten 09.-11. Juni Gespannfahrertreffen in Neuerkerode Motorradfahrer aus ganz Deutschland kommen für gemeinsame Ausfahrten mit Bürgerinnen und Bürgern zusammen. 11. Juni 13-18.00 Uhr Sommerfest in Neuerkerode Sommerfestival mit Musik, Theater, Verkaufsständen, Spaß und Aktionen für Groß und Klein 16.-18. Juni ELT – Evangelisches Landesjugendtreffen in Neuerkerode Jugendliche aus der gesamten Braunschweigischen Landeskirche erleben gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern Andachten, Musik und Workshops. 17. Juni 14.30-19.00 Uhr Sommerfest Seniorenheim Theresienhof Schnacken bei Kaffee und Kuchen mit buntem Unterhaltungs- programm 09. August 9.30 Uhr Begrüßungsgottesdienst der neuen FachschülerInnen der Fachschule HEP Wir heißen unsere neuen HEP-Schüler in der Peter- und Paul-Kirche in Neuerkerode willkommen 19. August Rock an der Wabe in Neuerkerode Inklusives Rockfestival 19. August 10.30 Uhr Sommerfest Seniorenzentrum Bethanien Erleben Sie ein fröhliches Beisammensein mit Musik, Spaß und Unterhaltung. 09.-10.September Ententreffen in Neuerkerode Zum 18. Mal kommen Freunde des französischen Kultautos Citroën 2CV, der legendären „Ente“, zur Präsentation ihrer Wagen sowie zum Austausch bei Lagerfeuer und Live-Musik zusammen. 26. September Stiftungsempfang im Braunschweiger Dom St. Blasii Feierlicher Empfang der Evangelischen Stiftung Neuerkerode und der Ev.-luth. Diakonissenanstalt Marienstift 02. Oktober Begrüßungsgottesdienst der Gesundheits- und Krankenpflege 1 am Bildungszentrum Marienstift Wir heißen unsere Schüler in der Theodor-Fliedner-Kirche willkommen. GOTTESDIENSTE und Andachten finden regelmäßig in der Peter-und-Paul-Kirche in Neuerkerode und in der Theodor-Fliedner-Kirche im Marienstift statt. Alle Termine und Veranstaltungen finden Sie unter: www.neuerkerode.de | www.marienstift-braunschweig.de 2

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Weil es gut tut. Wir gestalten unsere Zivilgesellschaft. Editorial Direktor Rüdiger Becker 4 Eine Welt voller selbstbestimmt lebender Menschen Gastbeitrag des niedersächsischen Staatssekretärs Jörg Röhmann 6 Mehr als eine Geschmacksfrage Küchenchef Tim Zabel als Botschafter für vollwertige, gesunde Ernährung 8 Patient im Mittelpunkt 10 Reinhard Ebeling, Geschäftsführer des Krankenhauses Marienstift, im Interview Mit vollen Segeln 12 Seit mehr als 25 Jahren segelt Ingolf Behrens mit Menschen mit und ohne Handicap Präventionsarbeit an der Tischtennisplatte 13 Stefan Jagonak stärkt Kinder und Jugendliche Feuer und Flamme für den Dienst Für Feuerwehrmann André Kohaupt ging kein Weg an seinem Ehrenamt vorbei 14 Leben retten mit Schminke und Kunstblut Rolf Biedermann und sein Amt als Ausbilder bei der DLRG 15 Entdeckungsreise im Pfarrgarten 16 Marcel Fischer setzt sich in seiner Freizeit für bedrohte Tier- und Pflanzenarten ein Meine Zeit für Andere 17 Für Gisela Wustmann ist Ehrenamt selbstverständlich Träme, Weltreisen, Liebe 18 Inklusiver Gottesdienst im Braunschweiger Dom Für Senioren 20 Hannelore Strzala liegen Senioren besonders am Herzen Krankenpflege ist eine Berufung 21 Bundesfreiwilligendienst und Freiwilliges Soziales Jahr im Marienstift Gemeinschaft gibt Kraft 22 Heike von Knobelsdorff in der JohanniterSchwesternschaft Berührung zulassen 23 Ruth Hintz und Bruno Stange besuchen Senioren in Sickte und Neuerkerode Aus unserer Reihe: Neuerkerode schreibt Geschichte Eine Zeitreise in die Gründerjahre 24 Prisma 26 Spendenprojekt Ein Alterssimulationsanzug für die Fachschule Heilerziehungspflege Neuerkode 30 Ehrenamt in Neuerkerode Für diese Ausgabe haben wir uns auch auf die Suche nach Neuerkeröder Bürgerinnen und Bürgern begeben, die sich ehrenamtlich engagieren. Eine Suche, die schnell zum Erfolg führte. Denn in Neuerkerode gibt es etliche Menschen mit Handicap, die sich für ihre Mitmenschen und Umwelt einsetzen. „Und das mit Feuereifer“, sagt Horst Wassmann, Leiter des Freizeitbereiches der Wohnen und Betreuen GmbH und Koordinator im Bereich Ehrenamt. Ob in der Turnhalle, bei Festen und Veranstaltungen, in der Fahrradwerkstatt oder der Natur – die Neuerkeröderinnen und Neuerkeröder suchen sich das, was zu ihnen passt. Besonders gern erinnert Wassmann sich an das Zirkusprojekt „LaLuna“. „Da waren sofort mindestens 50 Bürgerinnen und Bürger zur Stelle, die beim Aufbau des Zeltes geholfen und mit vielen kleinen Handgriffen maßgeblich zum Gelingen eines großen Projektes beigetragen haben.“ Warum so viel Engagement? Das erfahren Sie auf den folgenden Seiten. 3

