Tag des offenen Denkmals

 

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Flyer zum Tag des offenen Denkmals 2016 in Nauheim

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Heimat- und Museumsverein Nauheim e.V. Tag des „Offenen Denkmals“ Thema 2016: „Gemeinsam Denkmale erhalten“ Der Tag des offenen Denkmals am 11. September 2016 steht im Zeichen des gemeinschaft-lichen Handelns. Das Motto ist hochaktuell. In den vergangenen Jahrzehnten wuchs die Erkenntnis immer mehr, das baukulturelle Erbe sorgsam zu pflegen und zu erhalten. Das "alte" Rathaus ist so ein Beispiel und diente den Nauheimern von 1755 bis 1959 als Schule, Sitz des Bürgermeisters, der Verwaltung und als Tagungsort des Gemeinderates. Im Jahre 1959 bezog die Gemeinde Nauheim ein neues Rathaus in der Weingartenstraße. Das alte Rathaus am Heinrich-Kaul-Platz stand bis in die 80er Jahre leer und wurde nicht gerade sehr pfleglich und behutsam verwaltet. Teilweise diente es als Unterbringungs-möglichkeit für Obdachlose; lange Zeit jedoch nahm von dessen Existenz kaum jemand Notiz. Es wurde teilweise sogar zum „allgemeinen Ärgernis", sodass einige bereits seinen Abbruch forderten. Dank der Eintragung in das Denkmalbuch des Landes Hessen blieb das Haus jedoch von diesem Schicksal verschont. Verschiedene Meinungen in den gemeindlichen Gremien schwankten vom Verkauf an einen Privatmann bis hin zur Erhaltung im Sinne der Allgemeinheit. Inzwischen sind die Würfel längst gefallen. Das alte Rathaus wurde Ende 1984 mit erheblichem Kostenzuschuss des Landes Hessen aus dem Dorferneuerungsprogramm für die Öffentlichkeit erhalten. Die Gesamtkosten der Restaurierung betrugen (einschl. der Ingenieurhonorare) 464.625 Euro. Im Anschluss an diese Maßnahme wurde der Heinrich-KaulPlatz wieder mit Kopfsteinpflaster hergerichtet, was nochmals mit 147.565 Euro zu Buche schlug. Ab 1986 steht es seiner neuen Bestimmung als Begegnungsstätte für die Bürgerinnen und Bürger, als Betreuungseinrichtung für die Seniorenarbeit der Gemeinde Nauheim und für diverse andere öffentliche Nutzungen zur Verfügung.

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Nauheim hat sich ein Kleinod an erhaltenswerter Bausubstanz im alten Ortsbereich geschaffen. Hinzu kommt noch, dass verschiedene andere Hauseigentümer in Alt-Nauheim bereits mit gutem Beispiel vorangingen und ihre alten Häuser sanierten und renovierten. Seit Einführung der "Zivilehe" und der damit verbundenen ersten Trauung in Nauheim am 19. März 1876, haben ganze Generationen Nauheimer Bürgerinnen und Bürger im 1755 errichteten Rathaus, den Bund für das Leben geschlossen. Bedingt durch den Umzug der Verwaltung in das neue Rathaus in der Weingartenstraße, war die letzte Eheschließung in den alten Räumen am 20. Dezember 1958. Am 21. April 1995 wurde die Tradition, sich im "Historischen Rathaus" das Ja-Wort zu geben, wieder aufgegriffen. Im großen Raum des Obergeschosses wurde das Trauzimmer der Gemeinde Nauheim eingerichtet. Das neue Ambiente findet regen Zuspruch bei den heiratswilligen Paaren. Die erste Trauung wurde von Bürgermeister Helmut Fischer vollzogen. Tagsüber werden die Räume des Rathauses von der Volkshochschule für Kurse genutzt. Viele Vereine, aber auch Private, nutzen das historische Rathaus und den Hof für Feste und private Veranstaltungen. Am 