Mitgliederzeitschrift (91)

 

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www.gegen-vergessen.de 91 / November 2016 FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Geschichtsvermittlung im Film weitere Themen: ■ Gedenkstätte Hoheneck ■ Zum Tod von Max Mannheimer

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Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., liebe Freundinnen und Freunde, unsere diesjährige Mitgliederversammlung am 19. November führen wir in einer Phase durch, die viele als Krise unserer und anderer Demokratien empfinden. Dementsprechend wird „Demokratie heute“ ein wesentlicher Schwerpunkt unserer Diskussion sein. Selbstverständlich geht es zudem – abgesehen von den turnusmäßigen Wahlen – um den Austausch über die vielfältigen Aktivitäten unseres Vereins. Schwerpunkt dieser Ausgabe unseres Mitgliedermagazins ist ein wichtiger Ausschnitt von Bildungsarbeit, der der Vergegenwärtigung der Vergangenheit dient: der Einsatz des Mediums Film, das nach wie vor große Wirkung auf die Menschen entfalten kann. Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. ist Kooperationspartner des Films. Wessel erklärt in dem hier abgedruckten Interview, was ihn bei der Bearbeitung dieses für einen Spielfilm schwierigen, doch notwendigen Themas geleitet hat. Vorgestellt wird außerdem ein Projekt von Ernst Klein, der schon zur Jahrtausendwende beschlossen hat, Zeitzeugen vor der Kamera erzählen zu lassen und dies festzuhalten. Ernst Klein ist als Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppe Nordhessen-Südniedersachsen bei der Mitgliederversammlung sozusagen ein Gastgeber. Jedenfalls danken wir ihm für sein Engagement bei der Vorbereitung. Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. hat über die Jahre vielfältige Erfahrungen im Einsatz von Filmen gesammelt. „Der Dachdecker von Birkenau“, „Nach dem Brand“ und „Deutsche Pop Zustände – eine Geschichte rechter Musik“ sind Beispiele für Produktionen, die in den Regionalen Arbeitsgruppen verwendet werden. Das Heft enthält weitere Empfehlungen und Erfahrungsberichte, unter anderem von den Vorstandsmitgliedern Christoph Heubner und Maria Nooke. Zudem hat der Regisseur Kai Wessel in jüngster Zeit mit dem Film „Nebel im August“ das Thema „Euthanasie im Nationalsozialismus“ ins Ich hoffe, viele Mitstreiter in Kassel begrüßen zu können, und freue mich auf unsere Diskussionen. Mit den besten Grüßen Ihr / Euer Bernd Faulenbach Richtigstellung: In der vergangenen Ausgabe, Zeitschrift 90, ist uns leider ein Fehler unterlaufen. Der Fotograf, der unser Titelbild aufgenommen hat, heißt korrekt Jan Schapira. Mehr Informationen zu seiner Arbeit finden Sie auf www.janschapira.de www.gegen-vergessen.de 90 / September 2016 FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Vorbilder der Demokratie? weitere Themen: ■ Rückfall in den Nationalismus? ■ Heinz Drossel zum 100. Geburtstag Die diesjährige Mitgliederversammlung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. wird am Samstag, dem 19. November 2016, in der Zeit von 10.30 Uhr bis 17.00 Uhr im Rathaus Kassel stattfinden. Anschließend findet am Samstag um 19.00 Uhr die Verleihung des Preises „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ und des „Waltraud-Netzer-Jugendpreises“ in der Karlskirche statt. Mit dem Preis „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ wird in diesem Jahr der Verein „Weimarer Republik e.V.“ ausgezeichnet, den „Waltraud-Netzer-Jugendpreis“ erhält der Kasseler Verein „Die Kopiloten e.V.“. Anschließend lädt uns der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen zu einem Empfang ins Kasseler Rathaus ein. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016

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Inhalt Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Geschichtsvermittlung und politische Bildung im Film Die große Kraft der Fiktion Ich bin in meiner Zeit gefragt Aus der Perspektive der Betroffenen Filme, die uns prägen Oral History mit Lokalbezug: Der Dokumentarfilm „Die Flucht der Kinder“ Der letzte Zeuge: Hochbunker Körnerstraße 101 in Köln-Ehrenfeld Vom Schreckensort Hoheneck zur Gedenkstätte 4 8 9 11 13 14 15 18 Analyse und Meinung Volk und Demokratie – zu einer irritierenden Diskussion An Elephant in the Room Aus unserer Arbeit RAG Nordhessen / Südniedersachsen: Stele in Hirschhagen erinnert an ungarische Jüdinnen RAG Nordhessen / Südniedersachsen: Erinnerung an Albert Wesemeyer RAG Rhein-Ruhr-West: Flagge zeigen: Deutschland- und Europafahnen für Duisburger Schulen RAG Münsterland: Junge Geflüchtete erzählen ihre Geschichte RAG Münsterland stellt sich vor Namen und Nachrichten Zum Tod von Max Mannheimer am 23. September 2016 Erinnerung an Max Mannheimer: Von Hass war nichts zu spüren In Gedenken an Kurt Beckhardt Cornelia Schmalz-Jacobsen erzählt über ihren „Russensommer“ 20 22 24 25 27 29 30 31 32 33 34 Rezensionen Beeindruckende Gesamtdarstellung des gewerkschaftlichen Widerstandes Auschwitz und die Auschwitzlüge Der aufhaltsame Aufstieg des Front National Eintauchen in die Geschichte „Versteckt unter der Erde“ Die Überlebensgeschichte der Familie Kasten Vom schweren Überleben. Berliner Zwillingsschwestern im Nazi-Terror Allgegenwärtige menschenfeindliche Kampagnen 35 37 38 39 40 41 42 Impressum 42 Vorstand und Beirat 43 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016 3

