Reformationsgeschichte

 

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Gesprächsgruppe den Anfang und den Hergang der Reformation anhand autentischer Zitate darzustellen

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Reformationsgeschichte Klaus van der Grijp Zum Geleit Im Hinblick auf die Reformationsfeier 2017 habe ich versucht, in einer gemeindlichen Gesprächsgruppe den Anfang und den Hergang der Reformation anhand autentischer Zitate darzustellen. Jede Sitzung der Gruppe sollte sich womöglich auf eine historische Gestalt oder auf ein bestimmtes historisches Ereignis konzentrieren. Querverbindungen, die es beispielsweise zwischen den verschiedenen Ansätzen zur Kirchenreform immer wieder gab, konnten dadurch nur andeutungsweise berücksichtigt werden. Um die Grundkenntnisse, die den Teilnehmern der Gesprächsgruppe vermittelt wurde, einem grösseren Kreis zugänglich zu machen, habe ich dem Vorschlag Folge geleistet, meine Notizen in allgemein verständlicher Form auszuarbeiten und dabei jeweils die benutzten Zitate hinzuzufügen. Besonderen Dank bin ich meiner Mitarbeiterin Lisa Safonowa verschuldet, die sich, wie schon im Gesprächskreis, so jetzt auch bei dieser schriftlichen Wiedergabe, grosse Mühe für die Übersetzung gegeben hat. 1. Der Anfang: John Wyclif Die Meinung, dass die Kirche in mancher Hinsicht reformbedürftig war, wurde im Spätmittelalter von breiten Schichten des christlichen Abendlamdes geteilt. Dies galt (1) dem Verhältnis von Kirche und weltlicher Obrigkeit, wo die erstere – jedenfalls in Theorie – weitgehend von der letzteren Abhängig war. Ein weiteres Übel war (2) die zügellose Moral der Geistlichkeit, die den von der Kirche verordneten Regeln in keiner Weise mehr entsprach. Aber auch (3) hatte die kirchliche Lehre, ihre Theologie, durch die starren Systeme der Scholastik weit von der lebensnahen Botschaft der Bibel entfernt. Das allgemeine Unbehagen hatte schon im 13. Jahrhundert zu neuen Initiativen geführt: Dem Reichtum der kirchlichen Oberschicht wurde das Ideal eines Christentums in Armut entgegengesetzt. Neue Mönchsorden (Franziskaner, Dominikaner) sollten sich keine irdischen Güter sammeln, sondern von den Spenden barmherziger Gönner leben; sie nannten sich deshalb Bettelorden. Sie lebten auch nicht länger in klösterlicher Abgeschiedenheit, sondern mitten unter dem Volk, das sie nun durch volksnahe Predigten zu erbauen suchten. Einen Ausweg aus der Verklemmung der Scholastik fanden manche durch einen verinnerlichten Glauben, jenseits der Grenzen des Sagbaren: die Mystik. Die Kritik an der Kirchenleitung spitzte sich zu in der Empörung über den Sitz des Papsttums, der unter französischem Einfluss von Rom nach Avignon verlegt wurde (1309 – 1376), sowie über das Entstehen eines Doppelpasttums (1376 – 1417) mit konkurrierenden Päpsten an beiden Orten. Man verlangte nach einer “Reform der Kirche in Haupt und Gliedern”. Zwei Konzile (Konstanz, 1414-1418) und Basel (1431 – 1449) beseitigten längst nicht alle Misstände. Einen erfolgreichen Protest gab es aber in England, das als Inselstaat von jeher eine gewisse Selbständigkeit gegenüber den kontinentalen Mächten beansprucht hatte. Dort war die Gesellschaft reif für das Vorgehen des Priesters John Wyclif (1320 – 1384), der Dozent für Kirchenrecht und Bibelexegese in Oxford und gleichzeitig ein beliebte Volksprediger war. Eine glaubwürdige Kirche sollte seines Erachtens in Armut leben und auf weltliche Macht verzichten. Dass er den Strom kirchlicher Abgaben an den päpstlichen Sitz in Avignon stoppen wollte,

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hörten die Engländer, die ja in ständigem Krieg mit Frankreich verwickelt waren, nur allzu gerne. Für das Kirchenvolk hatte Wyclif ein einfaches Rezept: Man lese doch die Bibel, und zwar nicht mit allerhand “allegorischen” Umdeutungen, sondern im Sinne, wie der Kirchenvater Augustin es empfahl! In seiner Abhandlung Von der Wahrheit der Heiligen Schrift sagte er darüber Folgendes: So bleibt uns die Aufgabe, die heute am weitesten verbreiteten Irrtümer und allgemeinen Auffassungen bezüglich der Schrift ein wenig zu diskutieren, sowohl weil darin das Heil der Gläubigen besteht, als auch weil sie die Grundlage jedweder katholischen Ansicht ist und das Vorbild und der Spiegel, mit dem jeder Irrtum oder jede ketzerische Verzerrung untersucht und getilgt werden soll. [Wycliff spricht dann vom Unterschied zwischen dem klaren und dem angeblich “dunkeln” Sinn der Schrift. Der Kirchenvater Augustin folgert daraus:] “An den leicht verständlichen Worten derer, die die Schrift verfasst haben, dürfen wir uns also dementsprechend beim Reden und Argumentieren ein Beispiel nehmen, indem wir ihnen als demütige Lehrlinge nachfolgen, ohne uns ihnen in ihrer Autorität gleichzustellen.” (...) Wir sollen uns den Verfassern der Heiligen Schrift, wenn wir sie kommentieren, nicht in ihrer dunkeln Ausdrucksweise und ebenso wenig in der Autorität ihres Redens gleichsetzen; wenn wir nur den verständlichen Sinn ihrer Worte zum Ausdruck bringen. Denn Gottes Gnade hat es so gefügt, dass wir nicht nur in der Zeit ihre Nachkommen sind, sondern ihnen auch als ihre Jünger nachfolgen dürfen. [Wiederum zitiert er Augustin mir den Worten:] “Alles was der Mensch von ausserhalb der Schrift lernen möge, wird dort verurteilt, wenn es schädlich ist; ist es aber etwas Nützliches, so findet man es dort vor. Und wenn auch jemand dort alles vorfände, was er sonst irgend- wo gelernt hat, so wird er diese Dinge nirgends reichlicher vorfinden als wie sie nur in der wunderbaren Tiefe und wunderbaren Einfalt dieser Schriften gelehrt werden” [So schreibt der Kirchenvater an einen gewissen Volusian, dass alle Gesetzgebung, alle Philosophie, alle Logik und alle Ethik in der Heiligen Schrift zu finden ist.] Der grösste Philosoph, ja die Weisheit selber, ist also Christus, unser Herr. Indem wir ihm folgen und von ihm lernen, sind auch wir Philosophen, und wenn wir etwas Falsches lernen, weichen wir von der Meinung jener Gesegneten ab, die die rechten Philosophen sind. Folgerichtig kamen unter Wyclifs Leitung und Anregung verschiedene Bibelübersetzungen aus dem Latein in die Volkssprache zustande. Diese wurden eifrig benützt von den “Lollarden”, Wanderpredigern, die gemäss dem Ideal der Armut durchs Land zogen. Dass es in England gleichzeitig Bauernaufstände gab, ist wohl kaum als Folge dieser Bewegung zu deuten. Einige von Wyclifs Thesen, zumal seine Leugnung der Transsubstantiation, wurden 1382 von einer Londoner Synode verurteilt, er selbst aber blieb unbehelligt. Die “Lollarden” wurden verfolgt, ihre Bewegung lebte im Untergrund weiter. Der Name des Bibelübersetzers lebt weiter im Verein der Wyclif Bible Translators, gegrün- det 1942. Er hat jetzt über 100 Mitgliedvereine in vielen Ländern. Ziel: Die Bibel (ganz oder auch teilweise) in alle Sprachen der Welt zu übersetzen. Bis jetzt sind Bibeln oder Teile der Bibel in 2800 von den 6877 noch lebenden Sprachen übersetzt! 2. Tschechisches Selbstbewusstsein: Jan Hus Die von Wyclif in Gang gesetzte Bewegung fand ihre Fortsetzung im Königreich Böhmen. In Prag residierte neben dem böhmischen König auch der König des Heiligen Römischen Reiches. Ab 1376 fielen beide Würden in Personalunion auf Wenzel (IV. von Böhmen) zusammen. Dieser

