Mitgliederzeitschrift (90)

 

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www.gegen-vergessen.de 90 / September 2016 FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Vorbilder der Demokratie? weitere Themen: ■ Rückfall in den Nationalismus? ■ Heinz Drossel zum 100. Geburtstag

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Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., liebe Freundinnen und Freunde, unsere Arbeit ist einerseits durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, andererseits durch gegenwärtige Probleme der Demokratieentwicklung bestimmt. Zunächst zu unserer Geschichtsarbeit. Im Frühsommer habe ich regionale Arbeitsgruppen in Nordhessen und im RheinMain-Gebiet besucht, weitere Besuche werden im Laufe des Jahres folgen. Mich haben hier und andernorts Engagement und Ergebnisse der Erinnerungsarbeit sehr beeindruckt. Auch dieses Heft enthält dazu Beispiele, etwa über eine Exkursion nach Verdun. Bei einem Aufenthalt in Riga konnte ich zudem feststellen, dass selbst hier unser Verein dazu beiträgt, das Notwendige zur Erinnerung an die Deportation deutscher und europäischer Juden nach Lettland in Ausstellungen und Denkmälern zu sagen. Die Erinnerungsarbeit bleibt ein wesentliches Arbeitsgebiet unserer Vereinigung. Für viele von uns hat sie ihren Zweck in sich und ist doch zugleich eine wesentliche Komponente unserer politischen Kultur. Zugleich aber tritt die Vertrauenskrise in unserer Demokratie und in der mit dieser verschränkten Zivilgesellschaft in einer Weise in den Vordergrund, dass wir uns dieser Krise stellen müssen. Dabei geht es um die Bestimmung der Ursachen und um Möglichkeiten der Überwindung der Krise, die von populistischen Bewegungen zunehmend ausgenutzt wird. Zu den Ursachen gehören: ein abnehmendes gemeinwohlorientiertes Denken, das nicht selten mit der Vertretung eigener verabsolutierter Interessen kontrastiert, die Unüberschaubarkeit politischer Prozesse, die zur Entfremdung von Politik führt, die problematische Rolle mancher Medien, die ihre primäre Aufgabe nicht mehr in seriöser Information, sondern in der Skandalisierung von realem oder vermeintlichem Fehlverhalten sehen, zudem die emotionalisierende Wirkung der Sozialen Medien, auch Entscheidungen bzw. Nichtentscheidungen von Bundestag und Bundesregierung, die auf den Widerstand größerer Bevölkerungsteile stoßen, und anderes mehr. Eine sachliche Analyse der Ursachen ist vonnöten. Darüber hinaus aber stellt sich die Frage, wie die Krise bewältigt werden kann. Vielfältige Ansätze sind denkbar. Auf einem Workshop in Wolfsburg, über den in diesem Heft berichtet wird, wurde die Frage aufgeworfen, ob eine Demokratie identitätsstiftende und aktivierende Vorbilder braucht. Dabei wurden vergleichend Phänomene anderer Länder in den Blick genommen, auch um negative Aspekte mitzusehen. Sicherlich gilt es auch, in Schulen und Bildungsarbeit ein realistisches Bild unserer Demokratie zu zeichnen, die gewiss viel mehr ist als bloße Mehrheitsherrschaft, wie manche Populisten zu glauben scheinen. Wesentliche Komponenten unseres Demokratieverständnisses sind die Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenrechte, Gewaltenteilung, Repräsentationsprinzip, Herrschaft auf Zeit und Sozialstaatlichkeit. Dass angesichts der Überkomplexität Parlamente und Parteien die Voraussetzung von funktionierender Demokratie sind, ist eine Selbstverständlichkeit, die gleichwohl bewusst zu machen ist. Wahrscheinlich brauchen wir eine Diskussion darüber, wie wir in unserer Demokratie Partizipation und Integration zugleich erreichen können. Ich bin froh, dass vielerorts in unserem Verein daran gearbeitet wird, vor dem Hintergrund der Geschichte praktisch an der Stärkung von Demokratie zu arbeiten, die jeden Tag wieder neu durchgesetzt werden muss. Wir haben die Zeitläufte als neue Herausforderung zu begreifen. Mit den besten Grüßen für heute Ihr / Euer Bernd Faulenbach Die diesjährige Mitgliederversammlung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. wird am Samstag, dem 19. November 2016, in der Zeit von 10.30 Uhr bis 17.00 Uhr im Rathaus Kassel stattfinden. Anschließend findet am Samstag um 19.00 Uhr die Verleihung des Preises „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ und des „Waltraud-Netzer-Jugendpreises“ in der Karlskirche statt. Mit dem Preis „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ wird in diesem Jahr der Verein „Weimarer Republik e.V.“ ausgezeichnet, den „Waltraud-Netzer-Jugendpreis“ erhält der Kasseler Verein „Die Kopiloten e.V.“. Anschließend lädt uns der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen zu einem Empfang ins Kasseler Rathaus ein. 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016

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Inhalt Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Überfordert oder entzaubert? Lernen am historischen Vorbild? Sozialistische Helden Interview: 1001 verheimlichte Schwächen Warum bin ich Friedenskämpfer? Rückfall in den Nationalismus als internationale Tendenz? Interview: Für die Zukunft erinnern – Heinz Drossel zum 100. Geburtstag Nachkommen von NS-Verfolgten – Vergessene Zeitzeugen? Das SS-Massaker von Oradour-sur-Glane Aus unserer Arbeit INACH – Ein internationales Netzwerk gegen Hass im Netz RAG Schleswig-Holstein: Ehrenbürger auch nach dem Tod? RAG Baden-Württemberg, Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen: Kommandant des Nachtjägerflugplatzes Hailfingen identifiziert. RAG Südhessen: Verdun – Symbol für transnationale Erinnerungen RAG Baden-Württemberg, Sektion Nordbaden: Plakate voll bissiger Ironie RAG Hamburg stellt sich vor Namen und Nachrichten Gedenken an den 75. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion Kaserne nach Judenretter Anton Schmid benannt Rezensionen Ernst-Jürgen Walberg bespricht – eine Sammelrezension: 1946. Das Jahr, in dem die Welt neu entstand. Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa. Erschütterung. Über den Terror. Meinen Hass bekommt ihr nicht. Kriegssplitter. Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945 – 1990 Das Irseer Totenbuch Hitler. Biografie Verständigung und Versöhnung nach dem „ Zivilisationsbruch“? – Deutschland in Europa nach 1945 4 8 10 12 13 15 18 20 22 24 26 27 29 33 34 35 36 37 40 42 44 45 Impressum 46 Vorstand und Beirat 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016 3

