Kilefeder 2017

 

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herausgegeben von „Die Kielfeder - Schrift und Wort e.V.“ „Die Kielfeder ISSN-Nr: 1867- Redaktionsteam

Popular Pages


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JahresSCHRIFT 10 Juni 2017 Die Kielfeder - Schrift & Wort e.V. Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Wort Thema:Wort

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2 Kielfeder 10  2017 Jutta Wiesemöller, Frankenberg/ Eder

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Hört auf mit dem elitären Geschwurbel! Ein Plädoyer für eine neue Kultur der Sprache Markus Franz Überraschung im öffentlichrechtlichen Fernsehen: Claus Kleber moderiert am 13. Februar 2015 das „Heute Journal“ mit den Worten ab: „Scheiß Krieg“. Co-Moderatorin Gundula Gause guckt verdutzt. Na so was, ein angesehener Moderator in Schlips und Kragen spricht die Sprache der Straße. Gibt es doch noch Hoffnung? Das heißt nicht, dass ich für Fäkalsprache plädiere. Aber wenn sie sein muss, dann muss sie sein. Es geht darum, den richtigen Ton zu treffen. Zu versuchen, die Leser und die Zuhörer zu erreichen. Sie dadurch ernst zu nehmen. Statt durch eine elitäre Sprache nur den eigenen Bildungsstand hervorzukehren. Ich sage, ich klage an, dass unsere Sprache elitär ist. Sprache wie sie in Schulen gelehrt wird und an Universitäten. Sprache, wie sie gesprochen wird in Nachrichtensendungen des öffentlichrechtlichen Fernsehens mit Aus- nahme des Kinderkanals Kika, in Parteien, Stiftungen, Unternehmen, Gewerkschaften. Ja, selbst in Gewerkschaften, die ja nicht nur für Leute eintreten, die ein Hochschulstudium mit Auslandssemester abgeschlossen haben. Ich behaupte: die Funktionäre der genannten Institutionen richten sich hauptsächlich an ihresgleichen. Sie schreiben und reden für etwa 5-10 % der Bevölkerung. Manchmal für noch weniger. Sie gebrauchen Worte wie Austerität, Hegemonie, Multilateralität, Implementierung und so weiter... Müssen Leser und Zuhörer diese Worte wirklich verstehen? Wozu dieser Code für Eingeweihte, der andere Menschen ausschließt? Der sie ungebildet erscheinen lässt? Es geht nicht nur um einzelne Worte: es geht um komplizierte Sätze, voller Hauptwörter, voller Einschübe, schlicht: um intellektuell erscheinendes Geschwurbel. Auch ich verstehe vieles davon nicht. Dabei bin ich selbst Teil dieses Systems: Abiturient, Jurist, Journalist, Diplomat, Redenschreiber. Reicht alles nicht. Wenn es um komplizierte aktuelle Themen geht, schlage ich, ja, dann schlage ich manchmal zuerst die Bild-Zeitung auf. Denn der kann man zwar vieles vorwerfen, nicht aber elitär zu sein. Sie schreibt verständlich, sie nimmt die Leser mit, sie lässt mich nicht als Trottel erscheinen. Wir wundern uns über Wahlbeteiligungen knapp über 50% wie in Hamburg. So etwas hat viele Gründe. Einer davon ist: unsere politische Elite macht sich nicht verständlich. Sie lässt zu viele Menschen links liegen. Die Frage ist, warum? Aus Überheblichkeit? Aus Faulheit? Oder einfach nur aus Gedankenlosigkeit? Kielfeder 10  2017 3