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wurde 1400 von den Kurfürsten abgesetzt. Als König von Böhmen regierte dann faktisch Wenzels Bruder Sigismund, der 1411 die “deutsch-römische” Krone und nach Wenzels Tod 1419 auch die böhmische Hausmacht übernahm. An der Prager Karls-Universität lehrte seit 1402 der Priester Jan Hus Philosophie und Theologie. Durch Verbindungen mit der Universität Oxford lernte er die Schriften Wyclifs kennen und begeisterte sich dafür. Er predigte dann häufig in der Prager Bethlehemskapelle in tschechischer Sprache. In seinem Traktat Was ist Glauben? äussert er sich folgendermassen. Du sollst wissen, dass du weder an den Papst, noch an den heiligen Petrus, noc an die Jungfrau Maria glauben sollst; glaube aber, dass, was sie gesagt hat, wahr sei. Dann wirst du ihr und von ihr glauben, aber nicht an sie. (...) Glaube auch dem Papst, wenn er die Wahrheit sagt, und glaube vom Papst, dass er wenn er sich an das Gesetz Gottes und die Taten der Apostel hält und wenn er Christus und den Aposteln nachfolgt, heilig sei. Widerspricht aber sein Leben dem Leben Jesu Christi, ist er ein Widersacher Christi, obglaich er den Platz und das Amt Christi innehat. (...) Die Priester schrecken gewöhnlich das ungelehrte Volk mit dem Heiligen Vater, alsob er der Herrscher aller Welt wäre und als ob er tun könnte, was immer er wollte.Und besonders die welche die päpstlichen Anordnungen studieren und viele Pfründe erwerben wollen, die sie sich erschmeicheln müssen, sagen, dass der Papst nicht irren könne, dass den Papst niemand bestrafen dürfe, dass ihm niemand sagen dürfe: “Warum tust du dies?”, denn er sei der heiligste Vater. (...) Alle Christen sollen glauben, was Gott sie zu glauben geheissen hat. Obgleich nicht jeder alles weiss oder kennt, was geglaubr werden soll, so soll er doch bereit sein, es demütig anzunehmen, wenn ihm aus der Heiligen Schrift die Wahrheit kundgetan wird, und wenn er an einer falschenLehre festhält, die Wahrheit zu erkennen und alsogleich von dem Irrtum zu lassen. Und es ziemt einem jeden Menschen, sich an keinem Satz unüberlegt festzuhalten, sondern nach der Erkenntnis Gottes sich bis in den Tod an sie zu klammern. Die Wahrheit nämlich gibt am Ende die Freiheit. Der Herr Jesus sagt: “So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.” Darum, frommer Christ, suche die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, halte die Wahrheit fest, verteidige die Wahrheit bis zum Tode, denn die Wahrheit befreit dich von der Sünde, vom Teufel, vom Tode der Seele und schliesslich vom ewigen Tod, der den ewigen Abschied von Gottes Gnade bedeutet und von aller Glückseligkeit. Diese Glückseligkeit aber erlangt der, welcher an Gott und an Jesus Christus, den wahren Gott und wahren Menschen, glaubt. Die Universität war, entsprechend der demografischen Lage des Landes, nach den vier „Nationalitäten“ Bayern, Sachsen, Polen und Böhmen (Tschechen) gegliedert. Als nun die Universität zum Abendländischen Schisma – dem Doppelpapsttum – Stellung nehmen sollte, wurde Hus zum Wortführer der Tschechen. Die Tschechen erklärten sich zusammen mit König Wenzel in bezug auf das Schisma für neutral, während die Deutschen zusammen mit dem Römischen König Sigismund und Erzbischof Zbynko an der römischen Obödienz festhielten. Um nun bei der Vorbereitung für das Konzil von Konstanz die Neutralität der Universität zu gewährleisten, erteilte Wenzel den Böhmen drei Stimmen, den Bayern, Polen und Sachsen zusammen dagegen nur eine. Bald kam es zur Eskalation: (1) Zbinko liess die Thesen Wyclifs verbrennen und verhängte den Bann über Hus. (2) Die Ablassbulle des römischen Papstes zugunsten eines “Kreuzzugs” gegen

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den König von Neapel führte zu einem Volksaufstand der Tschechen. Im Gegenzug entzogen nun die Universität und König Wenzel Hus ihren Schutz. Zur Sanierung kirchlicher Misstände wurde das Konzil von Konstanz einberufen (1414 – 1418). Hus traute sich, mit Geleitschutz des Römischen Königs Sigismund, zur Verteidigung seiner Ansichten nach Konstanz zu reisen, wurde dort aber in Kerkerhaft genommen, als Ketzer verurteilt und starb am 6. Juli auf dem Scheiterhaufen. Die Volkswut gegen seine Mörder entflammte dann die “Hussitenkriege” (1419 – 1434), die bis hin zur Ostsee die Massen in Mitleidenschaft zogen. Der radikaler Flügel wurde besiegt; die Gemässigten überlebten als “Utraquisten” (Latein utraque = beiderlei: Kommunion mit Brot und Wein, auch für die Laien). Ab 1467 kam es zu einem Zusammenschluss mit den Waldensern als “Unitas Fratrum”, Brüdergemeinde, und diese wiederum machte im 18. Jahrhundert einen erstaunlichen Neuanfang. 3. Das 15. Jahrhundert: Zeitalter einschneidender Veränderungen Um zu verstehen, was sich im 16. Jahrhundert in der Kirche alles geändert hat, müssen wir uns die grossen Veränderungen vergegenwärtigen, die das Abendland schon im 15. Jahrhundert aufweist. Erstens schon auf geopolitischem Gebiet: Aus Ost-Europa zog sich das Mongolenreich zurück. Grossmächte wurden nun das Königreich Polen und das Grossfürstentum Litauen, in einer Personalunion zusammengefasst. Das Grossfürstentum Moskau betrachtete sich nun als Hüter der Orthodoxie. Das osmanische Reich eroberte Konstantinopel (1453) und drang in Europa bis Ungarn hervor (1520), an der südlichen Mittelmeerküste bis Algerien. Die Christenheit lebte hier in ständiger Bedrohung durch die Türken. Im Westen hingegen fühlte sie sich siegesgewiss. Die maurische Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel wurde zurückgedrängt: aus Portugal schon 1249, aus Spanien 1492. Nautische Fähigkeiten und Techniken (der Kompass!) ermöglichten weite Seefahrten. Portugiesische Karavellen fuhren bis zum Kap der Guten Hoffnung (1488) und entlang der ostafrikanischen Küste bis nach Indien (1498). Im selben Jahrzehnt meinte Christophorus Columbus den kürzeren Weg nach Indien entdeckt zu haben (1492). Das war zwar ein Irrtum, aber für die Machtvergrösserung der christlichen Staaten öffnete diese Entdeckung eine ungeahnte Zukunft. Sehen wir bloss, wie triumphierend Columbus seinen spanischen Auftraggebern über sein Unternehmen berichtet. In nomine Domini Nostri Jesu Christi: Allerchristlichste, höchste, erlauchteste und grossmächtige Fürsten, König und Königin der spanischen Lande und der Inseln des Meeres, unsere Herren! Nachdem Eure Hoheiten im laufenden Jahr 1492 den Krieg wider die Mauren, die in Europa herrschten, beendet und die Kampfhandlungen in der grossen Stadt Granada zum Abschluss gebracht hatten, wo ich am 2. Januar dieses Jahres mit eigenen Augen sehen konnte, wie auf den Türmen der Alhambra, der Festung besagter Stadt, durch die Kraft der Waffen Eurer Hoheiten königliche Banner gehisst wurden und wie der Maurenkönig durch das Tor der Stadt herauskam, um die königlichen Hände Eurer Hoheiten und meines Herrn Fürsten zu küssen, entsannen sich Eure Hoheiten im gleichen Monat des Berichts, den ich ihnen on den Ländern Indiens gegeben hatte und von einem Fürsten, den man den Grossen Khan nennt, was in der spanischen Sprache König der Könige bedeutet, und davon, wie oft seine Vorgänger und er selbst nach Rom geschickt hatten, um in unserem heiligen Glauben

