Neuerkeröder Blätter 104 - Winter 2016

 

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Gemeinsam. Mensch. Sein. In der Winterausgabe der Neuerkeröder Blätter, stellen wir Ihnen Menschen vor, die sich einbringen, ihre Zeit hergeben und sich nicht entmutigen lassen, sondern mit anfassen und versuchen die Welt ein kleines bisschen besser zu m

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Gemeinsam. Mensch. Sein. Mit Berichten aus dem Marienstift  NEUERKERÖDER  Blätter HEFT 104  |  DEZEMBER 2016

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TERMINE 2016/2017 05. Dezember 17.00 Uhr Abschlussveranstaltung „Bildung für alle“ Im Dorfgemeinschaftshaus in Neuerkerode blicken wir zurück auf Projekte und Veranstaltungen, mit denen wir 2016 Zeichen für eine inklusive Bildungslandschaft gesetzt haben 08. Dezember 17.00 Uhr Einweihungsfeier Erinnerungsskulptur Gemeinsam mit der Braunschweigischen Landessparkasse, Bildhauer Magnus Kleine-Tebbe und der Bürgervertretung feiern wir auf dem Neuerkeröder Dorfplatz die Fertigstellung der Skulptur, mit der an die Verfolgung während der NS-Diktatur erinnert wird 11. Dezember 13-18.00 Uhr Weihnachtsmarkt Neuerkerode Mit regionalen Produkten, Kulinarischem, Musik und Unterhaltung für die ganze Familie 08. Januar ab 17.00 Uhr Neujahrskonzert mit Wolfram Huschke, Neuerkerode Der bekannte Cellist spielt in der Peter-und-Paul-Kirche 21. Januar 9.00-12.30 Uhr Themenfrühstück „Kleine Kinder, große Fragen“ Theologisieren und philosophieren mit Kindern im Raum der Diakonischen Geneinschaft im Marienstift 22. Februar 10-12.00 Uhr „Der Richtige Weg 2017“ – Tag der offenen Tür in den Fachschulen des Marienstiftes Einladung zum Informationstag rund um die Ausbildungsmöglichkeiten in der Altenpflege und der Gesundheits- und Krankenpflege 13. April 16.00 Uhr Tischabendmahl Diakonische Gemeinschaft und Kirchlicher Dienst laden Mitarbeitende , Patienten, Bewohner und Angehörige in die Theodor-Fliedner-Kirche ein. 23. April 10.00 Uhrg Inklusiver Gottesdienst mit Rüdiger Becker im Braunschweiger Dom St. Blasii 23. April ganztägig Kräutertag Klostergärtnerei Riddagshausen Entdecken Sie die Welt der Kräuter im Klosterladen. Informationen zur Kräuter- und Gemüseproduktion, ökologischem Anbau , Beetund Balkonpflanzen, Stauden, Sträuchern GOTTESDIENSTE und Andachten in der Peter-und-Paul-Kirche in Neuerkerode und in der Theodor-Fliedner-Kirche im Marienstift Termine und Veranstaltungen finden Sie unter: www.neuerkerode.de www.marienstift-braunschweig.de 2