29.9.2015 wurde im Rahmen einer beschränkten Ausschreibung eine ortsansässige Malerfirma beauftragt, die Fassadensanierung für rund 30.000 € durchzuführen. Fachwerkbau Im deutschen Fachwerkbau unterscheidet man die drei Stilgruppen des niedersächsischen, alemannischen und fränkischen Fachwerks. Die Fachwerkbauten Hessens gehören überwiegend dem fränkischen Stil an, der sich von Thüringen bis zu Nahe, Mosel und Sieg und vom Neckar bis zu Diemel und Werra erstreckt. Die Fachwerkbauten sind häufig mit Ornamenten oder figuralen Schnitzereien, vor allem an den Eckständern, versehen und mehrfarbig bemalt. Nicht selten sind aber auch Türen, Brüstungen oder Rähmbalken verziert. Fachwerkbauten sind Skelettkonstruktionen und alle statisch wirksamen Kräfte werden durch die Fachwerkstäbe abgeleitet, so dass die Ausfachungen statisch unwirksam bleiben. Zu unterscheiden sind der Ständerbau bis 1400, bei dem die Ständer ein- oder mehrgeschossig durchgehend, schwellenlos auf Fundamentplatten gestellt wurden und nachfolgend der Rähmbau. Dieser zeichnet sich durch wandgroße Rahmen und die konstruktive Trennung der einzelnen Stockwerke aus. In einem Fachwerk hat das Holzgefüge allein alle statischen und konstruktiven Funktionen zu erfüllen. Die verwendeten Holzarten - in erster Linie Eiche, Fichte und Tanne - haben ausgeglichene Druck-, Zug- und 2

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Biegefestigkeiten. Holz ist dazu leicht, das heißt, die Eigengewichte der Bauten sind gering, und Holz lässt sich auch leicht bearbeiten. Die wandund raumab-schließenden Gefache aus Stakung und Strohlehm sind ebenfalls leicht und haben ausreichend hohe mechanische Festigkeit. Die Ausdehnungskoeffizienten der Materialien Holz, Lehm und Stroh liegen so nah beieinander, dass keine Schäden aufgrund unterschiedlicher thermischer Bewegungen entstehen. Holz und Strohlehm haben geringe Wärmedurchgangswerte und zählen deshalb grundsätzlich zu den gut wärmedämmenden Materialien, wenngleich sie den heute bestehenden Energieeinsparerfordernissen oft nur mit zusätzlichen Maßnahmen gerecht werden können. Weiter nehmen Holz und Strohlehm Feuchte leicht auf und geben diese auch schneller wieder ab, das heißt, die beiden Baustoffe tragen entscheidend zu einem angenehmen gesunden und ausgeglichenen Raumklima bei. Die Dachziegeldeckung löste erst im Laufe des 19. Jahrhunderts die Strohund Rieddeckung (oder Reetdeckung) ab, da die Ziegel für den Großteil der Landbevölkerung zu kostspielig waren. Gleiches gilt auch für die Benutzung des Back- oder Ziegelsteines, der auf dem Lande, im Gegensatz zur Stadt, die Fachwerkbauweise kaum verdrängen konnte. Demzufolge war der Ziegler mit dem Absatz seiner Produkte, die überwiegend auf dem Lande hergestellt wurden, mehr auf die Stadt angewiesen, da dort Bürger seit dem 15. Jahrhundert sowohl aus prak-tischen Gründen (Brandschutz) als auch aus Prestige (Ansehen und Wohlhabenheit der Bewohner) ihre Häuser im Backsteinbau errichten ließen. Dachziegel wurden in der Regel mit Holzformen (Pfannenformen) hergestellt. Der Feierabendziegel war der zuletzt geformte Ziegel eines Arbeitstages. Der Tradition folgend wurde dieser Ziegel mit Datum, Ortsnamen, Namen des Zieglers oder einem Spruch versehen. Die Inschriften wurden vor dem Brand in den noch weichen Ton geritzt und durch Farbe hervorgehoben. Das erste alte Nauheimer Rathaus von 1588 Im Jahre 1588 bestand Nauheim nur aus der Vorderstraße mit drei Seitengässchen: die „Schustereck“, „Hollereck“ und eine weitere Gasse. 3