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Thema Fotos: Liane Czeremin Überfordert oder entzaubert? Ekin Deligöz und Eberhard Diepgen über ihren Umgang mit Vorbildern Personenkult ist gefährlich für jede Demokratie. Aber sollen wir deshalb in der politischen Bildung darauf verzichten, nach Vorbildern für das eigene Verhalten, für demokratisches Engagement zu fragen? Oder fehlt uns gerade heute die Beschäftigung mit möglichen Lichtgestalten, die uns eine Richtung weisen können? Diese Fragen waren Thema eines Workshops Ende April in Wolfsburg, an dem auch die stellvertretenden Vorsitzenden Ekin Deligöz und Eberhard Diepgen teilnahmen. In einem Podiumsgespräch mit der Journalistin Jacqueline Boysen berichteten sie über Menschen, die ihnen in ihrem eigenen politischen Leben Orientierung gegeben haben. Hier geben wir Auszüge wieder. Jacqueline Boysen: Herr Diepgen, wenn Sie nach Vorbildern gefragt werden, haben Sie Vorbehalte gegen diesen Begriff? Eberhard Diepgen: Man muss ihn genau definieren. Wenn wir im politischen Bereich von einem Vorbild reden, geht es um die Frage, woran man sich inhaltlich und persönlich orientieren kann oder soll. Da ich als Regierender Bürgermeister von Berlin Nachfolger von Richard von Weizsäcker war, glaubten Journalisten häufig, er müsse unbedingt mein Vorbild gewesen sein. Ich war nicht immer seiner Meinung, habe aber viel von ihm gelernt. Aber mit dem Begriff „Vorbild“ wäre ich vorsichtig. Allgemein bin ich der Überzeugung, dass für die Zusammengehörigkeit und die Identität eines Landes gemeinsame Geschichten und Mythen notwendig sind. Da muss nicht alles richtig sein. Einzelaspekte stehen mehr im Vordergrund. Die einzelne Person darf in ihrer Gesamtpersönlichkeit nicht als Vorbild überfordert werden. Ekin Deligöz: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass immer, wenn ich mir jemanden zum Vorbild genommen habe Eberhard Diepgen findet Einzelaspekte bei Vorbildern wichtiger als die Gesamtpersönlichkeit. und mich dann länger mit der Person beschäftigt habe, die Person dadurch plötzlich entzaubert wurde. Am Ende waren alle Vorbilder auch nur Menschen. Es gab zum Beispiel Zeiten, in denen ich mir viele Gedanken um Protestantismus und den Glauben gemacht habe. Ich habe mich stark mit Luther beschäftigt. Als ich seine Lebensgeschichte gelesen habe, fand ich ihn aber so furchtbar frauenfeindlich, dass er nicht mehr mein Vorbild sein konnte. Und so ging es mir auch in der Politik. Die Schwierigkeit mit Vorbildern ist, dass sie am Ende doch auch Schwächen haben. Oder es sind Menschen, die einfach unerreichbar sind, weil sie den Himalaya erklommen oder den Nobelpreis gewonnen haben. Diepgen: Ich möchte das Thema Luther aufgreifen. 2017 ist das Lutherjahr, da stellt sich die Frage: Wie würdigen wir ihn heute? Welche historische Leistung stellen wir in den Vordergrund? Luther hat deutsche und europäische Geistesgeschichte maßgeblich geschrieben. Aber er war ein Mensch seiner Zeit. Schon deswegen darf man ihn nicht mit den politischen Überzeugungen von heute überfordern und in seiner Bedeutung minimieren. Zum Beispiel wegen seiner Positionen zur Rolle der Frauen in der Gesellschaft oder seiner kämpferischen Distanz zu Juden. Vorbilder sind auch Menschen mit Schwächen, insbesondere im Rückblick auf die Vergangenheit. Nutzt man also das Lutherjahr 2017 und die Erinnerung an den großen Reformator, um mit seinem Namen neue Kraft für den Protestantismus zu gewinnen oder verfällt man – ich denke an die Evangelische Kirche – wegen einiger Teilaspekte der Angst vor einer inhaltlich bedenklichen Heldenverehrung? Das ist ein Problem, das wir in Deutschland des Öfteren im Umgang mit Personen der Geschichte haben. Boysen: Herr Diepgen, wo haben Sie Orientierung gefunden? Diepgen: In meinem Werdegang spielte immer die Frage der Freiheit und dann der Freiheit im Spannungsfeld zu Verantwortung eine große Rolle. Das hat auch etwas mit dem Aufwachsen in Berlin zu tun, dem Leben an der Demarkationslinie, dem Thema Wiedervereinigung und der sozialen Verhältnisse im damaligen Arbeiterbezirk Wedding. Als Student überzeugte mich gesellschaftspolitisch Oswald von NellBreuning mit dem Grundgedanken der Subsidiarität. Der freie und verantwortliche Student – das war das Credo – sollte raus aus staatlicher und universitärer Betreuung, sollte seine Studentenwohnheime und das Studentenwerk selbst bestimmen und organisieren. Politisch engagiert habe ich mich anfangs primär aus Protest, aber anders als viele Alterskollegen. Es war Protest gegen undemokratische Methoden der linken Studentenbewegung an der FU. Ein tosendes Audimax, das keinen zu Wort kommen ließ, der auch nur in Verdacht stand, eine andere Meinung als linke Utopien zu vertreten. Damals habe ich gelernt, dass man Für Ekin Deligöz entzauberten sich viele Vorbilder, sobald sie sich näher mit ihnen beschäftigte. 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016

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Foto: Liane Czeremin Thema Zunächst einmal war es bitter, aber es hat mich vorangebracht. Boysen: Das heißt, man findet Orientierung in der Reibung … Deligöz: In der Reibung, in der Herausforderung, das zu überwinden und aus dieser Situation zu lernen. Für mich selbst, also an meiner Note, hat sich nichts geändert. Aber an diesem Gymnasium gibt es jetzt eine ganze Reihe von Migrantinnen und Migranten, die dort Abitur machen. Womöglich musste ich am Anfang meinen Kopf hinhalten und mich wehren. Boysen: Herr Diepgen, erkennen Sie in dem Prozess, den Frau Deligöz beschrieben hat, auch das wieder, was Sie als Student im Audimax erlebt haben? Auf der Tagung in Wolfsburg wurde intensiv die Frage diskutiert, ob Menschen mit „gebrochenen Lebensläufen“ Vorbilder sein können. sich auch in solchen Situationen zu Wort melden und manchmal sogar durchsetzen kann. Demokratie heißt auch, nicht allzu schnell zu kapitulieren. Deligöz: Die Suche nach Orientierungspunkten bedeutet für mich vor allem Lernen, Lernen von anderen Personen. Ich habe mir irgendwann mal auf meinem Weg das Ziel gesetzt: Wenn du Menschen kennenlernst, sieh zu, dass du auch was von ihnen lernen und mitnehmen kannst. In der ersten Zeit habe ich das immer an den Menschen getan, die mir nahe waren, die so ähnlich dachten wie ich, die ähnliche Werte hatten wie ich. Bis ich zu dem Punkt gekommen bin zu sagen: Wenn du wirklich etwas bewegen und verändern willst, musst du auch die Strukturen und Denkmuster der Gegenseite kennen. Jedes Argument hat eine Gültigkeit und erst wenn ich das verstehe, kann ich auch etwas verändern oder nach Kompromissen suchen, um die Dinge voranzubringen. Ein Vorbild ist für mich eher ein Leitmotiv, ein Wertesystem, das sich durchaus im Laufe der Zeit verändern kann, weil sich die Fragestellungen verändern. Deshalb würde ich das Wort Vorbild nicht an einer Person festmachen, sondern an Denkstrukturen. Boysen: Können Sie dafür ein Beispiel nennen? Deligöz: Bei mir gab es einen Wendepunkt in der achten Klasse. Ich habe eine Hausarbeit abgeliefert und mein Deutschlehrer hat mir eine Fünf darauf gegeben. Ich habe mich furchtbar geärgert und gesagt: „So schlecht kann die Arbeit gar nicht sein, schließlich habe ich die Argumente von einer Bürgerinitiative abgeschrieben, an der ein anderer Lehrer von uns beteiligt war.“ Als Reaktion kam keine inhaltliche Auseinandersetzung oder ein Hinweis auf zu viele Grammatikfehler oder was auch immer. Der Lehrer sagte: „Weißt du, Ekin, ich wollte dir eigentlich einen Gefallen tun und dich darauf hinweisen, wo deine Rolle in dieser Gesellschaft ist. Die ist nicht auf einem Gymnasium. Behinderte gehören nicht zu den Olympischen Spielen und Türken nicht auf das Gymnasium – je früher du das erfährst, desto besser für dich.“ In so einer Situation schlucken Sie natürlich, wenn Sie in der achten Klasse sind, ein Teenager und mit Pickeln und Jungs beschäftigt, aber bestimmt nicht mit politischen Veränderungsprozessen. Das war ein Ereignis, das mich bewegt hat. Diepgen: Ja. Ein Erfolg ist nicht immer gleich sichtbar. Ich will das aus meinem Erleben erweitern. Niederlagen waren in meinem politischen Leben oft Ausgangspunkt späterer Erfolge. Im nationalen Studentenverband kam ich nach einer Abwahl an der FU zu Amt und Würden. Die Art der Wahlniederlage 1989 ebnete den Weg zur Rückkehr in das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Für die erstmalige Kandidatur für dieses Amt habe ich mich aus Empörung über die Art und Weise entschieden, mit der man glaubte, mich davon abhalten zu sollen. Aber noch einmal zu Menschen und Namen, die mein Leben bewegt haben. 1956 der Aufstand der Ungarn, abends habe ich immer die Nachrichten aus Budapest im Radio gehört. Ich weiß nicht, ob der Name Pál Maléter vielen Menschen heute noch etwas sagt. Pál Maléter war damals Generalmajor der ungarischen Armee und wie Ministerpräsident Imre Nagy einer der Führer des Aufstandes. Die Hilferufe von Pál Maléter sind mir wie auch die von Imre Nagy für immer im Gedächtnis geblieben. Es waren Stimmen der Freiheit, Stimmen des Widerstandes gegen missbräuchliche Machtausübung. Die Persönlichkeiten der beiden kann ich gar nicht genau beschreiben. Die konkrete Tat, der Hilferuf macht sie zum Vorbild. Mir kommt es auf einzelne vorbildliche Verhaltensweisen an. Ich halte es auch für unglaublich wichtig, dass alle, die im Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben, und seien es nur ganz kleine Beiträge, herausgestellt und mit Namen genannt wer- den. Über ihre Namen sollte man stolpern. » Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016 5