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unterrichtete Männer zu erbitten, auf dass sie auch darin unterwiesen würden, und dass der Heilige Vater niemals welche zu ihnen gesandt hatte, weshalb so viele Völker verloren gingen, weil sie dem Götzendienst huldigten und verderbten Sekten Eingang bei sich verschafften. Und Eure Hoheiten beschlossen als katholische Christen und Fürsten, die den heiligen christlichen Glauben lieben und ihn verbreiten und folglich der Sekte Mahomets und jedem Götzendienst und jeder Ketzerei feindlich gesonnen sind, mich, Christoph Columbus, nach den erwähnten Gebieten Indiens zu entsenden, um besagte Fürsten und Völkerschaften und Länder, ihre Beschaffenheit und alles übrige in Augenschein zu nehmen, nebst der Art und Weise, wie man sie zu unserem heiligen christlichen Glauben bekehren könne. Und sie verfügten, dass ich nicht über den Landweg gen Osten reiste, der üblicherweise benutzt wird, sondern auf dem westlichen Wege, den, wie wir ganz sicher wissen, bis auf den heutigen Tag niemand eingeschlagen hat. Und so sandten mich Eure Hoheiten, nachdem sie alle Juden aus ihren Reichen und Herrschaftsgebieten vertrieben hatten, im gleichen Monat Januar mit hinreichend grosser Flotte aus, dass ich nach den erwähnten Gegenden Indiens segelte. Bei der Ausdehnung des geografischen Horizonts hing alles mit allem zusammen. Die Entdeckung des Kopernikus (1473 – 1543), dass sich nicht die Sonne um die Erde, sondern die Erde um die Sonne dreht, veränderte das ganze Weltbild. In der Mahlerei bekam die Perspektive grössere Bedeutung, weil jetzt der Begriff “Raum” eine neue Rolle spielte. Anatomische Studien wie die von Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer zeigen ein Interesse für den menschlichen Körper, wie es den seit dem klassischen Altertum nicht mehr gegeben hatte. Neue Techniken steigerten die Macht des Wortes (die Druckpresse) sowie auch die Schlagkraft der Armee (Feuerwaffen). Die Bezeichnung der neuen Kultur als “Renaissance” (= Wiedergeburt) weist auf den Wunschtraum hin, über Jahrhunderte hinweg auf das Erbe der Antike zurückzugreifen. Dieser Wunsch äusserte sich in der Architektur, in der bildenden Kunst, in der Literatur, im Selbstbewusstsein des individuellen Menschen. Bessere Kenntnis des griechischen Altertums wurde unter anderem gefördert durch Flüchtlinge aus dem nunmehr türkischen Byzanz. Einen besonderen Aspekt der Renaissance stellt der Humanismus dar: eine umfassende Bildungsreform, die den Menschen befähigen sollte, durch Verbindung von Wissen und Tugend seine wahre Bestimmung zu erkennen. 4. Sozialkritik und Satire Der soziale Umbruch des 15. Jahrhunderts hat nicht nur Gutes hervorgebracht. Scharfsinnige Beobachter bemerkten auch die Widersprüche, die Torheiten, den Wahnsinn ihrer Umwelt. Die neu erfundene Druckpresse ermöglichte es ihnen, ihre Ansichten mit vielen zu teilen. Noch ähnlich wie heute diente die Karikatur nicht nur zur Belustigung: Sie konnte auch dem sozial Züruckgestellten ein Mittel sein, sich zu verteidigen und standzuhalten. Man bemerkte den Niedergang der Kirche und des Glaubens; man fühlte sich bedroht durch den “irrsinnigen” Islam; man meinte, man sei ein Spielball von unkontrollierbaren Kräften. Die Satire war für die Menschen der beginnenden Neuzeit eine Form, ihre Kritik zu äussern. Als literarische Form gab es sie schon im klassischen Altertum; durch die italienische Renaissance gelangte sie dann wieder ins Abendland. Ein Beispiel ist Das Narrenschiff vom deutschen

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Humanisten Sebastian Brandt, Erstauflage Strassburg, 1494. Mit Holzschnitten illustriert hatte es grossen Erfolg und wurde in viele Sprachen übersetzt. Über hundert Narren befinden sich an Bord eines Schiffes, das ins Narrenland fährt. Wenn ich der Säumigkeit und Schande gedenke, die man heute bei Fürsten und Herren auf dem Lande und in der Stadt überall feststellt, da kommen mir die Tränen darüber in die Augen, dass man den christlichen Glauben so schmählich verkümmern sieht. Man verzeihe mir, dass ich auch die Fürsten für schuldig halte. Wir sehen zu unserm Bedauern, dass der christliche Glaube von Tag zu Tag abnimmt. Erstens haben die bösen Ketzer ihn halb zerrissen und zerstört. Aber auch der schändliche Mohammed hat ihn mehr und mehr verwüstet und hat dem Glauben, der vorhin im Orient, in Asien, im Mohrenland und in Afrika weit verbreitet war, mit seinem Irrsal argen Schaden zugefügt. Der Wolf ist wahrlich in den Stall eingedrungen und raubt die Schafe der heiligen Kirche, während der Hirte schläft. Die Kirche von Rom hat vier Schwestern, die man Patriarchate nennt: Konstantinopel, Alexandrien, Jerusalem und Antiochien, die jetzt ganz daniederliegen; bald könnte auch ihr Haupt betroffen sein. An alledem ist unsre Sünde schuld, denn keiner hat Geduld mit dem andern oder Mitleid mit seinen Beschwerden: jeder möchte der Grösste sein. So geschieht uns, was den Ochsen geschah, als einer dem andern zusah, bis der Wolf sie alle zerriss. (...) Jetzt befleissigen sich die Deutschen, ihr Reich selber zu vernichten. Damit die Pferdezucht verdorben wird, beissen die Pferde sich selber den Schwanz ab. Aber ihr Herren, Könige, Land, werdet eine solche Schande nicht gestatten. (...) Die Sache sieht gefährlich aus. Ich will euch alle mein Leben lang mahnen, und wer mein Wort nicht beachtet, dem schenke ich die Narrenkappe! Ebenso beliebt beim Publikum, aber gutmütiger in seinem Humor, waren die Streiche von Till Eulenspiegel, erstmals gedruckt in Strassburg, 1515. Anderer Art wiederum ist Das Lob der Torheit, in wenigen Tagen verfasst von Desiderius Erasmus, als dieser 1509 bei seinem Freund Thomas More zu Gast war. Es gibt die heitere Unterhaltung zweier Humanisten wieder. Erasmus identifiziert sich mit “Frau Stultitia”, die in vollendetem Latein die Dummheiten seiner Zeit anprangert. Das Buch wurde 1515 in Basel herausgegeben mit Handzeichnungen von Hans Holbein dem Jüngeren und wurde in viele Sprachen übersetzt. Bald wurde es die bevorzugte Literatur der Gebildeten! (Die Torheit spricht:) Obwohl von allen Menschen auf dieser Welt die Theologen am meisten geneigt sind, meine Wohltaten zu verkennen, sind gerade sie mir in der Tat in mehr als einer Beziehung grossen Dank schuldig. Im glücklichen Vollbesitz ihrer Eigenliebe thronen sie gleichsam im dritten Himmel und blicken auf alle Sterblichkeit wie auf Erdenwürmer herab, ja bemitleiden sie fast. (...) Selbst ich muss bisweilen darüber lachen, dass sich die Theologen erst dann als vollkommen betrachten, wenn sie in ihrem garstigen Kauderwelsch so konfuses Zeug zusammenreden, dass sie höchstens ein Verrückter verstehen kann; denn was der Menge unverständlich ist, halten sie für den Gipfel des Scharfsinns. Sie behaupten, es heisse die Würde der Heiligen Schrift herabsetzen, wenn man sie den Regeln der Grammatik unterwerfen wolle. Fürwahr, die Majestät der Theologen ist erhaben, wenn es ihnen allein freisteht, Sprachfehler zu machen, und dabei teilen sie doch dieses Vorrecht mit vielen Tagelöhnern. Schliesslich fühlen sie sich fast den Göttern gleich, wenn man sie in beinahe göttlicher Verehrung mit “Unser Herr” anspricht;

