Die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion | Eine Gemeindestudie

 

Embed or link this publication

Description

Die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion | Eine Gemeindestudie

Popular Pages


p. 1

Die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Eine Gemeindestudie Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth vorgelegt von Karin Leipold M.A. aus Fürth angenommen am 5. Februar 2014

[close]

p. 2

Erstgutachter: Zweitgutachter: Prof. Dr. Christoph Bochinger Prof. Dr. Stefan Schreiner

[close]

p. 3

Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung ______________________________________________________________ 4 1.1 Die jüdische Gemeinschaft in Russland als Gegenstand der Arbeit .................... 5 1.2 Forschungsstand – Das Judentum in Russland im wissenschaftlichen Diskurs ........................................................................................................................... 9 1.3 Die Arbeit im Kontext der Religionswissenschaft ................................................ 25 1.4 Aufbau der Arbeit ...................................................................................................... 27 Teil I Hintergrundinformationen 2. Soziologie der jüdischen Gemeinde ______________________________________ 29 2.1 Die Entwicklung der jüdischen Gemeinde – Ein historischer Überblick .......... 30 2.2 Die Typisierung jüdischer Gemeinschaften nach 1945 von Daniel J. Elazar .... 35 3. Geschichte des Judentums in Russland bis zum Ende der Sowjetunion – Ein Überblick __________________________________________________________ 39 3.1 Die jüdische Gemeinschaft in der Sowjetunion ..................................................... 40 3.1.1 Offizielle vs. inoffizielle jüdische Kultur ....................................................... 40 3.1.2 Religiöse vs. kulturelle Wiederbelebung ....................................................... 45 3.1.3 Abhängige vs. unabhängige jüdische Bewegung ........................................ 51 3.2 Jüdische Identität als ethnische Identität ............................................................... 51 4. Die Struktur der jüdischen Gemeinschaft im gegenwärtigen Russland _______ 56 4.1 Organisationstheoretische Vorüberlegungen ........................................................ 57 4.1.1 Religion in der Organisationsgesellschaft ..................................................... 57 4.1.2 Die jüdische Gemeinde als intermediäre Organisation .............................. 58 4.2 Demographische Eckdaten ....................................................................................... 61 4.3 Das Judentum zwischen Minderheitenrecht und Religionsgesetzgebung ....... 64 4.3.1 Grundzüge des russischen Religionsgesetzes von 1997 ............................. 64 1

[close]

p. 4

Inhaltsverzeichnis 4.3.2 Gesetzliche Regelungen zu Nichtregierungsorganisationen ..................... 67 4.3.3 Die National-kulturelle Autonomie ............................................................... 67 4.4 Organisatorische Struktur auf nationaler Ebene ................................................... 68 4.4.1 Säkulare jüdische Dachverbände ................................................................... 69 4.4.2 Religiöse jüdische Dachverbände ................................................................... 77 4.4.3 Internationale Organisationen ........................................................................ 89 4.4.4 Zusammenfassung ......................................................................................... 103 Teil II Fallanalyse Die jüdische Gemeinschaft im Oblast Sverdlovsk 5. Zur Methode und Datengrundlage _____________________________________ 109 5.1 Grounded Theory als Forschungsverfahren ........................................................ 109 5.2 Dokumentation des Forschungsprozesses ........................................................... 112 5.2.1 „Abenteuer Feldforschung“ – Ein kleiner Reisebericht ............................ 112 5.2.2 Interviews ........................................................................................................ 115 5.2.3 Teilnehmende Beobachtung .......................................................................... 122 5.2.4 Gemeindezeitungen ....................................................................................... 123 6. Geschichte und Gegenwart des Judentums im Oblast Sverdlovsk __________ 125 6.1 Geschichte des Judentums im Oblast Sverdlovsk bis 1970 ................................ 125 6.2 Entwicklung des Judentums im Oblast Sverdlovsk seit 1970 ........................... 131 6.2.1 Ekaterinburg .................................................................................................... 131 6.2.2 Nižnij Tagil ...................................................................................................... 155 6.2.3 Novoural'sk ..................................................................................................... 159 6.2.4 Kamensk-Ural'skij ........................................................................................... 162 6.2.5 Kleine Gemeinden .......................................................................................... 165 7. Erster Versuch einer Gemeindetypologie ________________________________ 167 7.1 Zusammenfassung der typischen Entwicklungsschritte ................................... 167 7.2 Eine Gemeindetypologie auf organisatorischer Ebene ...................................... 169 8. Aspekte der Gemeindearbeit __________________________________________ 171 8.1 Feiertage im Jahreskreis .......................................................................................... 171 8.2 Schabbat .................................................................................................................... 183 8.3 Jüdischer Lebenskreis .............................................................................................. 187 8.4 (Inter-)Kulturelle Veranstaltungen ........................................................................ 190 8.5 Arbeit mit den Veteranen ....................................................................................... 201 8.6 Holocaustgedenken ................................................................................................. 209 8.7 Wöchentliche Freizeitangebote .............................................................................. 213 8.8 Ferienlager ................................................................................................................ 215 8.9 Gemeindezeitungen ................................................................................................. 219 2

