Mitgliederzeitschrift (89)

 

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www.gegen-vergessen.de 89 / Juni 2016 FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. FÜRGegeDn VEergMessenOKRATIE Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Integration im Dialog weitere Themen: ■ Umgang mit rechtspopulistischen Positionen ■ Trauer um Hans Koschnick

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Editorial Liebe Mitglieder von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., liebe Freundinnen und Freunde, am 4. Mai haben wir bei einer Trauerfeier im Bremer Dom Abschied genommen von Hans Koschnick, unserem Vorsitzenden der Jahre 2000 bis 2003, einem der großen Demokraten und Verständigungspolitiker unseres Landes, der für viele ein Vorbild an Selbstständigkeit, Mut und Zivilcourage ist. Wir würdigen ihn in diesem Heft, vor allem durch einen Beitrag des Historikers Wolfgang Eichwede und seiner Tochter Sonja, die mit Hans Koschnick sehr eng bei der Politik der Aussöhnung mit Polen zusammengearbeitet haben. Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. ist in diesen Zeiten in mehrfacher Weise herausgefordert. Ein bedeutsames Thema der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion ist die Integration von Flüchtlingen und Migranten. Wir fragen uns – im Vorstand wie in den Regionalgruppen, deren Sprecher sich im April in Pforzheim getroffen haben –, welchen Beitrag unser Verein zur Bewältigung dieser Aufgabe konzeptionell und praktisch leisten kann. Deshalb behandeln wir dieses Thema gleich in mehreren Beiträgen, die unter anderem fragen, was Gegen Vergessen – Für Demokratie in diesem Kontext heute heißen kann. Auch in diesem Heft gehen wir nicht am Fragenkomplex des Umgangs mit dem Rechtspopulismus vorbei, dessen Anwachsen bei Wahlen und Umfragen vielen von uns Sorgen macht und Fragen an die anderen Parteien, an die Zivilgesellschaft und nicht zuletzt an die politische Bildung entstehen lässt. Dass angesichts der hohen Komplexität politischer Prozesse simple eindimensionale Lösungen nicht funktionieren, gehört zu den Einsichten, die politische Bildung vermitteln kann. Zugleich aber hat sie zum Begreifen der Politik beizutragen und zu Engagement zu motivieren. Das Heft enthält zudem Berichte aus der Arbeit von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. sowie Auszüge aus Rafik Schamis Essay „Mosaik der Fremde“, das uns unser Preisträger von 2011 für den Abdruck zur Verfügung gestellt hat, wofür wir herzlich danken. Mit den besten Grüßen Ihr / Euer Bernd Faulenbach IMPRESSUM Herausgegeben von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., Stauffenbergstraße 13-14, 10785 Berlin Telefon (0 30) 26 39 78-3, Telefax (0 30) 26 39 78-40, info@gegen-vergessen.de, www.gegen-vergessen.de Bankkonto: Sparkasse KölnBonn, Konto-Nr. 85 51 707, BLZ 370 501 98 Titelfoto: Steffi Schwanitz. Reden und zuhören, wissen und erfahren aus erster Hand. Die Initiative „Vielfalt statt Einfalt“ in Frankfurt / Oder bietet Workshops für Schulen an. Die Arbeitsergebnisse der Schülerinnen und Schüler werden anschließend im persönlichen Gespräch mit Geflüchteten reflektiert. Mehr Fotos auf den Seiten 4 – 6. Redaktion: Liane Czeremin, Julia Wolrab, Dr. Dennis Riffel, Dr. Michael Parak (V.i.S.d.P.) Gestaltung: Atanassow-Grafikdesign, Dresden Druck: B&W MEDIA-SERVICE Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH Die Herausgabe dieser Zeitschrift wurde gefördert durch das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Der Bezugspreis ist im Mitgliedsbeitrag enthalten. Namentlich gezeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. ISSN 2364-0251 2 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016

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Inhalt Inhaltsverzeichnis Die Themen in dieser Ausgabe Themen Integration im Dialog Einwandern in unsere Geschichte? Aktivitäten der RAG zu Pegida und zur Integration von Flüchtlingen Demokratie leben heißt, sie zu gestalten Interview: „Ran an die Bürger“ Rafik Schami: Mosaik der Fremde Politische Bildung: Plädoyer für einen demokratischen Umgang mit rechtspopulistischen Positionen Demokratie braucht Bürger, die Partei ergreifen Aus unserer Arbeit Im Zeitalter der Verunsicherung Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. im Bündnis für Solidarität mit den Sinti und Roma Europas Entdeckte Spuren – Von Flandern nach Tel Aviv RAG Münsterland: (K)Ein Ort der Humanität? RAG Rhein-Ruhr-West: Ein Blick zurück – als Blick nach vorn Sant’Anna di Stazzema: Ehrenbürgerschaft für Maren und Horst Westermann RAG Augsburg: Geschichte einer verlorenen Jugend – das Leben des René Dépretz RAG Rhein-Main: Wenn ich drei Wünsche hätte ... RAG Rhein-Main und RAG Südhessen: Besuch des Historischen Archivs der Commerzbank AG Herzlichen Glückwunsch! Dr. Alfred Geisel zum 85. Geburtstag RAG Augsburg-Schwaben stellt sich vor Namen und Nachrichten Zum Tode von Hans Koschnick Hans Koschnick – Botschafter einer neuen Welt Ehemaliger Schatzmeister Freiherr von Malsen-Tilborch gestorben 4 4 6 8 10 13 16 18 20 22 23 26 27 28 29 30 31 32 33 34 36 38 Rezensionen Ernst-Jürgen Walberg bespricht – eine Sammelrezension: Ich sehe immer den Menschen vor mir „Mich hat Auschwitz nie verlassen“ Und du bist nicht zurückgekommen Nach Auschwitz 39 In diesen albtraumhaften Tagen 42 Lodz im Zweiten Weltkrieg 43 Handschlag 44 Der verratene Verräter 45 Heimat 46 Impressum 2 Vorstand und Beirat 47 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016 3