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An diesen „Gemeinen Gassen“, so die Benennung damals, lagen etwa 20 heute nachweisbare Hofreiten. Auf den Hofreiten gab es wohl stets eine Scheune und ein oder auch mehrere einfache Stallgebäude. Die westlichen Grundstücke der Vorderstraße reichten mit ihren Hausgärten noch bis zur heutigen Hintergasse, die nur ein Fußweg zu den längs der Schwarzbach liegenden Grabgärten war. Auch die Pfarrgasse war ein solcher Weg entlang der nordöstlichsten Vorderstraßen-Hofreite und den nördlich davon liegenden Gartengrundstücken. Der Bereich des heutigen Heinrich-KaulPlatzes war Weide mit Weed — Dorfteich, Löschteich, Viehtränke und dem Dorfbrunnen nahe der Vorderstraße. Umfasst wurde das Bauerndorf von dem „Etterzaun“, einem Flechtwerkzaun, mit den beiden Dorftoren an den beiden Enden der Vorderstraße und dem Dorfgraben bzw. der Schwarzbach. Dorfkirche und Friedhof lagen in Richtung Trebur auf den sogenannten Kirchhügel. Die Mühle und eine Kirche im Ort gab es noch nicht. Einschließlich der Witwen bildeten 42 „Gemeinsleute“ 1588 die „Gemeinde“ von Nauheim. Zusammen mit ihren Familienangehörigen und den in den Hofreiten mitwohnenden Mägden, Knechten usw. hatte das Dorf wohl um die 200 Bewohner. Herr und Besitzer des Dorfes waren die Grafen von Isenburg-Büdingen, die absolute Gewalt über Gemarkung, Dorf und Bewohner ausübten. Es war wohl recht zeitig im Frühjahr 1588, als an die aus den 42 Gemeinsleuten gewählten zwei Bürgermeister die Anweisung der Herrschaft kam: „Baut ein Rathaus!“ Die Begeisterung kann nicht groß gewesen sein in Nauheim! Man hatte doch in der Hofreit 19 in der Vorderstraße das Spielhaus! Warum dann ein modisch-neues „Rathaus“ bauen, das doch auch keinen anderen Verwendungszweck hatte? Denn Baubefehl bedeutete auch, dass alle anfallenden Kosten von der Gemeinde zu begleichen seien. Die „Gemeinde“ aber waren die ca. 42 Gemeinsleute mit ihren privaten Geldbeuteln! Heute sog. „Öffentliche Zuschüsse“ von seiten der Herrschaft gab es allenfalls in Form von Naturalien, in diesem Falle als selbst einzuschlagendes Bauholz aus dem herrschaftlichen Wald. Ob die „Landeskinder“ Geld hatten oder es sich erst selbst leihen mussten, änderte an der Bauanweisung nichts! Dabei muss man wissen, dass aus den wenigen erhaltenen Archivalien hervorgeht, dass 32 der 42 Gemeinsleute Darlehen von der Nauheimer Kirchenkasse hatten, also verschuldet waren. Da Pfarrer und Schultheiß als Untergebene des Isenburger Grafen nicht schreiben durften und eine Schule in Nauheim noch nicht existierte, ließen sich die Nauheimer vom Königstädter Schulmeister eine Petition verfassen „der Graf möge ihnen doch den Bau des Rathauses erlassen“ und schickten einen Boten damit nach Wächtersbach ins Schloss. Die Bittschrift wurde abgelehnt, das Rathaus musste gebaut werden. Noch 1588 wurde der Zimmermeister Barthel Hilbert als Baumeister bestimmt, der den Bauplan anfertigte und vom Amtmann genehmigen ließ. Auch den Bauplatz besichtigte der Amtmann aus Langen und genehmigte ihn. Der Bauplatz war nur ein kleines Grundstück am westlichen Ende der Hofreit, 4

