p. 58 HWWI/Berenberg Bank - Strategie 2030: SICHERHEITSINDUSTRIE

Schutz der »Kritischen Infrastruktur« / Waren-, Transport- und Hafensicherheit / Katastrophenschutz

 

Embed or link this publication

Description

Strategie 2030: Sicherheitsindustrie. Eine Initiative des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts und der Berenberg Bank

Content Pages


p. 1

hamburgisches weltwirtschafts institut sicherheitsindustrie strategie 2030 vermögen und leben in der nächsten generation eine initiative des hamburgischen weltwirtschaftsinstituts und der berenberg bank berenberg bank b

[close]

p. 2

hamburgisches weltwirtschafts institut sicherheitsindustrie hwwi teil a sicherheit ­ eine volkswirtschaftliche perspektive berenberg bank teil b die sicherheitsindustrie ­ geburt eines wachstumsmarktes strategie 2030 vermögen und leben in der nächsten generation eine initiative des hamburgischen weltwirtschaftsinstituts und der berenberg bank

[close]

p. 3

»berenberg bank · hwwi strategie 2030 ­ sicherheitsindustrie« ist eine gemeinsame studie der berenberg bank · neuer jungfernstieg 20 · 20354 hamburg und des hwwi hamburgisches weltwirtschaftsinstitut · heimhuder straße 71 · 20148 hamburg autoren pd dr michael bräuninger julia freese und dr alkis henri otto teil a cornelia koller wolfgang pflüger dr jörn quitzau teil b stand juli 2008 wir haben uns bemüht alle in dieser studie enthaltenen angaben sorgfältig zu recherchieren und zu verarbeiten dabei wurde zum teil auf informationen dritter zurückgegriffen einzelne angaben können sich insbesondere durch zeitablauf oder infolge von gesetzlichen Änderungen als nicht mehr zutreffend erweisen für die richtigkeit vollständigkeit und aktualität sämtlicher angaben kann daher keine gewähr übernommen werden bezug über berenberg bank · unternehmenskommunikation neuer jungfernstieg 20 · 20354 hamburg telefon 040 350 60-710 · telefax 040 350 60-907 · e-mail presse@berenberg.de

[close]

p. 4

strategie 2030 ­ vermögen und leben in der nächsten generation »es kommt nicht darauf an die zukunft richtig vorherzusagen sondern auf sie vorbereitet zu sein.« p e ri kle s ath enischer staats man n 493­429 v c h r die welt steht vor einer zeitenwende große makroökonomische und geopolitische trends werden das leben und wirtschaften der menschheit in der nächsten generation verändern dazu zählen die neue dimension religiös motivierter terroristischer bedrohung westlicher demokratien die mit der erweiterung der europäischen union verbundene einführung des euro als nationalstaatlich übergreifende gemeinschaftswährung die entstehung neuer wirtschaftlicher schwergewichte in asien volksrepublik china indien mit unausweichlichen folgen für rohstoff und kapitalmärkte die herausforderungen einer rapide alternden bevölkerung in vielen industrienationen mit all ihren konsequenzen für staatsfinanzen sozialsysteme arbeitsorganisation standortentscheidungen etc oder der klimawandel dies alles vollzieht sich vor dem hintergrund fortgesetzter technologiesprünge in einer sich globalisierenden wirtschaft in der folge finden politische gesellschaftliche technologische und wirtschaftliche veränderungen immer rascher statt mehr noch sie beeinflussen sich wechselseitig ­ mal verstärkend mal aber auch bremsend ­ und werden so in der wahrnehmung der menschen immer komplexer auch im sinne von weniger greifbar dies gilt umso mehr als sie weit in die zukunft reichen im fall des demografischen wandels sogar generationenübergreifend wirken trotz aller unsicherheit ­ eines ist klar politiker unternehmerisch handelnde und privatpersonen müssen sich diesem tief greifenden wandel planerisch und gestalterisch stellen so dürfte es ein lohnendes unterfangen sein nach orientierung gebenden wegweisern zu suchen sie als solche zu identifizieren und mögliche wegstrecken sowie zielorte zu beschreiben diesem versuch dient die gemeinsam vom hamburgischen weltwirtschaftsinstitut hwwi und der berenberg bank getragene schriftenreihe »strategie 2030 ­ vermögen und leben in der nächsten generation« sie vereint die expertise von über unsere landesgrenzen hinaus anerkannten konjunkturforschern mit den umfassenden erfahrungen eines führenden in der vermögensverwaltung tätigen privatbankhauses wir wünschen den lesern eine anregende und nützliche lektüre berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7 3