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Thema Integration im Dialog Der Umgang mit Flüchtlingen hat die Teilnehmer der vergangenen Mitgliederversammlung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. in Duisburg im November 2015 in einer Podiumsdiskussion stark beschäftigt. Ein Punkt tauchte immer wieder auf: Nur mit Beteiligung und im respektvollen Dialog kann ein Zusammenhalt in der Gesellschaft gewährleistet werden. In der Diskussion berichtete der Beigeordnete, Thomas Krützberg, als Vertreter der Stadt Duisburg über Erfahrungen vor Ort in der Kommune. Der Vorsitzende Prof. Dr. Bernd Faulenbach und die Stellvertreter Dr. Imgard Schwaetzer und Eberhard Diepgen griffen in Redebeiträgen aktuelle Fragestellungen auf, etwa zur Geschichtsvermittlung, der Gleichberechtigung der Geschlechter oder dem Risiko neuer sozialer Brennpunkte durch aus dem Boden gestampfte großflächig angelegte Wohnungsbauprojekte. Der stellvertretende Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppen (RAG), Andreas Dickerboom, fasste die Aktivitäten der RAG zusammen. Für diese Zeitschrift haben Faulenbach und Dickerboom ihre Beiträge verschriftlicht und aktualisiert. Die Initiative „Vielfalt statt Einfalt“ aus Frankfurt/ Oder hat Fotos aus ihren Workshops zur Verfügung gestellt. Bernd Faulenbach Einwandern in unsere Geschichte? Zu den Zielen der Integrationspolitik Zurzeit wird in unserer Gesellschaft vielfältig über die Integration von Flüchtlingen und Migranten diskutiert. Dabei dominiert in der seriösen Diskussion inzwischen ein Integrationsbegriff, der Teilhabechancen ermöglichen will, doch nicht die völlige „Assimilation“ von den Menschen verlangt, die zu uns gekommen sind. Andererseits kommen wir nicht an der Einsicht vorbei, dass die Integration von diesen Menschen eine Orientierung an der Mehrheitsgesellschaft und beachtliche Anpassungsleistungen erfordert. Dies bedeutet, dass sich Staat und Gesellschaft – über die Sprachvermittlung und notwendige berufliche Qualifizierung hinaus – über ihre Integrationsziele verständigen müssen. Was ist uns in diesem Kontext bedeutsam – im Hinblick auf Wertorientierungen und Geschichtsbewusstsein? Keine Frage, dass in Europa nach wie vor die politischen Kulturen und die Geschichtskulturen, die heute meist als Erinnerungskulturen definiert werden, in erheblichem Maße national geprägt sind, was sich in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten sogar verstärkt hat. Gewiss heißt dies nicht, dass sie in jeder Hinsicht unterschiedlich sind – in der Sicht von außen werden sogar manche Gemeinsamkeiten wahrgenommen. Auch stehen diese Kulturen inzwischen in einem verstärkten Austauschprozess; sie sind ein- ander in unserem Zeitalter globalisierter, intensivierter Kommunikation gleichsam näher gerückt. Einzuräumen ist ferner, dass sie keineswegs homogen sind, im Gegenteil – sie sind nicht frei von Widersprüchen (und dadurch bedingten Auseinandersetzungen) und verändern sich im historischen Prozess. Dennoch stehen die Wirkungsmächtigkeit der nationalen Kommunikationszusammenhänge und meist auch die Geltung bestimmter Kategorien, Wertorientierungen und historischer Grundüberzeugungen außer Zweifel, die unter anderem in Staatssymbolen und Monumenten zum Ausdruck kommen. 4 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016

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Thema Foto: Tobias Kleinod sche Exzeptionalität anzunehmen, die bei manchen einen politisch-moralischen Überlegenheitsanspruch in Europa zu konstituieren scheint. Diese Geschichte ist den Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns kom- men, zu vermitteln. Sie wandern in einen Prof. Dr. Bernd Faulenbach referierte in Duisburg über den Ansatz von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., mit den Herausforderungen in Hinsicht auf die Integration von Flüchtlingen umzugehen. Staat und eine Gesellschaft ein, die eine spezifische europäische Geschichte hat, die es zu erklären gilt und nach deren Be- Für das vereinte Deutschland unserer Tage Gedenken von Auschwitz gebe. Auf un- deutung für die Gegenwart zu fragen ist, bilden das Grundgesetz und das dahinter absehbare Zeit bleibt der Holocaust von auch wenn diese zweifellos durch neue stehende Wertesystem die weithin unan- herausragender Bedeutung in unserer Er- Probleme und Verhältnisse geprägt ist. gefochtene Grundlage unserer politisch- innerungskultur. Damit verknüpft sind die gesellschaftlichen Kultur. Dazu gehört Erfahrungen eines Vernichtungs- und Er- Allerdings ist diese Vermittlung wie der der Artikel 1 über die Würde des Men- oberungskrieges und seiner Rückwirkung gesamte Integrationsprozess nicht eine schen und der Grundrechtsteil, von dem auf Deutschland, auch Erfahrungen mit Sache von Jahren, sondern von Jahrzehn- wir freilich sagen müssen, dass er immer einem weiteren totalitären System, der ten, im Grunde von mehreren Generati- wieder neu interpretiert wird. Weiterhin kommunistischen Herrschaft. Von hierher onen. Die Formen sind deshalb offen zu gehören dazu die Gewaltenteilung, die wird ex negativo Demokratie begründet, gestalten; dialogisches Erinnern, in das demokratische Ordnung mit den Wah- die darüber hinaus eine längere Vorge- die Menschen aus ihrer bisherigen Welt len auf Zeit und dem Institutionenge- schichte und Geschichte hat, der wir uns Erfahrungen einbringen, kann dabei ein füge der Staatsorgane, nicht zuletzt die gegenwärtig verstärkt vergewissern, zu- Konzept sein. Rechts- und Sozialstaatlichkeit. Basis des mal wir wissen, dass Demokratie immer Grundgesetzes ist ein Wertesystem, das wieder neu durchgesetzt werden muss. Irrig ist es jedenfalls, die Geschichte zu nur vor dem Hintergrund der deutschen ethnisieren – etwa die Geschichte des Geschichte und der durch sie vermittelten Sicherlich ist die deutsche Geschichte Holocausts als Erfahrung nur der Men- Erfahrungen zu verstehen ist. ein Teil der europäischen Geschichte. Sie schen zu betrachten, die der traditionel- war stets mit ihr verflochten und ist auch len deutschen Kulturnation angehören. Deshalb ist ein Wissen über diese Ge- als solche zu vermitteln. Zugleich jedoch Der Holocaust und die anderen histori- schichte bzw. die daraus resultierende weist sie einige Besonderheiten auf. Von schen Erfahrungen bilden eine wesent- Erinnerungskultur ein wesentlicher Be- einem generellen deutschen Sonderweg liche Voraussetzung unseres Wertesys- standteil der deutschen politischen Kul- geht die heutige Diskussion nicht mehr tems, das im Grundgesetz manifest wird tur. Diesen müssen wir den Menschen aus. Zwar gibt es beispielsweise im Hin- und die Grundlage des demokratischen vermitteln, die mit uns zusammenleben blick auf die Frage des Umgangs mit Staates und der Zivilgesellschaft bildet. wollen. Von geradezu zentraler Bedeu- Fremden eine historisch erklärbare Be- Dieses Wertesystem ist nicht verhandel- tung sind dabei die Diktaturerfahrungen fangenheit, doch dies sollte nicht dazu bar und dies sollte auch klar formuliert des 20. Jahrhunderts, insbesondere der führen – wovor Jürgen Kocka und Hein- werden. Seine Anerkennung ist Ziel der Holocaust. Die Publizistin Carolin Emcke rich August Winkler warnen –, eine deut- Integration. ■ hat kürzlich in einer Kolumne in der Süd- deutschen Zeitung zu Recht formuliert, Prof. Dr. Bernd Faulenbach ist Vorsitzender von Gegen Vergessen – dass es „keine Halbwertzeit“ für das Für Demokratie e. V. Fotos: Steffi Schwanitz Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016 5

