Naturwissenschaftler antworten Journalisten

 

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Einige Naturwissenschaftler aus dem DFG Schwerpunktprogramm 1689 antworten hier professionellen WissenschaftsjournalistInnen.

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Naturwissenschaftler antworten Journalisten ... ... wie Ungewissheiten und Unsicherheiten in der Klimaforschung kommuniziert werden (sollten) Herausgegeben von PROF. DR. NINA JANICH & CHRISTIANE STUMPF, M.A. Schwerpunktprogramm 1689 der Deutschen Forschungsgemeinschaft

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Prof. Dr. Andreas Oschlies → Professor für Marine Biogeochemische Modellierung → GEOMAR & Universität Kiel → Sprecher des Schwerpunkt­ programms 1689 1 | Wie würden Sie einem 12-Jährigen erklären, woran Sie gerade arbeiten? Und was würden Sie ihm antworten, wenn er sagt, das fände er ja voll cool – und warum Climate Engineering noch nicht genutzt werde? Einige Leute überlegen, ob man nicht künstlich in das Klimasystem eingreifen sollte, um mögliche schlimme Klimaänderungen in der Zukunft zu verhindern. Wir versuchen mit Klimamodellen herauszufinden, was dabei alles schief gehen und was vielleicht auch ganz gut klappen könnte. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern überlegen wir, ob man überhaupt in das Klimasystem eingreifen dürfte und wer wie entscheiden dürfte, welches Klima dann eingestellt werden sollte. Ein Leben mit Climate Engineering wäre nicht unbedingt cool, da die Menschheit sich vermutlich nicht auf EIN Klima einigen könnte und sich bei jedem Unwetter streiten würde, wer daran Schuld war. So ähnlich wie Fernsehen mit 7 Milliarden Menschen, aber nur einer Fernbedienung zur Wahl des Programms. 2 | Journalisten sind häufig bestrebt, eindeutige Botschaften zu vermitteln. Doch einfache Wahrheiten gibt es in der Wissenschaft selten. Wie gehen Sie mit dieser Diskrepanz um? Eine sichere Wahrheit ist, dass wir Wissenschaftler kein Patentrezept zur Lösung aller Probleme haben. Ich versuche aufzuzeigen, dass auch die in der Gesellschaft scheinbar akzeptierten Wahrheiten hinterfragt werden müssen (z.B. „Aufforstung ist gut“ – in unseren Modellen führt Aufforstung aber durch die dunkle Farbe des Waldes unter Umständen zu einer weiteren Aufheizung des Planeten). 3 | Finden Sie, dass in den Medien ausreichend differenziert über wissenschaftliche Erkenntnisse im Forschungsgebiet Climate Engineering berichtet wird? Ja. 4 | Ist es aus Ihrer Sicht besser, gegenüber der Öffentlichkeit bestimmte Unsicherheiten zu be­nennen, die in einem Forschungsprojekt gegeben sind, als dies nicht zu tun? Oder führt offene Unsicherheits- und Risikokommunikation – zum Beispiel im Forschungsfeld Climate Engineering – unter Umständen zu einer unnötig erhöhten Risikowahrnehmung in der Gesellschaft? Ich finde, dass Unsicherheiten kommuniziert werden sollten. Die Gesellschaft kann und muss ja in anderen Bereichen auch mit Unsicherheiten umgehen (Gesundheit, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Aufwendungen für Militär, ...). 5 | Haben Sie selbst den Anspruch, zum Beispiel JournalistInnen, PolitikerInnen und/oder BürgerInnen über den Grad der Sicherheit bzw. Unsicherheit Ihrer Forschungserkenntnisse zu informieren? Ja. Wenn ja, wie machen Sie das? Ich verweise darauf, dass alle unsere Aussagen auf dem aktuellen Verständnis des Erdsystems basieren, mit dem wir noch nicht einmal die letzte Eiszeit simulieren können. Trotzdem treffen wir unsere Aussagen nach bestem Wissen und Gewissen. 6 | Mit wem diskutieren Sie außerhalb der Wissenschaft bevorzugt über den Grad an Sicherheit und Unsicherheiten Ihrer Forschungsergebnisse? Diskussionsforen im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit; Freunde, Taxifahrer …