[close]

p. 5

Inhaltsverzeichnis 9. Zweiter Versuch einer Gemeindetypologie ______________________________ 227 9.1 Religiös vs. säkular oder fremd vs. eigen ............................................................. 227 9.2 Eine Gemeindetypologie auf inhaltlicher Ebene ................................................. 240 10. Jüdische Gemeinden zwischen Wertegemeinschaft und Dienstleistungsunternehmen _________________________________________ 245 11. Zusammenfassung und Ausblick zur Entwicklung des Judentums in Russland _________________________________________________________ 251 12. Abkürzungen _______________________________________________________ 256 13. Literaturverzeichnis _________________________________________________ 258 13.1 Primär- und Sekundärliteratur (inklusive Webseiten) ..................................... 258 13.2 Websites ................................................................................................................... 278 13.3 Jüdische Gemeindezeitungen .............................................................................. 280 14. Stichwortverzeichnis _________________________________________________ 281 14.1 Personen .................................................................................................................. 281 14.2 Orte .......................................................................................................................... 283 14.3 Zeitungen ................................................................................................................ 285 14.4 Sachen ...................................................................................................................... 286 3

[close]

p. 6

Meinen Eltern

[close]

p. 7

Einleitung 1. Einleitung Dieses Buch handelt davon, wie Juden in Russland nach dem Ende der Sowjetunion begonnen haben, gemeinsam ein neues Miteinander aufzubauen. Es untersucht jüdische Gemeinden auf der Suche nach dem eigenen Jüdischsein. Bis vor zwanzig Jahren glaubte kaum jemand an die Wiederbelebung einer aktiven jüdischen Gemeinschaft in Russland. Lange galt das Buch des israelischen Journalisten Elie Wiesel “The Jews of Silence”1 als Paradigma jüdischer Existenz in der Sowjetunion. Jahrzehntelanger staatlicher Antisemitismus hatte die vielseitige jüdische Kultur der Jahrhundertwende zerstört und Jüdischsein hinter private Türen zurückgedrängt. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR verschwanden diese Begrenzungen. Juden durften sich nun wieder ohne Einschränkungen versammeln und organisieren. Gleichzeitig nutzten viele die neue Freiheit zur Auswanderung nach Europa, USA und Israel – besonders diejenigen, welche sich seit den siebziger Jahren für die Rechte der Juden in der Sowjetunion eingesetzt hatten. Der Verlust des besonders engagierten Teils der Bevölkerung ließ bei vielen Beobachtern die Hoffnungen auf einen Wiederaufbau jüdischen Lebens in Russland sinken. Trotzdem entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten mithilfe internationaler Organisationen eine jüdische Landschaft, von der Ende der achtziger Jahre niemand zu träumen gewagt hätte. Glaubten einige Vertreter der internationalen jüdischen Gemeinschaft an die Zukunft jüdischen Lebens in Russland, zielten die Aktionen anderer auf die Auswanderung aller Juden nach Israel. Ein Teil der in Russland verbliebenen Aktivisten setzte sich dagegen für die Unabhängigkeit von internationalen Organisationen ein, deren Auftreten sie oft als patriarchalisch empfanden. Ihr Streben nach Autonomie – aus ihrer Sicht die Grundlage für eine existenzfähige jüdische Gemeinschaft – zielte auf die Eingliederung 1 1965 sandte die israelische Zeitung Haaretz den Journalisten Elie Wiesel in die Sowjetunion, um über die dort lebenden Juden zu berichten. Zunächst im Rahmen einer Artikelserie veröffentlicht, erschien ein Jahr später sein Reisebericht zu den Lebensbedingungen von Juden in der Sowjetunion unter dem Titel “The Jews of Silence” in englischer Sprache. 4