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Thema Foto: Tobias Kleinod Andreas Dickerboom Aktivitäten der RAG zu Pegida und zur Integration von Flüchtlingen Die Diskussion, angestoßen durch Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, und die Frage, wie wir mit Pegida umgehen, hat unsere Vereinigung nicht nur in Berlin, sondern auch in den Regionen sehr stark beschäftigt – so wie lange kein Thema zuvor. Das war auch beim Regionalsprechertreffen in Duisburg deutlich zu spüren. Wer die eindrucksvolle Sammlung der Jahresberichte der Regionalen Arbeitsgruppen vor Augen hat, stellt aber auch fest, dass sich dies noch nicht überall in konkreten Veranstaltungen niederschlägt. Das liegt mitnichten daran, dass mancherorts kein Interesse am Thema besteht, sondern ist eher ein Beleg dafür, dass zunächst ein intensiver Diskussionsprozess nötig war. Dieser Prozess hält weiterhin an. Dabei geht es auch um das Selbstverständnis der jeweiligen Regionalen Arbeitsgruppe. Viele von uns machen seit etlichen Jahren eine erfolgreiche und mit sehr viel Herzblut betriebene Arbeit zu den inhaltlichen Kernthemen der Vereini- gung – der Auseinandersetzung mit NSGeschichte und SED-Unrecht. Dies trägt eben auch zur Stärkung unserer Demokratie bei, denn damit zeigen wir ex negativo den Wert von Demokratie und wie wichtig es ist, immer wieder erneut dafür kämpfen zu müssen, dass sie nicht peu à peu ausgehöhlt wird. Und doch finden sich in den Berichten mannigfaltige Tätigkeiten von Regionalen Arbeitsgruppen zu dem Thema. Nicht wenige Arbeitsgruppen waren an Kundgebungen und Initiativen vor Ort gegen Pegida beteiligt, so zum Beispiel in Karlsruhe, München, Stuttgart, Gießen, Neumünster und Frankfurt. Ich denke, das sind gute Beispiele, weil sie durch ihren Netzwerkcharakter einen sinnvollen Weg aufweisen, den die RAG beschreiten können und sollten. Weitere Beispiele, von denen ich in der Kürze der Zeit nur zwei nennen kann, zeigen kreative Möglichkeiten, sich mit Migration auseinanderzusetzen. In Berlin Best practice in Frankfurt / Oder: Die Fotos wurden zur Verfügung gestellt von der Initiative „Vielfalt statt Einfalt“. In dem Projekt bringen Flüchtlinge ihre eigenen Erfahrungen ein und vermitteln in Schulworkshops den Kindern Wissen über Fluchtgründe und Migration. Die Schüler werden selbst gefragt: Was bedeutet für sie Sicherheit? Was würden sie mitnehmen, wenn sie fliehen müssten? Ein dialogischer Integrationsansatz, der auch in der Geschichtsvermittlung eine Rolle spielen sollte. www.vielfalt-statt-einfalt-frankfurt-oder.de Der stellvertretende Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppen (RAG) Andreas Dickerboom gab eine Übersicht über die lokalen Aktivitäten. fanden Gespräche mit Verantwortlichen des Rundfunks Berlin-Brandenburg statt. Dabei ging es um die Frage, wie Migration und Integration in der öffentlichrechtlichen Berichterstattung behandelt wird und ob die Medien ihrer besonderen Verantwortung gerecht werden. Im nordhessischen Volkmarsen behandelte ein Vortrag die Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert. Damals wanderten Deutsche aus wirtschaftlichen Gründen aus, Fotos: Steffi Schwanitz 6 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016

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Thema Foto: Tobias Kleinod Der Duisburger Beigeordnete Thomas Krützberg berichtete über die Situation in der Stadt und die dortige Herangehensweise bei der Unterbringung von Flüchtlingen. Sehr dankbar bin ich für die Stellungnahme unseres neuen Vorsitzenden Bernd Faulenbach, die auch konkrete Anregungen für die Arbeit vor Ort bietet. Unsere Arbeit darf sich nicht in Erinnerungsritualen erschöpfen, sondern sie muss Aufklärung betreiben und das Unsere zur Stärkung demokratischen und zivilgesellschaftlichen Engagements beitragen. Es ist auch die Frage nach politischer Integration der Menschen, die „in unsere Geschichte einwandern“ (Faulenbach), zu stellen. Hier können gerade die Regionalen Arbeitsgruppen wertvolle Arbeit leisten. ■ um anderswo ein besseres Leben zu finden – heute würden viele herabwertend von „Wirtschaftsflüchtlingen“ sprechen. Weitere Ideen für mögliche Anknüpfungspunkte ergaben sich in der Diskussion im Rahmen des Regionalsprechertreffens. Hervorgehoben wurde der spezifische historische Ansatz, mit dem wir uns dem Thema nähern sollten. So bietet das Thema „Flucht und Emigration nach 1933“ interessante Bezüge zur heutigen Situation. Es wurde aber auch deutlich, dass wir neue Formate finden müssen, um über und vor allem MIT den Flüchtlingen auf Augenhöhe zu sprechen. Auf welches Interesse solche Veranstaltungen treffen können, zeigte sich im Februar 2016 im völlig überfüllten Justus-Liebig-Haus in Darmstadt, als fünf syrische Flüchtlinge von ihren Fluchterfahrungen berichteten. Wichtig ist für mich, auf die Ursprünge unserer Vereinigung, die sich Anfang der 90er Jahre vor einem ähnlichen Hintergrund gegründet hatte, hinzuweisen. Die heutige Situation weist erschreckende Parallelen zu Hoyerswerda, Rostock- Lichtenhagen, Mölln und Solingen auf – daran sollten die Regionalen Arbeitsgruppen die Menschen in ihrer Arbeit vor Ort erinnern. Leider gerät im Zusammenhang mit terroristischen Anschlägen viel zu schnell in den Hintergrund, wie viele Anschläge auf Asylheime und Flüchtlingsunterkünfte verübt werden. Foto: Tobias Kleinod Elke Braun von der Regionalen Arbeitsgruppe Rhein-Ruhr-West veranschaulichte das Konzept des Duisburger Festes der Freiheit, das in regelmäßigen Abständen zum Verfassungstag am 23. Mai stattfindet und mit vielen inhaltlichen und feierlichen Programmpunkten eine positive Identifikation mit der Demokratie fördert. Die gesamte Ausrichtung und Organisation des Festes ist interkulturell geprägt und mit dem Veranstaltungsort in Duisburg-Hochfeld bewusst in einem traditionellen Arbeiterkiez angesiedelt, in dem viele Menschen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen leben. Andreas Dickerboom ist Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppe Rhein-Main sowie stellvertretender Sprecher aller Regionalen Arbeitsgruppen von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016 7