[close]

p. 5

inhaltsverzeichnis teil a sicherheit ­ eine volkswirtschaftliche perspektive zusammenfassung teil a 1 einleitung 2 das bedürfnis nach sicherheit 2.1 strategien im umgang mit unsicherheit 2.1.1 versicherung und diversifikation von risiken 2.1.2 risikovermeidung und gefahrenabwehr 3 ausgewählte risiken 3.1 kriminalität in deutschland 3.1.1 entwicklung der kriminalität 3.1.2 ursachen der kriminalität 3.1.3 volkswirtschaftliche kosten 3.1.4 das sicherheitsempfinden der bürger 3.2 terrorismus 3.2.1 entwicklung und ursachen des terrorismus 3.2.2 volkswirtschaftliche kosten 3.3 it-sicherheit 3.3.1 gefährdung von daten 3.3.2 schwachstellen und bedrohungen von it-systemen 4 trends 4.1 4.2 4.3 kriminalität terror datensicherheit 8 10 10 11 11 14 16 16 16 20 23 24 27 27 30 33 33 35 39 39 41 42 78 literatur und quellenverzeichnis teil a 4 berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7

[close]

p. 6

teil b die sicherheitsindustrie ­ geburt eines wachstumsmarktes 1 einleitung 1.1 1.2 was ist sicherheit die entstehung entwicklung der sicherheitsindustrie 46 46 46 47 47 48 50 50 51 52 55 56 57 57 57 58 62 65 75 79 2 der globale sicherheitsmarkt 2.1 2.2 marktabgrenzung marktgrößen und erwartetes wachstum 3 die bereiche der sicherheitsindustrie ­ innere sicherheit homeland defense 3.1 3.2 3.3 entstehung marktgröße und erwartetes wachstum 3.3.1 grenzsicherung flughafenkontrolle 3.3.2 strahlungs und explosivstoffdetektion schutz vor pandemien 3.3.3 it-netzwerksicherheit 3.3.4 schutz der »kritischen infrastruktur« 3.3.5 waren transport und hafensicherheit 3.3.6 katastrophenschutz 3.3.7 geheimdienstliche aufklärung 4 sicherheitsdienste und -technik eine weit verzweigte branche 5 zukunftsbranche sicherheitstechnologien 6 die sicherheitsindustrie aus anlegersicht literatur und quellenverzeichnis teil b die subsektoren anforderungen entwicklungspfade und interkonnektivität 52 berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7 5

[close]

p. 7



[close]

p. 8

teil a sicherheit ­ eine volkswirtschaftliche perspektive hwwi berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7 7

[close]

