Mitteilungsblatt des Thüringer Pfarrvereins Januar - März 2017

 

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Mitteilungsblatt des Thüringer Pfarrvereins Januar - März 2017

Popular Pages


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Januar / Februar / März 2017 Thüringer Pfarrverein Januar - März 2017 3 Editorial 4 Einladung zum Pfarrertag am 26. April 2017 10 Wochenende für Angehörige im Pfarrhaus 10 Ein Pfarrerschicksal aus dem Thüringer Pfarrerbuch 14 Adressänderung Vorsitz Pfarrverein / Pfarrvertretung 15 Vortrag von Dr. K.-E. Hahn: Kirche und Politik 25 Interview mit Christian Lehnert: Von der Schönheit des christlichen Glaubens 32 Geburtstage Nr. 1 | 7. Jahrgang 2017

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Thomas Bickelhaupt Was Pfarrer so treiben Eine Spurensuche Broschur, 13,5 × 20,5 cm, 216 Seiten ISBN 978-3-86160-274-3, 14,90 Euro Ein Streifzug durch Literatur, Gartenbau, Völkerkunde, Mathematik, Astronomie und Technik, Sozialwesen, Mission und Politik. Heinz Stade, Thomas A. Seidel Unterwegs zu Luther Das Reisebuch Klappenbroschur, 11 × 19 cm, 240 Seiten ISBN 978-3-86160-276-7, 12,90 Euro Die taschentaugliche aktualisierte und erweiterte Version unseres Klassikers: eine vergnüglich zu lesende Einladung in rund 50 Lutherorte von Heinz Stade. Die meditativen Miniaturen von Thomas A. Seidel geben Einblick in Luthers Kerngedanken. Mit einer Kurzvorstellung des „Lutherweges“. Wartburg Verlag Lisztstraße 2a • 99423 Weimar • Telefon (0 36 43) 24 61 44 E-Mail buch@wartburgverlag.de • www.wartburgverlag.de 2 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017

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Editorial von Christin Ostritz, Pfarrerin in Bad Kösen und Beauftragte für Soziales und Beihilfen Liebe Schwestern und Brüder im Thüringer Pfarrverein, ich grüße Sie herzlich mit der Jahreslosung: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel 36,26) und wünsche Ihnen allen Gottes Segen für 2017, Gesundheit, Freude und Kraft, für Ihren Dienst in unserer Landeskirche. In diesem Jahr blicken wir als Christen lutherischer Konfession natürlich auf die vielfältigen Feierlichkeiten zum Reformationsgedenkjahr und als Bürger der Bundesrepublik Deutschland auf die bevorstehende Bundestagswahl, zwei Ereignisse, die sowohl in unseren Gemeinden als auch unter uns Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst für Gesprächsstoff sorgen werden. Zu anregenden Diskussionen laden wir unsere Mitglieder auch dieses Jahr wieder im Rahmen von zwei interessanten Tagungen ein: dem Pfarrertag am 26.04. in Neudietendorf (näheres Seite 4) sowie natürlich zur unserer jährlichen Mitgliederversammlung am 20.09. gleichfalls in Neudietendorf (näheres Seite 8). Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung dazu. Auch 2017 werden wir wieder für die Anliegen unserer Mitglieder da sein. Schon jetzt wirft die von der Synode beschlossene Strukturreform ihre Schatten voraus. Da ist es gut zu wissen, dass Martin Michaelis, unser Vereinsvorsitzender, auch als Vorsitzender der Pfarrvertretung der EKM wiedergewählt worden ist. Er kann sich nun die nächsten 6 Jahre, dankenswerterweise in Vollzeit, dieser Aufgabe widmen (näheres Seite 14). Darum, liebe Schwestern und Brüder zögern Sie nicht, zum Telefon zu greifen, wenn der Schuh drückt. Wir sind für Sie da! Ansonsten finden Sie in diesem Heft wieder viele interessante Beiträge, die unsere Redakteurin Gabriele Schmidt (Pastorin i. R.) zusammengestellt hat. Ich wünsche Ihnen nun erkenntnisreiche Freude beim Lesen. Gott befohlen! Ihre Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017 3

