Der Tod in Venedig

 

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der tod in venedig 1 der tod in venedig the project gutenberg ebook of der tod in venedig by thomas mann this ebook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever you may copy it give it away or re-use it under the terms of the project gutenberg license included with this ebook or online at www.gutenberg.net title der tod in venedig author thomas mann release date april 22 2004 [ebook #12108 language german character set encoding iso-8859-1 start of this project gutenberg ebook der tod in venedig produced by ari j joki and pg distributed proofreaders thomas mann der tod in venedig die texte folgen den ausgaben >der tod in venedig aus münchen hyperionverlag hans von weber 1912 erstes kapitel gustav aschenbach oder von aschenbach wie seit seinem fünfzigsten geburtstag amtlich sein name lautete hatte an einem frühlingsnachmittag des jahres 19 das unserem kontinent monatelang eine so gefahrdrohende miene zeigte von seiner wohnung in der prinz-regentenstraße zu münchen aus allein einen weiteren spaziergang unternommen Überreizt von der schwierigen und gefährlichen eben jetzt eine höchste behutsamkeit umsicht eindringlichkeit und genauigkeit des willens erfordernden arbeit der vormittagsstunden hatte der schriftsteller dem fortschwingen des produzierenden triebwerks in seinem innern jenem »motus animi continuus« worin nach cicero das wesen der beredsamkeit besteht auch nach der mittagsmahlzeit nicht einhalt zu tun vermocht und den entlastenden schlummer nicht gefunden der ihm bei zunehmender abnutzbarkeit seiner kräfte einmal untertags so nötig war so hatte er bald nach dem tee das freie gesucht in der hoffnung daß luft und bewegung ihn wieder herstellen und ihm zu einem ersprießlichen abend verhelfen würden es war anfang mai und nach naßkalten wochen ein falscher hochsommer eingefallen der englische garten obgleich nur erst zart belaubt war dumpfig wie im august und in der nähe der stadt voller wagen und spaziergänger gewesen beim aumeister wohin stillere und stillere wege ihn geführt hatte aschenbach eine kleine weile den volkstümlich belebten wirtsgarten überblickt an dessen rande einige droschken und equipagen hielten hatte von dort bei sinkender sonne seinen heimweg außerhalb des parks über die offene flur genommen und erwartete da er sich müde fühlte und über föhring gewitter drohte am nördlichen friedhof die tram die ihn in gerader linie zur stadt zurückbringen sollte zufällig fand er den halteplatz und

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der tod in venedig seine umgebung von menschen leer weder auf der gepflasterten ungererstraße deren schienengeleise sich einsam gleißend gegen schwabing erstreckten noch auf der föhringer chaussee war ein fuhrwerk zu sehen hinter den zäunen der steinmetzereien wo zu kauf stehende kreuze gedächtnistafeln und monumente ein zweites unbehaustes gräberfeld bilden regte sich nichts und das byzantinische bauwerk der aussegnungshalle gegenüber lag schweigend im abglanz des scheidenden tages ihre stirnseite mit griechischen kreuzen und hieratischen schildereien in lichten farben geschmückt weist überdies symmetrisch angeordnete inschriften in goldlettern auf ausgewählte das jenseitige leben betreffende schriftworte wie etwa »sie gehen ein in die wohnung gottes« oder »das ewige licht leuchte ihnen« und der wartende hatte während einiger minuten eine ernste zerstreuung darin gefunden die formeln abzulesen und sein geistiges auge in ihrer durchscheinenden mystik sich verlieren zu lassen als er aus seinen träumereien zurückkehrend im portikus oberhalb der beiden apokalyptischen tiere welche die freitreppe bewachen einen mann bemerkte dessen nicht ganz gewöhnliche erscheinung seinen gedanken eine völlig andere richtung gab 2 ob er nun aus dem innern der halle durch das bronzene tor hervorgetreten oder von außen unversehens heran und hinauf gelangt war blieb ungewiß aschenbach ohne sich sonderlich in die frage zu vertiefen neigte zur ersteren annahme mäßig hochgewachsen mager bartlos und auffallend stumpfnäsig gehörte der mann zum rothaarigen typ und besaß dessen milchige und sommersprossige haut offenbar war er durchaus nicht bajuwarischen schlages wie denn wenigstens der breit und gerade gerandete basthut der ihm den kopf bedeckte seinem aussehen ein gepräge des fremdländischen und weitherkommenden verlieh freilich trug er dazu den landesüblichen rucksack um die schultern geschnallt einen gelblichen gurtanzug aus lodenstoff wie es schien einen grauen wetterkragen über dem linken unterarm den er in die weiche gestützt hielt und in der rechten einen mit eiserner spitze versehenen stock welchen er schräg gegen den boden stemmte und auf dessen krücke er bei gekreuzten füßen die hüfte lehnte erhobenen hauptes so daß an seinem hager dem losen sporthemd entwachsenden halse der adamsapfel stark und nackt hervortrat blickte er mit farblosen rot bewimperten augen zwischen denen sonderbar genug zu seiner kurz aufgeworfenen nase passend zwei senkrechte energische furchen standen scharf spähend ins weite so und vielleicht trug sein erhöhter und erhöhender standort zu diesem eindruck bei hatte seine haltung etwas herrisch Überschauendes kühnes oder selbst wildes denn sei es daß er geblendet gegen die untergehende sonne grimassierte oder daß es sich um eine dauernde physiognomische entstellung handelte seine lippen schienen zu kurz sie waren völlig von den zähnen zurückgezogen dergestalt daß diese bis zum zahnfleisch bloßgelegt weiß und lang dazwischen hervorbleckten wohl möglich daß aschenbach es bei seiner halb zerstreuten halb inquisitiven musterung des fremden an rücksicht hatte fehlen lassen denn plötzlich ward er gewahr daß jener seinen blick erwiderte und zwar so kriegerisch so gerade ins auge hinein so offenkundig gesonnen die sache aufs Äußerste zu treiben und den blick des andern zum abzug zu zwingen daß aschenbach peinlich berührt sich abwandte und einen gang die zäune entlang begann mit dem beiläufigen entschluß des menschen nicht weiter achtzuhaben er hatte ihn in der nächsten minute vergessen mochte nun aber das wandererhafte in der erscheinung des fremden auf seine einbildungskraft gewirkt haben oder sonst irgendein physischer oder seelischer einfluß im spiele sein eine seltsame ausweitung seines innern ward ihm ganz überraschend bewußt eine art schweifender unruhe ein jugendlich durstiges verlangen in die ferne ein gefühl so lebhaft so neu oder doch so längst entwöhnt und verlernt daß er die hände auf dem rücken und den blick am boden gefesselt stehen blieb um die empfindung auf wesen und ziel zu prüfen es war reiselust nichts weiter aber wahrhaft als anfall auftretend und ins leidenschaftliche ja bis zur sinnestäuschung gesteigert er sah nämlich als beispiel gleichsam für alle wunder und schrecken der mannigfaltigen erde die seine begierde sich auf einmal vorzustellen trachtete sah wie mit leiblichem auge eine ungeheuere landschaft ein tropisches sumpfgebiet unter dickdunstigem himmel feucht üppig und ungesund eine von menschen gemiedene urweltwildnis aus inseln morästen und schlamm führenden wasserarmen die flachen eilande deren boden mit blättern so dick wie hände mit riesigen farnen mit fettem gequollenem und abenteuerlich blühendem pflanzenwerk überwuchert war sandten haarige palmenschäfte empor und wunderlich ungestalte bäume deren wurzeln dem stamm entwuchsen und sich durch die luft in den boden ins wasser senkten bildeten verworrene