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auf der heute die Ev. Kirche, das Anwesen Graf und das Historische Rathaus stehen. Das kleine Baugrundstück muss schon vor 1500 von der Hofreit abgeteilt worden sein, war Gemeindebesitz und wohl mit dem gemeindlichen Hirtenhaus bebaut gewesen. Denn zwischen den Baukosten für das Rathaus gibt eine Einnahme von 3 Gulden „auß dem alten baw und geholtz gelößt. So uf dem blatz gestanden, do das Radthauß ist ufgeschlagen worden“. Das kann nicht mehr viel gewesen sein, wo doch der Amtmann bei der Platzbesichtigung mehr an Verzehrkosten erstattet bekam! Da der Platz so klein war, nahm man einfach ein Stück der davor liegenden Fläche mit in Anspruch und der damalige Eigentümer der anliegenden Hofreite, Andreas Dreyeicher, musste seine Scheune auf Gemeindekosten ein wenig kürzen lassen. So entstand der auf den Katasterplänen noch gut zu erkennende Rathausbauplatz, der nicht wie das Historische Rathaus heute zur Kreuzung Heinrich-Kaul-Platz / Schulstraße gerichtet ist, sondern auf den damaligen Ortseingang, die Pforte am Ende der Vorderstraße. Wer durch die Pforte kam, blickte frontal auf die schmucke Giebelseite des auf einem Eckplatz stehenden Rathauses, denn nebenbei war so die Hintergasse begründet worden. Wie sah das Rathaus aus? Die Bürgermeisterrechnungen zählen alle Ausgaben usw. für den Neubau auf, berichten aber nur ganz wenig und nur zufällig über das Aussehen. Um hier nicht mit lokalpatriotisch überdrehter Phantasie, sondern soweit möglich mit Fakten zu arbeiten, wurde die einzige Fachkraft betreff „Rathausbau um 1600“, Frau Dr. Irene Spille, „Unterer Denkmalschutz“ in Worms, um beratende Mithilfe gebeten. Die Größe kann man nur der Gemeindegröße entsprechend schätzen: etwas größer als Berkach, etwas kleiner als Groß-Gerau; in den Bauproportionen ähnlich dem Berkacher Rathaus (erbaut 1587). So wurde mit Frau Dr. Spilles Hilfe und Zustimmung zum Aussehen des Nauheimer Rathauses von 1588 folgendes Bild entworfen, das Richard Kellner, Nauheim, als Zeichnung zu Papier gebracht hat: Das Rathaus stand mit der Frontseite zur Pforte, mit der Längsseite zur späteren Hintergasse und war ohne Keller. Fundamente und Erdgeschoss waren aus Niersteiner Steinen („eine Schiffsladung“) gemauert. Das 5

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Erdgeschoss war völlig leer, mit Sandsteinplatten gepflastert und sehr offen. Giebelseitig gab es zwei Rundbogen. Die Anzahl der seitlichen ist nicht festlegbar. Erster Stock und der Dachgiebel (aufgeschlagen 1589) waren offen sichtbares Fachwerk. Das Dach selbst war mit Schiefer gedeckt und wurde von einem kleinen Türmchen mit den zwei aus der Jakobskapelle ins Dorf geholten Kirchenglocken gekrönt. Auf den beiden Giebelspitzen steckten „Blechknöpf“ und auf dem Türmchen eine „Wetterfahn“. Im ersten Stock waren zwei Räume. Die „Große Stube“ nach vorn und die „Kleine Stube“ nach hinten. Eine einfache und völlig offene Holztreppe führte an der Längsseite (Hintergasse) in den ersten Stock zu einer kleinen Diele, mit den Türen zu den beiden Stuben und zur Speicherstiege. Der Speicher selbst war leer, in späteren Jahren wurde er als Lagerraum gelegentlich genannt. Die Stuben waren nur mit einigen hölzernen Tischen und Bänken, sowie