Überwindung von Armut durch Bildung | Das Schul- und Bildungswerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden (1901 - 1937/1938)

 

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Überwindung von Armut durch Bildung | Das Schul- und Bildungswerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden (1901 - 1937/1938)

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EDMUND BURKARD „Überwindung von Armut durch Bildung“ Die Geschichte des Schulwerks des Hilfsvereins der Deutschen Juden (1901-1938) 2

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„Überwindung von Armut durch Bildung“ Das Schul- und Bildungswerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden (1901 - 1937/1938) Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie an der Universität Siegen Fakultät II Bildung – Architektur – Künste Department Erziehungswissenschaft und Psychologie vorgelegt von Edmund Burkard Siegen / Eiserfeld 2016 4

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Inhaltsverzeichnis Vorwort Einleitung Kapitel 1 Eine kurze Geschichte des Hilfsvereins der Deutschen Juden 1. Vorgeschichte 2. Die Gründung des Hilfsvereins 3. Entwicklung und Expansion (1903/04 – 1914) 4. Erster Weltkrieg und unmittelbare Nachkriegszeit (1914 – 1920/21) 5. Weimarer Republik und Reaktivierung des Hilfsvereins (1922 – 1931) 6. NS-Herrschaft und das Ende des Hilfsvereins (1933 – 1937/38) Kapitel 2 Die Schul- und Bildungseinrichtungen des Hilfsvereins der Deutschen Juden 2.1 Allgemeine Vorüberlegungen 2.2 Zum Einstieg in das Schulwerk in Palästina 2.3 Die Kindergärten des Hilfsvereins der Deutschen Juden 2.3.1 Kindergärten in Palästina, Gründungsphase 2.3.2 Entwicklung der Kindergärten in Palästina zum Jahre 1911 und folgende 2.3.3 Kindergärten außerhalb Palästinas 2.3.3.1 Kindergärten in Galizien 2.3.3.2 Kindergärten auf dem Balkan 2.3.3.3 Kindergarten in Saloniki 2.3.3.4 Der Kindergarten in Konstantinopel (Balata) 2.3.3.5 Kurze Nachbesinnung S. 10 S. 12 S. 17 S. 17 S. 18 S. 20 S. 21 S. 21 S. 23 S. 27 S. 27 S. 32 S. 39 S. 39 S. 43 S. 54 S. 54 S. 59 S. 60 S. 63 S. 64 6

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2.4 Das Schul- und Bildungswerk des Hilfsvereins S. 66 in Palästina 2.4.1 Das Lehrerseminar in Jerusalem 2.4.2 Die Handelsrealschule in Jerusalem 2.4.3 Der Kindergärtnerinnenkursus in Jerusalem 2.4.4 Das Rabbinerseminar in Jerusalem S. 67 S. 83 S. 88 S. 91 2.5 Die vom Hilfsverein in Palästina in eigener Regie und Verwaltung betriebenen Schulen in Jerusalem S. 93 2.5.1 Die Edler von Lämel Schule, Jerusalem 2.5.2 Die Mädchenschule in Jerusalem S. 93 S. 100 2.6 Schulen des Hilfsvereins in Palästina außerhalb Jerusalems S. 106 2.6.1 Die Knaben- und Mädchenschule in Jaffa 2.6.2 Die Mittelschule in Haifa 2.6.3 Die Knabenschule in Safed 2.6.4 Die Kolonieschule in Rechowoth 2.6.5 Vergleich Stadt- und Kolonieschule am Beispiel Jaffa und Rechowoth S. 106 S. 115 S. 116 S. 117 S. 119 2.7 Durch den Hilfsvereins subventionierte Einrichtungen S. 122 in Palästina 2.7.1 Schule für Jungen und Mädchen in der Kolonie Katrah 2.7.2 Die Talmud-Thora-Schule in Hebron 2.7.3 Die Talmud-Thora der Grusiner in Jerusalem 2.7.4 Die Cheder-Thora der Aschkenasim in Jerusalem 2.7.5 Die Abendschule Moriah in Jerusalem 2.7.6 Das jüdische Mädchenheim in Jerusalem 2.7.7 Der Kunstverein Bezalel in Jerusalem 2.7.8 Die Jüdische Zentralbibliothek in Jerusalem S. 122 S. 122 S. 125 S. 126 S. 128 S. 129 S. 133 S. 136 2.8 Das Technikum in Haifa und der „Sprachenstreit“ S. 138 2.9 Schulen und Bildungseinrichtungen außerhalb Palästinas S. 147 2.9.1 Die Schulen in Konstantinopel 2.9.2 Die Schule in Saloniki 2.9.3 Bildungsaktivität in Russland 2.9.4 Bildungsaktivitäten in Galizien 2.9.5 Bildungsaktivitäten in Rumänien 2.9.6 Bildungsaktivitäten in Bulgarien 2.9.7 Zur Haffkine-Stiftung 2.9.8 Zusammenfassung S. 147 S. 161 S. 162 S. 163 S. 164 S. 184 S. 195 S. 196 7