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der tod in venedig 3 waldungen auf der stockenden grünschattig spiegelnden flut schwammen wie schüsseln groß milchweiße blumen vögel von fremder art hochschultrig mit unförmigen schnäbeln standen auf hohen beinen im seichten und blickten unbeweglich zur seite während durch ausgedehnte schilffelder ein klapperndes wetzen und rauschen ging wie durch heere von geharnischten dem schauenden war es als hauchte der laue mephitische odem dieser geilen und untauglichen Öde ihn an die in einem ungeheuerlichen zustande von werden oder vergehen zu schweben schien zwischen den knotigen rohrstämmen eines bambusdickichts glaubte er einen augenblick die phosphoreszierenden lichter des tigers funkeln zu sehen und fühlte sein herz pochen vor entsetzen und rätselhaftem verlangen dann wich das gesicht und mit einem kopfschütteln nahm aschenbach seine promenade an den zäunen der grabsteinmetzereien wieder auf er hatte zum mindesten seit ihm die mittel zu gebote gewesen wären die vorteile des weltverkehrs beliebig zu genießen das reisen nicht anders denn als eine hygienische maßregel betrachtet die gegen sinn und neigung dann und wann hatte getroffen werden müssen zu beschäftigt mit den aufgaben welche sein ich und die europäische seele ihm stellten zu belastet von der verpflichtung zur produktion der zerstreuung zu abgeneigt um zum liebhaber der bunten außenwelt zu taugen hatte er sich durchaus mit der anschauung begnügt die heute jedermann ohne sich weit aus seinem kreise zu rühren von der oberfläche der erde gewinnen kann und war niemals auch nur versucht gewesen europa zu verlassen zumal seit sein leben sich langsam neigte seit seine künstlerfurcht nicht fertig zu werden diese besorgnis die uhr möchte abgelaufen sein bevor er das seine getan und völlig sich selbst gegeben nicht mehr als bloße grille von der hand zu weisen war hatte sein äußeres dasein sich fast ausschließlich auf die schöne stadt die ihm zur heimat geworden und auf den rauhen landsitz beschränkt den er sich im gebirge errichtet und wo er die regnerischen sommer verbrachte auch wurde denn was ihn da eben so spät und plötzlich angewandelt sehr bald durch vernunft und von jung auf geübte selbstzucht gemäßigt und richtig gestellt er hatte beabsichtigt das werk für welches er lebte bis zu einem gewissen punkte zu fördern bevor er aufs land übersiedelte und der gedanke einer weltbummelei die ihn auf monate seiner arbeit entführen würde schien allzu locker und planwidrig er durfte nicht ernstlich in frage kommen und doch wußte er nur zu wohl aus welchem grunde die anfechtung so unversehens hervorgegangen war fluchtdrang war sie daß er es sich eingestand diese sehnsucht ins ferne und neue diese begierde nach befreiung entbürdung und vergessen der drang hinweg vom werke von der alltagsstätte eines starren kalten und leidenschaftlichen dienstes zwar liebte er ihn und liebte auch fast schon den entnervenden sich täglich erneuernden kampf zwischen seinem zähen und stolzen so oft erprobten willen und dieser wachsenden müdigkeit von der niemand wissen und die das produkt auf keine weise durch kein anzeichen des versagens und der laßheit verraten durfte aber verständig schien es den bogen nicht zu überspannen und ein so lebhaft ausbrechendes bedürfnis nicht eigensinnig zu ersticken er dachte an seine arbeit dachte an die stelle an der er sie auch heute wieder wie gestern schon hatte verlassen müssen und die weder geduldiger pflege noch einem raschen handstreich sich fügen zu wollen schien er prüfte sie aufs neue versuchte die hemmung zu durchbrechen oder aufzulösen und ließ mit einem schauder des widerwillens vom angriff ab hier bot sich keine außerordentliche schwierigkeit sondern was ihn lähmte waren die skrupeln der unlust die sich als eine durch nichts mehr zu befriedigende ungenügsamkeit darstellte ungenügsamkeit freilich hatte schon dem jüngling als wesen und innerste natur des talentes gegolten und um ihretwillen hatte er das gefühl gezügelt und erkältet weil er wußte daß es geneigt ist sich mit einem fröhlichen ungefähr und mit einer halben vollkommenheit zu begnügen rächte sich nun also die geknechtete empfindung indem sie ihn verließ indem sie seine kunst fürder zu tragen und zu beflügeln sich weigerte und alle lust alles entzücken an der form und am ausdruck mit sich hinwegnahm nicht daß er schlechtes herstellte dies wenigstens war der vorteil seiner jahre daß er sich seiner meisterschaft jeden augenblick in gelassenheit sicher fühlte aber er selbst während die nation sie ehrte er ward ihrer nicht froh und es schien ihm als ermangle sein werk jener merkmale feurig spielender laune die ein erzeugnis der freude mehr als irgend ein innerer gehalt ein gewichtigerer vorzug die freude der genießenden welt bildeten er fürchtete sich vor dem sommer auf dem lande allein in dem kleinen hause mit der magd die ihm das essen bereitete und dem diener der es ihm auftrug fürchtete sich vor den vertrauten angesichten der berggipfel und-wände die wiederum seine unzufriedene langsamkeit umstehen würden und so tat denn

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der tod in venedig eine einschaltung not etwas stegreifdasein tagdieberei fernluft und zufuhr neuen blutes damit der sommer erträglich und ergiebig werde reisen also er war es zufrieden nicht gar weit nicht gerade bis zu den tigern eine nacht im schlafwagen und eine siesta von drei vier wochen an irgend einem allerweltsferienplatze im liebenswürdigen süden so dachte er während der lärm der elektrischen tram die ungererstraße daher sich näherte und einsteigend beschloß er diesen abend dem studium von karte und kursbuch zu widmen auf der plattform fiel ihm ein nach dem manne im basthut dem genossen dieses immerhin folgereichen aufenthaltes umschau zu halten doch wurde ihm dessen verbleib nicht deutlich da er weder an seinem vorherigen standort noch auf dem weiteren halteplatz noch auch im wagen ausfindig zu machen war zweites kapitel 4 der autor der klaren und mächtigen prosa-epopöe vom leben friedrichs von preußen der geduldige künstler der in langem fleiß den figurenreichen so vielerlei menschenschicksal im schatten einer idee versammelnden romanteppich »maja« mit namen wob der schöpfer jener starken erzählung die »ein elender« überschrieben ist und einer ganzen dankbaren jugend die möglichkeit sittlicher entschlossenheit jenseits der tiefsten erkenntnis zeigte der verfasser endlich und damit sind die werke seiner reifezeit kurz bezeichnet der leidenschaftlichen abhandlung über »geist und kunst« deren ordnende kraft und antithetische beredsamkeit ernste beurteiler vermochte sie unmittelbar neben schillers raisonnement über naive und sentimentalische dichtung zu stellen gustav aschenbach also war zu l einer kreisstadt der provinz schlesien als sohn eines höheren justizbeamten geboren seine vorfahren waren offiziere richter verwaltungsfunktionäre gewesen männer die im dienste des königs des staates ihr straffes anständig karges leben geführt hatten innigere geistigkeit hatte sich einmal in der person eines predigers unter ihnen verkörpert rascheres sinnlicheres blut war der familie in der vorigen generation durch die mutter des dichters tochter eines böhmischen kapellmeisters zugekommen von ihr stammten die merkmale fremder rasse in seinem Äußern die vermählung dienstlich nüchterner gewissenhaftigkeit mit dunkleren feurigeren impulsen ließ einen künstler und diesen besonderen künstler erstehen da sein ganzes wesen auf ruhm gestellt war zeigte er sich wenn nicht eigentlich früh reif so doch dank der entschiedenheit und persönlichen prägnanz seines tonfalls früh für die Öffentlichkeit reif und geschickt beinahe noch gymnasiast besaß er einen namen zehn jahre später hatte er gelernt von seinem schreibtische aus zu repräsentieren seinen ruhm zu verwalten in einem briefsatz der kurz sein mußte denn viele ansprüche drängen auf den erfolgreichen den vertrauenswürdigen ein gütig und bedeutend zu sein der vierziger hatte ermattet von den strapazen und wechselfällen der eigentlichen arbeit alltäglich eine post zu bewältigen die wertzeichen aus aller herren ländern trug ebensoweit entfernt vom banalen wie vom exzentrischen war sein talent geschaffen den glauben des breiten publikums und die bewundernde fordernde teilnahme der wählerischen zugleich zu gewinnen so schon als jüngling von allen seiten auf die leistung und zwar die außerordentliche verpflichtet hatte er niemals den müßiggang niemals die fahrlässigkeit der jugend gekannt als er um sein fünfunddreißigstes jahr in wien erkrankte äußerte ein feiner beobachter über ihn in gesellschaft »sehen sie aschenbach hat von jeher nur so gelebt« und der sprecher schloß die finger seiner linken fest zur faust »niemals so« und er ließ die geöffnete hand bequem von der lehne des sessels hängen das traf zu und das tapfer-sittliche daran war daß seine natur von nichts weniger als robuster verfassung und zur ständigen anspannung nur berufen nicht eigentlich geboren war Ärztliche fürsorge hatte den knaben vom schulbesuch ausgeschlossen und auf häuslichen unterricht gedrungen einzeln ohne kameradschaft war er aufgewachsen und hatte doch zeitig erkennen müssen daß er einem geschlecht angehörte in dem nicht das talent wohl aber die physische basis eine seltenheit war deren das talent zu seiner erfüllung bedarf einem geschlechte das früh sein bestes zu geben pflegt und in dem das können es selten zu jahren bringt aber sein lieblingswort war »durchhalten« er sah in seinem friedrich-roman nichts anderes als die apotheose dieses befehlswortes das ihm als der