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denn sie glauben, in dieser Anrede etwas von dem unaussprechlichen Namen zu spüren, den die Juden mit jenen vier Buchstaben bezeichnen. Das mühselige Leben im Bauernstand wurde schon früher ein Gegenstand satyrischer Literatur: etwa die mittelenglische, allegorische Erzählung über Piers Ploughman (Ende des 14. Jahrhunderts). Bauernaufstände gab es seit dem 14. Jahrhundert in der Schweiz, in Flandern und England; im 15. Jahrhundert auch in Böhmen. In einem portugiesischen Theaterstück (Gil Vicente, 1517) klagt der Bauersmann: Ach, mein Herr, es geht uns schlecht. Ständig stirbt wer vom Pfluge leben muss. Wir sind das Leben der anderen und der Tod unseres eigenen Lebens; geduldig gegenüber den Tyrannen, die mit Krallen und Zähnen unsere Seelen zerfleischen. Warum sollte ich mein Leben beschönigen? Ob der Bauer auch ein Sünder sein möchte, er hat weder Zeit noch Gelegenheit, sich die Schweisstropfen von der Stirne zu wischen. 5. Luther: Gerechtigkeit aus dem Glauben Martin Luther (1483 – 1546) wurde geboren in Eisleben (Sachsen-Anhalt) und wuchs auf in Mansfeld, wo seine Eltern einen bescheidenen Wohlstand erreichten. Er besuchte dort die Lateinische Schule, dann ein Jahr lang die Magdeburger Domschule bei den “Brüdern des Gemeinsamen Lebens” und bis 1501 die Pfarrschule in Eisenach. Das Studium der artes liberales (“freie Künste”) an der Universität Erfurt vermittelte ihm eine akademische Grundausbildung, nach welcher er, dem Wunsch seines Vaters gemäss, an derselben Universität Jura zu studieren gedachte. Es kam aber anders. Der junge Luther lebte noch in der Welt des Mittelalters. Eines Tages, auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt, wurde er von einem argen Ungewitter überfallen, das ihn so beängstigte, dass er gerufen haben soll: “Hilf du mir, heilige Anna, dann will ich ein Mönch werden!” Und er kam seinem Gelübde nach. In Erfurt trat er ins Kloster eines strengen Ordens, dem der Augustiner Eremiten, ein. Gewissenhaft befolgte er die Ordensregeln und wurde 1507 zum Diakon, bald darauf zum Priester geweiht. Aber es nagte an ihm ein ständiger Zweifel: Ein frommer Christ sollte seine täglichen Bussübungen tun aus Liebe zu Gott – aber tat er es wirklich aus Liebe, oder vielmehr aus Angst vor Bestrafung? Auf den Hinweis seines Beichtvaters, Johann von Staupitz, der auch Generalvikar seines Ordens war, begab Luther sich 1508 in das kursächsische Wittenberg zum Theologiestudium, das er zwei Jahre später in Erfurt fortsetzte. Zwecks einer Beratung über Angelegenheiten des Augustinerordens entsandte Staupitz ihn 1511 nach Rom. Obwohl Luther seinen Auftrag erfüllte und sogar als frommer Pilger auf den Knien die “Heilige Treppe” erstieg, entsetzte er sich über den von ihm wahrgenommenen Sittenverfall des römischen Klerus. In Wittenberg promovierte er 1512 zum Doktor der Theologie, woraufhin ihm, als Nachfolger von Staupitz, der Lehrstuhl für Bibelaus-legung anvertraut wurde. Zusätzlich wurde er 1514 zum Provinzialvikar des Augustinerordens ernannt, wobei ihm die Aufsicht über elf Konvente oblag. Über Luthers Erfahrung mit der Bibelauslegung schrieb er viele Jahre später Folgendes. Ich hasste das Wort “Gerechtigkeit Gottes”, weil ich – nach Brauch und Gewohnheit aller Kirchenlehrer – unterwiesen worden war, es philosophisch zu verstehen von der sogenannten formalen oder aktiven Gerechtigkeit, wonach Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft. Ich aber liebte den gerechten und die Sünder strafenden Gott nicht, ja ich hasste ihn, denn ich fühlte mich, so sehr ich auch immer als untadeliger Mönch lebte,