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Editorial Liebe Leserin, lieber Leser! am Donnerstag, den 25. Mai, zu Himmelfahrt, hat der Deutsche Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg richtig losgelegt. An diesem Tag haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und der ehemalige US-Präsident Barack Obama auf der Bühne am Brandenburger Tor in Berlin über das Thema „Engagierte Demokratie gestalten – Zuhause und in der Welt Verantwortung übernehmen“ diskutiert. Unser Heft, das Sie in den Händen halten, ist ein gutes Beispiel, wie wir engagierte Demokratie gestalten. Wir stellen Ihnen Mitarbeitende aus unserem Unternehmensverbund vor, die alle leidenschaftlich dabei sind, unsere Zivilgesellschaft mitzugestalten und sich auch außerhalb ihrer Arbeit für andere einsetzen. Aktuell sind wir alle immer wieder in Sorge über den Zustand unserer Gesellschaft, über den Rechtspopulismus, über die Fragen der Einwanderung und der Herausforderung gemeinsam festzulegen, was uns denn nun ausmacht. Wir stehen alle vor einer Bewährungsprobe: Welche Bedeutung hat Europa und die Demokratie, der Rechtsstaat und die Zivilgesellschaft, auch die Pressefreiheit für uns? Ich gehe sogar soweit mit meiner Behauptung, dass auch unsere funktionierende und erfolgreiche Marktwirtschaft sich nur entfalten kann, wenn sie von einer intakten Zivilgesellschaft getragen wird. Wenn Menschen für sich und andere eintreten, Potenziale ent- falten und ans Licht bringen, wenn sie sich fragen: Was kann ich tun? Dann funktioniert auch unsere Wirtschaft. Eine intakte Zivilgesellschaft schafft ein besseres Miteinander. Schauen Sie beispielsweise auf die Herausforderungen, die Sorgen und Ängste, die das Thema Flucht in den vergangenen Jahren mit sich gebracht hat. Und dann schauen Sie auf die beeindruckenden Antworten, die unsere Zivilgesellschaft darauf hatte und immer wieder hat. So viele Projekte, Privatinitiativen und positive Beispiele. Mit Blick auf die vielen Menschen, die sich an dieser Stelle engagieren, werde ich immer wieder aufs Neue Fan unseres Landes und dieser Region. Ebenso mit Blick auf diejenigen, die bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv sind, die sich als ehrenamtliche Rettungssanitäter, für Senioren oder Kinder einsetzen oder sich in der Natur für den Erhalt unserer Lebensräume einbringen. Was wäre unser Staat und unsere Gesellschaft ohne diese Menschen? Und es zeichnet uns aus, dass sich auch in unserer Unternehmensgruppe so viele Männer und Frauen finden, die sich ehrenamtlich für ein besseres Miteinander in dieser Region einbringen. Freiwillige Arbeit, ehrenamtliches Engagement verdient unsere Anerkennung. Auszeichnungen wie der LuiseLöbbecke-Ring, den wir gemeinsam mit dem Bankhaus Löbbecke und dem Braunschweiger Dom vergeben, oder auch der Gemeinsam-Preis der Braunschweiger Zeitung 4

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EHRENAMTLICHE UND TEILNEHMER gemeinsam beim Firmenlauf „Inklusion bewegt“ in Neuerkerode werfen regelmäßig Schlaglichter auf Einzelne und zeigen, wie vielfältig Ehrenamt in unserem Land ist. Darüber hinaus gibt es viele, die zwar weniger prominent in der Öffentlichkeit stehen, dafür aber leise und emsig ihren Beitrag leisten und deshalb ebenfalls unseren Beifall verdienen! In unserer Demokratie geht es immer um Menschen und darum, andere nicht allein zu lassen. Es geht darum, sich gemeinsam um bessere Lebensbedingungen zu kümmern. Das kostet Kraft, ist aber unersetzlich für eine lebendige Zivilgesellschaft. In der Bibel spricht der Prophet Jeremia: „Geht hin und suchet der Stadt Bestes“ (Jeremia 29,7). Er ruft die Menschen auf, sich auch im Exil einzurichten, trotz Verbannung Häuser zu bauen, die Umwelt aktiv zu gestalten, zu leben, sich aufeinander einzulassen, zu lieben, sich umeinander zu kümmern und Vorsorge zu treffen. Diesem Weckruf Jeremia´s schließe ich mich gerne an: Lassen Sie uns gemeinsam das Beste suchen, für unsere Städte, unsere Dörfer und Gemeinden, auf dass diese Region weiterhin ein lebenswerter, freundlicher und von Gott beschützter Ort bleibt. Bleiben Sie behütet. Ihr Foto: Jörn Schewski 5

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Eine Welt voller selbstbestimmt lebender Menschen Ein Gastbeitrag des niedersächsischen Staatssekretärs Jörg Röhmann Verständnis füreinander fängt schon bei der Kommunikation an: Begriffe, Bezeichnungen und Definitionen geben uns Sicherheit, bauen aber auch Grenzen im Kopf auf. Oftmals gehen wir davon aus, dass Sprache ganz einfach ist: Denn ich weiß ja, was ich sage, und ich glaube, dass mein Gegenüber auch versteht, was ich damit meine. Indem wir Dingen einen Namen geben, fällt es leichter, uns miteinander zu verständigen. Indem wir Phänomene definieren, versuchen wir, sie greifbarer zu machen und aus langen Beschreibungen kurze Namen zu machen. Doch dabei verkürzen wir auch. Wie können wir uns sicher sein, dass der andere exakt das Gleiche unter einem Begriff versteht wie wir? Und wer ist eigentlich wir? Sie und ich? Alle, die das hier lesen? Wer gehört dazu? Und wer nicht? Und ganz plötzlich sind dann die Grenzen da: zwischen „wir“ und „die“. Bezeichnungen, Eingruppierungen, Schubladen, Vorurteile – damit sind wir oft sehr schnell. Einige fühlen sich zugehörig, andere werden ausgeschlossen. Das geht oft automatisch, unbeabsichtigt. Aber auch folgenschwer. Ich kann nur von mir ausgehen. Woher weiß ich, was der andere erlebt hat und was er deshalb mit welchem Wort verbindet? Was ist für Sie zum Beispiel „Inklusion“? Was sind für Sie Menschen mit Behinderungen, was sind Menschen ohne Behinderung? Für mich ist klar: Als behinderter Mensch wird man nicht geboren, behindert wird man durch die Gesellschaft. Und wenn wir kurz