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der tod in venedig 5 inbegriffleitend-tätiger tugend erschien auch wünschte er sehnlichst alt zu werden denn er hatte von jeher dafür gehalten daß wahrhaft groß umfassend ja wahrhaft ehrenwert nur das künstlertum zu nennen sei dem es beschieden war auf allen stufen des menschlichen charakteristisch fruchtbar zu sein da er also die aufgaben mit denen sein talent ihn belud auf zarten schultern tragen und weit gehen wollte so bedurfte er höchlich der zucht und zucht war ja zum glücke sein eingeborenes erbteil von väterlicher seite mit vierzig mit fünfzig jahren wie schon in einem alter wo andere verschwenden schwärmen die ausführung großer pläne getrost verschieben begann er seinen tag beizeiten mit stürzen kalten wassers über brust und rücken und brachte dann ein paar hoher wachskerzen in silbernen leuchtern zu häupten des manuskripts die kräfte die er im schlaf gesammelt in zwei oder drei inbrünstig gewissenhaften morgenstunden der kunst zum opfer dar es war verzeihlich ja es bedeutete recht eigentlich den sieg seiner moralität wenn unkundige die maja-welt oder die epischen massen in denen sich friedrichs heldenleben entrollte für das erzeugnis gedrungener kraft und eines langen atems hielten während sie vielmehr in kleinen tagewerken aus hundert einzelinspirationen zur größe emporgeschichtet und nur darum so durchaus und an jedem punkte vortrefflich waren weil ihr schöpfer mit einer willensdauer und zähigkeit derjenigen ähnlich die seine heimatprovinz eroberte jahrelang unter der spannung eines und desselben werkes ausgehalten und an die eigentliche herstellung ausschließlich seine stärksten und würdigsten stunden gewandt hatte damit ein bedeutendes geistesprodukt auf der stelle eine breite und tiefe wirkung zu üben vermöge muß eine tiefe verwandtschaft ja Übereinstimmung zwischen dem persönlichen schicksal seines urhebers und dem allgemeinen des mitlebenden geschlechtes bestehen die menschen wissen nicht warum sie einem kunstwerk ruhm bereiten weit entfernt von kennerschaft glauben sie hundert vorzüge daran zu entdecken um so viel teilnahme zu rechtfertigen aber der eigentliche grund ihres beifalls ist ein unwägbares ist sympathie aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer stelle unmittelbar ausgesprochen daß beinahe alles große was dastehe als ein trotzdem dastehe trotz kummer und qual armut verlassenheit körperschwäche laster leidenschaft und tausend hemmnissen zustande gekommen sei aber das war mehr als eine bemerkung es war eine erfahrung war geradezu die formel seines lebens und ruhmes der schlüssel zu seinem werk und was wunder also wenn es auch der sittliche charakter die äußere gebärde seiner eigentümlichsten figuren war Über den neuen in mannigfach individuellen erscheinungen wiederkehrenden heldentyp den dieser schriftsteller bevorzugte hatte schon frühzeitig ein kluger zergliederer geschrieben daß er die konzeption »einer intellektuellen und jünglinghaften männlichkeit« sei »die in stolzer scham die zähne aufeinanderbeißt und ruhig dasteht während ihr die schwerter und speere durch den leib gehen« das war schön geistreich und exakt trotz seiner scheinbar allzu passivischen prägung denn haltung im schicksal anmut in der qual bedeutet nicht nur ein dulden sie ist eine aktive leistung ein positiver triumph und die sebastian-gestalt ist das schönste sinnbild wenn nicht der kunst überhaupt so doch gewiß der in rede stehenden kunst blickte man hinein in diese erzählte welt sah man die elegante selbstbeherrschung die bis zum letzten augenblick eine innere unterhöhlung den biologischen verfall vor den augen der welt verbirgt die gelbe sinnlich benachteiligte häßlichkeit die es vermag ihre schwelende brunst zur reinen flamme zu entfachen ja sich zur herrschaft im reiche der schönheit aufzuschwingen die bleiche ohnmacht welche aus den glühenden tiefen des geistes die kraft holt ein ganzes übermütiges volk zu füßen des kreuzes zu ihren füßen niederzuwerfen die liebenswürdige haltung im leeren und strengen dienste der form das falsche gefährliche leben die rasch entnervende sehnsucht und kunst des gebornen betrügers betrachtete man all dies schicksal und wieviel gleichartiges noch so konnte man zweifeln ob es überhaupt einen anderen heroismus gäbe als denjenigen der schwäche welches heldentum aber jedenfalls wäre zeitgemäßer als dieses gustav aschenbach war der dichter all derer die am rande der erschöpfung arbeiten der Überbürdeten schon aufgeriebenen sich noch aufrechthaltenden all dieser moralisten der leistung die schmächtig von wuchs und spröde von mitteln durch willensverzückung und kluge verwaltung sich wenigstens eine zeitlang die wirkungen der größe abgewinnen ihrer sind viele sie sind die helden des zeitalters und sie alle erkannten sich wieder in seinem werk sie fanden sich bestätigt erhoben besungen

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der tod in venedig darin sie wußten ihm dank sie verkündeten seinen namen 6 er war jung und roh gewesen mit der zeit und schlecht beraten von ihr war er öffentlich gestrauchelt hatte mißgriffe getan sich bloßgestellt verstöße gegen takt und besonnenheit begangen in wort und werk aber er hatte die würde gewonnen nach welcher wie er behauptete jedem großen talente ein natürlicher drang und stachel eingeboren ist ja man kann sagen daß seine ganze entwicklung ein bewußter und trotziger alle hemmungen des zweifels und der ironie zurücklassender aufstieg zur würde gewesen war lebendige geistig unverbindliche greifbarkeit der gestaltung bildet das ergötzen der bürgerlichen massen aber leidenschaftlich unbedingte jugend wird nur durch das problematische gefesselt und aschenbach war problematisch war unbedingt gewesen wie nur irgendein jüngling er hatte dem geiste gefrönt mit der erkenntnis raubbau getrieben saatfrucht vermahlen geheimnisse preisgegeben das talent verdächtigt die kunst verraten ja während seine bildwerke die gläubig genießenden unterhielten erhoben belebten hatte er der jugendliche künstler die zwanzigjährigen durch seine zynismen über das fragwürdige wesen der kunst des künstlertums selbst in atem gehalten aber es scheint daß gegen nichts ein edler und tüchtiger geist sich rascher sich gründlicher abstumpft als gegen den scharfen und bitteren reiz der erkenntnis und gewiß ist daß die schwermütig gewissenhafteste gründlichkeit des jünglings seichtheit bedeutet im vergleich mit dem tiefen entschlusse des meister gewordenen mannes das wissen zu leugnen es abzulehnen erhobenen hauptes darüber hinwegzusehen sofern es den willen die tat das gefühl und selbst die leidenschaft im geringsten zu lähmen zu entmutigen zu entwürdigen geeignet ist wie wäre die berühmte erzählung vom »elenden« wohl anders zu deuten denn als ausbruch des ekels gegen den unanständigen psychologismus der zeit verkörpert in der figur jenes weichen und albernen halbschurken der sich ein schicksal erschleicht indem er sein weib aus ohnmacht aus lasterhaftigkeit aus ethischer velleität in die arme eines unbärtigen treibt und aus tiefe nichtswürdigkeiten begehen zu dürfen glaubt die wucht des wortes mit welchem hier das verworfene verworfen wurde verkündete die abkehr von allem moralischen zweifelsinn von jeder sympathie mit dem abgrund die absage an die laxheit des mitleidssatzes daß alles verstehen alles verzeihen heiße und was sich hier vorbereitete ja schon vollzog war jenes »wunder der wiedergeborenen unbefangenheit« auf welches ein wenig später in einem der dialoge des autors ausdrücklich und nicht ohne geheimnisvolle betonung die rede kam seltsame zusammenhänge war es eine geistige folge dieser »wiedergeburt« dieser neuen würde und strenge daß man um dieselbe zeit ein fast übermäßiges erstarken seines schönheitssinnes beobachtete jene adelige reinheit einfachheit und ebenmäßigkeit der formgebung welche seinen produkten fortan ein so sinnfälliges ja gewolltes gepräge der meisterlichkeit und klassizität verlieh aber moralische entschlossenheit jenseits des wissens der auflösenden und hemmenden erkenntnis bedeutet sie nicht wiederum eine vereinfachung eine sittliche vereinfältigung der welt und der seele und also auch ein erstarken zum bösen verbotenen zum sittlich unmöglichen und hat form nicht zweierlei gesicht ist sie nicht sittlich und unsittlich zugleich sittlich als ergebnis und ausdruck der zucht unsittlich aber und selbst widersittlich sofern sie von natur eine moralische gleichgültigkeit in sich schließt ja wesentlich bestrebt ist das moralische unter ihr stolzes und unumschränktes szepter zu beugen wie dem auch sei eine entwicklung ist ein schicksal und wie sollte nicht diejenige anders verlaufen die von der teilnahme dem massenzutrauen einer weiten Öffentlichkeit begleitet wird als jene die sich ohne den glanz und die verbindlichkeiten des ruhmes vollzieht nur ewiges zigeunertum findet es langweilig und ist zu spotten geneigt wenn ein großes talent dem libertinischen puppenstande entwächst die würde des geistes ausdrucksvoll wahrzunehmen sich gewöhnt und die hofsitten einer einsamkeit annimmt die voll unberatener hart selbständiger leiden und kämpfe war und es zu macht und ehren unter den menschen brachte wieviel spiel trotz genuß ist übrigens in der selbstgestaltung des talentes etwas amtlich-erzieherisches trat mit der zeit in gustav aschenbachs vorführungen ein sein stil entriet in späteren jahren der unmittelbaren kühnheiten der subtilen und neuen abschattungen er wandelte sich ins mustergültig-feststehende geschliffen-herkömmliche erhaltende formelle selbst formelhafte und wie die Überlieferung es von ludwig dem vierzehnten wissen will so verbannte der alternde aus seiner sprachweise