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Thema Foto: Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen Ekin Deligöz Demokratie leben heißt, sie zu gestalten Das Wort „Demokratie“ kann durch unterschiedliche Herangehensweisen definiert werden, zum Beispiel: politisch, soziologisch, kulturwissenschaftlich oder historisch. Sie alle eint der kleinste gemeinsame Nenner: Zur Demokratie gehört das politische Prinzip, nach dem das Volk durch freie Wahlen an der Machtausübung des Staates teilhat, sowie ein Regierungssystem, ein Staat mit demokratischer Verfassung, ein demokratisch regiertes Staatswesen und das Prinzip der freien und gleichberechtigten Willensbildung und Mitbestimmung in gesellschaftlichen Gruppen. Zwei Begriffe möchte ich aus dieser Aufzählung herausgreifen: 1. Teilhabe Wir definieren die Differenzen in unserer Gesellschaft immer weniger über soziologische Differenzen, stattdessen verwenden wir den Begriff der politischen und gesellschaftlichen Teilhabe. In der Armutsdebatte zum Beispiel ist die Bedeutung der Infrastruktur im Sozialstaat als ein Förderinstrument des sozialen Aufstiegs und Durchbrechung von vererbten Armutsstrukturen nicht nur in den wissenschaftlichen Ausarbeitungen, sondern auch längst in der Politik angekommen. 2. Staatswesen Damit die Teilhabeprozesse in gesellschaftlichen Strukturen gelingen, ist die Grundvoraussetzung dafür meines Erachtens ein funktionierendes Staatswesen und eine öffentliche Infrastruktur, mit dem Auftrag der Daseinsfürsorge. Damit Teilhabe und ein demokratisches Staatswesen wirken kann, ist es unabdingbar, die Veränderung der Zusammensetzung einer Gesellschaft in diesen Strukturen auch abzubilden, um die Teilhabe und deren Akzeptanz adäquat gewährleisten zu können. In der Praxis bedeutet das, dass wir unsere Strukturen im Staatswesen immer wieder auf die Frage der Gewährleistung von Teilhabe und Akzeptanz sowie die Funktionsfähigkeit überprüfen müssen. Sowohl die öffentliche Verwaltung als auch deren Repräsentation sind die Visitenkarten einer funktionierenden demokratischen Struktur. Am Beispiel der aktuellen Entwicklungen lässt sich das gut darstellen. Ekin Deligöz Deutschland verändert sich. Der demografische Wandel sowie die Zuwanderung durch Geflüchtete wird die Zusammensetzung dieser Gesellschaft in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stärker denn je verändern. Während der Anteil der älteren Menschen stetig wächst, wird der von Menschen im erwerbsfähigen Alter weiter absinken. Diese Tendenz wird auch durch neu Zugewanderte nicht umgekehrt, die Gesellschaft wird aber durch sie bunter und vielfältiger, als sie ohnehin schon ist. Dieser Entwicklung ist ein Auftrag an die Politik imminent: Sie hat die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Integration gelingt. Dabei gilt es, aus den Fehlern, die in früheren Zeiten bei der Einwanderung der „Gastarbeiter“ begangen wurden, zu lernen und es jetzt besser zu machen. Es hängt von einer gelungenen Integrationspolitik ab, ob die Kinder der Neuzuwanderer eine Chance im Leben erhalten, ob es gelingt, Konflikte in der Gesellschaft zu lösen oder zu vermeiden, ob das Zusammenleben aller funktioniert oder nicht. Eine gelungene Integrationspolitik forciert das Erlernen der Sprache, eröffnet Zugänge zu Bildung, ermittelt einen gemeinsamen Wertekanon und, nicht zuletzt, befähigt zur Erwerbstätigkeit und somit zur eigenen Existenzsicherung. Diese Faktoren sind allentscheidend dafür, dass auch neu Zugewanderte gesellschaftlich teilhaben können. Das ist auch das Fundament für ein gutes Miteinander, in der Nachbarschaft, im Ort, in den Arbeitsstätten, in den Kitas, Schulen und Vereinen. Damit dieses Fundament gefördert und erhalten bleibt, müssen wir in all diese Orte, in die soziale Infrastruktur, in die Träger unseres Staatswesens investieren. Eine gelungene Integration braucht soziale Infrastrukturen, das heißt Angebote und Dienstleistungen, die das notwendige Rüstzeug vermitteln. Diese Infrastruktur ist eine Grundvoraussetzung für das Gelingen von Integration, gestaltet aber noch kein Miteinander. Sie muss genutzt werden. Damit das wechselseitig gut gelingt, müssen jedoch insbesondere die Strukturen in den Infrastruktureinrichtungen mit den Veränderungen mitgehen und der gewachsenen gesellschaftlichen Vielfalt Rechnung tragen. Interkulturelle Kompetenz, Kenntnisse über Herkunftskulturen, biografische Gegebenheiten und nicht zuletzt ein Verständnis für die aktuelle gesellschaftliche Lage sind essentiell, damit die dortige Arbeit ihre Wirkung entfalten kann. Die öffentliche Infrastruktur muss 8 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016

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Foto: © Universität Osnabrück / Marco Ellermann / Polizeidirektion Quelle: Integrationsmonitoring der Länder 2011 Quelle: Statistisches Bundesamt / Foto: Dölling Thema 100 Anteil am öffentlichen Dienst 80 60 40 20 9,7 % 0 2005 10,4 % 2009 9,8 % 2011 Der Anteil der Berufstätigen mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst stagniert auf geringem Niveau. Neuere vergleichbare Zahlen gibt es derzeit nicht. Die Zahlen variieren auch in einzelnen Bundesländern stark (zum Beispiel Baden-Württemberg: 13,9 Prozent / Schleswig-Holstein: 6,4 Prozent). kompetent und verlässlich sein, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und zu erhalten. Es müssen daher unbedingt Menschen darin tätig sein, die in diesen Einrichtungen Brücken zwischen den Kulturen bauen und gestalten. Sie müssen in der Lage sein, Vorurteile abzubauen, und daran arbeiten, dass sie künftig vermieden werden. Und sie sollten glaubhaft und überzeugend unsere Werte vertreten und vermitteln. Wir brauchen Menschen, die selbst Migrationserfahrung haben, die in den Strukturen des öffentlichen Dienstes und der staatlichen Infrastrukturen (Mit-)  Verantwortung übernehmen. Es braucht Menschen mit Kenntnissen über die Hintergründe von Zuwanderung, Menschen, die die Grundlagen unserer Gesellschaftsordnung verstehen und vermitteln können. Soziale und kulturelle Kompetenzen spielen hierbei eine sehr große Rolle. Mehr solcher Personen wären auch wünschenswert in der Politik, in Vereinen und Verbänden oder auch in allen denkbaren Zusammenschlüssen der Zivilgesellschaft. Der Alltag sieht bisher aber ganz anders aus. Migrantinnen und Migranten sind in der Politik und Verwaltung noch immer eine Randerscheinung. Ihr Anteil in der Verwaltung und im öffentlichen Dienst ist ebenso noch sehr gering. Rund 16,4 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Dies entsprach im Jahr 2014 einem Bevölkerungsanteil von 20,3 Prozent. Die Mehrheit der Personen mit Migrationshintergrund hatte einen deutschen Pass (56,0 %). Gleichzeitig haben lediglich zwei Prozent der politischen Mandatsträger und Mandatsträgerinnen in deutschen Parlamenten einen Migrationshintergrund. Ihr Anteil liegt im Bereich der politischen Interessensvertretung also deutlich unter dem, den sie in der Bevölkerung haben. Zu einem Miteinander auf Augenhöhe gehört aber, dass sie politische Verantwortung übernehmen können und auch sollen. Deshalb sollten mehr Migrantinnen und Migranten die Chance bekommen, im öffentlichen Dienst, zum Beispiel in Rathäusern, Bürgerämtern und Ausländerbehörden beschäftigt zu werden. Gleichzeitig müssen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den sozialen Einrichtungen und Behörden für die Belange der Migrantinnen und Migranten durch Schulungen und Fortbildungen sensibilisiert werden. Außerdem sollten Migrantinnen und Migranten zur aktiven politischen Teilhabe durch Mentoren-Programme, Praktika und gezielte Ansprache ebenso wie zu Kandidaturen für politische Mandate ermuntert werden. Um die Vielfalt der Gesellschaft auch im öffentlichen Dienst widerzuspiegeln, sind Stipendien und Berufsförderprogramme für Migranten und Migrantinnen notwendig, um den Einstieg in den öffentlichen Dienst zu erleichtern. So kann beispielsweise die Anzahl der Polizisten und Polizistinnen mit Migrationshintergrund erhöht werden. Jede Kommune sollte eine/n Integrationsbeauftragte/n ernennen, die/der dafür verantwortlich ist, die Vernetzung und Koordinierung von haupt- und ehrenamtlicher Integrationsarbeit aufzubauen. Auf Bundesebene muss ein Integrationsministerium den Auftrag der Koordination der unterschiedlichen Behörden und Verantwortungsebenen und regelmäßiger Berichterstattung über Integration und Migration in Deutschland übernehmen. Auch das zivilgesellschaftliche Engagement braucht Orte, in denen es gelebt 100 Anteil an der Gesamtbevölkerung 80 60 40 20 20,3 % 0 2014 Demgegenüber besitzt mittlerweile ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund. werden kann, z. B. Frauencafés, Jugendtreffpunkte, Nachbarschafthäuser, MehrGenerationen-Häuser oder ehrenamtliche Netzwerke. Zudem müssen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Lehrerinnen und Lehrer und Erzieherinnen und Erzieher systematisch in ihrer interkulturellen Kompetenz geschult werden. Wir müssen in die soziale Infrastruktur jetzt investieren. Demokratie leben bedeutet, die Strukturen für die Gesellschaft zu öffnen und Möglichkeiten für eine Identifikation mit derselbigen zu schaffen. Wer sich in die Gesellschaft einbringen und so an ihr teilnehmen kann, verteidigt auch deren Regeln und akzeptiert ihre Bedingungen. Demokratie leben bedeutet auch immer die Verantwortung, sie zu gestalten. Dieser Verantwortung sollten wir uns stellen. ■ Ekin Deligöz ist Diplom-Verwaltungswissenschaftlerin, für Bündnis 90/Die Grünen Mitglied im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages und stellvertretende Vorsitzende von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016 9

