Jahresbericht DSF 2015

 

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Jahresbericht DSF 2015

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Tätigkeitsbericht für das Jahr 2015 Förderung – Stiftungseigene Projekte – Stiftungsorganisation

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Kontakt: Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF) Am Ledenhof 3-5 D-49074 Osnabrück Fon: +49 541 60035-42 Fax: +49 541 60079039 www.bundesstiftung-friedensforschung.de info@bundesstiftung-friedensforschung.de © 2016 Deutsche Stiftung Friedensforschung Gestaltung, Satz und Herstellung: atelier-raddatz.de und DSF Alle Rechte vorbehalten. Printed in Germany 2016 Spendenkonto der Deutschen Stiftung Friedensforschung: Sparkasse Osnabrück, IBAN DE77 2655 0105 000 0012 30 ISSN 2193-7915 2

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Inhaltsverzeichnis Vorwort ...................................................................................................4 I. Die Fördertätigkeit der Stiftung im Jahr 2015 ............................... 6 1. Forschungsprojektförderung .......................................................... 6 1.1. Förderangebote der Stiftung ................................................... 6 1.2. Geförderte Projekte 2015........................................................ 7 II. Transferaktivitäten und Veranstaltungen .................................... 40 1. Parlamentarischer Abend ............................................................ 40 2. Stiftungseigene Publikationen...................................................... 41 III. Aufgaben und Struktur der Stiftung............................................. 43 1. Der Stiftungsrat............................................................................ 43 2. Der Wissenschaftliche Beirat ....................................................... 45 3. Die Geschäftsstelle der Stiftung in Osnabrück ............................. 46 4. Die Verwaltung unselbstständiger Stiftungen............................... 46 5. Einleitung einer Satzungsreform .................................................. 47 IV. Finanz- und Wirtschaftsbericht .................................................... 48 V. Ludwig Quidde-Stiftung in Verwaltung der DSF ......................... 53 1. Die Stiftung .................................................................................. 53 2. Der Vorstand ............................................................................... 54 3. Projektförderung der Ludwig Quidde-Stiftung .............................. 54 4. Zweite Verleihung des Ludwig Quidde-Preises............................ 54 3

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Vorwort Der Jahresbericht 2015 informiert über die aktuellen Förderangebote der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) und stellt die neu in die Förderung aufgenommenen wissenschaftlichen Projekte vor. Er gibt ferner Auskunft über die Organisationsform der Stiftung sowie über wichtige Veranstaltungen und Ereignisse im Berichtszeitraum. Als Einrichtung der Förderungsförderung widmet sich die im Jahr 2000 durch die Bundesrepublik Deutschland gegründete Stiftung drei zentralen Aufgabengebieten: Sie fördert innovative Forschungsvorhaben im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung und unterstützt die wissenschaftliche Zusammenarbeit auf nationaler und internationaler Ebene. Sie finanziert Projekte, die die strukturelle Entwicklung des Forschungsfeldes stärken und zu einer besseren Vernetzung in Forschung und Lehre beitragen. Schließlich setzt sie sich zum Ziel, durch ihre Fördermaßnahmen und eigene Veranstaltungen den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis zu intensivieren und die Ergebnisse aus den geförderten Forschungsprojekten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seit ihrer Gründung stellte die Stiftung Förderleistungen von mehr als XXX Millionen Euro für wissenschaftliche Projekte im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung zur Verfügung. Auf der Grundlage des neuen Förderkonzeptes vom Oktober 2013 bewilligte die DSF 2015 Fördermittel in einer Gesamthöhe von 707 T€. Hiervon entfielen 573 T€ auf Forschungsprojekte, 57 T€ auf wissenschaftliche Tagungen und ebenfalls 57 T€ auf Vernetzungs- und Transferprojekte. Das jährlich erscheinende „Friedensgutachten“ wurde mit 20 T€ unterstützt. Die Stiftung kann trotz der anhaltenden Niedrigzinspolitik auch 2015 auf ein insgesamt erfolgreiches Wirtschaftsjahr zurückblicken. So ist es wie in den Vorjahren gelungen, sowohl die Fördertätigkeit als auch die institutionellen Kosten aus den Erträgen des Stiftungsvermögens zu finanzieren. Dieses Ertragsniveau wird sich allerdings in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach nicht mehr halten lassen. Umso wichtiger ist die Entscheidung des Stiftungsrats, die Förderbudgets der DSF nicht unter die im Förderkonzept vorgesehene Mindesthöhe abzusenken, sondern gegebenenfalls auch den satzungsgemäß zulässigen Verzehr von Stiftungskapital in Kauf zu nehmen. Dies ist für alle Antragsteller und Antragstellerinnen eine wichtige Botschaft. Im Jahr 2015 setzte sich der Stiftungsrat zudem intensiv mit Fragen einer grundlegenden Satzungsreform auseinander, mit der die DSF auf eine neue organisatorische Grundlage gestellt werden soll. Auf seiner Sitzung im Dezember 2015 fasste er den entscheidenden Beschluss, die Inkraftsetzung der neuen Satzung zum März 2016 einzuleiten. Wesentliche Veränderungen betreffen zum einen die Kernaufgaben, die sich aus dem Stiftungszweck ableiten. Hier wird nun der ausdrücklich der Auftrag festgehalten, neben der wissenschaftlichen Vernetzung auch die Vermittlung von Forschungsergebnissen in die Praxis und Öffentlichkeit zu unterstützen. Zum anderen sind in der neuen Satzung mit dem Stiftungsrat und dem Vorstand zwei voneinander getrennte Stiftungsorgane verankert. Dem Vorstand werden – von einigen Ausnahmen abgesehen – die gesamten operativen Aufgaben 4