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Kapitel 3 Der Hilfsverein der Deutschen Juden im Spiegel seiner Geschäfts- und Jahresberichte S. 198 3.1 Von der Gründung bis zum Sprachenstreit 1901-1913/14 Berichtsjahr 1901/02 (Erster GB) Die Gründungsphase S. 198 Berichtsjahr 1901/02 (Erster GB) Erweiterte Gründungsphase S. 201 Berichtsjahr 1903 (Zweiter GB) Phase der Festigung S. 203 und Fortentwicklung Berichtsjahr 1904 (Dritter GB) Entwicklung und Expansion S. 205 Berichtsjahr 1905 (Vierter GB) Vereinsausbau und Russlandhilfe S. 206 Berichtsjahr 1906 (Fünfter GB) Das Schulwerk in Palästina S. 207 und Transithilfen durch Deutschland Berichtsjahr 1907 (Sechster GB) Ausweitung des S. 209 Schul- und Bildungssystems Berichtsjahr 1908 (Siebter GB) Kultur- und Bildungswerk S. 211 mit Gründung des Technikums in Haifa Berichtsjahr 1909 (Achter GB) Erster Streit um die hebräische S. 213 Sprache in den Schulen und Kindergärten des Hilfsvereins Berichtsjahr 1910 (Neunter GB) Wichtige Konferenzen S. 215 Schulpflicht in der Türkei Berichtsjahr 1911 (Zehnter GB) 10 Jahre Hilfsverein, S. 218 erste Frau im Zentralkomitee Berichtsjahr 1912 (Elfter GB) Balkankrieg, S. 221 Schulwerk, Palästina Berichtsjahr 1913 (Zwölfter GB) Der Sprachenstreit S. 223 3.2 Kriegs- und unmittelbare Nachkriegszeit 1914 – 1921/22 Berichtsjahr 1914 (Dreizehnter GB) Erster Weltkrieg Kriegshilfstätigkeit Berichtsjahr 1915 (Vierzehnter GB) Kriegshilfsdienst, Palästina Berichtsjahr 1916 (Fünfzehnter GB) Kriegshilfsdienst Nebenorganisationen Berichtsjahr 1917 (Sechzehnter GB) Kriegshilfsdienst, Palästina, Kriegseintritt der USA Berichtsjahr 1918 (Siebzehnter GB) Verlorener Krieg, Verlust des Schulwerks, Retrospektive und Hoffnung Berichtsjahre 1919 – 1921 (BT 1921) Neuanfang/Satzung (BT = Bericht über die Tätigkeit) S. 225 S. 228 S. 230 S. 232 S. 234 S. 236 8