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Thema Foto: privat/ © Carsten Saß Interview „Ran an die Bürger“ Best Practice: Unterbringung und Integration von Flüchtlingen in den Kommunen Carsten Saß (CDU) kümmert sich als Sozialdezernent im Landkreis Dahme-Spreewald in Brandenburg um die Unterbringung von Flüchtlingen – und wird dafür heftig attackiert. Sein offensiver Umgang mit Vorbehalten in der Bevölkerung und der beharrliche Ansatz, die Politik des Landkreises zu erklären, haben ihm aber auch viel Zustimmung unabhängig von Parteigrenzen eingebracht. Im Interview mit Markus Bauer spricht er über mühsame Aufklärungsarbeit und den Umgang mit Rechtspopulismus. Mit „Lügenbaron“ und „Dreckschwein“ wurden im Landratswahlkampf 2015 Ihre Plakate beschmiert, als Sie für den Posten des Landrats kandidierten. Starker Tobak – auch für jemanden, der politischen Streit gewohnt ist. Ja, daran erkennt man, wohin die Diskussion um die Flüchtlinge im Laufe des Jahres 2015 gedriftet ist. Es geht dabei oft nicht mehr um eine sachliche Debatte, sondern um Beleidigungen, Verleumdungen und um eine Verrohung der Sprache. Sie haben die Schmierereien damals mit Humor genommen und befreundete Künstler gebeten, die Wahlplakate umzugestalten. Hilft diese Form der Verarbeitung? Ja – aus drei Gründen: Auch in der Politik ist es wichtig, dass man seinen Humor nicht verliert, sich auch mal selbst nicht allzu ernst nimmt. Er hilft dabei, dass persönliche Angriffe wie diese nicht haften bleiben. Und Humor trägt gleichzeitig dazu bei, radikalisierten Personen den Spiegel vorzuhalten. Meist können sie nicht mit Humor und Satire umgehen. Einer der Künstler hat aus dem „Dreckschwein“ eine Cowboy-Silhouette gemalt und den Spruch drüber geschrieben: „Es kann nur einen geben.“ Letztlich hilft Humor auch dabei, wieder eine Diskussionsebene zu finden. Sie sind nicht Landrat geworden und landeten sogar noch hinter dem Kandidaten der AfD. Woran hat es gelegen? Darüber lässt sich nur spekulieren. Ich bin als Sozialdezernent in zwei Dutzend Einwohnerversammlungen aufgetreten und das Gesicht der Asylpolitik im Landkreis. Der Höhenflug der AfD durch gezielte Verstärkung der Ressentiments gegen diese Politik hat mir, der geduldig die Aufnahme von Flüchtlingen erklärte, Stimmen abspenstig gemacht. Und andere Wähler wiederum haben in so einer schwierigen Lage denjenigen gewählt, der ihnen am wenigsten risikoreich erschien, nämlich den Amtsinhaber, der ja dann auch gewann. Seit 2005 verantworten Sie die Unterbringung von Flüchtlingen. War die Aufgabe jemals so schwer wie heute? Was heißt schwer? Wir haben heute eine ganz andere, viel höhere Zahl an Flüchtlingen und müssen das Thema deshalb stärker in den Fokus nehmen. In den vergangenen Jahren war die Zahl verschwindend gering. Deshalb hatten wir kein Problem bei der Unterbringung, und die Flüchtlinge waren für die Bevölkerung kaum erkennbar. Da hatten andere Themen wie die Hartz-IV-Reformen deutlich Vorrang. Von welchen Zahlen sprechen wir? Insgesamt haben wir im Landkreis in den vergangenen Jahren etwa 2.500 Asylbewerber aufgenommen. Rechtspopulisten behaupten, Flüchtlinge führen zu Überfremdung und höherer Kriminalität. Stimmt das? Nein. Das ist doch ganz einfach zu belegen. Wir haben das bisher immer über eine nüchtern-sachliche Debatte versucht. Das war zwar 2013 wesentlich einfacher als heute, weil wir damals nur Carsten Saß, Sozialdezernent im Landkreis DahmeSpreewald. 200 Asylbewerber aufgenommen haben. Aber auch im Jahr 2015 sind 1.900 aufgenommene Asylbewerber in Relation zu unseren 161.000 Einwohnern nicht viel. Eigentlich müsste jeder nachvollziehen können, dass von jetzt insgesamt 2.200 Flüchtlingen keinerlei Überfremdungsgefahr ausgeht. Ebenso ist es bei der Kriminalitätshäufigkeit: Von 13.600 Delikten im Landkreis im Jahr 2015 gehen nur 177 Delikte auf das Konto von Flüchtlingen. Woher rühren dann die Vorurteile und Ängste? Das ist keine Frage von linker oder rechter Ideologie, sondern ganz banal die Angst oder ein Unwohlsein vor dem Unbekannten. Die Menschen fragen sich: „Was kommt da auf mich zu? Wer kommt da eigentlich? Welche Kulturen und Gewohnheiten bringen die mit?“ Die Ängs- 10 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016