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Gemeinsam. Mensch. Sein. Editorial Direktor Rüdiger Becker 4 Hinhören, Angst aushalten, Kraft schöpfen 6 Zwei ehrenamtliche Seelsorgerinnen über ihr Engagement im Krankenhaus Marienstift Ein Bratwürstchen für zwei Paar Schuhe Jugendliche aus dem Landhaus Querum setzen sich ein 8 Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage 10 Fachschule Heilerziehungspflege vom niedersächsischen Kultusministerium ausgezeichnet Regional. Nachhaltig. Lecker. 12 Apfelsaft aus Neuerkerode - von der Ernte bis zum Saft Die Resolution hat es in sich 14 Neuerkeröderin kämpft auf Bundesebene für Anerkennung und bessere Lebensqualität Im Interview 16 Marcus Eckhoff, Geschäftsführer der Wohnen und Betreuen GmbH und Mehrwerk gGmbH, zum Bundesteilhabegesetz Verborgene Talente entdecken Ismail Gülsever von der Mehrwerk gGmbH im Einsatz für Menschen mit Handicap 19 Mitbestimmen! 20 Politische Bildung in Neuerkerode Auf Luises Spuren 21 Die Preisträgerinnen des Luise-Löbbecke-Rings Aus unserer Reihe: Eine Geschichte von Menschen Eine Zeitreise bis in die Gründerjahre 22 Prisma 24 Spendenprojekt Eine Fahrradschule in Neuerkerode 28 Impressum 30 Danke 31 Durch die Weihnachtszeit mit den Grünen Damen. Für diese Ausgabe haben wir fünf Grüne Damen befragt: Was verbinden Sie mit der Adventszeit? Die Antworten finden Sie auf den folgenden Seiten. Abgelichtet sind Grüne Damen, die im Senioren- und Pflegezentrum Bethanien ehrenamtlich im Einsatz sind. Stellvertretend stehen sie für etwa 60 Damen und Herren am Marienstift, die an ihren grünen Kitteln erkennbar sind – und vor allem an der Wärme und Herzlichkeit, die sie ausstrahlen. > Haben auch Sie Lust, dieses Ehrenamt auszuüben oder möchten Sie sich darüber informieren? Melden Sie sich gern bei Reiner Haake (Leiter Grüne Damen und Herren am Marienstift) T 0531.7011 488 | ekh@marientsift-braunschweig.de 3

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Editorial Liebe Leserin, lieber Leser! mir macht es immer wieder Spaß nachzulesen, welche Bibelworte als Losung für bevorstehende Tage gewählt wurden. Das ist wie ein Blick in die Zukunft. Ich habe nun auch einmal für Heiligabend nachgeschaut. Am 24. Dezember lesen wir in der Losung des Tages: Ich glaube, auch wenn ich sage: Ich werde sehr geplagt (Psalm 116,10). Kommt Ihnen der Vers weihnachtlich vor? Diese merkwürdige Ambivalenz, zwischen glauben und zugleich geplagt sein, trifft dennoch in diesem Jahr mein Gefühl. Um uns herum gibt es einige politische Phänomene, die an Plagen erinnern. Manche europakritischen Einwürfe empfinde ich als nervend, blind für die friedens- und wirtschaftspolitische Dividende Europas, gerade für uns mitten im Herzen des Kontinents. Klar nerven mich auch die nationalstaatlichen Tendenzen um uns herum, die nicht wahrhaben wollen, dass die meisten Probleme dieser Zeit nicht alleine in Berlin, Budapest, Wien oder Paris gelöst werden können. Es gibt keine politische Alternative zu der Europäischen Union in Brüssel. Vielleicht ist die Wahl des neuen US-Präsidenten ein Weckruf zu neuer Geschlossenheit auf unserem alten Kontinent. Mir fallen viele Plagen ein, obwohl sie alle noch gestaltbar sind und uns aktuell nichts existenziell bedroht. Viel schlimmer ist die Situation in Syrien. Es wird immer deutlicher, dass es dort überhaupt keinen Ort mehr gibt, an dem Menschen Sicherheit, Ruhe finden und Frieden erleben können. Grausam ist die Vorstellung, dass in Aleppo Eltern nicht mehr wissen, wo sie ihre nach Angriffen verletzten Kinder hinbringen können. Ich bin dankbar für die medizinische Versorgungssicherheit in unserem Land. Nicht alles ist selbstverständlich. Gerade für die selbstverständlichen Dinge müssen wir Sorge tragen und ihnen Aufmerksamkeit schenken. „Ich glaube, auch wenn ich sage, ich werde sehr geplagt“, schreibt der Psalmist. Damit die Plagen uns nicht den Blick verstellen, brauchen wir gute Geschichten. Geschichten von Menschen, die mit uns engagiert, konstruktiv und verantwortungsbewusst in der Welt und im Alltag unterwegs sind. Die Geschichten aus den Neuerkeröder Blättern mit Nachrichten aus dem Marienstift sind es wert, unter dem Weihnachtsbaum zu liegen. Sie veranschaulichen, dass die Geschichte Gottes unsere Menschlichkeit inspiriert und fast viral ansteckt: Sie, liebe Leserin, lieber Leser, werden Menschen entdecken, die sich einbringen, die ihre Zeit hergeben, die sich von den irdischen Plagen nicht entmutigen lassen, sondern anfassen und versuchen, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Diese Menschen machen mir Mut, Worte des Glaubens zu sprechen und lassen mich wissen, dass ich damit nicht alleine bin. Der Glaube an Gott lebt sich leichter in der Gemeinschaft mit anderen Menschen, die mit anfassen, die vor dem Leid, das andere erreicht hat, nicht ausweichen, sondern hingehen und fragen: Kann ich etwas für dich tun? Ob es sich dabei um Selbstlosigkeit handelt, möchte ich bestreiten: Eher ist die Erkenntnis leitend, wieviel Glück und Geschenk wir tagtäglich schon im Voraus 4