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Dr. Gerd Bürger → Institut für Meteorologie 7 | Ist es aus Ihrer Sicht besser, einfache Botschaf- → Freie Universität Berlin ten zu verkünden, die verstanden werden, oder einen gewissen Grad an Komplexität und ggf. 1 | Wie würden Sie einem 12-Jährigen erklären, Unsicherheit zu vermitteln, auch auf die Gefahr woran Sie gerade arbeiten? Und was würden Sie hin, nicht oder falsch verstanden zu werden? ihm antworten, wenn er sagt, das fände er ja voll Einfache Botschaften sind aus meiner Sicht cool – und warum Climate Engineering noch besser. Ein grobes Verständnis von Unsicherheit nicht genutzt werde? kann meiner Meinung nach auch zusammen mit Wir untersuchen, welche Nebenwirkungen einfachen Botschaften vermittelt werden. es hat, wenn man versucht, das Klima künstlich abzukühlen, und ob diese Nebenwirkungen nicht 8 | Bei welchen Themen fällt es Ihnen beson- möglicherweise noch schlimmer als die Erwär- ders schwer über Unsicherheiten zu kommuni- mung selbst sind. zieren (z.B. sicherheitsrelevante Unsicherheiten, methodische Unsicherheiten, Unsicherheiten 2 | Journalisten sind häufig bestrebt, eindeutige bezüglich potenzieller Forschungsergebnisse, Botschaften zu vermitteln. Doch einfache Wahr- Unsicherheiten über Nutzungsmöglichkeiten heiten gibt es in der Wissenschaft selten. Wie von Forschung ...)? gehen Sie mit dieser Diskrepanz um? Unsicherheiten über den Umfang des Nicht- Wahrheiten sind, im sozialen Kontext, fast wissens. immer dynamisch. Es geht darum, wann man wie was sagt. 9 | Werden wissenschaftliche Erkenntnisse als nicht ganz sicher dargestellt, besteht die Gefahr, 3 | Finden Sie, dass in den Medien ausreichend dass das Vertrauen in die Wissenschaft verloren differenziert über wissenschaftliche Erkennt- geht (siehe Klimadiskurs in den USA). Wie ge- nisse im Forschungsgebiet Climate Engineering hen Sie mit dieser Schwierigkeit um? berichtet wird? Die Gefahr sehe ich nicht wirklich. Wissen- Möglicherweise. schaftler müssen kommunizieren, dass Unsicher- heiten ganz alltäglich sind und die Gesellschaft 4 | Ist es aus Ihrer Sicht besser, gegenüber der prima damit umgehen kann. Ich sehe die Gefahr, Öffentlichkeit bestimmte Unsicherheiten zu be- dass Wissenschaftler ihre Ergebnisse als „sicher“ nennen, die in einem Forschungsprojekt gegeben verkaufen, sich damit auf dünnes Eis begeben sind, als dies nicht zu tun? Oder führt offene Un- und schließlich widerlegt werden, was zu einem sicherheits- und Risikokommunikation – zum Vertrauensverlust führt. Beispiel im Forschungsfeld Climate Engineering – unter Umständen zu einer unnötig erhöhten Risikowahrnehmung in der Gesellschaft? Generell sollten Unsicherheiten benannt und wenn möglich auch quantifiziert werden. Nicht hilfreich sind sie allerdings als rhetorische Lückenbüßer. 5 | Haben Sie selbst den Anspruch, zum Beispiel JournalistInnen, PolitikerInnen und/oder BürgerInnen über den Grad der Sicherheit bzw. Unsicherheit Ihrer Forschungserkenntnisse zu informieren? Ja.