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der tod in venedig jedes gemeine wort damals geschah es daß die unterrichtsbehörde ausgewählte seiten von ihm in die vorgeschriebenen schullesebücher übernahm es war ihm innerlich gemäß und er lehnte nicht ab als ein deutscher fürst soeben zum throne gelangt dem dichter des »friedrich« zu seinem fünfzigsten geburtstag den persönlichen adel verlieh 7 nach einigen jahren der unruhe einigen versuchsaufenthalten da und dort wählte er frühzeitig münchen zum dauernden wohnsitz und lebte dort in bürgerlichem ehrenstande wie er dem geiste in besonderen einzelfällen zuteil wird die ehe die er in noch jugendlichem alter mit einem mädchen aus gelehrter familie eingegangen wurde nach kurzer glücksfrist durch den tod getrennt eine tochter schon gattin war ihm geblieben einen sohn hatte er nie besessen gustav von aschenbach war ein wenig unter mittelgröße brünett rasiert sein kopf erschien ein wenig zu groß im verhältnis zu der fast zierlichen gestalt sein rückwärts gebürstetes haar am scheitel gelichtet an den schläfen sehr voll und stark ergraut umrahmte eine hohe zerklüftete und gleichsam narbige stirn der bügel einer goldbrille mit randlosen gläsern schnitt in die wurzel der gedrungenen edel gebogenen nase ein der mund war groß oft schlaff oft plötzlich schmal und gespannt die wangenpartie mager und gefurcht das wohlausgebildete kinn weich gespalten bedeutende schicksale schienen über dies meist leidend seitwärts geneigte haupt hinweggegangen zu sein und doch war die kunst es gewesen die hier jene physiognomische durchbildung übernommen hatte welche sonst das werk eines schweren bewegten lebens ist hinter dieser stirn waren die blitzenden repliken des gesprächs zwischen voltaire und dem könige über den krieg geboren diese augen müde und tief durch die gläser blickend hatten das blutige inferno der lazarette des siebenjährigen krieges gesehen auch persönlich genommen ist ja die kunst ein erhöhtes leben sie beglückt tiefer sie verzehrt rascher sie gräbt in das antlitz ihres dieners die spuren imaginärer und geistiger abenteuer und sie erzeugt selbst bei klösterlicher stille des äußeren daseins auf die dauer eine verwöhntheit Überfeinerung müdigkeit und neugier der nerven wie ein leben voll ausschweifendster leidenschaften und genüsse sie kaum hervorzubringen vermag drittes kapitel mehrere geschäfte weltlicher und literarischer natur hielten den reiselustigen noch etwa zwei wochen nach jenem spaziergang in münchen zurück er gab endlich auftrag sein landhaus binnen vier wochen zum einzuge instandzusetzen und reiste an einem tage zwischen mitte und ende des mai mit dem nachtzuge nach triest wo er nur vierundzwanzig stunden verweilte und sich am nächstfolgenden morgen nach pola einschiffte was er suchte war das fremdartige und bezuglose welches jedoch rasch zu erreichen wäre und so nahm er aufenthalt auf einer seit einigen jahren gerühmten insel der adria unfern der istrischen küste gelegen mit farbig zerlumptem in wildfremden lauten redendem landvolk und schön zerrissenen klippenpartien dort wo das meer offen war allein regen und schwere luft eine kleinweltliche geschlossen österreichische hotelgesellschaft und der mangel jenes ruhevoll innigen verhältnisses zum meere das nur ein sanfter sandiger strand gewährt verdrossen ihn ließen ihn nicht das bewußtsein gewinnen den ort seiner bestimmung getroffen zu haben ein zug seines innern ihm war noch nicht deutlich wohin beunruhigte ihn er studierte schiffsverbindungen er blickte suchend umher und auf einmal zugleich überraschend und selbstverständlich stand ihm sein ziel vor augen wenn man über nacht das unvergleichliche das märchenhaft abweichende zu erreichen wünschte wohin ging man aber das war klar was sollte er hier er war fehlgegangen dorthin hatte er reisen wollen er säumte nicht den irrigen aufenthalt zu kündigen anderthalb wochen nach seiner ankunft auf der insel trug ein geschwindes motorboot ihn und sein gepäck in dunstiger frühe über die wasser in den kriegshafen zurück und er ging dort nur an land um sogleich über einen brettersteg das feuchte verdeck eines schiffes zu beschreiten das unter dampf zur fahrt nach venedig lag es war ein betagtes fahrzeug italienischer nationalität veraltet rußig und düster in einer höhlenartigen künstlich erleuchteten koje des inneren raumes wohin aschenbach sofort nach betreten des schiffes von einem buckligen und unreinlichen matrosen mit grinsender höflichkeit genötigt wurde saß hinter einem