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Einladung zum Pfarrertag am Mittwoch, dem 26. April 2017 im Zinzendorfhaus in Neudietendorf Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten selten oder nie Psychosoziale Einflüsse des Lebens im Pfarrhaus: Chance oder Verhängnis 1. Diplom-Psychologin Gabriele Kluwe-Schleberger, Thüringer Trauma Netzwerk, Internatio nales Zentrum für Integrative Traumaarbeit (ThüTZ) Entnazifizierung in der Thüringer Landeskirche Der Thüringer Weg: Nachrede und Realität 2. Oberkirchenrat in Ruhe Walter Weispfenning, Jurist und Rechtsdezernent der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen von 1991 bis 2002 Ablauf: 10.00 Uhr Andacht 10.15 Uhr Referat: Dipl.-Psych. Gabriele Kluwe-Schleberger, Rohr 12.30 Uhr Mittag 13.15 Uhr Referat: Oberkirchen- rat i.R. Walter Weispfenning, Kassel anschließend gegebenenfalls Informationen zur Vereinstätigkeit Ende gegen 16 Uhr. 4 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017

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1. Welches Pfarrerskind hat diesen Satz aus dem Titel des Vortrags nicht zumindest gefühlt dutzende Male zu hören bekommen! Wer ihn aussprach, meinte sicher, besonders witzig zu erscheinen. Aber wer ihn hörte, musste sich dazu stellen, wenn er sich nicht zurückziehen wollte. Als Tochter oder Sohn eines Pfarrers oder einer Pastorin scheint eine Sonderrolle zwischen heilig und wunderlich vorprogrammiert zu sein, die schnell zur Außenseiterposition mutiert. Ganz besonders verbreitet war das unter den Bedingungen des sozialistischen Schulsystems. Unter dem Druck der öffentlichen Wahrnehmung einer ganzen Gemeinde aufzuwachsen, war und ist für Kinder nicht leicht - und auch nicht für die Eltern. In der zweiten, eher unbekannten Vershälfte kommt der Anspruch zum Ausdruck: „Wenn dann doch mal eins gerät, ist’s von erlesener Qualität.“ Einerseits wird die Familie im Pfarrhaus zur Projektionsfläche für alle nur denkbaren Moralvorstellungen, auch für solche, die andere längst nicht mehr zu erfüllen bereit sind, andererseits wird geradezu darauf gelauert, ob diese denn dort ebenfalls erfüllt werden. Jeder Fehltritt bei der Erziehung und der Entwicklung der Kinder könnte zu selbstberuhigender Häme Anlass geben. Ausgewertet wird es auf jeden Fall. Folgenlos kann das nicht bleiben. Wie geht man damit um, als Pfarrerskind oder als Mutter und Vater? Rückzug, Protest, Arbeitseifer, Geltungsdrang, das sind nur einige Varianten. Aus psychotherapeutischer Sicht einmal dahinter zu schauen, verspricht interessant zu werden. Pfarrers- kinder sind zu diesem Vortrag ebenfalls herzlich eingeladen. In der Vorbereitung des Vor- trags wird die Mitarbeit von „Pfarrerskindern“ gebraucht! Bitte umblättern ! 2. Welchen Ruf hatte die Thüringer Landeskirche, wenn es um den Umgang mit dem Nationalsozialismus ging und vor allem mit denen, die ihn bis 1945 in der Kirche vertraten? Die Namen Leutheuser, Sasse und auch Grundmann fallen in diesem Zusammenhang, mehr aber meist auch nicht. Durch sie ist die Wahrnehmung der Vergangenheit oft geprägt. Doch ist das vollständig? Oberkirchenrat i.R. Walter Weispfenning hat sich mit den Akten der Entnazifizierung in Thüringen gründlich befasst und das Vorgehen in Thüringen dokumentiert und mit anderen Bereichen verglichen. Spätere Generationen laufen Gefahr, sich zum Richter ihrer Vorfahren zu machen, aus der Sicht zurück und mit dem Wissen um den Ausgang einer Entwicklung Verhaltensweisen zu be- oder auch zu verurteilen. Hinterher schlauer zu sein, ist aber keine Kunst, sondern eine Selbstverständlichkeit. Der Vortrag wird schlicht präsentieren, was wie gemacht wurde. Wir können es zur Kenntnis nehmen, um daraus zu lernen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, nicht über die Menschen von damals, sondern für unser Tun und Lassen, welches später andere aufarbeiten werden. Ob wir hinterher klüger waren, wird sich also erst noch zeigen, falls wir Glück haben. Der Vortrag mit seinen Erkenntnissen kann Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017 5