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> „Dona Nobis Pacem - Schenk uns Frieden“ von Adi Holzer Fensterbild Theodor-Fliedner-Kirche, Marienstift bekommen haben. Davon kann man abgeben, ohne dass es weniger wird. Das setzt voraus, dass man den eigenen Lebens-Reichtum wahrnimmt. Auf dem Titelblatt schaut uns der Engel von Adi Holzer aus der Theodor-FliednerKirche im Marienstift an. Er erinnert an Gottes Liebe und bringt ihre Spuren fast schon überzeichnet in unsere Welt. Voller Farbe, voller Zuwendung, voller Liebe – ein gutes Bild an einer Altarwand, das uns weihnachtlich stimmt. Wir sollten das Bild von Adi Holzers Engel in die Welt hinaussenden, als Friedensbote zu Weihnachten 2016! Johann Amos Comenius (1592 – 1670), ein frommer und kluger und politisch wacher Pfarrer, Lehrer und späterer Bischof hat angesichts der Kriege seiner Zeit die Schrift „Angelus Pacis“ – der Friedensengel geschrieben. Ein Versuch, die Völker für einen Weg der gewaltlosen Konfliktlösung aufzurufen. Das will der Engel aus dem Marienstift auch. „Ich glaube, auch wenn ich sage: ich werde sehr geplagt.“ Gemeinsam werden wir es schaffen: den Friedensengel in unseren Zeiten stark machen. Uns an seine Seite stellen und verdeutlichen, dass er auf uns zählen kann. Mit diesen Gedanken möchte ich nicht den Auftakt für das weihnachtlich emotionale Gedusel „Habt euch lieb“ einleiten. Im Gegenteil, in Weihnachten liegt auch die Kraft zur Abgrenzung. Nein zu sagen. Auf Distanz zu gehen. Weihnachten ist keine appellative Bevormundung zum Guten, sondern die Erinnerung daran, dass Gott in aller Konsequenz Mensch geworden ist, damit wir lernen, wie geschwisterlich das Leben eigentlich gemeint ist. Wenn Menschen diese Geschwisterlichkeit boshaft und egoistisch aufkündigen und das Leben bedrohen, ist ihnen laut und deutlich zu widersprechen. Auch in diesem Jahr kann man zu Weihnachten nicht mit allen harmonisch vereint im Konsens leben. Privat, beruflich und politisch gibt es Grenzen zu anderen hin. Wir kriegen auch zu Heiligabend die Plagen nicht weg, plagende Ereignisse und plagende Menschen. Wir halten das aus. Mit Respekt vor dem anderen, von dessen Meinung wir uns distanzieren ohne übergriffig zu werden. Denn es gibt den Glauben. Aus ihm ziehen wir die Hoffnung für unser Leben und unser Land. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“, so singen die Friedensengel auf den Feldern in Bethlehem. Jeder Engel stärkt unsere Hoffnung, egal ob gemalt, mit Flügel oder ohne, in echt oder als Geschichte. Am Ende hat jeder das Potenzial zum Engel. Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advent- und Weihnachtszeit. Bleiben Sie behütet. Ihr 5