[close]

p. 8

Einleitung der in Russland lebenden Juden als russländische2 Juden in die weltweite jüdische Gemeinschaft. Verschärft wurde die Konkurrenz der verschiedenen Zielsetzungen durch die demographische Situation: Das wachsende Missverhältnis der Geburten- und Sterberate sowie die fortschreitende Assimilation beschleunigten die Konsequenzen der Massenauswanderung und erschwerten damit den Wiederaufbau. Obwohl diese Diagnose auch für andere Länder gilt, sind ihre Auswirkungen nirgends so deutlich zu spüren wie in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. 1.1 Die jüdische Gemeinschaft in Russland als Gegenstand der Arbeit Weitgehend unbekannt ist, dass bis Ende der neunziger Jahre die jüdische Bevölkerung in Russland die zweitgrößte Diasporagemeinschaft weltweit nach den USA war. Trotz enormer Auswanderungszahlen belegte sie 2005 noch immer den fünften Platz.3 Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebten die meisten Juden Osteuropas dagegen im sogenannten Ansiedlungsrayon, welches Gebiete des heutigen Polens, der Ukraine und Weißrusslands umfasste. Infolge politischer und gesellschaftlicher Umbrüche wurden die Siedlungsbeschränkungen 1915 aufgehoben. Viele der dort ansässigen Juden wanderten gen Osten und ließen sich in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nieder. Heute leben über 60 % der jüdischen Bevölkerung dieser Region in Russland – mit steigender Tendenz.4 Der israelische Demograph Mark Tolts hat sich viele Jahre mit Fragen zur Bevölkerungsentwicklung in Osteuropa beschäftigt und kommt zu dem Schluss: “Ex-Soviet Jewry remaining in the FSU is concentrated more and more in Russia. Thus, by place of residence it is rapidly turning into Russian Jewry.”5 2 Hier und im Folgenden wird zwischen dem ethnisch-kulturellen Terminus „russisch“ (!"##$%&) und dem Begriff „russländisch“ (!'##%&#$%&) unterschieden, der sich auf Staat und Territorium Russlands bezieht. Diese sprachliche Differenzierung trägt der Tatsache Rechnung, dass ein Großteil der russländischen Staatsbürger keine ethnischen Russen sind. Der Begriff russländisch ist ein Neologismus, der umgangssprachlich nicht verwendet wird und bisher noch keinen Eingang in deutsche Wörterbücher gefunden hat (vgl. Digitales Wörterbuch deutscher Sprache: www.dwds.de). Zur besseren Unterscheidung zwischen Staat und Ethnie wird er jedoch inzwischen in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen verwendet, so z. B. in LUTZ-AURAS, Ludmila: „Auf Stalin, Sieg und Vaterland!“ Politisierung der kollektiven Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland, Wiesbaden (Springer) 2012, S. 46f. 3 TOLTS, Mark: Demographic Trends Among the Jews in the Three Post-Soviet Slavic Republics (Konferenzbeitrag zum 14. Weltkongress der Jüdischen Studien in Jerusalem) (08/2005), In: JA, URL: http://www.jewishagency.org/NR/rdonlyres/9F1208D9-A9BB-4609-A179-5777F22A2156/0/ Tolts_2005pa perforInternet.pdf, S. 15. 4 Ders.: The Post-Soviet Jewish Population in Russia and the World, In: Jews in Russia and Eastern Europe 52 (1) 2004, S. 59. 5 Ders.: Jews in Russia. A Century of Demographic Dynamics (Vortrag in Moskau) (21/12/1998), In: Berman Jewish Policy Archive, URL: http://bjpa.org/Publications/downloadPublication.cfm?PublicationID=13779, S. 5. 5