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uns zu diesem Glück helfen. Weitere Informationen zu diesem Vortrag finden Sie nebenstehend. Wegen der Planung wird um Anmeldung bis zum 3. April 2017 per Post, Fax oder E-Mail gebeten an: Synodale, Mitarbeiter und Kirchenbeamte sind ebenfalls zu dieser Veranstaltung herzlich eingeladen. Selbstverständlich sind Gäste über landeskirchliche Grenzen hinaus wieder willkommen. Das Mittagessen ist frei. Die anfallenden Fahrtkosten werden Mitgliedern des Thüringer Pfarrvereines erstattet. Um Bildung von Fahrgemeinschaften wird gebeten. Frau Heide Tomschke-März Berggasse 2 96523 Steinach Tel.: 036762/32203 Fax: 036762/12495 E-Mail: pfarrverein-buero@web.de Formular Seite 9 Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten selten oder nie Mitarbeit erwünscht! Zu diesem Thema werden wir am 26. April 2017 einen Vortrag von DiplomPsychologin Gabriele Kluwe-Schleberger, Thüringer Trauma Netzwerk, hören. Gern würde die Referentin dazu Erlebnisberichte einbeziehen, die Einblick geben in Freud und Leid des Lebens im Pfarrhaus, Erlebnisse, die als förderlich oder hinderlich für den weiteren Lebensweg empfunden wurden, oder auch etwas, das einfach ganz normal war. handelt sind oder anonymisiert in den Vortrag einfließen dürfen. Pfarrerskinder, auch die, welche nicht wieder selbst den Beruf der Eltern gewählt haben, sind herzlich zu diesem Tag eingeladen. Die Mitglieder des Pfarrvereins werden gebeten, darauf aufmerksam zu machen. Bitte schicken Sie die Erlebnisberichte per Mail oder Post bis zum 15. März 2017 an: Wer mag, gänzlich unabhängig von Alter und Beruf, ist herzlich eingeladen, seine Erinnerungen zur Verfügung zu stellen. Dabei können Sie selbstverständlich bestimmen, wie mit Ihren Texten umgegangen werden soll, ob Ihre Berichte absolut vertraulich zu be- Pfrn.i.R. Gabriele Schmidt Redaktion Mitteilungsheft Vorstand Thüringer Pfarrverein Obere Burgstraße 6a 01796 Pirna Mail: g.w.j.schmidt@t-online.de 6 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017

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Entnazifizierung in der Thüringer Landeskirche Weitere Informationen zum Vortrag von Oberkirchenrat i.R. Walter Weispfenning in Neudietendorf am 26. April 2017 OKR i.R. Walter Weispfenning, aus Kurhessen-Waldeck stammender Rechtsdezernent der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen von 1991 bis 2002, hat nach Abschluss seiner Untersuchung über die Stasibelastung Thüringer Pfarrer in einer mehrjährigen Untersuchung die erreichbaren Entnazifizierungsakten aller Thüringer Pfarrer ausgewertet und legt nunmehr unter Einbeziehung des rechtlichen Umfeldes seinen Bericht vor. Hintergrund für die Arbeit war die Situation Anfang 2000: Das Wissen darum, dass die Thüringer Kirche in kirchlichen Kreisen in der DDR weithin als „Schmuddelkind“ galt, war noch präsent. Der Grund für den früher schlechten Ruf: Zwischen 1933 und 1945 war der NS-/ DC-Einfluss in der Thüringer Evangelischen Kirche besonders stark. Seit 1958 schlug Landesbischof Mitzenheim unter dem Einfluss von OKR Lotz den sog. „Thüringer Weg“ ein, auf dessen Grundlage sich die Thüringer Kirche stärker als andere Kirchen in der DDR mit dem Staat arrangierte und so die Solidarität mit den anderen Kirchen strapazierte. Dieser Ruf mag mit dazu beigetragen haben, dass in der kirchengeschichtlichen Forschung die Meinung vorherrschend war, dass die Thüringer Kirche ihre Pfarrer- und Mitarbeiterschaft nicht in angemessenem Maß entnazifiziert (bzw. von NS-/DC-Geist gereinigt) habe. Die Vorwürfe reichten (vereinzelt noch heute) bis dahin, dass gar nicht wirklich entnazifiziert worden sei, weswegen in dieser Kirche durchgehend von 1933 bis in die 60er/70er Jahre hinein DC-Geist das kirchliche Leben geprägt habe. Für die Bewertung der Entnazifizierung sind gewisse Grundkenntnisse hilfreich: Während in den Westzonen die Länder alle belasteten Personen entnazifizierten und die Kirchen (nur) zu entscheiden hatten, ob sie weitere Maßnahmen ergreifen, überließ die Sowjetische Militäradministration (SMA) die Entnazifizierung der Pfarrer weitgehend den Kirchen mit Ausnahme des kategorischen Verlangens, dass niemand, der nationalsozialistisch gesinnt gewesen sei, in der Leitung der Kirche mitwirken dürfe. Dementsprechend verantworteten die Kirchen in der SBZ die Entnazifizierung nach kirchlichen Kriterien weitgehend ohne staatliche Eingriffe - aber mit zwei unterschiedlichen Konzeptionen: Bei der Mehrzahl der Kirchen stand auf Empfehlung des Rats der EKD die Integration der früheren NS-/DCPfarrer ganz im Vordergrund; zu dienstrechtlichen Maßnahmen, gar Entlassungen sollte es nur in Ausnahmefällen kommen. Die Thüringer Kirche übernahm hingegen weitgehend die staatlichen Regeln für öffentliche Bedienstete, wandelte sie aber dahingehend ab, Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017 7