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Hinhören, Angst aushalten, Kraft schöpfen Was motiviert Menschen, die ehrenamtlich Seelsorge im Krankenhaus leisten? Warum hören sie sich Sorgen und Nöte an, halten Tränen aus? Zwei Seelsorgerinnen aus dem Krankenhaus Marienstift haben ihre Gedanken zu diesen Fragen aufgeschrieben. > Text: Barbara Urban und Andrée Kassenbeck > Fotos: Klaus G. Kohn DR. BARBARA URBAN seit 15 Jahren seelsorgerisch tätig, seit einem Jahr im Krankenhaus Marienstift ANDRÉE KASSENBECK seit sieben Jahren in der Seelsorge tätig, seit Januar 2016 im Krankenhaus Marienstift „Als Ausdruck für mein Verständnis von Seelsorge fällt mir Gemeinsam-Mensch-Sein ein. Ich stelle mich jemandem zur Seite und bin für den Augenblick für ihn da. Ich versuche zu erfassen, was mit diesem Menschen ist, und mitzufühlen, mitzuschwingen. Wenn es gut geht, entsteht ein gemeinsames Gefühl von Nähe. Ich bewerte oder beurteile diesen Menschen nicht. Mein Gegenüber entscheidet, was und wie viel er erzählen möchte. Ich dränge kein Gespräch und keine Themen auf. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass jeder Mensch selbst am besten spüren kann, wie er ist und was richtig für ihn ist (vielleicht auch, wie er von Gott gemeint ist). Meine wichtigste Eigenschaft in der Seelsorge ist meine Herzenswärme. Ich sehe und höre viel Leid, aber erfahre auch viel menschliches Vertrauen. Ein nahes Seelsorgegespräch ist auch Nahrung für meine Seele, und oft gehe ich dankbar für das Vertrauen der Patienten nach Hause. Eine schöne, oft befriedigende Aufgabe mit viel Tiefgang.“ Ich habe ein offenes Ohr: Zuhören bedeutet für mich Hinhören, um zu erspüren, was den anderen bewegt, um Entlastung schenken zu können. Wir können gemeinsam den Kummer, die Angst aushalten (Ich sehe dein Leid, ich stelle mich auf dich ein). Es ist sehr beglückend, wenn es dazu kommt, dass ein Mensch wieder Kraft schöpfen kann, sein Selbstvertrauen zurückgewinnt oder sich neue Wege für ihn öffnen können. Aus den Gesprächen nehme ich sehr viel für mich mit. Sie erweitern meinen eigenen Lebenshorizont und führen mich zum Wesentlichen. Oft gehe ich nachdenklich oder demütig nach Hause. Es ist eine sehr erfüllende Aufgabe für mich. Ich bin sehr dankbar für das Vertrauen, das die Menschen mir entgegenbringen.“ >SEELSORGERINNEN IM KRANKENHAUS MARIENSTIFT (v.l.) Andrée Kassenbeck, Elke Rathert, Dr. Barbara Urban, Brigitte Hornig, Irma Fiedler 6

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WmaeirhkntaNecuehrketrosde- 3. Advent Geschenkartikel, regionale Produkte, Kulinarisches, Musik & Unterhaltung für die ganze Familie 11. Dezember, 13.00 - 18.00 Uhr 7