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zugewiesen, der Stiftungsrat beschließt künftig vor allem über die Grundausrichtung der Stiftung und übernimmt eine Reihe von Kontrollund Aufsichtsfunktionen. Mit diesen Änderungen gibt sich die Stiftung eine zeitgemäße Organisationsform, die auch dazu beitragen wird, neue Handlungs- und Gestaltungsspielräume in den Bereichen Förderung und Wissenschaftskommunikation zu schaffen. In Verwaltung der DSF befindet sich zudem seit 2011 die kleine Ludwig Quidde-Stiftung, die den Namen des deutschen Friedensnobelpreisträgers von 1927 trägt. 2015 verlieh die Treuhandstiftung zum zweiten Mal den Ludwig Quidde-Preis, mit dem Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen für herausragende Leistungen ausgezeichnet werden, die in der Tradition des L Wirkens von Ludwig Quidde stehen. Der Preis ging an die Londoner Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Mary Kaldor. Der mit 5 T€ dozierte Wissenschaftspreis wird alle zwei Jahre verliehen. Im Namen der Deutschen Stiftung Friedensforschung danken wir allen, die zur erfolgreichen Gestaltung der Stiftungsarbeit im Jahr 2015 beigetragen haben. Dieser Dank richtet sich insbesondere an die zahlreichen Gutachter und Gutachterinnen, die der DSF ihre Zeit und Expertise unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben. Zu Dank verpflichtet sind wir zudem den Mitgliedern des Stiftungsrats und des Wissenschaftlichen Beirats, die ihr Ehrenamt mit einem anerkennenswerten Engagement ausübten. Wir verbinden unseren Dank mit der Hoffnung, dass die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern der Stiftung auch in Zukunft eine Fortsetzung finden wird. Dr. Thomas Held Geschäftsführer der DSF 5

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I. Die Fördertätigkeit der Stiftung im Jahr 2015 1. Forschungsprojektförderung 1.1. Förderangebote der Stiftung Mit ihren Förderangeboten will die Stiftung einen Beitrag dazu leisten, • die Innovationspotenziale der Friedens- und Konfliktforschung zu stärken, • wissenschaftliche Nachwuchskräfte zu qualifizieren, • die nationale und internationale Forschungskooperation fächerüber- greifend zu intensivieren, • die Vernetzung von Aktivitäten in Forschung und Lehre zu fördern, • die Vermittlung von Erkenntnissen aus der Wissenschaft in die Praxis und Öffentlichkeit zu verbessern und • die Kommunikation zwischen den Forschungsakteuren zu vertiefen Das Förderkonzept der Stiftung sieht unterschiedliche Projektformate vor, für die Fördermittel beantragt werden können. Sie unterteilen sich in insgesamt vier Kategorien: 1.2.1 Forschungsprojekte Das Standardprojekt kann innerhalb des finanziellen Rahmens von 100 T€ flexibel ausgestaltet werden. Die Förderdauer beträgt bis zu 24 Monate. Die Pilotstudie eröffnet die Möglichkeit für explorativ angelegte Untersuchungen und ist deshalb auf ein maximales Fördervolumen von 20 T€ begrenzt. Der Förderzeitraum kann bis zu 12 Monate betragen. Das Post-doc-Forschungsprojekt soll jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nach der Promotion eine Chance eröffnen, eigene Fördermittel einzuwerben und sich für die weitere wissenschaftliche Karriere zu qualifizieren. Die Stiftung stellt für diesen Zweck mit 150 T€ einen erhöhten Förderbetrag bereit. Das Forschungsprojekt kann auf bis zu 30 Monate ausgedehnt werden. 1.2.2. Wissenschaftliche Tagungen Die Stiftung fördert wissenschaftliche Tagungen als wichtiges Instrument für die nationale und internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit. In ihrer Tagungsförderung unterscheidet die Stiftung zwischen folgenden Formaten: 6