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Thema Foto: © ZDF / David Slama Jurek Sehrt Geschichtsvermittlung und politische Bildung im Film Geschichte wird gegenwärtig im nie dagewesenen Ausmaß filmisch verarbeitet und über vielfältige Kanäle konsumiert, jedoch oft nicht als Darstellung der Vergangenheit verstanden. Dies zeigt zum Beispiel die derzeit populäre Serie „Narcos“ (dt.: „Drogenbarone“) über Pablo Escobar, den kolumbianischen Drogenboss der 1980er-Jahre, die über den Streaming-Dienst Netflix vertrieben wird. Unbemerkt entwickeln sich im Kopf des Betrachters Vorstellungen von Vergangenem – im Fall von „Narcos“ lateinamerikanische Zeitgeschichte –, ohne fundiertes Hintergrundwissen oder kritische Distanz werden Meinungen gebildet und Urteile gefällt. Die Faszination für historische Stoffe scheint zudem dazu geführt zu haben, dass ausgewählte historische Themen primär medial besetzt sind und entsprechend vermarktet werden. So sind Themen wie NS-Regime, Holocaust und Zweiter Weltkrieg, aber auch das DDRRegime und die damit verbundenen Geschichtsbilder stark medial geprägt. Filme wie „Schindlers Liste“, „Der Untergang“ oder „Das Leben der Anderen“, dienen vielen Zuschauern im In- und Ausland für die Entwicklung einer eigenen Vorstellung von Vergangenem. Aber auch aufwändige TV-Produktionen wie der ZDF-Dreiteiler “Unsere Mütter, unsere Väter“ können so wirken. Dies geschieht auf Grundlage einer vereinfachten, dramaturgischen und ästhetischen Regeln unterworfenen und partiell oder sogar umfassend fiktionalen bis verzerrenden Darstellung der Vergangenheit. Die Macht bewegter Bilder – Besonderheiten audiovisueller Medien Der Umgang mit multimedialer Technik sowie der alltägliche Konsum bewegter Bilder führen nicht automatisch zu einer umfassenden Medienkompetenz der Zuschauer. Diese Feststellung lässt sich insbesondere im Hinblick auf inhaltliche und filmsprachliche Analysekompetenz des durchschnittlichen Medienkonsumenten treffen. Eine wichtige Eigenheit der bewegten Bilder ist ihre Wirkungsmacht, die sich aus der auditiven und visuellen Vereinnahmung des Zuschauers, der erzählerischen Dynamik und einer oftmals aus dramaturgischen Gründen erfolgenden Emotionalisierung der Narration ergibt. Unbewusst Erschießungsszene aus dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. wird die fotorealistische Darstellung des Mediums vom Zuschauer für Realität genommen, denn die optische und akustische Wahrnehmung beim Betrachten eines Filmes kommt der menschlichen Realitätswahrnehmung aufgrund ihrer Lebendigkeit und Anschaulichkeit sehr nah, suggeriert dem Rezipienten die Authentizität des Gesehenen. Übertragen auf filmische Darstellungen der Vergangenheit impliziert dies die Gefahr, dass eine dramaturgisch inszenierte und eventuell fiktionale Narration für geschichtliche Realität genommen und vom Betrachter entsprechend eingeordnet wird. Eben diesen Effekt haben sich Propagandisten seit Aufkommen des Mediums zunutze gemacht und intensiv Filmpropaganda betrieben. Bekanntes deutsches Beispiel hierfür ist die filmische Propaganda des NS-Regimes, besonders die Bilder der Wochenschauen und die manipulative Bildgestaltung von Leni Riefenstahls „Do- kumentarfilmen“ „Triumph des Willens“ und „Olympia“. Medienkompetenz – Dekonstruktion als Herausforderung Für einen mündigen Medienkonsumenten ist die Fähigkeit zur kritischen Analyse auf allen Ebenen des Mediums unerlässlich, denn jeder Film und seine Narration müssen als Konstruktion betrachtet werden, die es zu erkennen gilt. So können die von einer Filmaufnahme transportierten Informationen nur mithilfe einer – in der Geschichtswissenschaft als innere und äußere Quellenkritik bezeichneten – Dekonstruktion angemessen herausgearbeitet und deren Aussagekraft eingeordnet und bewertet werden. Filmsprachliche Mittel (Einstellungsgrößen, Kameraposition und Montage) müssen ebenso untersucht werden wie die Textebene (Drehbuch, Dialoge), die Verwendung von Ton und Musik 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016

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Thema Quelle: Deutsche Kinemathek / Jurek Sehrt (Motive, Liedtexte). Auch der Einsatz von zeitgenössischem, unbearbeitetem Bildmaterial und Zeitzeugeninterviews ist zu untersuchen. Darüber hinaus muss der Entstehungskontext ebenso wie die Rezeption (Zensur, Pressestimmen, Zuschauerzahlen) beleuchtet und nach den Gestaltungsintentionen und den Deutungsmustern der Entscheidungsträger gefragt werden. Hinzu kommt die Frage nach der historischen Authentizität und Plausibilität der dargestellten Fakten, Personen, Milieus, aber auch der Ausstattung, wobei berücksichtigt werden muss, dass die Eigenheiten des Mediums und jeweiligen Genres (Emotionalisierung, Spannungsbogen, Erzähllogik, Vorführdauer, Zielgruppe u. v. m.) nahezu automatisch einen teilweisen Verlust an Authentizität verursachen. Diese kurz skizzierten Elemente der Dekonstruktion sollte wenn möglich durch Quellenmaterial (z. B. Rezensionen, Statistiken, Korrespondenz oder Set-Fotografien) ergänzt werden. Erst auf Grundlage dieser Analysekompetenz kann ein reflektierter Medienkonsum stattfinden. Möglichkeiten der Filmbildung In Unterricht und Lehre zeigte sich in den vergangenen Jahren ein deutlicher Kontextualisierung: Archivrecherche von filmbegleitenden Materialien Trend hin zur Verankerung von Film- und Medienbildung und somit der Auseinan- die Deutsche Kinemathek – Museum für stattformate als Ergänzung zu regulärer dersetzung mit dem Medium Film in den Film und Fernsehen bieten Lehrpersonen Lehre und Unterricht. schulischen und universitären Curricula. Hilfestellung bei der Schulung im Bereich Initiativen zur Filmbildung ebenso wie Filmbildung und entwickeln auf den Cur- Anders gestaltet es sich im Freizeitbeaußerschulische Lern- und Lehrorte wie ricula ausgerichtete Seminar- und Werk- reich, denn hier haben die Medienkon- sumenten über das Internet Zugang Die Propagandabilder aus „Triumph des Willens“ prägen bis heute das medial produzierte Bild der NS-Diktatur. beispielsweise zu Geschichtsdokumen- tationen teils fragwürdiger Seriosität; zu Spielfilmen aus Vergangenheit und Gegenwart; und nicht zuletzt besteht auch niedrigschwelliger Zugriff auf illegale, teils gewaltverherrlichende, diskriminierende und manipulativ-propagandistische Filme, die verzerrte bis bewusst falsche Bilder der Vergangenheit entwerfen. Dies zeigt sich deutlich anhand der Zugänglichkeit von NS-Produktionen und Vorbehaltsfilmen wie „Jud Süß“. Während Dokumentationen und die meisten Historienfilme vom jungen Publikum selten freiwillig konsumiert werden, transportieren zahlreiche Produktionen Geschichtsbilder, ohne als „Geschichtsfilm“ eingeordnet zu werden. Meist sind diese Filme dem Unterhaltungsfilm und hier den Genres Actionfilm und Kriegs- » Foto: Bundesarchiv Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016 5