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Ein Bratwürstchen für zwei Paar Schuhe Jugendliche aus dem Landhaus Querum setzen sich ein > T ext: Petra Neu > Fotos: Uta Siegling Im Landhaus Querum der Evangelischen Stiftung Neuerkerode leben derzeit 21 Kinder und Jugendliche. Jungen und Mädchen, oft aus (sozial) schwierigen Verhältnissen, mit emotionalen, körperlichen oder geistigen Behinderungen. „Viele wirken nach außen cool, sind innerlich aber hochsensibel“, sagt Uta Siegling, Hausleiterin der Kinder- und Jugendwohngruppen im Landhaus Querum. Dort erfahren manche von ihnen erstmals Zuwendung, merken, dass sie ernst genommen werden und erleben Strukturen, die sie stärken. Die Jungen und Mädchen meistern aber nicht nur ihr eigenes Leben, sondern engagieren sich immer wieder auch für andere. Zwei Beispiele: Unterstützung für Waisenkinder in Tansania Der 14-jährige Sebastian blickt auf ein Foto. „Guck mal, jetzt haben die auch Schuhe an“, bemerkt er und freut sich. „Vielen Kindern in Tansania geht es schlecht. Schuhe hat nicht jeder. Es gibt nicht immer Trinkwasser, manche haben kein Zuhause“, erklärt er weiter. Auf dem Bild sieht Sebastian Kinder aus einem Waisenheim im tansanischen Sanya Juu. Die Schuhe konnten die Waisenkinder dank einer Spende von einigen Kindern und Mitarbeitern kaufen. Auch Fenster und Türen sowie Fußböden wurden in Folge dieses ehrenamtlichen Einsatzes erneuert, getrennte Waschräume für Jungen und Mädchen installiert, Medizin bereitgestellt. „Wir haben auf dem Weihnachtsmarkt in Neuerkerode Bratwürstchen verkauft und das Geld dann gespendet“, berichtet Sebastian von der Aktion, für die die Jugendlichen später sogar mit einem Sonderpreis im Rahmen des Gemeinsam-Preises 2016 vom Braunschweiger Dom und der Braunschweiger Zeitung ausgezeichnet wurden. Das Preisgeld in Höhe von 1.000 Euro ging erneut nach Tansania. „Wir wollen die Entwicklung dort beständig begleiten“, sagt Hausleiterin Uta Siegling. Der Kontakt nach Sanya Juu entstand über die Tochter eines Mitarbeiters im Landhaus Querum, die ein Freiwilliges Soziales Jahr dort absolvierte. „Nun bekommen wir immer über die aktuellen Freiwilligen Bilder. Unsere Jugendlichen können mit diesen Bildern viel besser nachvollziehen, was ihre Aktion dort vor Ort für die Kinder bewirkt“, so Siegling. Und das Konzept scheint aufzugehen. Sebastian will in diesem Jahr auf jeden Fall wieder auf dem Weihnachtsmarkt in Neuerkerode Spendengelder sammeln und hat auch schon eine Idee: „Vielleicht können wir dieses Mal Waffeln backen und verkaufen.“ 8

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Bahn fahren leicht gemacht „Wir sind hier besondere Kinder“, sagt die 17 Jahre alte Saskia fast selbstbewusst. Nicht alle Jungen und Mädchen im Landhaus Querum könnten schreiben und lesen. „Deshalb ist dieser Fahrplan so wichtig“, sagt sie und zeigt auf die große Tafel, die vor ihr an der Wand hängt. Saskia hat daran mitgearbeitet. Die Tafel zeigt ein selbstgemaltes Liniennetz mit Fotos vom Rathaus in Braunschweig, dem Bahnhof oder den Schloss-Arkaden. Buslinien sind mit einem selbstgemalten Bus markiert. Für die Straßenbahnlinien zeichneten die Jugendlichen einen Zug auf Gleisen. „Mit der gelben Bahn komme ich zum Beispiel zur Skaterbahn. Und mit der roten zum Weihnachtsmarkt“, erklärt Saskia. An manchen Punkten finden sich auch Bilder von Supermärkten, die an Haltestellen zu sehen sind. „Mit solchen Bildern weiß ich besser, wo ich aussteigen muss.“ Und so entstand ein Fahrplan, der ganz ohne Sprache und Text auskommt. Für das Projekt ist Uta Siegling, die Hausleiterin der Kinder- und Jugendwohngruppen, mit sieben Jungen und Mädchen aus dem Landhaus Querum durch die ganze Stadt gefahren, hat mit ihnen die Orientierungspunkte fotografiert und das Liniennetz erkundet. Als sie den Plan gemeinsam auf die Tafel brachten, gab es erste Aha-Momente. „Viele Bahnen halten am Rathaus. Das ist gut zu wissen. Denn von dort aus weiß ich wiederum, wie ich ins Landhaus Querum komme“, erklärt Saskia. In einem nächsten Schritt sollen die ausgearbeiteten Pläne ins Taschenformat gebracht werden, damit die Jungen und Mädchen diese bei sich tragen können, wenn sie unterwegs sind. Saskia wünscht sich aber noch mehr: „Ich fände es toll, wenn unsere Fahrpläne auch an den Haltestellen hängen würden. Dann könnten noch viel mehr von uns besonderen Kindern selbstständig mit Bus und Bahn unterwegs sein.“ Ingrid Stanze, 78 Jahre, seit 35 Jahren als Grüne Dame aktiv - zunächst im MarienstiftMutterhaus, jetzt im Wohnbereich Petrus im Senioren- und Pflegezentrum Bethanien. Gemeinschaft ist ihr wichtig. In der Vorweihnachtszeit erlebt sie diese besonders gern und intensiv als Grüne Dame. In Andachten, bei gemütlichen Adventsnachmittagen und in Gesprächen über das Weihnachtsfest mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Vor vielen, vielen Jahren erfüllte sie einen ganz besonderen Wunsch: „Eine Dame war bettlägerig und kam gebürtig aus Österreich. In der Adventszeit sprachen wir viel über ihre Heimat, über weihnachtliche Bräuche und Rituale. Ihr größter Wunsch war ein Backhendl, so wie die Familie es immer an Heiligabend aß. Diesen Wunsch erfüllte ich ihr. Dieses Bild: Die Frau, in ihrem Bett sitzend, wie sie mit Tränen in den Augen das Backhendl voller Genuss verspeiste - das war für mich ein ganz großes Weihnachtsgeschenk. Solche Momente wecken meine Lebenslust. 9