[close]

p. 9

Einleitung Viele Zukunftsprognosen in den neunziger Jahren waren wenig optimistisch und glaubten nicht an eine Wiederbelebung des Judentums in Russland. So vermutete die russländische Soziologin Rozalina Ryvkina 1997: „Wenn wir von den existierenden Problemen ausgehen, so scheint mir, dass die Idee der Wiederbelebung in Russland utopisch ist, denn es fehlen die sozialen Voraussetzungen für die Wiedergeburt einer jüdischen nationalen Gemeinschaft.“ [(#)% *+ %#,'-%./ %0 #"1+#.23 4!'5)+678 .' 69+ 4!+-#.32):+.#:8 ;.' 2'0!'*-+9;+#$3: %-+: 2 <'##%% ".'4%;938 %5' #+!/+097, #'=%3)/97, 4!+-4'#7)'$>-):>2'0!'*-+9%:>+2!+&#$'&>93=%'93)/9'&>'519'#.%>0-+#/>9+.?]6 Ähnlich pessimistisch schätzte ein Mitarbeiter der Jewish Agency Baruch Gur-Gurevitz 1995 die Situation ein: „The Jews with Jewish identity or any other connection to being Jewish had rushed to leave the Soviet Union. Any new community was thus effectively beheaded before it was even born.“7 Die Prophezeiung vom Ende des Judentums in Russland hat sich nicht erfüllt. Die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre waren jedoch nicht immer eindeutig: Zusammenfassend können sie als Rückgang der jüdischen Bevölkerungszahl bei gleichzeitigem Wiederaufbau jüdischer Infrastrukturen beschrieben werden. Diese gegensätzlichen Prozesse führten zur Etablierung einer Vielzahl von Organisationen mit je eigenen Zielvorstellungen. Über diese Wiederbelebung jüdischen Lebens in Russland gibt es nur sehr wenige Veröffentlichungen, während über die Migrationsprozesse bereits im Rahmen zahlreicher Publikationen berichtet wurde. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als die große Zahl russischsprachiger Migranten einen enormen Einfluss auf die jüdische Gemeinschaft weltweit hatte. 6 RYVKINA, Rozalina: Juden im postsowjetischen Russland. Wer sind sie? Eine soziologische Analyse der Probleme des russischen Judentums [(2!+& 2 4'#.#'2+.#$'& <'##%%? @.' '9%A B'=%')'C%;+#$%& 393)%0 4!'5)+6 !'##%#$'C' +2!+&#.23], Moskau (Izd/URSS) 1997, S. 159. Auch acht Jahre später glaubt Ryvkina trotz einer entwickelten Infrastruktur nicht an eine Zukunft des Judentums in Russland. Vgl. Dies.: Wie leben Juden in Russland? [D3$ *%2". +2!+& 2 <'##%%A B'=%')'C%;+#$%& 393)%0 4+!+6+9], Moskau (Dom evrejskoj knigi/Paralleli) 2005, S. 402. Die Übersetzungen in dieser Arbeit wurden, soweit nicht anders angegeben, von mir angefertigt. Um dem der russischen Sprache mächtigen Leser den Zugang zu den Quellen zu erleichtern, werden russischsprachige Texte und Literaturangaben ausschließlich mit kyrillischen Schriftzeichen wiedergegeben. Für die Übertragung von Eigennamen und Begriffen aus dem Kyrillischen ins Lateinische wird der Transliterationsstandard DIN 1460 verwendet (z. B. Michail statt Michael). Bei in der deutschen Alltagssprache gebräuchlichen Bezeichnungen, wie z. B. Namen von Städten oder berühmten Persönlichkeiten, kommt für die bessere Lesbarkeit die gängige deutsche Bezeichnung oder die phonologische Transkription (z. B. Jelzin statt El‘cin bzw. Moskau statt Moskva) zum Zuge. 7 GUR-GUREVITZ, Baruch: After Gorbachev. History in the Making. Its Effects on the Jews in the Former Soviet Union 1989–1994, Jerusalem (Zionist Library) 1995, S. 147. Ein Großteil dieses Buches beschreibt in erster Linie die allgemeinen Probleme, die die Reformen Gorbatschows für die Länder der (ehemaligen) Sowjetunion mit sich brachten. Im 15. Kapitel, welches sich schwerpunktmäßig mit den Juden beschäftigt, konzentriert sich der Autor vor allem auf die seit Ende der achtziger Jahre zunehmende Auswanderung. 6