p. 9

zusammenfassung menschen sind in ihren lebensumständen und hinsichtlich ihrer vermögensausstattung von risiken verschiedener art und unterschiedlichen ausmaßes bedroht dabei können risiken zum teil versichert und zum anderen teil vermieden werden wobei beide optionen mit kosten verbunden sind die vermeidung von risiken kann sowohl durch individuelle sicherheitsmaßnahmen oder verhaltensformen als auch auf staatlicher oder gesellschaftlicher ebene erfolgen die optimalen investitionen in sicherheit werden dabei durch das individuelle verhalten und durch gesellschaftliche gegebenheiten und prozesse bestimmt so führt beispielsweise eine größere finanzielle ungleichheit tendenziell zu einem erhöhten gefährdungspotenzial durch kriminalität dieses kann aber durch eine erhöhte vorsicht ausgeglichen werden darüber hinaus beeinflussen private und staatliche investitionen in sicherheit wiederum das gefährdungspotenzial dabei können gesellschaftliche maßnahmen in teilen individuelle ersetzen in jedem fall gilt dass die vermeidung von risiken individuelle und gesellschaftliche kosten verursacht eine fehlerhafte einschätzung der bedrohungslage führt zu überhöhten sicherheitsmaßnahmen die zusatzkosten verursachen die studie untersucht kriminalität terrorismus und datensicherheit als ausgewählte risiken die hintergründe und ursachen für kriminalität sind vielfältig ob zukünftig mehr oder weniger kriminalität beziehungsweise eine verschiebung der bedeutung einzelner deliktarten zu erwarten ist und wie sich insgesamt die kosten für die gesellschaft entwickeln hängt somit von einer reihe von faktoren ab von der demografischen und wirtschaftlichen entwicklung aber auch von der zukünftigen bedeutung sozialer normen und nicht zuletzt von der entwicklung der aufklärungsraten und der entwicklung des strafrechts sowie der öffentlichen wahrnehmung zwei internationale trends deuten darauf hin dass die kriminalität zukünftig steigen könnte zum einen ist dies eine zunahme der ungleichheit innerhalb und zwischen den nationen mit der auch die anreize für kriminelle handlungen zunehmen zum anderen ist dies die zunehmende konzentration der bevölkerung in städten beiden trends kann durch erhöhte vorsichts und sicherheitsmaßnahmen begegnet werden sodass nicht notwendig ein anstieg der kriminalität folgen muss 8 berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7

[close]

p. 10

das thema terrorismus hat in den letzten jahren verstärkt aufmerksamkeit erfahren dabei haben die in jüngster zeit zu verzeichnenden anschläge mit islamistischem hintergrund den eindruck erweckt religiöse oder ethnische motive würden zu den maßgeblichen triebfedern des terrors zählen daneben ist die ansicht verbreitet ein niedriges einkommensniveau unterstütze tendenziell das auftreten terroristischer aktivitäten neuere studien zeigen jedoch dass das einkommensniveau beziehungsweise religiöse oder ethnische unterschiede nur mit einschränkungen zur erklärung des terrorismus herangezogen werden können die kosten einzelner terroristischer anschläge können erheblich sein beispielsweise wurden die direkten schäden die sich infolge der anschläge des 11 septembers in new york ergaben auf rund 0,35 des us-amerikanischen bruttoinlandsproduktes bip beziffert gesamtwirtschaftlich betrugen die kosten in folge der krise noch im gleichen jahr schätzungsweise 0,75 des amerikanischen bips darüber hinaus ergaben sich auch im internationalen umfeld erhebliche kosten letztlich sind die volkswirtschaftlichen kosten aber noch deutlich höher als die direkten kosten so können die indirekten kosten durch präventive maßnahmen und die folgen von unsicherheit sowie damit einhergehende verhaltensänderungen der wirtschaftsakteure weit höher liegen als die direkten kosten Über die letzten drei jahrzehnte hat die elektronische datenverarbeitung stark an bedeutung gewonnen in der zukunft wird eine immer größere zahl von geräten vernetzt so werden immer mehr haushalte ans internet angeschlossen und neue endgeräte werden angebunden mit der wachsenden bedeutung der it und einer zunehmenden verbreitung in sicherheitsrelevanten bereichen wachsen auch die anreize die it-systeme anzugreifen um diese zu beschädigen oder auszuspionieren die folge ist eine rasant wachsende zahl von schadensprogrammen diesen stehen aber auch neue technologien gegenüber mit denen die datensicherheit verbessert werden kann inwieweit dies zu einer erfolgreichen bekämpfung von it-kriminalität führt hängt wesentlich davon ab wer für die schäden haftet die haftung sollte aus ökonomischer sicht bei denjenigen angesiedelt sein die die geringsten vermeidungskosten haben berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7 9