jeweils mit einem eisernen Ofen ausgestattet. Für die Öfen gab es einen zweizügigen Schornstein im Rathaus, der im ersten Stockwerk begann. Die Wände der Stuben waren verputzt, weiß gestrichen und vielleicht auch, der Mode der Zeit folgend, bunt bemalt. Fußboden und Decke waren aus Fichten oder Tannenholz („Floßholz“). Die Fenster hatten Glasscheiben und die frontseitigen Fenster der Großen Stube waren als sog. Fränkischer Erker ausgebildet. Außen war das Rathaus im Erdgeschoss weiß verputzt, die Gefache des Fachwerkbaues ebenfalls, das Gebälk aber dem Zeitgeist nach vermutlich farbig angelegt und mit Verzierungen bemalt. Bei den Baukosten wurden an Farben namentlich aufgeführt: weiß, schwarz, steinrot, rot, grün und Grünspan. Recherche: Harald Hock, Richard Kaul, Erwin Kaul Zeichnung: Richard Kellner – alle Nauheim 6

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Der Heimat- und Museumsverein erhielt vor Kurzem von einem Bürger Unterlagen aus dem Nachlass von Nauheims Alt-Bürgermeister Heinrich Kaul IV. Da „HK IV“, wie er auch genannt wurde, von diesem Rathaus aus seine Amtsgeschäfte führte, bot es sich an, am Tag des offenen Denkmals in diesem Rathaus auch einige Exponate aus diesem Nachlass auszustellen. Der Lebenslauf von „HK IV“ ist hier abgedruckt. Heinrich Kaul IV. Heinrich Kaul IV. hat große Wertschätzung für sein jahrzehntelanges unermüdliches Wirken in unserer Gemeinde verdient. Er war ein Visionär, der schon sehr frühzeitig und trotz aller Widerstände vor Ort über den Tellerrand schaute, mit großem Weitblick die Entwicklung seiner Gemeinde auch in zwei oder drei Jahrzehnten im Auge hatte und sein politisches Handeln daran ausrichtete. Mit Geduld, Ausdauer und einer gehörigen, nicht allen angenehmen Portion Hartnäckigkeit ausgestattet, war es immer sein Bestreben, nicht die erstbeste, sondern die wirklich beste aller möglichen Entscheidungen zu treffen. Heinrich Kaul IV. wurde am 17. August 1888 als Sohn des Polizeidieners Philipp Kaul VI. und von Margarethe, geb. Bärsch, in Nauheim, Waldstraße 18, geboren. Er war das dritte von vier Kindern, evangelischen Bekenntnisses und besuchte mit Erfolg die Volksschule von 1899 bis 1902. Seine Wehrdienstzeit absolvierte er als Musketier von 1909 bis 1910 bei der 7. Kompanie des InfanterieLeibregiment "Großherzogin" No. 117 in Mainz. In seinem Soldbuch ist er als kräftig, mit einer Größe von 1,65 m, schwarzhaarig mit dunklen Augen beschrieben. Er trug einen Schnurrbart. Wegen Blutarmut, einem Nervenleiden und allgemeiner Schwäche wurde er nach 230 Militärdiensttagen vorzeitig entlassen. Im 1. Weltkrieg diente er 1915 an der Westfront und wurde durch einen Schuss in die linke Hand verwundet. Nach einem Lazarettaufenthalt wurde er entlassen. Mit Fleiß und Sorgfalt arbeitete er sich nach seiner Wahl im Dezember 1919 in die vielfältige Materie ein, und dies als ehrenamtlicher Bürgermeister, der vorher nach seiner Lehre in der Bahnverwaltung als Eisenbahnassistent beschäftigt war, in den "Unterbeamtendienst" übernommen wurde und zusätzlich einen Landwirtschaftsbetrieb mit Spargel- und Obstanbau betrieb, dessen Erzeugnisse er bis ins Ruhrgebiet und ins Vogtland verkaufte. Am 3. April 1920 heiratete er Margaretha Vogel, geb. am 1.10.1892 in Nauheim und gest. am 12.8.1979 in Ginsheim-Gustavsburg.