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Gedankenlosigkeit scheint mir der Hauptgrund zu sein. Das erlebe ich in meinen Schreibkursen. Den meisten Teilnehmern ist nicht bewusst, wie elitär sie schreiben. Sie wollen nicht elitär sein. Manche wehren sich allerdings dagegen, verständlich zu schreiben. Sie sagen, wenn sie einfacher schrieben, wirke das zu banal. Damit würden sie bei ihren Chefs nicht durchkommen. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zu Heulen wäre. Macht es wirklich Sinn, banale Äußerungen durch komplizierte Sprache intelligenter erscheinen zu lassen? Ich empfinde das als Hochstapelei. Und auch deshalb ist einfache Sprache so wichtig: Um sich darüber im Klaren zu werden, ob man überhaupt etwas zu sagen hat. „Zu viele Wörter“, sagt der Journalist und Autor E.A. Rauter, „können Wahrheit verdecken“. Die Wurzel allen Übels liegt meines Erachtens in der Schule. Die Allermeisten von uns haben es nicht besser gelernt. Der Deutschunterricht bereitet uns nicht ausreichend darauf vor, auf den Punkt zu kommen. Das zeigen u.a. die offiziellen Musterlösungen von Abiturarbeiten. Sie wimmeln von zu langen, verschachtelten, komplizierten Sätzen. Für gute Noten scheint es zudem wichtiger zu sein, lateinische Stilformen zu benennen, als sich schnörkellos auszudrücken. Die Ziele des Deutsch-Unterrichts sind nicht alltagstauglich genug. Wer im Sinne der Prüfungsordnung hervorragend Kafka analysiert, kann noch lange keine Texte schreiben, die im beruflichen Alltag bestehen. Da kommt es nämlich häufig darauf an, so schnell wie möglich zu informieren. Ich fordere deshalb: Deutschlehrer müssen schreiben lernen! In Klammern füge ich hinzu: Das ist kein Vorwurf an Deutschlehrer. Sie haben es ja selbst nicht besser gelernt. Auch Reden schreiben und Reden halten, sollte besser gelehrt werden, wenn es überhaupt gelehrt wird. Die Engländer und Amerikaner können es in der Regel, wir nicht. Langweilige Reden sind besonders ärgerlich. Die Leser von Texten haben die Wahl, nicht weiterzulesen. Sie können schon nach der Überschrift aussteigen oder spätestens nach den ersten drei Sätzen. Der Zeitverlust ist verkraftbar. Schlechte Reden dagegen sind Freiheitsberaubung. Als höflicher Zuhörer kann man nicht einfach nach den ersten Sätzen aufstehen und gehen. Ich jedenfalls bringe es nicht übers Herz. Viele Redner unterschätzen zudem, wie sehr sie sich mit einer schlechten Rede schaden. Ich spreche Sie, liebe Leserinnen und Leser, nun persönlich an, egal ob es Sie betrifft oder nicht. Das wirkt intensiver: Denn die Qualität Ihrer Rede entscheidet darüber, ob Sie als Bürokrat, alter Sack, eingebildeter Affe oder einfach nur als Langweiler wahrgenommen werden. Oder ob man Sie als aufgeschlossen, klug und unterhaltsam wahrnimmt - eben als einen guten Typ. Ich schlage Ihnen vor und frage mich, warum unsere Lehrer es uns nicht auch vorschlagen: Strengen Sie sich an, beim Stoffsammeln, beim Nachdenken und beim Schreiben. Seien Sie wahrhaftig, denn nur so werden Sie wahrgenommen. Wagen Sie etwas, damit Sie wirken. Drücken Sie sich verständlich aus, statt elitär. Und unterstehen Sie sich, zu langweilen. Beherzigen Sie dabei, dass Menschen vor allem an Menschen interessiert sind. Schreiben und reden Sie also als Mensch, über Menschen, für Menschen. Markus Franz ist Journalist, Redenschreiber, Trainer für Schreiben und Reden. Sein Buch „Reden Schreiben Wirken – und ganz nebenbei ein besserer Mensch werden“ ist im April 2015 erschienen. Foto: Stephan Röhl 4 Kielfeder 10  2017

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1 Mi 2 Do 3 Fr 4 Sa 5 So 6 Mo 7 Di 8 Mi 9 Do 10 Fr 11 Sa 12 So 13 Mo 14 Di 15 Mi 16 Do 17 Fr 18 Sa 19 So 20 Mo 21 Di 22 Mi 23 Do 24 Fr 25 Sa 26 So 27 Mo 28 Di 29 Mi 30 Do JuniRoma Fromme-Monsees, Hatzfeld/Eder June Juin Ki eGlfeidueGr 1n0 o 2017 5