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vor Gott als Sünder mit einem ganz und gar ruhelosen Gewissen und konnte das Vertrauen nicht aufbringen, er sei durch meine Genugtuung versöhnt. (...) Endlich, unter Gottes Erbarmen, Tage und Nächte lang nachdenkend, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den inneren Zusammenhang der Worte, nämlich “Die Gerechtigkeit Gottes wird darin offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus dem Glauben” (Römer 1, 17; Habakuk 2, 4). Da begann ich die Gerechtigkeit Gottes verstehen zu lernen als die Gerechtigkeit, in der der Gerechte durch Gottes Geschenk lebt, und zwar aus dem Glauben, und ich fing an zu verstehen, das dies die Meinung ist: es werde durchs Evangelium die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich die passive, durch welche uns der barmherzige Gott gerecht macht durch den Glauben, wie geschrieben steht: “Der Gerechte lebt aus dem Glauben.” Hier fühlte ich mich völlig neugeboren und als wäre ich durch die geöffneten Pforten ins Paradies selbst eingetreten. Da zeigte mir sogleich die ganze Schrift ein anderes Gesicht. Darauf durchlief ich die Heilige Schrift, wie es das Gedächtnis mit sich brachte, und sammelte auch in anderen Ausdrücken die entsprechende Übereinstimmung, wie zum Beispiel “Werk Gottes”, d.h.. das Werk, das Gott in uns schafft, “Kraft Gottes”, durch welche er uns kräftig macht, “Weisheit Gottes”, durch welche er uns weise macht; “Stärke Gottes”, “Heil Gottes”, “Ehre Gottes”... (...) Später las ich Augustin, “Vom Geist und vom Buchstaben”, wo ich wider Erwarten darauf stiess, dass auch er die Gerechtigkeit Gottes ähnlich auslegt: als diejenige, mit der Gott uns bekleidet, indem er uns rechtfertigt. Luthers Entdeckung betrifft tatsächlich einen Kernpunkt der biblischen Theologie. Für den Apostel Paulus bedeutet “Gerechtigkeit Gottes” die Einheit von Gericht und Gnade. Der Kirchenlehrer Augustin hält die Mitwirkung der Gnade Gottes für so wesentlich, dass ohne sie auch des Menschen beste Taten nicht mehr als splendida vitia, “wunderschöne Untugenden” sind. In der seelsorgerlichen Praxis stellte sich dann die Frage, ob der getaufte Mensch, wenn er wiederum sündigt, von Gott noch begnadet werden kann. Die bestätigende Antwort auf diese Frage findet sich in Busse und Beichte, sowie im Vollbringen guter Werke. Als gute Werke galten auch die Reliquienverehrung und der Erwerb kirchlichen Ablasses gegen Entgelt. Nach katholischer Auffassung wird Gottes Gnade in Abstufungen verliehen: die zuvorkommende Gnade (die Reue), die mitwirkende Gnade (die Busse) und die eingegossene Gnade (“Gnadenmittel”: die Sakramente). Dem gegenüber kam Luther zur Einsicht, Rechtfertigung geschehe alleine durch den Glauben, alleine durch Gottes Gnade, alleine durch das Werk Christi, wie es die Schrift bezeugt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der “forensischen” (= gerichtlichen) Rechtfertigungslehre: das Bild des Anklägers (der Teufel), des Angeklagten (der sündige Mensch), des Fürsprechers (Christus) und des Richters (Gott Vater). Bei alledem ist zu bemerken, dass es sich hier grundsätzlich um den individuellen Menschen handelt. Das Alte Testament, wie auch Jesu Verkündigung vom Königreich Gottes, legt grossen Nachdruck auf gerechte Beziehungen zwischen dem Menschen und seinem Mitmenschen, also auf soziale Gerechtigkeit. 6. Luther: Der Streit um den Ablass Dass einem Jünger Jesu die Autorität zusteht, andern die Sünden zu “erlassen”, ist biblisch belegt. “Welchem ihr die Sünden erlasst, dem sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet,denen sind die behalten” (Johannes 20, 23). “Was ihr auf Erden bindet, soll auch im

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Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein” (Matthäus 18, 18). Im Sakrament der Beichte konnte der Priester dem Bussfertigen bestimmte Strafen auferlegen, “zeitliche Strafen” genannt; es stand ihm aber auch zu, den Bussfertigen von diesen Strafen freizusprechen. Seit dem 14. Jahrhundert führten die Päpste aber auch bei bestimmten Gelegenheiten einen “Totalablass” ein, der sich sowohl auf die zeitlichen Strafen als auf die Strafen im Jenseits, also die Jahre im Fegefeuer, beziehen sollte. Der Büsser konnte sich einen solchen Sündenerlass durch Bezahlung erwerben, und zwar konnte dieser Erlass, je nach der Höhe der Bezahlung, auch für bereits Verstorbene gelten. Für die Päpste war dieses System eine Quelle reicher Einkünfte. Papst Julius II erliess 1506 einen solchen Ablass um den kostspieligen Bau des römischen Sankt-Petersdomes zu finanzieren. Es entwickelte sich dazu ein regelrechter Ablasshandel, dessen Ertrag zu 50% für Rom und zu 50% für das jeweilige Erzbistum bestimmt war. Im Erzbistum Magdeburg war ein bekannter Ablasshändler der Domikaner Johan Tetzel, mit seinem Spruch: “Und wenn das Geld im Kästchen klingt, die Seele in den Himmel springt.” In Sachsen, das zum Bistum Brandenburg gehörte, liess Kurfürst Friedrich “der Weise” diesen Handel nicht zu, unter anderem weil er mit seiner reichen Reliquiensammlung selbst Ablassgelder inkassieren konnte. Luther aber bemerkte die verheerenden Folgen von Tetzels Praxis bei seinen Beichtkindern und wünschte deshalb an der vom Kurfürsten errichteten Universität eine theologische Disputation, nicht direkt wider den Ablass als solchen, sondern über dessen Grenzen. Ohne zu ahnen, welchen Stein er damit ins Rollen brachte, fasste er darüber 95 Thesen ab, die er am 31. Oktober, dem Tag vor Allerheiligen, angeblich an die Tür der Wittenberger Schlosskapelle nagelte. Wir zitieren einige in Auswahl. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi – Amen. 1. Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: “Tut Busse,”usw., hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Busse sein soll. 2. Dieses Wort kann nicht von der Busse als Sakrament – d.h. von der Beichte und Genugtuung – die durch das priesterliche Amt verwaltet wird, verstanden werden. 3. Es bezieht sich auch nicht nur auf eine innere Busse, ja eine solche wäre gar keine, wenn sie nicht nach aussen mancherlei Werke zur Abtötung des Fleisches bewirkte. 5. Der Papst will und kann keine Strafen erlassen, ausser solchen, die er aufgrund seiner eigenen Entscheidung oder der der kirchlichen Satzungen auferlegt hat. 21. Deshalb irren jene Ablassprediger, die sagen, dass durch die Ablässe des Papstes der Mensch von jeder Strafe frei und los werde. 24. Deswegen wird zwangsläufig ein Grossteil des Volkes durch jenes in Bausch und Bogen grossprecherisch gegebene Versprechen des Straferlasses getäuscht. 27. Menschenlehre verkündigen die, die sagen, dass die Seele aus dem Fegefeuer emporspringe, sobald das Geld im Kasten klingt. 28. Gewiss, sobald das Geld im Kaste klingt, können Gewinn und Habgier wachsen, aber die Fürbitte der Kirche richtet sich allein auf den Willen Gottes. 33. Nicht genug kann man sich vor denen hüten, die den Ablass des Papstes jene unschätzbare Gabe Gottes nennen, durch die der Mensch mit Gott versöhnt werde. 43. Man soll die Christen lehren: Dem Armen zu geben oder dem Bedürftigen zu leihen ist besser, als Ablass zu kaufen. 62. Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.