[close]

p. 10

Einleitung Die Mehrheit der heute in Russland lebenden Juden gehört zur Gruppe der Aschkenasim. In einigen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion leben seit Jahrhunderten darüber hinaus auch Vertreter des sefardischen Judentums. Einige von ihnen haben sich seit den neunziger Jahren vor allem in Moskau und St. Petersburg niedergelassen. Da ihre Zahl außerhalb dieser Städte jedoch nur sehr gering ist, wird ihre Geschichte in dieser Arbeit nicht berücksichtigt.8 Was genau meint Tolts aber, wenn er von „Russian Jewry“ spricht? Eine Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben, weshalb diese im späteren Verlauf der Arbeit noch einmal aufgegriffen wird (s. Kapitel 3.2). An dieser Stelle sei jedoch bereits darauf hingewiesen, dass Jüdischsein in Russland – anders als beispielsweise in Deutschland – in erster Linie auf eine ethnische und weniger auf eine religiöse Zugehörigkeit verweist. Daher spricht Rozalina Ryvkina nicht zufällig von der „Wiedergeburt einer jüdischen nationalen Gemeinschaft“. Waren Bestrebungen nach einer dezidiert ethnischen Identität in der Sowjetunion aufgrund der Nationalitätenpolitik bis in die achtziger Jahre fast verschwunden, flammten sie mit dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaates erneut auf. Die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen dieser Zeit beeinflussten auch die jüdische Bevölkerung bei ihrer Suche nach Gemeinschaft. Trotz 70 Jahren „Völkerfreundschaft“ war es den Machthabern der Sowjetunion nicht gelungen, das Bedürfnis der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Russland nach ethnischer Identität auszulöschen. Im Gegenteil: Die plötzliche Freiheit gepaart mit ökonomischer und sozialer Destabilisierung infolge von Demokratisierung, Privatisierung und der Hinwendung zu einer neuen Wirtschaftsform trug zum Entstehen von Xenophobie, Antisemitismus und Nationalismus bei. In diesem Klima begannen auch die Juden, sich mit ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen und nach ihrer ethnischen Identität zu suchen. Der sowjetische Staat hatte jüdisches Wissen und Praxis weitestgehend zerstört, die Kategorie Jude jedoch bewahrt. Zurück blieb nur noch die Identifikation in Form einer „Hülle“ ohne Inhalt (s. Kapitel 3.2). Die alltägliche Bedeutung dieser theoretischen Ausführungen veranschaulicht ein kurzer Ausschnitt aus meinen Feldnotizen während eines Aufenthalts in Moskau im Sommer 2009: 8 In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion leben drei Gruppen, die dem sefardischen Judentum zuzuordnen sind: Die bucharischen Juden aus Zentralasien, die Bergjuden aus dem Kaukasus und die georgischen Juden. Für einen zusammenfassenden Überblick siehe GITELMAN, Zvi: A Century of Ambivalence. The Jews of Russia and the Soviet Union, 1881 to the Present, Bloomington (Indiana University Press) 2001, S. 196–211. 7

[close]

p. 11

Einleitung Irina, eine junge Frau Ende zwanzig, erzählt mir, dass sie eigentlich Jüdin sei. Kennen gelernt habe ich sie über einen Freund in Moskau. Als er erfährt, dass ich mich für Juden in Russland interessiere, lädt er uns zu einem gemeinsamen Abendessen in seine Wohnung ein. Am nächsten Tag verabrede ich mich mit ihr zu einem Spaziergang im Sokolniki-Park. Während wir wie viele Moskauer einen der letzten warmen Tage des Sommers genießen, berichtet sie mir von ihrer Familie. Ihre Großeltern kamen im Zuge der Evakuierungen während des Zweiten Weltkrieges aus der Ukraine nach Russland. Obwohl ihre Großmutter in einer streng jüdischen Familie aufgewachsen ist, spielte dieses Erbe für Irinas Vater kaum eine Rolle. Trotzdem hat Irina immer gespürt, dass sie eine Jüdin ist. Warum, das weiß sie nicht so genau. In der Synagoge ist sie bisher nur ein einziges Mal gewesen. Da ihr Mann nicht jüdisch ist, hat dieser Teil ihrer Geschichte keinerlei Einfluss mehr auf ihre eigene Familie. Irinas Geschichte steht hier stellvertretend für die vieler Juden in Russland. Auch heute hat ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung keinerlei Kontakt zu anderen Juden. Trotzdem gibt es auch diejenigen, die gezielt die Angebote der neuen jüdischen Organisationen in Anspruch nehmen. Ihre Gründe dafür sind vielfältig. Während die einen nach sozialer Unterstützung suchen, nutzen andere das kulturelle Programm und die zahlreichen Weiterbildungsangebote. Die Mitarbeiter der Einrichtungen müssen schließlich einen Weg finden, sowohl die vielfältigen Bedürfnisse ihrer Besucher als auch die Vorstellungen ihrer (internationalen) Sponsoren miteinander zu vereinbaren. Wie genau sie das tun und für welches Judentum die Organisationen stehen, wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersucht. Ausgangspunkt für dieses Interesse ist die These, dass internationale Organisationen tief in die Gegenwart und Zukunft des Judentums in Russland involviert sind. Mit ihrer finanziellen Unterstützung legen sie einerseits die Grundlage für die Etablierung einer neuen jüdischen Organisationsstruktur in Russland. Andererseits bestimmen sie auch entscheidend das „Wie“ jüdischen Lebens, wodurch es immer wieder zu Konflikten mit einheimischen Mitarbeitern kommt. Im Zentrum der vorliegenden Studie steht daher nicht die Identität des einzelnen Juden, sondern die jüdische Organisationsstruktur, insbesondere auf lokaler Ebene.9 In vielen russischen Städten hat sich im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre eine unterschiedlich ausgeprägte und etablierte jüdische Infrastruktur entwickelt. Insgesamt konzentriert sich jüdisches Leben jedoch in den großen Städten Russlands. Nach den Metropolen Moskau und St. Petersburg ist Ekaterinburg und der dazugehörige Oblast Sverdlovsk die Region mit dem größten jüdischen Bevölkerungsanteil.10 Alle 9 Ryvkina stellt fest, dass jüdische Organisationen jeden Typs einen großen und ständig wachsenden Einfluss auf das Leben der Juden in Russland haben. Vgl. Ryvkina: Wie leben Juden in Russland?, S. 179. 10 Der Volkszählung 2002 zufolge leben in der Stadt Moskau 80.000, in St. Petersburg 36.600 und im Oblast Sverdlovsk 6.800 jüdische Einwohner. Vgl. Tolts: The Post-Soviet Jewish Population in Russia and 8