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Prof. Dr. Johannes Quaas → Professor für Theoretische Meteorologie Wenn ja, wie machen Sie das? Unsicherheit, generell das Unbekannte, ist das → Universität Leipzig normale Geschäft des Wissenschaftlers. Wenn Wissenslücken klar benannt und beschrieben 1 | Wie würden Sie einem 12-Jährigen erklären, werden, werden sie verständlich, und man ge- woran Sie gerade arbeiten? Und was würden Sie winnt Vertrauen, anstatt es zu verlieren. ihm antworten, wenn er sagt, das fände er ja voll cool – und warum Climate Engineering noch 6 | Mit wem diskutieren Sie außerhalb der Wis- nicht genutzt werde? senschaft bevorzugt über den Grad an Sicher- Die Studien zum Climate Engineering sind heit und Unsicherheiten Ihrer Forschungser- ein kleiner Teil der Forschungsarbeiten in un- gebnisse? serer Arbeitsgruppe. Der Großteil der Arbeiten Mit Freunden und Bekannten. beschäftigt sich mit dem Verstehen des (ja ei- gentlich unbeabsichtigten) Klimawandels. Da- 7 | Ist es aus Ihrer Sicht besser, einfache Botschaf- bei verstehen wir vieles nur sehr unzureichend ten zu verkünden, die verstanden werden, oder – zum Beispiel wissen wir nicht gut genug, wie die einen gewissen Grad an Komplexität und ggf. Schwefel- und Rußpartikel Wolken und damit Unsicherheit zu vermitteln, auch auf die Gefahr das Klima verändern. Dass wir das nicht genau hin, nicht oder falsch verstanden zu werden? wissen, hat sehr weitreichende Konsequenzen – Auch Wissenslücken können einfach vermit- zum Beispiel ist es der Grund, warum wir nicht telt werden. aus der schon beobachteten Erwärmung auf die zukünftige Erwärmung schließen können. Und 8 | Bei welchen Themen fällt es Ihnen beson- wenn wir schon das sich seit vielen Jahrzehnten ders schwer über Unsicherheiten zu kommuni- ändernde Klima nicht verstehen, dann ist es si- zieren (z.B. sicherheitsrelevante Unsicherheiten, cherlich sehr riskant, mit unvollständig verstan- methodische Unsicherheiten, Unsicherheiten denen Methoden ins Klima eingreifen zu wollen. bezüglich potenzieller Forschungsergebnisse, Unsicherheiten über Nutzungsmöglichkeiten 2 | Journalisten sind häufig bestrebt, eindeutige von Forschung ...)? Botschaften zu vermitteln. Doch einfache Wahr- Methodische Unsicherheiten stellen das heiten gibt es in der Wissenschaft selten. Wie größte Problem dar, da sie nur sehr schwer quan- gehen Sie mit dieser Diskrepanz um? tifizierbar sind. In der Regel kann man eindeutige Botschaften finden, die gut vermittelbar sind. Allerdings wer- 9 | Werden wissenschaftliche Erkenntnisse als den nach meiner Erfahrung häufig Effekte und nicht ganz sicher dargestellt, besteht die Gefahr, Auswirkungen dramatisiert, und es ist wichtig, dass das Vertrauen in die Wissenschaft verloren dies zu relativieren. geht (siehe Klimadiskurs in den USA). Wie ge- hen Sie mit dieser Schwierigkeit um? 3 | Finden Sie, dass in den Medien ausreichend Der Klimadiskurs in den USA ist das beste differenziert über wissenschaftliche Erkennt- Beispiel, wie ein Diskurs nicht geführt werden nisse im Forschungsgebiet Climate Engineering sollte. Erst die fehlende Offenheit über die be- berichtet wird? stehenden Unsicherheiten hat den Diskurs in die Ja. öffentliche Debatte gebracht und ihn der politi- schen Rhetorik ausgesetzt.