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der tod in venedig 8 tische den hut schief in der stirn und einen zigarettenstummel im mundwinkel ein ziegenbärtiger mann von der physiognomie eines altmodischen zirkusdirektors der mit grimassenhaft leichtem geschäftsgebaren die personalien der reisenden aufnahm und ihnen die fahrscheine ausstellte »nach venedig!« wiederholte er aschenbachs ansuchen indem er den arm reckte und die feder in den breiigen restinhalt eines schräg geneigten tintenfasses stieß »nach venedig erster klasse sie sind bedient mein herr!« und er schrieb große krähenfüße streute aus einer büchse blauen sand auf die schrift ließ ihn in eine tönerne schale ablaufen faltete das papier mit gelben und knochigen fingern und schrieb aufs neue »ein glücklich gewähltes reiseziel!« schwatzte er unterdessen »ah venedig eine herrliche stadt eine stadt von unwiderstehlicher anziehungskraft für den gebildeten ihrer geschichte sowohl wie ihrer gegenwärtigen reize wegen!« die glatte raschheit seiner bewegungen und das leere gerede womit er sie begleitete hatten etwas betäubendes und ablenkendes etwa als besorgte er der reisende möchte in seinem entschluß nach venedig zu fahren noch wankend werden er kassierte eilig und ließ mit croupiergewandtheit den differenzbetrag auf den fleckigen tuchbezug des tisches fallen »gute unterhaltung mein herr!« sagte er mit schauspielerischer verbeugung »es ist mir eine ehre sie zu befördern meine herren!« rief er sogleich mit erhobenem arm und tat als sei das geschäft im flottesten gange obgleich niemand mehr da war der nach abfertigung verlangt hätte aschenbach kehrte auf das verdeck zurück einen arm auf die brüstung gelehnt betrachtete er das müßige volk das der abfahrt des schiffes beizuwohnen am quai lungerte und die passagiere an bord diejenigen der zweiten klasse kauerten männer und weiber auf dem vorderdeck indem sie kisten und bündel als sitze benutzten eine gruppe junger leute bildete die reisegesellschaft des ersten verdecks polenser handelsgehülfen wie es schien die sich in angeregter laune zu einem ausflug nach italien vereinigt hatten sie machten nicht wenig aufhebens von sich und ihrem unternehmen schwatzten lachten genossen selbstgefällig das eigene gebärdenspiel und riefen den kameraden die portefeuilles unterm arm in geschäften die hafenstraße entlang gingen und den feiernden mit dem stöckchen drohten über das geländer gebeugt zungengeläufige spottreden nach einer in hellgelbem übermodisch geschnittenem sommeranzug roter krawatte und kühn aufgebogenem panama tat sich mit krähender stimme an aufgeräumtheit vor allen andern hervor kaum aber hatte aschenbach ihn genauer ins auge gefaßt als er mit einer art von entsetzen erkannte daß der jüngling falsch war er war alt man konnte nicht zweifeln runzeln umgaben ihm augen und mund das matte karmesin der wangen war schminke das braune haar unter dem farbig umwundenen strohhut perücke sein hals verfallen und sehnig sein aufgesetztes schnurrbärtchen und die fliege am kinn gefärbt sein gelbes und vollzähliges gebiß das er lachend zeigte ein billiger ersatz und seine hände mit siegelringen an beiden zeigefingern waren die eines greises schauerlich angemutet sah aschenbach ihm und seiner gemeinschaft mit den freunden zu wußten bemerkten sie nicht daß er alt war daß er zu unrecht ihre stutzerhafte und bunte kleidung trug zu unrecht einen der ihren spielte selbstverständlich und gewohnheitsmäßig wie es schien duldeten sie ihn in ihrer mitte behandelten ihn als ihresgleichen erwiderten ohne abscheu seine neckischen rippenstöße wie ging das zu aschenbach bedeckte seine stirn mit der hand und schloß die augen die heiß waren da er zu wenig geschlafen hatte ihm war als lasse nicht alles sich ganz gewöhnlich an als beginne eine träumerische entfremdung eine entstellung der welt ins sonderbare um sich zu greifen der vielleicht einhalt zu tun wäre wenn er sein gesicht ein wenig verdunkelte und aufs neue um sich schaute in diesem augenblick jedoch berührte ihn das gefühl des schwimmens und mit unvernünftigem erschrecken aufsehend gewahrte er daß der schwere und düstere körper des schiffes sich langsam vom gemauerten ufer löste zollweise unter dem vorwärts-und rückwärtsarbeiten der maschine verbreitete sich der streifen schmutzig schillernden wassers zwischen quai und schiffswand und nach schwerfälligen manövern kehrte der dampfer seinen bugspriet dem offenen meere zu aschenbach ging nach der steuerbordseite hinüber wo der bucklige ihm einen liegestuhl aufgeschlagen hatte und ein steward in fleckigem frack nach seinen befehlen fragte der himmel war grau der wind feucht hafen und inseln waren zurückgeblieben und rasch verlor sich aus dem dunstigen gesichtskreise alles land flocken von kohlenstaub gingen gedunsen von nässe auf das gewaschene deck nieder das nicht trocknen wollte schon nach einer stunde spannte man ein segeldach aus da es zu regnen begann.

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der tod in venedig in seinen mantel geschlossen ein buch im schoße ruhte der reisende und die stunden verrannen ihm unversehens es hatte zu regnen aufgehört man entfernte das leinene dach der horizont war vollkommen unter der breiten kuppel des himmels dehnte sich rings die ungeheure scheibe des öden meeres aber im leeren ungegliederten raume fehlt unserem sinn auch das maß der zeit und wir dämmern im ungemessenen schattenhaft sonderbare gestalten der greise geck der ziegenbart aus dem schiffsinnern gingen mit unbestimmten gebärden mit verwirrten traumworten durch den geist des ruhenden und er schlief ein um mittag nötigte man ihn hinab damit er in dem korridorartigen speisesaal auf den die türen der schlafkojen mündeten zu häupten eines langen tisches an dessen unterem ende die handelsgehülfen einschließlich des alten seit zehn uhr mit dem munteren kapitän pokulierten die bestellte mahlzeit nähme sie war armselig und er beendete sie rasch es trieb ihn ins freie nach dem himmel zu sehen ob er denn nicht über venedig sich erhellen wollte 9 er hatte nicht anders gedacht als daß dies geschehen müsse denn stets hatte die stadt ihn im glanze empfangen aber himmel und meer blieben trüb und bleiern zeitweilig ging neblichter regen nieder und er fand sich darein auf dem wasserwege ein anderes venedig zu erreichen als er zu lande sich nähernd je angetroffen hatte er stand am fockmast den blick im weiten das land erwartend er gedachte des schwermütig-enthusiastischen dichters dem vormals die kuppeln und glockentürme seines traumes aus diesen fluten gestiegen waren er wiederholte im stillen einiges von dem was damals an ehrfurcht glück und trauer zu maßvollem gesange geworden und von schon gestalteter empfindung mühelos bewegt prüfte er sein ernstes und müdes herz ob eine erneuernde begeisterung und verwirrung ein spätes abenteuer des gefühles dem fahrenden müßiggänger vielleicht noch vorbehalten sein könne da tauchte zur rechten die flache küste auf fischerboote belebten das meer die bäderinsel erschien der dampfer ließ sie zur linken glitt verlangsamten ganges durch den schmalen port der nach ihr benannt ist und auf der lagune angesichts bunt armseliger behausungen hielt er ganz da die barke des sanitätsdienstes erwartet werden mußte eine stunde verging bis sie erschien man war angekommen und war es nicht man hatte keine eile und fühlte sich doch von ungeduld getrieben die jungen polenser patriotisch angezogen auch wohl von den militärischen hornsignalen die aus der gegend der öffentlichen gärten her über das wasser klangen waren auf deck gekommen und vom asti begeistert brachten sie lebehochs auf die drüben exerzierenden bersaglieri aus aber widerlich war es zu sehen in welchen zustand den aufgestutzten greisen seine falsche gemeinschaft mit der jugend gebracht hatte sein altes hirn hatte dem weine nicht wie die jugendlich rüstigen stand zu halten vermocht er war kläglich betrunken verblödeten blicks eine zigarette zwischen den zitternden fingern schwankte er mühsam das gleichgewicht haltend auf der stelle vom rausche vorwärts und rückwärts gezogen da er beim ersten schritte gefallen wäre getraute er sich nicht vom fleck doch zeigte er einen jammervollen Übermut hielt jeden der sich ihm näherte am knopfe fest lallte zwinkerte kicherte hob seinen beringten runzeligen zeigefinger zu alberner neckerei und leckte auf abscheulich zweideutige art mit der zungenspitze die mundwinkel aschenbach sah ihm mit finsteren brauen zu und wiederum kam ein gefühl von benommenheit ihn an so als zeige die welt eine leichte doch nicht zu hemmende neigung sich ins sonderbare und fratzenhafte zu entstellen ein gefühl dem nachzuhängen freilich die umstände ihn abhielten da eben die stampfende tätigkeit der maschine aufs neue begann und das schiff seine so nah dem ziel unterbrochene fahrt durch den kanal von san marco wieder aufnahm so sah er ihn denn wieder den erstaunlichsten landungsplatz jene blendende komposition phantastischen bauwerks welche die republik den ehrfürchtigen blicken nahender seefahrer entgegenstellte die leichte herrlichkeit des palastes und die seufzerbrücke die säulen mit löw und heiligem am ufer die prunkend vortretende flanke des märchentempels den durchblick auf torweg und riesenuhr und anschauend bedachte er daß zu lande auf dem bahnhof in venedig anlangen einen palast durch eine hintertür betreten heiße und daß man nicht anders als wie nun er als zu schiffe als über das hohe meer die unwahrscheinlichste der städte erreichen sollte.