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3.3 Weimarer Republik: Reaktivierung des Hilfsvereins der Deutschen Juden S. 239 Berichtsjahre 1922 – 1924 (BT 1924) Inflation und S. 239 nachinflationärer Neuaufbau Berichtsjahr 1926 (Jahresbericht (JB) 1926) 25 Jahre S. 241 Hilfsverein, Russlandhilfe; Tod Paul Nathans Gedenkfeier 25 Jahre Hilfsverein der Deutschen Juden S. 243 Festschrift Berichtsjahr 1927 (JB 1927) Der Hilfsverein im Aufbruch S. 245 Berichtsjahr 1928 (JB 1928) Neue internationale Kontakte, S. 246 Organisationsausbau, Propagandaarbeit Berichtsjahr 1929 (JB 1929) S. 249 Organisation und Werbung Berichtsjahr 1930 (JB 1930) 30 Jahre Hilfsverein der Deutschen S. 253 Juden, Antisemitismus in Deutschland, Haffkine-Stiftung Berichtsjahre 1931/32 S. 258 Der Tod James Simons, Polen und Litauen, Palästina, Haffkine-Stiftung 3.4 1933 – 1937/38: NS-Herrschaft und die Folgen für den Hilfsverein der Deutschen Juden S. 260 Report of the Hilfsverein 1933: Neue Aufgaben in der Diktatur Berichtszeitraum 1934/1935: (Die Arbeit des Hilfsvereins der Juden in Deutschland). Arbeit unter der NS-Diktatur, Auswanderung aus Deutschland Berichtszeitraum 1935/1936 (Die Arbeit des Hilfsvereins 1935/1936) Zunahme der jüdischen Auswanderung nach den ‚Nürnberger Gesetzen’; Organisationsfragen Berichtszeitraum 1936/1937 (Die Arbeit des Hilfsvereins 1936 – 1937). Auswanderungsberatung, Hilfsmaßnahmen zur Auswanderung; Max M. Warburg; Ende der Selbständigkeit des Hilfsvereins S. 260 S. 263 S. 266 S. 271 Epilog Danksagung Archive und Archivunterlagen (Quellen) Literaturliste Abkürzungen S. 276 S. 281 S. 282 S. 286 S. 294 9

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Vorwort Nach dem Besuch der überaus interessanten Seminare zur deutsch-jüdischen Geschichte bei Bernhard Brilling an der Westfälischen WilhelmsUniversität Münster, erwuchs in mir der Gedanke, meine Examensarbeit in diesem Themenbereich anzusiedeln. Nach einigen Gesprächen über ein Thema zu einer Examensarbeit aus dem Bereich der deutsch-jüdischen Geschichte, hat Brilling mir das Thema „Hilfsverein der Deutschen Juden“ vorgeschlagen und mich davon in Kenntnis gesetzt, dass Unterlagen über den Hilfsverein mit hoher Sicherheit an der ‚Hebrew University of Jerusalem’ und den angeschlossenen Instituten ‚Central Archives for the History of the Jewish People’ und der ‚Jewish National and University Library’ zu finden wären. Die im Rahmen meiner Recherche in den genannten Instituten entdeckten Unterlagen zum Hilfsverein in Form von Geschäfts- bzw. Jahresberichten und Korrespondenzblättern, habe ich seinerzeit auf Mikrofilm übertragen und nach meiner Rückkehr auf Papierkopien rückverwandeln lassen. Das räumte mir mehr Zeit für die Auswertung ein. Im Anschluss an mein 1. und 2. Staatsexamen habe ich zunächst mein Diplomstudium absolviert, um danach, wiederum auf Anregung von Bernhard Brilling, meine in relativ kurzer Zeit entstandene Examensarbeit zu einer Dissertation auszubauen. Offenbar war Bernhard Brilling mit dem Ergebnis insofern einverstanden, als er mich aufforderte, sie an verschiedene jüdische Einrichtungen resp. Institute zu schicken, so auch an die Hebrew University in Jerusalem. Dort hatte sie offensichtlich Moshe Rinott entdeckt, der sich zeitgleich mit dem Schulwerk des Hilfsvereins in Palästina befasste. Der daraus entstandene Schriftwechsel zwischen uns hat mich letztlich dazu veranlasst, den Plan zu der Dissertation zunächst auf Eis zu legen; obwohl es seinerzeit bereits einige positive Gutachten von Hochschullehrern dazu gab. Durch meine berufliche und familiäre Belastung, meinen fünfjährigen Auslandsschuldienst in den Vereinigten Staaten, sowie wegen meines zehnjährigen Lehrauftrages an der WWU im Fachbereich Politikwissenschaft, hatte ich den Gedanken an eine Dissertation seinerzeit nicht mehr ernsthaft weiter verfolgt. Erst als Gudrun Maierhof meine Arbeit im Leo Baeck Institut New York entdeckte und mich zusammen mit Sabine Hering davon überzeugt hat, im ‚Arbeitskreis Geschichte der jüdischen Wohlfahrt’ mitzuwirken, trat eine Wende ein. Sabine Hering hat mir dann anlässlich eines Treffens in Hamburg den Vorschlag gemacht, an der Universität Siegen über den Hilfsverein der Deutschen Juden zu promovieren. Auf dieses wissenschaftliche Abenteuer habe ich mich dann, als doch schon im fortgeschrittenen Seniorenalter stehend, mutig eingelassen. Albrecht Rohrmann hat sich freundlicher Weise bereit erklärt, die Promotion als Zweitleser zu betreuen. 10