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Wissenschaftliche Arbeitstagung Fördervolumen: bis zu 10 T€ Internationale Fachtagung Fördervolumen: bis zu 20 T€ 1.2.3 Wissenschaftliche Vernetzungs- und Transferprojekte Forschung und Lehre profitieren von verschiedenen Formen der Vernetzung sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch mit Akteuren in Politik und Zivilgesellschaft. Häufig ist diese Kooperation auch mit dem wechselseitigen Transfer von Wissen verbunden. Zur Unterstützung dieser wissenschaftlichen Arbeit bietet die Stiftung eigene Förderformate an: Vernetzungsprojekte Fördervolumen: max. 10 T€ Transferprojekte Fördervolumen: max. 5 T€ Ausnahmeprojekte Ausnahmeprojekte sind Vorhaben, die eine grundsätzliche Bedeutung für das Feld der Friedens- und Konfliktforschung haben. Förderanträge können nur gestellt werden, wenn entsprechende Mittel durch die Stiftung ausgeschrieben werden oder eine Antragstellung vorab vereinbart wurde. 1.2. Geförderte Projekte 2015 Die Stiftung konnte 2015 aus einer Vielzahl eingereichter wissenschaftlicher Projekte auswählen. Insgesamt wurden 48 Anträge auf Projektförderung in das Begutachtungs- und Entscheidungsverfahren der DSF aufgenommen. Das Gesamtvolumen der eingereichten Vorhaben belief sich auf rund 1,98 Mio. €. Auf der Grundlage externer Fachgutachten bewilligte die Stiftung Fördermittel in einer Gesamthöhe von 707 T€. 1.2.1 Forschungsprojekte In der Kategorie Forschungsprojekte nahm die Stiftung insgesamt neun Forschungsvorhaben auf. Die Förderquote, die Relation von geförderten zu eingereichten Vorhaben, betrug 31 Prozent. Die Fördermittel in Höhe von rund 573 T€ verteilen sich auf folgende Projekte: 7

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Standardprojekte Projektthema: Projektleiter: Projektmitarbeiter: Institution: Laufzeit: Förderbetrag: Neben-Kriegsschauplätze. Der Syrienkrieg in Jordanien Dr. André Bank Yazan Doughan, M.A. Leibniz Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA), Hamburg Dezember 2015 bis November 2017 98.919,00 € Der Krieg in Syrien ist mit einer halben Million Toten und zwölf Millionen Flüchtlingen und Binnenvertriebenen der opferreichste Gewaltkonflikt im frühen 21. Jahrhundert. Wie andere internationalisierte Bürgerkriege hat er seit 2011 über seine Grenzen hinaus starke Wirkungen entfaltet. André Bank und Yazan Dougan beim Interview mit Ziad al-Tell, dem stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Irbid. Auch wenn es bis heute nicht zu dem in Öffentlichkeit und Politik wiederholt vorausgesagten „regionalen Flächenbrand“ im Nahen Osten gekommen ist, hat dieser Gewaltkonflikt trotzdem zu einer sichtbaren, wenngleich weniger gewaltsamen Transformation der in seiner unmittelbaren Nachbarschaft befindlichen Regionen beigetragen. In der Friedens- und Konfliktforschung bestehen bislang noch keine systematischen Studien zu diesen „Neben-Kriegsschauplätzen“, die über die unmittelbar drängende Frage nach den Perspektiven der Flüchtlinge hinausreichen. Das For- 8