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4 | Ist es aus Ihrer Sicht besser, gegenüber der Öffentlichkeit bestimmte Unsicherheiten zu benennen, die in einem Forschungsprojekt gegeben sind, als dies nicht zu tun? Oder führt offene Unsicherheits- und Risikokommunikation – zum Beispiel im Forschungsfeld Climate Engineering – unter Umständen zu einer unnötig erhöhten Risikowahrnehmung in der Gesellschaft? Die Benennung von Unsicherheiten ist generell in Bezug auf den Klimawandel sehr wichtig. Hier wurde meines Erachtens Vertrauen verspielt, als vieles vorschnell als gesicherte Erkenntnis dargestellt wurde. Dass im Vorfeld des Pariser Klimagipfels von klarer wissenschaftlicher Sachlage gesprochen wurde, ist sicherlich ein Grund, warum zum Entsetzen vieler Kolleginnen und Kollegen am australischen CSIRO (Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation) nun die Klimawissenschaft eingestampft wird. 7 | Ist es aus Ihrer Sicht besser, einfache Botschaften zu verkünden, die verstanden werden, oder einen gewissen Grad an Komplexität und ggf. Unsicherheit zu vermitteln, auch auf die Gefahr hin, nicht oder falsch verstanden zu werden? Meines Erachtens kann man Unsicherheiten in einfachen Botschaften vermitteln, und auch die Komplexität lässt sich unschwer kommunizieren. Insgesamt müssen die Erläuterungen natürlich verständlich sein, also in entsprechend einfacher Sprache formuliert werden. 8 | Bei welchen Themen fällt es Ihnen besonders schwer über Unsicherheiten zu kommunizieren (z.B. sicherheitsrelevante Unsicherheiten, methodische Unsicherheiten, Unsicherheiten bezüglich potenzieller Forschungsergebnisse, Unsicherheiten über Nutzungsmöglichkeiten von Forschung ...)? Es fällt meines Erachtens gar nicht schwer. 5 | Haben Sie selbst den Anspruch, zum Beispiel JournalistInnen, PolitikerInnen und/oder BürgerInnen über den Grad der Sicherheit bzw. Unsicherheit Ihrer Forschungserkenntnisse zu informieren? Ja. Wenn ja, wie machen Sie das? Bislang habe ich nicht selbst den Kontakt gesucht. Bei Anfragen der Medien oder der Politik habe ich aber immer entsprechend Stellung bezogen. 9 | Werden wissenschaftliche Erkenntnisse als nicht ganz sicher dargestellt, besteht die Gefahr, dass das Vertrauen in die Wissenschaft verloren geht (siehe Klimadiskurs in den USA). Wie gehen Sie mit dieser Schwierigkeit um? Ich finde, das Umgekehrte ist richtig: Werden Erkenntnisse als zu sicher dargestellt, geht Vertrauen verloren. Was nötig ist, sind ehrliche Aussagen. 6 | Mit wem diskutieren Sie außerhalb der Wissenschaft bevorzugt über den Grad an Sicherheit und Unsicherheiten Ihrer Forschungsergebnisse? Ich habe da keine Vorzüge, sondern stelle mich in der Regel allen Anfragen.

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Prof. Dr. Mark Lawrence → Atmosphärenwissenschaftler → Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), Potsdam 1 | Wie würden Sie einem 12-Jährigen erklären, woran Sie gerade arbeiten? Und was würden Sie ihm antworten, wenn er sagt, das fände er ja voll cool – und warum Climate Engineering noch nicht genutzt werde? Vielleicht hast Du ja schon mal davon gehört, dass sich unsere Erde erwärmt, weil wir MinedniescAhtemnossopgheänraenenmteitTtireeriebnh,azu.Bsg. adsuercwhie­ACutOos2 und Kraftwerke. Diese Erwärmung kann für uns Menschen und unsere Umwelt eine Menge schlimmer Folgen haben, und viele Menschen überlegen seit Jahren, was man dagegen tun könnte. Wissenschaftler haben verschiedene Ideen entwickelt. Natürlich gibt es saubere Technologien wie Solar- und Windstrom oder Elektro- und Wasserstoffautos. Aber Du weißt, wie zögerlich Leute oft sind, zu solchen Tech- nologien zu wechseln. Hinzu kommt, dass wir Menschen die ganze Zeit mehr produzieren und ausstoßen – uwnedltwmeeiht rinCsOge2- samt etwa 1000 Tonnen jede Sekunde – fast unvorstellbar! Manche Wissenschaftler fragen sich, ob wir unsere Atmosphäre irgendwie wie- der säubern können, so in etwa, wie wenn Du mit dreckigen Schuhen ins Haus kommst und du nachher wieder alles wegsaugst. Inzwischen gibt es aus der mLuefhtreenretfeIrdneeenn,kwönientme.aEninCigOe2Wwiisesdeenr- schaftler haben außerdem daran gedacht, mehr Sonnenlicht zurück ins All zu reflektieren, um die Erde abzukühlen. Das wäre in etwa so, als würde man an sonnigen Sommertagen einen Sonnenschirm über der Terrasse aufspannen. Das mag vielleicht im ersten Moment nach guten Lösungen klingen, ist aber – wie üblich – nicht ganz so einfach. Es würde vermutlich Jahrzehnte dauern alles aufzubauen, bis tat- sächlich entfernt wgreordßeenMkeönngneenn.aAnuCchO2köaunsntdee, rwLeunfnt wir versuchen zusätzliches Sonnenlicht zu reflektieren, etwas schiefgehen. Wir wissen schließlich nicht, was passiert, wenn wir so an der Erde herumschrauben. Wenn irgendein Land es trotzdem irgendwann versuchen sollte, und andere Länder nicht damit einverstanden wären … nun, dann gäbe es noch mehr Streit zwischen den Ländern. Wir können uns also noch nicht über solche Ideen freuen. Doch ist es wichtig, diese Ideen weiterhin zu erforschen, damit wir nicht nur die Möglichkeiten besser abschätzen können, sondern auch, welche konkreten Gefahren und Unsicherheiten mit solchen Eingriffen verbunden wären. Nur so können verantwortungsvolle Entscheidungen zu diesem Thema von der Politik, der Industrie und anderen Beteiligten getroffen werden. 2 | Journalisten sind häufig bestrebt, eindeutige Botschaften zu vermitteln. Doch einfache Wahrheiten gibt es in der Wissenschaft selten. Wie gehen Sie mit dieser Diskrepanz um? Nun, es ist manchmal doch möglich eindeutige Botschaften zu vermitteln, etwa wie die, die wir in der Zusammenfassung des ­EuTRACE-Berichts (http://www.eutrace.org) geschrieben haben: „Es erscheint nicht ratsam seine Erwartungen darauf zu setzen, dass Techniken zur Entfernung von Treibhausgasen aus der Atmosphäre oder zur Reflektion von Sonneneinstrahlung in den nächsten Jahrzehnten eine signifikante Rolle in der Klimapolitik spielen werden. Es wäre jedoch möglich, dass eine oder auch mehrere der gegenwärtig diskutierten Climate Engineering Ansätze eine Option für die Klimapolitik der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts darstellen könnten.“ Hinter diesem Bericht stehen Forscher von 14 europäischen Forschungseinrichtungen. Aber manchmal ist es auch nicht so einfach. Wir sollten uns von der Komplexität und den offenen Fragen im Bereich Climate Engineering jedoch nicht abschrecken lassen, sondern diese kommunizieren und so Transparenz schaffen. Es ist ja immerhin schon eine eindeutige Botschaft, dass ein Thema sehr komplex ist und dass wir es noch nicht komplett