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Thema Foto: Tobias Kleinod » Boysen: Hat Sie diese Situation vor dem Radiogerät nur fasziniert oder war sie ein direkter Ansporn für Sie, haben Sie gedacht: So will ich auch handeln, so mutig will ich auch sein? Diepgen: Anfangs war ich empört, denn unsere Verbündeten erzählten immer: „Wir kämpfen für die Freiheit!“ Und dann geschah nichts. Damals musste ich erst langsam das Grundprinzip der Abgrenzung der Einflusssphären begreifen. Später hat mich der Vorgang aber in der Fragestellung bestärkt: Musst du zu allen seit 1945 gewachsenen Ausformungen der Rechtslage im Kalten Krieg Ja und Amen sagen? Meine Antwort war Nein und mit aller Sorgfalt ging ich an die Überprüfung und Veränderung von Bestimmungen, die 1945 verständlich, 1980 aber weder notwendig noch akzeptabel waren. Insofern haben die Stimmen aus dem Radio bei mir zu politischem Handeln geführt. Der Mut der Kämpfer von 1956 war da allerdings nicht notwendig. Deligöz: In der Zeit, in der ich politisiert worden bin, ging es mehr um Bewegungen, nicht um einzelne Personen. Ich komme aus der Gegend von Ulm, damals Standort für die Pershing-Mittelstreckenraketen, die nie an einem Platz blieben, sondern immer zwischen drei verschiedenen Standorten wanderten. Wenn sie bewegt wurden, waren alle Straßen gesperrt, es herrschte Ausgangssperre. Uns wurde in der Schule relativ früh von unseren Lehrern beigebracht: Wenn es im Kalten Krieg zu einer Auseinandersetzung kommt, sind wir Zielgebiet Nummer eins und wir werden so gar keine Chance haben zu überleben, weil mitten in diesem Zielgebiet auch noch ein Atomkraftwerk steht. Das trieb die Menschen auf die Straße. Als dann die Bewegung da war, die sagte: „Wir machen jetzt eine Friedenskette von Ulm nach Stuttgart“, war ich dabei. Ein zweites Beispiel waren die Memminger Prozesse um den Paragrafen 218 – das Recht zum Schwangerschaftsabbruch. Da ging es für mich beim Werdegang vom Mädchen zur Frau plötzlich um das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Es war also erstaunlicherweise nicht zuerst das Thema Migration, das dazu führte zu sagen, hier gibt es etwas, das fordert von dir ein Engagement, wenn du etwas verändern willst. Boysen: Aber diese Bewegung wurde über bestimmte Figuren sichtbar, zum Beispiel über Petra Kelly ... Deligöz: Da sind wir wieder bei dem Punkt: In dem Moment, in dem Sie die Personen kennenlernen, sind sie entzaubert. Was ich über Petra Kelly gelesen habe, klang faszinierend, aber das persönliche Erleben prägte mich. Petra Kelly war extrem launisch und nicht wirklich nahbar. Aber vielleicht war das tatsächlich auch die Zeit, in der man nicht so sehr auf die Personen gesetzt hat, sondern auf die Ideen. Oder vielleicht war es für mich wichtiger, auf die Ideen zu setzen und nicht auf die Person. Boysen: Im politischen Leben waren positive Helden, war das Heldentum insgesamt diskreditiert, haben Sie das auch so empfunden? Deligöz: Das hat auch mit der historischen Last zu tun. Diepgen: Wir haben in Deutschland Angst vor großen Vorbildern. Immer finden wir an zuvor hochgeschätzten Persönlichkeiten einen Makel. Dann werden Plätze umbenannt, Ehrenbürgerlisten überprüft. Auf der anderen Seite brauchen wir in der Gesellschaft Personen, die identitätsstiftend wirken und wenigstens in Teilbereichen vorbildhaft gehandelt haben. Die gibt es. Weil ich nicht der Parteipolitik bezichtigt werden will, nenne ich als Beispiel Helmut Schmidt. Es beeindruckt mich noch heute, wie er in schwierigen Ausnahmesituationen wie den Entführungen durch die RAF oder der Flutkatastrophe von 1962 in Hamburg einfach das Notwendige getan hat. Das kann als Vorbild für vergleichbare Situationen gelten. Er hat Verantwortung Ekin Deligöz und Eberhard Diepgen mit Moderatorin Jaqueline Boysen während der Diskussion über Vorbilder in Wolfsburg 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016

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Thema übernommen und nicht ängstlich rechtliche Risiken vorgeschoben. Boysen: Frau Deligöz, Sie haben gesagt, es ging Ihnen zuerst um die Ideen. Haben Sie denn im Gegensatz dazu im persönlichen Umfeld Orientierungspersonen? Gibt es Menschen, von denen Sie erzählen können? Deligöz: Es gibt eine Person, an der ich mich stark orientiert habe. Das war meine Großmutter. Sie hat es als eine Frau in einer ländlichen Region in Anatolien mit sieben Kindern und dem kleinen Bauernhof hinbekommen, dass alle ihre Kinder studierten. Außerdem hat sie wahnsinnig viel in ihrer Gesellschaft bewegt. Sie hat dafür gesorgt, dass Schulen gebaut wurden, dass Ärzte in den Ort kamen, dass Strom und Wasser in die Häuser Zugang fanden – und das alles immer unter dem Gesichtspunkt: „Ich engagiere mich auch für meine Kinder und für meine Straße“. Dieses Rennen gegen Mauern war für sie gleichwohl viel anstrengender als für mich als Mandatsträgerin im Deutschen Bundestag. ■ Richard von Weizsäcker, Petra Kelly, Martin Luther, Max Weber, Imre Nagy, Pal Maleter, Helmut Schmidt (v.l.) Das Interview wurde am 28. April 2016 im Rahmen des Workshops „Vorbilder der Demokratie und des Engagements“ in Wolfsburg geführt. Der Workshop wurde von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. in Kooperation mit der Historischen Kommunikation der VW AG durchgeführt undfand im Rahmen der Förderung durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend statt. Auch die Beiträge von Ruth Wunnicke und Dr. Dennis Riffel in diesem Heft entstanden auf der Grundlage von Inputvorträgen, die dort gehalten wurden. Jacqueline Boysen ist Journalistin und lebt in Berlin. Ekin Deligöz ist Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90 / Die Grünen und stellvertretende Vorsitzende von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Eberhard Diepgen ist ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin und stellvertretender Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Zwei Geburtstage – Eine Idee Unser Vorstandsmitglied Prof. Dr. Klaus G. Saur feierte im Juli seinen 75. Geburtstag. Seit 20 Jahren ist Prof. Saur bereits Mitglied in unserer Vereinigung. Wie wichtig ihm unsere Arbeit ist, hat er mit seinem steten Engagement immer wieder deutlich gemacht. Anlässlich seines Geburtstages hat er zu einem Chanson- und Liederabend eingeladen und seine Gäste gebeten, anstelle von Geschenken mit einer Spende seinen Verein zu unterstützen. Für diese erfolgreiche Aktion möchten wir uns daher bei Prof. Saur und seinen Gästen herzlich bedanken. Die Überraschung war groß, als auch Dr. Démètre Zavlaris, Mitglied aus Berlin, uns mitteilte, sich von seinen Gästen zu seinem 80. Geburtstag im August eine Spende für Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. zu wünschen. Wir sagen Danke! Dr. Zavlaris erklärte uns: „Ich war schon immer ein politischer Mensch und die Arbeit der Vereinigung entspricht genau meinen Vorstellungen. Mit 80 Jahren hat man alles und mir ist vollkommen klar, dass für die Umsetzung von Strategien auch Geld benötigt wird“. Auch Dr. Zavlaris und seinen Gästen gilt unsere Dankbarkeit. Mit einer Geschenkspende wird uns gleich zweifach geholfen. Das Geld können wir für unsere Arbeit einsetzen und bei Familie und Freunden wird Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. bekannt gemacht. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016 7