[close]

p. 12

Einleitung wichtigen nationalen und in Russland tätigen internationalen jüdischen Organisation haben ihren Hauptsitz in einer der beiden Metropolen, weshalb die jüdische Landschaft dort sehr unübersichtlich und komplex ist. Anders als für Moskau und St. Petersburg muss bei einer Studie im Oblast Sverdlovsk das Ziel einer Gesamterhebung nicht von Anfang an aufgegeben werden. Im Rahmen einer Fallstudie ist es möglich, jede jüdische Organisation dieser Region zu untersuchen, um der Frage nach ihrer Bedeutung für Jüdischsein in Russland nachzugehen. Wie in einer klassischen Gemeindestudie erfolgt die Analyse der vorliegenden Arbeit sehr dicht am Material, indem sie sich ihrem Gegenstand anhand von Beobachtungen und Interviews langsam nähert. Die Arbeit stellt damit Organisationen ins Zentrum, die dazu beitragen, jüdisches Leben in der Region wieder aufzubauen. 1.2 Forschungsstand – Das Judentum in Russland im wissenschaftlichen Diskurs Die Darstellung des wissenschaftlichen Diskurses zum Thema Judentum in Russland spiegelt in Ansätzen die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in diesem Land wider. Somit ist der folgende Abschnitt in gewisser Hinsicht ein Vorgriff auf das dritte Kapitel dieser Arbeit. Russland selbst nahm um 1900 eine wichtige Stellung im Bereich der Jüdischen Studien ein.11 Namen wie Simon Dubnow (1860–1941)12 und Julij Gessen (1871–1939)13 sind bis heute eng mit der Erforschung der Geschichte der Juden in Ostereuropa verbunden.14 Infolge der Oktoberrevolution wurden jedoch alle jüdischen Wissenschaftseinrichtungen geschlossen. Es sollten viele Jahre vergehen, bis sich wieder wissenschaftliche Institutionen bildeten, an denen eine Auseinandersetzung mit jüdischen Themen stattfand. An einigen wenigen staatlichen Universitäten etablierten sich nach dem Tod Stalins 1953 wieder vereinzelt Kurse zum Judentum, die sich aller- the World, S. 60. 11 TORPUSMAN, Adam: Review. The Rebirth of Jewish Studies in Russia and the USSR. A First Step, In: Jews in Eastern Europe 22 (3) 1993, S. 82. Mehr dazu siehe LOKŠIN, Aleksandr/AGRANOVSKAIA, M.: Judaika in Russland. Die Erforschung russisch-jüdischer Geschichte [E"-3%$3 2 <'##%%? <"##$'F +2!+&#$3: %#.'!%: % ++ %##)+-'23.+)%], In: KOVEL‘MAN, Arkadii/GRINBERG, Michail (Hg.): Juden im russischen Imperium des 17.-18. Jahrhunderts [(2!+& 2 <'##%#$'& E64+!%% GHIIFJIJ 22?], Moskau (Evreiskii universitet v Moskve) 1995. 12 DUBNOW, Simon: History of the Jews in Russia and Poland, Philadelphia (The Jewish Publication Society of America) 1916. 13 GESSEN, Julij: Geschichte der Juden in Russland [E#.'!%: +2!++2 2 <'##%%], St. Petersburg (L. Ja. Ganzburga) 1914. 14 Eine ausführliche Bibliographie vor allem russischsprachiger Literatur zur Geschichte des Judentums in Russland findet sich, In: N. N.: Bibliographischer Index. Die Geschichte der Juden in Russland und der Sowjetunion [K%5)%'C!3L%;+#$%& "$303.+)/? E#.'!%: +2!++2 <'##%% % B'2+.#$'C' B'M03] In: Kurze Jüdische Enzyklopädie [D!3.$3: +2!+&#$3: N9=%$)'4+-%:], Band 10, Spalte 1077–1104, URL: http://www.eleven.co.il/article/79. 9