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der tod in venedig 10 die maschine stoppte gondeln drängten herzu die fallreepstreppe ward herabgelassen zollbeamte stiegen an bord und walteten obenhin ihres amtes die ausschiffung konnte beginnen aschenbach gab zu verstehen daß er eine gondel wünsche die ihn und sein gepäck zur station jener kleinen dampfer bringen solle welche zwischen der stadt und dem lido verkehren denn er gedachte am meere wohnung zu nehmen man billigt sein vorhaben man schreit seinen wunsch zur wasserfläche hinab wo die gondelführer im dialekt mit einander zanken er ist noch gehindert hinabzusteigen sein koffer hindert ihn der eben mit mühsal die leiterartige treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird so sieht er sich minutenlang außerstande den zudringlichkeiten des schauderhaften alten zu entkommen den die trunkenheit dunkel antreibt dem fremden abschiedshonneurs zu machen »wir wünschen den glücklichsten aufenthalt« meckert er unter kratzfüßen »man empfiehlt sich geneigter erinnerung au revoir excusez und bon jour euer exzellenz!« sein mund wässert er drückt die augen ein er leckt die mundwinkel und die gefärbte bartfliege an seiner greisenlippe sträubt sich empor »unsere komplimente« lallt er zwei fingerspitzen am munde »unsere komplimente dem liebchen dem allerliebsten dem schönsten liebchen « und plötzlich fällt ihm das falsche obergebiß vom kiefer auf die unterlippe aschenbach konnte entweichen »dem liebchen dem feinen liebchen« hörte er in girrenden hohlen und behinderten lauten in seinem rücken während er am strickgeländer sich haltend die fallreepstreppe hinabklomm wer hätte nicht einen flüchtigen schauder eine geheime scheu und beklommenheit zu bekämpfen gehabt wenn es zum ersten male oder nach langer entwöhnung galt eine venezianische gondel zu besteigen das seltsame fahrzeug aus balladesken zeiten ganz unverändert überkommen und so eigentümlich schwarz wie sonst unter allen dingen nur särge sind es erinnert an lautlose und verbrecherische abenteuer in plätschernder nacht es erinnert noch mehr an den tod selbst an bahre und düsteres begängnis und letzte schweigsame fahrt und hat man bemerkt daß der sitz einer solchen barke dieser sargschwarz lackierte mattschwarz gepolsterte armstuhl der weichste üppigste der erschlaffendste sitz von der welt ist aschenbach ward es gewahr als er zu füßen des gondoliers seinem gepäck gegenüber das am schnabel reinlich beisammen lag sich niedergelassen hatte die ruderer zankten immer noch rauh unverständlich mit drohenden gebärden aber die besondere stille der wasserstadt schien ihre stimmen sanft aufzunehmen zu entkörpern über der flut zu zerstreuen es war warm hier im hafen lau angerührt vom hauch des scirocco auf dem nachgiebigen element in kissen gelehnt schloß der reisende die augen im genuß einer so ungewohnten als süßen lässigkeit die fahrt wird kurz sein dachte er möchte sie immer währen in leisem schwanken fühlte er sich dem gedränge dem stimmengewirr entgleiten wie still und stiller es um ihn wurde nichts war zu vernehmen als das plätschern des ruders das hohle aufschlagen der wellen gegen den schnabel der barke der steil schwarz und an der spitze hellebardenartig bewehrt über dem wasser stand und noch ein drittes ein reden ein raunen das flüstern des gondoliers der zwischen den zähnen stoßweise in lauten die von der arbeit seiner arme gepreßt waren zu sich selber sprach aschenbach blickte auf und mit leichter befremdung gewahrte er daß um ihn her die lagune sich weitete und seine fahrt dem offenen meere zugekehrt war es schien folglich daß er nicht allzu sehr ruhen dürfe sondern auf den vollzug seines willens ein wenig bedacht sein müsse zur dampferstation also sagte er mit einer halben wendung rückwärts das raunen verstummte er erhielt keine antwort zur dampferstation also wiederholte er indem er sich vollends umwandte und in das gesicht des gondoliers emporblickte der hinter ihm auf erhöhtem borde stehend vor dem fahlen himmel aufragte es war ein mann von ungefälliger ja brutaler physiognomie seemännisch blau gekleidet mit einer gelben schärpe gegürtet und einen formlosen strohhut dessen geflecht sich aufzulösen begann verwegen schief auf dem kopfe seine gesichtsbildung sein blonder lockiger schnurrbart unter der kurz aufgeworfenen nase ließen ihn durchaus nicht italienischen schlages erscheinen obgleich eher schmächtig von leibesbeschaffenheit so daß man ihn für seinen beruf nicht sonderlich geschickt geglaubt hätte führte er das ruder bei jedem schlage den ganzen körper einsetzend mit großer energie ein paarmal zog er vor anstrengung die lippen zurück und entblößte seine weißen zähne die rötlichen brauen gerunzelt blickte er

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der tod in venedig über den gast hinweg indem er bestimmten fast groben tones erwiderte sie fahren zum lido aschenbach entgegnete allerdings aber ich habe die gondel nur genommen um mich nach san marco übersetzen zu lassen ich wünsche den vaporetto zu benutzen sie können den vaporetto nicht benutzen mein herr und warum nicht weil der vaporetto kein gepäck befördert das war richtig aschenbach erinnerte sich er schwieg aber die schroffe überhebliche einem fremden gegenüber so wenig landesübliche art des menschen schien unleidlich er sagte 11 das ist meine sache vielleicht will ich mein gepäck in verwahrung geben sie werden umkehren er blieb still das ruder plätscherte das wasser schlug dumpf an den bug und das reden und raunen begann wieder der gondolier sprach zwischen den zähnen mit sich selbst was war zu tun allein auf der flut mit dem sonderbar unbotmäßigen unheimlich entschlossenen menschen sah der reisende kein mittel seinen willen durchzusetzen wie weich er übrigens ruhen durfte wenn er sich nicht empörte hatte er nicht gewünscht daß die fahrt lange daß sie immer dauern möge es war das klügste den dingen ihren lauf zu lassen und es war hauptsächlich höchst angenehm ein bann der trägheit schien auszugehen von seinem sitz von diesem niedrigen schwarzgepolsterten armstuhl so sanft gewiegt von den ruderschlägen des eigenmächtigen gondoliers in seinem rücken die vorstellung einem verbrecher in die hände gefallen zu sein streifte träumerisch aschenbachs sinn unvermögend seine gedanken zu tätiger abwehr aufzurufen verdrießlicher schien die möglichkeit daß alles auf simple geldschneiderei angelegt sei eine art pflichtgefühl oder stolz die erinnerung gleichsam daß man dem vorbeugen müsse vermochte ihn sich noch einmal aufzuraffen er fragte was fordern sie für die fahrt und über ihn hinsehend antwortete der gondolier sie werden bezahlen es stand fest was hierauf zurückzugeben war aschenbach sagte mechanisch ich werde nichts bezahlen durchaus nichts wenn sie mich fahren wohin ich nicht will sie wollen zum lido aber nicht mit ihnen ich fahre sie gut das ist wahr dachte aschenbach und spannte sich ab das ist wahr du fährst mich gut selbst wenn du es auf meine barschaft abgesehen hast und mich hinterrücks mit einem ruderschlage ins haus des aides schickst wirst du mich gut gefahren haben allein nichts dergleichen geschah sogar gesellschaft stellte sich ein ein