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Weil er im sog. "Rhein- und Ruhrkrieg" passiven Widerstand leistete, wurde er 1923 kurzfristig von den französischen Besatzungstruppen ausgewiesen. Er siedelte nach Darmstadt-Eberstadt, Neue Darmstädter Straße 175, über. Kurz danach wurde er wieder zum ehrenamtlichen Bürgermeister ernannt. Er war jedoch nicht nur Bürgermeister in Nauheim, sondern gehörte auch in den 20er Jahren für die sozial-demokratische Partei dem Provinzialtag der Provinz Starkenburg an, engagierte sich demzufolge im überörtlichen Bereich. Er erwarb sich Fachwissen und Sachverstand für die vielen Probleme, die kurz nach dem 1. Weltkrieg in einer kleinen, vorwiegend bäuerlichen Gemeinde mit etwas über 2000 Einwohnern anstanden und er gewann in dieser Zeit viele Bekanntschaften in höheren Verwaltungsebenen, die ihm später sehr zustatten kommen sollten. Auch mit der neuen Form der politischen Mitbestimmung, nämlich der Demokratie, mussten sich die damaligen Gemeinderäte und der Bürgermeister erst einmal auseinandersetzen. Die Demokratie lebt von der Vielfalt der Meinungen und diese prallten auch schon in den zwanziger Jahren in Nauheim hart aufeinander. Waren die Gewichte damals auch anders gelagert, so herrschte doch so etwas wie Aufbruchstimmung in einem begrenzten Maße. Dieses Maß war gezeichnet von allgemeiner Armut, Inflation und auch den Repressionen durch die Siegermächte, die aus den Vereinbarungen des Versailler Vertrages herrührten. Ganz Lokalpatriot, versuchte er in den 20er Jahren landwirtschaftliche Nauheimer Erzeugnisse und vor allem Nauheim als von Waldungen umgebenes Ausflugsziel mit vielen Aktivitäten und auch über private Mitgliedschaften in damals sehr aktiven Reise-, Radfahr- und Wanderverbänden überörtlich bekannt zu machen. Da Nauheim bis nach dem 2. Weltkrieg immer noch sehr stark landwirtschaftlich und auf den Obstanbau orientiert war, sind viele der von Heinrich Kaul IV. eingeleiteten politischen Entscheidungen unter dieser Prämisse zu sehen. An erster Stelle stand die Einrichtung des Obst- und Gemüsemarktes, die Nauheim in diesen Jahren zu einem wichtigen Standort des Obst- und Gemüseanbaus, vor allem des Spargelbaus, in der Region werden ließ.