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Liebe Wortkundige und Freunde der Kielfeder, Welche Freude, welch‘ ein Genuss, wenn man durch Buchstaben Worte kreieren und diese beim Schreiben und Lesen sich selbst zu visuellen Bildern erschließen kann; man sie sogar Azu hören und zu sehen vermutet. m 14.April 2007 haben wir „Die Kielfeder Schrift & Wort e.V.“ ins Leben gerufen und dürfen in diesem Jahr schon den zehnten Geburtstag feiern. Der Verein ist unsere Plattform für kreative Menschen rund um das Wort in allen seinen Facetten, ob es geschrieben, typogra- fiert, oder kalligraphiert ist, religiöse, mystische oder philosophische Ansätze trägt. Viele Menschen in ganz Deutschland und im Ausland haben wir begeistern können, aktiv mitzumachen oder sie zum Lesen animiert. Zehn Jahre lang haben wir in unseren JahresSCHRIFTen die verschiedenen Themen rund um Worte bearbeitet, vom historischen Wort bis zur Momentaufnahme. Wir sind Verleger einer hochwertigen Zeitschrift, mittlerweile ca. 80 Seiten stark, die einmal im Jahr durch viele Mitglieder unseres Vereins erstellt wird. Jedes Jahr wird ein vom Verein gewähltes Thema in den unterschiedlichsten Kategorien besprochen und beschrieben. Spannende Einblicke in das jeweilige Thema, mit denen wir uns sonst nicht weiter beschäftigt hätten, eröffnen sich uns dabei jedes Mal. So wurde manche Thematik ausführlich und in hoher Qualität erarbeitet. Anderes haben wir nur angesprochen, um Interesse zu wecken. Wer neugierig geworden war, konnte sich mehr mit der empfohlenen Lektüre beschäftigen. Unsere erste Kielfeder befasste sich mit dem Wort „KIELFEDER“. Zum fünften Jahrestag beschrieben wir die „SCHRIFT“ und nun nach weiteren fünf Jahren, für unsere Zehnte, zur Vollendung des Vereinsnamens, reden wir über das „WORT“. Die JahresSCHRIFT unseres Vereins „Die KIELFEDER – SCHRIFT & WORT e.V.“ ist von Anfang an mit einer ISSNNummer bei der Nationalbibliothek hinterlegt. Wir waren und sind bemüht, professionell mit den jeweiligen Themen um- 6 Kielfeder 10  2017

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zugehen und eine interessante und vor allem lesenswerte JahresSCHRIFT, nicht nur für das Auge, zu machen. Dabei sollen unsere Mitglieder für das geistige, geistliche oder kreative Wort alle zu ihrem Recht kommen. Künstler, Kreative, aber auch unsere Leser und die Kinder, die ja unsere Zukunft sind, fordern wir immer wieder auf, einen Beitrag zur Vielfalt der JahresSCHRIFT zu leisten. Das Vorwort vergeben wir an Personen aus dem öffentlichen Leben, die mit dem jeweiligen Thema in Verbindung stehen, was die ganze Sache vollendet. Aus meiner Idee, meinen über tausend Schülern und Schülerinnen eine kreative Plattform für Kalligraphie zu bieten, ist mehr geworden. Nicht nur sie sind im Verein vertreten. Viele, die sich mit dem Wort beschäftigen, egal in welcher Richtung, sehen in der JahresSCHRIFT ein interessantes Betätigungsfeld. Dass wir damit ein gelungenes und einmaliges Werk geschaffen haben, zeigt sich auch bei unseren Mitgliedern und allen, die die Zeitschrift kaufen. Bitte keine „Vereinsmeierei„ hatte ich vor zehn Jahren ge- sagt! Dazu hatte ich weder Zeit noch Lust. Aber wir wollten die Tore von Bibliotheken und Museen geöffnet bekommen und deshalb entschieden wir uns für die Form eines eingetragenen Vereins. Die Treffen, Exkursionen und Wettbewerbe unseres Vereins bezeugen heute, dass wir auf einer Wellenlänge liegen und als alte Bekannte und Freunde zusammenkommen, die sich miteinander, auch durch das gesprochene Wort, austauschen. Obwohl sich nicht immer alle kennen, haben diese Treffen etwas Familiäres. Ein Verein bedeutet aber auch einen großen bürokratischen Aufwand. Mit fünf Vorstandsmitgliedern haben wir uns auf diesen Weg gemacht und der Vereinswelt einen funktionie- renden Verein beschert, der einmalig ist. Ich bin sehr stolz auf unsere aktiven Mitglieder und sehr dankbar für unsere passiven Mitglieder, die es uns jedes Jahr ermöglichen, ein qualitativ hochwertiges Werk zu erstellen. Unsere jährliche Mitgliederpost, von der handgeschriebenen Osterkarte über individuelle Geburtstagsbriefe bis hin zur Weihnachtspost mit einem kleinen Weihnachtsgeschenk, wird von den Mitgliedern erarbeitet. Die Post an unsere Mitglieder lässt uns das geschriebene Wort miteinander teilen. Briefe sind schon ein Anachronismus in unserer modernen Welt, in der die Worte uns jeden Tag oft nur noch in unseren Mobiltelefonen und PCs begleiten. Unseren Mitgliedern bereiten wir so ein haptisches Vergnügen, das immer seltener wird. Mit der Neuen Kielfeder wünsche ich Ihnen nun ein großes Lesevergnügen in Bild und Wort! Mit kalligraphischen Grüßen Roma Fromme-Monsees, Hatzfeld/Eder Kielfeder 10  2017 7