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Thema Foto: Rob Anefo / Niederländisches National-Archiv Quelle: Deutsche Kinemathek / Jurek Sehrt tauchen in die filmische Welt das Risiko, unreflektiert Deutungen, Urteile oder Wertvorstellungen zu übernehmen und daraus das eigene Bild der Vergangenheit zu formen. Unterhaltungsfilm als Untersuchungsgegenstand: James Bond und der Kalte Krieg » film zuzuordnen. So wird in Actionfilmen oft jüngere und jüngste Geschichte verarbeitet, ohne dass die Erzählung dieser Spielfilme in erster Linie als historisch vermarktet oder vom Zuschauer verstanden wird. Als Beispiele hierfür können ebenso „Rambo“-Filme als Repräsentationen des Vietnam- bzw. Afghanistankrieges, „James Bond“-Filme als Spiegelbild des Kalten Krieges, „Black Hawk Down“ für die internationale Interventionspolitik der 1990er- und 2000er-Jahre oder aber die Serie „Narcos“ als Darstellung latein- amerikanischer Zeitgeschichte gelten – eine Liste, die sich unendlich fortsetzen ließe. Nahezu unbemerkt vom unbedarften Zuschauer werden Geschichtsbilder präsentiert und das Geschichtsbewusstsein geprägt. Tatsächlich impliziert die Bezeichnung Unterhaltungsfilm bereits, dass hier beim Medienkonsum das Vergnügen im Vordergrund stehen soll und eine kritisch-analytische Distanz zum Gezeigten vom Verfasser ebenso wenig wie vom Zuschauer gewünscht ist. Dennoch birgt gerade dieses unbedarfte Ein- Perspektiven Die multimediale Bilderflut sowie deren nahezu grenzenlose Zugänglichkeit, verbunden mit informellen Lernsituationen im Heimkino oder Internet, erfordern ein Umdenken. In einer Welt, in der Kinder im Vorschulalter Zugang zu audiovisuellen Medien haben, muss der Medienkompetenz und Filmbildung im institutionellen wie privaten Bereich ein neuer Stellenwert zugemessen werden. Dabei reicht es nicht, mediale Inhalte über Altersfreigaben, Prädikate oder ähnliche Zugangsempfehlungen und -regulierungen zu orchestrieren und erst in höheren schulischen Jahrgängen oder ausgewählten Universitätsseminaren den Umgang mit bewegten Bildern zu lehren. Vielmehr ist es unbedingt erforderlich, dass Film- und Medienbildung integraler Bestandteil aller Bildungsebenen wird und Schritt mit dem Medienkonsumenten hält. Schulische und außerschulische Bildungsinstitutionen nehmen hierbei eine wichtige Rolle ein, benötigen aber (wie bereits an den Universitäten) entsprechend qualifiziertes Lehrpersonal, technische Ausstattung und Raum im Lehr- Filmbildung am außerschulischen Lernort: Workshop an der Deutschen Kinemathek 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016

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Quelle: Deutsche Kinemathek / Jurek Sehrt Thema zu schaffen. Denn weit über die Genese und Vermittlung von Geschichtsbewusstsein hinaus prägen audiovisuelle Medien und besonders Spielfilme unseren Alltag und damit unsere Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. ■ Die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen hat die Aufgabe, Filmwerke zu sammeln und zu bewahren, Filmgeschichte auszu- stellen und zu vermitteln. Der Bereich Bildung und Vermittlung bietet Film- bildungsprogramme für zahlreiche Lern- und Lebensbereiche an, sowohl schulisch als auch außerschulisch. Ne- ben Studientagen, Filmsichtungen und Kritische Filmanalyse: Dekonstruktion mit Hilfe von Filmausschnitten Fachgesprächen werden Workshops zu Themen wie „Film in der DDR – Die und Stundenplan – beispielsweise ein ten Erziehungsberechtigten sollten einer- DDR im Film“, „Ideologie und Mani- Schulfach, das Medienbildung nicht zur seits sensibilisiert, andererseits begleitet pulation im Unterhaltungsfilm“ oder Neben-, sondern zur Hauptsache macht, werden. Die Herausforderung für die „Science-Fiction – Experimentierfeld, oder fachübergreifende Universitätsse- Filmbildung liegt darin, durch langfristige Sehnsuchtsort oder Schreckensszena- minare, die angehende Historiker, Lehrer Sensibilisierung und Schulung bereits bei rio?“ angeboten und Schulungen für und andere im angemessenen Umgang Kindern und Jugendlichen Grundlagen Lehrer und Multiplikatoren organisiert. mit audiovisuellen Medien schult. Darü- für einen reflektierten Umgang im priva- Informationen unter: www.deutsche- ber hinaus muss im informellen Kontext ten wie auch im institutionellen Bereich kinemathek.de/bildung ein Bewusstsein für die Dringlichkeit von Medienkompetenz für jedermann ge- Jurek Sehrt leitet den Bereich Bildung und Vermittlung der Deutschen Kinemathek – schaffen werden. Die oftmals überforder- Museum für Film und Fernsehen Anzeige Besuchen Sie auch unter: www.online-beratung-gegen-rechtsextremismus.de Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016 7