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Der Obst- und Gemüsemarkt war eine rein Nauheimer Erzeugergründung, um sich aus der "ausbeuterischen" Abhängigkeit, wie es zeitgenössisch hieß, der die Preise zu stark drückenden Obstaufkäufer und Händler zu befreien. In Groß-Gerau war die Starkenburger Obst- und Gemüseabsatzgenossenschaft (Stoga) ansässig; diese war überörtlich tätig und der Nauheimer Obst- und Gemüsemarkt Mitglied dort. Zwischen dem Stoga-Vorsitzenden Bernhard und Heinrich Kaul gab es jedoch unüberwindliche Hindernisse, auch um die Frage des Standortes einer Obst- und Gemüsehalle in Nauheim. Nach kurzem und heftigem Streit schieden die Nauheimer aus der Stoga aus und bauten ihre Halle in der Wilhelmstraße (heutige Carlo-Mierendorff-Straße) alleine. Bei den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen dieser Zeit ging der Alleingang der Nauheimer nicht lange gut. Der Obst- und Gemüsemarkt ging in Konkurs, die Gemeinde wurde Eigentümerin des ganzen Areals und die Mitglieder trugen den finanziellen Verlust eine hohe Bürde. 1934 kaufte die Stoga die Halle sehr günstig und hatte dann ihren Sitz in Nauheim. Ende der zwanziger Jahre dehnte sich der Ort in Richtung der heutigen Bleichstraße / Jahnstraße / Steinstraße aus, über der Bahn begann die Erschließung des Gebietes bis zur Landstraße Bischofsheim / Groß-Gerau, die Bebauung entlang der Königstädter Straße wurde erweitert. 1927 wurde die Halle der Sport- und Kulturvereinigung errichtet, 1929 die Wasserleitung gelegt. Es gab weitere Verbesserungen im Straßen- und Wegebau. Die Gemeinde legte den neuen Sportplatz an, es entstand ein Reitplatz und ein Schießstand. Der Waldfriedhof wurde in Betrieb genommen und schon in dieser Zeit, was für die Weitsichtigkeit von Heinrich Kaul spricht, gab es Überlegungen, den Straßenverkehr aus der Innerortslage auszulagern und eine Überführung der Bahnlinie in Höhe der heutigen Dresdener Straße zu bauen. Die Verhandlungen mit der damaligen Reichsbahn führten jedoch zu dem Ergebnis, dass die "Entscheidung späteren Generationen vorbehalten bleiben sollte". Wenn man die alten Urkunden sieht und gezielt im Archiv nachforscht, kann man feststellen, dass am Ende der zwanziger Jahre die positive Grundstimmung der Weimarer Zeit stark getrübt war durch die Arbeitslosigkeit, durch die Wohnungsnot, durch eine Polarisierung im politischen Bereich, die es einem ehrenamtlichen Bürgermeister nicht leicht machte, eine Verwaltung zu führen und für eine Gemeinde mit knapp 2300 Einwohnern Verantwortung zu tragen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten endete auch die Amtszeit des freigewählten Bürgermeisters Heinrich Kaul. Dieser Akt

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wurde vollzogen mit der lapidaren Mitteilung: "Der Herr Minister des Innern in Darmstadt hat durch Verfügung vom 9. Mai 1933 aufgrund des § 1 der Verordnung zur Sicherung der Verwaltung und der Gemeinden vom 20. März 1933 die Amtszeit des Bürgermeisters Kaul für beendet erklärt." Mit einem Federstrich wurde der demokratisch gewählte Bürgermeister aus dem Amt gejagt - die Bezüge wurden ihm gesperrt. Es folgte ein kommissarischer Bürgermeister, der damalige Beigeordnete Ackermann sowie zwei weitere von der NSDAP eingesetzte Bürgermeister mit sehr kurzer Amtszeit bis Ende Oktober 1935, bis dann als Statthalter der Nationalsozialisten Josef Ruckes das Amt des Bürgermeisters übernahm. In den Archiven sind bis 1941 noch Gemeinderatsprotokolle vorhanden, aus denen allerdings hervorgeht, dass der damalige Gemeinderat nur eine Alibifunktion hatte und am Ende jeden Protokolls die Floskel stand: ,,Ich, der Bürgermeister, habe nach Anhörung des Gemeinderats folgendes entschieden." Das nationalsozialistische System hat die Bereitschaft des Menschen, sich für die Allgemeinheit einzusetzen, manipuliert und missbraucht, das Vaterland zu einem Götzen gemacht, dem individuelles Glück, Freiheit