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Grußwort Prolog MMXVI ANNO 2016 Über uns Anno 2016 Historisches Schrift Sprache Handwerk Aus den Büchern Kalligramm Kalligraphie Poesie Gedanken 8 Kielfeder 10  2017 3 6 10 14 22 33 34 36 37 38 41 44

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Küche 45 Die Seite der Schreiber 46 Aus meinem Leben 48 Alles was Kunst ist 50 Federchen 55 wirklich Zwerge? Vorgärten im In- und Ausland, vor allem hland, sieht man sogenannte Gartenr Verschönerung des Gartenidylls. Oft eingebaut, dass es wirklich lustig und ein heimnisvoll aussieht, manchmal aber nd spießig als Zierde des kurzge- ökologisch sinnlosen Rasens. Wenn ich unterwegs aus dem Auto heraus so n, diskutierten wir amüsiert darüber und oft, warum man so etwas macht und wer ohl schön findet. Jahren las ich dann mal irgendwo, dass nzwerg, oft mit dem Gesicht eines lten Mannes, dem frühzeitig vergreisten er nachempfunden wurde, der seit seiner ndheit in dunklen, staubigen Kohleeiten musste. Ab diesem Zeitpunkt sah auch typisch deutschen, Gartenzwerge anderen Augen! Wie kann man so ein r frühkapitalistische, menschenverachbeutung als Gartenschmuck herstellen ufen, und, viel schlimmer, wie kann man aufen und als Schmuck für seinen Garten ? Das war zunächst meine subjektive mung der Dinge. irklich so oder hat sich das jemand ht? Wir alle werden täglich mit nen überflutet, von denen sicher nur ein und seriös ist! Wer trennt die Spreu vom Habt ihr das gewusst 56 Bei der Lektüre von „Sturz der Titanen“ von Ken Follett stieß ich auf einen Passus, in dem ein alter GesundheitBergmann von seiner Zeit in den walisischen Kohlegruben erzählt. Zeitpunkt der Handlung kurz vor dem ersten Weltkrieg. Er erzählt, dass er im Alter von zwölf Jahren in die Kohlegruben einfahren musste, andere während dieser Zeit schon mit fünf oder sieben Jahren! Nicht weil das Menschheit & Glaubeso ein herrlicher Abenteuerspielplatz mit Spielgeräten war, sondern um das Überleben der Familie zu sichern! Soweit Ken Follett, gelesen im Dezember letzten Jahres. Im Gespräch mit Roma darüber schlug sie mir vor: „Schreib doch mal was Momentaufnahmendarüber, in unserer nächsten „Kielfeder“ geht es um Märchen und natürlich auch um Zwerge!“ Das Thema ist spannend! Bei Google tippte ich ein: „frühzeitig vergreiste Bergarbeiterkinder“ Treffer! Viele Einträge und Hinweise, aber einer mit lokalem Bezug war besonders faszinierend: Symbolik„Schneewittchen kommt aus Bad Wildungen und die sieben Zwerge aus Bergfreiheit“ von einem Autor namens Eckhard Sander aus Borken. (siehe Literaturhinweis). 66 72 77 78 Worte/ZitateBergfreiheit ist ein Dorf im Kellerwald, in dem seit dem 16. Jahrhundert Kupfererz abgebaut wurde. Und Folgendes ist bei Sander darüber zu lesen: „Ich wollte prüfen, ob Kinder im 16. Jahrhundert in den VeranstaltungenKupfergruben des Kellerwaldes arbeiten mussten. Sie mussten wirklich in jungen Jahren unter Tage, trugen Filzkappen zum Schutz vor Gestein. Sie lebten in penibel aufgeräumten Häuschen, die Wettbewerb exakt denen im Märchen entsprachen. Und: Durch 80 Kielfeder 10  2017 9