nachdenken, werden wir feststellen: Wir alle sind irgendwo irgendwie behindert. Es gibt keinen „Muster-Menschen“ – jede und jeder ist anders. Das ist großartig, aber man muss sich immer wieder neu die Mühe machen, die anderen zu verstehen. Und das hört nie auf, solange es Menschen gibt. Deswegen hört Inklusion auch nie auf. Denn Inklusion bedeutet für mich nichts anderes als die ständige Beschäftigung mit unseren Mitmenschen und seinen Bedürfnissen, Stärken und Schwächen. Das macht Mühe. Schubladen sind leicht aufgezogen. Lohnt sich das also? Ich sage ja, denn jede und jeder hat etwas davon, wenn sich alle unvoreingenommen begegnen, oder es zumindest versuchen. Nur, wenn wir offen und bereit sind, den anderen als eigene Persönlichkeit zu betrachten und ihm auch zuzuhören, haben wir das Recht, genauso behandelt zu werden. Dann wird es nämlich eine Frage der Gerechtigkeit. Die Evangelische Stiftung Neuerkerode, die im kommenden Jahr ihr 150-jähriges Bestehen begehen – und feiern – wird, belegt mit ihrer vielfältigen Arbeit in der Behindertenhilfe, der Seniorenhilfe, der Suchthilfe, den Ambulanten Hilfen, ihrem Gesundheitswesen und ihren Qualifizierungs- und Beschäftigungsangeboten, dass Inklusion ein Weg ist, der immer weiter gedacht werden muss. Denn alle Menschen müssen eine Chance haben, ein ganz eigenes Leben leben zu dürfen und eigene Bedürfnisse äußern und einfordern zu dürfen. Dieses Grundrecht steht uns allen zu. Dann, und nur dann, hat jede und jeder die gleiche Chance auf Teilhabe, also darauf, ein respektierter Teil der Gesellschaft zu sein. Und das heißt für mich auch: Das aktive und passive Wahlrecht bei der nächsten Kommunalwahl ist zwingend. Es sollte auch nichts Besonderes sein, inklusiv zu denken und zu handeln. Es soll für alle normal sein, sich in seiner eigenen Vielfalt auszuleben, verändern, auszuprobieren und entwickeln zu dürfen. Es soll normal sein, verschieden zu sein. Und zwar von Anfang an. Für Menschen mit einer Behinderung bedeutet Inklusion gesellschaftliche Teilhabe. Ihr Anspruch an Politiker, an die Landesregierung ist es, dass dieser Anspruch auch politisch umgesetzt werde. Wir haben gelernt, Beeinträchtigungen zu erkennen. Das ist fatal. Dadurch ist uns der Blick für die Begabungen und Talente von Menschen versperrt. Wir müssen weg vom Fürsorge-Gedanken hin zum Stärkungs-Gedanken. Es sollte bei Inklusion darum gehen, jemandem ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Mir fällt dabei immer die junge Frau ein, die Behördenbriefe gerne selber beantworten würde, obgleich sie genau weiß, dass ihre Betreuerin das „professionell“ kann. Deshalb muss diese Unterstützung immer wieder hinterfragt werden. Hat sich der andere viel- 6

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Es sollte auch nichts Besonderes sein, inklusiv zu denken und zu handeln. Es sollte für alle normal sein, sich in Vielfalt auszuleben, zu verändern, auszuprobieren und entwickeln zu dürfen. Es sollte normal sein, verschieden zu sein. leicht weiterentwickelt? Braucht sie oder er vielleicht gar nicht mehr so viel Hilfe? Nur dann haben alle die Chance, sich zu entfalten. Wir sollten uns einander von der Kindheit bis ins Alter in dem stärken, was wir uns selbst zutrauen. Wir alle müssen die Chance bekommen, unsere Fähigkeiten ständig besser auszuprobieren. Nur so können wir Selbstvertrauen entwickeln, und uns Respekt verschaffen. Nur so werden wir mutiger und können dann auch andere wieder besser unterstützen. Gute Beispiele sehe ich dafür auch in Neuerkerode: Menschen mit Behinderung, die in der dortigen Kunstwerkstatt kreativ arbeiten und mit vielen Ausstellungen ihr Selbstbewusstsein stärken, das Theaterensemble der Stiftung, das auf Bühnen Braunschweigs steht, und die Band „The Mix“, die sich durch Deutschland, Europa und die Welt rockt, bereichern die Gesellschaft mit ihren Gestaltungsräumen. Hand auf‘s Herz: Loslassen tut auch weh. Denn es heißt selbstverständlich auch, dass wir stolpern und uns verletzen können. Aber das Ziel darf nicht in erster Linie sein, dem anderen alle Steine aus dem Weg zu räumen. Der beste Schutz ist einer, der Freiheiten lässt. Das ist ein sehr schmaler Grat, den vor allem Berufstätige im sozialen Bereich sehr gut kennen. Sie arbeiten dafür, dass es den ihnen anvertrauten Menschen gut geht. Manchmal braucht es das Rundum-Sorglos-Paket. Was ist, wenn diese Menschen das Rundum-Sorglos-Paket gar nicht wünschen? Geben wir ihnen die nötige Freiheit, sich selbst auszuprobieren? Aufgabe der Politik ist es, diese engagierten Menschen darin zu unterstützen. Aufgabe von Politik ist es auch, alle Akteure in der Gesellschaft – Medien, Wirtschaft, Bildungseinrichtungen – auf ihre Verantwortung aufmerksam zu machen, sie für den Traum von einer Welt voller selbstbestimmt lebender Menschen zu begeistern und ihnen bei der Verwirklichung zu helfen. Wenn ich von dieser Welt träume, sehe ich Werkstätten, in denen Menschen ihre Begabungen einbringen und später auf dem Arbeitsmarkt weiterentwickeln können. Ich lese Zeitungen, deren Redakteure es nicht mehr für notwendig JÖRG RÖHMANN ist seit dem 19. Februar 2013 Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung. halten, zwischen einem Arbeitsunfall in einer Werkstatt oder auf einer Baustelle zu unterscheiden. Ich kenne nur noch Unternehmen, die Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen, indem sie zum Beispiel bei Personalentscheidungen keinen Unterschied mehr machen. Ich sehe eine Welt mit wesentlich weniger Förderschulen, wo die meisten gemeinsam unterrichtet werden und die individuelle Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Wie können wir alle gemeinsam eine solche Welt aufbauen? Nur, wenn wir alle mitmachen und dabei bleiben. Inklusion ist deswegen auch kein Projekt, es ist eine Daueraufgabe. Und – Inklusion, wenn sie so verstanden wird, kostet auch Geld. Neuerkeröder haben in ihren politischen Demonstrationen immer wieder erklärt, dass Inklusion nicht als Instrument zur Kostensenkung verstanden werden soll. Und jede und jeder kann mithelfen, indem wir einen Schritt nach dem anderen machen. Es ist ein langer Weg. Wir alle werden auch Rückschläge erleiden. Wir werden es nur schaffen, wenn wir mutig sind, noch mutiger als wir es heute schon sind. Aber es wird uns gelingen, irgendwann, da bin ich sehr zuversichtlich. 7

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Fotos: Christian Bierwagen 8

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Mehr als eine Geschmacksfrage Küchenchef Tim Zabel ist als Botschafter für vollwertige, gesunde Ernährung im ständigen Einsatz in Schulen und Kindergärten. Es begann mit einer einfachen Frage: Als Tim Zabels Kinder aus dem Kindergarten kamen und nicht beantworten konnten, was sie gerade zu Mittag gegessen hatten, fühlte sich der gelernte Koch und Leiter des Bereichs Schulverpflegung in der Neuerkeröder Mehrwerk gGmbH verpflichtet, etwas zu tun. „Ich hatte das Gefühl, dass sie die Lust am Essen verloren hatten und es keinen wirklichen Stellenwert mehr für sie hatte, obwohl Essen ein Hauptbestandteil unseres Lebens ist", erklärt Zabel. Für den 43-Jährigen geht es beim Essen aber um weit mehr als die bloße Nahrungsaufnahme. Er will ein Bewusstsein für Lebensmittel schaffen, über ihre Herkunft sprechen, ihre Zubereitung erklären und den besonderen Wert einer frischen und natürlichen Mahlzeit vermitteln. Dem Kindergarten habe er daraufhin angeboten, einen Kochkurs zu machen. Zusammen mit den Kindern wurde gekocht und über Kartoffel, Möhre und Co. gesprochen. „Die Kinder setzen sich seitdem weit mehr mit der Nahrung auseinander, und sie haben einen eigenen Geschmack, eine eigene Meinung entwickelt.“ Kindergartenkinder in puncto gesundes, nachhaltiges Essen zu sensibilisieren, mag vielleicht etwas pädagogisch wirken, doch Zabel wendet ein: „Bildung fängt mit Ernährung an, und je früher wir den Kindern Grundlagen und Wissen vermitteln, desto umsichtiger setzen sie sich später mit Lebensmitteln und Nahrung auseinander." Bestätigung erhält Zabel auch durch den aktuellen Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, nach dem die Hälfte der unter 30-Jährigen vermehrt zur Tiefkühlpizza greifen. Den Trend erlebt Zabel fast täglich, zum Teil in den bereits betreuten Schulküchen, vermehrt in den von ihm frisch übernommenen. Da gebe es die Pizza-, Pommes- und Döner-Fraktion, die nur schwer anderes akzeptiere, weil sie kaum gesunde sowie voll- und hochwertige Alternativen kenne. „Ich finde das fatal, dass Pommes Frites bekannt sind, aber eine Salzkartoffel nicht“, findet Zabel. Auf keinen Fall will der 43-Jährige als Kreuzritter gegen die Fast-Food-Fraktion auftreten. „Die Mischung macht es einfach, wobei es ja vollkommen in Ordnung ist, auch mal einen leckeren Burger zu essen.“ Um das zu vermitteln, investiert Zabel viel Zeit, beruflich ohnehin, aber auch privat. Dafür arbeitet er eng mit der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zusammen. In den Schulen veranstalten sie Workshops, in denen Schülerinnen und Schüler vollwertige Mahlzeiten zubereiten und gemeinsam darüber sprechen, warum die Lebensmittel so gesund sind. Zabel geht immer wieder in die Klassen, steht in ständigem Austausch mit Schülern, Lehrern und Eltern. „Ich genieße es sehr, dass nach einem halben Jahr ein Umdenken bei den Kindern stattfindet und sie statt Pommes und Döner auch von sich aus mal eine Gemüsepfanne verlangen.“ | Von Thomas Pöllmann TIM ZABEL wirbt zudem für das inklusive Gastronomiekonzept „Gewissenhaft genießen“, das er mit mehreren Kolleginnen und Kollegen vor einigen Jahren in der Evangelischen Stiftung Neuerkerode entwickelt hat. Es setzt auf landwirtschaftliche, ernährungsphysiologische sowie soziale Komponenten. Das Ziel ist, die Zusammenarbeit mit Bio-Höfen in der Region und deren nachhaltigen, ökologischen Anbau zu fördern, vollwertige und gesunde Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen und Menschen mit und ohne Behinderung in der Küche zu beschäftigen. So bekommt Essen einen noch größeren Stellenwert. In der Region jedenfalls hat Zabel den Geschmack der Leute getroffen: Der Bereich Schulverpflegung der Mehrwerk gGmbH serviert in vielen Schulen und KiTas mehr als 3.000 frische Portionen täglich. 9