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Das Hauptziel dieser Arbeit liegt darin, dieses große, erfolgreiche jüdischhumanitäre Hilfswerk und die in dieser philanthropischen Organisation tätigen Menschen und ihr meist selbstloses Wirken, dem Vergessen zu entreißen, wobei der Fokus in der Hauptsache auf das Schul- und Bildungswerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden gerichtet ist. 11

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Einleitung Angesichts der gewichtigen Rolle, die der 1901 gegründete Hilfsverein der Deutschen Juden im Konzert der großen europäisch-jüdischen Wohlfahrtsorganisationen einnahm, wegen seiner Größe und seiner Leistungen, sowie der gesellschaftlichen Bedeutung seines jeweiligen Führungspersonals; eine beachtliche Anzahl mehrheitlich vollständig assimilierter und zum Teil sehr wohlhabender jüdischer Persönlichkeiten, ist der Umstand, dass die Geschichte des Hilfsvereins noch immer eine Forschungslücke darstellt, in hohem Maße unbefriedigend. Der Schwerpunkt der Arbeit des Hilfsvereins galt dem Erhalt der benachteiligten jüdischen Gemeinden im Osten und im Orient, deren Rettung vor den Bedrohungen der Pogrome, aber auch der Heranführung an westliche Kultur-, Bildungs- und Sozialstandards. Besonders nachhaltig hat sich die Gründung der Schul- und Bildungswerke des Hilfsvereins ausgewirkt, ein Thema, das ich nicht zuletzt wegen der beachtlichen Erfolge der unterschiedlichen Vorhaben in den Mittelpunkt meiner Arbeit gerückt habe. Dem Hilfsverein, der sich gemäß seiner Satzung als absolut neutral definierte, ist die Durchführung der großen Aufgaben, die er sich zum Ziel gesetzt hatte, nur durch den Brückenschlag zwischen assimiliertem, traditionellem, aber auch zu dem zionistisch orientierten modernen Judentum gelungen. Dieser Brückenschlag hat sich zwar nicht immer realisieren lassen, gleichwohl war er die Grundlage für die Neutralität und damit auch für die Wirksamkeit des Vereins. Um welche Aufgaben handelte es sich? Da das jüdische Wertesystem die Sorge um die Schwachen, Benachteiligten und Fremden betont, sahen sich die befreiten, emanzipierten und fortschrittlichen Juden im Westen Europas in der Verantwortung für das Wohlergehen ihrer unterdrückten und in ihren Augen rückständigen Glaubensbrüder und -schwestern in den östlichen Ländern, auf dem Balkan und im Orient, hier speziell in Palästina, zu sorgen. Der Emanzipationsprozess der Juden in den westlichen Ländern Europas orientierte sich im Zuge ihrer rechtlichen Gleichstellung und ihrer bürgerlich liberalen Assimilation, vornehmlich an den Werten der Aufklärung und der Kultur und Sprache der jeweiligen Heimatländer, jedoch ohne grundsätzliche Aufgabe der religiösen Bindung und der Zugehörigkeit zum Judentum. In scharfem Kontrast dazu lebten die sogenannten Ostjuden in Ländern wie Russland, Rumänien und Teilen der asiatischen Türkei als Menschen ohne jegliche Bürgerrechte. Björn Siegel bezeichnet diesen Ost-West-Gegensatz als eine „Emanzipationslinie“1. _______________ 1. Siegel: 2010, S. 52 12