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Unser Kreativen - Hedwig-Auguste Mazoschek In dem kleinen, über 850 Jahre alten Wallfahrtsort „Eggerode“ nahe der holländen Grenze erblickte sie 1943 als viertes von 10 Kindern das Licht der Welt. Mit der Mutter und den Geschwistern wohnte sie in einem Kötterhaus des Grafen Droste zu Vischering. Während des Krieges und der Gefangenschaft ihres Vaters bewirtschaftete ihre talentierte, humorvolle Mutter mit den Kindern die dazugehörige Landwirtschaft. Bereits in der Grundschule nutzte Hedda jede Gelegenheit, in Schönschrift zu schreiben und Sprüche zu sammeln. Die Mutter entdeckte ihre Vorliebe und meldete sie, trotz finanzieller Schwierigkeiten, für den Schulbesuch an der seinerzeit „Höheren Töchterschule“ in Burgsteinfurt an. Mit Fahrrad und Zug legte sie den 26 km langen Weg zurück. Als sie 13 Jahre alt war, starb ihre Mutter 42-jährig und nur 11 Monate später ihr Vater mit 49 Jahren. Der weitere Schulbesuch war in Frage gestellt. Um mindestens die Mittlere Reife zu bekommen, gelang es ihr, familiären Anschluss mit Unterkunft bei einer Familie in einem Vorort von Burgsteinfurt zu erhalten. Die Familie unterhielt einen Laden mit Schreibpapier, Schulbedarf und Devotionalien. Morgens fuhr Hedda zur Schule und danach arbeitete sie im Geschäft, oder wo sie sich sonst einbringen konnte. Dabei nutzte sie jede Gelegenheit, in alten Büchern zu stöbern und Papierreste für ihr Hobby zu ergattern. Ihre Kunst- und Musiklehrerin, zu der sie ein sehr herzliches Verhältnis hatte, brachte ihr die Lehre der Farben bei, denn die Natur hatte sie bereits in früher Kindheit fasziniert. Aus dieser Zeit hat sie noch ein kleines Büchlein mit gemalten Früchten aus dem elterlichen Garten. Ihren weiteren Werdegang bestimmte allerdings ihre Mathematiklehrerin, die sie in eine Haushaltsschule in Steyl /Holland, vermittelte. Nach dem Abschluss und einem praktischen Jahr in einem Krankenhaus, wo sie die Arbeiten der Ordensschwestern in der Betreuung und Pflege lernte, beschloss sie dem Orden beizutreten, da ihr eine Missionsausbildung zugesagt wurde. Hedda hatte Sehnsucht nach Wärme und Weite und sie wollte Menschen helfen. Sie lebte in einer Gruppenunterkunft, verdiente 80 DM im Monat und schaffte sich davon die Grundaussteuer für den anstehenden Klosteraufenthalt an. Hier schrieb sie ihre gesammelten Sprüche in ein gebundenes kleines Buch, das den Titel „Kirschblüte und Nachtigall“ trug. Im April 1963 trat sie als Postulantin in den Orden der Dienerinnen des Heiligen Geistes in Wimbern/Ruhr ein. Neben den für sie ungewöhnlichen geistigen und körperlichen Übungen bekam sie einen Einblick in die großartige Klosterbibliothek mit den faszinierenden uralten Schriften. Noch heute besitzt sie den Bleistiftstummel (3,02 cm), mit dem sie die Schriften und Initialen geübt hat. Bereits nach einem halben Jahr musste sie aus gesundheitlichen Gründen ihr Leben im Orden aufgeben. Es galt einen neuen Weg für sich finden. Den Adoptiveltern ihres kleinen Bruders offenbarte sie bei einem Besuch ihre Lage. Ihr kleiner Bruder meinte: „Ihr habt doch nur mich, 10 Kielfeder 10  2017