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Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage Fachschule Heilerziehungspflege vom niedersächsischen Kultusministerium ausgezeichnet > T ext: Petra Neu > Fotos: Annegret Jäkel Sie haben unterschiedliche Ideen, Interessen, Vorlieben, Eigenarten – die Schüler- und Lehrerschaft an der Fachschule Heilerziehungspflege in Neuerkerode. In einer ganz bestimmten Sache sind sich aber alle einig: „Wir mischen uns ein; wir wollen mitwirken in der Öffentlichkeit und für ein tolerantes Miteinander werben, in dem alle Menschen – unabhängig von Religion, Hautfarbe oder Herkunft, mit und ohne Behinderung ihren Platz finden. Menschlichkeit ist das, was uns als Gemeinschaft stark macht.“ Das sagt Schulleiterin Annegret Jäkel. Seit September ist die Fachschule Heilerziehungspflege in Neuerkerode Teil der Initiative „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ und wurde vom niedersächsischen Kultusministerium ausgezeichnet. Damit verpflichten sich Schüler und Lehrer, aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung vorzugehen. Doch schon vor der Auszeichnung hatten die Schülerinnen und Schüler Kontakte geknüpft, etwa zum Bündnis gegen Rechts in Braunschweig und Wolfenbüttel, und Aktionen für ein gerechtes Miteinander geplant. Ihre Motivation? Lesen Sie selbst: „ Sich gegenseitig unterstützen, voneinander lernen, aneinander wachsen und sich und andere respektieren sind die wichtigsten Grundwerte, die eine gerechte Zivilgesellschaft aufbauen und ausmachen. Medea Misso, Klasse HEP 40 10 „ Kein Mensch hat das Recht, sich über einen anderen zu stellen! Nele Sticklun, Klasse HEP 40 „ Zivilcourage ist kein blinder Aktionismus, es bedeutet Rücksichtnahme und darauf bedacht sein, für andere Menschen einzustehen. Eine fortschrittliche Gesellschaft misst sich daran, wie mit ihren Schwächsten umgegangen wird. Stefan Riedel, Klasse HEP 39