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Thema Foto: Studiocanal 2016 Die große Kraft der Fiktion Interview mit Kai Wessel, Regisseur von „Nebel im August“ Mit „Nebel im August“ ist am 29. September 2016 ein Spielfilm in die Kinos gekommen, der dem tödlichen „Euthanasie“Programm im Nationalsozialismus Aufmerksamkeit schenkt. Es geht vor allem um die Morde an Kindern in den Heilund Pflegeanstalten. Der Film nach der Buchvorlage von Robert Domes beschäftigt sich intensiv mit den einzelnen Figuren, bricht Klischees auf und erzielt eine unmittelbare Wirkung auf die Zuschauer. Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. stellte Fragen an Regisseur Kai Wessel. Was hat Sie an dem Buch „Nebel im August“ von Robert Domes fasziniert? Robert Domes hat für das Buch unglaublich viele Fakten zusammengetragen und es geschafft, daraus eine sinnliche, spannende und wahrhaftige Geschichte zu schreiben, die nicht verklärt und romantisiert. Es musste möglich sein, einen ebensolchen Film daraus zu machen. Wie kamen Sie und Produzent Ulrich Limmer darauf, daraus einen Spielfilm zu machen und keinen Dokumentar- film? Ulrich Limmer wollte immer einen Spiel- film daraus machen. Ein Dokumentarfilm kann vieles besser als die Fiktion – keine Frage. Aber es gibt wenig bewegtes Ma- Regisseur Kai Wessel (l.) mit Produzent Ulrich Limmer am Drehort am Kloster Mühlheim. terial zu diesem Thema. Die Fiktion hat die Möglichkeit, Fakten zu komprimieren der und Menschen gespielt, getanzt, chologisch betreut, was aber eher die und von diesem fast vergessenen Unrecht gefeiert, sich verliebt. Meine bisherige Eltern der Kinder in Anspruch nahmen. zu berichten und dabei emotional die Erfahrung ist, dass Jugendliche sogar Protagonisten „live“ zu erfassen. Es kann unbefangener mit dem schweren Thema Im Film ist die todbringende Kranken- die große Kraft der Fiktion sein, mitten in umgehen können als Eltern. schwester hübsch, die den Kindern hel- der Geschichte zu stehen und dieses Un- fende Ordensschwester spröde. Der recht in allen Facetten von innen heraus Wie wurden die mitspielenden Kinder Anstaltsleiter wirkt anfangs freund- zu beleuchten. auf den Film vorbereitet, wie brach- lich und verständnisvoll. Haben Sie ten Sie ihnen das Thema „Euthana- die Rollen absichtlich gegen Klischees Der Film mutet Zuschauern viel zu. sie“ näher? angelegt und besetzt? Wie nah sind Mit welchen Reaktionen rechnen Das haben in der Regel die Eltern schon Sie beim Personal der „Heil- und Pfle- Sie zum Beispiel bei Eltern und bei bei den Castings übernommen. Klar wur- geanstalt“ an der Realität geblieben? Jugendlichen? de in den Familien diskutiert, das Buch Es ist eben nicht richtig, wenn wir den- Naja, das bringt das Thema schon mit, gelesen und dann entschieden, ob die ken, wir könnten das Böse und das Gute man darf da nicht beschönigen. Wir ha- Kinder überhaupt zu diesem Casting ge- allein durch das Äußere voneinander un- ben versucht, auch die guten Momente hen wollen. Die Kinder zeigten allseits terscheiden. Es ist viel schwieriger. In un- in einer schweren Zeit zu zeigen. Es ist großes Interesse, sich dem Thema und serem Film kommen alle Seiten zu Wort, ja nicht so, dass im Nationalsozialismus den Eigenarten der Rollen zu widmen. haben die Möglichkeit mit Argumenten zwölf Jahre nicht die Sonne geschienen Darüber hinaus wurden die Kinder pro- ihre Denkweise darzulegen und lassen hätte. Auch in dieser Zeit haben die Kin- fessionell gecoacht und zusätzlich psy- den Zuschauer entscheiden, mit wem er geht. Der reale Dr. Veithausen wurde zum Kai Wessel ist einer der bekanntesten deutschen Film- und Fernsehregisseure. Mit his- Beispiel oft als sehr liebenswerter und gu- torischen Stoffen hat er sich im Laufe seiner Karriere immer wieder auseinandergesetzt. ter Arzt beschrieben. So leitete Wessel 1999 die Dreharbeiten zur vielbeachteten zwölfteiligen Fernsehserie „Klemperer – Ein Leben in Deutschland“, in der die Tagebücher des jüdischen Literatur- Was ist der Film für Sie, Geschichtsfilm, professors Victor Klemperer während der Zeit des Nationalsozialismus verfilmt wurden. Dokutainment, Biopic oder etwas Für den Film „Nebel im August“ erhielt Wessel 2015 den Bayerischen Filmpreis. ganz anderes? 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016