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durchleuchtet haben. Am besten verbringt man lichkeit ist nicht dumm – sie versteht nur oftmals etwas Zeit damit, seine Antworten größtmöglich kein Fachchinesisch. Das impliziert aber auch, auf die Bedürfnisse und Kenntnisse der Zuhörer dass wir eine Verantwortung haben, verständlich abzustimmen. Wir können zudem Journalisten über die vielen Aspekte der klimatischen, ökolo- ermutigen und unterstützen, Erkenntnisse in gischen, politischen und sozialen Unsicherheiten angemessener Differenziertheit und Detailtiefe und Risiken zu berichten. zu vermitteln. Für mich ist außerdem nicht nur die Dis- kussion gegenüber der Öffentlichkeit, sondern 3 | Finden Sie, dass in den Medien ausreichend auch innerhalb der Wissenschaft wichtig. Meine differenziert über wissenschaftliche Erkennt- eigene Position hierzu habe ich schon 2006 in nisse im Forschungsgebiet Climate Engineering ­einer Veröffentlichung dargelegt, in der ich berichtet wird? das Dilemma „To Speak or Not to Speak“ the- Sehr positiv ist, dass in den Medien vermehrt matisiere und dafür argumentiere, das damals eine Auseinandersetzung mit dem Thema statt- innerhalb der wissenschaftlichen Community findet. Besonders in den deutschen Medien ist existierende Tabu bezüglich Climate Enginee- die Berichterstattung inzwischen in der Regel ring aufzuheben. Zum Glück ist dies inzwischen ziemlich gut. Natürlich fällt dabei gelegentlich schon längst geschehen. die differenzierte Betrachtung einer guten „Story“ Was die Forschung unserer Arbeitsgruppe zum Opfer. Meines Erachtens ist die vielleicht zu Climate Engineering betrifft, so beschäftigen größte Verzerrung in den Medien die Darstel- wir uns ausschließlich mit der theoretischen lung, dass sich viele Wissenschaftler oder Inte- Computermodellierung atmosphärischer und ressengemeinschaften für den baldigen Einsatz klimatischer Prozesse sowie mit sozialwissen- von Climate Engineering einsetzen würden, schaftlichen, ethischen und politischen Frage- insbesondere für Techniken zur Reflektion von stellungen. Wir versuchen dabei die Potenziale, Sonnenlicht. Für kaum einen der vielen Wissen- Grenzen, Risiken und Unsicherheiten besser zu schaftler im Fachgebiet, die ich kenne, trifft das verstehen und diese mit verschiedenen Stakehol- zu. Es sind im Gegenteil vor allem Wissenschaft- dern zu diskutieren. ler, die immer wieder eindringlich vor den Ge- fahren des Climate Engineerings warnen. Ja, es 5 | Haben Sie selbst den Anspruch, zum Bei- gibt Forschungsinteressen; diese sind aber darauf spiel JournalistInnen, PolitikerInnen und/oder ausgerichtet, sowohl die Möglichkeiten als auch BürgerInnen über den Grad der Sicherheit bzw. die Grenzen, Risiken, Nebenwirkungen und Un- Unsicherheit Ihrer Forschungserkenntnisse zu sicherheiten vernünftig abzuschätzen. informieren? Ja. 4 | Ist es aus Ihrer Sicht besser, gegenüber der Wenn ja, wie machen Sie das? Öffentlichkeit bestimmte Unsicherheiten zu be- Wir tun dies beispielsweise in öffentlichen nennen, die in einem Forschungsprojekt gegeben Veranstaltungen, Vorträgen oder kurzen Filmen. sind, als dies nicht zu tun? Oder führt offene Un- Auch Dialogveranstaltungen sind immer wieder sicherheits- und Risikokommunikation – zum eine Gelegenheit, um gemeinsam Bedenken zu Beispiel im Forschungsfeld Climate Engineering formulieren und Unsicherheiten zu thematisie- – unter Umständen zu einer unnötig erhöhten ren. Die Kommunikation von offenen Fragen Risikowahrnehmung in der Gesellschaft? und die Interpretation von Forschungsergeb- Da kann ich gerne eine eindeutige Botschaft nissen stehen dabei im Mittelpunkt und spielen geben: Meines Erachtens ist es viel besser, sehr auch in all unseren (wissenschaftlichen und offen gegenüber der Öffentlichkeit bezüglich nicht-wissenschaftlichen) Publikationen eine ­aller Aspekte und Ergebnisse zu sein. Die Öffent- wesentliche Rolle.