[close]

p. 11

1 einleitung nach den anschlägen des 11 septembers 2001 soll der amerikanische vizepräsident dick cheney die devise ausgegeben haben dass selbst im falle einer wahrscheinlichkeit eines weiteren anschlages von nur einem prozent man diesen behandeln solle als ob die wahrscheinlichkeit 100 betrage diese als one per cent doctrine in die politische debatte eingegangene devise stellt eine radikale position dar und wirft eine interessante frage auf wenn ein schaden groß die wahrscheinlichkeit dafür jedoch relativ klein ist sollte der staat tatsächlich buchstäblich alles dafür tun diesen schaden abzuwenden man mag im falle des terrors der position cheneys zugeneigt sein zumal die folgen weiterer anschläge das ausmaß möglicher schäden für leib und leben unabsehbar sind gleichwohl hieße alles dafür zu tun dass ein bestimmtes ereignis nicht eintritt dass man vieles nicht mehr tun könnte totale sicherheit geht mit hohen kosten einher und fordert somit einen hohen preis einen verlust an individueller freiheit hohe kosten für die sicherheitsapparate und damit weniger ressourcen für andere ziele wie infrastruktur oder bildung und damit langfristig kosten in form entgangenen wirtschaftswachstums gleichwohl spielt sicherheit für fast alle menschen eine wichtige rolle und stellt ein grundbedürfnis dar kriminalität und terror stellen die bürger und den staat daher vor die schwierige herausforderung eine richtige abwägung zwischen prävention und abschreckung auf der einen seite und freiheit und ökonomischer vernunft auf der anderen seite vorzunehmen die schwierigkeiten sind dabei vielfältiger natur risiken und kosten sind häufig schwer zu messen oder einzuschätzen zudem verändert sich das umfeld in dem bürger und sicherheitsbehörden agieren stetig technische entwicklungen wie pcs und das internet bieten große vorteile und wohlstandsgewinne gleichzeitig ergeben sich dadurch neue bedrohungen für haushalte und unternehmen durch die cyber-kriminalität doch auch bereits bekannte bedrohungen aus den bereichen der kriminalität und des terrorismus ändern im zeitablauf ihr gesicht und gewinnen teils an bedeutung die vorliegende studie erläutert warum sicherheit ein wertvolles gut darstellt und welche handlungsmöglichkeiten zum umgang mit risiken die ökonomische theorie bietet danach werden die entwicklungen der vergangenheit zukünftige trends handlungsoptionen und ihre ökonomische relevanz für ausgewählte risiken diskutiert 2 das bedürfnis nach sicherheit tagtäglich fällen menschen entscheidungen die für ihre zukunft bedeutsam sind obwohl ihnen wichtige informationen zu den rahmenbedingungen in der zukunft und über die handlungen der mitmenschen unbekannt sind entscheidungen werden unter unsicherheit gefällt chancen und risiken können ex ante nicht in vollem umfang abgesehen werden ex post nachdem sich die 10 berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7

[close]

p. 12

einstige zukunft offenbart hat werden gute und schlechte entscheidungen erfolge und misserfolge und die ihnen zugrunde liegenden ursache und wirkungsmechanismen sicht und verstehbar obwohl oder gerade weil diese unsicherheit prinzipiell unumgänglich zu sein scheint ist sie eine stete quelle des unbehagens wenngleich der mensch unsicherheit ertragen muss kann er jedoch anstreben die unsicherheit zu reduzieren oder zumindest die konsequenzen unvorhergesehener ereignisse zu begrenzen risiken weisen ganz unterschiedliche charakteristika auf sie unterscheiden sich bezüglich der eintrittswahrscheinlichkeit der art und der höhe des schadens und bezüglich des personenkreises der zu den risikoträgern zählt wie man mit unsicherheit umgeht hat daher zuerst etwas mit der art des risikos zu tun dabei ist zunächst zwischen materiellen und immateriellen konsequenzen zu unterscheiden erstere meinen hier vor allem finanzielle risiken während letztere eher emotionale oder gar existenzielle risiken bezeichnen dabei ist durchaus denkbar dass ein und derselbe schadensfall materielle wie immaterielle verluste verursacht so ist der diebstahl eines schmuckstücks finanziell das heißt materiell kompensierbar schwieriger wird es jedoch wenn es sich beim diebesgut um ein erbstück oder ein geschenk das einen emotionalen wert hat handelt Ähnlich verhält es sich bei gefahr für leib und leben zwar ist der materielle schaden zum beispiel der einkommensverlust für die hinterbliebenen bei versehrtheit oder tod des einkommensbeziehers ersetzbar nicht jedoch der persönliche verlust als folge dieser unterschiedlichen verlustarten ergeben sich für risikoaverse personen zwei möglichkeiten mit der unsicherheit umzugehen sie können einerseits versuchen spezifische risiken zu vermeiden und die wahrscheinlichkeit eines schadensfalles zu verringern oder sie können andererseits einen eventuellen schaden versichern indem sie einem versicherer eine prämie für die Übernahme des risikos zahlen obwohl beide strategien bei materiellen wie immateriellen risiken angewendet werden können dürften bei vorwiegend immateriellen risiken vor allem risikovermeidung und prävention den umgang mit dem risiko charakterisieren da materielle schäden finanziell erstattet werden können bietet sich hier oftmals die versicherung an 2.1 strategien im umgang mit unsicherheit 2.1.1 versicherung und diversifikation von risiken während die vermeidung bestimmter risiken ­ insbesondere bei aktivitäten die die gefahr für leib und leben erhöhen ­ recht einleuchtend ist sind die zusammenhänge die zu versicherungen führen weit weniger intuitiv experimente haben gezeigt dass bei den meisten menschen die freude 500 euro zu finden bei weitem durch den Ärger übertroffen wird der auftritt wenn man 500 euro verliert glück und leid sind bei den meisten menschen asymmetrisch verteilt doch woran liegt das warum verursacht der gleiche betrag mehr leid bei verlust als freude beim fund tatsächlich liegt dies darin begründet dass mehr geld oder mehr einkommen das wohlbefinden berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7 11