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Fotos: © Studiocanal 2016 Thema Anstaltsleiter Dr. Werner Veithausen (Sebastian Koch) ist bei den jungen Patienten beliebt, weil er sich freundlich und verständnisvoll zeigt. Der Junge im Bett weiß nicht, dass der Arzt bereits seinen Tod beschlossen hat. Nur die Ordensschwester Sophia (Fritzi Haberlandt) versucht den Kindern zu helfen – Bild links. Die hübsche Schwester Edith Kiefer (Henriette Confurius) agiert in Wahrheit als Todesengel – Bild unten. Für mich stand über allem die Herausforderung, all den ungehörten Stimmen gegen Ungerechtigkeit, Misshandlung, Unterdrückung und Willkür einen Raum zu geben und gehört zu werden. Und im guten Fall darüber hinaus auch Gedanken darüber anzustoßen, wie wir heute leben. Wie wir denken, handeln und was wir besser machen können. Mich interessieren Schubladen wenig, und wenn, dann nur, um sie aufzumachen und neu zu sortieren. ■ Christoph Heubner Ich bin in meiner Zeit gefragt. Eine persönliche Betrachtung zum Thema Film in der politischen Bildung Ich schreibe diese Zeilen in jenen Stunden, als der Welt der Tod Andrzej Wajdas übermittelt wird: Der große polnische Regisseur und Chronist seiner Zeit ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Mit ihm verlässt uns eine europäische Legende, die in ihrem filmischen Werk unserem zerrissenen und immer wieder bedrohten Kontinent einen Spiegel vorgehalten hat. Andrzej Wajda berichtete von Kriegen, Zerstörungen, sozialen Konflikten, Massenmissbrauch und Antisemitismus – aber immer war der Ausgangspunkt seines Schaffens seine Liebe zur Welt und zu seinen Mitmenschen. Immer stand er auf der Seite der Opfer, immer blieb ihm der strenge Blick eines Kindes auf die Erwachsenen und die Verheerungen, die sie im Leben anrichten, geschenkt. Jede nationale Hybris war Andrzej Wajda fremd: Er glaubte an ein freies Polen in einem gemeinsamen europäischen Haus, das der Welt und ihren Menschen leuchtend offen steht. Ich traf ihn zuletzt am 90. Geburtstag des polnisch-jüdischen Auschwitz-Überlebenden Marian Turskis. Dessen Freunde, darunter Andrzej Wajda, hatten für ihn eine berührende und phänomenale Geburtstagsfeier ausgerichtet: Jene Polen, die sich, heimgekehrt aus den Konzentrationslagern und Verbannungen im Osten, seither selbstbewusst für ein neues, freies Polen einsetzen – in einem weltoffenen, menschlichen Europa. Wieder einer gegangen, der uns Geschichte erzählt hat: Was wird werden, wenn die „Zeitzeugen“, die Überlebenden des Holocaust die Tür zum Leben schließen? Ich sprach über diese Frage vor einigen Jahren mit der französischjüdischen Auschwitz-Überlebenden Simone Veil, damals Ministerin in Frankreich, vormals erste Präsidentin des Europäischen Parlaments. Simone Veil formulierte schon damals ihre Hoffnung auf die Filme, die die Erzählungen der Überlebenden fortschreiben, aufglie- » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016 9

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Thema Foto: US-Botschaft in Schweden Foto: Boris Buchholz Fähigkeit, jüngere Menschen zu erreichen. Ja, es braucht Heldenfiguren. Ja, die Filme sollen nachdenklich stimmen und identitätsstiftend wirken. Aber kann dies gelingen? men des Projekts seit einigen Jahren den 2004 entstandenen Spielfilm „Hotel Ruanda“, der in sehr eindrucksvoller Weise die Geschehnisse des Völkermordes in Ruanda im Frühjahr 1994 erzählt. Die Hauptfigur aus dem Film “Hotel Ruanda” ist Paul Rusesabagina nachempfunden, der viele Menschen vor dem Genozid bewahrte. » dern und künstlerisch ausleuchten müss- ten. „Auch deswegen haben wir die Bücher geschrieben“, so beschrieb sie klar die Aufgabe, die vor uns liegt: Es wird sowohl eine wissenschaftliche als auch eine künstlerische Durchforstung der Bücher geben müssen, die uns AuschwitzÜberlebende und andere Überlebende der Nazi-Verbrechen in die Hände gegeben haben. Was damit angefangen wird, mag vielfältig sein. Wichtig jedoch ist die künstlerische Authentizität, die Achtung vor dem Erzählten und nicht zuletzt die Seit mehreren Jahren konzipiere ich gemeinsam mit meiner Kollegin Ines Doberanzke von der Volkswagen AG 14-tägige Projektaufenthalte von VWAuszubildenden in der Gedenkstätte Auschwitz. Die Jugendlichen nehmen an intensiven Führungen mit mir durch Auschwitz und Birkenau teil, lernen ihr Nachbarland Polen kennen, vor allem aber arbeiten sie in diesen 14 Tagen praktisch in der Gedenkstätte und helfen so, diesen Ort der deutschen Schuld und des europäischen Versagens für die Millionen Besucher aus aller Welt zu erhalten. Natürlich spielt bei den Fragen, die die jungen Menschen während ihres Aufenthaltes in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz stellen, immer auch die nach der persönlichen und gegenwärtigen Herausforderung eine wichtige Rolle: Was habe ich hier gehört, was weiß ich jetzt, was erwarte ich von mir? Kann ich überhaupt zur existenziellen Änderung der Welt etwas beitragen, hat sich die Welt seit „Auschwitz“ geändert? Um diese Fragen aufzunehmen, zeigen wir im Rah- Der Film bietet den Jugendlichen zahlreiche aktuelle „Parallelentdeckungen“, die sich in ihren Strukturen und Abläufen auf das beziehen, was sie über die Vorbereitung und Durchführung von Völkermord, über Antisemitismus und Rassenhass in Auschwitz gehört, gelernt und im Gelände und in den Ausstellungen des Museums selbst beobachtet haben. Hierzu gehört beispielsweise die Rolle der Propaganda, mit deren Hilfe Menschen in eine Hass- und Pogromstimmung hineingetrieben werden, die vorher friedlich und teilweise familiär miteinander verbunden gelebt haben. Gleiches gilt für Situationen im Film, die an Selektionen erinnern und von den Jugendlichen auch sofort als solche klassifiziert werden. Zusammengefasst lässt sich formulieren, dass der Film eigene Fragen der Jugendlichen vertieft und zuspitzt. Vor allem aber lässt er sie eines erkennen: Auch nach „Auschwitz“ gibt es Völkermord, die Welt braucht meine offenen Augen, ich bin in meiner Zeit gefragt! ■ Christoph Heubner mit Auszubildenden von VW und Ines Doberanzke (links im Bild) bei einer Veranstaltung in Berlin 2014. Christoph Heubner ist Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees und Vorstandsmitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016