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schungsprojekt untersucht mit einem Fokus auf Jordanien, welche lokalen Ordnungen sich in diesen „Neben-Kriegsschauplätzen“ des Syrienkriegs herausgebildet haben und welche politischen, ökonomischen und sozialen Dynamiken sie besonders beeinflussen. Um die Fragen konkreter zu fassen: Sind es die staatlichen Sicherheitskräfte, die die lokale Politik in Nordjordanien wegen des nahen Krieges besonders dominieren? Welche Rolle spielen die internationalen Hilfsorganisationen, die in den wirtschaftlich strukturschwachen Städten und Gemeinden seit 2011 stark präsent sind? Sind die Identitätsdiskurse der Jordanier*innen vor Ort eher durch Gastfreundschaft und Solidarität gegenüber den syrischen Flüchtlingen oder durch anti-syrische Ressentiments gekennzeichnet? Wie gestaltet sich das konkrete Zusammenspiel zwischen diesen Dynamiken? Das Forschungsprojekt sucht also zunächst den aktuellen Zustands der „Neben-Kriegsschauplätze“ in Nordjordanien fünf Jahre nach Beginn des Krieges in Syrien zu bestimmen. Straßenschild zur nur 1 km entfernt liegenden jordanisch-syrischen Grenze in Ramtha (Fotos Jannis Hagmann) Daneben rückt ein zweiter Fragenkomplex die historischen Verlaufsmuster der lokalen Transformationen seit 2011 in den Blick: Wie sehen zentrale Statusgruppen aus den jordanischen Städten und Gemeinden selbst die politischen, ökonomischen und sozialen Veränderungen vor Ort? Das Projekt verwendet qualitative Forschungsmethoden und konzentriert sich, neben Expert*inneninterviews in Jordaniens Hauptstadt Amman, auf die nordjordanischen Städte Irbid, Mafraq und Ramtha, die alle stark vom nahen Syrienkrieg betroffen waren und sind. Damit wagt es sich auf ein wissenschaftliches Neuland vor. Seine Ergebnisse werden sowohl für Praxisakteure in Politik und Zivilgesellschaft als auch für die Öffentlichkeit von Interesse sein. 9

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Projektthema: Projektleiter: Projektbearbeiter: Institution: Laufzeit: Förderbetrag: Disentangling International and Local Understandings in Peacebuilding. Insights from the ‘Laboratory’ of Bougainville Prof. Dr. Tobias Debiel und Dr. Volker Böge Patricia Rinck und Dr. Volker Böge Institut für Entwicklung und Frieden (INEF), Universität Duisburg-Essen Oktober 2015 bis Dezember 2016 98.670,00 € Die südpazifische Insel Bougainville war in den 1990er Jahren Schauplatz des blutigsten und langwierigsten Gewaltkonflikts in Ozeanien seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein Waffenstillstand 1998 und ein Friedensabkommen 2001 bildeten den Auftakt für einen noch heute andauernden Friedensprozess, der 2019 formal mit einem Referendum über den künftigen politischen Status der Insel (Verbleib bei Papua-Neuguinea als autonome Region oder Eigenstaatlichkeit) abgeschlossen werden soll. Der Friedensprozess auf Bougainville gilt sowohl bei internationalen Beobachtern als auch bei vielen lokalen Akteuren als Erfolgsgeschichte. Angesichts der durchwachsenen Bilanz von Friedensmissionen und Peacebuilding in den letzten zwei Jahrzehnten ist dies bemerkenswert. Vor diesem Hintergrund fragt das Projekt: Wie lässt sich der Erfolg dieses Prozesses erklären, und was lässt sich daraus für andere Fälle lernen? Das Projekt legt den Fokus auf das Verhältnis zwischen den am Friedensprozess beteiligten internationalen und lokalen Akteuren. Der Friedensprozess war dabei insofern ungewöhnlich, als er unter verhältnismä- 10