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6 | Mit wem diskutieren Sie außerhalb der Wis- 9 | Werden wissenschaftliche Erkenntnisse als senschaft bevorzugt über den Grad an Sicher- nicht ganz sicher dargestellt, besteht die Gefahr, heit und Unsicherheiten Ihrer Forschungsergeb- dass das Vertrauen in die Wissenschaft verloren nisse? geht (siehe Klimadiskurs in den USA). Wie ge- Außerhalb der Wissenschaft haben wir drei hen Sie mit dieser Schwierigkeit um? Hauptpartner, mit denen wir dieses Thema Welche Art von Vertrauen in die Wissenschaft proaktiv besprechen: 1) natürlich die Politik, wird hier genau angesprochen? Ich denke, nie- besonders auf nationaler und EU-Ebene, 2) die mand sollte unreflektiertes Vertrauen in wissen- Zivilgesellschaft, z.B. Organisationen wie WWF, schaftliche Erkenntnisse haben und glauben, dass Greenpeace, Germanwatch, BUND, NABU usw., „die Wissenschaft“ stets unzweifelhafte „Wahrhei- und 3) religiöse Gruppen, z.B. die Deutsche Bi- ten“ liefere. Das gilt insbesondere dann, wenn es schofskonferenz. Aber auch bei jeder anderen darum geht, Voraussagen für die Zukunft zu ma- guten Gelegenheit diskutieren wir gerne mit der chen. Wenn wir die stark variierenden Grenzen breiteren Öffentlichkeit über dieses Thema. und Unsicherheiten sowohl komplexer Systeme als auch der gewählten Herangehensweise nicht 7 | Ist es aus Ihrer Sicht besser, einfache Botschaf- ehrlich kommunizieren, besteht aus meiner Sicht ten zu verkünden, die verstanden werden, oder noch viel eher die Gefahr, dass die Wissenschaft einen gewissen Grad an Komplexität und ggf. insgesamt als nicht vertrauenswürdig angesehen Unsicherheit zu vermitteln, auch auf die Gefahr wird. Das erfordert allerdings von allen Beteilig- hin, nicht oder falsch verstanden zu werden? ten, dass wir uns die Zeit nehmen, die Details, Wenn einfache Botschaften möglich sind Annahmen und Grenzen von Forschungsergeb- (siehe Frage 2), ist es gut, diese auch mitzutei- nissen verstehen und kommunizieren zu wollen. len. Nur ist das oft nicht der Fall. Für die großen In Situationen, in denen Wissenschaftler unter Probleme unserer Zeit gibt es meist keine wirk- dem Druck stehen, verkürzte simple Aussagen lich „einfachen Lösungen“. Dann bietet es sich an, präsentieren zu müssen, kann man dieser Dif- kritische, offene Fragen aufzuwerfen anstelle zu ferenziertheit oft nicht gerecht werden. Das ist sehr vereinfachte, verzerrte Botschaften zu ver- sicher ein kommunikatives Dilemma, dem wir mitteln. Dadurch wird anderen meist viel besser uns im öffentlichen Diskurs zunehmend stellen ermöglicht, die verschiedenen Dimensionen und müssen, nicht nur zu Themen wie globaler Er- die Komplexität eines Themas zu erkennen. wärmung und Climate Engineering. 8 | Bei welchen Themen fällt es Ihnen besonders schwer über Unsicherheiten zu kommunizieren (z.B. sicherheitsrelevante Unsicherheiten, methodische Unsicherheiten, Unsicherheiten bezüglich potenzieller Forschungsergebnisse, Unsicherheiten über Nutzungsmöglichkeiten von Forschung ...)? Ich würde kein Themengebiet besonders hervorheben wollen. Allgemein ist es ist meist schwierig über Unsicherheiten zu diskutieren, ohne in Fachbegriffe wie „Wahrscheinlichkeitsdichtefunktionen“ o.Ä. zu verfallen. Dennoch ist es wichtig, mögliche Unsicherheiten gut zu erklären, und ich halte dies in den meisten Fällen für durchaus gut machbar.