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Thema Dennis Riffel Lernen am historischen Vorbild? Das englische Internetportal History`s Heroes: Das Thema Vorbilder ist in Schule und außerschulischer politischer Bildung in Deutschland bisher kaum präsent. In England und Amerika ist dagegen der Umgang mit „role models“ im Schulunterricht selbstverständlich. Schülerinnen und Schüler werden dort immer wieder nach eigenen Vorbildern gefragt. Historische Persönlichkeiten werden ihnen als „role models“ angeboten, oft ist auch von „heroes“ die Rede. Dies hört sich für deutsche Ohren zunächst nach unkritischer Heldenverehrung an. Dass dies aber nicht so sein muss, zeigt das englische Internetportal History`s Heroes, das unter folgender Webadresse zu finden ist: http://historysheroes.e2bn.org Das Internetportal History’s Heroes wird vom East of England Broadband Network bereitgestellt, einer von zehn Dienstleistern, die von der englischen Regierung gegründet wurden, um Bildung technisch und inhaltlich zu verbessern. Das kostenlos zur Verfügung stehende Material wurde an Schulen und Museen in Ostengland entwickelt. Aufbau des Portals Schon die Überschrift des Portals ist aufschlussreich, denn sie ist als Frage formuliert: „History´s Heroes?“ Auch zwei der fünf Bereiche des Portals sind mit Fragezeichen versehen: „Heroes?“ und „What is a Hero?“. Der Heldenbegriff wird benutzt, aber er wird hinterfragt. Neben den bereits genannten Bereichen gibt es drei weitere: Die Sektion „Your Heroes“, außerdem ein Bereich „Activities“ und eine Abteilung „Teachers“, die didaktische Hinweise und Hintergrundinformationen für Lehrerinnen und Lehrer enthält. Der Aufbau und die Ansprache auf der Startseite zeigen, dass sich das Portal mit Ausnahme der Lehrersektion an Jugendliche richtet. Ihnen wird erklärt, dass sie auf dem Portal keine Superhelden wie Batman finden werden, sondern Menschen, die wirklich gelebt und ihre Spu- Auf der Startseite des Portals wird für Jugendliche beschrieben, womit sich „Historys Heroes“ beschäftigt. ren in der Geschichte hinterlassen haben. Die Jugendlichen werden aufgefordert, sich mit diesen Personen auseinanderzusetzen und sich eine eigene Meinung darüber zu bilden, ob sie Superkräfte hatten oder ob es eigentlich Menschen waren „more like you and me“. Waren Sie Helden? Schon auf der Startseite wird deutlich, dass der zentrale Bereich des Portals der Vorstellung von historischen Persönlichkeiten gewidmet ist. 14 Menschen aus unterschiedlichen Epochen werden vorgestellt, und für sie alle soll die Frage beantwortet werden, ob sie Heldinnen oder Helden waren. Neun der 14 ausgesuchten Personen sind Frauen, chronologisch beginnend mit Boudica, eine britannische Königin und Heerführerin, die um 60 n. Chr. gegen die römische Besatzung rebellierte. Ihr folgen chronologisch Aethelfled, eine englische Königstocher, die im 9. Jahrhundert erfolgreich gegen die dänischen Wikinger kämpfte, sowie Anne Askew, eine Protestantin, die wegen ihres Glaubens von der anglikanischen Kirche als Ketzerin verfolgt und 1546 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Bei den Männern sind es so unterschiedliche Gestalten wie Oliver Cromwell, die wohl umstrittenste der vorgestellten Personen, außerdem der Kriegsheld Horatio Nelson, aber auch Thomas Paine, einer der Gründerväter Amerikas, sowie Thomas Fowell Buxton, der im 19. Jahrhundert die weltweite Abschaffung der Sklaverei forderte. Der erwartbare Winston Churchill fehlt auf dem Portal. Für das 20. Jahrhundert ist es neben zwei Frauen (Edith Cavell, eine englische Krankenschwester, die wegen Fluchthilfe für alliierte Soldaten während des Ersten Weltkrieges von einem deutschen Kriegsgericht hingerichtet wurde und die polnische Judenretterin Irina Sendlerova, die einzige Person ohne direkten Bezug zur englischen Geschichte) der Mathematiker Alan Turing, der die theoretischen Grundlagen der Informatik schuf und außerdem wesentlich zur Entschlüsselung deutscher Funksprüche im Zweiten Weltkrieg beitrug. Zu jeder der aufgeführten Personen gibt es eine Fülle unterschiedlicher Informationen (auch als Audiodateien): einen ausführlichen chronologischen Lebenslauf, Fotos oder bildliche Darstellungen, einen Überblick über die Epoche, in der die Person lebte, zeitgenössische Quellen, Zitate sowie unterschiedliche Meinungen von Zeitgenossen, aber auch spätere Beurteilungen von Nachgeborenen. Das Portal beschränkt sich jedoch nicht darauf, Informationen zu den Persönlichkeiten zur Verfügung zu stellen, sondern fordert direkt dazu auf, über sie zu arbeiten. Dies kann mit verschiedenen Hilfsmitteln geschehen, die auf dem Portal sowohl unter der Rubrik „Activities“ als auch bei den Lebensläufen im Bereich „Heroes?“ zu finden sind. Wesentlich geht es dabei um die Frage, ob die Person als Held eingeschätzt wird oder nicht. So gibt es z.B. die Möglichkeit, eine Rede aufzunehmen, in der man das Verhalten der Persönlichkeit einschätzt. Ein anderes Instrument ist eine Waage, auf der man vorgegebene und eigene Argumente platzieren kann. Außerdem kann das heldenhafte Verhalten der historischen 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016