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dass anders als beim Land individuelle Gesichtspunkte berücksichtigt werden müssten, was praktisch bedeutete, dass die Kirche bereit war, zusätzliche Entlastungsgründe anzuerkennen. Ergebnis in der Thüringer Kirche: 81 Pfarrer entlassen; weitere 60 Pfarrer entlassen, aber kommissarisch auf Bewährung eingesetzt; 61 auf andere Weise gemaßregelt. Da die Entnazifizierung in der DDR im April 1948 von der SMA für beendet erklärt wurde, konnten von da an auch auf Dauer entlassene Pfarrer wieder angestellt werden. Eine Reihe von entlassenen Pfarrern wurde darüber hinaus im Westen angestellt. Superintendent, der Visitator und LKR insgesamt bestätigt hatten, dass sie ihren Dienst im Sinn der neu geordneten Kirche treu und loyal versehen, und nachdem der Kirchenvorstand sie zum Pfarrer gewählt hatte. Daraus lässt sich Amit aller Vorsicht feststellen, dass die Entnazifizierung in der Thüringer Evangelischen Kirche erfolgreich verlaufen ist. Im Referat selbst wird die Situation der Pfarrer an konkreten Beispielen verdeutlicht. Kassel, den 4. Januar 2017 Walter Weispfenning Als grobes Ergebnis lässt sich festhalten: Fast alle kommissarisch Entlassenen sind wieder als Pfarrer festangestellt worden, nachdem der zuständige Teile der Untersuchung werden in den folgenden Mitteilungsheften des Thüringer Pfarrvereins veröffentlicht. Hinweis - Termin bitte vormerken ! Mitgliederversammlung des Thüringer Pfarrvereins am 20. September 2017, 10 Uhr Mit Vorstandsbericht und Bericht des Schatzmeisters 8 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017

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Anmeldung zum Pfarrertag am 26. April 2017 im Zinzendorfhaus in Neudietendorf Hiermit melde ich mich verbindlich zum Thüringer Pfarrertag am 26. April 2017 an. Name: Anschrift: Tel./Fax: E-Mail: Ich nehme am Mittagessen teil: Ja / nein Ich bin Mitglied des Thür. Pfarrvereins : Ja/ nein Ort, Datum, Unterschrift Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017 9

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Die Leichtigkeit des Seins – Humor im Alltag Wochenende für Angehörige im Pfarrhaus und Pfarrerinnen Freitag | 24. März 17.00 Uhr bis Sonntag | 26.März| 13.00 Uhr Wir wollen an diesem Wochenende darüber nachdenken, wie wohltuend Humor für unseren Alltag ist/ sein kann. Humor ist nicht einfach nur gute Laune. Ohne Humor wird das Leben traurig und langweilig, während Lachen der Seele gut tut. Hat Gott Humor? Ist Humor eine Gabe von Gott? Was kann ich mit Humor in meinem Leben verändern, was ich ohne Humor nie schaffen würde? Haben Sie schon mal daran gedacht humorvoll zu scheitern? Dies sind nur einige Gedanken, die wir gern an diesem Wochenende zusammen mit Steffen Schulz (Clown Leo) mit Worten und Werken humorvoll betrachten möchten. Das Wochenende wendet sich gezielt an Menschen, die im Pfarrhaus leben. Am Samstag gibt es eine Kinderbetreuung für Kinder ab 3 Jahren. Viele Kirchenkreise in der Propstei Eisenach-Erfurt zahlen die Kosten entsprechend der Richtlinien für die Fortbildungskosten. Bitte bei den Kirchenkreisen erkundigen und beantragen. Ansprechpartnerin: Frauke Wurzbacher-Müller Referent: Steffen Schulz Ort: Burg Bodenstein Kosten für Erwachsene: 82,00 € Kosten für Kinder: sind nach Alter gestaffelt, bitte erfragen. Anmeldungen werden nach Datum des Eingangs berücksichtigt und sind zu richten an: frauke.wurzbacher-mueller@ekmd.de Ein Pfarrerschicksal: Josua Bar Abraham in Eschenbergen Aus dem Thüringer Pfarrerbuch Die Kirchgemeinde Eschenbergen bei Gotha hatte von 1734 - 1782 einen Pfarrer, der auf recht ungewöhnlichen Wegen dahin kam: Friedrich Albrecht Augusti1. Dieser Pfarrer wurde 1691 in 1 Thüringer Pfarrerbuch (ThPfb, Band 1, S. 128f. 10 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017