[close]

p. 13

zwar erhöht dieser effekt jedoch mit steigendem einkommen oder vermögen abnimmt ­ ein sättigungseffekt tritt ein dieser sättigungseffekt kann nicht nur für geld sondern auch für andere güter und dienstleistungen beobachtet werden wenn eine person die zur gruppe der geringverdiener zählt die 500 euro fände so erhöhte dieser betrag ihr glück sehr wahrscheinlich mehr als wenn die person ein spitzenverdiener wäre umgekehrt wird das leid bei verlust umso größer desto geringer das verfügbare einkommen ist in der realität sehen ökonomische risiken zumeist etwas anders aus als die modell und laborfälle in der ökonomischen forschung doch die experimentell gewonnenen erkenntnisse über das verhalten und empfinden der menschen sind übertragbar ein realistisches und sehr bedeutendes beispiel für risiken des alltäglichen lebens sind beispielsweise einkommensschwankungen der haushalte die jährlichen einkommen sind zwar zumeist stabil wirtschaftswachstum und beruflicher erfolg sorgen für einkommenssteigerungen aber gleichwohl werden stetigkeit und wachstum durch risiken wie krankheit arbeitsplatzverlust oder geschäftliche misserfolge bedroht das jährliche einkommen gleicht daher einer lotterie um zu entscheiden wie bedrohlich die risiken beziehungsweise wie verheißungsvoll die chancen sind müssen ihre materiellen und immateriellen konsequenzen mit ihrer wahrscheinlichkeit gewichtet werden im ergebnis erhält man dann den erwartungswert des einkommens also das zu erwartende durchschnittliche jährliche einkommen in guten jahren liegt das tatsächliche einkommen über diesem erwartungswert in schlechten jahren ­ beispielsweise in jahren der krankheit oder des wirtschaftlichen misserfolgs ­ unterhalb des erwartungswerts da aufgrund des sättigungseffektes einkommensverluste schwerer wiegen als einkommensgewinne in gleicher höhe bereiten schlechte jahre den meisten menschen mehr kummer als die guten anlass zur freude geben es wäre daher eine erleichterung für sie wenn sie die unsicherheit über die höhe des aktuellen jahreseinkommens mindern oder besser ganz eliminieren könnten nicht selten besteht daher die bereitschaft für eine derartige entlastung auch geld in form einer risikoprämie zu bezahlen ­ insbesondere dann wenn die risiken dauerhafte oder gar permanente negative konsequenzen beinhalten sicherheit wird damit zu einer käuflichen dienstleistung käufer dieser leistung werden als risikoscheu oder risikoavers bezeichnet die anbieter einer risikoübernahme sind zumeist versicherungsgesellschaften doch zählen auch investmentfonds die die risiken bei kapitalanlagen bündeln und verteilen im prinzip zu dieser gruppe der finanzdienstleister die geschäftsidee der versicherungen besteht darin ein risiko das für einen haushalt allein ruinöse folgen hätte auf viele schultern zu verteilen und ­ dem gesetz der großen zahl folgend ­ darauf zu vertrauen dass die zu erwartenden schadensfälle nicht häufiger als üblich innerhalb der gruppe der versicherten auftreten der einzelne versicherte zahlt dann als preis eine prämie die über dem durchschnittlich zu erwartenden schaden der personen innerhalb der versicherungsgemeinschaft liegt die differenz fließt der versicherung zu gleichsam sorgt die versicherungsprämie dann dafür dass die versicherten personen letztlich ein geringeres einkommen zur verfügung haben als wenn sie den erwartungswert der lotterie erhalten würden 12 berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7