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Thema Foto: © Stefan Weinert Maria Nooke Aus der Perspektive der Betroffenen Je weiter man in den Westen Deutschlands kommt, desto weniger interessiert die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte. Dies besagen nicht nur Umfragen, sondern auch immer wieder geäußerte Meinungen aus den verschiedensten Richtungen. Doch die sozialisierende Wirkungsmacht des diktatorischen SED-Regimes und die Erfahrungen der Menschen, die in der DDR gelebt haben, reichen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – bis in die Gegenwart. Sie beeinflussen nicht nur den gesellschaftlichen Alltag, sondern haben auch Auswirkungen auf jüngste politische Entwicklungen. Eine Beschäftigung mit diesem Teil unserer Geschichte ist zwingend notwendig. Wie also kann man die Auseinandersetzung mit dem SED-System und dessen Folgen sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesländern vermitteln? DDR-Geschichte aus der Perspektive der deutschen Teilung zu betrachten ermöglicht es, einen übergreifenden Bezug herzustellen. Denn die deutsch-deutsche Teilungsgeschichte betrifft die Bürgerinnen und Bürger in allen Teilen Deutschlands – damals und heute. Insbesondere die Perspektive der betroffenen Menschen bietet einen Zugang, der sowohl eine kritische Auseinandersetzung mit dem System ermöglicht als auch die Folgen für die Menschen einbezieht. Der Schauspieler und Regisseur Stefan Weinert hat in zwei eindrücklichen Dokumentarfilmen das Schicksal einzelner Ein Schicksal aus dem Film „Die Familie“: Irmgard B. hat bis heute nicht erfahren, was mit der Leiche ihres Sohnes geschehen ist. Menschen in den Mittelpunkt gestellt, deren Leben ein besonderes Licht auf die DDR-Wirklichkeit wirft. In „Die Familie“ begleitet der Filmemacher Angehörige von Opfern, deren Leben an der Mauer ausgelöscht wurde. Die Grausamkeit des Grenzregimes, das zum Erhalt des Systems notwendig war, wird in ihrer ganzen Unmenschlichkeit aus dem Blickwinkel der unmittelbar Betroffenen deutlich. Bis heute leiden die Hinterbliebenen an ihrem Verlust. Auch sie sind Opfer der Unrechtstaten. Eine Mutter weiß noch immer nicht, wo die Leiche ihres Sohnes geblieben ist. Eine Ehefrau versteht nicht, wie und warum ihr Ehemann an der Grenze ertrunken ist. Der Sohn eines Maueropfers sieht zum ersten Mal in einer Stasi-Akte Fotos von der Leiche seines Vaters, der erschossen wurde, als er ihn vom Kindergarten abholen wollte. Stefan Weinert hält sich mit Kommentaren zurück, lässt die Betroffenen über ihre ganz persönlichen Erlebnisse sprechen, zeigt Fakten auf, aber benutzt sie nie plakativ oder Effekt heischend. Die Geschichte, Zahlen, Fakten und Statistiken sprechen ihre eigene radikale Sprache.  In seinem Film „Gesicht zur Wand“ stellt Stefan Weinert fünf erschütternde Schicksale von in der DDR Inhaftierten vor, die wegen Fluchtversuchs aus der » ■ Filminformation: Die Familie Dokumentarfilm von Stefan Weinert. Deutschland 2014, 92 Minuten. www.diefamilie-derfilm.de Gesicht zur Wand Dokumentarfilm von Stefan Weinert. Deutschland 2009, 85 Minuten. www.gesichtzurwand.de 11Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016

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Thema Foto: © Stefan Weinert Szene aus dem Dokumentarfilm „Gesicht zur Wand“ » DDR oder aus politischen Gründen ver- urteilt wurden. Außergewöhnlich offen berichten sie von ihrem Kampf gegen das Regime, den Haftbedingungen und Verhörmethoden. So werden in diesem sensiblen Dokumentarfilm offene Wunden und seelische Verletzungen ans Licht gebracht. Der Film bleibt dicht an den Zeitzeugen, fängt ihre Regungen auf, ist geradlinig und vermeidet jede überflüssige Ergänzung. Die klare Form der Erzählung und der sorgfältige Umgang mit den Menschen ist eine der vielen Qualitäten dieses auch in seiner klugen Montage bemerkenswerten Zeitdokuments. Dr. Maria Nooke ist stellvertretende Direktorin der Stiftung Berliner Mauer, Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde und Vorstandsmitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Weinerts Protagonisten lassen zu, dass er sie in schmerzhaften Situationen filmt. Er kommt ihnen dabei sehr nahe, stellt sie aber nie in ihrem Leid aus. Dies macht die besondere Stärke seiner Filme aus. Der Regisseur verzichtet auf schnelle Schnitte und das Nachspielen von Szenen. Dafür gibt er den Menschen Raum und lässt ihre Geschichten wirken. ■ ■ Sonderausstellung in Marienfelde Eine neue Sonderausstellung in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde widmet sich der Migration aus dem Westen in die DDR. „Wechselseitig. Rück- und Zuwanderung in die DDR 1949 bis 1989“ erzählt die kaum bekannte Geschichte jener Menschen, die von der Bundesrepublik in die DDR einwanderten. Die meisten der etwa 500 000 Personen, die über die innerdeutsche Grenze von West nach Ost wechselten, wählten diesen Weg vor dem Mauerbau – aus Gründen, die häufig Ursache für Migration sind: Sie kehrten zurück zu ihren Familien und Freunden, hatten sich verliebt, flohen vor Strafverfolgung oder suchten Arbeit und ein besseres Leben. Nur eine Minderheit ging diesen Weg aus politischer Überzeugung. Die Ausstellung lässt diesen bisher wenig beachteten Aspekt deutsch-deutscher Geschichte am Beispiel der Lebensgeschichten prominenter und unbekannter Übersiedler lebendig werden. Gleichzeitig geht sie vertiefend auf übergreifende Themen der West-Ost-Migration ein, auf die deutsch-deutschen Propagandaschlachten, den Alltag in den Aufnahmeheimen, die Erfahrungen der Übersiedler in der DDR-Gesellschaft und auf die oft entscheidende Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Wanderungsbewegung von West nach Ost ist eine besondere, wählten die Menschen mit ihrer persönlichen Entscheidung für ein Leben in der DDR doch den Weg in eine Diktatur, die mehr als vier Millionen DDR-Bürger veranlasste, genau diesem Land den Rücken zu kehren. Die persönlichen Entscheidungen für einen Wechsel in die DDR sind vor diesem Hintergrund zum Teil schwer nachvollziehbar. Doch die Lebensgeschichten dieser Menschen ermöglichen es, Alltag und Diktatur in der DDR aus einer besonderen Perspektive zu betrachten. Sie geben Einblick in Hoffnungen und Erwartungen an den DDR-Sozialismus, zeigen aber auch die Enttäuschungen über die Lebensrealität auf und geben Einblick in das Ausmaß an Kontrolle und den durch Überwachung ausgelösten Druck. Analyse und Betrachtung dieser Wanderungsbewegung ermöglichen eine Auseinandersetzung mit der DDR aus einem ganz neuen Blickwinkel. Das Angebot ist als Wanderausstellung konzipiert und steht für weitere Ausstellungsorte zur Verfügung. „Wechselseitig. Rück- und Zuwanderung in die DDR 1949 – 1989“, Eine Ausstellung von exhibeo e. V. – Gesellschaft für politische, kulturelle und historische Forschung und Bildung (Berlin) in Kooperation mit der Stiftung Berliner Mauer. 3. November 2016 bis 17. April 2017, Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde www.notaufnahmelager-berlin.de. 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016