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Patient im Mittelpunkt Reinhard Ebeling, Geschäftsführer des Krankenhauses Marienstift, im Interview über Straßendemos in den 1960er Jahren, die wirtschaftliche Entwicklung des Krankenhauses Marienstift und darüber, was das Haus so besonders macht. > Sie sind seit 50 Jahren politisch aktiv. In den späten 1960er Jahren gingen Sie als junger Inspektorenanwärter auf die Straßen Braunschweigs und haben demonstriert. Wie kam es dazu? Man muss das im zeitlichen Kontext sehen. Die braune Vergangenheit zog sich damals noch durch alle Institutionen. Als Schüler und später als Auszubildender war das für mich ein Ansatzpunkt für politisches Engagement. Ich wollte notfalls selbst durch Institutionen gehen, um das zu verändern. Deshalb bin ich in der Gewerkschaft aktiv geworden. Ich war Vorsitzender der ÖTV-Jugend in Braunschweig und im Bezirk. Wir waren in den späten 1960ern eigentlich ständig auf der Straße – ob es um die Notstandsgesetzgebung ging oder um Fahrpreiserhöhungen. Bei einer Demonstration gegen einen Auftritt des damaligen NPD-Vorsitzenden Adolf von Thadden hat mich die Polizei genau in dem Moment fotografiert, als ich ein Ei geschmissen habe. Da kam man hinterher auf mich zu und sagte, dass ich ein bisschen vorsichtiger sein sollte, weil sich das nicht mit den Grundsätzen des Berufsbeamtentums vertragen würde. > Wurden Sie vorsichtiger? Nein. (lacht) Es war mir einfach wichtig, solche Zeichen zu setzen. Ich habe politisches Engagement immer so verstanden, dass der Mensch im Mittelpunkt des politischen Handelns steht. Sozialdemokrat bin ich geworden, weil wir damals für eine gerechtere Welt angetreten sind. Verschiedene Parteien haben da verschiedene Ansätze. Die einen wollen die sozial oder wirtschaftlich Schwachen besser stellen. Andere ermöglichen Steuererleichterungen für Großunternehmen und Firmen, mit dem Argument der Arbeitsbeschaffung. So eine Politik führt meiner Meinung nach dazu, dass bestimmte Leute immer mehr haben, ein Großteil aber immer weniger. > Wie wichtig ist politisches Engagement heutzutage? Ich gehe davon aus, dass das wieder mehr gefragt sein wird. Mit Blick auf das, was in den USA im Zuge der Präsidentenwahl passiert ist, was sich in Polen oder auch in Ungarn abzeichnet, habe ich den Eindruck, dass sich im Moment alle in einer Schockstarre befinden. Diese trump‘sche Schiene, das eigene Land ganz vorne anzustellen und alles um sich herum zu verteufeln – das ist eigentlich das Gegenteil von dem, was wir in den 1970ern, 80ern und 90ern als Sozialdemokraten aufgebaut haben. In Deutschland nehme ich derzeit eine starke Konzentration auf die Innenpolitik war, was sicherlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass die Bundestagswahlen anstehen. > Welche politischen Fragen drängen mit Blick auf den Bereich medizinische Versorgung? Wir brauchen eine ausreichende Krankenhausfinanzierung, die langfristig gesichert wird. Geschieht das über Umlagen bei den Krankenkassen, werden möglicherweise die Beiträge für Mitglieder erhöht. Da wird den kleinen REINHARD EBELING, Jahrgang 1949, ist seit November 2015 Geschäftsführer des Krankenhauses Marienstift. Er verfügt über langjährige Leitungserfahrung in verschiedenen Krankenhäusern der Region. In Zusammenarbeit mit dem Vorstand setzt er die strategische Ausrichtung um und begleitet die geplanten Investitionen: OP- und Intensivbereich werden neu gebaut, das Krankenhaus bekommt einen neuen Hauptzugang, an den sich ein Funktionsbereich anschließt, Gynäkologie und Geburtshilfe sollen baulich aufgestockt werden und einen neuen Kreißsaalbereich erhalten. Ebeling ist bis heute politisch engagiert, allerdings nicht mehr aktiv. Früher war er Vorsitzender des SPD-Ortsvereins im Braunschweiger Stadtteil Broitzem und Vorstandsmitglied im SPD-Unterbezirk Braunschweig. Danach wirkte er rund 15 Jahre in verschiedenen politischen Ämtern im Südharz. Er ist Vater dreier Kinder. 10

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Leuten in die Tasche gegriffen. Anders wäre das, wenn man Krankenhaus- und Patientenversorgung im weitesten Sinne als eine Daseinsfürsorge versteht, die der Staat verantworten sollte. Die niedersächsische Landesregierung hat ein Finanzierungsprogramm aufgelegt, von dem auch das Krankenhaus Marienstift profitiert. Gleichwohl bleibt ein hoher Millionenbetrag an Investitionen offen – und das nur in den Krankenhäusern in Niedersachsen. Bei der ganz normalen Finanzierung der Krankenhausaufenthalte werden wir gedeckelt durch die Budgetierung. Wir werden für Mehrleistungen wie persönliche Zuwendung durch Pflegekräfte bestraft. Das darf nicht sein. Es darf nicht ausschließlich die High-Tech-Medizin finanziert werden; auch persönliche Dienstleistungen, die am Patienten erbracht werden, müssen besser vergütet werden. > Im Krankenhaus Marienstift wird gerade an der persönlichen Zuwendung nicht gespart. Wie gelingt der Spagat? Ich habe vor etwa 18 Monaten die Geschäftsführung übernommen. Der Spagat ist jetzt gelungen. Wir werden in diesem Jahr voraussichtlich schwarze Zahlen schreiben. Wir haben im vergangenen Jahr enorme Anstrengungen