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Er schreibt: „Die Kulturgrenze in Europa war dabei durch die Ostgrenzen der österreichisch-ungarischen und der deutsch-preußischen Monarchie bestimmt, wodurch Russland, Rumänien und das Osmanische Reich zu rückständigen und unzivilisierten Staaten deklassiert wurden.“2 Es war neben den zunehmenden Bedrohungen durch Pogrome seit den 1880er Jahren vor allem diese Auffassung, die zur Gründung mehrerer jüdischer Wohlfahrtsorganisationen im Westen Europas führte, um den betroffenen Glaubensgenossen im Osten beizustehen. So entstanden im Westen Europas vier große jüdische Organisationen, die in ihren Zielen und ihrem Wirken sowie dem sie tragenden Personenkreis gewisse Analogien aufwiesen. Neben der „Alliance Israélite Universelle“ (AIU) in Frankreich, entstand die „Anglo Jewish Association (AJA), die „Israelitische Allianz zu Wien“ (IAzW) und der „Hilfsverein der Deutschen Juden“ (HdDJ). Vorreiter in diesem Ensemble war zweifellos die „Alliance Israélite Universelle“, die bereits am 17. Mai 1860 in Paris auf Initiative von Isaac Adolphe Cremieux, unter Beteiligung führender Köpfe des assimilierten französischen Judentums, gegründet wurde. Der universale Anspruch der AIU, als der ältesten der Hilfsorganisationen, äußerte sich neben der Namensgebung auch in dem Talmud entlehnten Bekenntnis: „Ganz Israel bürgt füreinander!“3 Die Gründung der „Anglo Jewish Association“ erfolgte 1871 in London, die der „Israelitischen Allianz zu Wien“ 1873; der „Hilfsverein der Deutschen Juden“ entstand erst 1901 in Berlin. Eine der Schnittmengen dieser vier großen europäisch-jüdischen Wohlfahrtsorganisationen zeigte sich u.a. bei den jeweiligen Gründungen. Die Gründerväter waren in der Regel Honoratioren, führende Persönlichkeiten des jüdisch bürgerlichen Establishments, vorwiegend, aber nicht ausschließlich, Anhänger des Reformjudentums. Analogien finden sich auch in den Vereinsstrukturen und den Zielsetzungen: So widmen sich die genannten Organisationen der Hilfe der bedrückten und Not leidenden Glaubensgenossen vorwiegend in Russland und Rumänien; alle investieren mit Hilfe einer westlichen Kultursprache in westeuropäisch orientierte Bildung, errichten und/oder subventionieren Schul- und Bildungseinrichtungen im Orient, dort besonders engagiert in Palästina, in Nordafrika und auf dem Balkan. Ben Sasson schreibt „Diese Organisationen wirkten im Geist der ursprünglichen Alliance und in enger Zusammenarbeit mit ihr“.4 Ziel dieser Arbeit soll es sein, die besondere Rolle des Hilfsvereins der Deutschen Juden in diesem Ensemble herauszuarbeiten und dabei der Frage _______________ 2. Siegel: S. 86f. 3. ebd., S. 45 4. Sasson 1992, S. 1043 13

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der Konzepte und Strategien seiner Bildungsarbeit nachzugehen, denen bisher wenig Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Der Titel der Arbeit „Überwindung von Armut durch Bildung“ ist einem Text von Paul Nathan entnommen, welcher zu den maßgeblichen Gründern des Hilfsvereins gehörte und bis zu seinem Tode 1927 der ‚Chefideologe’ und ‚Motor’ des Vorhabens war. Dieses Zitat von Nathan vermittelt das Selbstverständnis des Vereins, eben kein ‚reiner Hilfsverein’ im Sinne von caritativer Fürsorge für Notleidende zu sein, sondern eine Organisation, welche gewillt war, die Ursachen von Armut innerhalb der jüdischen Bevölkerung zu bekämpfen, welche neben antisemitisch motivierten Marginalisierungsprozessen auch in der mangelnden Bildung, vor allem aber in der zu begrenzten Berufsbildung gelegen haben. Der Zusammenhang von Armut und ‚Bildungsnotstand’ ist von den Gründern des Hilfsvereins klar erkannt und mit großem Engagement zum Hauptgegenstand ihrer Initiativen gemacht worden. Auch wenn das ‚Schulwerk’ des Hilfsvereins thematisch im Mittelpunkt dieser Arbeit steht, gerät aufgrund des spezifischen Zusammenhangs von Armut und Bildung auch der fürsorgerische Aspekt niemals aus dem Blick. Forschungsbefunde und Quellenlage Über die allgemeine und spezielle Geschichte der Juden in Deutschland, Europa und global ist ausgiebig geforscht und publiziert worden, und es besteht die Gefahr, sich in diesem umfassenden und facettenreichen Wissen zu verlieren. Marcus Pyka spricht im Hinblick auf die jüdische Geschichte von einer „mannigfaltigen Differenzierung, (…) deren Produktivität kaum mehr zu überblickende Mengen an Forschungsergebnissen und Publikationen hervorgebracht hat.“5 Eine Ausnahme stellt die Geschichte des Hilfsvereins der Deutschen Juden dar. Einschlägige Forschungsergebnisse zur Thematik, insbesondere zum Zeitraum vor der Gründung des Hilfsvereins und seiner Anfänge enthalten lediglich zwei Dissertationen jüngeren Datums: Eli Bar Chen: Weder Asiaten noch Orientalen (2005) Universität Tel Aviv; und Björn Siegel: Österreichisches Judentum zwischen Ost und West (2008) Ludwig-Maximilian-Universität, München. Damit sind gewisse Grundlagen geschaffen worden. Bar Chen weist allerdings in seiner Dissertation darauf hin, dass es zur Geschichte des Hilfsvereins der Deutschen Juden so gut wie keine umfassende Darstellung gibt. „Die Untersuchung von Moshe Rinott über den Hilfsverein ist die einzige Arbeit über diese deutsch-jüdische Organisation, und sie konzentriert sich hauptsächlich auf deren erzieherische Tätigkeit in Palästina“6 Den 1979 erschienenen Aufsatz von Isaiah Friedmann lässt Bar Chen unerwähnt.7 _______________ 5. Pyka, 2003, S. 46 6. Bar-Chen, 2005, S. 25 7. Friedman 1979 14