[close]

p. 13

Einleitung dings auf antike und mittelalterliche jüdische Geschichte sowie die hebräische Sprache beschränkten. Die Erforschung der neueren und sowjetischen Geschichte der Juden war bis zur Perestroika streng verboten und kein Interessengebiet der „offiziellen“ Judaika.15 Erst in den achtziger Jahren begannen Wissenschaftler, sich wieder mit der modernen jüdischen Geschichte zu beschäftigen. Anstoß dazu gab die zionistische Bewegung der siebziger Jahre. Im Rahmen der Ausbildung ihrer Mitglieder begannen die Aktivisten, Seminare zu organisieren, und legten so den Grundstein für eine Auseinandersetzung mit sowjetisch jüdischer Geschichte. Erstmalig wurde in diesem Rahmen über den Holocaust und Antisemitismus diskutiert – auch zu diesem Zeitpunkt noch Tabuthemen für das sowjetische Regime. Diese neue Generation von Wissenschaftlern schloss sich 1981 in Moskau zur Jüdischen historisch-ethnographischen Kommission ((2!+&#$3: %#.'!%;+#$3:FN.9'C!3L%;+#$3: $'6%##%:) zusammen, im Rahmen derer Arbeiten zu jüdischer Ethnographie, Demographie, Soziologie und Geschichte entstanden. Die Teilnehmer trafen sich regelmäßig zu Vorträgen und Diskussionsrunden in Privatwohnungen. Ihre Materialien veröffentlichten sie größtenteils in sogenannten Samizdat-Journalen16, gelegentlich aber auch in der staatlichen Zeitung Sovetish Heymland.17 Die Kommission existierte bis 1987 und löste sich mit der Emigration der Mehrzahl ihrer Aktivisten auf. Als Ersatz gründeten die beiden in Russland verbliebenen Mitglieder Valerij Engel' und Evgenij Satanovskij kurz darauf die Jüdische historische Gesellschaft ((2!+&#$'+ %#.'!%;+#$'+ '51+#.2'), deren Interesse sich besonders auf die Geschichte des Ansiedlungsrayons und des Holocaust richtete. Obwohl die Gesellschaft seit 2000 nicht mehr existiert, sind die Namen Engel' und Satanovskij bis heute sehr bekannt in der russischsprachigen jüdischen Gemeinschaft.18 Ähnliche Gruppen bildeten sich Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre auch in anderen Städten der 15 ČARNYJ, Semen: Late Soviet and Post-Soviet Jewish Studies [O'0-9+#'2+.#$3: % 4'#.#'2+.#$3: %"-3%$3], In: MOČALOVA, Viktorija/KAPLANOV, Rašid (Hg.): Proceedings of the Eleventh Annual International Conference on Jewish Studies [P3.+!%3)7 Q-%993-=3.'& (*+C'-9'& P+*-"93!'-9'& P+*-%#=%4)%93!9'& $'9L+!+9=%% 4' %"-3%$+], Moskau (Moscow Center for University Teaching of Jewish Civilization “Sefer”) 2004, S. 134. Zum Begriff Judaika s. S. 11. 16 Samizdat heißt soviel wie „Selbstverlegtes“ und meint alternative, nicht systemkonforme Literatur, die u. a. in der Sowjetunion auf nichtoffiziellen Kanälen verbreitet wurde. 17 Čarnyj: Late Soviet and Post-Soviet Jewish Studies, S. 140–144. Weitere Informationen zur Zeitung Sovetish Heymland s. S. 44. 18 Ebd., S. 144f. Valerij Engel' ist Gründungsmitglied des Europäischen Jüdischen Parlaments und vertritt als Abgeordneter seit Februar 2012 Lettland. Mehr zu seiner Biographie siehe N. N.: Valerij Engel', In: European Jewish Parliament, URL: http://ejp.eu/member/31/cv. Evgenij Satanovskij ist Präsident des Instituts des Nahen Ostens (E9#.%.". K)%*9+C' R'#.'$3) in Moskau. Mehr zu seiner Biographie siehe N. N.: Evgenij Satanovskij (26/7/2005), In: Kurze Jüdische Enzyklopädie [D!3.$3: (2!+&#$3: S9=%$)'4+-%:], URL: http://www.eleven.co.il/article/15576. 10