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Thema Umfrage Filme, die uns prägen In einer kleinen, geschäftsstelleninternen Umfrage berichten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., welche Filme mit historischem Bezug ihnen in Erinnerung geblieben sind. ■ Astrid Schuhmann, Verwaltungsfachangestellte „Soweit die Füße tragen“ (1959) – in der mehrteiligen Version. Hier wurde ich von meinem Opa zum Anschauen „zwangsverpflichtet“, weil er das auch durchlebt hat und wollte, dass ich verstehe, warum er so war, wie er nun mal war. Bereichernd fand ich „Das Leben der Anderen“ (2006) – weil ich mit DDR-Geschichte nie etwas zu tun hatte. Aus der Schulzeit fällt mir noch „Die Welle“ ein, weil er nachvollziehbar und nicht allzu heftig vermittelt, wie man Menschen manipulieren und wie schnell gewisses Gedankengut bei den falschen Menschen in die falsche Richtung gehen kann. ■ Conny Baeyer, Fundraisingmanagerin Die Serie „Holocaust“ (1978) hat mich so beeindruckt, dass ich danach noch das Buch sowie viele weitere zu diesem Thema gelesen habe. Auch die „Exodus“Verfilmung (1960) des Romans von Leon Uris begleitet mich seit vielen Jahrzehnten. Und „Der Pianist“ (2002) war ein herausragender Film. Die Rollen waren hervorragend besetzt. Die menschliche Geschichte in dieser unmenschlichen Zeit hat mich sehr beeindruckt. Neuere Filme sind „Die Bücherdiebin“ (2013) und „Nebel im August“ (2016). ■ Dennis Riffel, wissenschaftlicher Referent Stärker als Filme haben mich Gespräche mit meinem Opa und sein Fotoalbum aus dem Zweiten Weltkrieg geprägt. Mit 17 habe ich den Film „Die Brücke“ von Bernhard Wicki (1959) gesehen. Das Schicksal der 16-Jährigen, die im April 1945 als letztes Aufgebot eine völlig unwichtige Brücke gegen US-Panzer verteidigen, hat mich sehr bewegt. Damals beschäftigte mich die Frage, ob ich Wehr- oder Zivildienst leisten solle. Der Film „Nebel im August“ (2016), bei dem Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Kooperationspartner ist, hat ein ähnliches Potenzial wie Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993). ■ Kai Sachse, studentischer Mitarbeiter „Schindlers Liste“ (1993) auf jeden Fall. Er hat als erster großer Kinofilm zum Thema Holocaust großes Unverständnis für das Geschehene ausgelöst und die Unbegreifbarkeit und Unmenschlichkeit der Shoah verdeutlicht. Zur Stasi-Vergangenheit Deutschlands haben wir in der Schule „Das Leben der Anderen“ (2006) geschaut. Der Film löste viele Diskussionen über das SED-Regime aus, mit dessen Geschichte westdeutsche Schüler sonst nicht intensiv beschäftigt werden. „Good Bye Lenin“ (2003) hat mich mit der Ambivalenz des Mauerfalls konfrontiert. Für ein anderes, wichtiges Kapitel deutscher Geschichte steht der „Baader Meinhof Komplex“ (2008). ■ Liane Czeremin, Referentin Öffentlichkeitsarbeit Bücher haben mich mehr geprägt als Filme. Bei den Filmen waren zeitgenössische Produktionen wie „Casablanca“ (1942) oder „Der große Diktator“ (1940) für mich bedeutend. Ihr Appell an eine humane Grundhaltung hat auf mich authentisch und ehrlich gewirkt. Der Ausschnitt über das Milgram-Experiment im Film „I wie Ikarus“ (1979), der uns in der Schule gezeigt wurde, war wichtig für mich um nachzuvollziehen, zu welchen Taten ganz normale Menschen (wie im Zweifel auch ich selbst) fähig sein können. ■ 13Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016

