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Lebenslauf von Altbürgermeister Heinrich Kaul IV.

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Heimat- und Museumsverein Nauheim e.V. Altbürgermeister Heinrich Kaul IV. Heinrich Kaul IV. wurde am 17. August 1888 als Sohn des Polizeidieners Philipp Kaul VI. und von Margarethe, geb. Bärsch, in Nauheim, Waldstraße 18, geboren. Er war das dritte von vier Kindern, evangelischen Bekenntnisses und besuchte mit Erfolg die Volksschule von 1899 bis 1902. Seine Wehrdienstzeit absolvierte er als Musketier von 1909 bis 1910 bei der 7. Kompanie des Infanterie-Leibregiment "Großherzogin" No. 117 in Mainz. In seinem Soldbuch ist er als kräftig, mit einer Größe von 1,65 m, schwarzhaarig mit dunklen Augen beschrieben. Er trug einen Schnurrbart. Wegen Blutarmut, einem Nervenleiden und allgemeiner Schwäche wurde er nach 230 Militärdiensttagen vorzeitig entlassen. Im 1. Weltkrieg diente er 1915 an der Westfront und wurde durch einen Schuss in die linke Hand verwundet. Nach einem Lazarettaufenthalt wurde er entlassen. Mit Fleiß und Sorgfalt arbeitete er sich nach seiner Wahl im Dezember 1919 in die vielfältige Materie ein, und dies als ehrenamtlicher Bürgermeister, der vorher nach seiner Lehre in der Bahnverwaltung als Eisenbahnassistent beschäftigt war, in den "Unterbeamtendienst" übernommen wurde und zusätzlich einen Landwirtschaftsbetrieb mit Spargel- und Obstanbau betrieb, dessen Erzeugnisse er bis ins Ruhrgebiet und ins Vogtland verkaufte. Am 3. April 1920 heiratete er Margaretha Vogel, geb. am 1.10.1892 in Nauheim und gest. am 12.8.1979 in Ginsheim-Gustavsburg. Weil er im sog. "Rhein- und Ruhrkrieg" passiven Widerstand leistete, wurde er 1923 kurzfristig von den französischen Besatzungstruppen ausgewiesen. Er siedelte nach DarmstadtEberstadt, Neue Darmstädter Straße 175, über. Kurz danach wurde er wieder zum ehrenamtlichen Bürgermeister ernannt. Er war jedoch nicht nur Bürgermeister in Nauheim, sondern gehörte auch in den 20er Jahren für die sozial-demokratische Partei dem Provinzialtag der Provinz Starkenburg an, engagierte sich demzufolge im überörtlichen Bereich. Er erwarb sich Fachwissen und Sachverstand für die vielen Probleme, die kurz nach dem 1. Weltkrieg in einer kleinen, vorwiegend bäuerlichen Gemeinde mit etwas über 2000 Einwohnern anstanden und er gewann in dieser Zeit viele Bekanntschaften in höheren Verwaltungsebenen, die ihm später sehr zustatten kommen sollten. Auch mit der neuen Form der politischen Mitbestimmung, nämlich der Demokratie, mussten sich die damaligen Gemeinderäte und der Bürgermeister erst einmal auseinandersetzen. Die Demokratie lebt von der Vielfalt der Meinungen und diese prallten auch schon in den zwanziger Jahren in Nauheim hart aufeinander. Waren die Gewichte damals auch anders gelagert, so herrschte doch so etwas wie Aufbruchstimmung in einem begrenzten Maße. Dieses Maß war gezeichnet von allgemeiner Armut, Inflation und auch den Repressionen durch die Siegermächte, die aus den Vereinbarungen des Versailler Vertrages herrührten. Ganz Lokalpatriot, versuchte er in den 20er Jahren landwirtschaftliche Nauheimer Erzeugnisse und vor allem Nauheim als von Waldungen umgebenes Ausflugsziel mit vielen Aktivitäten und auch über private Mitgliedschaften in damals sehr aktiven Reise-, Radfahrund Wanderverbänden überörtlich bekannt zu machen. Da Nauheim bis nach dem 2. Weltkrieg immer noch sehr stark