[close]

p. 14

Einleitung Sowjetunion, wie bspw. in Leningrad (St. Petersburg) und Riga. In der heutigen Hauptstadt Lettlands wurde Mitte der siebziger Jahre erstmalig die Bezeichnung „Judaika“ für die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Judentum verwendet. Dieser Begriff hat sich inzwischen als russischsprachige Bezeichnung der Disziplin durchgesetzt, die im Deutschen als „Jüdische Studien“ bezeichnet wird. Die erste soziologische Studie über Juden in der Sowjetunion entstand in den siebziger Jahren. Im Frühjahr 1976 beschloss eine Gruppe jüdischer Aktivisten, ein offizielles Symposium zum Thema Jüdische Kultur in der UdSSR: Zustand und Perspektiven ((2!+&#$3: $")/."!3 2 BBB

[close]

p. 15

Einleitung Ein weiterer wichtiger Meilenstein für die Entwicklung der Judaika in Russland war 1992 die Veröffentlichung des Sammelbandes „Das historische Schicksal der Juden in Russland und der UdSSR: Der Beginn eines Dialogs“22. Dieses Buch fasste die Beiträge der ersten internationalen Judaika-Konferenz im Dezember 1989 in Moskau zusammen, während derer die Geschichte und Kultur des russischen und sowjetischen Judentums im Zentrum des Interesses standen.23 Der Untertitel „Der Beginn eines Dialoges“ verweist über eine inhaltliche Auseinandersetzung und internationale Begegnung hinaus auf ein weiteres wichtiges Ziel des Symposiums: Zum einen sollte ein Austausch zwischen den Vertretern der „offiziellen“ und „inoffiziellen“ Judaika angeregt, zum anderen Kontakte zu sowjetischen akademischen Strukturen initiiert werden. Mit der Gründung des Jüdischen Wissenschaftszentrums ((2!+&#$%& 93";97& =+9.!) im Oktober 1989 in Kooperation mit der Soziologievereinigung der sowjetischen Akademie der Wissenschaften war bereits ein erster Schritt in diese Richtung getan worden.24 Finanziert wurde das Wissenschaftszentrum allerdings nicht vom Staat, sondern vom jüdischen Dachverband Vaad (R33-).25 Daraus folgte, dass die finanziellen Schwierigkeiten des Dachverbandes schnell negative Auswirkungen auf die Arbeit des Wissenschaftszentrums hatten.26 Eine weitere internationale Konferenz unter dem Titel „Jews in Russia“, die ebenfalls zum Aufbau einer wissenschaftlichen Infrastruktur der Judaika in Russland beitrug, fand im Juni 1992 in St. Petersburg statt. Hier zeichnete sich bereits ein Trend hin zu historischen Themen ab, der bis heute in der russischsprachigen Judaistik zu beobachten ist.27 Während mit der Auflösung der Sowjetunion die Unterscheidung zwischen „offizieller“ und „inoffizieller“ Judaika von alleine verschwand, bleibt die Etablierung im Ka- 22 KRUPNIK, Igor'/KUPOVECKIJ, Mark (Hg.): Das historische Schicksal der Juden in Russland und der UdSSR. Der Beginn eines Dialogs [E#.'!%;+#$%+ #"-/57 +2!++2 2 <'##%% % BBB

[close]

Comments

no comments yet