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91. Wenn daher der Ablass dem Geiste und der Auffassung des Papstes gemäss gepredigt würde, lösten sich die Einwände alle auf, ja es gäbe sie überhaupt nicht. Das Thema fand beim Publikum einen viel grösseren Widerhall als Luther erwartet hatte. Die Thesen wurden aus dem Latein ins Deutsche übersetzt, im Druck herausgegeben und verbreiteten sich bald durch ganz Deutschland. Das Generalkapitel der Augustiner Eremiten veranstaltete im April 1518 in Heidelberg eine Disputation, mit deren Leitung Luther beauftragt wurde. Er ging dort nicht weiter auf das Thema des Ablasses ein, sondern legte, im Gegensatz zur Werkgerechtigkeit, die volle Abhängigkeit des Menschen von der Gnade Gottes dar; ein Thema, das er als “Theologie des Kreuzes” bezeichnete und das ihm viele Anhänger besorgte. Zu den Gegnern gehörten Erzbischof Albrecht und die Dominikaner. Nur dank dem Schutz des Kurfüsten konnte Luther einer Vorladung nach Rom entgehen. In der sogenannten Leipziger Disputation (1519) stellte der Dominikaner Johann Eck fest, dass Luther die Aussagen von Jan Hus wiederholte, die schon vom Konzil von Konstanz als Ketzereien verurteilt worden waren. 7. Der Bruch mit Rom Da nun für Luthers Stellungnahme von der Kirche keine Unterstützung mehr zu erwarten war, wandte er sich an die weltliche Obrigkeit mit der Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation: Der junge Kaiser, Karl V., und die Fürsten des Reiches sollten doch ihre Verantwortung nehmen und sich der kirchlichen Bevor-mundung entziehen! Die Schrift enthält einen heftigen Angriff auf die Tyrannei der Priester. Drei “Mauern” seien zu erstürmen: (1) “Die geistliche Macht gehe über die weltliche Macht”; (2) “Nur der Papst könne die Schrift erklären”; (3) “Nur der Papst könne ein Konzil einberufen.” Ein folgendes Traktat handelt Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche. Die Kirche sei verstrickt in der Praxis ihrer Sakramente. Luther hat darüber die folgende Meinung: Das Sakrament des Heiligen Abendmahls ist von der Kirche schwer entstellt. (...) Das ist also die erste Gefangenschaft dieses Sakraments, sein Wesen und seine Unversehrtheit betreffend. (...) Nicht als ob die gegen Christus sündigten, die nur einerlei Gestalt gebrauchen. Wohl aber sündigen diejenigen, welche die Austeilung von beiderlei Gestalt denen verweigern, die von ihrer freien Wahl Gebrauch machen wollen. Das Sakrament gehört nicht den Priestern, sondern allen, und die Priester sind nicht Herren, sondern Diener, welche den Bittenden beiderlei Gestalt reichen müssen, sofort sie darum bitten. (...) Es geht mir nicht darum, mit Gewalt beiderlei Gestalt wieder zu nehmen, wie wenn wir durch ein dringendes Gebot dazu gezwungen würden. (...) Nur darum geht es mir, dass keiner die römische Tyrannei rechtfertige, als ob sie recht daran getan hätte, den Laien die eine Gestalt zu verbieten. (Die zweite Gefangenschaft: das Dogma der Transsubstantiation.) Ich jedenfalls, wenn ich doch nicht begreifen kann, auf welche Weise das Brot Christi Leib ist, will meinen Verstand gefangengeben in den Gehorsam Christi: an seinen Worten einfältig hangend, glaube ich festiglich, nicht nur dass Christi Leib im Brot, sondern dass das Brot Christi Leib sei. Und wenn das die Philosophie auch nicht fasst, so fasst es doch der Glaube. Die Gewalt des Wortes Gottes ist grösser als die Fassungskraft unseres Geistes. Damit also im Sakrament der wahre Leib und das wahre Blut Christi sei, ist nicht nötig, dass Brot und

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Wein sich wandeln (...) sondern indem beide zugleich bleiben was sie sind, heisst es in Wahrheit: “Dieses Brot ist mein Leib, dieser Wein ist mein Blut” und umgekehrt. Die dritte Gefangenschaft dieses Sakraments ist dessen über alle Massen gottloser Missbrauch, infolge-dessen heute in der Kirche fast nichts so algemein und so fest geglaubt wird, wie dass die Messe ein gutes Werk und Opfer sei. Dieser Missbrauch hat dann eine unabsehbare Flut anderer Missbräuche aufge-bracht, bis man den Glauben dieses Sakraments ganz ausgelöscht und aus dem göttlichen Sakrament die reinen Jahrmärkte, Wirtshäuser und Geldgeschäfte gemacht hat. Ich gehe gegen eine schwierige Sache an, und vielleicht ist es unmöglich, damit fertig zu werden. Denn sie ist durch die jahrhundertelange Übung bestärkt und durch das allgemeine Einverständnis gutgeheissen und hat sich so fortgesetzt, dass man den grössten Teil der heute herrschenden Bücher und fast die ganze Gestalt der Kirche aufheben und ändern und eine ganz andere Gottesdienstordnung einführen oder vielmehr wiederherstellen muss. (...) Aber was schert mich die Menge und grosse Bedeutung Irrender? Stärker als sie alle ist die Wahrheit! Luther konnte seine Worte wählen wie er wollte, aber nach katholischer Kirchenlehre verkündigte er Ketzerei! Wie zu erwarten war, drohte Papst Leo X. schon bald – im Juni 1520 – mit dem Kirchenbann. Dessen noch unkundig, richtete Luther im September desselben Jahres an den Papst ein Traktat, betitelt Von der Freiheit eines Christenmenschen. Er berief sich auf das Wort des Paulus, “Obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht.” Folgerichtig schrieb er: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christen-mensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Dem Papst gegenüber verhielt sich Luther weder als ein dienstbarer Knecht noch als ein Untertan. Er betrachtete ihn vielmehr als den Antichrist. Im Dezember 1520 verbrandte er vor dem Wittenberger Stadttor die päpstliche Bulle zusammen mit den Dekretalien, die das kanonische Recht formulieren. Unter dem Schutz seines Kurfürsten konnte er sich eine solche Dreistigkeit leisten; in den Nieder-landen aber, wo die Machtsverhältnisse anders lagen, wurden Luthers Schriften bereits dem Feuer übergeben. Nach altem Gebrauch sollte auf den kirchlichen Bann die Reichsacht folgen, die einem jeden das Recht gab, den Verbannten zu töten. Der junge Kaiser, im Oktober in Aachen zum römisch-deutschen König gekrönt, hätte gerne sofort die Acht verhängt, jedoch die deutschen Fürsten und Reichsritter, die zum Teil mit Luthers Kritik einverstanden waren, bedingten, dass er sich zuvor im Reichstag verteidigen sollte. Dieser wurde im April 1521 nach Worms einberufen. Unter dem Freigeleit Friedrich des Weisen begab sich Luther dahin und weigerte nach kurzer Unterredung, seine Schriften zu widerrufen, es sei denn, man könne ihn aufgrund der Bibel eines besseren belehren. Auf dem Rückweg nach Sachsen, als die Reichsacht (das “Wormser Edikt”) schon ausgesprochen war, wurde er von Freunden entführt und heimlich auf der Wartburg bei Eisenach in Sicherheit gebracht. 8. Der Bauernkrieg / Thomas Müntzer