und Recht nichts galten. Um so mehr war nach dem Scheitern dieses Systems die Notwendigkeit gegeben, echten Gemeinsinn, demokratisches Verständnis, Engagement und lnnovationskraft wieder herzustellen und demokratische Tugenden neu zu entdecken. Als Garant für diese Tugenden und als Mann der ersten Stunde übernahm Heinrich Kaul IV. mit der ihn auszeichnenden Tatkraft und Weitsicht von April 1945 bis Mitte Juli des gleichen Jahres kommissarisch das Amt des Bürgermeisters. Ihm folgten der evangelische Pfarrer Friedrich Daum für knapp zwei Monate und der, vom nationalsozialistischen System in Konzentrationslager und Gefängnis drangsalierte Fritz Förster, der von September 1945 bis Februar 1946 ebenfalls kommissarisch die Verwaltung leitete. Mit der Gemeindewahl im Jahr 1946 wurde Heinrich Kaul IV. vom ersten demokratischen Nachkriegs-Gemeinderat wiederum zum ehrenamtlichen Bürgermeister gewählt. Dieses Amt hatte er bis zum Juni 1948 inne. In dieser Zeit herrschte überall größte Not, viele Väter und Söhne waren im Krieg gefallen oder befanden sich noch in Gefangenschaft. Aber der kleinen, immer noch landwirtschaftlich orientierten Gemeinde mit etwas über 2700 Einwohnern, stand noch eine viel größere Belastungsprobe ins Haus. Nämlich ab dem Jahre 1946 kamen Tag für Tag Heimatvertriebene aus dem Erzgebirge und

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dem Egerland in Nauheim an. Sie hatten nur das Nötigste an Hab und Gut mitnehmen können, waren mittel- und obdachlos. Dies war eine außerordentlich große Herausforderung für die politisch Verantwortlichen in einer Gemeinde, in der selbst große Not herrschte. In der nachgeschichtlichen Betrachtung kann sicher nur erahnt werden, welche Schwierigkeiten die Unterbringung der Heimatvertriebenen bereitete. Heinrich Kaul IV. betrachtete diese sowohl für die Heimatvertriebenen als auch die hiesige Bevölkerung außerordentlich problematische Situation jedoch als Herausforderung und Chance, die Entwicklung Nauheims neu zu definieren, und zwar wiederum über den Tellerrand hinaus gesehen. Er erkannte trotz der Hungerjahre früh die schwindende Bedeutung der Landwirtschaft und die steigende der Industriebetriebe, speziell hier in diesem Moment als Standort der Musikindustrie und als Wohnsitzgemeinde - vor allem auch verbunden mit einem wirtschaftlichen Aufschwung. Wenn man sich vorstellt, dass in manchen Monaten fast täglich 200 Personen aus den Flüchtlingslagern im Nauheimer Rathaus anklopften und um ein Dach über dem Kopf nachsuchten, kann man sicherlich die verzweifelte Lage in etwa erahnen. Anstatt diese Menschen wegzuschicken oder weiterzuleiten, gewährte man ihnen jedoch Obdach - auch wenn es nur im Stall oder in der Scheune war oder wenn bei den ohnehin engen Wohnverhältnissen auch noch Zimmer abgeteilt wurden. Aus den Wortprotokollen der Gemeinderatssitzungen aus diesen Jahren, kann man erkennen, welche Probleme einerseits die Unterbringung bereitete, aber auch andererseits mit welchem Einfallsreichtum und unter Zurücksetzung eigener Interessen die Bürger diese Herausforderung annahmen. Heinrich Kaul IV. hatte zusammen mit dem Gemeinderat und der Verwaltung Lösungen zu finden. So wurde der Bürgermeister in dieser Zeit auch Reisender in Sachen Integration, indem er bei der in dieser Phase ohnehin noch nicht gut funktionierenden Ministerialverwaltung, beim Regierungspräsidium, beim Landratsamt Zuschüsse, man kann schon sagen, "erbettelte", indem er in kürzester Zeit einen Ortsbebauungsplan aus dem Boden stampfte, um Bauland für die Heimatvertriebenen zur Verfügung zu stellen und den Musikinstrumentenbauern Möglichkeiten bot, in Ställen, in alten Werkshallen, in Kellern und sogar in der Grundschule vorübergehende Werkstätten einzurichten. Er trieb die Baulandumlegung voran - und damals fragte keiner nach Ausgleichspflanzungen, Landschaftsplan o.ä. Vorschriften, die die

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