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„ Ich denke, dass dieser Titel einfach alles zusammenfasst, wofür die Fachschule und die Evangelische Stiftung Neuerkerode stehen: Vor allem dafür, dass niemand aufgrund von Behinderungen oder einer anderen Religion ausgegrenzt oder gar unterdrückt werden darf. Mir ist es aber auch wichtig, dass diese Werte auch außerhalb Neuerkerodes gelten und dass wir uns überall dafür einsetzen. Wir müssen alle zusammen an einem Strang ziehen, damit Inklusion funktioniert! Lena Behrens, Klasse HEP 40 MENSCHLICHKEIT IST DAS, WAS UNS „ALS GEMEINSCHAFT STARK MACHT. Gott hat uns verschiedene Persönlichkeiten, Religionen und Kulturen gegeben, damit wir sie schützen und nicht zerstören. Wir können voneinander lernen. Vielfalt ist LEBEN! Valentine Kerlach, Klasse HEP 40 „ Es wird nicht immer gefallen, was andere tun, sagen oder machen, aber dieses auszuhalten und andere so leben zu lassen, wie sie es möchten und wie sie sind, das ist für mich Toleranz und führt zu einer anstrebenswerten Gesellschaft, frei von Schubladendenken und frei von Vorurteilen und Rassismus. Patrick Jahnel, Klasse HEP 41 „ Sich gegen Rassismus und Diskriminierung zu engagieren sehe ich als wichtige Pflicht an! Gerade in der heutigen Zeit tritt Diskriminierung wieder verstärkt auf. Dagegen muss man ein Zeichen setzen! Frauke Lampe, Klasse HEP 39 11

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Regional. Nachhaltig. Lecker. Apfelsaft aus Neuerkerode: von der Ernte bis zum Saft >Text: Petra Neu > Fotos: Klaus G. Kohn, Petra Neu 12

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Es ist Mitte September: die Ernte beginnt. Bürgerinnen und Bürger aus Neuerkerode schütteln an den Apfelbäumen in Neuerkerode. Konzentriert sammeln sie reife, saftige Früchte ein, begutachten, sortieren aus. Mit einem Handwagen ziehen sie die Körbe voller Äpfel durch das Dorf. Es geht weiter zum Waschen, Pressen, Abfüllen. Bei der jährlichen Produktion des Neuerkeröder Apfelsaftes sind mehrere Gruppen der Tagesförderung in Neuerkerode im Einsatz. Hier werden Menschen mit einer geistigen und mehrfachen Behinderung betreut, die nicht in den Werkstätten arbeiten. Einige können sich nicht länger als eine Minute auf Vorgänge konzentrieren, anderen müssen Arbeitsschritte wieder und wieder erklärt werden, manche können Nähe kaum ertragen, haben sich und ihre Gefühle wenig im Griff. „Bei der Apfelernte sind sie ganz bei sich. Für jeden gibt es einen Arbeitsschritt, den er oder sie bewältigen kann“, sagt Daniela Albrecht von der Tagesförderung, Bereich Umwelt und Natur. „Den ersten Schluck probieren dann immer die Bürgerinnen und Bürger.“ Seit mittlerweile zehn Jahren gibt es den Apfelsaft aus Neuerkerode, der in vielen, kleinen Arbeitsschritten und zu großen Teilen in Handarbeit hergestellt wird. „Natürlich könnten wir große Maschinen einsetzen und so einen höheren Ertrag erzielen“, sagt Daniela Albrecht. Aber dann würden die Bürgerinnen und Bürger ausgeschlossen. „Das wäre nicht mehr unser Produkt.“ Letzter Arbeitsschritt: die Etiketten. Einer schneidet aus, der nächste trocknet nochmals gründlich die Flaschen ab, dann mit dem Pinsel etwas Kleber, zum Schluss die Etikette drauf. „Die kleben nicht immer ganz mittig auf der Flasche“, sagt Daniela Albrecht und lächelt. „Aber dafür ist es ein handgemachtes Produkt aus Neuerkerode.“ > DAS REZEPT für einen leckeren Neuerkröder Apfelpunsch finden Sie auf Seite 27. 13

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Die Resolution hat es in sich Neuerkeröderin kämpft auf Bundesebene für Anerkennung und bessere Lebensqualität > Text: Stephan Querfurth > Foto: Jens Zimmermann 14