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Bauernaufstände gegen Städte und Grundherren gab es schon im 14. Jahrhundert in England, Flandern, Deutschland, Böhmen. Die soziale Lage der Bauern war tatsächlich miserabel. Sie waren zu hohen Steuerabgaben und zu Frondienst verpflichtet; wer das nicht aufbringen konnte, geriet in Leibeigenschaft. Adel und Klerus profitierten davon und waren an keiner Verbesserung interessiert; so sei nun eben die von Gott gewollte Ordnung ... Da zündete nun die Botschaft Luthers neue Hoffnung. Hiess es da nicht, ein Christenmensch sei ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan? Es stand ja auch in der Bibel: Wer lesen konnte, dem stand seit 1522 das von Luther übersetzte Neue Testament zur Verfügung! Zu denen, die hier grosse Erwartungen hegten, gehörte der Priester Thomas Müntzer. Seine Theologie war im Ursprung eher mystisch als revolutionär. Ähnlich wie die mittelalterlichen deutschen Mystiker – Eckhart und Tauler – lehrte er die Entleerung der Seele durch das Wort Gottes zur völligen Gelassenheit, so dass im Seelengrund der echte Glaube geboren werden konnte. Müntzer wirkte vorübergehend in verschiedenen Städten Sachsens und Böhmens, hörte Luther und stimmte ihm zu, meinte aber ähnlich wie viele in Luthers Umkreis, dass eine kirchliche Reform unweigerlich soziale Früchte treiben sollte. Als Pfarrer in Allstedt (Südharz) setzte er sich, zugleich mit einer deutschsprachigen Liturgie, für eine gerechte Gesellschaftsordnung ein. Privilegien wurden aufgehoben, Klöster aufgelöst, Räume für Obdachlose geschaffen, eine Armenspeisung eingerichtet. Wenn die Allstedter jetzt nur den Mut hätten, wider die Unterdrückung der Machthaber standzuhalten! In einem Manifest an die Allstedter schreibt Müntzer: Die reine Gottesfurcht kommt zuerst, liebe Brüder! Wie lange schlaft ihr, wie lange würdigt ihr Gottes Willen nicht und meint, er hätte euch verlassen? Ach, wie oft habe ich euch das gesagt, wie es eben sein muss. Gott kann sich anders nicht offenbaren, es sei denn, ihr vertraut ganz auf ihn. Tut ihr das nicht, so ist das Opfer – euer inniges Herzeleid – umsonst, und es wird euch nachher von neuem Leid widerfahren. Das sage ich euch: Wollt ihr nicht um Gottes willen leiden, so werdet ihrt des Teufels Märtyrer sein. Darum hütet euch, seid nicht verzagt, nachlässig, schmeichelt nicht länger die irrenden Phantasten, die gottlosen Bösewichte, fangt an und streitet den Streit des Herrn! Es ist höchste Zeit. Haltet eure Brüder alle daran, dass sie das göttliche Zeugnis nicht verspotten, sonst müssen sie alle verderben. (...) Vorwärts, vorwärts, während das Feuer heiss ist! Lasst euer Schwert nicht kalt werden und lasst es nicht erlahmen! (...) Vorwärts, vorwärts, solange es Tag ist. Gott geht euch voran, folget, folget! Wie es geschrieben steht in der 2. Chronik 20, 15 – 17: “Ihr sollt euch nicht fürchten, ihr sollt diese grosse Menge nicht scheuen, es ist nicht euer, sondern des Herrn Streit. Ihr werdet sehen die Hilfe des Herrn über euch.” Müntzer wurde aber von der Obrigkeit verjagt und fand Unterkunft in Mühlhausen (Thüringen), wo er zur Leitfigur im Bauernkrieg wurde. Aufstände gab es nun vielerorts, aber es fehlte die zentrale Führerschaft. Bauern der Oberschwäbischen Eidgenossenschaft verfassten im März 1525 die Zwölf Artikel von Memmingen, eine erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten, in der Hoffnung, darüber mit der Obrigkeit unterhandeln zu können. Jedoch zeigte sich schon im April des selben Jahres im Massaker von Weinsberg (Württemberg), dass die Emotionen nicht länger zu bezügeln waren. Luther brauchte bekanntlich für seine Reformation die Unterstützung durch die Fürsten und stellte sich deswegen auf ihre Seite. In

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einer Flugschrift “Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern” liess er darüber keinen Zweifel bestehen: Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss. Es kam dann zu verschiedenen Schlachten, wo die Bauern mit ihren Sensen und Heugabeln gegen die gut bewaffneten Heere nicht die geringste Chance hatten. Entscheidend war im Mai 1525 die Schlacht bei Frankenhausen (Thüringen). Müntzer wurde gefangen genommen, gefoltert und hingerichtet, womit der Bauernkrieg bald zu Ende ging. Es war aus mehreren Gründen eine tragische Episode. Burgen und Städte waren zerstört worden, die Landesherren rächten sich zum Teil in grausamer Weise, die Hoffnung des “kleinen Mannes” auf bessere Zeiten ging verloren, die Reformation war nicht imstande, eine gerechtere Ordnung zu schaffen. Wie sehr der Bauernkrieg mit der gesammten Problematik der abendländischen Kultur zusammenhing, wird anschaulich dargestellt im Monumentalpanorama, das der Leipziger Kunst-professor Werner Tübke in den Jahren 1976 – 1987 bei Frankenhausen angefertigt hat. Eine 2001 gegründete Thomas-Müntzer-Gesellschaft versucht mit neuzeitlichen Kriterien die Bedeutung dieses Mannes zu verstehen. In der Theologie Martin Luthers wird die Beziehung zwischen Kirche und Gesellschaft mittels der Lehre von den zwei “Regimenten” oder zwei Reichen dargestellt. Gott regiere die Welt in zweierlei Weise, nämlich (1) im geistlichen Regiment für die Gläubigen, durch die Predigt des Wortes und das Gebot der Liebe; (2) im weltlichen Regiment für alle andern, durch das Schwertamt der Obrigkeit, dem sich aber auch die Gläubigen freiwillig unterwerfen. Zu welchen Verwirrungen diese Unterscheidung in der Geschichte Deutschlands geführt hat, ist vor allem in der Periode 1933 – 1945 deutlich geworden. 9. Erasmus In den Niederlanden führte der Kummer um den Niedergang des kirchlichen Lebens zu einer Erweckungsbewegung, der devotio moderna, die hauptsächlich von Laienbruderschaften getragen wurde. Die Mitglieder lebten in “gemeinsamem Leben”, oft ohne Klostergelübde oder Ordensregel und verdienten sich den Lebensunterhalt durch Handarbeit, Abschreiben von Bibeln und Devotionsbüchern, Unterricht und Seelsorge. Ihnen war die individuelle Beziehung zu Christus wichtiger als das Befolgen der Sakramente. Aus diesem Kreis ist unter anderem die dem Thomas a Kempis zugeschriebe Nachfolge Christi hervorgegangen, ein Devotionsbuch, das in Europa weite Verbreitung fand. In der niederländischen Stadt Gouda, bei Rotterdam, wurde Desiderius Erasmus (1466/69 – 1536) geboren als uneheliches Kind eines Priesters. Er besuchte die weit und breit bekannte Lateinschule in Deventer, wo man auch – als grosse Ausnahme in jener Zeit! – das Lehrfach Griechisch eingeführt hatte. Obwohl 1492 zum Priester geweiht, wurde er der amtlichen Tätigkeiten dispensiert, um sich voll und ganz auf das Studium verlegen zu können. Eine Periode an der Pariser Sorbonne (1495 – 1499) machte ihn mit der Scholastik vertraut. In Turin (1506 – 1509) promovierte er zum Doktor der Theologie. Seinen frühesten Ruhm erntete sich Erasmus mit der Veröffentlichung der Adagia, einer Sammlung von Sprüchen und Zitaten antiker Schriftsteller, mit deren Hilfe auch die weniger intellektuell Gebildeten sich ein Air der Gelehrsamkeit geben konnten. Seriöser war schon sein