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der tod in venedig 12 boot mit musikalischen wegelagerern männern und weibern die zur guitarre zur mandoline sangen aufdringlich bord an bord mit der gondel fuhren und die stille über den wassern mit ihrer gewinnsüchtigen fremdenpoesie erfüllten aschenbach warf geld in den hingehaltenen hut sie schwiegen dann und fuhren davon und das flüstern des gondoliers war wieder wahrnehmbar der stoßweise und abgerissen mit sich selber sprach so kam man denn an geschaukelt vom kielwasser eines zur stadt fahrenden dampfers zwei munizipalbeamte die hände auf dem rücken die gesichter der lagune zugewandt gingen am ufer auf und ab aschenbach verließ am stege die gondel unterstützt von jenem alten der an jedem landungsplatze venedigs mit seinem enterhaken zur stelle ist und da es ihm an kleinerem gelde fehlte ging er hinüber in das der dampferbrücke benachbarte hotel um dort zu wechseln und den ruderer nach gutdünken abzulohnen er wird in der halle bedient er kehrt zurück er findet sein reisegut auf einem karren am quai und gondel und gondolier sind verschwunden er hat sich fortgemacht sagte der alte mit dem enterhaken ein schlechter mann ein mann ohne konzession gnädiger herr er ist der einzige gondolier der keine konzession besitzt die andern haben hierher telephoniert er sah daß er erwartet wurde da hat er sich fortgemacht aschenbach zuckte die achseln der herr ist umsonst gefahren sagte der alte und hielt den hut hin aschenbach warf münzen hinein er gab weisung sein gepäck ins bäder-hotel zu bringen und folgte dem karren durch die allee die weißblühende allee welche tavernen bazare pensionen zu beiden seiten quer über die insel zum strande läuft er betrat das weitläufige hotel von hinten von der gartenterrasse aus und begab sich durch die große halle und die vorhalle ins office da er angemeldet war wurde er mit dienstfertigem einverständnis empfangen ein manager ein kleiner leiser schmeichelnd höflicher mann mit schwarzem schnurrbart und in französisch geschnittenem gehrock begleitete ihn im lift zum zweiten stockwerk hinauf und wies ihm sein zimmer an einen angenehmen in kirschholz möblierten raum den man mit starkduftenden blumen geschmückt hatte und dessen hohe fenster die aussicht aufs offene meer gewährten er trat an eines davon nachdem der angestellte sich zurückgezogen und während man hinter ihm sein gepäck hereinschaffte und im zimmer unterbrachte blickte er hinaus auf den nachmittäglich menschenarmen strand und die unbesonnte see die flutzeit hatte und niedrige gestreckte wellen in ruhigem gleichtakt gegen das ufer sandte die beobachtungen und begegnisse des einsam-stummen sind zugleich verschwommener und eindringlicher als die des geselligen seine gedanken schwerer wunderlicher und nie ohne einen anflug von traurigkeit bilder und wahrnehmungen die mit einem blick einem lachen einem urteilsaustausch leichthin abzutun wären beschäftigen ihn über gebühr vertiefen sich im schweigen werden bedeutsam erlebnis abenteuer gefühl einsamkeit zeitigt das originale das gewagt und befremdend schöne das gedicht einsamkeit zeitigt aber auch das verkehrte das unverhältnismäßige das absurde und unerlaubte so beunruhigten die erscheinungen der herreise der gräßliche alte stutzer mit seinem gefasel vom liebchen der verpönte um seinen lohn geprellte gondolier noch jetzt das gemüt des reisenden ohne der vernunft schwierigkeiten zu bieten ohne eigentlich stoff zum nachdenken zu geben waren sie dennoch grundsonderbar von natur wie es ihm schien und beunruhigend wohl eben durch diesen widerspruch dazwischen grüßte er das meer mit den augen und empfand freude venedig in so leicht erreichbarer nahe zu wissen er wandte sich endlich badete sein gesicht traf gegen das zimmermädchen einige anordnungen zur vervollständigung seiner bequemlichkeit und ließ sich von dem grün gekleideten schweizer der den lift bediente ins erdgeschoß hinunterfahren er nahm seinen tee auf der terrasse der seeseite stieg dann hinab und verfolgte den promenaden-quai eine gute strecke in der richtung auf das hotel excelsior als er zurückkehrte schien es schon an der zeit sich

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p. 13

der tod in venedig 13 zur abendmahlzeit umzukleiden er tat es langsam und genau nach seiner art da er bei der toilette zu arbeiten gewöhnt war und fand sich trotzdem ein wenig verfrüht in der halle ein wo er einen großen teil der hotelgäste fremd untereinander und in gespielter gegenseitiger teilnahmslosigkeit aber in der gemeinsamen erwartung des essens versammelt fand er nahm eine zeitung vom tische ließ sich in einen ledersessel nieder und betrachtete die gesellschaft die sich von derjenigen seines ersten aufenthaltes in einer ihm angenehmen weise unterschied ein weiter duldsam vieles umfassender horizont tat sich auf gedämpft vermischten sich die laute der großen sprachen der weltgültige abendanzug eine uniform der gesittung faßte äußerlich die spielarten des menschlichen zu anständiger einheit zusammen man sah die trockene und lange miene des amerikaners die vielgliedrige russische familie englische damen deutsche kinder mit französischen bonnen der slavische bestandteil schien vorzuherrschen gleich in der nähe ward polnisch gesprochen es war eine gruppe halb und kaum erwachsener unter der obhut einer erzieherin oder gesellschafterin um ein rohrtischchen versammelt drei junge mädchen fünfzehn-bis siebzehnjährig wie es schien und ein langhaariger knabe von vielleicht vierzehn jahren mit erstaunen bemerkte aschenbach daß der knabe vollkommen schön war sein antlitz bleich und anmutig verschlossen von honigfarbenem haar umringelt mit der gerade abfallenden nase dem lieblichen munde dem ausdruck von holdem und göttlichem ernst erinnerte an griechische bildwerke aus edelster zeit und bei reinster vollendung der form war es von so einmalig-persönlichem reiz daß der schauende weder in natur noch bildender kunst etwas ähnlich geglücktes angetroffen zu haben glaubte was ferner auffiel war ein offenbar grundsätzlicher kontrast zwischen den erzieherischen gesichtspunkten nach denen die geschwister gekleidet und allgemein gehalten schienen die herrichtung der drei mädchen von denen die Älteste für erwachsen gelten konnte war bis zum entstellenden herb und keusch eine gleichmäßig klösterliche tracht schieferfarben halblang nüchtern und gewollt unkleidsam von schnitt mit weißen fallkrägen als einziger aufhellung unterdrückte und verhinderte jede gefälligkeit der gestalt das glatt und fest an den kopf geklebte haar ließ die gesichter nonnenhaft leer und nichtssagend erscheinen gewiß es war eine mutter die hier waltete und sie dachte nicht einmal daran auch auf den knaben die pädagogische strenge anzuwenden die ihr den mädchen gegenüber geboten schien weichheit und zärtlichkeit bestimmten ersichtlich seine existenz man hatte sich gehütet die scheere an sein schönes haar zu legen wie beim dornauszieher lockte es sich in die stirn über die ohren und tiefer noch in den nacken ein englisches matrosenkostüm dessen bauschige Ärmel sich nach unten verengerten und die feinen gelenke seiner noch kindlichen aber schmalen hände knapp umspannten verlieh mit seinen schnüren maschen und stickereien der zarten gestalt etwas reiches und verwöhntes er saß im halbprofil gegen den betrachtenden einen fuß im schwarzen lackschuh vor den andern gestellt einen ellenbogen auf die armlehne seines korbsessels gestützt die wange an die geschlossene hand geschmiegt in einer haltung von lässigem anstand und ganz ohne die fast untergeordnete steifheit an die seine weiblichen geschwister gewöhnt schienen war er leidend denn die haut seines gesichtes stach weiß wie elfenbein gegen das goldige dunkel der umrahmenden locken ab oder war er einfach ein verzärteltes vorzugskind von parteilicher und launischer liebe getragen aschenbach war geneigt dies zu glauben fast jedem künstlernaturell ist ein üppiger und verräterischer hang eingeboren schönheit schaffende ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer bevorzugung teilnahme und huldigung entgegenzubringen ein kellner ging umher und meldete auf englisch daß die mahlzeit bereit sei allmählich verlor sich die gesellschaft durch die glastür in den speisesaal nachzügler vom vestibül von den lifts kommend gingen vorüber man hatte drinnen zu servieren begonnen aber die jungen polen verharrten noch um ihr rohrtischchen und aschenbach in tiefem sessel behaglich aufgehoben und übrigens das schöne vor augen wartete mit ihnen die gouvernante eine kleine und korpulente halbdame mit rotem gesicht gab endlich das zeichen sich zu erheben mit hochgezogenen brauen schob sie ihren stuhl zurück und verneigte sich als eine große frau grau-weiß gekleidet und sehr reich mit perlen geschmückt die halle betrat die haltung dieser frau war kühl und gemessen die anordnung ihres leicht gepuderten haares sowohl wie die machart ihres kleides von jener