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Frankfurt an der Oder geboren, Er hieß damals Josua Bar Abraham Eschel. Sein Vater, der reiche und gelehrte Juwelier Abraham Eschel, stammte aus einer ursprünglich venezianischen jüdischen Familie. Seine Mutter Rebekka Pinto war eine portugiesische Jüdin aus Amsterdam. Seit seinem vierten Lebensjahr wurde der kleine Josua von seinem Vater unterrichtet, so dass er bald gut lesen konnte. Jede Woche lernte er einen hebräischen Psalm auswendig. Auch die Thora (5 Bücher Mose) wurde gelernt. Dazu hatte sie sein Vater in Fragen und Antworten formuliert. Das Gedächtnis des Jungen wurde so frühzeitig entwickelt, er wurde zum Nachdenken angeregt und auch selbst in die Lage versetzt, anderen Fragen vorzulegen. Als er zehn Jahre alt war, starb sein Vater. Er selbst wollte aber das väterliche Geschäft nicht übernehmen, sondern lieber studieren. Bevor es dazu kam, überredete er den gelehrten jüdischen Arzt Aaron Bar Jekutiel aus Babylon, ihn mit auf eine Reise nach Jerusalem zu nehmen. Sie gelangten durch Polen, Litauen und das Tatarengebiet bis auf die Krim. Dort wurde die Reisegesellschaft von einer tatarischen Räuberbande überfallen. Josua Eschel wurde gefesselt über ein Pferd gelegt, so dass ihm das Brustbein auf dem langen Weg eingedrückt wurde. Am Schwarzen Meer auf einem Sklavenmarkt verkauft und auf ein Schiff gebracht, versprach ihm dort ein alter Türke, der früher selbst Jude gewesen war, die Freiheit wenn er zum Islam überträte. Josua aber blieb standhaft. Als das Schiff in einen Sturm sank, konnte er sich bis auf eine Klippe retten, wo er nach drei Tagen aufgefischt wurde, um erneut als Sklave verkauft zu werden. Sein neuer Herr war ein Kaufmann aus Smyrna. Auf der Reise dorthin kaufte ihn ein jüdischer Kaufmann, - der äußerlich zum Islam übergetreten war. Dieser brachte dann die jüdische Gemeinde von Smyrna dazu dass sie Josua Eschel von ihm für 100 Taler freikaufte. Auf der Heimreise erkrankte der Befreite an der Pest, kam aber dann doch wohlbehalten zu seinem Onkel, dem Landesrabbiner Josua Eschel in Lublin. Er studierte in Krakau und Prag, den damaligen Hochburgen der jüdischen Wissenschaft. Weitere Studien sollten in Italien, England und Holland folgen. Zunächst musste er jedoch als Schiedsrichter die Streitigkeiten im Bereich des Oberrabbiners von Halberstadt schlichten. Diese Aufgabe führte ihn auch in das Haus des gelehrten Hofjuden Wallich in Sondershausen. Bei dessen Abwesenheit wurde im November 1720 sein Haus von Dieben überfallen, Josua Eschel wurde geknebelt und so schwer misshandelt, dass er erst drei Tage danach wieder sprechen und sich erinnern konnte und lange Zeit gepflegt werden musste. In einen schweren inneren Zwiespalt kam er durch seine theologischen Gespräche mit dem Fürsten Günther I. von Schwarzburg und dem Sondershäuser Superintendenten Dr. Michael Reinhardt2. Anfang 1722 erklärte er, er wolle zur christlichen Kirche übertreten und sich taufen lassen, obwohl ihm Dr. Reinhardt ernst und öffentlich davon abriet. Er beharrte jedoch auf seinem Entschluss und wurde nach einem drei- 2 ThPfb, Band 2, S. 317 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017 11