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Thema 14 „Helden“ werden ausführlich dargestellt, zum Beispiel der Mathematiker Alan Turing, einer der Gründerväter der Informatik. Mit einer Waage, auf deren Waagschalen man eigene oder vorgegebene Argumente platzieren kann, wird der „Held“ oder die „Heldin“ bewertet. Gibt Bewertungskategorien für „Helden“ und Vorbilder an Hand von Skalen vor: Das Portal History´s Heroes. Person anhand verschiedener beweglicher Skalen bewertet werden. Was ist ein Held? Wer ist dein Held? Während die Sektion „Heroes?“ historische Persönlichkeiten unter die Lupe nimmt, wird in der Sektion „What is a hero?“ der Begriff des „Helden“ thematisiert und dabei wichtige Fragen zum Begriff des Helden gestellt, z.B. ob Helden auch Dinge tun, die von vielen Menschen ihrer Zeit oder von nachfolgenden Generationen für falsch gehalten werden oder in welchen Situationen Menschen heldenhaft und vorbildlich reagieren. Dazu gibt es Spiele, Übungen und immer wieder links zu den historischen Beispielen. Was macht ein „Held“ aus? Diese Frage wird auf dem Portal gestellt und auf spielerische Weise sehr praxisorientiert beantwortet. Ganz konkret nach den eigenen Vorbildern fragt dann die Sektion „Your Heroes“. Hier sieht man alphabetisch geordnet diejenigen Persönlichkeiten, die von anderen auf das Portal gestellt wurden, mit einem kurzen Lebenslauf, charakteristischen Eigenschaften der Persönlichkeit sowie einer Einschätzung, warum diese Person ein Held oder eine Heldin genannt werden sollte. So entsteht eine sehr bunte Liste von historischen und noch lebenden Personen. John Locke folgt auf John Lennon, Sänger und Sportler stehen zwischen Leonardo da Vinci und Mahatma Gandhi. Diese Liste wird ständig erweitert, denn jeder ist aufgefordert, den eigenen „Hero“ vorzustellen und einzutragen. Vom englischen Beispiel lernen? Im Lehrerbereich des Portals stößt man neben Informationen darüber, welche Methoden und Inhalte für welche Klassenstufe geeignet sind, auch auf die Lernziele, die mit der Beschäftigung mit den historischen Persönlichkeiten und dem Thema „Heroes“ verbunden werden. Genannt werden folgende Ziele: ■ Kritisches Denken und Hinterfragen ■ Kritisch über die eigenen Werte und die Werte anderer nachdenken ■ Eine eigene Meinung bilden und mit anderen Meinungen umgehen lernen ■ Beziehungen und Zusammenarbeit mit anderen lernen, Aushandeln lernen ■ Schülerinnen und Schüler befähigen, „to play an effective role in public life“ ■ Lernen, dass Einzelne und Gruppen Einfluss nehmen können auf gesell schaftliche und politische Entschei dungen ■ Lernen, dass Vorbilder keine Super helden sein müssen, sondern Schwä chen und Fehler haben, dass sie auch versagt haben. ■ Den Wert von ehrenamtlichem Enga gement kennenlernen Interessant ist, dass auf den beiden bisherigen Workshops, die Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. zum Thema „Vorbilder“ durchführte, ganz ähnliche Motivationen, sich mit Vorbildern zu beschäftigen, genannt wurden, wie sie als Lernziele auf dem Portal „History`s Heroes“ angeführt werden. Da es ein ähnliches deutschsprachiges Portal bisher nicht gibt, stellt sich die Frage, ob didaktische Methoden und technische Hilfsmittel des englischen Portals nicht auch für die schulische und außerschulische politisch-historische Jugendbildung in Deutschland übernommen und weiterentwickelt werden könnten und ob, trotz aller Unterschiede zwischen der deutschen und der englischen Geschichte nicht auch Personen aus der deutschen Geschichte in ähnlicher Weise einer kritischen Prüfung unterzogen werden könnten. ■ Dr. Dennis Riffel ist Leiter des Fachbereichs Geschichte und Erinnerung in der Geschäftsstelle von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016 9

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Thema Ruth Wunnicke Sozialistische Helden. Real existierende Werbefiguren des Sozialismus Die Inszenierung von Helden war ein Propagandainstrument, das in allen sozialistischen Gesellschaften Ost- und Südosteuropas als Mittel politischer Massenkommunikation genutzt wurde. Wie wurden diese Helden konstruiert? Was waren ihre Aufgaben zu verschiedenen Zeiten? Und wie funktionierten die Helden im Alltag? Warum sozialistische Helden? Heute können wir davon ausgehen, dass es sich bei der Konstruktion sozialistischer Helden in der Regel zuerst um ein autoritäres Vorgehen seitens der Staaten sowie der kommunistischen Parteien handelte. Dahinter verbarg sich die Absicht, über den Helden eigene Botschaften zu senden, welche die Macht der führenden Partei legitimieren sollte. Zudem dienten die kreierten Heldenkulte den Staats- und Parteiführungen als Instrument zur Förderung von Stärke, Optimismus und Pflichterfüllung. Eine der Aufgaben des sozialistischen Helden war es u.a., mit seiner Person das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Dieses persönlich gewonnene Vertrauenspotenzial sollte langfristig dem Staat und der Gesellschaft zugutekommen. Inszenierung ungebrochener Helden Partei und Staat gingen auf zwei verschiedene Arten und Weisen vor, einen normalen Bürger des Staates zu einem sozialistischen Helden zu machen: Entweder sie wählten einen geeigneten, „besonderen“ Menschen aus und bereiteten ihn auf die heldenhafte Tat vor (wie den ostdeutschen Arbeiterhelden Adolf Hennecke, mit dem die Tat vorab inszeniert wurde) oder aber sie bemächtigten sich einer Person unmittelbar nach der vollbrachten Tat. Sie benutzten den Menschen quasi als Inkarnation der eigenen Ideologie und Propaganda und pflanzten ihm und seiner Tat die eigenen Sinnstiftungen ein. Nicht nur die vollbrachten Taten wurden medienwirksam inszeniert, auch die öffentlich verbreiteten Lebensläufe der Helden folgten in der Grundstruktur alle einem ähnlichen Erzählmuster. Die Erzählung folgte in etwa diesem Erzählstrang: Der Held stammt aus einfachen Verhält- Die Statue eines Kriegshelden auf dem Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park, Berlin. Der Kriegsheld, der ein Kind schützend auf dem Arm trägt, steht auf den Trümmern eines Hakenkreuzes. nissen, fällt schon als Kind positiv auf und wurde früh ein Meister seines Fachs. Er ist Anfechtungen und Verlockungen ausgesetzt, gerät vielleicht auf einen Irrweg, findet aber immer auf den rechten Pfad zurück. Als der Held mit der Partei in Berührung kommt, findet er dort seine geistige Heimat und Schutz. Die Partei wird seine Erzieherin und er lernt fleißig. Politisch und moralisch gefestigt, vollbringt der Held eines Tages „die Tat“ – sie ist die Manifestation seines Heldentums. Der Held besteht die Herausforderung einer bestimmten (historischen) Situation mit Bravour und muss die Aktion nicht überlegen, denn es ist eine notwendige Handlung, die der Held allein vollbringt. Tat und Held verschmelzen zu einem Symbol. Der Held lebt fortan im Einklang mit der sozialistischen Moral, er ist ein untadeliges Vorbild und wird zum Lehrer für andere. Foto: Jan Schapira Heldentypen und Heldenzeiten Zu verschiedenen Zeiten hatten verschiedene Helden Konjunktur. Je nach aktuellen politischen Zielen des Staates und nach den wirtschaftlichen Bedürfnissen wurden neue Heldentypen kreiert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 1950er Jahre hinein erfahren die Helden des Krieges und des antifaschistischen Widerstandes besondere Verehrung. Ihre Taten haben diese Helden bereits in den 30er und 40er Jahren vollbracht und fanden dabei den Tod. Ihre Aufgabe als sozialistischer Held ist es, den antifaschistischen Gründungsmythos der noch jungen sozialistischen Staaten zu verdichten. Von den Heldenmythen erwarten die Machthaber der neuen Staaten gewissermaßen eine Integrationsleistung nach innen, die sich auf das Volk übertragen soll. Vom Ende der 1940er bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre sollen die Helden des Arbeit und des Aufbaus das Grund- Ab 1942 wurde Soja Kosmodemjanskaja (1923 – 1941) zu einer Art Ikone des sowjetischen Widerstandes gegen die deutschen Invasoren und auch in der DDR verehrt, wie hier auf einer Briefmarke von 1962. 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016 Quelle: WikiCommons