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Thema Screenshots: Liane Czeremin Oral History mit Lokalbezug: Der Dokumentarfilm „Die Flucht der Kinder“ Mit dem Film „Die Flucht der Kinder“ entstand zur Jahrtausendwende eine Dokumentation, die es auch heute noch ermöglicht, das Schicksal verfolgter Juden aus dem Raum Kassel hautnah nachzuempfinden. Ähnlich wie bei dem großen Oral-History-Projekt des Regisseurs Steven Spielberg stand auch in Kassel der persönliche Kontakt zu Zeitzeugen am Anfang dieser Idee. Die Zeitzeugin Ellen Davis berichtet. Ernst Klein, Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppe Nordhessen / Südniedersachsen, hat in den 1990er-Jahren weltweit nach Überlebenden des Holocaust gesucht, die ihre Wurzeln in Nordhessen haben. Er nahm Kontakt zu ihnen auf und lud sie zu sich nach Kassel und Volkmarsen ein. Viele der Besucher vertrauten ihm ihre Lebensgeschichte an. So wuchs die Idee, die Erzählungen filmisch festzuhalten und künftigen Schülergenerationen einen Eindruck zu vermitteln, was in ihrer unmittelbaren Umgebung damals geschah. In Zusammenarbeit mit der Filmemacherin Heidi Sieker entstand eine filmische Collage, die ein plastisches Bild davon vermittelt, wie jüdische Kinder während der NS-Zeit schrittweise ihre Rechte verloren, ihr Alltag immer mehr eingeschränkt wurde, bis spätestens nach der „Reichspogromnacht“ deutlich wurde, dass Juden in Deutschland ihres Lebens nicht mehr sicher sein konnten. Verzweifelt versuchten Eltern, wenigstens ihre Kinder zu retten und ins Ausland zu schicken. Die „Kindertransport“-Aktion Großbritanniens war eine der wenigen Möglichkeiten – sie vermittelte mehr als 10 000 jüdische Kinder vornehmlich aus Deutschland in einheimische Pflegefamilien. Doch die Rettung der Kinder war oft mit dem endgültigen Abschied von ihren Familien verbunden. Die meisten Angehörigen überlebten den Holocaust nicht. Regisseurin Sieker belässt es nicht dabei, die Interviews mit den „Kindern“ – wie diese sich immer noch nennen – nebeneinander zu stellen. Sie hat Filmsequenzen an Originalschauplätzen gedreht und Jugendliche aus Kassel gefilmt, die Passagen aus dem Theaterstück „Kindertransport“ von Diane Samuels spielten. Für Schüler, die künftig nicht mehr die Möglichkeit haben werden, persönlich mit Zeitzeugen der NS-Zeit zu sprechen, birgt dieser unterrichtstaugliche 60-Minuten-Film die Chance, eigene, lokal verankerte Bezüge zu den historischen Geschehnissen herzustellen. Der Aufwand hat natürlich Kosten verursacht, die nur durch die Zusammenarbeit vieler lokaler Akteure zu tragen waren. Zusätzlich hatte der damalige Vorsitzende von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Hans-Jochen Vogel einen Kontakt zu Walther Seinsch hergestellt. Der langjährige Vereinsvorsitzende des FC Augsburg unterstützte den Film mit einer großzügigen Spende. Darüber hinaus haben einige Kontakte das Projekt überdauert. Ernst Klein: „Der oft im Film zu sehende Bern Brent / Gert Bernstein stammt aus einer alteingesessenen Volkmarser Familie, wohnte aber mit seinen Eltern in Berlin. Er ist jetzt 93 Jahre alt und lebt in Australien. Wir haben uns erst in diesem Frühjahr wieder getroffen.“ ■ In dem Film sind auch alte Zeitungsartikel, Fotos und Theaterszenen zu sehen. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016

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Thema Petra Metzger Der letzte Zeuge: Hochbunker Körnerstraße 101 in Köln-Ehrenfeld Fotos: Petra Metzger Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange, der verheerende 1.000-Bomber Angriff auf Köln bereits vorbei, als Anfang 1943 im proletarisch-kleinbürgerlichen Teil Köln-Ehrenfelds ein Luftschutzbunker für rund 1.500 Menschen fertiggestellt und seiner Bestimmung übergeben wurde. Die bemerkenswerte Geschichte des Geländes an der Körnerstraße, die der Bunkerverein wach halten will, begann aber bereits Mitte der 1920er-Jahre. Der Kaufmann Peter Winkels veräußerte im August 1926 zwei nebeneinanderliegende Flurstücke an der Körnerstraße 93 an die Jüdische Gemeinde Kölns, die darauf eine Stadtteilsynagoge errichten wollte. Der renommierte Kölner Architekt Robert Stern, der bereits einige Villen und mehrere Bauten für die Jüdische Kultusgemeinde errichtet hatte, schuf ein modernes Gotteshaus, dessen schlichtes Äußeres mit leuchtender Farbigkeit im Inneren überraschte. Neben der Synagoge entstand ein bescheidener Gebetsraum für die Wochentage, eine Religionsschule und ein Wohnhaus für den Kantor. Die Einweihung fand im September 1927 statt. In der Pogromnacht zum 10. November 1938 wurde die Synagoge geschändet und niedergebrannt. Wie Von Fotografie bis Performance, elektronischer Kunst bis Streetart: Der Bunker bietet ein besonderes Raumerlebnis und kann so das Interesse für Funktion und geschichtlichen Hintergrund des Gebäudes bei Menschen aus unterschiedlichen Milieus wecken Zeitzeugen berichteten, schauten dabei umstehende Beobachter, darunter auch ort aus. 1941/42 wurde der dreistöckige Jahre lang dienten die fensterlosen und Feuerwehrleute, tatenlos zu. Hochbunker gebaut. Tatsächlich hielt stickigen Räume als Notunterkunft, bis er den Luftangriffen der Alliierten stand sie mit dem Entbunkerungsprogramm im Zuflucht und Notquartier und bot den Anwohnern Zuflucht. Als Jahr 1955 aufgegeben wurden. Dem „Führer-Sofortprogramm“ folgend, in der Nachkriegszeit Wohnraum knapp wies man 1940 das benachbarte Grund- war, wurden dort Flüchtlinge und ausge- Der monumentale Baukörper blieb für stück Körnerstraße 101 als Bunkerstand- bombte Familien einquartiert. Rund zehn etwaige Katastrophenfälle erhalten und befindet sich heute größtenteils im ur- Ein Ort verdichteter Zeitgeschichte: Der Bunker in Köln Ehrenfeld soll eine Schnittstelle zwischen lebendiger Erinnerung und künstlerischer Auseinandersetzung sein. sprünglichen Zustand. Er ist im Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Zwar erinnert heute eine Gedenktafel und auch die Bunkerbemalung an die Nachbarschaft der von den Nationalsozi- alisten zerstörten Synagoge, aber längst nicht jeder, der den Bunker kennt, weiß auch um die Vorgeschichte des Areals. Vergegenwärtigung des Vergangenen Die erste künstlerische Nutzung fand 1981 statt. Daniel Spoerri, der damals an den Kölner Werkschulen unterrichtete, führte dort mit seinen Studenten die Ak- tion „Promenade sentimentale“ durch. » 15Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 91 / November 2016

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