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nehmt sie doch auch zu uns.“ So kam sie nach einem Klinikaufenthalt in ein spannendes neues Zuhause. Ihr Stiefvater war Uhrmacher und führte mit seiner Frau ein Geschäft mit Porzellan, Uhren und Geschenkartikeln. Hier konnte sie kreativ sein. 1991 die Rezeption einer Praxis für Krankengymnastik. Danach war sie bis 1994 im Innendienst ihrer ehemaligen Versicherungsgesellschaft tätig. Doch sie wollte auch beruflich weiterkommen und nahm eine Lehrstelle bei der ortsansässigen Bank an. Nach 2 Jahren wechselte sie, um zeitlich unabhängiger zu sein, als 24-jährige in den Außendienst einer namhaften Rechtsschutzversicherung. In ihrem Fotoalbum vermerkte sie: „Der Sprung in die Freiheit!“ Während dieser Zeit lernte sie mit 29 Jahren die Liebe ihres Lebens kennen. Einen verwitweten selbstständigen Versicherungskaufmann mit fünf Kindern zwischen vier und dreizehn Jahren. Nun hatte sie eine Mission! Nach einem Jahr heirateten die beiden und ihr fiel die Aufgabe zu, die Familie zu organisieren. Es galt, die Herzen der Kinder zu gewinnen, sie zu fördern und für sie da zu sein, aber auch mal im Büro mit einzuspringen. Die Aktivitäten mit den Kindern, die Liebe zu Musik, Natur und Kunst förderten ihre Kreativität und sie begann mit der Eiermalerei, speziell auf Gänseeiern. Nachdem die Kinder nach und nach das Nest verlassen hatten, leitete sie von 1983 bis 1989 weckte ein Porzellanmalkurs ihr Interesse. Die Idee, Porzellan zu bemalen und nach dem Brand auch nutzen zu können, ließ sie nicht mehr los. Sie besorgte sich zunächst Fachliteratur und 1995 schenkte ihr Mann ihr einen einwöchigen Kurs bei einem Meißener Porzellanmaler in Tröstau im Fichtelgebirge. Dort lernte sie die Grundvoraussetzungen für die Malerei auf dem weißen Gold. Eigentlich wollte sie sich nun nur noch der Malerei widmen, doch ein verlockendes Angebot von einer Werbefirma führte sie beruflich in den Bereich Werbung und Gestaltung. 1998 musste sie dann ein halbes Jahr aufgrund einer schweren Herz-OP pausieren. 2003 war erneut eine Herz-OP fällig und danach läutete sie eine Zwangspause ein, jedoch nicht in Sachen Kreativität. 2007 lernte sie Roma FrommeMonsees bei einer Ausstellung im Kölner Gürzenich kennen. Ihr Interesse war geweckt, ihre Spruchsammlung aus den 60ern kalligraphisch zu gestalten. Beim ersten Jahrestreffen der Kielfeder kam sie mit ihrem Mann aus dem Münsterland nach Hatzfeld. Seine Begeisterung und Unterstützung brachte sie zu ihrem ersten Kurs bei Roma. „Es war ein Märchenwochenende,“ sagt sie und es folgten weitere. Heute schreibt sie Sprüche, gestaltet Lesezeichen, Urkunden, Glückwünsche für Senioren, malt Initialen und eigene Kreationen auf Holz, Papier, Porzellan und Ei. Auch für die Kielfeder engagiert sie sich tatkräftig, macht Werbung, schreibt Artikel und beteiligt sich regelmäßig an den Wettbewerben. Sie ist Gründungsmitglied des Porzellanmuseums in Münster und auch im Hiltruper Kulturnetzwerk nicht mehr wegzudenken. Ihr Mann ist im vergangenen Jahr elf Tage nach seinem 87-igsten Geburtstag verstorben, doch Hedda steht immer noch mitten im Leben. Ihr Motto nach K. Barth: „Nicht aussteigen im Sturm, sondern weiterrudern.“ Doris Seil, Schwalmstadt Kielfeder 10  2017 11