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Foto: BA / Hensky Foto: Flickr, Sergey Rodovnichenko Thema Adolf Hennecke (1905 – 1975) erfüllte im 13. Oktober 1948 sein Tagessoll im Steinkohlenbergbau mit 387 Prozent. Dieser Tag wurde in der DDR als „Tag der Aktivisten“ gefeiert. anliegen der sozialistischen Staaten nach Einhaltung und Übererfüllung des Planes unterstützen und helfen, die Wirtschaft anzukurbeln. Ende der 1950er Jahre war die Zeit der Arbeitshelden abgelaufen. Anfang der 1960er Jahre eroberten Juri Gagarin und seine Nachfolger den Weltraum und wurden als Kosmoshelden gefeiert. Die Kosmoshelden wurden erstmals nicht nur als sozialistische Helden, sondern auch weltweit als Stars gefeiert. Die 70er und 80er Jahre blieben mehr oder weniger heldenarme Jahrzehnte. Neue Helden wurden in den 1970er Jahren kaum, in den 80er Jahren gar nicht geboren. Bejubelt und verhöhnt. Wie funktionierten die Helden im Alltag? Zwar konnten die Machthaber per autoritärer Setzung Helden verordnen, sie konnten aber nicht verordnen, die Helden anzunehmen, zu respektieren, womöglich zu verehren. Die Bevölkerung der verschiedenen Länder entschied selbst, wie sie mit den Helden umging – sie ablehnte oder für sich annahm. Nach der Tat des ostdeutschen Bergmanns Adolf Hennecke, der 1948 in einer Arbeitsschicht die Norm mit 387 Prozent übererfüllte und zum Helden der Arbeit gemacht wurde, bejubelten ihn die einen und schrieben ihm persönliche Briefe, andere verhöhnten ihn und schlugen ihm die Scheiben ein. Am Beispiel Henneckes ist aber auch die psychologische Wirkung von Helden abzulesen, denn bis zum Ende der DDR wandten sich unzählige DDR-Bürger in Briefen an ihn als Kummerkasten und Problemlöser. Václav Svoboda, die tschechische Version des Arbeitshelden, erzielte dagegen nicht annähernd so viel positive Resonanz wie der ostdeutsche Hennecke. Die Mehrheit der Tschechen sprach sich für Qualität und gegen die Steigerung der Quantität aus, die durch die Arbeitshelden propagiert wurde. Anders verhielt es sich bei dem sowjetischen Arbeitshelden Alexei Grigorjewitsch Stachanow, der 1935 die gültige Arbeitsnorm als Kohlenhauer laut Propaganda um das 13-fache übererfüllte. Daraufhin riefen Gewerkschaft und KPdSU die „Stachanow-Bewegung“ zur Steigerung der Arbeitsproduktivität ins Leben. Stachanow selbst verfiel jedoch zunehmend dem Alkohol und wurde deshalb zu den Feierlichkeiten zum vierzigsten Jahrestag der Stachanow-Bewegung selbst nicht mehr eingeladen. Offiziell wurde er jedoch von der sowjetischen Führung weiterhin als menschliches Vorbild gefeiert. Die Helden des „Großen Vaterländischen Krieges“ hatten in der damaligen Sowjetunion – und mitunter bis heute – eine besondere Strahlkraft für die Bevölkerung. Die Opferbereitschaft und Ergebenheit, die viele Sowjetbürger über die Kriegshelden gelernt hatten, zeigte sich u.a. 1986 beim Einsatz nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl. Eine große Zahl Freiwilliger meldete sich damals für die Aufräumarbeiten. Erst später kam die Erfahrung, dass der Staat nur unzureichend über das Ausmaß der Gefahr aufgeklärt hatte. Gagarin-Denkmal in Moskau. Zu Ehren des Kosmonauten Juri Gagarin (1934 – 1968) wurde 1980 das futuristische Gagarin-Monument aufgestellt. Rückblickend sind die Helden der vergangenen Tage für viele Menschen eine Melange aus rührender Erinnerung, Verwunderung über sich selbst oder auch verärgerter Ablehnung. Die russische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zitiert in ihrem Buch „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ die Erinnerung einer Russin an den sowjetischen Kosmoshelden Juri Gagarin: „Mein Vater erzählte oft, er habe nach dem Raumflug von Juri Gagarin angefangen, an den Kommunismus zu glauben. Wir waren die Ersten! Wir können alles! So haben er und meine Mutter mich auch erzogen.“( S. 11). ■ ■ Weitere Informationen in Form gut lesbarer Aufsätze zum Thema „Sozialistische Helden“ finden Sie in: Silke Satjukow / Rainer Gries (Hrsg.) Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR Ch. Links Verlag, Berlin 2002 Taschenbuch, 312 Seiten ISBN 978-38615-3271-2 · 22,00 € Ruth Wunnicke ist wissenschaftliche Referentin von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. und Autorin der Broschüre „Kommunistische Diktaturerfahrungen und Migrationsgeschichte“, siehe unter: www.gegen-vergessen.de/unsere-angebote/kommunistische-diktaturerfahrungen.html 11Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016

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Thema Foto: GVFD Interview 1001 verheimlichte Schwächen Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. befragte Schriftsteller Rafik Schami, Gegen Vergessen – Für Demokratie-Preisträger von 2011, über seine Sicht auf Vorbilder Brauchen wir Vorbilder für den Zusammenhalt in einer demokratischen Gesellschaft? Ja, aber nicht in der einen klassischen Form berühmter Frauen und Männer, sondern gesellschaftlicher Vorbilder, die uns den Weg für die Lösung einer gesellschaftlichen Krise zeigen. Die Frage ist also nicht, welche Person Vorbild ist, sondern welche Maßnahmen, Erfahrungen und Lehren man aus einem XY-Land, aus einer historischen Erfahrung ziehen kann, um Gleichgültigkeit und Rassismus, die zwei gefährlichsten Gegner der Demokratie, in unserer Gesellschaft zu verhindern und um die revolutionäre Idee von Versöhnung und geduldiger Annäherung zu verbreiten. Die komplexe Natur der modernen Probleme ist zu viel für eine Person, ein Vorbild, so klangvoll der Begriff sein mag. Vereinfachungen und einfältige Vorschläge sind Demagogie. Daher kann die Lösung nur komplex sein und nur von einer Gemeinschaft getragen werden. Viele Menschen in Deutschland sagen, dass sie schon mit dem Begriff „Vorbild“ Schwierigkeiten haben, und verweisen auf eine ungute Nähe zur Heldenverehrung. Geht es Ihnen ähnlich? Ja, weil die Vorbilder in der Regel Männer sind. Dem misstraue ich sofort und befürchte, dass man schon wieder einen „Führer“ sucht, um aus der Krise herauszukommen. Zum anderen wachsen diese Männer durch Werbung, Propaganda und Leichtgläubigkeit zu Göttern, die ein Normalsterblicher nicht nachahmen kann. Nicht zuletzt habe ich über ein halbes Jahrhundert Idole aus der Nähe angeschaut und jedes Mal enttäuscht festgestellt, dass sie zwar eine Stärke (Mut, Charisma, Klugheit, Organisationstalent etc.) hatten, aber 1001 Schwächen, die Rafik Schami signiert Bücher nach der Preisverleihung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. 2011 in Bremen. sie und oft auch ihre Anhänger verheimlicht haben. Hat die Frage nach vorbildhaftem Verhalten für Sie eine Bedeutung, wenn Sie die Figuren Ihrer Erzählungen und Romane entwerfen? Nein, weder beim Entwerfen noch beim Ausführen. Meine Figuren sind das Resultat einer langen Recherche. Sie müssen nur eine Bedingung erfüllen: glaubwürdig ihre Rolle im Roman spielen. Sie muss sie wie ein Maßanzug bekleiden. Das hört sich einfach an, aber es ist einer der heikelsten Punkte bei der Arbeit an einem Roman. Was hat Sie an ihnen beeindruckt? Privat ja, meine Mutter mit ihrem Humor und ihrer Stärke, mein Vater mit seinem Fleiß und seiner Disziplin. Aber auch allgemein habe ich viele Menschen bewundert. Als Jugendlicher habe ich Jesus geliebt, den mutigsten Prediger aller Zeiten, der als Einziger den Satz prägte: Liebt eure Feinde. Als Chemiker habe ich Marie Curie und Albert Einstein nach eingehendem Studium sehr bewundert und als Schriftsteller Charlie Chaplin, Woody Allen und die anonymen Autorinnen und Autoren der Bibel und von Tausendundeine Nacht als Lehrer gehabt. Aber keinen der Erwähnten nehme ich als Vorbild. ■ Waren für Sie persönlich bestimmte Menschen besonders prägend – ob aus Ihrem Umfeld oder aus dem Kreis bekannter Persönlichkeiten? © 2016 Rafik Schami 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016