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ßig geringem äußeren Einfluss abgelaufen ist. Die externen Akteure vor Ort haben sich dort auf Einladung nationaler und lokaler Akteure aufgehalten. Der Peacebuilding-Prozess auf Bougainville ist dementsprechend nicht nach der o.g. Blaupause liberalen Peacebuildings verlaufen, sondern hat lokale nicht-staatliche Institutionen und traditionelle Formen der Konfliktbearbeitung berücksichtigt. Das Projekt argumentiert, dass dies entscheidend zur Befriedung beigetragen hat. Aufgrund seiner Insellage und geringen Größe kann Bougainville als eine Art ‚Laboratorium‘ für Peacebuilding betrachtet werden. Das Projekt untersucht, wie lokale und internationale Akteure miteinander umgegangen sind und verhandelt haben. Dabei wird die Veränderung von Wahrnehmungen, Erwartungen, Einstellungen und Verhaltensweisen der Akteure analysiert, die sich im Zuge dieser Interaktionen ergeben hat. Im Zentrum steht die Frage, wie derartige Veränderungen wiederum das Peacebuilding beeinflussen. Das Projekt rückt also die Beziehungsebene und die Narrative der Akteure in den Vordergrund. Aufschluss geben Interviews mit den Akteuren der verschiedenen Seiten, darunter mit der Autonomieregierung, Clan-Chefs, ehemaligen Kommandeuren der militärischen Parteien, mit Mitarbeitern von UN-Institutionen, internationalen NGOs sowie australischen und neuseeländischen Militärs. In einer zweiten Forschungsphase werden den internationalen Akteuren die Narrative der lokalen Akteure vorgelegt sowie umgekehrt den lokalen Akteuren die Narrative der internationalen Akteure. Dies macht es beiden Seiten möglich, sich mit den Wahrnehmungen, Deutungen und Wertungen des Gegenübers bzw. der Gegenüber auseinanderzusetzen. Auf der Basis dieses Austausches rekonstruieren wir unterschiedliche Verständnisse von Friedenskonsolidierung. Zugleich wollen wir die Akteure anhalten, über Stärken und Schwächen des Prozesses und ihrer Beziehungen nachzudenken. Eine ergänzende Studie zu Fällen wie Somaliland, Sierra Leone und 11

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Timor Leste soll herausfinden, ob sich in diesen kleinen Staaten bzw. Defacto-Staaten ähnliche Prozesse wie in Bougainville identifizieren lassen. Das Projekt treibt aktuelle Forschungen zu Relationalität, Komplexität und Hybridität im Feld des Peacebuilding voran, indem es die Hinwendung zum Lokalen (‚local turn‘) empirisch konkretisiert und das Verhältnis zwischen ‚Internationalem‘ und ‚Lokalem‘ konzeptuell ausdifferenziert. Angestrebt wird mithin ein neues und tieferes Verständnis von ‚lokal‘ und ‚international‘ jenseits der bestehenden Dichotomien. Auf Basis der Untersuchungen sollen praxisorientierte Vorschläge entwickelt werden, wie in innovativer Weise Narrative und wechselseitige Wahrnehmungen in die Debatte um Erfolg und Misserfolg des Peacebuilding einbezogen werden können. Auch erproben wir neue Verfahren, über Dialog und Reflexion Prozesse wechselseitigen Lernens zu initiieren. 12

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Projektthema: Projektleiter: Projektbearbeiterin: Institution: Laufzeit: Förderbetrag: Sicherheitskooperation und strategische Kultur. Möglichkeiten und Hindernisse internationaler Zusammenarbeit bei der Raketenabwehr Prof. Dr. Volker Perthes und Dr. Oliver Meier Katarzyna Kubiak Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Berlin September 2015 bis August 2017 100.000,00 Durch die Bearbeitung des Forschungsthemas sucht das Projektteam drei Ziele zu erreichen: Erstens soll das Vorhaben zur Debatte um Deutschlands Rolle beim Aufbau eines Raketenabwehrsystems in der NATO beitragen. Die friedens- und sicherheitspolitischen Auswirkungen von Raketenabwehrplänen werden in Deutschland bisher nicht umfassend diskutiert. Das Vorhaben wird die Informationslage verbessern. Admiral Mark Ferguson und Vertreter der USA und Polens bei den ersten Spatenstichen für die neue Raketenabwehranlage in Redzikowo, Polen im Mai 2016. (U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 1st Class Sean Spratt/Released) Zweitens leistet das Projekt einen wissenschaftlichen Beitrag zur Analyse des Einflusses normativer Vorannahmen auf außen- und sicherheitspolitische Entscheidungsprozesse. Bisher ist die Bedeutung solcher Faktoren vornehmlich mit Blick auf Inhalt und Form von politischen Entscheidungsprozessen zur militärischen Gewaltanwendung untersucht worden. Die friedenspolitisch wichtigere – und für die deutsche Außenpolitik relevantere – Frage nach dem Einfluss von Leitbildern auf Möglichkeiten der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit wurde bisher kaum analysiert. Ge- 13