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vierteljährigen Unterricht am Ersten Weihnachtsfeiertag 1722 auf den Namen Friedrich Albrecht Augusti getauft. Der Fürst von Schwarzburg und Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha übernahmen die Patenschaft. Friedrich Albrecht Augusti wollte nun Theologie studieren. So besuchte er vier Jahre lang das Gymnasium in Gotha, studierte dann in Jena und Leipzig. Er erwarb auch den Magistergrad. Danach unterrichtete er als Lehrer 1729-34 am Gymnasium in Gotha. 1734 wurde er auf Befehl des Herzogs durch das Gothaer Oberkonsistorium zum Substituten des Pfarrers Johann Anton Braun3 nach Eschenbergen berufen. Ein Substitut war der Helfer und Nachfolger eines solchen Pfarrers, der aus Alters- oder Krankheitsgründen sein Amt nicht mehr voll ausüben konnte. Zur damaligen Zeit gab es für alternde Pfarrer noch nicht die Möglichkeit, in den Ruhestand zu treten, die Pfarrstelle zu verlassen und Pension zu beziehen, Vielmehr hatten sie ihre Stellen auf Lebenszeit inne und mußten von deren Natural-. und Geldeinnahmen ihren Lebensunterhalt bis zum Tod bestreiten. Für einen alten und kränklichen Pfarrer gab es nur die Möglichkeit, einen jüngeren Substituten zu beantragen. Ihm mußte ein Teil der eigenen Einkünfte als Lebensunterhalt abgegeben werden. Das war oftmals nicht sehr viel. Aber der Substitut hatte dafür das Recht, Nachfolger des alten Pfarrers bei dessen Tod zu werden. Wenn man bedenkt, dass sehr viele Theologiestudenten nach ihrem Universitätsexamen keine freie Pfarrstelle fanden, sondern oft vie- le Jahre als Hauslehrer (Informatoren) tätig sein mussten, dann versteht man, dass dies Substitutendasein für etliche studierte Theologen der einzig mögliche Weg ins Pfarramt war. Friedrich Albrecht Augusti konnte so 1734 seine Probepredigt halten und wurde in der Augustinerkirche in Gotha ordiniert. Damals war er 43 Jahre alt, sein Pfarrer war 75 Jahre alt. Im Kirchenbuch kann man zu dieser Zeit zwei unterschiedliche Handschriften erkennen, ein Zeichen dafür, dass der Pfarrstelleninhaber seinen Dienst nicht völlig eingestellt hatte. Pfarrer Braun scheint seinem Substituten zumindest so viel Einkommen zugestanden zu haben, dass Augusti schon ein Jahr später, 1735, die Tochter des Gothaer Amtmannes Johann Christian Schaper Margarethe Sophia heiraten konnte. Für ein gutes Verhältnis zu seinem Pfarrer sprach, dass er ihn bei seinem zweiten Sohn neben dem Gothaer Oberkonsiatorialrat Dr. Ernst Salomon Cyprian zum Paten bat. Johann Anton Braun starb 1739 80jährig, nachdem er 46 Jahre in Eschenbergen Pfarrer gewesen war. Der bisherige Substitut Augusti wurde sein Nachfolger. Er war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt. Von seinen vier Kindern starb ein Sohn als Kind. Die Tochter heiratete den Pfarrer des Nachbardorfes Hausen. Die beiden anderen Söhne studierten Theologie. Johann Wilhelm wurde dann Hauslehrer bei der Familie von Wangenheim in Brüheim. Er starb im Alter von 29 Jahren, ohne ins Pfarramt gekommen zu sein. Sein Bruder, Ernst 3 ThPfb, Band 1, S. 175 12 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017