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landwirtschaftlich und auf den Obstanbau orientiert war, sind viele der von Heinrich Kaul IV. eingeleiteten politischen Entscheidungen unter dieser Prämisse zu sehen. An erster Stelle stand die Einrichtung des Obst- und Gemüsemarktes, die Nauheim in diesen Jahren zu einem wichtigen Standort des Obst- und Gemüseanbaus, vor allem des Spargelanbaus, in der Region werden ließ. Der Obst- und Gemüsemarkt war eine rein Nauheimer Erzeugergründung, um sich aus der "ausbeuterischen" Abhängigkeit, wie es zeitgenössisch hieß, der die Preise zu stark drückenden Obstaufkäufer und Händler zu befreien. In Groß-Gerau war die Starkenburger Obst- und Gemüseabsatzgenossenschaft (Stoga) ansässig; diese war überörtlich tätig und der Nauheimer Obst- und Gemüsemarkt Mitglied dort. Zwischen dem Stoga-Vorsitzenden Bernhard und Heinrich Kaul gab es jedoch unüberwindliche Hindernisse, auch um die Frage des Standortes einer Obst- und Gemüsehalle in Nauheim. Nach kurzem und heftigem Streit schieden die Nauheimer aus der Stoga aus und bauten ihre Halle in der Wilhelmstraße (heutige Carlo-Mierendorff-Straße) alleine. Bei den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen dieser Zeit ging der Alleingang der Nauheimer nicht lange gut. Der Obst- und Gemüsemarkt ging in Konkurs, die Gemeinde wurde Eigentümerin des ganzen Areals und die Mitglieder trugen den finanziellen Verlust - eine hohe Bürde. 1934 kaufte die Stoga die Halle sehr günstig und hatte dann ihren Sitz in Nauheim. Ende der zwanziger Jahre dehnte sich der Ort in Richtung der heutigen Bleichstraße / Jahnstraße / Steinstraße aus, über der Bahn begann die Erschließung des Gebietes bis zur Landstraße Bischofsheim / Groß-Gerau, die Bebauung entlang der Königstädter Straße wurde erweitert. 1927 wurde die Halle der Sport- und Kulturvereinigung errichtet, 1929 die Wasserleitung gelegt. Es gab weitere Verbesserungen im Straßen- und Wegebau. Die Gemeinde legte den neuen Sportplatz an, es entstand ein Reitplatz und ein Schießstand. Der Waldfriedhof wurde in Betrieb genommen und schon in dieser Zeit, was für die Weitsichtigkeit von Heinrich Kaul spricht, gab es Überlegungen, den Straßenverkehr aus der Innerortslage auszulagern und eine Überführung der Bahnlinie in Höhe der heutigen Dresdener Straße zu bauen. Die Verhandlungen mit der damaligen Reichsbahn führten jedoch zu dem Ergebnis, dass die "Entscheidung späteren Generationen vorbehalten bleiben sollte". Sieht man in die alten Urkunden und forscht gezielt im Archiv nach, kann man feststellen, dass am Ende der zwanziger Jahre die positive Grundstimmung der Weimarer Zeit stark getrübt war durch Arbeitslosigkeit, durch Wohnungsnot, durch eine Polarisierung im politischen Bereich, die es einem ehrenamtlichen Bürgermeister nicht leicht machte, eine Verwaltung zu führen und für eine Gemeinde mit knapp 2300 Einwohnern Verantwortung zu tragen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten endete auch die Amtszeit des freigewählten Bürgermeisters Heinrich Kaul. Dieser Akt wurde vollzogen mit der lapidaren Mitteilung: "Der Herr Minister des Innern in Darmstadt hat durch Verfügung vom 9. Mai 1933 aufgrund des § 1 der Verordnung zur Sicherung der Verwaltung und der Gemeinden vom 20. März 1933 die Amtszeit des Bürgermeisters Kaul für beendet erklärt." Mit einem Federstrich wurde der demokratisch gewählte Bürgermeister aus dem Amt gejagt die Bezüge wurden ihm gesperrt. Es folgte ein kommissarischer Bürgermeister, der damalige Beigeordnete Ackermann sowie zwei weitere von der NSDAP eingesetzte Bürgermeister mit sehr kurzer Amtszeit bis Ende Oktober 1935, bis dann als Statthalter der Nationalsozialisten Josef Ruckes das Amt des Bürgermeisters übernahm. In den Archiven sind bis 1941 noch Gemeinderatsprotokolle vorhanden, aus denen allerdings hervorgeht, dass der damalige Gemeinderat nur eine Alibifunktion hatte und am Ende jeden Protokolls die Floskel stand: ,,Ich, der Bürgermeister, habe nach Anhörung des Gemeinderats folgendes entschieden." Das nationalsozialistische System hat die Bereitschaft des Menschen, sich für die Allgemeinheit einzusetzen, manipuliert und missbraucht, das Vaterland zu einem Götzen gemacht, dem individuelles Glück, Freiheit und Recht nichts galten. Um so mehr war nach dem 2