[close]

p. 14

dafür haben sie jedoch sicherheit erworben wenngleich versicherungen schutz vor unsicherheit bieten ergibt sich häufig das problem dass bestimmte risiken nicht versichert werden diese nichtexistenz von spezifischen versicherungsmärkten liegt jedoch nicht unbedingt darin begründet dass manche individuelle risiken zu speziell und damit nicht bündelbar wären hierfür gibt es spezialisierte versicherungsgesellschaften die auch außergewöhnliche risiken verbriefen und auf finanzmärkten anbieten eine wichtige ursache für die nichtversicherbarkeit mancher risiken liegt darin dass die informationen über den eintritt des schadensfalles ungleich über potenzielle versicherungen und kunden verteilt sind im falle einer solchen informationsasymmetrie müssen versicherungen befürchten dass für eine gegebene prämienhöhe vor allem diejenigen personen versicherungsschutz suchen die eine besonders hohe wahrscheinlichkeit für einen schadensfall haben eine bündelung dieser schlechten risiken wäre dann jedoch nicht profitabel für die versicherungsgesellschaft gleichzeitig besteht für gewinnorientierte versicherungen ein anreiz vor allem gute risiken im portfolio zu haben sodass vergleichsweise selten schadensfälle auftreten in beiden fällen spricht man von adverser selektion die zum teil vorliegende asymmetrische informationsverteilung hat daher den effekt dass bestimmte risiken gar nicht versichert werden somit kommt es zu einem marktversagen einer der bekanntesten versicherungsmärkte der in diesem kontext genannt werden kann ist der markt der krankenversicherung sein bestehen ist zu einem großen teil darauf zurückzuführen dass es eine gesetzliche versicherungspflicht und kontrahierungszwang gibt ein zweiter grund für das fehlen bestimmter versicherungsmärkte besteht darin dass bei abschluss eines versicherungsvertrages versicherte unter umständen fahrlässiger handeln als sie es vor abschluss des versicherungskontraktes getan haben zum problem wird dieses moral hazard genannte verhalten dann wenn es der versicherung mangels information nicht oder nur sehr schwierig möglich ist fahrlässigkeit gegebenenfalls nachzuweisen auch hier ist die ungleiche verteilung von informationen letztlich verantwortlich dafür dass bestimmte risiken nicht versichert werden neben den informationsasymmetrien die zu marktversagen führen können hat das versicherungsprinzip aber auch auf funktionierenden und intakten versicherungsmärkten seine grenzen diese sind vor allem dann erreicht wenn sich systemische risiken materialisieren systemische risiken liegen vor wenn ein bestimmtes ereignis zu schadensfällen bei einer sehr großen zahl oder gar bei allen versicherten führt in diesem fall versagt das gesetz der großen zahl und die zahl der versicherungsansprüche übersteigt die zahlungsfähigkeit der risikogemeinschaft versicherungen können daher lediglich individuelle risiken absichern beispielsweise bietet die arbeitslosenversicherung einzelnen versicherten schutz vor den finanziellen konsequenzen unverschuldeter arbeitslosigkeit kommt es jedoch zum beispiel aufgrund einer allgemeinen schlechten wirtschaftsentwicklung zu massenarbeitslosigkeit gerät die arbeitslosenversicherung ­ je nach ausmaß der arbeitslosigkeit ­ in finanzielle nöte ganz ähnlich bietet der kauf von anteilen eines investmentfonds schutz vor einer negativen entwicklung einer einzelnen aktie die man alternativ hätte berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7 13