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Thema Fotos: © Carsten Saß Im Wahlkampf wurden die Plakate des CDU-Kandidaten im großen Stil mit Beleidigungen beschmiert (links). Das Atelier Franck + Ascher in Lübben (www.hirnflug.de) verwandelte die Beleidigungen in Kunst (rechst). te und Vorurteile, so meine Erfahrung, sind dort am meisten verbreitet, wo direkte Berührungspunkte zwischen Einheimischen und Flüchtlingen am geringsten sind. Begegnung schafft Objektivierung. Wie bereiten Sie die Einheimischen darauf vor? Wir haben sehr viele Einwohnerversammlungen organisiert. Diese Versammlungen habe ich als ein Gemisch aus Interesse, Ängstlichkeit, aber auch Vorurteilen erlebt. Wichtig waren möglichst viele Gesprächskanäle in den Orten: zu Elternversammlungen in Kitas, zu Schülern, zu Gemeindekirchenräten und in die Vereine. Angeheizt werden Sorgen und Klischees von den Halbwahrheiten und Lügen der Rechtspopulisten. Die malen den Teufel marodierender Horden vom Westbalkan und einreisender IS-Terroristen an die Wand. Wie halten Sie dagegen? Wir lassen Fakten sprechen, die wir im täglichen Erleben vor Ort sammeln. Die da wären? Wir brauchen hier keine Diskussion über Köln, München oder Leipzig zu führen, sondern wir führen die Diskussion über Königs Wusterhausen und über den Spreewald. Menschen aus aller Herren Länder sind in unserem Straßenbild und im täglichen Leben erkennbar. Da stehen sie dann plötzlich an der Supermarktkasse – und anfangs gab es auch Berührungsängste. Aber die Einheimischen haben schnell gemerkt, dass die „Neuen“ sich ganz normal benehmen, wie du und ich. Die Ängste werden von der Realität ganz schnell widerlegt. Vieles, was die Menschen vorher umgetrieben hat, sind Phantomdiskussionen. Sobald die Gemeinschaftsunterkünfte belegt sind, enden die prophezeiten Ängste. Der ehrenamtliche Deutschlehrer hat Bewohnern aus der Gemeinschaftsunterkunft in Uckley das örtliche Heimatmuseum gezeigt. Haben Sie denn einen Ort wie Zützen nicht an die Belastungsgrenze geführt? Hier kommen 100 Asylbewerber auf 350 Einwohner. Nein. Es gibt zwar nach wie vor eine Bürgerinitiative, die sich radikalisiert hat. Aber die überwiegende Dorfbevölkerung ist da mittlerweile gelassen und integriert die Asylbewerber. Das ist nur eins von 18 Beispielen, wo das tägliche Zusammenleben funktioniert. Das Zusammenleben funktioniert also reibungslos? Natürlich nicht reibungslos. Jedes Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen, zumal bei fehlender Sprachkenntnis ist missverständnisgeneigt. Das Einsteigen in den Bus dauert plötzlich etwas länger, wenn mehr Menschen einsteigen, aber die Menschen haben Geduld. Einige Gemeinschaftsunterkünfte sind nicht so gut an die Buslinien angeschlossen. Bei den Sprachkursen achten wir darauf, dass auch die Frauen das Angebot nutzen. Den Männern sagen wir hier deutlich, dass wir das erwarten. Entscheidend ist, dass man miteinander redet! Was wünschen Sie sich vom Staat als Unterstützung? Der Staat muss mehr für Information bereits in Schulen unternehmen. Die Kinder und Jugendlichen lesen viel und oft Falsches auf Twitter und auf Facebook. Wir müssen mit ihnen in Kontakt treten und einen Abgleich mit der Wirklichkeit schaffen. Was ist dran am Gerücht? Was kann ich glauben? Der Staat darf sich die- ser Mühe nicht entziehen und dies auch » Foto: M. Liebsch 11Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016

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Thema Foto: M. Liebsch Ein Begegnungsabend in der Gemeinschaftsunterkunft Uckley in Königs Wusterhausen im Januar 2016, mit den Bewohnern und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern der Initiative „Willkommen in KW“. » nicht allein den Lehrern überhelfen. Wir dürfen unsere Kinder und Jugendlichen nicht alleine lassen. Auch deshalb bin ich schon oft in Schulen gegangen, um mit den Kindern und Jugendlichen zu diskutieren. Das erfordert einen hohen finanziellen und personellen Einsatz. Es erfordert vor allem Haltung. Auch wir im Landkreis entscheiden jedes Mal: Lohnt sich der zeitliche, personelle und finanzielle Aufwand? Es reicht nicht aus zu sagen: „Wir schaffen das!“ Man muss auch eigene Ressourcen bereitstellen und durch eine eigene Informationspolitik zu einer Objektivierung der Diskussion beitragen. Das muss eine Kernkompetenz des Staates sein. Wir dürfen das nicht den Rechtspopulisten überlassen. Hat der Staat den Bürger aus den Augen verloren? Die Frage ist, wie schaffen es Parteien und wie schafft es Politik, Bürgern schwierige Prozesse zu erklären. Wenn ein Bürger ein Gesetz nicht versteht, kann man dann erwarten, dass er es einhält? Bei schwierigen Prozessen wie der Flüchtlings- und Euro-Rettungspolitik erlebe ich, dass der Bürger auf schwierige Fragen einfache Antworten will. Die Politik darf sich dazu nicht verleiten lassen und muss den Bürgern auch komplexe, aber verständliche Antworten zumuten. Vom Bürger erwarte ich wiederum, dass er sich befleißigt, auch eine Din-A4-Seite zu lesen und nicht in einem Facebook-Post die Antwort auf alle Fragen zu suchen. Es heißt also: Ran an den Bürger. Das haben Staat und Parteien in den vergangenen Jahren vermissen lassen. Damit der Populismus nicht die Debatte bestimmt, muss die Aufnahme von Flüchtlingen aber auch erfolgreich organisiert werden. Sie haben mal gesagt, dass Konzepte dazu nicht taugen, sondern Flexibilität. Führt das nicht ins Chaos? Ich betrachte Konzepte deshalb skeptisch, weil sie eine Sicherheit vorgaukeln, die nicht existiert. Die Flüchtlingssituation hat sich beispielsweise im dritten und im vierten Quartal 2015 täglich und sogar mehrfach täglich geändert. Wenn man sich da auf ein Konzept zurückzieht, gerät man in die Gefahr, tägliche Entwicklungen nicht wahrzunehmen. Natürlich braucht man eine Strategie, wo es insge- samt hingehen soll. Eine solche Strategie haben wir auch. Aber dafür brauchen wir kein 50-seitiges Konzept, sondern täglich vollen Einsatz und die Möglichkeit, flexibel reagieren zu können. Welche Voraussetzungen brauchen Sie dafür? Wir brauchen möglichst verlässliche Zahlen und Prognosen, damit wir wissen, worauf wir uns vorbereiten müssen. Das fehlt für Brandenburg komplett. Wir brauchen sozialen Wohnungsbau – nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für unsere Bürger. Dafür brauchen wir Geld und Unterstützung vom Land. Außerdem brauchen wir jede Menge Ideen, eine flexible Verwaltung und Ehrenamtler, um die Integration zu schaffen: In Zützen kann beispielsweise nicht die Verwaltung einem Flüchtling erklären, wo Fußball gespielt werden darf und wann. Man muss auch nicht Pädagoge sein, um einen Sprachkurs zu geben, dennoch ist die Zertifizierungswut immer noch sehr ausgeprägt. Und wir brauchen tüchtige Unternehmer, die die Ärmel hochkrempeln und Flüchtlinge einstellen. Wenn alles zusammenkommt, gelingt Integration. ■ Markus Bauer ist Historiker, Redenschreiber im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie ehemaliger Journalist. 12 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016