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Meine eigenen Forschungen haben bestätigt, dass es neben Rinott und Friedman, die sich jeweils auf die Zeit von 1901 bis 1918 beschränken und sich auch in diesem Zeitraum nur mit eingegrenzten Themenfeldern des Hilfsvereins befasst haben, in der einschlägigen Literatur nur passim den einen oder anderen Hinweis auf den Hilfsverein gibt. Aufgrund dieses Mangels an wissenschaftlichen Publikationen, kann die Geschichte des Hilfsvereins der Deutschen Juden nahezu als „terra incognita“ gelten, und es stellt sich die Frage nach dem Warum! Wegen der mageren Präsenz des Hilfsvereins in der wissenschaftlichen Literatur konnte ich – im engeren Zusammenhang – also lediglich auf die Arbeiten von Rinott und Friedman Bezug nehmen. Als primäre Quelle lagen mir allerdings nahezu vollständig alle Geschäfts- bzw. Jahresberichte von 1901 bis 1936/37 sowie diverse Korrespondenzblätter bis einschließlich 1938 vor. Dieses Material, das lange Zeit in Vergessenheit geraten war, hat sich als sehr reichhaltig und aussagekräftig erwiesen. Anhand des vorliegenden und ausgeschöpften Materials, sollte von einer archivalischen Arbeit gesprochen werden. Die bereits seit meiner Recherche an der Hebrew University in Jerusalem im Jahre 1971 in meinem Besitz befindlichen Kopien der Geschäfts- und Jahresberichte des Hilfsvereins, konnten aufgrund gezielter Nachfragen bei der „Wiener Library - Institute of Contemporary History in London, der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum, dem Jüdischen Museum in Berlin und der Germania Judaica in Köln noch vervollständigt werden. Die dem Hilfsverein und seinen Führungspersönlichkeiten gewidmeten Aussagen in Publikationen und Standardwerken etc. sind selbstverständlich in die Forschung mit eingeflossen. Eine hervorgehobene Rolle spielen dabei die Jahrbücher der Leo Baeck Institute, auf die ich im Institutum Judaicum Delitzschianum an der Westfälischen WilhelmsUniversität Münster zurückgreifen konnte. Zum Aufbau der Arbeit Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die durch den Hilfsverein der Deutschen Juden gegründeten und betriebenen sowie die subventionierten Schul- und Bildungseinrichtungen. Dieser Darstellung vorangestellt wird in Kapitel 1 ein kurzer geschichtlicher Abriss des Hilfsvereins, der dann in Kapitel 3 durch eine relativ umfangreiche Zusammenfassung der Geschäftsberichte von 1901 bis 1938 ergänzt wird. Der Bildungsarbeit des Hilfsvereins ist Kapitel 2 gewidmet. Es folgen ein Epilog, die Danksagungen, die Liste der Geschäfts- bzw. Jahresberichte, Korrespondenzblätter, das Literatur- und das Abküzungsverzeichnis. Das der Einleitung folgende Kapitel 1 gibt einen knappen, einführenden Überblick über die Arbeit und die Entwicklung des Hilfsvereins der Deutschen Juden als solchem. Hier hat sich eine chronologische Vorgehensweise als effektiv und zweckmäßig angeboten. 15

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