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Scheitern dieses Systems die Notwendigkeit gegeben, echten Gemeinsinn, demokratisches Verständnis, Engagement und lnnovationskraft wieder herzustellen und demokratische Tugenden neu zu entdecken. Als Garant für diese Tugenden und als Mann der ersten Stunde übernahm Heinrich Kaul IV. mit der ihn auszeichnenden Tatkraft und Weitsicht von April 1945 bis Mitte Juli des gleichen Jahres kommissarisch das Amt des Bürgermeisters. Ihm folgten der evangelische Pfarrer Friedrich Daum für knapp zwei Monate und der, vom nationalsozialistischen System in Konzentrationslager und Gefängnis drangsalierten Fritz Förster, der von September 1945 bis Februar 1946 ebenfalls kommissarisch die Verwaltung leitete. Mit der Gemeindewahl im Jahr 1946 wurde Heinrich Kaul IV. vom ersten demokratischen Nachkriegs-Gemeinderat wieder zum ehrenamtlichen Bürgermeister gewählt. Dieses Amt hatte er bis zum Juni 1948 inne. In dieser Zeit herrschte überall größte Not, viele Väter und Söhne waren im Krieg gefallen oder befanden sich noch in Gefangenschaft. Aber der kleinen, immer noch landwirtschaftlich orientierten Gemeinde mit etwas über 2700 Einwohnern, stand noch eine viel größere Belastungsprobe ins Haus. Nämlich ab dem Jahre 1946 kamen Tag für Tag Heimatvertriebene aus dem Erzgebirge und dem Egerland in Nauheim an. Sie hatten nur das Nötigste an Hab und Gut mitnehmen können, waren mittel- und obdachlos. Dies war eine außerordentlich große Herausforderung für die politisch Verantwortlichen in einer Gemeinde, in der selbst große Not herrschte. In der nachgeschichtlichen Betrachtung kann sicher nur erahnt werden, welche Schwierigkeiten die Unterbringung der Heimatvertriebenen bereitete. Heinrich Kaul IV. betrachtete diese sowohl für die Heimatvertriebenen als auch die hiesige Bevölkerung außerordentlich problematische Situation jedoch als Herausforderung und Chance, die Entwicklung Nauheims neu zu definieren. Er erkannte trotz der Hungerjahre früh die schwindende Bedeutung der Landwirtschaft und die steigende der Industrie, hier in diesem Moment als Standort der Musikindustrie und als Wohnsitzgemeinde. Wenn man sich vorstellt, dass in manchen Monaten fast täglich 200 Personen aus den Flüchtlingslagern im Nauheimer Rathaus anklopften und um eine Unterkunft nachsuchten, kann man sicherlich die verzweifelte Lage erahnen. Anstatt diese Menschen wegzuschicken oder weiterzuleiten, gewährte man ihnen Obdach - auch wenn es nur im Stall oder in der Scheune war oder wenn bei den ohnehin engen Wohnverhältnissen auch noch Zimmer abgeteilt wurden. Aus den Wortprotokollen der Gemeinderatssitzungen aus diesen Jahren, kann man erkennen, welche Probleme einerseits die Unterbringung bereitete, aber auch andererseits mit welchem Einfallsreichtum und unter Zurücksetzung eigener Interessen die Bürger diese Herausforderung annahmen. Heinrich Kaul IV. hatte zusammen mit dem Gemeinderat und der Verwaltung Lösungen zu finden. So wurde der Bürgermeister in dieser Zeit auch Reisender in Sachen Integration, indem er bei der in dieser Phase ohnehin noch nicht gut funktionierenden Ministerialverwaltung, beim Regierungspräsidium, beim Landratsamt Zuschüsse, man kann schon sagen, "erbettelte", indem er in kürzester Zeit einen Ortsbebauungsplan aus dem Boden stampfte, um Bauland für die Heimatvertriebenen zur Verfügung zu stellen und den Musikinstrumentenbauern Möglichkeiten bot, in Ställen, in alten Werkshallen, in Kellern und sogar in der Grundschule vorübergehende Arbeitsplätze einzurichten. Er trieb die Baulandumlegung voran - und damals fragte keiner nach Ausgleichspflanzungen, Landschaftsplan o.ä. Vorschriften, die die heutigen Planungen der Gemeinden so einengen. Gefragt waren Initiative, Innovation und Zupacken. Sehr schnell hatten die politisch Verantwortlichen auch erkannt, dass die Heimatvertriebenen nicht nur Betroffene, sondern auch Beteiligte sein sollten. So gründeten sich, ähnlich wie die 3