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Foto: GVFD / Dr. Ulrich Mählert Thema Rafik Schami Mosaik der Fremde Der Schriftsteller Rafik Schami, „Gegen Vergessen – Für Demokratie“-Preisträger von 2011, hat seine Gedanken zu den Themen Integration und Fremdenhass in einem Essay gesammelt, der zuerst im Kölner Stadtanzeiger vom 2. April 2016 erschien. Mit freundlicher Genehmigung des Autors dokumentieren wir hier einzelne Mosaiksteine aus dem Beitrag: Ein Lächeln kann Gastfreundschaft sein April 2016. Ich stehe vor einem Regal im Supermarkt. Letzte Woche haben sie die Regale umgeordnet, und ich fühle mich verloren wie damals in der Wüste, als ich meinen Vater auf der Jagd begleitete und er und seine Freunde mich für ein paar Stunden allein ließen. Hier stehen Regale, aber weit und breit ist kein Berater zu sehen. Seit Jahren habe ich es aufgegeben, junge Mädchen, die in irgendeinem Supermarkt irgendein Praktikum machen, mit Fragen zu belästigen. „Kann ich Ihnen helfen?“, hörte ich hinter mir. Eine kleine alte Frau – bestimmt 80 – stützte sich auf ihren Einkaufswagen und lächelte mich an. Ihr Lächeln war eine Oase. Rafik Schami bei der Preisverleihung von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. 2011 in Bremen. Ich atmete erleichtert auf. „Danke“, sagte ich, „ich komme schon zurecht, aber herzlichen Dank.“ Ich streichelte verlegen ihre kleine Hand. Später an der Kasse winkten wir uns ein letztes Mal zu. „Haben Sie es gefunden?“, fragte sie laut. Ich hob die Dose mit den eingelegten Artischockenherzen und nickte. Ein Lächeln kann eine Gastfreundschaft sein, weil es das Fremde wegnimmt. Fremd im eigenen Land Ich weiß nicht, ob es immer so war oder ob es eine Folge der Nazi-Herrschaft ist, aber viele Deutsche haben eine gestörte Beziehung zu ihrem Land. Loben Sie ein griechisches Dorf einem Griechen gegen- über oder eine spanische Spezialität einem » Foto: Jan Schapira 13Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016

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Thema Foto: GVFD Rafik Schami bei der Verleihung des Preises Gegen Vergessen – Für Demokratie 2011 in Bremen mit Joachim Gauck. » Spanier gegenüber oder Damaskus mir gegenüber und Sie werden eine fast kindliche Freude auf den Gesichtern beobachten. Da ich seit 45 Jahren hier lebe und so viele Tourneen durch das Land gemacht habe, kenne ich Deutschland besser als viele Deutsche, und ich finde das Land faszinierend schön, vielfältig, einladend und reich an Sehenswürdigkeiten. Wenn ich davon aber einem Deutschen vorschwärme, schaut er sich manchmal verlegen um. Manche erröten sogar, wenn sie ein Lob über ihr Land hören, als hätte man ihnen etwas Unanständiges oder Peinliches erzählt. Ich liebe dieses Land, das mir eine Sprache und ein Zuhause gab. Ich liebe seine Schönheit, die mich fasziniert. Man kann ein Land auch lieben, ohne vor Stolz und Nationalismus zu platzen. Der Deutsche ist fremd im eigenen Land, nicht durch die Fremden ist er das geworden, sondern ohne sie und durch seine Geschichte. Deshalb besteht der erste Schritt der Integration eines Fremden in der Integration der Deutschen. Erst wenn sie ihr Land lieben, können sie den Fremden lieben. Hier sehe ich eine große Chance für die Deutschen, über die Fremden heimisch zu werden. Ich bin sicher, es wird ein langer Weg, und noch sicherer bin ich nach 45 Jahren Leben in Deutschland: Wer in diesem Land die Fremden hasst, hasst die Deutschen. Nicht Angsthaben ist eine Schande, sondern Angstmachen Eine Freundin liest mein Interview im „Kölner Stadt-Anzeiger“ und fragt per EMail, ob sie sich für ihre Angst vor Fremden schämen muss. Sie habe schlicht und einfach Angst vor den Flüchtlingen in ihrem Dorf. Ob die Angst vor dem Fremden (Xenophobie) dem Menschen angeboren oder dessen Erfindung ist, bleibt umstritten. Anders formuliert: Ob die Neugier auf alles Neue, Fremde oder deren Gegenteil, die Angst davor, als eine Art primitiver Überlebensreflex entscheidend ist, bleibt diskutabel. Aber sollte man Angst vor dem Fremden empfinden, ist das keine Sünde und schon gar nicht Rassismus. Man sollte darüber reden. Aber was meinen wir genau mit „dem Fremden“? Wir nehmen einen Menschen nicht als „Fremden“ wahr, weil er einen anderen Pass trägt, sondern weil er anders aussieht, spricht, sich verhält. Ein blonder Schwede wird in Deutschland seltener von Rassisten angegriffen als ein dunkelhaariger Deutscher. Diese Angst vor dem Fremden, die ein Mensch aus welchen Gründen auch immer empfindet, ist selbst kein Rassismus, aber jene, die – gestützt darauf – eine Stigmatisierung des Fremden, die Propagierung seiner Ausgrenzung und Vertreibung sowie die Gefährdung des Lebens dieser Fremden kaltblütig in Kauf nehmen, sind Rassisten. Wie machen sie das? Sie projizieren das Hässliche, Gemeine, Gefährliche, das ihnen geeignet erscheint, auf den Fremden. Nicht selten entspringt ein beachtlicher Teil davon ihrer Phantasie. Wenn all das nicht reicht, kommen sie mit Verschwörungstheorien, deren Folgen immer antisemitisch sind. Der hässliche Fremde wechselt je nach Land und Krise und je nach Verbot. Er war einst Jude, Sinti und Roma, Russe, später Amerikaner, Italiener, Türke, Pole, Araber und nun ist er der Muslim. Verbrecher sind Verbrecher Wie sehr sollte man bei einem Verbrechen, das ein Fremder begeht, Rücksicht auf dessen Herkunft nehmen? Gar keine! Begeht ein Fremder ein Verbrechen, muss sich die Justiz des Falls annehmen – nicht die Lynchrichter. Nicht anders, als wenn ein Deutscher ein Verbrechen begeht. Punkt, Ende! Eine Demokratie muss wehrhaft bleiben. Nur so schützt sie ihre freiheitliche Ordnung. Das bedeutet, mit aller Deutlichkeit dafür einzutreten, dass hier nur ein Gesetz gilt: das Gesetz der Bundesrepublik Deutschland. Aber was helfen Gesetze und Verordnungen, wenn sie nicht angewandt werden? Eine Parallelgesellschaft, wie sie bereits in manchen europäischen Städten existiert, ist kein Beweis der Stärke der Kriminellen oder Salafisten, sondern ein Beweis der Laschheit, der Korruption von Polizei und Justiz. 14 Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016