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Friedrich. Anton4 brauchte nicht Hauslehrer zu werden, sondern half seinem Vater im Pfarramt seit 1760, wurde aber erst 1764 in Gotha ordiniert und damit offiziell Substitut seines Vaters in Eschenbergen, der damals bereits 75 Jahre alt. war. 1779 konnte Friedrich Albrecht Augusti auf 50 Jahre Dienst im geistlichen Amt zurückblicken. Während der damaligen Generalvisitation in Eschenbergen dankten ihm die Gemeinde und der Generalsuperintendent für sein treues Wirken. 1782 starb Augusti 91-jährig, nachdem er 48 Jahre in Eschenbergen Pfarrer war. Er war der Autor von 15 Büchern und Schriften. Sein Sohn und Substitut folgte ihm im Pfarramt, l0 Jahre später wurde er Superintendent in Ichtershausen, bis er 1822 in den Ruhestand trat. Dessen Sohn Johann Christian Wilhelm wurde Theologieprofessor in Jena und Berlin, schließlich Professor und Konsistorialdirektor in Bonn.5 B il d:h t t p: // w w w. p o r t r a i t in d e x . d e/d o cuments/obj/oai:baa.onb.at:8392658/ onB8392658T8392663 Thüringer Pfarrerbuch Band 7: Herzogtum Sachsen-Meiningen Das Lebensbild des Pfarrers Augusti entstand als Vorarbeit zum Thüringer Pfarrerbuch. Davon sind seit 1995 bereits sechs Bände für die ehemaligen Territorialstaaten Thüringens im Druck erschienen6. 2017 erscheint Band 7: 4 ThPfb, Band 1, S. 128 5 Quellen: Pfarramt Molschleben, Pfarrarchiv und Pfarrbibliothek Molschleben und Eschenbergen 6 Band 1: Herzogtum Sachsen-Gotha, 1995; Band 2: Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen, 1997; Herzogtum Sachsen-Meiningen. Dieser Band enthält in einem ersten Teil die 127 Pfarrstellen des Herzogtums mit der jeweiligen Liste aller evangelischen Pfarrer von der Reformation bis zum Ende der Monarchie. Im zweiten Teil sind die Biogramme dieser knapp 3000 Pfarrer alphabetisch angeordnet. Die Biogramme enthalten alle Informationen, die die Mitarbeiter des Pfarrerbuches in jahrzehntelanger unentgeltlicher Arbeit aus den Archiven und Bibliotheken zusammentragen konnten. Das kürzeste Biogramm besteht aus dem Namen des Pfarrers und der Jahreszahl seiner Erwähnung in der Pfarrstelle. Das ausführlichste Biogramm gibt Auskunft über Geburts-, Tauf-, Sterbe- und Begräbnisdatum und –ort, Todesursache, über den Namen, den Beruf, die Herkunft und die Lebensdaten der Eltern, die Ausbildungswege (Schulen, Gymnasien, Universitäten), die Examensdaten, Informatoren-, Lehrer- und sonstige Tätigkeiten vor der Anstellung als Pfarrer, Ordinationsdatum und Ort, Berufungsdaten und –orte, Tätigkeit als Substitut, Pfarrstellen, Angaben zu Substituten bzw. Emeritierung, Trauungsdatum und –ort, Name und Lebensdaten der Ehefrau, Angaben zu deren Eltern, bei Witwen auch Angaben zu deren anderen Ehen, Namen und Lebensdaten der Kinder, deren Ehegatten und Schwiegereltern, dazu die Quellenangaben dieser Informationen. Weiter erschlossen werden die Biogramme durch ein ausführliches Orts- und Personenregister. Durch die Vielfalt der zusammengetragenen Band 3: Großherzogtum Sachsen(-Weimar-Eisenach) – Landesteil Eisenach, 2000; Band 4: Die reußischen Herrschaften, 2004; Band 5: Fürstentum Schwarzburg- Rudolstadt, 2010; Band 6: Herzogtum Sachsen-Alten- burg, 2013. Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017 13