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Kontakt SPP 1689 // KIEL EARTH INSTITUTE Ulrike Bernitt // Düsternbrooker Weg 2 // 24105 Kiel info-ce@spp-climate-engineering.de // www.kiel-earth-institute.de Gestaltung: Rita Erven // KIEL EARTH INSTITUTE KOOPERATIONSPARTNER Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) gGmbH Beatrice Lugger // Englerstraße 2 // 76131 Karlsruhe nawik@nawik.de // www.nawik.de Autorinnen Prof. Dr. Nina Janich, Christiane Stumpf, M.A. TU Darmstadt // Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft www.tu-darmstadt.de © Texte bei den Autorinnen Eine Kooperation des Schwerpunktprogramms 1689 „Climate Engineering – Risks, Challenges, Opportunities?“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit dem Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) in Karlsruhe. Gedruckt auf 100 % Recycling-Papier, ausgezeichnet mit dem Umweltsiegel Blauer Engel © KIEL EARTH INSTITUTE 2016

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Wie gelingt es, den Klimawandel und Climate Engineering verantwortungsbewusst zu erforschen, und ebenso verantwor­ tungsvoll über diese Forschung zu sprechen und zu schreiben? Wissenschaftsjournalisten fragen Naturwissenschaftler nun, was sie immer schon wissen wollten: Wie lässt sich wissenschaftliche Ungewissheit in der Klimaforschung angemessen öffentlich thematisieren? Worauf sollten Wissenschaftler dabei achten – zumal wenn Ungewissheit als Bedrohung verstanden werden kann? Darf alles gesagt werden, was man als Experte weiß? Die Forschungsprojekte, die bislang im DFG Schwerpunkt­ programm 1689 „Climate Engineering – Risks, Challenges, Opportunities?“ gefördert wurden, haben sich alle mit diesen Fragen auseinandergesetzt und stellen sich der Herausforderung einer verantwortungsvollen Wissenschaft und Wissenschafts­ kommunikation. Weil sie Verantwortung tragen. Einige Naturwissenschaftler aus dem Schwerpunktprogramm antworten hier den professionellen WissenschaftsjournalistInnen Prof. Dr. Carsten Könneker und Beatrice Lugger vom „Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation“ (Karlsruhe) und Cornelia Varwig auf konkrete Fragen zu ihrer Wissenschaft. w w w.spp-climate-engineering.de

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