gemacht und Investitionen in Höhe von mehr als 600.000 Euro aus eigenen Mitteln erbracht. Wir haben einen Personalmix vollzogen, das heißt, frei gewordene Stellen aus der Pflege beispielsweise in StationsassistenzStellen umgewandelt, um den administrativen Aufwand, den es bei den Pflegenden gibt, besser bewältigen zu können. Das ist uns ganz gut gelungen. Wir könnten den Personaleinsatz noch optimaler hinbekommen durch größere Stationen. Da sind wir derzeit durch unsere kleinteiligen Stationen noch benachteiligt. Im Zuge der Baumaßnahmen sind aber auch in diesem Bereich Veränderungen geplant. > Bemerken Sie auch bei Ihren Mitarbeitenden Veränderungen? Die persönliche Zufriedenheit ist natürlich besonders wichtig. Die Angst um den Arbeitsplatz war in der Vergangenheit groß. Die neueste Umfrage aus der GB Psych zeigt, dass die Mehrheit der Mitarbeitenden inzwischen keine Angst mehr vor Arbeitsplatzverlust hat. Vorher war das ein Anteil von 90 Prozent mit entsprechenden Befürchtungen. Dieser Wandel freut uns natürlich sehr, weil wir als Klinikleitung viel dafür getan haben. Gemeinsam mit dem Vorstand gehe ich regelmäßig in die Personalversammlungen, um unser Handeln transparent zu machen, mit offenen Karten zu spielen. Wir wollen aufzeigen: wie ist die Situation unseres Hauses, wie können wir sie verbessern, und was haben wir vor. Mit den umfänglichen Baumaßnahmen, die ja noch in diesem Jahr beginnen und sich über drei Jahre erstrecken werden, setzen wir nun ein weiteres Zeichen, ein Signal an die Mitarbeitenden, dass es weitergeht. > Sie haben Ihren Ruhestand unterbrochen, um im Krankenhaus Marienstift die Geschäftsführung zu übernehmen. Wie empfinden Sie die Arbeit in unserem christlich geprägten Haus? Mich hat zuerst die Aufgabe gereizt, ein traditionelles christliches Braunschweiger Krankenhaus, welches ein Nischendasein führte und kurz vor dem Abgrund stand, wieder auf Kurs zu bringen. Dann habe ich mit den Mitarbeitenden auf praktisch allen Beschäftigtenstufen vom Hofarbeiter bis zum Chefarzt einen permanenten Dialog geführt und das Prinzip der „Offenen Tür“ zu meinem Büro eingeführt. Jeder konnte direkt mit mir in Kontakt treten. Diese Maßnahmen haben zu einer Offenheit geführt, die bis dahin im Haus nicht gelebt wurde. Aber – und das ist genauso wichtig – es wurden auch die Dinge klar angesprochen, die das Haus in die Schieflage gebracht haben. Gemeinsam haben wir jetzt einen Zustand erreicht, der uns zu sagen erlaubt: die Arbeitsplätze sind gesichert, die Versorgungssicherheit und Geborgenheit der Patienten ist gegeben und das Marienstift wird in der Öffentlichkeit sehr positiv wahrgenommen. Alle Faktoren sind wichtig, damit auch in der Zukunft im einzigen Krankenhaus Braunschweigs mit christlicher Prägung der diakonische Gedanke und die Tradition weiterleben können. > Was möchten Sie den Mitarbeitenden mit auf den Weg geben? Stellen Sie weiter den Patienten in den Mittelpunkt Ihres Handelns. Davon lebt das Marienstift in der Öffentlichkeit und dies ist keine leere Hülle. Kommunizieren Sie nicht nur mit den Patienten, sondern auch mit Ihren Kolleginnen und Kollegen und der Geschäftsführung. Nur über diese Kommunikationsschienen können Schwachpunkte sichtbar und abgestellt werden. Machen Sie Verbesserungsvorschläge – Sie sind die Insider, die den „Betrieb“ am besten kennen. Die Geschäftsführung dankt es Ihnen. Auf diesem Weg möchte ich mich bei allen bedanken, die mit mir den Weg zur Konsolidierung des Marienstifts gegangen sind. Bei den wenigen, denen ich vielleicht wehgetan habe oder wehtun musste, entschuldige ich mich in aller Form. | Das Interview führte Petra Neu 11

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Mit vollen Segeln Seit mehr als 25 Jahren geht Ingolf Behrens mit Menschen mit und ohne Behinderung aufs Wasser. Braunschweig, Südsee: Die Sonne scheint, das Wasser glitzert, ein leichter Wind weht – beste Bedingungen zum Segeln. Ingolf Behrens sitzt in seinem Boot und prüft die Ausrüstung. Er will gleich noch auslaufen, eine Runde drehen. Jetzt, wo die Saison bevorsteht, wird er wieder jede Menge Zeit am See verbringen, allein, mit Schülern oder mit Neuerkeröder Bürgern. „Das ist mein Hobby und eine Sache, für die ich mir neben dem Beruf entsprechend Zeit nehme“, erklärt Behrens. Dabei hatte er lange Zeit mit Segeln oder Wassersport gar nichts zu tun. „Ich bin zufällig zum Segeln gekommen. Ein Bereichsleiter in Neuerkerode hatte 1986 ein Segelboot angeschafft und im Kollegium gefragt, wer Interesse hätte, einen Segelschein zu machen, und ich habe mich dann gemeldet.