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Unsere Aktiven - Ann-Kathrin Herling lett getanzt. Zum Schreiben und somit zu ihrem ersten Kontakt mit der Kalligraphie kam sie über ihre Mutter. Diese habe sie zu den ersten Schreibkursen bei Roma „mitgeschleppt“. Seitdem ist sie dem Schreiben und nun auch der Kielfeder verbunden. men und hat im letzten Jahr ihren Jagdschein gemacht. Der Aufenthalt in der Natur, Jagen und Sammeln machen ihr Freude. So geht sie im Herbst auch gerne in die Pilze. Eigene Tiere haben sie nicht, aber manchmal ist der Hund der Eltern des Freundes zu Besuch. Ann-Kathrin wurde am 13.03.1990 in Kreuztal geboren. Sie verlebte ihre Kindheit und Jugend mit ihrer Familie in Wittgenstein. Dort besuchte sie von 1996-2000 die Grundschule. Danach folgte der Besuch der Realschule und anschließend des Gymnasiums, das sie mit dem Abitur 2009 abschloss. Wie bei vielen Jugendlichen in einer eher ländlichen Gegend begann nun die Suche nach einer geeigneten Ausbildung. Sie fand eine Stelle bei einem Steuerberater in Bad Berleburg und machte dort eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. Schon in ihrer Kindheit war Ann-Kathrin naturverbunden. Zu ihren Hobbies gehörten das Reiten und Voltigieren. Einige Jahre hat sie auch im Bal- Beruflich ist Ann-Kathrin dem Wittgensteiner Land treu geblieben, denn seit dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung ist sie weiterhin als Steuerfachangestellte tätig. Privat zog sie 2016 mit ihrem Freund in den benachbarten Hochsauerlandkreis. Dort haben sie ein altes Nebengebäude des Schlosses Adolfburg gekauft und es liebevoll gemeinsam mit Freunden und Bekannten in Eigenarbeit renoviert. Ein Jahr hat es gedauert, um aus dem alten Gemäuer ein Schmuckstück zu machen und am Innenleben erkennt man auch die gemeinsame Passion der Beiden. Durch ihren Freund ist Ann-Kathrin zur Jagd gekom- Seit 2008 ist Ann-Kathrin Mitglied der Kielfeder und mit ihren 27 Jahren die Jüngste im Verein. Sie ist ein Mensch der gerne mit anpackt und gestaltet, nicht nur, wenn es um die eigenen vier Wände geht. So gehört sie in der Kielfeder auch zu den Aktiven und arbeitet dort mit, wo Hilfe nötig ist. 2016 ist sie in den Vorstand der Kielfeder gewählt worden und hat das Amt der Schatzmeisterin übernommen. Bianca Beuter, Erndtebrück 12 Kielfeder 10  2017

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MMXVI ANNO 2016 Die Neunte Mitgliederversammlung der „Kielfeder“ Die neunte Mitgliederversammlung des Vereins „Die Kielfeder – Schrift & Wort“ fand am 25. & 26. Juni 2016 wieder in Hatzfeld statt. Rund dreißig Schreiber, Leser, Künstler und Kreative aus ganz Deutschland, von Leer bis Stuttgart und von Düsseldorf bis Leipzig, trafen sich zu einem geselligen Austausch und um die Vereinsregu- larien zu erfüllen in der Grillhütte vor der Pracht. Im Mittelpunkt des offiziellen Teils stand die Wahl des Vorstandes. Aus dem „Gruppenbild mit Herrn“ ist nun wieder eine „Damenriege“ geworden. Dietmar Holtwiesche hat die Position als Schatzmeister abgegeben und unser jüngstes Mitglied Ann-Katrin Herling kandidierte erstmalig für diese Position. Alle angetretenen Kandidatinnen wurden einstimmig von den anwesenden Mitglie-dern gewählt und der neue Vorstand setzt sich zusammen aus Roma Fromme-Monsees (Vorsitzende), Doris Seil (stellv. Vorsitzende), Andrea Schreiner (Schriftführerin) und Bianca Beuter (Beisitzerin), vervollstän- Vorstand mit Revisoren: Bianca Beuter, Doris Seil, Andrea Schreiner, Ankatrin Redaktion: Katja Reimann, Roma Fromme-Monsees, Anna Thomasky, Herling, Stefan Schubert, Roma Fromme-Monsees, Günter Zimmermann Klaus Monsees, Doris Seil, Lissy Mischke Mitglieder und Gäste Kielfeder 10  2017 13