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rade vor dem Hintergrund des aktuellen Konflikts zwischen der NATO und Russland – der durch Differenzen über den Aufbau von Raketenabwehrsystemen weiter verschärft wird – ist diese Frage von erheblicher Bedeutung. Ihre Klärung kann dazu beitragen, dass politische Entscheidungsträger die Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit beim Aufbau defensiver Waffensysteme klarer beurteilen. Drittens soll das Vorhaben einen Beitrag zur Überwindung der aktuellen Schwierigkeiten in der rüstungskontrollpolitischen Zusammenarbeit leisten. Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung in der Ukraine drohen rüstungskontrollpolitische Instrumente weiter beschädigt zu werden. Indem das Projekt beleuchtet, welchen Einfluss Leitbilder auf Bedingungsfaktoren von Kooperation haben, soll analysiert werden, welche Möglichkeiten es gibt, durch Rüstungskontrolle Konflikte zu reduzieren, die im Zusammenhang mit dem Aufbau von Raketenabwehrsystemen entstehen. Die Raketenabwehranlage in Deveselu, Rumänien, im Aufbau. (U.S. Army Corps of Engineers photo by John Rice) Pläne zum Aufbau von Raketenabwehrsystemen haben bestehende zwischenstaatliche Konkurrenzen in Europa verschärft, insbesondere zwischen Russland und den USA, bzw. der NATO. Auch zwischen Verbündeten innerhalb der NATO bergen unterschiedliche Vorstellungen über Ausrichtung und Ausgestaltung von Raketenabwehrsystemen Konfliktstoff. Neben divergierenden Interessen sowie unterschiedlichen technologischen und finanziellen Kapazitäten beeinflussen auch Vorannahmen über die Anwendung militärischer Gewaltmittel die Kooperation zwischen Staaten. In den letzten 25 Jahren ist deutlich geworden, dass die strategische Kultur – also Weltbilder von strategischen Entscheidungsträgern im Hinblick auf die politischen Ziele und Wege des Einsatzes militärischer Mittel – das Handeln im Bereich Raketenabwehr beeinflusst. Dieses Projekt 14

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geht von der Annahme aus, dass ein besseres Verständnis der Einstellungen die Möglichkeiten der Kooperation vergrößern. Vor diesem Hintergrund lautet die Forschungsfrage dieses Projekts: Wie beeinflussen Leitbilder die internationale Kooperation beim Aufbau von Raketenabwehrsystemen? Untersuchungsgegenstand sind Anstrengungen zum Aufbau von Raketenabwehrkapazitäten in Europa aus der Sicht von drei Staaten – Deutschland, Russland und der USA. Deutschland als europäische Mittelund Zivilmacht hat ein Interesse am Aufbau integrativer und kooperativer Sicherheitsstrukturen. Russland sieht die internationale Politik vor allem aus einer machtpolitischen Perspektive. In den USA hingegen konkurrieren unterschiedliche Konzeptionen miteinander – vereinfacht gesprochen ein liberales Leitbild, in dem die USA als kooperativer Partner in der internationalen Gemeinschaft agiert, und ein konservatives Leitbild von den USA als Hegemon. Im Rahmen dieses Vorhabens soll zunächst analysiert werden, welchen Einfluss strategische Kulturen in Deutschland, Russland und den USA auf die Politik dieser Staaten im Problemfeld Raketenabwehr von 1991 bis 2013 gehabt haben. Eine Untersuchung der Raketenabwehrpolitiken in vier für die Kooperation entscheidenden Politikfeldern (Verteidigung, Politik, Wirtschaft, Rüstungskontrolle) bildet die Basis der Untersuchung. Die unterschiedlichen Leitbilder der drei Staaten werden in ihren Auswirkungen auf die Raketenabwehrpolitiken beschrieben. Abschließend sollen die Untersuchungsergebnisse im Hinblick auf die jüngste Entwicklung in den Jahren 2014 und 2015 bzw. auf die Debatten über die Raketenabwehr vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts diskutiert werden. Aegis Ashore Missile Defense Complex, Romania. Bis zur Fertigstellung der Anlage in Rumänien werden Containerunterkünfte und andere provisorische Gebäude genutzt. (Commander, U.S. Naval Forces Europe-Africa/U.S. 6th Fleet) 15

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