“ Wichtig sei von Anfang an gewesen, dass von diesem Engagement besonders die Bürgerinnen und Bürger aus Neuerkerode profitieren. Seitdem fährt Behrens zehn Mal im Jahr mit Bürgern zum Braunschweiger Südsee, einmal im Jahr geht es mit ihnen auf Segelfreizeit an die Müritz. Dann gibt es Sicherheitsunterweisungen, Schwimmwestenchecks, Erläuterungen zu den wichtigsten Funktionen des Bootes und den Aufgaben an und unter Deck und jede Menge Praktisches – vom Festmachen am Steg über das Knoten der Taue bis hin zum Setzen der Segel. Behrens weiß, was wichtig ist: Seit 1990 bildet er Segler aus, unter anderem im Segelclub „Braunschweiger Segelfreunde“, bei dem er im Vorstand ist. Aus der losen Anfrage eines Kollegen vor 30 Jahren ist sehr schnell eine private Leidenschaft geworden. Das Segeln hat ihn gepackt, wie eine steife Brise Wind. Und diesen Enthusiasmus legt Behrens auch an Land an den Tag – zum Beispiel bei der Errichtung eines neuen Stegs. „Wir haben den Steg wochenlang in Evessen vorbereitet und sind dann mit den Einzelteilen an den Südsee, um ihn dort zusammenzubauen“, berichtet er. All diese Einsätze und freiwilligen Arbeitsstunden zahlen sich nicht zuletzt aus, wenn es auf dem Boot zu ergreifenden Momenten kommt: „Ein Bürger, der kaum auf Ansprache reagiert, ist neulich mit aufs Boot kommen. Als wir dann mit dem Boot ausgelaufen sind, hat er vor Freude angefangen zu singen.“ | Von Thomas Pöllmann 12 Foto: Klaus G. Kohn

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Präventionsarbeit an der Tischtennisplatte Beruflich informiert Stefan Jagonak an Schulen über Suchtfragen. Privat stärkt er Kinder und Jugendliche. Manchmal ist es fast gespenstisch still im Mannschaftsbus. „Die Kids starren während der Fahrt zum Spiel auf ihre Handys“, sagt Stefan Jagonak, Sozialpädagoge von der Fachambulanz Northeim der Lukas-Werk Gesundheitsdienste. Die Kids – das sind Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 16 Jahren, die er in seiner Freizeit beim TTC Kuventhal-Andershausen, einem kleinen Tischtennisverein bei Einbeck, trainiert und betreut. Doch manchmal führt der Smartphone-Konsum zu mehr als irritierender Ruhe. Dann und wann nehme der Tonfall in einer Whatsapp-Gruppe „problematische Ausmaße an“, erzählt Jagonak. „Es kommt dann vor, dass ich eine Trainingseinheit durch einen Medien-Workshop in der Sporthalle ersetze.“ An dieser Stelle verbinden sich Jagonaks Ehrenamt und sein Beruf, in dem der 42-Jährige als Präventionskraft für Suchtfragen Schulklassen im gesamten Landkreis Northeim besucht. Seine Aufgabe ist es, Jugendliche über Themen wie Alkohol, Cannabis und Cyber-Mobbing aufzuklären. Er betreut viele Projekte, Formate und Angebote, zum Teil in enger Zusammenarbeit mit der Polizei, die stark nachgefragt und sehr gut angenommen werden. Im vergangenen Jahr führten Jagonak und seine Kollegin Stefanie Seydewitz insgesamt 79 Mal das Alkoholpräventionsprojekt „HALT – Hart am Limit“ durch. „Daneben wird die Vermittlung von Internetkompetenz immer wichtiger. Viele Jugendliche verschicken noch immer völlig unbedarft Daten und Bilder im Internet oder machen sich kaum Gedanken über Kommentare, die sie posten.“ Thomas Brehmer Wenn in und um Neuerkerode etwas los ist, dann ist Thomas Brehmer nicht weit. Der 41-Jährige, dessen Markenzeichen ausgefallene Frisuren und Haarfarben sind, mag den Trubel. Und er mag es, sich von der guten Atmosphäre anstecken zu lassen. Damit die Veranstaltungen auch statt- finden können, trägt er viel zum Gelingen bei: Er hilft als Bühnenbauer bei Rock an der Wabe, legt als DJ Thomas für seine Mitbürger Musik in der Dorfdisko auf, unterstützt als Radengel den Karnevalszug in Braunschweig oder kontrolliert als Streckenposten den Inklusionslauf. Foto: Christian Bierwagen Er wolle Menschen erreichen und Perspektiven aufzeigen, begründet Jagonak – privat großer Heavy Metall-Fan und Hundefreund – sein Engagement in Beruf und Freizeit. Beim Tischtennis, wo er nicht nur als Trainer, sondern auch im Vorstand aktiv ist, führt dieser Antrieb dazu, dass er über den Sport hinaus Ansprechpartner für manche der Kinder und Jugendlichen ist. Er werde beispielsweise beim Thema Berufswahl um Rat gefragt. „Ein Junge wollte zudem vor Kurzem von mir wissen, wie Mädchen am liebsten umarmt werden.“ So viel Vertrauen – Stefan Jagonak macht offenbar vieles richtig. | Von Petra Neu „ICH HELFE ALS RADENGEL BEIM KARNEVALSUMZUG IN BRAUNSCHWEIG MIT. DIE STIMMUNG IST SO TOLL UND ALLES SO ABWECHSLUNGSREICH UND BUNT. BEIM KARNEVAL IN NEUERKERODE BIN ICH AUCH DABEI, ICH FEIERE GERNE KARNEVAL. WENN ICH IN NEUERKERODE HELFE, DANN KOMMEN VIELE ZU MIR UND SAGEN DANKE – DAS IST TOLL. ICH FINDE AUCH GUT, DASS MAN AB UND ZU ETWAS UMSONST BEKOMMT UND DAMIT DER EINSATZ GEWÜRDIGT WIRD.“ 13

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Feuer und Flamme für den Dienst Ehrenamtliches Engagement hat viele Gesichter. Die Wege dorthin sind ebenso facettenreich. Für André Kohaupt ging eigentlich kein Weg daran vorbei. Foto: Klaus G. Kohn Sich für die Gesellschaft einzusetzen, zu bergen, zu retten, zu löschen und zu schützen – das hat in André Kohaupts Familie längere Tradition. „Mein Großvater war für die Feuerwehr Helgoland und mein Vater für die Feuerwehren Helgoland und Erkerode aktiv. Und ich habe sie als Kind zu den Veranstaltungen und Wettkämpfen begleitet“, erinnert sich Kohaupt. Schnell war auch er Feuer und Flamme, der weitere Weg vorherbestimmt: Mit elf Jahren ging er zur Jugendfeuerwehr, mit 16 folgte der Eintritt in die aktive Abteilung und nach mehreren Lehrgängen ist er nun Gruppenführer in der Feuerwehr in Sickte. Obwohl er in Stoßzeiten mit Versammlungen, Lehrgängen, Sonder- und