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Ausschüsse heute, Kommissionen mit den verschiedensten Aufgabengebieten, in denen auch die Heimatvertriebenen mitarbeiteten. Heinrich Kaul IV. war auch Mitbegründer der Nauheimer Baugenossenschaft, die dafür verantwortlich zeichnete, dass das Gebiet "Unter der Muschel", aber auch der Bereich der heutigen Industriestraße bebaut werden konnten. Es wurden Anteilscheine ausgegeben, die sog. Kinosteuer eingeführt, wo durch die beiden ortsansässigen Lichtspieltheater und bei den Vereinsveranstaltungen pro verkaufter Karte ein Betrag von 10 Pfennigen Aufschlag erhoben wurde, der dann der Flüchtlingshilfe und dem Wiederaufbau zugute kam. Damals ging es tatsächlich auch um Pfennig- und Markbeträge, die aber tatsächlich die schlimmste Not lindern konnten. Auf Initiative des Bürgermeisters sprang die Gemeinde oftmals als Bürge bei privaten Bauvorhaben ein. Die Gemeinde selbst verschuldete sich nicht unerheblich für die Erschließungsmaßnahmen in den Neubaugebieten "Unter der Muschel", in der Graslitzer Straße, der Industriestraße. Und in den Kommissionen, z.B. der Baukommission, der Verwaltungskommission, der Wohnungskommission, der Fort- und Waldkommission, der Mangelwarenkommission sowie im Gemeinderat, jagte eine Sitzung die andere; manchmal sogar zweimal in der Woche musste beraten und schnell entschieden werden. So waren Bezugsscheinverwaltung, die Zuteilung von Mobiliar, der Einschlag von Holz, um Möbel in Selbsthilfe zu bauen, die Winterbrandbeschaffung usw. wichtige Themen. Verfolgt man die Wortprotokolle, gab es mitunter sogar sehr harte Auseinandersetzungen. Aber, da alle anpackten, konnte die erste Not gelindert werden, hatten die Musikinstrumentenbauer Möglichkeiten, ihr Handwerk wieder auszuüben. Es baute sich im Umfeld der Neubürger, aber auch unter Einbezug der Einheimischen, ein Vereinsleben auf; es begann eine langsame, aber stetige Normalisierung. Natürlich waren die Menschen in dieser Zeit weitaus bescheidener und schon mit kleinen Erfolgen zufrieden. So stellten Vertreter der Hess. Landesregierung im Jahre 1951 anlässlich der 1100-Jahr-Feier Nauheims dann die Integration der über 2000 Heimatvertriebenen in der kleinen Schwarzbachgemeinde tatsächlich wie ein "Wirtschaftswunder im Kleinen" dar. Nauheim war damit beispielgebend für andere Kommunen. Nach seiner aktiven Amtszeit im Jahre 1948 wechselte Heinrich Kaul IV. zur Liberaldemokratischen Partei, der späteren Ortsgruppe der Freien Demokratischen Partei und war von 1948 bis 1960 deren Mitglied in der Gemeindevertretung. Er gestaltete auf diese Weise weiterhin die Geschicke unserer Gemeinde mit. Von allen Zeitgenossen, seien es nun Freunde oder politische Gegner gewesen, wurde Heinrich Kaul IV. eine große Fachkompetenz und Weitsicht bescheinigt, mit der er für Nauheim wirkte, mit der er seine Verwaltung führte. Zweimal hat in sehr schwierigen Zeiten Heinrich Kaul IV. sich große Verdienste um Nauheim erworben. Darüber hinaus war er auch stets in seiner beruflichen Tätigkeit als Landwirt und Obstanbauer, u.a. auch als Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins, vielen seiner Mitbürger Vorbild. Er war ein Aktivist, der sehr viel leistete, der allerdings auch einen gewissen Hang zur Autorität seinen Untergebenen gegenüber hatte, wenn diese seinen Ideen seiner Ansicht nach nicht schnell genug folgten. Dies führte auch manchmal zu Handlungen der Ungeduld, die ihm nicht nur Freunde erwachsen ließ. In seinem ganzen Leben blieb er aber immer einfacher Bürger unter Bürgern, vor allem sprach er ihre Sprache. Nicht zuletzt war er der erste, der sich intensiv mit der Dorfgeschichte und den Haus- und Familiengeschichten Nauheims befasste. Leider sind von diesen, seinen Aktivitäten, nur die Randbemerkungen in unzähligen Archivalien erhalten. Nach seinem Tod im Jahre 1965 ehrten die Gemeindevertreter den Altbürgermeister posthum mit der Verleihung der Ehrenplakette, die ihm als erstem Nauheimer Bürger verliehen wurde und benannten die Rathausstraße in Heinrich-Kaul-Platz um. 4

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