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Enchiridion militis christiani, das “Handbüchlein des christlichen Streiters” (1501), ein Plädoyer für den geistlichen Kampf mit einer geistlichen Waffenrüstung (vgl. Epheser 6, 10 – 20). Den Lesern wurde Selbsterkenntnis, Besinnung auf das Wesentliche, Gebet und Kenntnis der Heiligen Schrift empfohlen. Als Latinist war Erasmus überall und nirgends zu Hause. Von 1500 bis 1506 weilte er abwechselnd in England, den Niederlanden und Frankreich. Einem witzigen Einfall des Gelehrten verdankt die Welt die Laus stultitiae, das “Lob der Torheit” (1509), in welchem eine personifizierte Frau Stultitia erzählt, wie wichtig in allen Bereichen der Gesellschaft ihr Vorgehen ist. Kein Werk des Erasmus hat soviele Auflagen erlebt wie dieses! Ein Aufenthalt in Löwen (südliche Niederlande), wo sich er als Erzieher und Berater des spanischen Kronprinzen Karl betätigte, führte zur Herausgabe der Institutio principis christiani (= Erziehung des christlichen Fürsten), die mehrfach übersetzt und an vielen europäischen Höfen fleissig gelesen wurde. Aber obwohl Erasmus immer eine Moral der Friedlichkeit befürwortete, bemerkte er zu seinem Leidwesen, dass sich die weltlichen Herrscher immer wieder auf militärische Konflikte einliessen. In seiner Querela pacis (“Klage des Friedens”, 1517) empfiehlt er den Mächtigen, lieber auf Vermögen und Land oder sogar auf ihre Macht verzichten, als einen Krieg zu beginnen. Inzwischen befasste er sich mit einer kritischen Ausgabe des griechischen Neuen Testaments, für die er alte, von Flüchtlingen aus Konstantinopel mitgebrachte Handschriften heranziehen konnte, und fügte einen verbesserten Text der lateinischen Vulgata hinzu (1516). Etwa gleichzeitig wurde in Spanien, in der vom humanistisch gesinnten Kardinal Jiménez gegründeten Universität Alcalá de Henares, eine Bibelausgabe Hebräisch, Griechisch und Latein vorbereitet. Erasmus bekam eine Professur in Alcalá angeboten, aber er lehnte diese höflichst ab. Ab 1520 erfuhr er von dem um Martin Luther entfachten theologischen Streit. Luthers Kritik an der Kirche stimmte er grundsätzlich zu, entrüstete sich aber über dessen heftigen Charakter. Am liebsten wäre er in diesem Streit neutral geblieben, aber auf Drängen der Kirche kommentierte er dann (1524) einen Aspekt von Luthers Aussagen: De libero arbitrio (= Über den freien Willen). Man beachte, wie vorsichtig der Gelehrte sich äussert: Mit geduldigen Ohren nehmen wir hin, dass manche die Liebe zu Gott ins ungeheure steigern, weil wir glauben, dass der allenthalben durch so viele Untaten beschmutzte Lebenswandel der Christen nirgendwo anders herrührt als aus unserm lauen und schläfrigen Glauben, der nur ein Buchstabenglaube und ein Lippenbekenntnis ist, während man nach Paulus “mit dem Herzen glauben muss, um gerecht zu werden” (Römer 10, 10). Und ich will doch nicht sonderlich mit denen streiten, die alles auf den Glauben als die Quelle und den Anfang zurückführen, auch wenn meiner Ansicht nach der Glaube aus der Liebe und die Liebe wiederum aus dem Glauben entsteht und sich nährt. Sicherlich gibt die Liebe dem Glauben Nahrung, wie in der Lampe das Licht vom Öl gespeist wird; denn wir glauben demjenigen lieber, den wir von Herzen lieben. Und es gibt auch Leute, die behaupten, der Glaube sei eher der Anfang des Heils als seine Vollendung. Aber darüber wollen wir hier nicht streiten. Man hätte sich hierbei jedoch hüten müssen, während man sich voll für ein erhöhtes Ansehen des Glaubens einsetzt, dass man nicht die Freiheit des Willens beseitigt; ist diese nämlich aufgehoben, dann sehe ich nicht ein, wie die Frage nach der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes gelöst werden könnte. Augustin ist aufgrund seines Kampfes mit Pelagius dem freien Willen gegenüber abgeneigter geworden, als er es früher war. Luther

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hingegen, der früher dem freien Willen noch einiges zuschrieb, ging in die Hitze des Gefechts so weit, dass er ihn gänzlich aufhob. Aber doch wird bei den Griechen Lykurg – glaube ich – getadelt, dass er aus Abneigung vor der Trunkenheit die Weinstöcke abzuhauen befahl, während er doch durch Beigabe von mehr Wasser die Trunkenheit so hätte verhindern können, dass der Weingenuss dennoch nicht verloren gegangen wäre. Es hätte nämlich meiner Ansicht nach die Willensfreiheit so definiert werden können, dass dennoch jenes Vertrauen auf unsere Verdienste sowie die anderen Nachteile, die Luther vermeiden will, gleichzeitig aber auch die Nachteile, die wir oben besprochen haben, vermieden würden und dass auch die Vorteile, die Luther schätzt, nicht verlorengingen. Luther schrieb daraufhin (1525) in resolutem Stil sein De servo arbitrio (= Vom unfreien Willen): Wenn es Leute gibt, die unsere durch so viele Schriften verteidigte Lehre nicht tiefer erfaßt haben und nicht kräftiger festhalten, als daß sie durch diese leichtwiegenden und nichts bedeutenden Argumente des Erasmus bewegt werden, mögen diese auch kunstvoll verbrämt sein, so sind sie es nicht wert, daß ich ihnen mit meiner Antwort zu Hilfe komme. Bis 1529 wohnte Erasmus dann in Basel, in regem Kontakt mit seinem Verleger Johann Froben. Als dort die Reformation proklamiert wurde, wich er um des Friedens willen nach Freiburg aus. Zuletzt kehrt er aber nach Basel zurück, wo er 1536 starb und im mittlerweile protestantisch gewordenen Münster beigesetzt wurde. 10. Zwingli Die Schweiz existiert als Staat erst seit 1848. Seit ca. 1300 gab es eine Eidgenossenschaft: ein lockeres Bündnis zwischen drei Orten, bis 1515 auf dreizehn Orte angewachsen, die im Heiligen Römischen Reich eine gewisse Autonomie erlangt hatten. Es gab Beziehungen zu Frankreich wie auch zum Herzogtum Mailand. Die Schweizer, in der internatialen Politik ziemlich gleichgültig, dienten als Söldner denen, die ihnen dafür am meisten bezahlen wollten. Ab 1509 beteiligten sie sich an der “Heiligen Liga” zwischen Papst Julius II., Kaiser Maximilian, Venedig und Aragon gegen Franz I. von Frankreich, um ihn aus Mailand zu vertreiben. Als die Liga 1515 bei Marignano geschlagen wurde, war die Position der Schweizer nachhaltig geschwächt. Vor diesem Hintergrund ist das Auftreten des Schweizer Reformators Ulrich Zwingli (1484 – 1531) zu verstehen. Zwingli, geboren in Wildhaus als Sprössling einer bäuerlichen Familie, bekam in Basel, Bern und Wien eine humanistische Ausbildung und wurde 1506 Priester in Glarus, wo er eine Lateinschule gründete, Griechisch lernte und die klassischen Autoren sowie die Kirchenväter studierte. Seine mittelalterliche Frömmigkeit zeigte sich darin, dass er einen angeblichen Splitter des Kreuzes Christi nach Glarus zu holen wusste und, um diese Reliquie würdig aufzubewahren, der alten Pfarrkirche eigens eine Kapelle anbauen liess. In der Heiligen Allianz diente er als Feldprediger für den Papst im Kampf gegen die Franzosen in der Lombardei. Nach der Niederlage bei Marignano ergriff Glarus jedoch Partei für die Franzosen, was Zwinglis Stelle als örtlichen Pfarrer kompromittierte. In den nun folgenden Jahren kehrte sich der ehemalige Feldprediger gegen das Söldnerwesen. Er las die Querela Pacis des Erasmus, machte mit dem Gelehrten auch persönlich Bekanntschaft und fand dadurch einen neuen Zugang zur Bibel. Als Leutpriester im Wallfahrts-

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