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Es war ein von Sonnenstrahlen durchsetzter Regentag im Herbst, als Ines Bachmann den Politikern die Resolution übergab. Das Papier ist eine Forderung, das Bundesteilhabegesetz zu überarbeiten. „Es gibt leider noch viele Sachen in diesem Gesetzesentwurf, die sich nachteilig für uns Menschen mit einer Behinderung auswirken würden. Das gefällt uns nicht. Deshalb mischen wir uns ein.“ Ines Bachmann sagt das freundlich, aber selbstbewusst, fordernd. Die 25-Jährige lebt jetzt seit nahezu acht Jahren in Neuerkerode. Ihren Arbeitsplatz hat sie in der Küche der IGS Braunschweig-Volkmarode. Die Arbeit macht ihr Spaß, ist ihr wichtig, aber ihr größtes Anliegen ist ihr gesellschaftlicher Einsatz: Vor einem Jahr wurde die Bürgervertreterin aus Neuerkerode in den Beirat der Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung im Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BeB) gewählt. Das hat sie durchaus stolz gemacht, denn für den fünfköpfigen Beirat standen zwölf Kandidatinnen und Kandidaten zur Verfügung. Im Jahr ihrer Gremienarbeit wurde eben diese Resolution entwickelt. Zwei Tage trifft man sich jeweils zu Sitzungen in Kassel. „Natürlich war ich etwas aufgeregt“, erzählt Ines Bachmann, „aber es war ja einfach wichtig. Und da müssen wir den Mund aufmachen.“ Die Forderungen des Beirates sind in leichter Sprache erarbeitet worden. Einer Rubrik „Das ist schlecht“ steht die Spalte „Das brauchen wir“ als Anspruch gegenüber. Da steht beispielsweise: „Menschen mit Behinderung dürfen nicht von der Eingliederungshilfe ausgeschlossen werden. Alle müssen teilhaben können. Egal ob eine Person viel Hilfe braucht. Oder wenig.“ Oder: „Bildung und Arbeit muss für alle Menschen mit Behinderung möglich sein. Auch Menschen, die viel Hilfe brauchen, haben ein Recht auf Arbeit. Egal wie sie arbeiten können. Auch wenn sie nur ganz wenig arbeiten können.“ Oder: „Niemand darf in die Pflege abgeschoben werden.“ Die Resolution hat es in sich. Ein Papier, das Politiker auf den unterschiedlichsten Ebenen und aller Fraktionen sicherlich nicht ignorieren können. Die Landes- und Kommunalpolitiker der CDU, die an diesem frühherbstlichen Tag Neuerkerode besuchten, waren die ersten Politiker überhaupt, denen das Papier übergeben wurde. Ines Bachmann ist zufrieden: „Mir ist es wichtig, den Bürgern zu helfen. Und wenn ich das in der Bürgervertretung und im Bundesverband schaffe, dann ist es doch gut“, sagt sie. Und das kommt so selbstbewusst rüber, wie sie eben ist. Daran gibt es nichts zu rütteln. Das ist Teilhabe. Und noch viel mehr. Stefanie Platz, 48 Jahre, ist seit etwa vier Jahren als Grüne Dame im Wohnbereich Noah im Senioren- und Pflegezentrum Bethanien unterwegs. Zeit zu haben für die Menschen – das sei der gelernten Krankenschwester und Mutter dreier Kinder bei dem ehrenamtlichen Engagement als Grüne Dame besonders wichtig. Angesprochen auf die Weihnachtszeit fallen ihr die Gerüche von Zimt und Orange, von Vanille und Nelke ein: „Die Senioren berichten mir in dieser Zeit immer wieder davon, wie sie früher zuhause Weihnachtskekse und Kuchen gebacken haben. Mit der guten Butter natürlich. Und davon, wie köstlich die Plätzchen geschmeckt haben, als sie frisch aus dem Ofen kamen. Ganze Rezepte fallen den Senioren dann wieder ein. Ich nehme mir die Zeit, manche dieser Rezepte nach zu backen. Dann verpacke ich die Kekse in kleine Tütchen und schenke sie den Be- wohnern. Die Senioren sind dann immer ganz gerührt, dass ich mir die Mühe gemacht habe. Für mich ist das allerdings keine Mühe, sondern eine große Freude. 15

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