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MMXVI ANNO 2016 digt durch Ann-Katrin Herling (Schatzmeisterin). Die 80-seitige JahresSchrift mit Beiträgen, Fotos und Kalligraphien zum Thema „Papier“ wurde in diesem Jahr erstmalig in hochwertig gebundener Form erstellt und den Anwesenden präsentiert. Auch die Erstplatzierten des Wettbewerbs zum Thema „Tintenfass“ Hedda Mazoschek (Münster), Lissy Mischke (Kerpen) und Günter Zimmermann (Münster), wurden für ihre kreativen Einsendungen mit kleinen Präsenten geehrt. Passend zum Thema „Papier“ fanden am Samstag und Sonntag Workshops statt. In einem dieser Workshops falteten die Mitglieder Origami-Kraniche für ein Friedensprojekt in Düsseldorf. Abgerundet wurde das Programm durch den spannenden Vortrag von Elke Rees am Sonntag. Die Diplom-Farbberaterin aus Wollmar referierte zum Thema „Der Farbmensch“. Auch das leibliche Wohl kam nicht zu kurz. Die Mitglieder sorgten mit kühlen Getränken, Salat- und Kuchenbüfett, Wurst vom Grill und einem traditionell am Lagerfeuer gekochten Eintopf für eine rundum geglückte Veranstaltung. Klaus Monsees, Hatzfeld Doris Seil, Schwalmstadt 14 Kielfeder 10  2017

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MMXVI ANNO 2016 Kielfeder unterwegs: Hommershausen Hommershausen Stehende Festzüge sind sehr beliebt, um altes Handwerk wie Töpfern, Schmieden, Drechseln oder Spinnen wieder aufleben zu lassen. Dazu gehört auch Schreiben in den historischen Schriften. Altes Brauchtum wird so wieder lebendig und erfreut die Besucher. An einem solchen Stehenden Festzug hat die Kielfeder am 19. Juni 2016 zur 1000-JahrFeier des kleinen Walddorfes Hommershausen in der Nähe von Frankenberg teilgenommen. Der Tag begann mit einem Festgottesdienst in der Butzkirche und der Begrüßung des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier als Ehrengast. Die Predigt wurde auf Hommersäuser Mundart gehalten, was für einige nicht immer zu verstehen war. Die Kielfeder hatte ihren Platz in der Kirche neben dem Altar und konnte sich dort von ihrer besten Seite zeigen. Für die Besucher standen Bianca Beuter und Andrea Schreiner am Stand, um über den Verein zu informieren und Fragen zu beantworten. Die JahresSchriften, sowie Flyer und Aufkleber lagen für interessierte Besucher bereit. Diese konnten auch unserer ersten Vorsitzenden Roma Fromme-Monsees über die Schultern schauen, die in ihrer mobilen Schreibstube jedem, der Interesse hatte, ein Lesezeichen in der Schrift der Zeit um 1016 schrieb. In der Kirche fanden auch Konzerte eines peppigen, modernen Chores statt, was leider für unsere Präsentation nicht so geeignet war. Zu den Konzerten füllte sich zwar die Kirche, aber keiner traute sich so recht bis nach ganz vorne zum Altar. Eine gewisse Scheu war zu spüren und so kamen Bianca und Andrea nur wenig ins Gespräch. Antependium in der Hommeshäuser Kirche von Roma Fromme-Monsees Oberorke Auch in Oberorke war unser Verein zum Stehenden Festzug eingeladen. Dieser fand am 11. September 2016 statt. Der Platz der Kielfeder war wieder in der Kirche. Auch hier war, wie in Hommershausen, eine gewisse Berührungsangst zu spüren. Für viele scheint die Kirche immer noch kein Ort der Kommunikation zu sein und so kamen wir mit den Besuchern nur schwer ins Gespräch. Allerdings wurde uns ein tolles Programm geboten: eine historische Hochzeitsgesellschaft hielt Einzug in die Kirche und es fand eine Trauung statt! Eine Sängerin erfreute uns mit ihrem Gesang und die Orgel wurde von einem talentierten jungen Mann zum Klingen gebracht. Roma Fromme-Monsees bei der Kalligraphie Text und Bild: Andrea Schreiner Kielfeder 10  2017 15

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