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Foto: privat Thema Adnan Hasanbegović Warum bin ich Friedenskämpfer? Die Kriegserfahrung hat mich tief geprägt und unter anderem dazu motiviert, mich der Friedensarbeit zu widmen, zunächst in meiner eigenen Umgebung und der Gesellschaft, in der ich lebe. Ich war als Soldat und Bewohner des belagerten Sarajewo Zeuge und Akteur der Kriegs- ereignisse zwischen 1992 und 1995 in Bosnien-Herzegowina. Die Erlebnisse brutaler Gewalt, die Nähe des Todes und die totale Unsicherheit, die man in einer Kriegszone spürt, haben mich, meine Identität, meine Weltanschauung beeinflusst und meine Persönlichkeit verändert. Vom Agnostiker, der ich vor dem Krieg war, wurde ich zu einem religiösen Menschen. In der Konfrontation mit den Gräueln des Krieges und der alltäglichen Lebensgefahr für meine Familie, meine Freunde und mich kam ich zum Nachdenken über den Sinn, das Schicksal und eine höhere Gewalt. Zugleich wollte ich unbedingt verstehen, weshalb uns ein so brutaler Krieg und solch eine Feindschaft zwischen den Menschen, die bis gestern noch Mitbürger und gute Nachbarn waren, heimgesucht hatten. Ich begann zu verstehen, dass in den Köpfen der Menschen noch immer Krieg ist und dass Misstrauen und Feindschaft aufrechterhalten werden, obwohl formal seit 1995 Frieden herrscht. Ich wollte an der Versöhnung mitarbeiten. Später wurde mir klar, dass der Weg zu Versöhnung und Heilung der Kriegswunden lang und ungewiss ist. Nach dem Krieg waren die Gesellschaften in Sarajewo, Bosnien-Herzegowina und der gesamten Region tief gespalten und traumatisiert. Es war unerlässlich, neuen Sinn, Hoffnung und Motive für die Fortführung des Lebens und den Wiederaufbau zu finden. Der Verlust des Vertrauens in das System, den Staat, aber auch die Menschen haben eine tiefe Ungewissheit und Unsicherheit ausgelöst. Friedensaktivist Adnan Hasanbegović Für mich waren die ersten Treffen mit Friedensaktivisten aus der gesamten Region und die ersten Schulungen zur Friedenskonsolidierung wichtige Momente in dieser Nachkriegszeit. Diese Menschen, die sich wesentlich der Gerechtigkeit, Friedensstiftung und Gewaltfreiheit verschrieben hatten, waren eine riesige Inspiration für mich und Vorbilder in meinen späteren organisierten Friedensbestrebungen. So lernte ich meine Freunde aus dem Zentrum für gewaltfreie Aktion (CNA) kennen, mit denen ich seit 1998/99 zusammenarbeite. Das CNA setzt sich für eine dauerhafte Friedenskonsolidierung im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien ein. Es fördert eine Kultur der Gewaltfreiheit, des Dialogs und der Vertrauensbildung zwischen Einzelnen und Gruppen sowie eine konstruktive Vergangenheitsbewältigung als Schlüsselfaktor der Friedensarbeit. Daran arbeiten wir durch Aktivitäten wie Friedenserziehung, Verlagswesen und Videoproduktion. Bei entsprechenden Schulungen lernen wir voneinander, tauschen Emotionen und Haltungen aus und versuchen unterschiedliche Betrachtungsweisen zu verstehen. Wir lernen, wie man in Ländern, die von Krieg, Hass, Angst und den kollektiven Geistern einer gewalttätigen Vergangenheit betroffen sind, Wege für Versöhnung, Freiheit, zwischenmenschliche Unterstützung und Zusammenarbeit finden kann. Da wir ein Team sind, ist jeder von uns an all unseren Aktivitäten beteiligt. Neben der Friedenserziehung beschäftige ich mich am meisten mit der Arbeit mit Kriegsveteranen. Da ich selbst am Krieg beteiligt war, glaube ich, dass ich in dieser Rolle den größten Beitrag leisten kann. Sie verleiht mir Glaubwürdigkeit » Foto: Centre for Nonviolent Action Innenraum einer Lagerhalle im Hafen von Brčko in Bosnien-Herzegowina, in der Menschen eingesperrt und gefoltert wurden. Nach mehrjähriger Verhandlung mit den Behörden konnte ein Teil der Lagerhalle in eine Gedenkstätte umgewandelt werden. 13Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016

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Thema Ausstellung „Krieg der Erinnerungen / War of Memories“ Nach dreieinhalbjähriger Arbeit hat das „Centre of Nonviolent Action“ (CNA) in Sarajevo und Belgrad eine Publikation und eine Ausstellung zum Thema „Krieg der Erinnerungen/War of memories“ veröffentlicht. Das CNA ist eine 1997 gegründete Nichtregierungsorganisation, die sich mit Friedens- und Erinnerungsarbeit für Dialog und Gewaltfreiheit zwischen den früheren Kriegsparteien im ehemaligen Jugoslawien einsetzt. Gegen Vergessen – für Demokratie e.V. arbeitet seit 2015 mit dem CNA zusammen, gemeinsam wurden bereits zwei interne Workshops in Berlin und Belgrad zum Erfahrungs- und Ideenaustausch organisiert. Das Projekt „War of memories“ widmet sich der Erforschung, Dokumentation und Analyse von Erinnerungspolitiken und Gedenkkulturen des Krieges in Bosnien und Herzegowina sowie in Serbien (1991–95). Es leistet einen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen des Erinnerns und Gedenkens, die je nach betroffener Gruppe variieren und bis heute zur gegenseitigen Ablehnung und Misstrauen beitragen. Ziel dieser Auseinandersetzung ist es, das Bewusstsein für die unterschiedlichen Weisen des kollektiven Gedenkens zu schärfen, den offenen Dialog zu fördern und neue Wege des gemeinsamen Gedenkens aller Opfer von Gewalt und Unrecht, egal welcher Herkunft, zu beschreiten. Die begleitend zur Publikation entstandene Ausstellung zeigt beeindruckende Fotografien von Orten des Gedenkens und Erinnerns, aber auch von bisher nicht gekennzeichneten Orten des Krieges und des Terrors in Bosnien und Herzegowina. Die Fotoausstellung wurde unter anderem bereits in Wien gezeigt und liegt in deutscher Übersetzung vor. Es handelt sich um 30 aufgezogene Fotografien im Format 40 x 60 cm mit Texten. Ein Bild hat jeweils zwei Dreiecksaufhängungen und ist leicht auf einer Schiene zu montieren. Fotografien und Texte können Sie sich über folgenden Link anschauen und herunterladen: http://nenasilje.net/exchange/KulturaSjecanja/Exhibition30deutschF.pdf Falls Sie Interesse daran haben, die Fotoausstellung in Ihrer Region zu zeigen, wenden Sie sich bitte an info@gegen-vergessen.de Wir stellen gerne den Kontakt zum CNA her und senden Ihnen die Ausstellung zu. Es ist auch möglich, dass einer der Mitarbeiter des CNA zu einer Auftaktveranstaltung in Ihre Region kommt und über die Ausstellung spricht (auf Deutsch). Weitere Informationen über das Projekt und eine Online-Version der genannten Publikation in englischer Sprache finden sie auf der Seite http://kulturasjecanja.org/en. » vor allem in meiner eigenen Communi- ty der Bosniaken und unter den ehemaligen Kriegsteilnehmern. Diese werden am häufigsten als Träger von nationalistischen Narrativen wahrgenommen. Ihre Kriegserfahrung macht sie zu außergewöhnlichen Friedensaktivisten, die hochmotiviert sind zu verhindern, dass sich Gewalt wiederholt. So besuchen Kriegsveteranen aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien, also ehemals verfeindete Zugehörige der beteiligten Armeen auf dem Balkan in den 1990er-Jahren, gemeinsam Gedenkstätten für im letzten Krieg gefallene Soldaten. Es gilt allen Opfern und deren Familien gegenüber Respekt auszudrücken, ungeachtet ihrer Abstammung wie ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Mit unseren Freunden ehren wir die Opfer, die unsere Armee getötet hat. Manchmal sprechen wir darüber, manchmal schweigen wir. Die Idee dazu entstand bei Friedensausbildungen für Kriegsveteranen. Wir möchten die Botschaft senden, dass es uns leid tut und wir heute gemeinsam gegen den Krieg sind. Wir sind uns oft über die Vergangenheit uneinig, aber wir vertrauen einander und würden einander unsere eigenen Kinder anvertrauen. Unter uns sind gläubige Christen, Muslime und Atheisten. Wir alle haben einen tiefen Bedarf nach Frieden, weil wir wissen, was Krieg ist. Wir hoffen, dass wir durch Gesten der Versöhnung und durch die Verdammung von Verbrechen andere Leben retten können. Die ersten Besuche von Ehrenmalen und Gedenkstätten für gefallene Soldaten haben wir 2008 organisiert. Wir sind der Ansicht, dass gemeinsame Treffen ehemaliger Kriegsteilnehmer für das Gedenken aller Opfer an Orten, an denen Soldaten gefallen sind, zur Vertrauensbildung und zur Auflösung von Feindbildern in unseren Gesellschaften beitragen. Sie können eine symbolische, aber starke Botschaft der Versöhnung aussenden. Die Motivation, aufgrund deren ich Teil dieser ganzen Geschichte bin, liegt im Wunsch, in einer Gesellschaft zu leben, die nicht permanent am Rande eines Krieges steht, sondern in der es Gerech- Adnan Hasanbegovic´, Jahrgang 1973, nahm als Soldat der Armee Bosnien und Herzegowinas von 1992 bis 1995 am Bosnienkrieg teil. Heute arbeitet er als Friedensaktivist für das Centre for Nonviolent Action (CNA) in Sarajewo und Belgrad. tigkeit und Freiheit gibt. Am meisten sorgt mich die Vorstellung neuer Auseinandersetzungen und Gewalt auf dem Balkan. Noch immer sind unsere Gesellschaften durch Schmerz und Unrecht tief gespalten. Von der jüngsten Kriegsvergangenheit existieren heute mehr Sichtweisen als kurz nach Kriegsende – eine Folge der kollektiven Viktimisierung und des nationalistischen Missbrauchs des Krieges als Grundlage für staatsbildende Ideologien. Diese Spaltungen verschärfen sich aufgrund einer permanenten Krisensituation und weil sich Menschen unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeiten immer weniger im Alltag treffen und zusammenarbeiten. Angst und Vorurteile scheinen jetzt stärker zu sein als kurz nach Kriegsende. Im Alltag sind wir Zeugen nationalistischer Exzesse und politischer Konflikte aufgrund der nationalen Zugehörigkeiten. Das macht uns zu Geiseln der Vergangenheit und verhindert die Entstehung von Stabilität und die Ausbildung einer gerechteren Gesellschaft. Wir sehen unsere Arbeit vor allem in der Zersetzung von Angst, Hass und Vorurteilen zwischen den unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppen und glauben, die Lage allmählich verbessern zu können. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016