[close]

p. 15

halten können gleichwohl bringt die risikodiversifikation nichts wenn der gesamte aktienmarkt und damit der gesamte aktienfonds von einem kursverfall betroffen ist ganz generell gilt daher dass systemische risiken nicht versichert werden können der einzige ausweg der bei existenz substanzieller systemischer risiken bleibt ist die versichertengemeinschaft um versicherungsnehmer zu erweitern die nicht von den gleichen systemischen risiken bedroht werden so sollten die versicherungsnehmer eines hurrikangefährdeten landstrichs beispielsweise versicherungsteilnehmer aus möglichst weit entfernten landstrichen in die risikogemeinschaft aufnehmen 2.1.2 risikovermeidung und gefahrenabwehr drohen systemische risiken oder immaterielle schäden insbesondere gefahr für leib und leben so ist eine versicherung häufig nicht möglich oder nicht zweckmäßig zumeist erhalten bei derartigen risiken strategien den vorzug die statt schadensfälle grundsätzlich zu akzeptieren und zu versichern die wahrscheinlichkeit eines schadensfalles zu begrenzen versuchen erkennbare risiken werden dann gemieden auf individueller ebene können beispielsweise risikoträchtige aktivitäten vermieden oder durch sicherheitsvorkehrungen gefahren abgewendet werden risikoscheue individuen vermeiden daher unter umständen reisen in krisengebiete betreiben keine extremsportarten fliegen ungern oder nutzen in den abend oder nachtstunden nicht das öffentliche verkehrssystem und zahlen lieber ein taxi die hiermit verbundenen einschränkungen oder maßnahmen stellen kosten dar die im falle der nächtlichen taxifahrt offensichtlich in einer vielzahl der fälle jedoch nur in verdeckter form auftreten sodass ihre bedeutung häufig unterschätzt wird für eine andere risikoart kriminalität und terror als von menschen gemachte risiken kommt aber vor allem dem staat eine besondere bedeutung zu zwar sind bestimmte risiken im bereich der kriminalität wie beispielsweise diebstahl versicherbar und auch der private erwerb von sicherheitstechnik oder sicherheitsdiensten mindert das risiko opfer einer straftat zu werden doch spielen hier prävention und gefahrenabwehr staatlicherseits auch aus gerechtigkeitserwägungen und aufgrund des gewaltmonopols des staates eine wichtige rolle unabhängig davon ob sicherheit durch private oder staatliche maßnahmen erhöht werden soll ist die organisation dieses vorhabens widrigkeiten ausgesetzt die probleme liegen vor allem darin begründet dass sicherheit oftmals den charakter eines öffentlichen gutes hat dies bedeutet dass sobald sicherheit hergestellt ist auch individuen an dieser teilhaben die finanziell nicht beitragen wollten beziehungsweise nicht beigetragen haben damit ergibt sich ein spielraum für taktisches verhalten wenn es um die private finanzierung und bereitstellung von sicherheit geht die mitglieder eines kollektivs haben einen permanenten anreiz ihr wahres sicherheitsbedürfnis nicht offenzulegen sie werden dabei von der hoffnung geleitet die übrigen mitglieder würden sicherheit erstellen und die kosten dennoch übernehmen als folge dieses taktischen verhaltens kommt es daher häufig zu marktversagen was bedeutet dass sicherheit obwohl sie von einer größeren zahl gewünscht wird nicht privatwirtschaftlich bereitgestellt wird aus diesem grund kann eine 14 berenberg bank · hwwi strategie 2030 · nr 7

[close]

Table of Content


Listed in these Collections

Strategie 2030 - Vermögen und Leben in der nächsten Generation - Die Reihe der Berenberg Bank und dem Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts »Strategie 2030 – Vermögen und Leben in der nächsten Generation« befasst sich mit der Entwicklung der nächsten 20 Jahre.

Comments

no comments yet

YOUBLISHER
About
What Others Say
Sitemap
Impressum

PUBLISHERS
Login
Signup
Tutorials
FAQ
Support

BUSINESS
Overview
Advertising
Support

DEVELOPERS
API

LEGAL
Report a Copyright Violation
Copyright FAQ
Terms of Use
Privacy Policy