Brandsicherheitsdiensten sowie Präventionsarbeit manchmal bis zu zehn Stunden pro Woche im Einsatz ist – die unvorhergesehen Einsätze zu jeder Tag- und Nachtzeit ausgeklammert – , leistet er das ehrenamtliche Engagement gerne. „Das ist ohnehin wie ein Automatismus, man denkt da gar nicht drüber nach“, empfindet der 30-Jährige. Hauptberuflich arbeitet er im Team der Unternehmenssicherheit im Bereich Brandschutz in der Ev. Stiftung Neuerkerode und ist damit ein Bindeglied zwischen der Feuerwehr in Sickte – für die er seit seinem Umzug aus Erkerode 2003 aktiv ist – und dem inklusiven Dorf Neuerkerode. Das Verhältnis zwischen Stiftung und Feuerwehr ist sehr gut und resultiert nicht nur aus der unmittelbaren Nachbarschaft – Sickte liegt 14 nur einen Kilometer von Neuerkerode entfernt – , sondern ist auch der engen Zusammenarbeit geschuldet. Kohaupt und seine Kameraden sind bei Brandwachen zu Sommerfest und Weihnachtsmarkt vor Ort oder zur Brandschutzerziehung. „Auf die Brandschutzerziehung im Dorf freuen sich nicht nur die Bürger, sondern auch ich und meine Kollegen“, sagt Kohaupt. Es sei einfach schön zu sehen, wie interessiert und begeistert die Bürger für die Feuerwehr sind. Dass im Dienst bei der Freiwilligen Feuerwehr Freud und Leid dicht beisammen liegen, ist eine besondere psychisch-emotionale Herausforderung. So erinnert sich Kohaupt an einen besonders dramatischen Fall, bei dem ein 17-Jähriger in Suizidabsicht gegen einen Baum fuhr und starb. „Neben den schrecklichen Bildern vom Unfallort, die man verarbeitet, fragt man sich, wie verzweifelt ein so junger Mensch eigentlich sein muss, um so etwas zu tun. Das beschäftigt einen über den Dienst hinaus.“ Umso wichtiger sind positive Erlebnisse, von denen Kohaupt ebenfalls zu berichten weiß: Bei einem der jüngeren Einsätze hatte sich ein kleiner Junge im Badezimmer eingeschlossen und wurde aus seiner misslichen Lage befreit. „Er kam daraufhin bei uns vorbei, bedankte sich für die Hilfe und fragte, ob er sich einmal die Feuerwache anschauen darf.“ Vielleicht der Beginn einer neuen (Feuerwehr-)Tradition ... | Von Thomas Pöllmann

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Leben retten mit Schminke und Kunstblut Rolf Biedermann ist Ausbilder bei der DLRG. Sein Steckenpferd ist die realistische Unfall- und Notfalldarstellung. Brandwunden, Schnittwunden, gebrochene Beine. Realistischer geht es nicht. Wenn Rolf Biedermann Fotos von seinen Einsätzen als Ausbilder zeigt, wird es blutig. Mit Begeisterung erzählt der 57-jährige gelernte Tischler, der als Haustechniker im Senioren- und Pflegeheim Theresienhof in Goslar arbeitet, von seinem Ehrenamt. Nachdem ihn ein Schlaganfall vor sieben Jahren aus der Bahn warf, war es das Ehrenamt bei der Deutschen Lebens-RettungsGesellschaft e.V. (DLRG), das ihm wieder die notwendige Bewegung für den beeinträchtigten Körper brachte. Rolf Biedermann kam vor sechs Jahren gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin zur realistischen und Notfalldarstellung der DLRG. Seit vier Jahren bilden sie die derzeit 15 Mitglieder starke RUND-Gruppe der DLRG in Wolfenbüttel aus. RUND bedeutet realistische Unfall- und Notfalldarstellung. In dieser Gruppe bildet Rolf Biedermann Menschen aus, die als sogenannte Mimen bei Übungen für Feuerwehr und Rettungsdienste die Unfallopfer darstellen. „Einsatzkräfte können – mal abgesehen vom Ernstfall – das Diagnostizieren unter möglichst praxisnahen Bedingungen, nur mit der Hilfe von ausgebildeten RUND-Mimen, trainieren. Das macht unsere Arbeit so wichtig“, erklärt er. „Und damit diese Übungen möglichst echt wirken, ist es wichtig, dass die Unfallopfer wissen, was sie tun.“ Entsprechend ihrer Verletzungen, die mit Modelliermasse, Gelatine, Theaterschminke und Kunstblut täuschend echt hergestellt werden, müssen die Mimen die dazu gehörenden Symptome zeigen. Neben den sichtbaren Verletzun- gen sind aber auch internistische Notfälle (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Gallenkolik, Blinddarmentzündung) zu versorgen. Hier ist das richtige "mimen" der Symptome besonders wichtig. „Es kann laut sein, wenn die Verletzten vor Schmerzen schreien. Und es wird auch mal gestorben, wenn die Diagnose oder die Notfallmaßnahme der Rettungskräfte falsch war“, schmunzelt Biedermann. Wie professionell und realistisch Rolf Biedermann und seine Truppe arbeiten, zeigt sich daran, dass sie sehr nachgefragt sind: Fast jedes Wochenende sind sie unterwegs – und das bundesweit. So erhielten sie eine Einladung vom Land Baden-Württemberg für eine groß angelegte Rettungsübung der DLRG. Und viermal jährlich ermöglichen sie eine sogenannte Sichtungsübung in Berlin, eine wichtige Fortbildung für Notärzte. „Rettungsmedizin ist eine spannende Angelegenheit“, findet Rolf Biedermann. „Dadurch dass ich bei der Ausbildung von Rettungskräften mitwirke, um Menschen zu retten und zu helfen, tragen meine Gruppe und ich zum Gemeinwohl bei. Das fühlt sich gut an.“ | Von Katharina Heinemeier TÄUSCHEND ECHT: Verletzungen und Wunden wie diese kann Rolf Biedermann als Ausbilder beim DLRG nachstellen. 15

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