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Thema Die Tarnkappe Die professionellen Angstmacher gebrauchen die Islamophobie als Tarnkappe einer rassistischen Haltung. Der Zweck dieses Wortkonstrukts ist es, den Hass gegen den Fremden – neuerdings den Flüchtling, den Muslim – zu schüren. Unabhängig davon, ob dieser der ersten, der zweiten oder gar der dritten Generation von Einwanderern angehört oder seit 50 Jahren hier in Deutschland lebt und friedlich zur Zivilisation dieses Landes beiträgt, egal ob er in Gruben, am Fließband, in der Gebäudereinigung arbeitet oder Häuser entwirft oder baut, hinter oder vor der Kamera steht oder singt, malt, komponiert oder erzählt, auf der Bühne oder am Patientenbett tätig ist. Alle sind für den Hasser gesichtslose Muslime. Nun versetzen wir uns für nur fünf Minuten in die Seele eines friedlichen Menschen dieses Landes, der durch Zufall der muslimischen Minderheit angehört. Er bekommt nach all den Jahrzehnten die Ohrfeige der Diffamierung, ob durch eine dämliche Karikatur, die seinen Propheten mit einer Bombe im Turban darstellt, oder durch die Tiraden eines Thilo Sarrazin und dessen Verteidiger Udo Ulfkotte und Peter Sloterdijk. Durch die ständige Diffamierung der Muslime erhöhen die Hasser den Anteil der Muslime, die sich in diesem Land nicht akzeptiert fühlen. Es ist ein bitteres Gefühl, nach so vielen Jahren öffentlich diffamiert zu werden, ohne dass ein Richter Anklage gegen diejenigen erhebt, die die Hasstiraden von sich geben. Was bleibt einem isolierten Muslim, der nie Islamist war? Einigelung, Desinteresse an der deutschen Gesellschaft und Bereitschaft zur Aufnahme eines fundamentalistischen Gedankenguts, das ihm ziemlich kühl und pseudorational nahebringt, warum die Deutschen ihn hassen. Die Kopftücher sind weniger ein Erfolg der Fundamentalisten als ein Misserfolg unserer Gesellschaft, diese Minderheit zu schützen und zu integrieren. Über 20 Jahre trugen die türkischen und arabischen Frauen in Deutschland kein oder nur selten ein Kopftuch. Nicht der Fremde ist schuld an der Fremdenfeindlichkeit, sondern die, die auf seine noch nicht begangenen Fehler spekulieren. Wir könnten von unseren muslimischen Bürgern große Unterstützung bekommen, wenn es darum geht, den Flüchtlingen, die hier Asyl bekommen, bei ihrer Integration behilflich zu sein. Aber nein, das ist den alten Hetzern zu kompliziert. Fremde raus! Das ist ihre simple Überzeugung. Beide, der Hasser der Muslime und der Antisemit, streben ein Ziel an: die Ausgrenzung einer heterogenen Gruppe aus der bedrohten guten Gesellschaft, als handele es sich um eine böse Masse. Bei den Antisemiten diente der Talmud, bei den Hassern der Muslime der Koran als Zeuge der Boshaftigkeit. Warum ich eine besondere Antenne für Fremdenhasser habe Ich bin in einer historischen doppelten Minderheit geboren: Aramäer unter den Arabern und Christ unter den Muslimen, und durch mein Exil bin ich in eine dritte moderne Minderheit geraten: fremd in Deutschland. gelassen hat. Ich möchte, dass mir die Herren Sloterdijk, Safranski, Ulfkotte, Jirgl, Böckelmann & Co. ein christliches Gegenbeispiel zeigen. Sagen wir, eine französische Minderheit, die den Ersten Weltkrieg in Deutschland überlebt hat. Na, es gibt sie nicht? Schwer zu finden? Ein deutsches Viertel in oder ein deutsches Dorf nahe Moskau oder Leningrad? Auch nicht? Man muss nicht erst Herta Müller lesen, um zu erfahren, wie elend es den europäischen Minderheiten im und nach dem Krieg gegangen ist. Die Geschichte ist meine Zeugin. Was lernt der Angehörige einer historischen Minderheit von Kindesbeinen an? Er lernt, dass ein Menschenhasser ist, wer Fremde hasst. Und davon bringt ihn keiner weg, auch wenn er mit dieser Meinung allein dasteht. ■ Der Angehörige einer Mehrheit (sagen wir ein katholischer Italiener oder ein sunnitischer Syrer), der ins Exil gerät, sei es als Gastarbeiter, Exilant oder Flüchtling, bleibt eine lange Zeit wie blind, wie verwirrt in der neuen Umgebung. Die Übung der Jahrtausende hat er nicht. Der Angehörige einer historischen Minderheit fühlt sich schneller ein. Er wird sich z. B. nie mit Fremdenfeinden gegen die Fremden verbinden, es sei denn, sein Hirn hat sich in einen Haufen Kacke verwandelt. Meine Beobachtungen in 45 Jahren bestätigen das. Ich kenne einige traurige Fälle, deren Schilderung mich anwidert. © 2016 Rafik Schami Nicht die übertriebene Höflichkeit, sondern die Geschichte zwingt mich dazu, diejenigen Mehrheiten zu loben, die bei allen Problemen mit ihren Minderheiten gut umgegangen sind. Die Deutschen brauchen sich nicht zu verstecken. Seit über 50 Jahren leben sie zumindest friedlich mit ihren Minderheiten. Aber auch die muslimische Mehrheit in meinem Ursprungsland Syrien, die uns trotz 200 Jahre währender Kreuzzüge am Leben Der Schriftsteller Rafik Schami hat im Jahr 2011 in Bremen den Preis „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ entgegengenommen – in dem Jahr, in dem in seinem Herkunftsland Syrien der Bürgerkrieg ausbrach. Seitdem engagiert er sich mit eigenen Projekten für syrische Flüchtlinge in den Nachbarländern. Auch sein Preisgeld ging an Hilfsinitiativen für Syrien. Mehr Informationen dazu finden Sie auf der Seite www.schams.org. In einem weiteren Beitrag hat Rafik Schami zehn Ratschläge für Flüchtlinge in Deutschland zusammengetragen: http://t1p.de/ksta-rafikschami-Vorschlaege 15Gegen Vergessen – Für Demokratie | Nr. 89 / Juni 2016

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