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Informationen ist das Pfarrerbuch ein Nachschlagewerk für alle die an Lokal- und Territorialgeschichte, Kirchengeschichte und Sozialgeschichte interessiert sind. Für diejenigen, die weiter forschen wollen, finden sich in den Biogrammen unzählige Ansatzpunkte und Anregungen. Für Heimatkundler gibt es Mosaiksteine zu entdecken. Das Lebensbild des Pfarrers Friedrich Albrecht Augusti ist ein Beispiel dafür, wie von einem Eintrag in einem Pfarrerbuch aus, sich das Leben und Wirken einer ganzen Pfarrfamilie Schritt für Schritt entfalten lässt. Auch die Biogramme der Pfarrer aus Sachsen-Meiningen bieten eine Grundlage für eine solche Entfaltung von Einzelschicksalen: traurig in den vielen Kriegs- und Seuchenzeiten, erfreulich in den Blütezeiten von Theologie, Frieden und Kultur durch 400 Jahre hindurch. Wie haben die Pfarrer in diesen ganz unterschiedlichen Zeiten ihren Glauben gelebt und verkündigt? Das wird an einzelnen Personen deutlich. Vor mehr als 30 Jahren hat die Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte sich des Thüringer Pfarrerbuches angenommen. Seit 1995 ist sie die Herausgeberin. Sie wurde unterstützt vom Thüringer Pfarrverein und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen bzw. der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Johann-Friedrich Enke Adressänderung des Vorsitzenden des Thüringer Pfarrvereins und der Pfarrvertretung der EKM Nach der Wiederwahl zum Vorsitzenden der Pfarrvertretung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wird Pfarrer Martin Michaelis auf eine landekirchliche bewegliche Pfarrstelle versetzt. Der zukünftige Wohn- und Arbeitsort wird Quedlinburg sein. Auch der Sitz des Pfarrvereins wird damit nach Quedlinburg verlegt, weil die Vereinssatzung vorsieht, dass der Wohnsitz des Vorsitzenden zugleich der Sitz des Vereins ist. Vom 27. März 2017 an wird gebeten, folgende Anschrift, Telefon- und Faxnummer zu verwenden: Pfarrer Martin Michaelis Hölle 10 06484 Quedlinburg Telefon: 03946 5254778 Fax: 03946 5254779 Mail: pfarrverein@web.de (für den Vereinsvorsitz) oder pfarrvertretung@web.de (für den Pfarrvertretungsvorsitz) Das Büro des Pfarrvereins wird vorerst in Steinach verbleiben. Diesbezügliche Änderungen werden rechtzeitig bekannt gegeben. 14 Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017

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Kirche und Politik Beobachtungen und Überlegungen aus politischer Perspektive Vortrag von Dr. Karl-Eckhard Hahn, Pressesprecher der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag, auf der Mitgliederversammlung des Thüringer Pfarrvereins am 21. September 2016 in Neudietendorf. „Zum politischen Personal der Berliner Republik gehören nicht nur Berufspolitiker aller Couleur, sondern auch eine moralisierende höhere Klerisei, die zu allem und jedem Stellung nimmt.“1 So formulierte der evangelische Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf 2011 in seinem Buch „Kirchendämmerung“. Grafe trug dort sieben Untugenden der Kirche zusammen. Das Zitat stammt aus dem Kapitel „Demokratievergessenheit“. Das war noch vor der Flüchtlingskrise, die als Katalysator vieler Fragen wirkt, die unser staatliches und gesellschaftliches Selbstverständnis und Sein betreffen. Große Hilfsbereitschaft auf der einen und Sorgen um die Stabilität und Zukunft des Gemeinwesens gehören zu den Signaturen dieser Zeit. Das Parteiensystem ist im Umbruch. Die LINKE stellt seit 2014 in Deutschland erstmals einen Ministerpräsidenten. Die AfD erweitert das politische Spektrum nun in einer Weise nach rechts, die viele Menschen beunruhigt. In nennenswerten 1 Graf, Friedrich Wilhelm: Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen, München, 2., durchgesehene Auflage 2011, S. 86 Teilen des Volkes hat das Vertrauen in das politische System gelitten. Auch das Selbstverständnis von Religionen ist durch die Debatten um den Islam wieder zu einem Thema geworden. Es ist weder neu noch überraschend, dass sich Kirchenleitungen an diesen Diskussionen beteiligen. Die Kirchen in Thüringen waren z.B. wesentliche Akteure des von den Gewerkschaften initiierten „Bündnisses für Mitmenschlichkeit“. Das Verlautbarungswesen stand wieder in besonders üppiger Blüte. Nun wird niemand Kirchenleitungen das Recht auf die Beteiligung am öffentlichen Diskurs bestreiten, doch die Art und Weise führt immer wieder zu Debatten. Anfang des Jahres kommentierte ich dies zunächst bei Twitter und dann im „Wartburgkurier“, einem Periodikum des EAK der CDU Thüringen: „Verstörend ist allerdings die Neigung, das Kirchenvolk mit politischen Ratschlä- gen zu versorgen. Wofür oder wogegen zu demonstrieren sei, ob in Syrien Militär das Mittel der Wahl ist, Grenzen offen oder geschlossen zu sein haben u.s.w.“2 Dieses Und-so-weiter kann man beliebig füllen. Jüngst plädierten der Beauftragte der Evangelischen Kirchen 2 Hahn, Karl-Eckhard: Verstörende Ratschlä- ge, in: EAK der CDU Thüringen: Wartburg- Kurier, Ausgabe 15, Ostern 2016, S. 4. Im Internet: http://www.eak-thueringen.de/ download?dokument=1&file=14_wartburg_ku- rier_ostern_2016.pdf Mitteilungen aus dem Thüringer Pfarrverein Nr. 01-2017 15

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