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der tod in venedig 14 einfachheit die überall da den geschmack bestimmt wo frömmigkeit als bestandteil der vornehmheit gilt sie hätte die frau eines hohen deutschen beamten sein können etwas von phantastischem aufwand kam in ihre erscheinung einzig durch ihren schmuck der in der tat kaum schätzbar war und aus ohrgehängen sowie einer dreifachen sehr langen kette kirschengroßer mild schimmernder perlen bestand die geschwister waren rasch aufgestanden sie beugten sich zum kuß über die hand ihrer mutter die mit einem zurückhaltenden lächeln ihres gepflegten doch etwas müden und spitznäsigen gesichtes über ihre köpfe hinwegblickte und einige worte in französischer sprache an die erzieherin richtete dann schritt sie zur glastür die geschwister folgten ihr die mädchen in der reihenfolge ihres alters nach ihnen die gouvernante zuletzt der knabe aus irgend einem grunde wandte er sich um bevor er die schwelle überschritt und da niemand sonst mehr in der halle sich aufhielt begegneten seine eigentümlich dämmergrauen augen denen aschenbachs der seine zeitung auf den knien in anschauung versunken der gruppe nachblickte was er gesehen war gewiß in keiner einzelheit auffallend gewesen man war nicht vor der mutter zu tische gegangen man hatte sie erwartet sie ehrerbietig begrüßt und beim eintritt in den saal gebräuchliche formen beobachtet allein das alles hatte sich so ausdrücklich mit einem solchen akzent von zucht verpflichtung und selbstachtung dargestellt daß aschenbach sich sonderbar ergriffen fühlte er zögerte noch einige augenblicke ging dann auch seinerseits in den speisesaal hinüber und ließ sich sein tischchen anweisen das wie er mit einer kurzen regung des bedauerns feststellte sehr weit von dem der polnischen familie entfernt war müde und dennoch geistig bewegt unterhielt er sich während der langwierigen mahlzeit mit abstrakten ja transzendenten dingen sann nach über die geheimnisvolle verbindung welche das gesetzmäßige mit dem individuellen eingehen müsse damit menschliche schönheit entstehe kam von da aus auf allgemeine probleme der form und der kunst und fand am ende daß seine gedanken und funde gewissen scheinbar glücklichen einflüsterungen des traumes glichen die sich bei ernüchtertem sinn als vollständig schal und untauglich erweisen er hielt sich nach tische rauchend sitzend umherwandelnd in dem abendlich duftenden parke auf ging zeitig zur ruhe und verbrachte die nacht in anhaltend tiefem aber von traumbildern verschiedentlich belebtem schlaf das wetter ließ sich am folgenden tage nicht günstiger an landwind ging unter fahlem bedecktem himmel lag das meer in stumpfer ruhe verschrumpft gleichsam mit nüchtern nahem horizont und so weit vom strande zurückgetreten daß es mehrere reihen langer sandbänke freiließ als aschenbach sein fenster öffnete glaubte er den fauligen geruch der lagune zu spüren verstimmung befiel ihn schon in diesem augenblick dachte er an abreise einmal vor jahren hatte nach zwei heiteren frühlingswochen hier dies wetter ihn heimgesucht und sein befinden so schwer geschädigt daß er venedig wie ein fliehender hatte verlassen müssen stellte nicht schon wieder die fiebrige unlust von damals der druck in den schläfen die schwere der augenlider sich ein noch einmal den aufenthalt zu wechseln würde lästig sein wenn aber der wind nicht umschlug so war seines bleibens hier nicht er packte zur sicherheit nicht völlig aus um neun uhr frühstückte er in dem hierfür vorbehaltenen büfettzimmer zwischen halle und speisesaal in dem raum herrschte die feierliche stille die zum ehrgeiz der großen hotels gehört die bedienenden kellner gingen auf leisen sohlen umher ein klappern des teegerätes ein halbgeflüstertes wort war alles was man vernahm in einem winkel schräg gegenüber der tür und zwei tische von seinem entfernt bemerkte aschenbach die polnischen mädchen mit ihrer erzieherin sehr aufrecht das aschblonde haar neu geglättet und mit geröteten augen in steifen blauleinenen kleidern mit kleinen weißen fallkrägen und manschetten saßen sie da und reichten einander ein glas mit eingemachtem sie waren mit ihrem frühstück fast fertig der knabe fehlte.

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p. 15

der tod in venedig aschenbach lächelte nun kleiner phäake dachte er du scheinst vor diesen das vorrecht beliebigen ausschlafens zu genießen und plötzlich aufgeheitert rezitierte er bei sich selbst den vers »oft veränderten schmuck und warme bäder und ruhe.« er frühstückte ohne eile empfing aus der hand des portiers der mit gezogener tressenmütze in den saal kam einige nachgesandte post und öffnete eine zigarette rauchend ein paar briefe so geschah es daß er dem eintritt des langschläfers noch beiwohnte den man dort drüben erwartete 15 er kam durch die glastür und ging in der stille schräg durch den raum zum tisch seiner schwestern sein gehen war sowohl in der haltung des oberkörpers wie in der bewegung der kniee dem aufsetzen des weißbeschuhten fußes von außerordentlicher anmut sehr leicht zugleich zart und stolz und verschönt noch durch die kindliche verschämtheit in welcher er zweimal unterwegs mit einer kopfwendung in den saal die augen aufschlug und senkte lächelnd mit einem halblauten wort in seiner weich verschwommenen sprache nahm er seinen platz ein und jetzt zumal da er dem schauenden sein genaues profil zuwandte erstaunte dieser aufs neue ja erschrak über die wahrhaft gottähnliche schönheit des menschenkindes der knabe trug heute einen leichten blusenanzug aus blau und weiß gestreiftem waschstoff mit rotseidener masche auf der brust und am halse von einem einfachen weißen stehkragen abgeschlossen auf diesem kragen aber der nicht einmal sonderlich elegant zum charakter des anzugs passen wollte ruhte die blüte des hauptes in unvergleichlichem liebreiz das haupt des eros vom gelblichen schmelze parischen marmors mit feinen und ernsten brauen schläfen und ohr vom rechtwinklig einspringenden geringel des haares dunkel und weich bedeckt gut gut dachte aschenbach mit jener fachmännisch kühlen billigung in welche künstler zuweilen einem meisterwerk gegenüber ihr entzücken ihre hingerissenheit kleiden und weiter dachte er wahrhaftig erwarteten mich nicht meer und strand ich bliebe hier so lange du bleibst so aber ging er denn ging unter den aufmerksamkeiten des personals durch die halle die große terrasse hinab und gerade aus über den brettersteg zum abgesperrten strand der hotelgäste er ließ sich von dem barfüßigen alten der sich in leinwandhose matrosenbluse und strohhut dort unten als bademeister tätig zeigte die gemietete strandhütte zuweisen ließ tisch und sessel hinaus auf die sandig bretterne plattform stellen und machte sich s bequem in dem liegestuhl den er weiter zum meere hin in den wachsgelben sand gezogen hatte das strandbild dieser anblick sorglos sinnlich genießender kultur am rande des elementes unterhielt und erfreute ihn wie nur je schon war die graue und flache see belebt von watenden kindern schwimmern bunten gestalten welche die arme unter dem kopf verschränkt auf den sandbänken lagen andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenen booten ohne kiel und kenterten lachend vor der gedehnten zeile der capannen auf deren plattformen man wie auf kleinen veranden saß gab es spielende bewegung und träg hingestreckte ruhe besuche und geplauder sorgfältige morgeneleganz neben der nacktheit die keck-behaglich die freiheiten des ortes genoß vorn auf dem feuchten und festen sande lustwandelten einzelne in weißen bademänteln in weiten starkfarbigen hemdgewändern eine vielfältige sandburg zur rechten von kindern hergestellt war rings mit kleinen flaggen in den farben aller länder besteckt verkäufer von muscheln kuchen und früchten breiteten kniend ihre waren aus links vor einer der hütten die quer zur reihe der übrigen und zum meere standen und auf dieser seite einen abschluß des strandes bildeten kampierte eine russische familie männer mit bärten und großen zähnen mürbe und träge frauen ein baltisches fräulein das an einer staffelei sitzend unter ausrufen der verzweiflung das meer malte zwei gutmütig-häßliche kinder eine alte magd im kopftuch und mit zärtlich unterwürfigen sklavenmanieren dankbar genießend lebten sie dort riefen unermüdlich die namen der unfolgsam sich tummelnden kinder scherzten vermittelst weniger italienischer worte lange mit dem humoristischen alten von dem sie zuckerwerk kauften küßten einander auf die wangen und kümmerten sich um keinen beobachter ihrer menschlichen gemeinschaft ich will also bleiben dachte aschenbach wo wäre es besser und die hände im schoß gefaltet ließ er seine

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