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Foto: Centre for Nonviolent Action Thema Die Grundmotive für mein Handeln, für den Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden, Sicherheit und Wahrheit, finde ich im Glauben, im Islam. Außerdem motivieren mich die Kriegsveteranen, die im Krieg meine Feinde waren und mit denen ich heute gemeinsam an der Versöhnung arbeite. Das sind tapfere Menschen, von denen einige den Verlust von Körperteilen oder Familienmitgliedern hinnehmen mussten und dennoch die „anderen“ nicht hassen. Sie opfern ihre Zeit, aber auch ihren Status von „Kriegshelden“. Sie sprechen kritisch davon, was ihre Armeen im Krieg getan haben. Deswegen sind sie Druck und Beleidigungen ausgesetzt, beharren aber auf ihrer Friedensarbeit. Sie inspirieren mich und geben mir Kraft, mit dieser Arbeit weiterzumachen. In einer Welt voller Krieg, Terror und Gewalt bleibt uns oft nur eine bewusste Vorwärtsbewegung in unserer eigenen Friedensarbeit. Ich glaube, dass ich mit Spiegelung zweier ehemaliger Soldaten, die gemeinsam eine Ausstellung im Gedenkzentrum in Srbrenica besuchen. Einer hat der Armee Bosnien-Herzegowinas angehört, der andere der Armee der Republika Srpska. meiner persönlichen Hingabe an Frieden und Gewaltfreiheit, der Teilnahme an Friedensaktionen, der Unterstützung Gewalt Ausgesetzter, dem Verstehen gesellschaftlicher Konflikte und gegenseitiger Empathie dazu beitragen kann, die Symptome der Kriegsfolgen zu lindern. Ebenso wichtig ist es, dass wir uns Erscheinungen widersetzen, die uns in neue Kriege und politische Gewalt jeglicher Art führen. Es ist unserer Wunsch, an der Ausbildung einer Gesellschaft zu arbeiten, in der es weniger soziale Ungerechtigkeit und Gewalt jeglicher Art gibt. Schließlich wünsche ich mir, dass die Aufarbeitung der Ursachen und Folgen der Balkankriege der 1990er-Jahre nützlich und bewusstseinsbildend wirkt, als dauerhafte Mahnung, damit sich nie wieder so ein Chaos von ethnischer, religiöser und sonstiger Gewalt wiederholt. ■ Bernd Faulenbach Rückfall in den Nationalismus als internationale Tendenz? Kehrt die Vergangenheit wieder? – so fragen nicht wenige Zeitgenossen. Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. engagiert sich seit mehr als 25 Jahren dafür, die Erinnerung an die Vergangenheit des 20. Jahrhunderts lebendig zu halten, um vor diesem Hintergrund demokratisches Leben und internationale Beziehungen zu gestalten. Jetzt aber scheint nicht weniger als eine Regression zu drohen, gleich in einer ganzen Reihe von Ländern, auch bei uns. Keine Frage, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen. Der „Brexit“, die Entscheidung einer knappen Mehrheit des Vereinigten Königreiches, die Europäische Gemeinschaft zu verlassen, hatte die deutsche und internationale Öffentlichkeit so nicht erwartet. Zwar hatte Großbritannien schon immer Probleme mit der europäischen Integration, doch dass daraus ein spektakuläres Nein zu einer Europäischen Gemeinschaft wurde, schockierte, zumal das Votum mit ausgesprochen fremdenfeindlichen Argumenten verbunden war. Dabei galten nicht nur Zuwanderer aus Nordafrika, dem nahen und mittleren Osten, sondern auch EU-Bürger als Fremde. Dass die Schotten (und auch die Nordiren) mehrheitlich für ein Verbleiben in der EU votierten, ändert nichts daran, dass das Votum durch den Geist des Nationalismus mitgeprägt war. Damit steht das Vereinigte Königreich für einen breiteren Trend. Nationalistische Ziele, die mit antieuropäischen Haltungen verbunden sind, werden – bei manchen Unterschieden in der konkreten Ausformung – von rechtspopulistischen Bewegungen in vielen Ländern Europas verfolgt. Der Front National von Marine Le Pen in Frankreich, die Bewegung des Geert Wilders in den Nieder- landen, die Freiheitlichen in Österreich, die Schwedendemokraten oder auch die AfD in Deutschland seien als Beispiele genannt. In Ostmitteleuropa – in Polen und in Un- garn – werden Regierungen von Partei- en getragen, die die Politikwissenschaft ebenfalls als mehr oder weniger rechtspo- pulistisch bezeichnet. Linkspopulistische Bewegungen in Griechenland und Spani- en sind gleichzeitig zu registrieren, die bei manchen innenpolitischen Unterschieden im nationalen Politikverständnis mit den Rechtspopulisten konvergieren. » 15Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 90 / September 2016

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